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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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Monatshefte für Politik und 
Wehrmacht [auch Organ der , 



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Jahrbücher 



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leutsche Armee und Marine. 



Tersuhrortlicli geleitet 



TOD 



ObenUieiiteMiit a. D. 



Füntundsiebzigster Band. 

April bi^ Juni 1890. 



BERLIN. 

BICHABD WILHELM! 

1890. 



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Inhal ts-Verzeichuis. 

Seite 

I. Reiterskizzen ans dem amerikanischen Bürgerkriege. VonJ. Schei- 

bert, Major a. D 1 

II. Das \ValdK''f''c>'t- Von Pet ermann, Preinierlicutenant im In - 
fanterie-Regiment No. 120. (Fortsetzuntf) 10 

HL atnilipn Aber den Fftlddiengt Her französiarhen Kavallerift , . . 25 

IV. Die Bedeotung des Telegraphen f^r die Kriegführung im Allge - 

iiiciiien und tli** Di'fchlsortoiluni,^ im Besonderen 48 

V. hplgjpn und der niichnto Kric^^ . . . . . . 65 

VI. Die Italiener in Abeasinien 88 

VII. Erinnerungen aus dem Leben des Feldniarschalls Hermann v. Boyen 93 

VIII. Die Geschof3wirkung der neuen Kleinkaliber-Qewehre 102 

IX. ROckblicke auf die englisciio Marine im Jahre 1889. (Ans der 

..Tinte;»' Qberaetzt von Otto Ziiainer mann) 106 

X. ümschan in der Militlr-Litt^ratur : 

T Aiislii nilisrln' Zoitscliriften . , . . . - 114 

II. Bflcher . ■ 122 

III. Secwfst^n ■ ■ ■ ■ . ISfi 

IV. Verzeichnis der znr Resprt^cliung eingpgrtngt'iiPii Bücher . 139 

XI. Zur ISOj&hrigen Gedenkfeier der Thronbesteigung Friedricba des 

Grofaen 142 

Xn. Briefwechsel des Feldmarschall Graf Wrangel und des Prinzen 

Albrecht (Vater) Ton PreoJsen Aber AasbiUlujtg der Kavallerie . 168 

XIII. Zu Brialmont's ^.FestnngBgrnppen" 168 

XIV. Brialmont und die Festnngafrage. Von J. Scheiber t. Major z. D. 187 
XV. Das Waldgefecht. Von Peterniann, Premierlientenant im In - 

fanterie-Kegimeiit Nr. 120 i'Kortset/uiiKJ 191 



(RBCM^ 406375 



S»it> 



XVI. 


Rauchloses PhIvpt für die Feld-.\rtillprie. Von Layriz, Major 








213 


XVII. 


Die Schiffahrt anf dem Meer^ nnil dprpn (ie-fiilimn Vnn v IT 


«Ol/ 


XVIII. 


Umsrhau in dpr Militär- rattpratnr; 






X. i% U01<Ulul9^ UC /i^ 1 L>L III 1 1 l r^M 






II, Bt5c!)^r ... 


261 




III. St^ewesPii ... ... 


272 




IV, Verzeichnis der zur Besprechung eitj^fganKenen Bücher . 


27:) 


XII. 


Das KöDigrcich Rumänien und seine militar-politische Laee . . 


277 


XX. 


Das Waldgefecht Von Peterinann. Premierlieutenant im In- 






f,intorii'-Hc.,ri„„'nt Nr. 120. (Sohltifs) 




XXI. 


Vergleich de» russischen Infantcrio-Excrzit'r-liORleiiiPiitB mit dein 






Deutschen. Von Binde wald. Premierlieutenant im Infanterie- 






Rcpnu-nt Graf Kirrhhach 


296 


xxn. 


Über die Manitiuns-Ergänzung der Infanterie im Gefecht . . . 


316 


xxni. 


Stnilien Uber den Felddienst der französischen Kavallerie. (Fort- 










XXIV. 


Die Verordnung über die Feld -Verwaltung der russischen Armee 






im Kriege, vom 26. Februar (10. März) 1S90 


373 


XXV. 


Über den Kriegswert der Seeminen und Torpedos. Von v. R 


384 


XXVI. 




398 


XXVIL 


Uni.schau in der Milit.ir- Litteratur : 








413 




II. Bächer 


i22 






43f> 




rV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen B&cber 


438 



L ßeiterskizzen 

aus dem amerikaiiisclieii Büigeikriege. 

Von 

J. Hebel berty 



Wenn unsere deutsche Kavallerie, besonders seit dem Kriege 
1Ö70/71 so grofse Fort.«chrittp ^^macht hat, dafs die einstige Reiterei 
Stuarts, Hie doch stillest nti Cieuernl Carl v. Schmidt als Ideal einer 
Keitertrujipe hiüsttllte, von den Deut^ciieu besonders in der Kampf- 
form übertroÜeu ist, so bleiben doch du' Thateu einer Truppe, 
welche dnrch fast unanfhörliche vierjährige Thätigkeit im Felde 
bich eine Menge Erfahrangeu saininclte, selbst für deatöche Reiter- 
Offiziere lehrreich. Wenn die Thaten der Reiterei Stuarts durch 
das treffliche Buch von Heros v. Borcke hinreichend bekannt sein 
möchten, so ist dies wohl weniger der Fall mit den Kämpfen, welche 
nach jener Zeit, also in noch gereifterer Erfahrung von der con- 
foderierten Kavallerie geleistet worden sind. Durch neues Material, 
welches dem Schreiber dieses zugänglich gemacht wurde, ist derselbe 
befähigt, einige Züge aus dem Leben jenes Krieges zu geben, die 
bis dahin nicht gekannt waren. 

1. Reiterdienst im Jahre 1864. 

Der Reiter-(Jeneral V. Muuford giebt in einer höchst anziehenden 
Skizze eine Darstellung vom Dienste seiner Watte, der wir Folgendes 
entnehmen: >Ehe ich meine Er/Zahlungen beginne, luufs ich doch 
den Nicht - Kavalleristen eine kleine Idee von den Schwierigkeiten 
geben, mit welchen so ein armer Kavallerist zu kämpfen hat. 
Manche Fufssoldaten bilden sich ein, dafs es entzückend sei, so 
hoch zu Rob sich herumzntummeln, und das fröhliche Trompetsv- 
geschmetter zum »Sattelnc und zum »Vonrärtac eine erheiternde 



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2 



ReitcnkiiiMi mm dem amerikuiiidMn BQigerkzkg«. 



Episode sei; es anch recht lustitr ^ein müsse, ao kühn voran v.n 
r*4ten, um die eigentliche schwere Arbeit dem iui Schjnutüe nach- 
iTiarscliiereuden Fufsvolke zu überlassen. Aber die Sache sieht 
etwas findcrs bei Liebte aus. — Jeder conföderierte Reiter mufste 
ijicii l>ekanntlich selbst beritten machen nnd das Pferd mustern 
lassen, welches von nun ab der Regierung gehörte, die ihm 40 Mark 
monatb'ch ub/.ahlte und ihn aufserdeni mit Futter, Essen und Beschlag 
versah. Allein die Regierung hatte zwar den besten Willen, aber nur 
Gebete für uns, wie wir für sie; sie wollte uns helfen, aber konnte 
nicht, wie wir, die wir die Reiterei ja geschalfen hatten, am besten 
wufsten: wir lernten daher sehr bald, dafs wir hauptsächlich auf 
Selbsthülf*' angewiwjen waren, nuist auch in Re/.up: auf die Ver- 
pflegung. Hierbei lernten wir aber eine ebenso unuaistöfsliche wie 
bittere Wahrheit kennen, dafs nämlich der Soldat eine Menge 
Entbehrungen, selbst Hunger, ertragen kann, wenn nur seine 
moralischen Eigenschaften ihn guten Muts erhalten; dafs es aber 
anders mit dem Gaule ist. Dieser verliert Kraft und Mut, sobald 
er nicht hinreichend zu fressen hat und gerade die mutigsten Pferde 
leiden am Meisten onter Entbehrungen d^ Magens; die Sache wird 
dadoiüh nodi sehUmmer, dafs, wie dies oft gesohieht, gerade m 
aoleheE Zeiten die Anstrengungen verdoppelt werden mllieen« Im 
Lager können die Pferde allen&lle bei dem Gnafiitier leben, weloheB 
man im Sommer fiberall findet; aber im Felde gebranehen tie 
notwendig auch Mais. (In Amoika werden die Pftfde, da in den 
Saditaat«! Hafer eioe seltene Fhicht ist, fast nnr mit Hais ge- 
füttert.) Femer versagt' das beste nnd. kräftigste Pferd den Dienst, 
wenn es, anch nnr anf einem Hnfe, ohne Bsseklag einen halben 
Tag anf steinigen Stralsen einhergejagt wird. Nnn wurden die 
Kavalleristen aber vielfsch als Ordonnanaen, Kuriere, Scruts (snm 
Erknndignngsdienst) Ffihrer u. A. verwertet, nnd dabei unbedingt 
schndlste Beförderung verlangt, wobei der Mangel eines Eisens oft 
als faule Entsebnldigung galt Selbst wenn der Mann Nigel und 
Eisen bei sieh führte, fehlte oft der Bescblagscbmied, und wenn er, 
wie Yide, selbst das Beschlagen gelernt hatte, mangelte das Hand^ 
werksaeug. Da viele Expeditionen aber so sohneil sich bewegten, 
dafo die Wagen nieht folgen konnten, so fehlte wieder zu oft die 
Feldschmiede mit ihrem ersehnten Hufdoktor. Wie oft habe ich 
Leute gesehen, an deren Sfttteln ein ganzer Pferdehuf baumelte, 
welchen sie toten Rossen am Hacken abgeschnitten hatten, um das 
Eisen gelegentlich von kundiger Hand von demselben loereifsen au 
hwsen; besonders im Virginienthale hatten die Pferde anf den 



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Bcitntkinfn tut dam ■werHrwibdien Blig«lfi«s*. 3 



cbMutierten Stnüimi viel bu leiden. Es giebt wohl kaum einen 
Reiter, der den g^nsen Krieg mit einem Pferde darchgeraacht hätte, 
die meisten haben sogar eine grössere 2iahl derselben gebranidit. 
Bei Beginn des Krieges war es nicht schwer, ein Pferd zu bekommen, 
allein bald war die Nachfrage eine ebenso grosse wie die Abnahme, 
und es kostete ein fün^ähriges Gehalt, um sich ein solches zu 
erstehen. Die Regierung zahlte nur für wirklich in der Schlacht 
gebliebene Pferde, und selbst in diesem Falle dauerte es Wochen 
ja oft Monate, ehe die Papiere durch alle Instanzen der Bureaus 
gegangen und das Geld flüssig geworden war. Mancher passionierte 
Reiter versetzte sogar Haus und Hof, um sieb oinen Gaul m be- 
schaffen und war narh dem Kriege an die Luft gesetzt. Die 
Regierungen hatten keine rransportmittel und konnten unuiöcrlich 
die henmtergekunnnenen Ptcrdc^ (Inirh irische ersetzen. So z. B. 
konnte ein Kavallerist, di r la Öüd-CarohuH zu Hause und dessen Pferd 
am Potomric verwundet war, doch unmöglich das kranke Tier die 
4(K) Kilometer hintrr sich her schleppen, um zu Hause ein neues 
aufzutreiben; noch nachteiliger war es, das unbrauchbare Tier auf 
Kosten der Gesunden im Lager durchzufüttern. In «solchen Fällen 
war die Schreiberei liir die schon überlasteteu Stäbe eine unendlich 
langwierige Arbeit, doch nötig, nm den Leuten zu einem frischen 
Pferde zu verhelfen. Ein Drittel der Regimenter war in Folge 
dieser Srh\sMcnt^keiteu fast stets auf der Strafse, um sich Irisch zu 
remoütieren ; ein anderes Drittel war krank oder verwundet. Beim 
Feuergefecht war wieder ein Viertel der Mann-cli;dt nötig, um die 
Pferde der Abgesessenen zu halten, während noch ein Achtel die 
Gegend abzusuchen pflegte, um Futter für Rofs und Reiter auf- 
zutreiben. So kann sich der Kritiker der anderen Waffen leicht 
ansmalen, wie beschwerlich der Dienst bei der Reiterei war. Das 
Beste war, dals bei siegreichen Gefechten der Feind uns alhuiihlich 
mit Waffen und Pferden, — die letzteren waren den unsrigen 
allerdings an iuibse kaum vergleichbar — ausstattete. Su z,ugen 
wir bei Beginn des Krieges mit Vogelflinten ins Feld und mit 
Satteln und Zflgeln, die wohl zum Spazierreiten aber nicht für den 
Felddienst geeignet waren. Als wir um Ende des Krieges unsere 
Waffen niederlegen raufsten, waren wir dagegen in Bezug auf 
Kquipierung geradezu brillant ausgestattet; das Sattel- und Zaum- 
zeug war la Qualität, wir hatten Pistolen, Karabiner, Woylachs, 
wasserdichte Zeuge, Zelte und Kantinen, selbst die Geschirre für 
unsere Wagen aus ersten Fabriken, alle mit dem Stempel »U. S.< 
(d. h. der feindlichen Regieraug) versehen. Selbst die GeschQtze, 



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BflüenidsMii «o» d«ni amttikaniidien BOigirkriige. 



Munitionswagen, Feldscbmieden unserer reitenden Butt* n« n truiren 
alle jenes Zeichen auf ihrer Stirnp, ein Zeichen, welche Ükfolge wir 
im L^ufe des Krieges gehabt hatten. 

Aber doch hatte der Reiter anch schöne Stuiitlea, denn wer wird 
die liebliche Abendfanfare, wer die lustige Reveille vergessen? Wer 
die stniinischen Nächte, wenn die Vcdette stundenlang angesh lits 
des i't'iiide> zu Pferde safs, zitternd vor Frost, da die laubloseu 
Bäume kernen Schutz gegen den De/emberwind gaben? Wer das 
Wiehern nnd Nicken der Pferde, wenn der Reiter seine karge 
Zwieback-iüition mit der edlen Stute teilte? In jenen Stunden 
wurde das Metall der Reiterherzen auf seinen Gehalt geprüft und 
so gehartet, dafs die »Juugeus in blau« (die Feinde, die Yankees) 
uns w(;lil durch ihre Zahlen erdrücken konnten , dafs aber weder 
ihre Massen, noch ihre gute Besoldung, prächtige Kleidung und 
reichliche Verpflegung uns im offenen Gefechte besiegen oder uns 
aus dem Felde schlagen konnten.« 

2. Ein Morgen^ufs für General Kilpatrick. 

Es giebt wohl kaam (so schreibt ein amerikanischer Schrift- 
steller mit Recht*) einen militärischen Rahm, der auf schwächeren 
Füfsen steht, als der des Generals Sherman. In der öffentlichen 
Meinung figuriert er als der mächtige Eroberer, dessen Kriegszug 
durch Georgien und die Carolinas endgültig den Krieg entschied. 
Selbst in Reim und Lied ist dieser »Mai'sch« besungen worden; 
während mit nüchternem militärischem Auge besehen, die ganze 
Geschichte eine r>''nht wenig belangreiche war. Nachdem die letzte 
Armee, welche Slierman gegenüberstand, durch die überwältigenden 
Massen seiner Truppen bei Seite Lres<hobeii nnd fast vernichtet war, 
war bekanntlich kaum eine nennenswerte Truppe mehr vorhanden, 
welche ihm den Weg nach Osten verlegen konnte, so dafs allerdings 
kein nllzAi kühner Kntschlufs dazu gehörte, die Marschübuug von 
»Atlanta« bis zum »Atlantis« (Atlantischer Ozean) zn planen und 
auszuführen. Ja nur eine rege Phantasie konnte die vprlasst in n 
Opgeudeu mit Feiuden bevulkern, die einfach nicht vorhanden waren. 
Wie bekannt, ist dieser Marsch aufserdem durch eine systematische 
und grausame, weil vollständig nutzlose Plünderung und Verwüstung 
der Heimstätten der Staaten befleckt worden, durch welche die 
Horden Sherman's sclirittpu. Der Hauptheld der Zerstörung war 
der Generai Kilpatrick mit seinen Reitern. 

' *) VeiiflelelM aneh die JalirbOdier ftber Shematt't Ibiadi. 



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Bdt«rs1ciiMii aoa dtm uncrikanwdwii Blliger M egc. 5 

Erst in Süd-Carolina konnte Batler'Bseliwacho Brigade (800 Mann 
stark) der Armee Sberman^s en<^eg8Dgeschickt werden. Wenn diese 
schwache Schar auch den Vormarsch der 75,000 Mann starken 
Armee der ünionisten auch nicht aufhalten konnte, so hatte sie 
docli hei schneidiger Fahrnng die Möglichkeit und auch den Erfolg, 
plötzlich in die Kolonnen zu fahren, die Marodeure m zllch^en, 
die Feinde von OranBamkeiten abzahalten und manche Heimstätte 
an erhalten oder Greise wie alte Frauen, denn die Jugend war ein« 
gesogen, vor den Unbilden der Plauderer zu schützen. Natürlich 
war dieser Dienst ebenso aufreibend, wie voller Abenteuer und 
Aufregungen; hiiufig wurden dasn Hinterbalte gelegt und die 
VenrÖster auf Seitenw^n fiberrascht Der schönste Sport war 
immer das DiTrchsncben der eingefangenen Yankees, deren Taschen 
mit Geld. Juwelen, Uhren, selbst Altarkelchen gefällt waren, 
während auf deren Wagen sich das gestohlene Stückgut befand. 

»Ich kam« (so schreibt der Verfasser, ein junger Kurier aus 
Hntler's Stabe) »ganz verhungert und ermattet am Abende des 
1. Miirz 1865 zu meiner i3rigadc' zurück, die völlig marschbereit 
an einer Waldecke staTirl. Ich erfuhr, dafs man in der Nähe des 
Lagei's de.H Generals Kilpatrick liege, wo General Butler soeben 
bei strömenden Rof^pir eine feindliche stärkere Abteilung, Vorpostcn- 
Piket, anL'ftroffpii liaite, die er anrief und unerkannt weiter gchoa 
hiels. Ein Wink mit den Augen genügte seiner schwachen Eskorte, 
seine Absicht zu verstr'brn; sie zerstreute sich und fiel dann 
plötzlich über die Abteilung her, die, ohne einen Scho^B zu thun, 
eich cj'^^plj Ii III ufste. 

Weitere Krkundunc^en erfraben. dafs mit dem VVegfaugen dieser 
Abteilung: die ganze Flanke U^s Kavallerie-Lagers von Kilpatrick 
von Sichrrlit itawachen onil h [st sei. General Wade Hampton, der 
den Oberbefehl über die Kelterei hatte, wurde sofort benachrichtigt. 
Derselbe schickte einzelne abgesessene Leute die Strafse entlaug, 
die zum Lager führte. Dieselben schlichen sich vor und vers>ieckten 
sich in den seitlicht n Büschen, um etwaige Offiziere, welche die 
Vorpo^teulmie abpatrouillieren wollten, abzufangen, denn der General 
hatte die Absicht, beim Einbrechen des ersten Tageslichtes Herrn 
Kilpatrick eme Morgenuiubik zu bringen. 

Die kalte regnerische Nacht schien uns, die wir zwischen den 
müden Pferden auf der kothigen Strafse in dichten Haufen standen, 
kein Ende nehmen zu wollen: aber auch sie wich endlich dem 
Morgenschimmer und langsam folgten wir der Strafse nach dem 
Lager. Der B^n hatte zwar aufgehört, aber ein dichter Nebel 



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BtilinkiiHo tag dam uDfliikuiiicben BVigtrkriflg«. 



Terhüllie unseren Anmarsch. Die Vorhut wurde nun vorangeschickt 
und ging bis hart an das lijigor hinan. Dann sprach der tapfere 
Führer, der von Kopf bis zur Zehe eine der schönsten Reiter- 
prscheinuugen war, einige schneidif^e belobende Worte an die ihm 
unbedingt ergebene Truppe, wandte sein Pferd und rief dann: 
»Mir nach, im Galopp, Marsch, Marsch!« Wenige Augenblicke 
später wHfpn wir nntteu im Lager, wo Alles im Gefiüü der Sicherheit 
dpiTi Schlafe ergeben war, die geringen Lagerwachen und wenige 
Koche leisteten keinen Widerstand und die so rauh aus ihrem 
Schlummer geweckten Reiter rieben ihrf Augen und sahen ver- 
wilderten Blickes aus fl'-n Zeltlnken auf die trüben Morgenbesucher. 
Zuerst war die Sache unendlich komisch; doch allmählich wurdi; 
die immer zunehmende Zahl von Gefangenen, die wir zu schwach 
waren zu umzingeln, goradei^u unbehaglich. Bald vereinigten sie 
sich 7,u Knäueln und begannen »Schüsse mit uns auszutauschen, 
auch kam es hier und da zum Haiulgemenge. iiesonders lebhaft 
wurde die Scene au einem Hause, da» dicht mit angebundeneu 
Pferden umgeben war. Ein Mann sprang ans der Thüre, dann 
auf einen prächtigen Rappen und suchte mit demselben zu ent- 
kommen (es war Kilpatrick's Diener und »ein Leibrois) doch wurde 
er heruntergehauen. 

Während des hin und herwogcuden Kampfes kroch eine un- 
gewaschene Figur iu Hemd tuid Unterhosen leise ans einem Fenster, 
schwang sich, ohne uui das Gefecht sich zn kümmeru, auf eines der 
schnell losgeschnittenen Pferde und verschwand im Nebel uinl l'ulver- 
rauch, so schnell üiu tlie Beine seines Pferdes zu tragen vermochten. 
Fast Niemand bemerkte ihn, da mau auf bessere Leute hofi'te; nur 
ein Mann erkannte in dem Drückeberger den einst so ruhmredigen 
General und künftigen Politiker und gab heifse Jagd. Leider fiel 
dewen Pferd auf der schlüpfrigen Strafse und er hatte die traurige 
Gewißheit, dab ihm General Kilpatrick in eigener Person enfc- 
Bchlüpft sei. 

General Butler schwang seiner Gewohnheit gemÜe statt dee 
SÜmIs eine kleine Reitgerte, mit der er die einiehiett Scenen 
leitete, wie ein Mnsifcmeieter die Auffnhmngen seiner Kapelle. 
Man sagte von ihm, dals die Gewehrkugeln an seiner Hant ah- 
prallten nnd es eines .Zwölfpfänder-yollgesehoeses bedurft hfttte, 
xm ihm adn Bein zu serschmettero. Änch zeigte er hier dasselbe 
kalte Blut, wie hei früheren Gelegenheiten, als er einmal einem 
Knrier, der die Meldung von einem Obersten brachte, der Feind 



BntantnMM «ii dem amurikMiiiifihMi Bligviimg«. 



flankiere seine Truppe, lächelnd antwortete: »Sagea Sie dem Herrn 
Oberst, er möchte ihn wieder flankieren!« 

Ak der Kampf um das Haus noch tobte, entstieg demselben 
eine für diese wilde Gegend seltsame Erscheinung, nämlich eine 
aufgeputzte Dame, die weder Jungfer, noch Weib, noch Wittwe 
und nur dem Hauptquartier »attachiert« war. (Bei den sehr 
decenten Conföderierten allerdings eine unerhörte Sache.) Üa die 
Kngeln noch immer herumpfilfen, führte sie ein mitleidiger Reiter 
an einen Graben, in welchem sie dann ;iuch Deckung fand. Die 
conföderierten Gefangenen, welche fUr Fenid mit sich herum- 
geschleppt hatte, befreiten sich sofoii und liefen jauchzend ihren 
Befreiern etitge^en, leider erschlug durch ein Mifsverstäudnis hier- 
bei einer unserer Reiter »einen. Jbesten Freund, den er für einen 
angreifenden Yankee hielt. 

Bald war das ganze Lager in unseren Händen und nur wenige 
waren entkommen; die Meisten waren erschlagen oder gefangen. Die 
meisten unserer Leute safsen ab, um das Lager (gegen die nahe 
feindliche Intauterie) zu halten, bis die Pferde, Geschütze und 
Wagen in Sicherheit «gebracht oder zerstört wenli ii konnten. Leider 
war eine andere Abteilung unserer Kavullerie, weiche da.s Lager von 
einer anderen Seite augreifen sollt*», nicht erschienen, weil sie in 
total ungangbares Gelände geraten war. Nun aber begannen die 
entflohenen Reiter und die m der Nähe (»efindliche feindliche In- 
fanterie uns unangenehm auf den Leib zu riitiven. Dennoch bruchteu 
wir alles glücklich fort, obgleich unsere Gefangenen so stark waren, 
dafs wir fast unser ganzes Kuuimando zum bewueiieu derselben auf- 
li)S( IL mufsten; daö Wertvollste blieben aber die schönen Pferde, 
besonders drei prächtige Leibroase Kilpatrick's, welche sämtlich 
sicher in nnsere IJnien gebracht wurden. 

VViire dieses brillante Reiterstückchen in den ersten Jahren des 
Krieges geschehen, meint der Verfasser, so haUen die Ruhmes- 
trompeten dessen Geschichte über die gua/.e Welt verkündet; da 
es aber nur wenige Wochen vor dem Knde des Kiitges stattfand, so 
▼erklang der Bericht über die kühne That mitten in den allgemeinen 
schmerzlichen Ereignissen des letzten Aktes der Völkertragodie und 
wurde überhört. Der Schneid und die besonnene Art, mit welcher 
mitten unter überwältigenden Heerasmassen dieses kühne l'ntcr- 
nehmen von einer schwachen Brigade (Stärke eines deutschen Re- 
giments) ausgeführt wurde, ist aber doch wohl wert, der Nachwelt 
aufbewahrt zu werden, c 



8 



RtiieiiUiMii au dorn iintiikaiiiMdMii BBigwkiiqfft. 



3. Ein letztes Reiterstückchen ven Wade Hampten. 

Der schon in tler vorigen Ski>/j' i r wähnte brillante Reitert'ührer, 
General W. Hampton, war t iiist I)i iLraflo-Oouoral unter General 
J. E. R. Stuart und führte nach dessen Totle längere Zeit die 
Kavallorie-Division der Nord-Virginien-Armee ; derselbe ist später 
lange Zeit Gouverncnr von Süd-Carolina gewesen und noch heute 
einer der angesehensten Staatsmänner der Union. 

Der Krieg war im März 1865 seinem Ende nahe und Bhernian 
hatte die üafeuHtadt Wilinington in Nord-Carolina am Cape-Feare- 
F'lusse eingenommen, während die Beste der cou föderierten Armee 
sich til)er Fayetteville zurückzogen. Butler'« Kavallerie-Brigade 
fährte die Nachhut und der General ritt, nur von einer kleinen 
t^korte begleitet, allein in die Stadt Fayetteville hinein, in deren 
Nähe die einzige Brücke in jener Gegend über den Flufe führte. 
Ein Adjutant des Generals, der seit lange uichtü Warmes genossen 
hatte, nahm auf einige Minuten Urlaub, um zu versuchen in dem 
einrigen Hotel einen Imbifs zn erhalten. Derselbe erzählt Folgendes: 
Kaum hatte ich mich an den Tisch gesetzt, mein Pferd liaiti ich 
vor dem Hotel angebunden, als ich den Ton galoppierender Pferde 
vernahm. Da man damals nicht viel Achtung vor dem Eigentum 
hatte, lief ich hinaus, um mich zu versichern, dafs Pferd und Gepäck 
noch »all rightc seien. Beides war der Fall, aber meine Befriedigung 
darüber wurde sehr gedämpft, als mir der schwarze Hausknecht 
auf meine Frage, was denn los sei, erregt antwortete: »Sie sind 
eben um die Ecke, die Tankeesfc Richtig, da stand in der 
SeitenetnJae, etwa 60 Schritt von der Ecke entfernt, eine ganze 
Sehwadron feiadlidier Kavallerie in Sektionen aufmarschiert, da- 
durch aber waren wir von Brficke, über die wir binflbermoCBten, 
Töllig abgeschnitten i offimbar war auch die Schwadron nicht allein, 
sondern bildete nur den TeÜ einer grolseren Tmppe, bo dab seihet 
unsere ganze Division in Geiahr war, isoliert ni weiden, auch die 
wiehtige BrAcke, welche wir nach dem Übergange der Armee ser- 
stören sollten, dem Feinde zur Verfügung blieb. Die Lage war 
recht iatal. Da erschien plötslioh General W. Hampton und 
übersah mit einem Bliche die Situation; aufi^r mir brachte er noch 
schnell 7 KaTalleristen zusammen, setzte sich an die Spitw dieses 
]ffiinfleins und kommandierte mit lauter Stimme: Zur Attacke, 
Marsch — Marsch! Die Stirke der feindlichen Schwadron betrug 
zwar 75 Pferde, aber wir hatten jetzt nicht Zeit, die gegnerischen 
Nasen zn zählen. Ich hatte Hampton oft in schneidiger Erregung 



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Rritenkinoti «ob den «nwrihBiialiBD BVijgwkring«. 



9 



gesehen, aber bei dieser Gelegenheit sprühten seine Augen geradeso 
Feaer und sein angeborenes Genie alF F'ihrer zeigte sich bei dieser 
kleinen Gelegenheit im helltten Lichte, denn er rifs die wenigen 
Leute, welche ihm folgten, mit unwiderstehlicher Gewalt mit fort. 
Der Mangel an Zahl wurde unsererseits durch lautes Gellen und 
Pistolenschielsen ersetzt, während wir die wenigen Schritte die 
8tra(se entlang in rasender Gangart gegen den Feind anstürmten. 

Die Yankees, gegen die wir so anritten, waren mit Hinterladern 
bewaffnet, aus welchen sie eine Salve abgaben, die aber nnr eines 
unserer Pferde tötlich verwundete, welches aber so viel edles Blut 
hatte, dafs es den Reiter noch bis in die feindUchen Reihen trug, 
nnd dann erst völlig zmsaramenbrach. Die Feinde aber nahmen sich 
nach dem abgegebenen Schusse nicht Zeit, wieder zu laden, ja nicht 
einmal die Säbel ni ziehen, sondern machten schleunigst kehrt und 
flogen erschreckt in wildester Flucht davon und jagten mit dem 
Motto »den Letzten bcifsen die Hunde!« (was sie auch thaten) 
wie toll die Strafse hinab. Wir hatten unsere I'rvoher fallen ge- 
lassen und die Säbel gezogen, die nun miintt!« Krntc hielten. 
Nachdem dif Strafse etwa 1(X) Meter weit geführt hattf^. rweigtnn 
sich Landwege ab, nnd nun sjiroimtcti die Reit» i nach allen 
Seiten auseinander, so lüf«! die ^^'anze Jagd den l-indnick eines 
erschreckten Volkes von liebhiihneni machte, weit hcs von einzelnen 
Habichten verfolgt wird. Die gänzlich Eutkomnienden sah man 
noch am Horizont in verzweifelter Gangart verschwinden. Die 
Hauptsache war, dafs wir wieder in den Besitz der Brücke ge- 
langten nnd unsere Truppen sicher über dieselbe hinwegkamen. 
Dann wurde sie. wie befohlen, zerstört. Dieser wenn auch kleine 
doch glänzende Erfolg war nur der kaltblütigen Geistesgegenwart 
und dem schneidigen Mute eines Keiters zu danken. 



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IL Das ¥aldgefecht 



Petermulii) 

rMHlMllnlMil tm lilMiNte-aiiiHMft Mr. 110. 

(FortNttnng)*) 

II. 

Die Waldkämpfe in der Sehlacht bei Spichei^n am 

6« Ansäst 1870. 

Dir am Alipncl des 5. August vom zweiten französischen Corps 
iiezuj^ene bteliuüg tnsti eckte sich uach der Darstellung des (»eneral- 
stabs Werkes, welche hier zu Grande ^'elegt wird, im Allgeuieineo 
von der Saar südlich St. Arnual bis zur Eisenbahn zwischen Stiring — 
Wendel und Forbach, eine Front, welche fast in ihrer ganzen Au8- 
dphnnng durch die Spicherer Höhen ausgefüllt wird. Diese erheben 
sich als höhere Abstufung mit steilem und gröfstenteils be- 
waldeten Nordhange über dem unmittelbar süiihch der Saar 
gelegenen Abschnitte des Winter- Nafs-Repperts-Galgenberges und 
Exerzierplatzes. Nach Westen erscheint die Gegend zunächst iiacher 
und olien. Die lau ke zwischen dem Spicherer und Stiringer Wald, 
welche schon büdlich des Drathzuger Weihers durch das vorspringende 
Stiringer Waldstück auf 700 bis 800 Schritt lu-engt ist, wird weiter- 
hin durch den Ort Stiring — W^endel vullätünuig abgeschlossen. 
Weltlich der Forbach — Saarbrücker Eisenbahn und diese begleitend, 
dehnt sich bis zur Saar ein dicht bewaldeter Höhenzug aus, welcher 
nui auf Wegen zu ühcrscliieiten ist. Letztere finden sich zwar in 
hinreichender Zahl, siud aber steil aasteigeud und oft schluchtartig 
eiügeachüitten, — 



•) Vergl. »Jahrbficher**. Bd. LXZm.» Htft 1 ima S. 



Das Waldgefecht. 



11 



Von dem aus 3 Divisionen bestehenden II. französischen 
Corps, General Frossard, hatte die Division des Generals de La- 
veaucoupet ihr Lager auf den Höhen von Spicheren aufgeschlagen 
tind den nördlichen Vorsprung, den Roten Berg, auf welchem 
Schützengraben ausgehoben wurden, besetzt. Von der Division des 




Generals Verge stand eine Brigade (Jolivet) nordöstlich von Stiring— 
Wendel, die andere (Valaze) verblieb westlich Forbach zur Deckung 
der auf dem Bahnhofe angehäuften Vorräte. Die Division des 
Generals Bataille lagerte bei Ottingen; die Kavallerie-Division und 
die Artillerie-Reserve des Corps befanden sich bei Forbach. — 



12 



DftB WtMgefoehi 



I 



Das (^lelände, welches bei einem von der Saar her unterDotnnienen 
Angriff der Deutschen als Schlachtfeld in Bctruchi kam, bot den 
FranzoMn entschiedene Vorteile. Erreicht man nämlich ?on Saar- 
brücken ans die anmittelbar südlich anstoisenden Höhen, so hindern 
die Spicherer Berge und die ausgedehnten Waldangen jeden weiteren 
Einblick in die dahinter befindlichen Örtlichkeiten. Dagegen über- 
blickt man von der entgegengesetzten Seite aus fast unbeschränkt 
das Land nach Norden hin bis zur Saar; aufserdem gewährt auch 
der Kirchturm von Rtiring — Wendel freie Aussicht nach Nordosten 
bis zum Rpppertsberge. Nacht*^ilig hingegen waren einer Ver- 
teidigung der Spicliorer Höhen die umfangreichen VValduugen, 
welche sich um die Flügel und Flanken der Stellung lagerten. Zu 
ausgedehnt, um ganz in den Bereich der Vorteidii!;!infX lierriri 
gezogen zu werden, bildeten dieselben für den Angreilei gedi'( l;i ' 
Anniiherungswege gerade gegen die empfindlichsten Steilen des 
Verteidigers. Ungünstig für Letzteren war ferner der Umstand, 
dafs die Wälder nicht allein die Hohen krönten, sondern daf?« aurli 
die dem Angriff in Front und Flanken zugewendeten Rer<^'li;ui;^f. 
zum Teil auch bis an den Fufn hinab bewaldet und bi lci Ivi wan n. 
Hierdurch wurden die Vorteile der Überhöhung in bedeutendem 
Mafse abgesehwächt, denn unter solchen Umstanden lag eine etwa 
ins Auge gefafste Verteidigung der dem Angriff zunächst aus- 
gesetaten Waldränder in der Tiefe. Ein Verzicht auf die Ver- 
teidigung der Waldränder konnte aber dem Angreifer unr von 
Nutzen «ein. 

Bei der folgenden Darstellung der Waldkämpfe handelt es sich 
nicht sowohl um die Schilderung und Besprechang des Verlaufes 
der Schlacht, als vielmehr nur um die Gewinnung von Lehren 
aus den einzelnen Waldgefechten, welche sich namentlich 
auf den Flügeln der Schlachtlinie abspielten. Es sollen daher die 
Kämpfe um den Gifert- und Pfiaflfenwald und dann die Gefechte 
im Stiringer Waldstück und im Stiringer Wald an der Hand deü 
Generalstabswerkes besprochen werden; in der Einleitung finden 
zunächst die Umstände, welche zur Schlacht führten, und die 
beiderseitigen Streitkräfte ihre Würdigung. 

Einleitung. — Die am Vormitt^ig des 6. Augu^iL südlich der 
>aar stattfindenden Auskuiukiiuiftungen der j)reufsischen Kavallerie 
hatten ergehen, da£s zur Zeit noch gröfsere französische Truppen- 
körper bei Stiring — Wendel, Forbach und St. Avold standen; doch 



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f 



Dm WddgMit 



13 



warde es immor withrsclieiolicher, dafs dieselben bereits im Abziehen 
begriffen waren. Auffallen mnlste es freilich, alle Saar-Übergänge 
nnzerstört zu finden. Den Anordnungen der Oberkommandos der 
Ersten und Zweiten deutschen Armee zufolge bewegten sich an dem 
Morgen des 6. August die Vorhuten des VII. und VIII. preufsischen 
Armee-Corps westlich, die Vorhnt des III. Anneo-Corps östlich der 
Rhein — Nahe- Bahn auf den nach St. Johann führenden Strafsen vor. 

Da von den genannten Trnppenkörperu im folgenden wieder- 
holt die Rede sein wird, so ist nachstehend ihre Zusanunenaetzong 
and Starke im Kinzchioii wiedergegeben: 

Zur K reiten Armee unter dem Oberbefehl des Generals der 
Inf. V. Steinmetz gehSrfe das VII. und Vlll. Armee-Corps; vom 
VII. unter General der Inf. v. /astrow kann die 13. Infanterie- 
Division, weil nn den zu beschreibenden Waldg<^fei liten unbeteiligt, 
aulser Betravhi t leiben. Dagegen gehörten zur 14. Infanterie- 
Division (Generallieatenant v. Kameke), folgende Truppen: Die 
27. Infanterie-Brigade (Generalmajor v. Frauyois). Füs.-R^. 
Nr. 39 (Oberst v. Eskens) und luf.-Regt. Nr. 74 (Oberst v. Pann- 
witz). Die 28. Infanterie-Brigade (Generalmajor v. Woyna), 
Inf.-Kegt. Nr. 53 (Oberst v. Gti strin-Hoheustein) und Nr. 77 (Oberst 
V. Conrady). Zur Division zählte ferner das Husaren -Regt. Nr. 15 
und 1 Abt. Feld - A rt.-Regt. Nr. 7, 4 Batterien; sowie 1 Pionier- 
Compagnie u. s. w. — Die Corps-Artillene bestand aus 6 Batterien. 
— Zum VIII. Armee- Corps, General der Inf. v. Göben, gehörte 
die 15. und 16. Infanterie-Division. Erstere nahm an der 
Schlacht bei Spicheren nicht Teil, von der 16. (General lieutenant 
V. Barnekowj, kam nur die Vorhut unter Oberst v. Rex, Führer der 
32. Inf.- Brigade, auf das Schlachtfeld. Diese Vorhut bestand aus 
dem inf.-Regt. Nr. 40 (11 Compagnien), dem llusareu-Regt. Nr. 9, 
2 Batterien Feld-Art.-Regts. Nr. 8, 1 Pionier-Comp. — Von der 
Zweiten Armee, unter dem Oberbefehl des Prinzen Friedrich Karl, 
kommt das III. Armee-Corps, Generallientenaut v. Alvensleben, 
iü Betracht. Dasselbe hestan«! ;lus der 5. und 6. Infanterie- 
Division. Die ü. i^Generallt. v. iSiülpnagel) trat mit ihren sämt- 
liclieu luiauterie-Reginientern, wenu auch erst nach und nach, in 
das Gefecht ein. Den beiden Infanterie- Brigaden dieser Division war 
auÜBerdem die Kavallerie und Artillerie zugeteilt. Die 9. Infanterie- 
Brigade (Gen.-Maj. v. Döring), hatte eine Vorhut aus dem Inf.- 
Regt. Nr. 48 (Oberst v. Garrelts), 2 Schwadronen des Dragoner- 
Regts. Nr. 12 und 1 Batterie Feld -Art.- Regts. Nr. 3 gebildet» 



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14 



Du W^dtfML 



welcher als Gros das Greiiad.-Regt. Nr,8 (Oberstlientenant v.L'Estocq), 
das Jäg.-Bat. Nr. 3 uud 1 Batterie folgte. Die 10. Brigade (Gen.- 
Maj. V. Schwerin) — Regimenter Nr. 12 (Oberst v. Reuter) uud 
Nr. 52 (Oberst v. Walffen), Rest des Dngooer-Begts. Nr. 12 and 
2 Batterien Feld-Art.-Regts. Nr. 3. 

Am Morgen des 6. Anguf^t waren die näher erwähnten Dirisionen 
u. 8, w. noch etwa 3 Meilen - einen Marschtag — von Saarbrücken 
entfernt. Vom VII. Corps, welches auf? der Gegend von Lebach 
vorrflckte, war die 13. Division im Marsche auf Püttlingen. Die 
Vorhut derselben sollte bis Völklingen gehen (etwa */4 Meilen 
weltlich von Safirhriicken). Die 14. Division Imttf' den Auftrag, 
bis Guichenbach zu marschieren und eine Voriiut vorzuschieben, 
deren Vorposten die Rander des Köilerthaler Waldes gegen Saar- 
brückpn uud Lnuisput lial besetzen sollten. Auf dem Marsche er- 
i\i\\r der Division^führer, General v. Kameke, rlnrch die ihm 7:u- 
gehenden Meldungen, dak die feindlichen Stt llunift n südlicli Saar- 
brücken geräumt und nur noch unbedeutende Abteilungen der 
Franzosen zwischen Drathzug und dem Stiftswalde bemerkbar wären. 
Er berichtete darüber an das Generalkommando des VIT. Armee- 
Corps, welches sich auf dem W-cje nach Dilsburg befand, niul 
fragte an, ob er unter diesen Limstauden die Sa«r nberschreitiin 
dürfe, nm sich der Iloheii südlich von Saarbrücken zu versichern, 
bevor der Feimi ctwii t ielegenbi if fände, sie von Neuem zu besetzen, 
Cieiu ral v. Kanieke erhielt zur Antsvort, er möge nach eigenem 
Ernj essen handeln. — Inzwischen hatte seine Vorhut nnter 
Uenerai v. Fran^ois um Uhr Vormittags Guichenbach erreicht. 
Da die Witterung kühl uud die Truppen noch frisch waren, liefs 
der Divisions-Commandöur die Vorhut wieder antreten und befahl 
ihr, Saarbrücken zu besetzen, auch Vorposten auf die Höhen vor- 
zuschieben. Dab Gros blieb im Marsche. Als sich die Division der 
Stadt näherte, begegnete ihr der Führer des VIII. Armee-Corps, 
General v. Gäben, welcher, von einem Kundschaitsritte an der Saar 
zurückkehrend, die üuf Fischbach marschiereude Vorhut seines 
Corps zur B^etzung von Saarbrücken heranzuziehen gedachte. Er 
nahm vorläufig hiervon Abstand, als er nnn die 14. Division zu 
diesem Zwecke bereits im Auuiarsche fand, bot aber seine Unter- 
stützung an, falls der Gegner wieder vorrücken sollte. — Die Vorhut 
der 14. Division uberschritt nun rlie nördliche der beiden Brücken 
Kwiscben St. .Joliann und Saarbrückeu. Ihre Marschordnung und 
Truppeneiuteiluug war diese: 1 Schwadron IIusareu-Regts. Nr. 15, 



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Das WaUgiAcht. 



16 



3. Bat. Küs.-Kegts. Nr. 39, 1 Batterie Feld.-Art.-Regts. Nr. 7. 
1. und 2. Bat. FüB.-Regta. Nr. 39, dViP. 8. Coiiipaguie war zur 
liUfjage befehligt), ein SanitHtf-Detacheiii- nt. 1 Pionier-Comp. mit 
Feldbrückentrain. Der Rest der Division bil lt t*' da« Gros uuter 
General v. Woyna (das 2. Bataillon Intaut rnf -Regmienta Nr. 53 
befand sich ab Iledeckung bei der Corps -Artillerie). 

Sobald aber das an der Spitze marschierende 3. Bat. KegtH, 
Nr. 39 lim 11 Vi \ornu\UifiH den Exery.ierjilatz erreicht hatte, 

eröffueto der Feind vom Koten Berge aus ein lebiiaftes Geschütss- 
feuer, welches zunahm, als die unmittelbar folgende Batterie der 
Vorhut aus der tiefeingesrhnittenen Strafse auf den Flxerzierplatz 
hiiiaultulir. Die Batterie nahm Stellung westlich der Strafee an 
dem Südahhange der Höhe und erwiderte auf etwa Vi Meile Eut- 
femuug das P'euer der feindlichen Artillerie (anscheinend 8 Geschütze) 
mit sichtlich guter Wirkung. Letztere standen teils an den Steil- 
abfall des Koten Berges vürgeschoben, teils in höherer Stellung 
einige hundert Schritte weiter /nriick und schössen überaus heftig, 
aber mit geringem Krfol^^ In/.\vischeu waren weiter links die beiden 
anderen Bataillone des Kcgts. Nr. 39 an dem nördlichen Abhänge 
de.s Reppertsberges aufmarschiert. Ferner liefe General v. Kameke 
aus dem Gros der Division das 2. Bataillon Regte. Nr. 74 die 
Eisenbahnbrücke zwischen Malatatt und Saarbrücken überschreiten, 
um durch Besetzung des Bahneinschnittes bei Deutsch-Mühle jenen 
Übergang zu sichern. Das Bataillon wurde angewiesen, mit dem 
FoB.-Regt. Nr. 39 nach links Verbindung zu halten; die beiden 
anderen Bataillone Regte. Nr. 74 wurden zur Verstärkung der 
Yorlini gleichfalla auf das linke Soamfer g^ogeu, so dats General 
r. Frangois nun beide R^menier senier Brigade mr Terfagung 
hatte. Da der Feind nirgends In&nterie zeigte and die Lüde im 
DraÜiiiig naeh dem Roten Berge an Icdner Stelle Itberediiitt, lo 
eehien das Gefeciht eine Zeit lang einen emsteren Charakter sieht 
annehmen ' an wollen. — Indemen wnrde deatediendts die Heran- 
flehong weiterer Streithrfifte eingeleitet. Der Führer der 9. Infanterie- 
Brigiide, Genend t. Ddring, war in Folge d«r ÜMhricht, dafii die 
Kavallerie die Saar iibenchritten habe, bercats in den Moigenatonden 
über Saarbrficfcen roigeritten, Jenaeits der Stadt hatte er swiechen 
9 nnd 10 ühr hinter den fransöaisehen Sehlltaenlinien Inüuiteri^ 
Kolonnen im Yormaneh von Forbach wahigenomment welche in 
dem waldigen Gelinde Östlich der Hanptotrsliw nnd hinter den 
dortigen H5hen Terschwandem* Hiernach erschien ihm das Ter* 



16 



Dm WaUgoMt 



eiBzelte Voi^hon der 14. DiTision nicht, als hinreichenil gesichert 
und er sandte daher seiner auf Dudweiler anrückenden liri<^ade den 
Befehl entgegen, ohne AuftiiÜialt nach Saarbrücken weiter zu 
raarechieren. Die o. Division bewegte sich nämiich am Morgen des 
6. August auä der Gegend von Neunkirchen in zwei Hauptkolonneu 
^ec^en die Saar vor, ora die für diesen Tag ihr angewiesenen Marsch- 
ziele m der Höhe von Dudweiler zu erreichen; die 9. Brigade 
marschierte in der angegebenen Zusanimenset/ung und Marsch- 
ordnung: auf der grofsen Saarbriicker Strafse, die 10. Brigade auf 
St. Ingbert. Die Truppen der erstgenannten Kolonne hatten bereits 
ihre Quartiere bezogen, die Vorhut in Sulzbach und Dn<lwpi!er, das 
Gros in Friedrichsthal und Bildstock, als sie m Folge der elieu- 
erwähnten Weisung ihre» Brigadeführers iu der Mittagstunde zum 
weiteren Vormärsche auf Saarbrücken alarmiert wurden. General 
V. Stülpnagel, Commandeur der 5. Division, welcher um Mittag 
Meldung hiervon erhielt, ritt sogleich mit 1 Schwadron und der 
Batterie der Vorhat nach St. Johann vor. Die ?om Divisions- 
Gommandenr weiter gegebene Meldung des General v. Döring war 
mittlerweile beim Generalkommando des III. Armee-Corps in Neun- 
kirchen eingegangen. General v. Älvensleben traf auf Grund der- 
selben unverzüglich Anordiiuugen, um noch im Laufe des Tages so 
viel Truppen seines Corps wie irgend möglich nach Saarbrücken 
heranzubringen. Das in Neunkirchen behudliche Regiment Nr. 12 
und das zur 6. Division gehörende, zur Zeit in St. Wendel stehende 
Regiment Nr. 20 sollteu aui der Kibeunahii nach St. Johann heran- 
geführt werden. Nach St. Ingbert giüL^ llefehl ah, das Regiment 
Nr. 52 und die in der Nähe verlügbaie Artillerie nach Saarbrücken 
in Marsch zu setzen. Dieser Weihuiig konnte der Biigüde-Comnian- 
deur, General v. Schwerin, sogleich entsprechen, da er auf Grund 
eingegangener Meldung.jii der Kavallerie, seine Truppen bei St. Ingbert 
bereits versammelt hatte. Üie Brigade trat um 4 Uhr den Marsch 
in der hefohh ucu Richtung an, der General eilte für seine Person 
mit den Schwadronen und Batterien nach dem Gefechtsfelde Tor- 
aus. — Es wurde oben erwähnt, dafe General v. Göben der 
14. Division seine Unterstützung zugesagt hatte, falls eine solche 
notwendig werden sollte. Als nun der General auf dem Rfictkwege 
xii aeinem Corps^^bemerkte, wie das Geschütsfener jenseite der Saar 
an ^Heftigkeit zunahm, beschlols er, die nächststehendett Teile de« 
Corps nach dem Gefechtsfelde heranzozieheii. Es war dies die 
Ii). Division, dereu Vorhut eben iu der Hittagsstunde bei Qniinwheidt 



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Da« W&ldgefdcht. 



17 



nod ElichbBch äniiaf, wo sie Quartiere beliehen sollte. In Fisch- 
bach aogekommen, fand General G5ben, dals in Folge des dort 
gleiehfalls Temelunbar gewordenen Kanonendonnen der DiTisions- 
Commandeor, General ▼. Barnekow, anü eigenw Entschliefimng seine 
Vorbni bereits wieder hatte antreten lassen, als diese eben im 
Begriffe war, Toiposten gegen die Saar anssnsetsen. Anoh das 
Gros der Division war alarmiert worden und sollte nach Fischbach 
besiehongsweise Qniersebeidt naebriicken. Die weiter rfiekwarts 
liegend« 15. Diyision nfther heranaudehen; hielt General v. Göben 
nicht fiir erforderlich; er selbst ritt wieder nach Saarbrficken 7or. — 
Ak die Vorhut unter Oberst Rex um IVs Uhr ans dem Kötter> 
thaler Walde heraustrat, meldete ein zur 14. Division voraos- 
gesandter Offizier, dals eine Ünterstütsang niclit gerade nötig 
erscheine, dab aber ein Aaftreteu der 16. Division sfidlich Saar- 
brücken erwünscht s^n werde. Demnach liefo General v. Barnekow 
die Vorhat ihren Marsch auf St. Johann fortsetzen; das Gros erhielt 
Befehl, gleichfalls dorthin zu folgen. — Inzwischen war seitens des 
Führers des Vil. Armee-Corps, General v. Zastrow, beim Ober- 
befehlshaber der Ersten Armee, General v. Steinmetz, in Eiweiler 
die Genehmigung zu den Vorbewegnngen an nnd fiber die Saar 
nachgesucht nnd erteilt worden. Als nun im Hauptquartier des 
VII. Corps zu Dilsburg eingehende neue Meldungen eher uuf ein 
Vorriickeu als ein Zurückgehen der Franzosen schliefsen lieüaen, so 
befahl General v. Zastrow der 13. Division, nach Völklingen und 
Wehrden vorzurücken, ihre Vorhut in den Richtungen auf Ludweiler 
nnd Forbach vorzuschieben und sich durch Patrouillen über Starke 
und Absichten des Gegners bei Forbach zu unterrichteu. Die Corps» 
Artiliene sollte nach Püttlingw (nördlich Völkhiii^cn) marschieren. 
Die 14. Division sollte mit einer verstärkten Vorhut auf dem 
linken Saarufer bei Saarbrücken Stellung nehmen, das Gros nach 
Rockershauseu heranziehen, einen Üb ergang daselbst herstellen und 
gleichfalls gegen ForbacH patrouillieren. In Folge der früher 
erteilten Ermächtigung zum selbstständigen Handehi nach eigenem 
Ermessen war aber der Commandeur der 14. Division bereits weiter 
gegangen. 

Nach Erteilnncf dieser Befehle brach General v. Zastrow mit 
seinem Stabe nach Sfmrbrücken auf. Gleichzeitig hatte auch der 
Oberbefehlshaber der Ersten Armee den überquartierraeister, Oberst 
Graf Wartensleben, zur näheren Anfklärunfr der Sachlage nach 
Saarbrücken vorgeschiekt. Die-i r l:is auf seinem We^^e die ferneren 
vom Geferhtsft lde eintr.-liHiKb'n Mf'ldnfMjrn üii das Generalkommando 



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18 



Dm WftldfeMt 



des VII. Armee-Corps, aus welchen uuverkenalNur hermging, wie 
daa Gefecht bereits an Umfang und Bedeutung zunahm, ww dwt 
immar stärker werdende Geschützdonner bestätigte. Mitteilungen 
hiervon sandte der Oberst an den General t. Steinmets naob 

Eiweiler. — 

Bevor sich die weitere Darstellung den Verhältnissen auf fran- 
zösischer Seite zuwendet, sind ans dem Vorstehenden zwei Punkte 
näher ins Ango zu fassen, welche für die Entstehung und Aus- 
dehnung des Kampfes um die Spicherer Hohen und die Waklungen 
von i^rofser Bedeutung sind. Der eine betrifft den Bescheid, welchen 
General v. Kntneke seitens des Genernlkommandos des VII. Corps 
auf seine Auflage t-rhielt, oh er die »Saar ü bersclirei ten dürfe, 
um sich der Höhen südlich von Saarbrücken zu versichern, 
bevor der Feind Gelegenheit fände, sie von Neuem xn 
besetzen. Die.ser Bescheid lautete bekanntlich: General v. Ka- 
Dieke möge nach «eigenem Ermessen handeln. 

Es unterliegt krinem Zweifel, dafs diese dem Führer der 
14. Division zuerst zugegangene Ermächtigung zu selbststandigera 
Handeln weil ' i^'^ liende Befugnisse in sich schlofs, als der später 
eingetroffene lielehl, mit einer verdtiirkten Vorhut auf dem linken 
8aarufer bei Sjuirbrücken Stellung zu nehmen, das Gros nach 
Kockershausen heranzuziehen und gegen Forbach patrouillieren zu 
lassen. Die geuaue Befolgung dieses Befehls konnte zunächst nicht 
zur Angritfsschlacht führen und nuifste, wenn dies doch geschah, 
eine andere Eutwickeluug der Diugc herbeiführen, als sie die Schlacht 
hei Spicheren am G. August thatsächlich nahm. Wenn die Massen 
des Angreifers nicht von Saarbrücken sondern von lu»ckei>hausen 
her gegen die französiselie Stelluiitr in Bewegung gesetzt wurden, 
so lag der Schwerpunkt des Kampfes nicht in der .starken Front 
des Verteidigers, sondern auf dem linken Flügel desselben tind in 
seiuer iiuken emptiudlichen Flanke. Nicht die Spicherer Hohen, 
sondern das Stiringer Waldstück, Stinng — Wendel und Forbach 
bildeten dann die Brennpunkte des Kampfes, mit deren endgültigem 
Besitz die Schlacbt sich zu Qunsteu des einen oder des anderen 
Teiles entschied. Entwickelte sich die Schlacht hauptsächlich west- 
lich der Bahnlinie, so wuchs ferner die Wahrscheiniichkeit, dals 
aiiliMr den genannten Truppenteilen noch die 18. Division reeht- 
seitig nnd roUsahlig und swar an entscheidender Stelle nur Teil> 
nähme herbeigezogen wnrde. Aber auch vom Standpnnht der 
Kriegfühnnig im Allgemeinen hätte ein in dieser Richtang gefobrter 
Angriff den Vorzug verdient. Die natfirlidie RSeksagslinie der um 



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Dm Wa]dg«f«olit 



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19 



Forbach versammelten französischen Truppen lief auf Metz, der 
kürzeste Weg dahin führte von Forbach nach Westen. Ein deutscher- 
seit*^ vua Norden her gegen dies»' Rückzugslinie p^eföhrter Stöfs 
mnfste dalier die Franzosen um ihre rückwärtigen Verbindungen 
besorgt raachen u)id ihr Verhalten in einer bei Spicheren sich 
«mtspinnenden Schlacht wesentlich beeinflussen. Angriffsl)ewegungeü 
im ebenberegteu Sinne wurden aufserdem durch die ausgedehnten 
Waldungen westlich der Eisenbahn begünstigt, da innerhalb der- 
selben der Anmarsch gedeckt und unbemerkt geschehen und selbst 
mit geringerer Kraft durch überraschendes Auftreten in Flanke und 
Bfteken des VerteidigerB eine bedeutende Wirkung erzielt werden 
konnte. Allein durch die eelbetstindigen Enteehlielaungeii dee 
Generals v. Kameke sollte die Sehbeht einen anderen Verianf 
erhalten. Genoral Zaairow hatte durch die an seinen Divitions- 
Gommandenr erlassene allgemeine Antwort die Leitung der Ereigniase 
ans der Hand gegeben, hiermit sngleich aber aueh die ToUe Yer^ 
antwortnng fBr die an der Saar getroffenen Mabregeln auf den 
Generali. Kameke übertragen. Dieser zögerte nicht, von dem 
ihm gewährten Spielraum im ganzen Um&ng Gebrauoh zu machen, 
und da sein selbstständiges Handeln schlielslich mit Erfolg gekrönt 
war, ist auch die Beurteilung der Handlungsweise im Allgemeinen 
eine g&nstige gewesen, denn der glflckliehe Feldherr geniefti neben- 
bei den Vorteil, dals etwa gemachte Fehler im Glänze seines Erfolges 
gemildert erscheinen. GlQck im Kriege ist aber eine Sache, deren 
der höhere Führer unbedingt bedarf. >lcb kann den Bflann nicht 
brauchen, er hat kein Glucke, soll Napoleon L von einem seiner 
Generale gesagt haben und den sonst tüchtigen Offizier bei Seite 
gesetzt haben. Genoal v. Kameke hatte das Gluck, dafs die eigenen 
Unterstütaungen ohne sein weiteres Zntbun nach und nach auf dem 
Schlachtfelde eintrafen, die feindlidien aber ferne blieben. 

Dies lenkt die Aafknwksamkeit auf den zweiten, zu näherer 
Betrachtung geeigneten Punkt hin, nämlich auf die seitens der oberen 
pren^chen Führer am Morgen des 6. August entwickelte selbst- 
ständige Thätigkeit, tun ihre in erster Linie stehenden Truppen zur 
Unterstützung der 14. Division herbeizuführen. Während das 
Generalstabswerk nichts davon erwähnt, dab General v. Kameke 
sich um die Herbeiholung weiterer Streitkräfte bemühte, obschon 
gerade er am meisten und zuerst die Notwendigkeit der Mitwirkung 
solcher erkennen mnfste, wenn eine für die deutsche Sache günstige 
Entscheidung erzielt werden sollte; so haben ihrerseits die Generale 
T. Döring, Schwerin, v. Stfilpnagel, t. Aivensleben, v. Baraekov, 



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20 



Das Waldgelecbt. 



T. (35beii and t. Zastrow Alles getban, um die in den Kampf tretende 
14. pivinon mOgliehst za TentSrken, sie haben es getban sn einer 
Zeit» als ihnen Atar ganse Ernst des entbrennenden Kampfes noeh 
nicht bekannt war, nnd ohne dab bedehungsweise bevor jedem 
dieser Generale die höhere Weisnng oder Genehmignng zu den 
ergriffenen MaCaregeln anging. Sobald nnr die Termntung eines 
beToxstobenden Znsammenstoises mit den Franzosen sfidlicb der Saar 
gewissermaben in der Luft lag, begann vie Ton selbst ein allge* 
meines VorwSrtntreben deijenigen Trappenkörper, welche ihrer 
Entfernnng nach noch Anssieht hatten, den Kampfplats zn erreichen. 
Teils personliche Wahrnehmungen höherer Führer, teils Meldungen 
der Kamllerie, teils der gehörte Kanonendonner gaben den Anstofii 
aa dieser atigemeinen Bewegung, welche dem Beginuen des Generals 
V. Kameke an einem glücklichen Ausgang verhalf. Hätten verant- 
wortungsseheue M&nner an der Spitze dieser Brigaden, Divisiouen 
und Corps gestanden, so wäre am 6. August 1870 kein Sieg bei 
Spicheren für die deutscboA Waffeu zu verzeichnen gewesen. Wo 
in einem Heere, wie im preufsischen 1870, der Tbatendrang lu 
solcher Gewalt entwickelt und der Trieb, an den Fdnd zu kommen, 
in solchem Umfange grols gezogen ist, wird immer die Gelegenheit, 
den Feind la fassen und so schlagen, wie ein höherer Befehl hieran 
angesehen werden. Die aus der Nähe deutlicher erkennbaren 
Verhältnisse des Geyers geben eine sicherem Eichtschnur des 
Handelns innerhalb der allgemeinen Absicht der Oberleitung, als 
die TOn Fall zu Fall tou rückwärts einzuholenden Befehle, bis zu 
deren Eintreffen die schönsten Gelegenheiten für rasches Zugreifen 
unbenutzt vorübergegangen sein können. Freilich gehört ein hoher 
Mut dazu, die Verantwortung für die Aufnahme eines Kampfes zu 
tragen, dessen Ende im Voraus nicht abzusehen ist; denn die 
Wahrschcinlichkeitsberechnung des FelUherrn erfährt durch uner- 
wartete ZuföUe manchmal sehr unliebsame Änderuugen. So durfte 
z. B. «Jeneral Frossard am 6. August mit Recht auf die Unter- 
stützung durch Divisionen des III. französischen Corps hoflen, 
welche — 4 an der Zahl — kaum 2 Meilen südlich von Porbach 
auf der Linie St. Avold — Saargemünd verteilt standen. Frossard 
verlaugte Verstärkung vom Führer des III. Corps, Marschall Bazaine, 
luid dieser setzte 3 seiner Divisionen nach dem Gefechtsfeld in 
Bewegung, Dieselben hätten der Entfernung nach zu guter Stunde 
in den schwankenden Kampf eingreifen können und die sichere 
Erwartung ihrer Mithilfe mag den Ceneral Frossard hauptsächhch 
zur Ausdauer und rückhaltäioäen Einsetzung seiner riimtlichen 



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Du'WtMgflftelii 



21 



Streitkräfte veranlafst haben. Allpin die verheifsene und ersehnt« 
Hilfe bliel) aus oder kam zu spät, weil die 3 Divisionen teils zn 
langsam, teils in falscher Richtung marschierten, sn dmfs General 
Frossard die Schlacht mit seinen 3 Divisionen allein durchkämpfen 
mofste. im Einzelnen hatten dieselben foljTcnde Zusammensetzung 
und Stärke: 1. Die Division des Qeuerals Verge — Brigade 
Valaze, Linien-Kt-gimeuter Nr. 32 und 55 nnd Jäger-Bat. Nr. 3; 
Brigade Jolivet, Linien-Regimenter Nr. 76 und 77. IVrner ge- 
hörten zur Division 2 Geschütz-Batterien, 1 Mitraillonstn-Batteric 
und 1 Genie-Corapagnie. 2. Die Division de> (lenerals Bataille 
— Brigade Pouget. Linien-Regimenter Nr. ö und 23 und Jäger- 
Bat. Nr, 12; Brigade Bastoul, Linien- Regimenter Nr. 66 und 67. 
3. Division de Laveancoupet — Brigade Doens, Linien- 
Regimenter Nr. 2 und 63 und Jüger-Bat. Nr. 10; Brigade Miche- 
ler, Linien-Regimenter Nr. 24 und 40. — Die beiden zuletzt ge- 
nannten Divisionen waren an Artillerie und Genie-Truppen in der- 
selben Weise wie die Division Verge ausgestattet. Änfserdera ge- 
hört« zum IL französischen Cori>s die Kavallerie-Di vision Valabregue 
mit 2 Brigaden zu je 2 Regimentern, eine Artillerie-Reserve mit 
6 Batterien, 2 Genie- Compagnien und ein Sap{)eur-Detacheinent. — 
Die friiiizosischen lufaiiterie- Regimenter zählten, vs ie die preufsischen, 
3 Bataillone; die Durchschnittsstärke der Bataillone wird aber am 
6. August auf französischer Seite nicht über 600 Mann betragen 
haben, während die preufsischen Bataillone rund zu 900 Mann an- 
genommen werden können. Die Batterien hatten auf jeder Seite 
6 Oeschütze, beziehungsweise Mitrailleaseu. — 

Die Kämpfe um den Gifert- und Pfaffenwald. Der 
geringe Abstand der niederen HShen an dem Knlcen Searnfer von 
den FlnfeAbergängcn machte ee wflnscbenswert, aar Sicbemng der 
letsteren weiter vorwärts Fnfs an feasen nnd die anscheinend nicht 
sehr bedeutenden Kräfte des Gegners ans ihren flberhöhenden 
Stelinngen sorücksudrängen, weil von dort ans alle Bewegungen in 
dem prenlsischeneits bis jetst beseisften Abschnitte vollkommen sn 
Qbersehen waren. Ein Vorgehen zu diesem Zwecke erschien dem 
General Kameke am so weniger bedenklich, als er nötigenfalls 
anf Unterstfitsnng dnrcb die NacbiMuvCorps rechnen darfte. Er 
be&hl deshalb knrs vor 12 Uhr dem General v. Fran^ois, die feind- 
liche Artillerie vom Roten Berge ta vertreibeD. Das Gros der 
Divnion wnrde angewiesen, mit der 88. Brigade die Eisenbahnbrficke 
wsstlieh Saarbrücken an übersehreiten, die Batterien aber dnreh die 
Stadt vorgehen su lassen. Zar AnsfBhrnng seines Auftrags traf 



22 



Dm WaldgefMbt. 



GpnRral v. Fran<^ois folgende Anordnungen: Nacluiem bereit« das 
2. l'at. Kegth. Nr. 74 von Deutschmühle auf Dratzug vorgegangeu 
\vii.r. wurde von ileni Reppertsberge aus das nur mit drei Compagnien 
(die 9. war zuru Verbindung halten mit der 13. Division abgezweigt) 
anwesende 3. Bat. Regts. Nr. 39 ebendahin in Bewegung gesetzt, 
nm die linke Flanke der französischen Stellung auf den Spicherer 
Höhen zu gewinnen. Mit den beiden anderen Bataillonen des 
Regiments sollte Oberst Eikens vom Stiftswalde her die gleiche 
Wirkung gegen die rechte Flanke des Feindes anttcehen. 2 Bat. 
Regts. Nr. 74 blieben ab R&ekhalt auf dem Beppttfesberge nnd dem 
Exerzierplätze, wohin General v. Fran^ois nnn anch die 9. Gompagnie 
Regts. Nr. 39 von Nendorf heranzog. — 

Der Gedanke, die Stellong der Franzosen anf dem Boten Berg 
von den Flanken her anzogreifen, w&hrend die Front dnrch die 
Batterie anf dem Exerzierplätze beschäftigt wurde, war nnzweifelhaft 
richtig. Anf der einen Seite konnte der Angreifer durch den Stifts- 
und Gifertwald gedeckt bis in die unmittelbare Nfthe der feindHcfaen 
Mitte gelangen« anf der anderen Seite vermochte er dnrch den 
Saarhrficker Eommnnalwald und das Stiringer Waldstück wenigstens 
einen grolsen Teil des Anmarsch weges unbemerkt znrdckznl^n. 
Da General t. Fran9oi8 vor Erteilung des Angri&befehls seine ganze 
Brigade znr Hand hatte, wäre die fifigel weise Gliedernng derselben 
wohl m5glich gewesen. Bin Regiment mit 2 Bataillonen gegen die 
rechte, das andere mit 2 Bataillonen gegen die linke Flanke des 
Feindes in Marsch' zu setzen, während von jedem B^ment 1 Bataillon 
zur Verfügung des Brigade-Commandeurs Torerst surfiekbliebe; dies 
wOrde don Geiste nnd den GrundäUcen des beute geltenden 
Ezexsier-Beglements entsprechen. — 

Wahrend die Artillerie der 14. Division auf der H$he nord- 
östlich Dratsug und auf dem Sfldwesthange des Winterberges vor- 
teilhafte An&tellnng nahm nnd dnrch ihr Feuer die französischen 
Geschlltze auf dem Roten Berg zu weiterem Zurückgehen auf die 
H&he zwang, hatte Oberst v. Eiskens die vorgeschriebene Bewegung 
mit seinen 7 Compa<;nien (die 8. befand sich bei der Bagage) an- 
getreten. Schon auf dem Reppertsberge wurde die 1. und 3. Comp, 
in empiindlicher Weise dnrch das feindliche Fernfener briä tigt. 
Man fand indes in der von dem Wiuterberge nach dem Tiefweiber 
herabziehenden Mulde einigen Schutz. Die 39ger zogen sich in 
Compagniekolonnen mit weiten Abständen auseinander, in erster 
Linie die 2. nnd 3., dahinter die 1. nnd 4. Compagnie, schlieblich 
die 3 Compagnien des 2, Bataillons. In dieser Gruppiemng wurde 



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Das Waldgefecht. 



23 



unter haftigem, aber xiemlich wirkungslosem Geecbüts- und Gewehr- 
feuer dee Feindes die Niederung durchsehzitten. Man folgte dabei 
einem Pfade, weleher sieh tou dem Ttefweiher ans in der Mulde 
weaüieh dee Stiftawaldes nach der durch Kehtoes GehOlz deuilieh 
erkennbaren Einsattelung zwischen den Bergkuppen dea Gifert- und 
Pfaifenwaldes hinauf seht. An dsm F^lse der Höhen legten die 
Mannachafken das GepBdk ab. Sie fanden den nördlichen Waldrand 
unbesetzt und begannen nun die dicht hewacbaenen Hänge zu 
ersteigen, wobei der gidlsert Teil der Truppen westlieh des er«* 
wShnten Sattele voiging. läret auf dem Kamme der Höhe traf man 
auf Wideiataad von Seiten des 1. Bataillons des 40. franz. linien- 
Bcgls«, welches den Wald besetzt hieli In hin- und herwogendem 
Gefeefate gelang es den beiden vorderen Gompagnien, die ihnen 
entgegentretenden feindlichen Sohutzenechwirme allmählich zurfick- 
zttdiiDgen und den Sftdootiand des Gtfertwaldes zu erreichen. Man 
tibersah Ttm hier ans deutUeh ein Lager der Franzosen bei Spicheren. 
Der Fdnd hatte einen Wegeinschnitt sudlich der Einsattelung stark 
besetzt und hielt von dort ans die umliegenden Waldrinder unter 
▼erheerendem Feuer, wodurch dem weiteren Vordringen der beiden 
Gompagnien ein 2iiel gesetzt wurde. Auf ihrem linken Flügel traten 
in dem lichteren Holze allmählich auch die heiden anderen Gompagnien 
des Bataillons in das Fouergefecht ein; zunSdist die 1. (Ton welcher 
nur 1 Sektion zur Deckung der Fahne zurückblieb), dann noch 
weiter links die 4., welche die rechte Flauke des Gegners zu um- 
fassen suchte. Sie traf dabei in der Lichtung zwischen dem Gifert- 
und Pfaifenwalde auf stärkere französische Abteiluitgen, welche 
gedeckt hinter einem Grabenrande lagen. Als die Compaguie mit 
aufgepflanztem Seitengewehr znm AngriflT vorging, wich der Feind 
halbrechts aus, überschüttete dann al)er den in das Freie heraus- 
tretenden Angreifer mit so mächtigem Feuer, daüs wieder Deckung 
in dem Holze gesncht werdm mufste. Auch du zweiter Verauch, 
durch weiteres Linksschieben im Walde eine flankienMide Stellung 
SU gewinnen, mifslang. Die Fühlung mit dem Bataillon ging verloren 
und heftiges Feuer von allen Seiten her zwang zur Rückkehr in 
das frühere Verhältnis. 

Während in dieser Weise das 1. Bataillon den Kampf aufnahm^ 
war auch das 2. vorgegangen, bei welchem die 5. Compagnie den 
heiden anderen als Rückhalt folgte. Diese schlugen mit einer kleinen 
RechtsRcbwenknng mehr die Richtnng gegen den Roten Ht-rg ein, 
von wo aus sie starkes Flankenfeuer erhielten. Die Steilabhänge 
des Gifertwaldes erklimmend, trat die 7. Compagnie — nunmehr 



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34 > Dm Wtlilg«fi»elii 

auf dem rechten Flflgel der 3. — iu das wechselvolle Feaergefeeht 
im Walde ein. Weiter rechte war auch die 5. Compagnie in den 
Wald eingedmngen, wohei sie indessen dnieh das FlankenfeAer des 
frans. 10. Jager-Bataillons TOn dem Roten Berge her sehr ansehn- 
liehe Verluste erlitt — Bis 2 Vi ühr gekng es so, den um 300 
bis 400 fnb sich erhebenden Bergkamm an nehmen nnd den Sfid- 
rand des Qifertwaldes sn gewinnen. Ein weiteres Vordringen 
seheiterte an dem mörderisehen Geschatz- und Gewehrfeaer des 
Gegners, welches sich nnn Ton Spicheren her ans unmittelbarer 
Nähe auf die 39ger richtete, während diese zum Teil noch durch 
eine tiefe Schlucbt von ihm getrennt blieben. Die 6. Compagnie 
nistete sich aufaerhalb des Waldes, dam Ostabfislle des Boten Berges 
anf 400 Meter gegenüber ein. 

Bei den ersten Anzeichen eines bevorstehenden ernsten Angriffes 
gegen seine Stellung hatte General Laveauooupet das 10. Jäger-Bat. 
der Brigade Doi>ns in die bisher nnr von der Sappenr-Compagnie 
besetzten Schützengräben geworfen, welche in Hnfeiseuform bis an 
den Steilabfall des Roten Berges Torgeschoben waren. In dem 
weiteren Verlaufe dee Gefechtes zog der französische General die 
ganae nördlich Spicheren lagernde Brigade Micheler vor nnd wies 
davon das 24. Regiment nach dem rechten Fluge), um das im 
Gifertwald zurückgedrängte 1. Bataillon Regiments Nr, 40 sn unter- 
stützen, die noch verfügbaren beiden Bataillone des letztgenannten 
Regiments aber nach dem Roten Berge. Die dortige Batterie war, 
wie schon erwähnt, weiter zurückgezogen worden, 2 andere standen 
unmittelbar nördlich Spicheren und hatten von dort nns die preufsiscben 
Compafinien beschossen, als diese ans dem Git'ertwaMe vorznbrecheu 
suchten. 2 der Division zugeteilte Dragoner- Scliwadroiien beobachteten 
an dem Siml)ache, um gegen Uberrasehunii von dorther zu sichern. 

An den bisher geschilderten Gefechtsverlnnf knnnfn lolgende 
Betrachtungen angesehlossen werden. Der von der Inikon Fliigel- 
ji^ruppe der 37. Brigade eingeschlagene Angriffsweg bis zum Fufs 
der Gitertwaldhöhe war der damalijjen Stellung der Fr;nizo<eii 
entsprechend unter niöghch'^ter Ausnutzung der Geländeverhältnisse 
gewählt. Da der nürdliche Wahlrand frnnTiösispherseits nicht bes« tzt 
war, bedurfte es vm seiner Gewinnung keines Kampfes nnd e.s war 
nnr das Fener vom Roten Berg her aus/uhalten, welclies bei einer 
Entfernung von über 12(X) m nur wenig schadete, Tiunial es auch 
durch die Gruppierung der in Bewegung befutdiichen preuli^ist Iten 
Bataillone iiuih abgeschwächt wurde. Angeiiüintiien, die Franzosen 
hätten die Schlacht anf den Spicherer Höhen erwartet nnd ihre 



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Das Waldgtfeoht» 



25 



ganze Stellung demgeinäf« vorbereitet, so wären aach die dem 
Angriffe zugewendeten nördlichen Ränder des Gifert- und teilweise 
auch des Stiftawaldes nach Mafsgabe der verfügbaren Kräfte zu 
besetzen und zu verteidigen gewesen. In diesem Falle führte der 
Angriflfswpg von Saarbrücken über St. Arnnal auf der Strafee nach 
Saargemünd bia an jene Stelle, wo der Stiftswald von Osten her 
auf Wegen betreten werden konnte. Die Befürchtung eines An- 
grifTes von dieser Seite her fand auf franzosischer Seite durch Auf- 
sttllang zweier Sriiwadronen am Simbachthale Ausdruck. Oh nun 
der i^ngriff uutuittelbar gegen den Gifertwald gemacht werden 
konnte, oder ob weiter gegen das Saartlial ausgeholt werden mufste. 
fcyines blieb in beiden Fällen gleich: Der Ilauptstofs war incht 
in südlicher, sondern in westlicher Richtung gegen den 
Rücken der feindlichen Mitte zu führen. Sobald die preufsi- 
schen Compagnien die deckende Waldung in der Nähe des Sattels 
erreicht hatten, galt es, rechts za schwenken, um etwa längs des 
durch den Gifertwald von Osten nach Westen siehenden Weges 
gegen die Strabe Spichopen— SaarbrBcktti vorzugehen. Wohl wäre 
dieser Bewegung das 1. Bataillon des 40. franiQsttchen R^ments 
entgegengetreten; aber mit 2 Conipagmen konnte, wie williUcli 
geschehen, dieser Widerstand llberwimden werden, 3 wmtere Com- 
pagnien Tormoohten ebenso den östliclien Teil des Waldet and den 
Sfldrand des anstofSwnden Pfaffenwaldes festKnhalten, so dab das 
2. BataiUon Regts. Nr. 39 mit seinen 3 Compagnien nocb übrig 
war, um innerhalb des Gifertwald^ gedeckt und wie hinter einer 
die linke Flanke sioheniden Sehntswand weg bis an den Westrsnd 
Bu gelangen nnd von dort ans die Torgesehobene Stellung der 
FramB0s«Q anf dem Roten Berge- im Rticken sn bedrohen. In 
Wirklichkeit blieben die Ctompagnien des 2. Bataillons an lange 
anlserhalb de« deckenden Waldes nnd erlitten infolge dessen an- 
sehnliche Yerlnste dnrch Flankenfener vorn Roten Berge hor, gegen 
welchen nch die 6. Compagnie sogar am freien Beighang wendete« 
Um die ToUe Wirknng des angedeuteten AngriflEiBS, welcher ganz 
im l^nne des der 27. Brigade erteilten Befehls, die Fhmzoeen vom 
Roten Berge an Tertreib^, gdegen hfttte, an ermessen, darf man 
sich nur Tergegenwlrtigen, dab um diese Zeit — 2 ühr Nach- 
mittags — nur das 10. franiösische Jiger-Bat» und die Sappeur- 
Compagnie den Boten Berg besetst hielten, wKhrend die heran- 
befohleneo weiteren YersUiriningen sich erst im Anmarsch befanden. 
Das nannrartete Erscheinen der Preuben am Westsaum des Gifert- 
waldea hfttte zu dieser Stunde ohne Zweifel die r1ick|^ngige 



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26 



Bewegntig dor bierdoreh gefahrdaten TorgMchobenaiii fimncSBiadieii 
AbteUnngen auf dem Rotoi Barge aar Folge gehabt und den Anlauf 

der Preofseii gegen diesen Pankt in der Front erldcbtert Wurde 
nachher dorch das Eintreffeil der beiden Batailbme dea franz. Begt>. 

Nr. 40 aach ein Umschwung zu Ungunsten der Prealsen herbei» 
gefohrt nnd die Stellung auf dem Roten Berge von den Fraotoeen 
wieder besetzt, eo kam doch die vorübergehende lUlnmnng derselben 

den Angriffsbpwegnngen der Ersteren im Allgemeinen za Statten. 

Der höbe Wert des Gifertwaldes für den Angriff des linken 
prenlneohen Flfigeb auf die Spicherer Hohen wird durch die Er- 
wägung klar, dafo es nntcr dem S hutze der deckenden Waldung 
wenigen Compagnien gelang, sich auf der erstiegenen Höhe gegen 
die nach und nach Huftreiende doppelte französische Übermacht au 
halten, indem der Wald ihn' geringe Zahl und ihre Bewegungen 
dem Gegner verbarg. Der mÜslungene Veraach, über den schützenden 
Waldrand hinaus nach Süden weiter Tonudringen, konnte den 
PrenÜBen wohl den Gedanken nahe legen, um innerhalb des Waldes 
in westlicher Richtung vorwärts zu streben, allein gerade die 
Waldung erschwerte die einheitliche Leitung der ohne hin auf weiter 
Strecke verteilten, und aufser Fühlung gekommenen Compagnien. 
Die Vorgänge bei der 4. Compagnie zeigen femer, wie die Um- 
fassung des Gegners durch Verschiebung der Kräfte in 
der vorderen Linie selbst dann nicht immer erreichbar 
ist, wenn die einleitende Bewegung verborgener Weise 
stattfinden kann. (Exerzier-Reglement Seite 121 Ziffer 84.) Die 
zur Umfassung bestimmte Abteilung mufs daher uufserhalh des 
Gefechtsfeldes angesetzt werden. — Die Ablegung der Tornister am 
Fufse der Gifertwald höhen geschah wohl in der Absicht, den 
Mannschaften das Ersteigen des Berghanges und die Bewegung 
innerhalb des Waldes zu crleichtorn. Bei dem glücklichen Ausgang 
der Schlacht hatte diese Mafsregel keine nachteiligen Folgen. Trat 
jedoch auf jenem Abschnitt des Schlacht fei r] es em ont-sehii ilcncr, 
dauernder Rückschlag ein, der alle im (Jifertwalde käM!]lt^^l)l]en 
preufsischen Truppen beinif. bo war die Wiederaufnahme ueN (iepackes 
in Frage gestellt; mit diesem t:ing den Truppen aber auch das für 
die Erhaltung der Aiarschfähigkeit unentbehrliche zweite Paar Stiefel 
verloren. Eine Niedcrlegung der Tornister in gröfserem 
Abstand vom Getechtsfeld, etwa am Reppertsberg, sicherte 
selbst bei ungünstigem Verlauf dor Schlacht gegen die Gefahr 
des Verlustes. — EndUch bedarf noch die Art, wie General 
Laveaacoupet die Brigade Doens verwendete, kurzer Würdigung. 



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Dm WAldgcfiaoht, 



27 



Da das 1. Bataillon des 40. franz. Kcgts. bereits im (»lU itwald im 
Gefecht verwickelt war, lag es doch nahe, dorthin zur Wahrung 
des Roginientsverl iuidt is auch d.ts 2. und nj. Bat. zu flchicken, das 
RegL Nr. 24 aber Ma( h dem Roten Berg. Die Gründe für das 
umgekehrte Verfahren .sind nicht bekannt. — 

In dem Lei Ligen Waldkanipfe gegen die beiden in den Gifort- 
wald eingedrungenen preufsi-ischen Hataillune des Regts. Nr. 39 
hatten sich die Truppen der französischen Brigade Micheler zum 
Teil verschossen und ihre Widerstandskraft begann zu erlahmen. 
General Laveaucoupet setzte deshalb gegen 3 Uhr Nachmittags die 
Brigade DoSns zu einem umfassenden Vorstoke in Bewegung und 
zwar das 2. Regiment gegen den linken preuIsiBohen Flügel, das 
63. nach dem Boten Berge. Während in dieser Weise naeh und 
nach die ganze CKvisioii LaTSanoonpet in än Gtefecfai ^Irat, langte 
nim auch die Spitze der DivisioB BataiUe yon ötingen her auf der 
Spicherer Hochfliche an. Als nSmlich in den Vormittagsstanden 
Geschfttifoner von Norden her ▼emehmbar geworden, war znerst 
die Brigade Bastonl aufgebrochen, verstärkt dnrcih du Bataillon des 
83. Regte, und 1 Batterie. Im weiteren Vwlaufe der Bew^ng 
nahm das 67. Regt« dieser Brigade die Riehtung nach den nord- 
westlichen Hängen der Spieherer Hdhen, welche die Stiringer 
Niederung behensehten. Vom 66. Regt, ging 1 Bataillon nach 
dem Boten Berge Tor; ein anderes schob sich mit dem Bataillon 
des 23. R^ts. weiter rechts, um die Brigade Micheler in ihren 
Kämpfen in dem Gifertwalde zu nnterstfltzen. Das 3. Bat. 66. Regte, 
nahm Stellong bei Spicheren. Die Batterie, welche mit der Brigade 
Bastoni angelangt war, verstärkte die Artillerie der Division Laveau«* 
coopet, deren Feuer wegen Munitionsmangek bereits zu stocken 
begann. — Das auf dem änlsenten linken Flügel der Prenften im 
Pfaffenwalde und detlichen Teile des Gifertwaldes fechtende 1. Bat. 
Begts. Nr. 39 leistete gegen die in Folge der eben beschriebenen 
Attgriftbewegungen immer wachsende Übermacht der Franzosen 
heldenmfttigen Widerstand. Der Bataillonsfuhror, Major v. Wich* 
mann, fiel; mehrere Offiziere wurden aufser Gefecht gesetait; Über- 
sieht und Gefechtsleitung hörten an den steilen Waldhängen auf. 
Die von dem langen Kampfe erschöpfte Mannschaft hatte sich zum 
Teil verschossen; weder Unterstützung noch Mnnitionsersatz waren 
in der Nähe. In dieser Li^e vmi 3 feindlichen Bataillonen in der 
Front angegriffen, gleichzeitig auch in der linken Flanke umfafst, 
sahen sich die Preufsen endlich zum Rückzüge genötigt. Der Feind 
folgte bis zu dem Nordrand des Gehölzes und sandte von dort aus 



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38 



Dts W*ldg«feGlit. 



deu nach dem Winterbergo zurii( kgebeudeu Truppen ein verheeren- 
des Schnellfeuer nach, ohne aber weiter vorzugehen. Er begnügte 
sich damit, die Mulde zwischen dem Gifurt- und Pfafl'euwalde und 
deren zanächst liegende Käiuier durch das 2. Regiment zu besetsen; 
das 24. Regiment wurde wieder znrückgenomineD. 

"Während dieses Gefechtes des preufsischen linken Flügelbntaillons 
gegen die zuletzt genannten l)eiden Regimenter fand weiter rechts 
ein ebenso ungleicher Kampf statt. Dort stand Major v. Hardt mit 
den 3 Compagnien des 2. Bataillons dem französischen 40. Regiment 
gegenüber. Zwar behauptete sich noch immer die 6. Compagnie 
in ihrer Stellung dem Roten Berge gegenüber, von wo aus sie 
den vorher durch General v. Franeois unternommenen Frontal- 
angriff durch ihr Feuer unterstützt hatte; dagegen mufsten die an 
den Südrand des Gifertvvaldcs vorgeschobenen beiden Conipaguiou 
allmählich bis auf die Kammhöhe, teilweise sogar nach dem Nord- 
rande des Holzes zurückweichen. Da indessen der Gegner nicht 
nachdrangte. sich Tielmehr Dan links nach dem Roten Berge 
wendete, so gelang es der 7. Compagnie, sieb auf den Nordhingen 
des Qifertwaldea zn behaupten. links neben ihr ging die 5. Com- 
pagnie wieder bis gegen die Kammli&he vor und «nf ihrem linken 
Flflgel hielt sich Mich der grObere Teil der dritten. Nur ein Zug 
dar kdarteren halte «ich der riickgängigen Bewegong der nbiigen 
Teile des 1. Bataillons nach dem Winterberge angeschlossen, welches 
sich dort gegen 4 Uhr Nachmittags neben den nm diese Zeit 
eintreifenden VerstSrlningcn anfstellte. 

Der eben beachrieboie Angriff der Franzosen — des 2. Re- 
giments — gegen den linken Flügel der Prenfeen im Gifertwald — 
i. Bat. Regts. Nr. 39 — wurde allem Anschein nach richtig an- 
gesetzt und durchgeführt. Im Besitze einer mehr als Tiei&cben 
Überlegenheit — das 24. franzünsche Regiment wirkte ebenfalls 
mit — waren die Fhmzosen von Torn herein auf die ümfasanng 
des preulsisohen linken Flügels bedacht und brachten dieselbe zur 
Ausführung. Auch ihr weiteres Verfahren mofe als saebgem&ls 
bezeichnet werden. Sie stieben bis zum Nordrand des Waldes durch 
und yerfolgten das zurückweichende prenfeische Bataillon von hier 
ans durch Schnellfeuer. Ein weiteiee Nachdrihigen über den Wald- 
rand hinaus nach der freien Niederung konnte weder ihnen mehr 
Vorteil noch den Prenlsen mehr Nachteil bringen, als das krSflige 
Verfoignngefeuer. An den nördlichen Waldifindem war aufserdem 
der geeignetste Platz, um neuen Angriffen der Preuisen zu be- 
gegnen. — Übrigens scheinen die beiden fraaz&sischen Brigaden 



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Dm WaldfoMt 29 

Micheler und Do^ns ohne gegenseitiges Einverständuis und ohne 
Znaammenhang gehandelt so haben. Sonst hlitte es doch nahe 
gelegen, die nach Bewältigung deä linken preufeischen Flügels übor- 
schnssigen Kräfte — das 24. Regt. — in westlicher Richtung zar 
Entscheidung des im Westteil des Gifertwaldes noch hin und her- 
wogenden Gefechtes zu verwenden, anstatt diese Truppen zurück- 
sniziehen. Eine Bewegung des 24. franz. Regts. entlang dem Nord- 
sanm des Gifertwaldes nach dem Roten Berge zu mnfste die noch 
im Gehölze stehenden Preufsen 2. Bat. Re^'ts. Nr. 39 - in die 
scliliramste Lage bringen. In der Front durch das 40. und später 
auch durcli das 63. franz. Regt, in der rechten Flanke bedrängt, 
waren diese wenigen Conipagnieu iiocli im Rücken und in der 
linken Flank»? unikhimiuert und dadurch gänzlich niif-:er Gefecht 
gvsttzt worden. Aher bei solchen Gelegenheiten tritt du' Doppel- 
natur des Waldes deutlich hervor. Für den f^inr:! TeU schafift die 
waldige Bedeckung des Gefechtsfeldes Verhältnisse, w* Idie die glück- 
liche Durchführung des Gefechtes im höchsten Malse begünstigen; 
allein zum Nutzen des Gegners bleibt intul^j;'' ler mangelnden 
t lier-icht die (iunst der Lage unbemerkt und nnver wertet. Anderer- 
seits ist es keine Frage, dafs nur der Giiertwald den Preufsen das 
Festhalten jener Ilrilnn erniöglichte. Auf freiem Gelände wäre 
den 7 Compagnien Kegts. Nr. 39 der erdrückenden franziisL-chen 
Übermacht gegenüber nicht gelangen, was sie mit Hilfe der decken- 
den Waldung erreichten. « 

Zur Zeit, als die rückgängige Bewegung der Preufsen im 
Gifertwalde stattfand, war General v. Göben bei Saarbrücken ein- 
getroffen. Eine möglichst unmittelbare Verstärkung des schwachen 
nnd augenscheinlich hart bedrängten linken Flügels im Gifertwalde 
erschien dringend geboten und der General beschlofs daher, die 
neu eintreffenden Truppen gegen die bewaldeten steilen Nordlüuige 
der Spicherer Höhcui zu verwenden, um diese dauernd in Besitz, 
nehmen und von dort aus, die feindlichen Stellungen flankierend, 
aui" Ufr Uüchebeue vorzudringen. Für die nuchsLe Zeit — zwischen 
3 und 4 Uhr — verfügte man nur über die vordersten Abteilungen 
der 5. und 6. Division, welche gleichzeitig auf dem Winterberge 
und dem Reppertsberge ankamen. Der Führer der 5. Division, 
General t. Stiilpnagel, welcher bereits früher auf dem Gefecht«felde 
angelangt war, gab im Einklang mit der Auffassung des Generals 
Gdben seine Einwilligung, daCs General Döring, Commandonr 
der 9. Brigade, von dem iniwisclim an dem Winterberge auf> 
mancbierten Infiuiterie-Begiment Nr. 48 dae 1. und Ffi8.-Bat, anter 



Oberst v. Garrelts nm Vj^ Uhr gegen den Gifertwa]^ vorrücken 
lief«, ['le Truppen nahmen die früher Hcbon vou Oberst v. Pakens 
eingeschlagene Richtung nach dem durcli lichteres Holz kenntlichen 
Sattel zwisciien «lern Gifert- nnd Pfaffen walde. Daß erste TreflFen 
bildeten die P'üj>ilit're, nnd zwar die 9. und 12. Compagnif» in 
Compagnie- Kolonnen, der Rest als Halbbatuillon dahinter. Diesöin 
folgte das 1. Bataillou, gleichfali8 lu Halbbatailloue gegliedert. Unter 
leichtem Granat- und Gewehrfeuer erreichten diese Truppen den 
Fufs der Höhe in der Nähe der mehrfach erwähnten EÜnsattelung, 
nachdem sie die letzte Strecke im Laufschritt zurückgelegt, hatten. 
Während das 1. Bataillon hinter einem Erdwalle vorläulig im 
Rückhalt blieb, begannen die Fnailierc, die hewaldeten Schlucht- 
hange zu ersteigen. Der Gegner, iu Grüben liegend und durch 
niiichtif^e Bäume gedeckt, empfing sie mit einem lebhaften Feuer. 
Als er sich aber von der 9. Compagnie, welche ihren rechten Flügel 
vorgenommen hatte, flankiert sah, wich er fechtend im hohen 
Holze zurück. Die Füsiliere, im Ganzen ihre bisherige Gliederung 
beibehaltend, folgten unter starken Verlusten nnd erreichten gegen 
5 Uhr den Südrand der Waldung. Wie früher bei dem ersten 
Angpriffe der 39ger, zog der Feind über die Blölse zwischen dem 
Gifert- nnd Plaffenwalde ab, um ftuch diesmal wieder in den tiefen 
Qiüben d« a&dUch dann InnfAhrenden Weges feeten Stand m 
nebmen nnd von dort ans mit stürkeren Srilflen die Fflsiliere sa 
bedr&Dgen. Anf Veranlassong des anwesenden Generals t. StQlp- 
nagel war aber iucwischen das 1. BataiHon Torgegangen, nm den 
rechten Flügel des Gegners za ttmfiusen. Die eigene linke Fhmke 
mit einem Zöge deckend, traf es «ne Vs Stunde nach den Füsilieren 
an dem Waldesrande ein, in einem Angenblicke, als der Fdnd einen 
ernsten Yorstols mit starken Scbütsenscliwirmeii unternabm. Es 
gelang, denselben fiberall sorueksawerfen nnd den eroberten Wald» 
sanm auch fernerhin sn behaupten. Dieser iweiie Angriff anf dm 
fietliehen Teil des Gifertwaldes nnd den Pfaffenwald begegnete 
grOlseren Schwierigkeiten nnd brachte auch gröbere Verluste als 
der erste, da das 2. frans. Regt, diesmal den Nordrand der Waldung 
besetzt hielt und Terbeidigte. Unter dem Drucke einer Flankierung 
durch die 9. Comp. Begts. Nr. 48 gab dasselbe jedoch seine Stellung 
auf. Venchieden von dem Verlaufe des erstmaligen Angrifb wur 
die ZurtLckhaltung der Hälfte der Angrilbtruppe, bis sich in der 
weiteren Entwickelung des Gefechtes die beste Art ihrer Ver- 
wendung erkennen liels. Auch hierbei zeigte sich die unwider- 



Du Waldgafeelit. 



31 



stehliche Wirkung einer richtig angesetzten Umfattung 
and der Wert der eigenen Flankendeckung. 

Während nun der Pfaffenwald und der Östliche Teil des Gifert- 
waldes in den Belitz der Preufeen gekommen war, wurde um den 
westlichen Teil dos letzteren noch heftig gekämpft, Auf fran- 
zösischer Seite fochten dort in erster Linie das 63. Regt, und flas 
10. Jäger-Rat.; in zweiter Linie stand das 40. Rep^t. ; auch die 
oben erwyhntPTi Trilf» der Brigade Bastoul griffen später in das 
Gefeclit ein. öo lange die Franzosen den westlichen Teil des 
Gilt i t u ;i1des festhielten, konnten die prrufsisrhci^ Anc:riffp treffen 
die tf'in l liehe Mitte auf dem Roten Berge nur langsanje I'oi tschritte 
machen, weil jedes Vordringen auf der schmalen Bs i\'zi;nge vom 
Gifertwalde aus seitens der Franzosen flankiert wuri]f\ lorf n Stellung 
auf der freien Höhe einen sicheren Rückhalt an deui nahen Walde 
hatte. iiiKTi n letzteren richtete ii ?ic>i nun die vr-rfirittMi Anstrengungen 
der vom Winter- unr\ lu ])[ti^rtsbrr(^'e her in kurzen Abständen hinter- 
einander eingreife luUui neuen Verstärkuii<;eu. — Der Führer des 
III. preulsischen Corps, General v. .Alven sielten, weicher aut einem 
der Eisenbuhnzüge iu St. Johann eingetroiien war, die das 1. und 
2. Bat. Kegta. Nr. 12 herbeigebracht hatten, war sogleich auf da« 
Gefechtsfeld geeilt, wo er sich mit dem General v. Stülpnagel dahin 
verständigte, dafs der beabsichtigte Augriff gegen den rechten Flügel 
der Franzosen mit möglichstem Nachdruck geschehen müsse. Dem- 
zufolge liefs der letztgenannte General nm Vsö Uhr auch uoch das 
2. Hat. Regts. Nr. 4ä vom Winterberg vorrücken. Dasselbe zog 
sich bui Aiiiiiihci ung an den Nordraud des Waldes in Couipagnie- 
Kolonneu auseinander. Die Compagnien des rechten Flügels wendeten 
sich gegen eine steile und stark besetzte Schlucht, stürmten sie 
unter schweren Verlusten uud folgten dann dem westlichen Wald- 
saume, indem sie den auf der Höhe noch widerstehenden Feind 
vor sich hertrieben. Die beiden Compagnien des linken Flügels 
waren weiter östlich in den Wald eingedrungen. Mit Hurrah und 
icblagenden Tambours stürmten sie im Verein mit den schon 
froher dort fechtenden Trappen (mit dem 2. Bat Regts. Nr. 39 
n. 1. w.) die Kammhdhe innerhalb desselben. — Von dtm eben- 
foUa anf dem RepperUberge Temmmelten Regiment Nr. 40 war 
das h Batv anfftnglieh in HalbbataiUonen Torgegangen, bildete aber 
bei Anniherong an dk HMien gleichfalb Compagnie-Eolonnen. Die 
1. nnd 4. Compagnie wendeten eich naeh dem Otthange des Boten 
Berges nnd nahmen im Vereine mit den anderen dort kampfenden 
Trappen die Nbrdwestecke dee Gifertwaldes, die 8. und 3. Gomp. 



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33 



Dm Waldctfeeht 



drangen weiter links in den Wald ein. Beide Teile des Bataillons 
hatten dabei hartf Kämpfe zu bestehen; mebrerp Offiziere wurden 
schwer verwnnJet. Hinter den beiden letztgeuaniiteii Compagnien 
griff noch vor ö Uhr auch 2. Bat. Regts. Nr. 40 mit 3 Com- 
paguieu in das hin nnd iierwognnde Waldirefecht ein. Je wpiti?r 
man in dem dichten Holze aufwärts v niiraug, desto lietti^nT wurde 
das Feuer und desto zäher der Widerstand des Feindes. — Das 
2. Bat, Regts. Nr. 12, erst um 4 Uhr in St. Johann mit der 
Eisenbahn eingetroffen, hatte i)eim Vorgehen von dem Rapperts- 
berge aus eine mittlere Richtung 7\Mt>ciicn dem Ruten Berge und 
dem östlichen Teile des Gifertwaldes eingeschlagen. Ala auch dieses 
Bataillon ungetlihr um 5 Uhr in das Gefecht eintrat, wurde zwar 
noch um die höchste Bergkuppe im Walde gekämpit; doch drangen 
die preufsischeo Truppen im Allgemeinen schon nach dem Süd- 
rande vor. — 

Während der östliche Teil tles Gifertwaldes durch 8 Compagnien 
Regts. Nr. 48 den Franzosen entrissen und Uauemd behauptet wurde, 
hielten sich iin mittleren Teile des Waldes 4 Compagüitii in viel- 
fach schwankendem Gefechte (3., 5.. 7. und G. Comp. Regts. Nr. 39); 
aber die meisten Anstrengungen forderte die W^nahme des west- 
lichen Waldteiles, gegen dessen Nordrand im Ganzen ungefähr 
17 Compagnien der Regimenter Nr, 12, 40, 48 und 74 nach und 
nach vorgegangen waren. Die Division Laveaucoupet leistete zähen 
Widerstand; sie war mit allen ihren Kräften in das Gefecht ein- 
getreten, ancb Teile der Brigade Bastonl hatten in dasselbe ein- 
gegriffen. Bas hartnädcige'Waidgefeoht führte anf Seite dw Prenfeen 
schwere Terlnsfce hwbei. Sogar die Compagnien gerieten mebr- 
faeh durcheinander, indem die ihrer Offiziere beraubten Abteilungen 
sieh anderen Tmppenkörpem anschlössen. Indessen machten die 
Pren&en immer weitere Fortschritte. 8ie warfen den Gegner von 
der höchsten Bergknppe heronter nnd verdr&ngteo ihn albidhlich 
fiwt ganz ans dem Gifertwalde, dessen SQdrand gegen 6 Uhr gröbten* 
teib erreicht nnd beeetst war« Etwas sp&ter gelang anch die völlige 
Yertreibong des Feindes aus dem F&ifenwalde; er wurde in die 
sfldlich gelegene Scblncht hinabgedringt* Nur die Södwestspitse 
des Gifartwaldes vermochte man preuCnscherseits nicht dauernd sn 
behaupten, da der Feind vornehmlich in dieser Bichtang die An- 
strengnogen verdoppelte und seine wiederholten Angfiflastolse dort- 
hin dnrch starkes Geschüts- nnd Mitraillensenfeuer untentütste. 
Die Bodengesfcaltung war dabei den Fransosen insofern günstig, 
als sie \m völlig freiem Schulsfelde eine Entwickelang in breiter 



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Dag Waldgefeelit 



33 



Front g«gen den Bcbmftlen Landrücken gflskattete, von weldiem 
ans allein hm jetot eftmiliche im Gifertwalde und auf dem Boten 
Beige verwendeten prenbiachen Troppen weiter ▼orsndringen 
snebten. ~- 

Scbon die Art nnd Weise, wie prenfsischeriteits der Kampf 
genibrt nnd die nach nnd nach anf dem Gef'echtsfelde eintreffenden 
Bataillone drei^ verschiedener Corpe ins Gefecht geworfen wurden, 
mufste die gröfirtmdgliche Vermischung der Trappenverbande mit 
sieh bringen, auch wenn der Kampfplatz frei und eben gewesen 
wire. Wie viel mehr niufste dies anf den bewaldeten, Bchluchten- 
reichen Spicherer Höhen und Hängen der Fall sein, wo eine ein* 
heitliche Leitung des Gefechtes ohnehin nicht zu erreichen war. 
Vielleicht hätten sich die in der Gefechtsführung begründeten 
Mißstände in etwas beheben lassen, wenn der eigentliche Angriff 
verschoben worden wäre, bis eine der Ausdehnung des Gefechts- 
feldes entsprechende Trnppenzahl eingetroffen nnd in der Hand der 
oberen Führer vereinigt war. Nachdem aber einmal der Kampf 
nm den Roten Berg nnd don Gifertwald mit grofser Heftigkeit und 
nnter für die Preufsen teilweise ungünstigem Verlaufe entbrannt 
war, l^y^n die Generale v. Göben und v. Alvensleben gerade anf 
die Forderung des Gefechtes auf dem linken Flügel den Haupt- 
nacbdruck und setzten sofort alle neu ankommenden Streitkräfte 
ein, um die in der Mitte der Schlachtlinie gefesselten Truppen 
möglichst zu entlasten. Die meisten in diesem Sinne verwendeten 
Streitkraft^ der Preufsen wurden fiher gegen die starke Front des 
rechten französischen Flügels vorgeführt nnd vermochten daher nur 
langsam und mit grofsen Opfern vorzudringen. Der schwäcliste 
Punkt dieser Flügelstellung hinjjjegen war die rechte Flanke im 
östlichen Teil des (lifertwaldes nnd im PtatTenwahl ; hutr konnte 
der Hebel zur Erschütterunf^ der ganzen Stellun'_r mit Vorteil an- 
gesetzt werden. Die Vorhereitung; des Angritfes oblag hauptsächlich 
der iu hinreichender Stärke vorliandetun und in günstigen Stellungen 
aufgestellten Artillerie; die Beächättigunp- der Verteidiger in der 
Front konnten verhültnismiifsig geringe Kralte besorgen, während 
die Haupt.stHrk<i ili'-i Angreifers vom Ostteil des (lifertwalde« aus 
gegen die Spicherer Höhen entwickelt wurde. Die l>eim Ersteigen 
nnd Erstürmen der Nordhängc erlittenen grofsen Verluste blieben 
dem Angreifer /um gröfsten Teil erspart, wenn er innerhalb des 
Gifertwaldes gedeckt von Osten nach Westen vorging; eine solche 
Angntisbewegung traf die franzüsis- hf Stellung in die Flanke und 
vermochte den ganzen Flügel aul/.urollen. Ein Teil der Truppen 

JtMAchMr Mr 4it Dtntacb* AnPM <»4 Karta*. Bl LUV« 1 3 



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34 



Daü Waldgefecht 



mufete, wie oben schon angedeutet wurde, allerdings diese Bewegung 
durch Festhaltung des südlicheu Waldrandes gegen feindliche Vor- 
stöfse von Süden her sichern, was aber ohne besondere Schwierigkeit 
erreichbar gewesen wäre, da die Franzosen hau pti^iich lieb daü Vor- 
brechen der Preufsen Ober den Siidrand des Waldes hinaus zu ver- 
hindern suchten und wenitxer auf die Wiedergewuiiiuiig desselben 
bedacht waitii. Die Anhautiiug bedeutender Kräfte der Preufsen 
auf dem verhältuismärsig engen Raum in der Mulde westlich des 
Roten Berges gegenüber der Nordwesteeke des Gifertwaldes, um 
dort die Zurückwerfung der Franzosen zu erzwingen, ist übrigens 
aus der Gefechtslage leicht zu erklären. Das heftige und unent- 
schiedene Ringen der wenigen preufsischen Compagnien um den 
Roten Berg vollzog sich unmittelbar vor den Augen der höhereu 
preufsischen Führer and veraiilafste diese, die eintreffendea Ver- 
stärkungen gerade dorthin zu lenken. Die dringende Not- 
wendigkeit schlofe weiter ansholendei Zeit rauhende UmfanangB- 
bewegungen aus, uachdem man auf eine mhigere Entwickelnng der 
Dinge Tenichtet nnd rieh aaf den Kampf gegen die Mitte der 
feindUcben Schtacbtlinie emstUeb eingelassen hatte. Aneh anf 
Seite dw Fransosen zog dieser gewaltige Kampf anf dem Boten 
B«[ge und in dem rfickwirts gelegenen westliehen Teile des Gifert- 
waldes bedentende KrSfte an. — 

ESn«: besonderen Erwähnung bedarf noch das Gefeeht nm die 
sfidwestliehe Spitie des Gifertwaldes, welches fortdanerte, nachdem 
bereits der nördliche Teil des Boten Berges und der ganze fibrige 
Teil des Gifertwaldes in die Hände der PreuJaen gefallen war. 
Anber den bereits in der geschiditlichen Darstellung hervorgehobenen 
ümsUnden war es ohne Zweifel hier die Gestalt des Wald- 
randes, welche den. Preufsen das Vordringen ebenso er- 
schwerte, wie sie den Fransosen die Gegenwehr erleich- 
terte. Der Sfidwestaipfel des Gifertwaldes bildete einen nach 
Sfidwesten vorspringenden spitzen Winkel mit nngeffthr 360 m 
langen Schenkeln, deren Endpunkte etwa 180 m yon einander ent- 
fernt waren. In dem dnrch diese Linien begrenzten Dreieck konnten, 
sumal gegen einen sfldlich stehenden Feind, nur geringe Krilfte, 
Verwendung finden; di^pegen Termochte letxtner diesen Wald» 
Torsprong von awei Seiten zu umfassen und mit einem dichten 
Hagel von Geschossen zu bedecken. Der zähe Kampf um die Sttd- 
westspitse des Gifertwaldes beleuchtet hell die Yerachiedenartige 
Bedeutung, welche vorspringende Winkel eines Wald* 
randes für den Angreifer und ffir den Verteidiger haben* 



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* 

Btadin fllMT den Felddieul dar fkaastMBdwii KmUerie. 35 



Erst als die Preufsen den linken Flügel der Franzosen unter Er- 
gtfirmang der Häusergruppe an der Hanptstrafso von Sjiarbrücken 
nach Forbach (Zollhaus, Güldene Bremm, Haracke Mouton) zurück- 
gedrängt uud dadurch den Aufstiefj zu den Spicherer H">hpn von 
Wj'sten her sich erschlossen hatten, gelang es 2 Compagnien dt» 
(irenadier-Refrts. Nr, 8 in der vom Zollhanse in östlicher Richtung 
nach den Hoben ziehenden Schlucht oniporzusteiger, dem Feinde 
die lll-^ln r noch hrtrtnäckig verteiciigte südlichste Erhebung des 
Roten Berges zu eatit;ilsen und in die Südwestecke des Gifertwaldes 
einzudringen. Auch au diesem Punkte brachte souach der Stofc 
in die Flanke die anderweitig Tergeblich erstrebte Entscheidung. 

(FortMtnmg faigt,) 



m Studien über den Eelddienst der 
französisclieii jEavallerie. 

Die frsnsosische Kavallerie hat im letzten deutsch-franzosischen 
Kriege keine groDw Bolle gespielt und yerhältnismäfsig wenig zur 
Abwehr der in Frankreich eindringenden Heere beigetrugcu. Diese 
ThaiMushe hat mancherla Orttnde, die Haaptorsaohe ist aber neben 
der meistens uuiditigen Verwendung sowohl der kl^en &Yallerie- 
Abteilungen als anob der grofsen Beitermassen, die mangelhafte 
Anabildnng gewesoi. Ei fragt sidi nnn, ob die firanaSsisebe Bmterei 
ans ihren Niederlagen vcmi Jahre 1870/71 die Lehren gezogen bat, 
welche die Grmdlage znr Besserung sind oder ob dieselben ganz 
oder teilweise nnbeachtet blieben. Es kann nnn nioht unsere Anf" 
gäbe sein, die Verh&ltnisse der französischen EaTallerie bis in ihre 
Einselheiten voranfllhrai, sondern wir beschrfinken uns daranf^ die 
Hanptteüe des Felddienstes, und des Qefechts ohne allsuviel kritisehe 
Bemerkungen damsfcellen. Wir haben dasu vor allem die ver* 
schiedenen B^lements und Instruktionen benutat, welche im Ge- 
* brauch sind* ZunBchst wollen wir jedoch noch kurz den Ausbildongs- 



36 



Stadien ftber d«B Ftiddienrt der frantAsisohen Kanllerie. 



gaiiE^ dpr französischen Kavallerie darstellen und hierauf piniprp kurxe 
Bemerkungen über die Organisation und Dislokation anschliefseu. 

I. Die Ausbildung. Wohl in keiner zivilisierten Ar?nee 
herrscht eine so j^eringe Liebe zum Pferd«^ als in der Französi>icheu. 
Sorgfalt in der Behandlung und Schonung der Pferde gehören zn 
den Seltenheiten, und ist es deshalb nicht zu verwundern, w«nn das 
Pferd ematerial nur bei wenigen Regimentern in wirklich gutem 
Zustande sich Ijehndet. Auffallend ist jedem Beobacliter die grof^f 
Anzahl kranker Pferde, Selten sieht man aber auch eine Ordonnanz 
im Trab reiten, fast immer, auch in den Slrafsen der Städte, wird 
galoppiert, an Ecken plötzlich pariert und wieder anirespreugt. Dem 
Stalldienst wird meistens nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet 
und sollen, nach Aussage glaubwürdiger Zeugen, MiCsbandluDgen 
nicht selten vorkommen. 

Die Ausbildung der Kavallerie findet nach dem im Jahre 1882 
revidierten und ergänzten Exerzier-Reglemeut von 187G statt, welches 
das provisorische Reglement von 1871 ersetzt hatte. Das diesem 
vorangehende Exerzier -Reglement datierte noch vom G. Dezember 
1829. 

Die Verantwortlichkeit, die Pflichten und Befugnisse jeden 
Grades sind durch das genannte Reglement wie folgt bestimiiil; Der 
Oberst ist für alle Teile der Ausbildung seines Regiments verant- 
wortlich und hat er dafür zu sorgen, dafs jedem Gradierten die 
Selbstständigkeit gewahrt bleibe, welche dessen VerantwortUchkeit 
entspricht. Seinen Einflufs hat er wen^er durch direktes Eingreifen 
in Einzelheiten, als durch «men daa Oanze regelnden Antrieb geltend 
zu machen. — Der Obersilieotenaat überwacht den Gang des 
theoretischen und praktischen Unterrichte. Sdne Aulmerlnamkeit 
hat er hauptsächlich aaf die Aasbildimg der Unteroffinere, Brigadiers 
nnd die mv Befördenmg in Ansricht genommenen Beiter sn richten. 
Er vereinigt, ad ee in Yortrigen oder im GelSnde, die Offitiere 
aller Giade, am ihre Aosbaldnng m ▼ervollkommnen nnd sie in den 
Zweck und Geist der Terschiedenen reglementarisehen Vorschriften 
einsQffihren. — Die Chefs d^escadron überwachen die Ane- 
bildung ihres Halbregiments bis snm Beginn der Regimentssefanle. 
Sie bestreben sich, ihre Schwadronen anf der gleichen BJB^\» m 
halten nnd den Rittmeistern (capitunes oommandants) die dasa 
ndtige Anleitung zn geben. — Die Rittmeister leiten die Ao»- 
bildung ihrer Sc&wadronen nnd sind daför verantwortlich. Sie 
bestimmen, innerhalb der Grenzen der Vorechrifteii, die Abwechslang 
der ünterrichtsgegenst&nde. Soviel als möglich ISlst der Rittmeister 



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Stadira ttber den F«1ddi«iifk d«r fhunM«bM Kinllttia. 



87 



jede Unterabteilung tlurcli ihren Führer ausbilden, wobei er aber 
stets seinen peraönlichen Einflufe auf alle Teile der Ausbildung aus- 
zuüben hat. Die Rittmeister haben die praktische Ausbildung der 
Cadres zu vervollständigten nnd zu verhpssern. Der theoretische 
Fnterricht der Ihiteroffiziere, Brigadiers und Bricradierschüler wird in 
jeder Schwadron von einem Offizier derselben erteilt. Der In- 
strnktions- Rittmeister. welch^T zur Verfügnncf des Regiments- 
( 'omnmndenrfi steht, hat die Kegimentsschule der Unteroffiziere zu 
leiten und den Lieutenante? und üntorlieutenante über das Schiefsen, 
die Artillerie, Topo^Müfihie, Pferdekenntnis n. s. w. Vortrüt^e zu 
halten. Aufserdem kann er zur Vervollkommnung der ileitausbildung 
der Lieutenants und T'nterlieutenants verwendet werden. — Von 
dpn Offizieren wird verlaiii^t, dass sie das Kxerzier- Reglement u. s. w. 
von Grund aus kenueu, ferner die nötigen K( iintnis.se in der Topo- 
graphie, Fortifikation, der Artillerie und Taktik l>esitzen. 

Die Unteroffiziere sollen im Stande sein, den einzelnen 
Mann, sowu; die Zugschule zu untcmrlit >ii. Aufserdem sollen sie 
alle Einzelheiten des Dienstes kennen und len Zugführer, wenn 
nnti[j vertreten können. Die theoretische Ausbildung des Unt r- 
tfi/.iers soll umfassen: Die (tnindlagen der Ausbildung, soweit .sie 
ihn angehen, die Ausbildung des Reiters, des Zugs, uud der 
Schwadron, den innern Dienst, den Felddienst, den Platzdienst, 
soweit dieser ihren Grad angeht, aufserdem praktische Kenntnisse 
der Gesund b ei tslehre und der Pferdekunde. — Die Unteroffiziere 
sollen eine kurze schriftliche Meldung erstatten nnd ilies« mit einem 
erklärenden Kroki bej^ieiten können. — Die Brigadiers sollen das 
Exerzieren des ein/elimn Mannes und der Trupps lehren, den Platz 
eines Flügeluuteroffiziers ausfüllen und ihren Abmarsch in den 
verschiedeneu Lagen führen können. Sie sollen sich durch eine 
besondere Fertigkeit im Reiten, im Voltigieren, Fechten n. t. w. 
auszeichnen. Die praktische Ansbildung der Brigadiers umfaiat alle 
Einzelheiten des inneren Dienstes, Platzdienates und Felddienates. 

Der Oberst kann in jeder Schwadron dne Annhl Briter aiia- 
wählen und dieselben zu einem Spezialknrana tos Brigsdi«ra8eli81eni 
vereinigen. Diese moastn bereite drri Monate in ihre Schwadron 
eingeteilt aein, Sie blriben in derselben, ausgenommen in den für 
den beeonderen ünterviebt bestimmten Stunden. 

Der Rekrnien-Ünterricht wird ganz vom Scbwadrona* 
Kommandanten geleitet. Er nmfalat die Einselansbildung and die 
Zagsebnle. Die Aasbildiing des Bekrnten b^nnt mit dem Pufs- 
exernerBD; zu gleieber Zeit sind dem Rekruten die völlige Dia- 



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38 



Stedien Aber den FdddieBst der fniiitaisohen Kavallerie. 



zipüii, wie die Vorschriften über den Polizei- und Innern Dienst 
IjL'izubringeii ; weitere Uuterriclitszvveij^e siud das Pt"er^epnt/en , das 
Ali! halten der i'ferdi'fOfse iu der SchaiieUe, die Ki-mitnis und der 
Unterhalt der Bewaffnung, Ausrüstung und Beschirrung, das Mantel- 
rollen, Packen, Satteln, Ziiuuien u. s. w. Diese Teile der Aus- 
bildung worden vom Brigadier des ZiuiiuLTs, in welchem der Rekrut 
liegt, gegeben und zwar unter Aufsicht des Unteroffiziers and des 
Offiziers des betreffenden Zugs. Einige Tage nach der Einstellung 
beginnt die Ausbildung zu Pferde. Nachdem der Oberst die Einsel- 
aosbildung genügend fortgeschritten erachtet, IfiXst er die Zugschule 
und den Felddienst beginnen. Die auterricbteuden ünterolfiiiere 
11, 8. w. sollen Btets die gleichen Lente und swar w Fob und zu 
Pferd ontenriditen. — Die Reitstunden soUen im Regiment eo 
▼erleilt weiden, dafo die Relnmten alle Tage reiten, obne dafe damit 
alle Pferdeki&fie Terbraueht werden, eo dafe auch die alten Leute 
soviel ab möglich tiglicb aufs Pferd kommen. 

Das Auabild ungBjabr zerfallt in vier Perioden. Die erste 
Periode dauert je nadi den ümetanden bis zum 15. Marz oder 
15. April. Der B^imente-Commandenr inspiziert am Si^IuJb der« 
selben die Schwadronen. 

Die erste Periode umfabt: a) Rekruten. Einzdausbildong 
SU Pferde; Torbereitende Übungen, Reiten auf Trense und Stange, 
Einzelausbildung zu Fnb; theoretische Ausbildung ttber die Pflichten 
des Soldaten; Schieben, Zerlegoi und Zusammensetzen der Waffen; 
Voltigieren, Turnen. — b) Reiter. Eänzelausbildong zu Pferde; 
▼orbereitende Übungen; Reiten auf Trense und Stange; Einzel- 
ausbildung zu Fnis; theoretische Ausbildung im inneren Dienst, 
Platzdienst, Felddienet u. s. w.; Schielsen, Voltigieren und Turnen. 

Die zweite Periode dauert bis zum 15. Mai oder 1. Juni. 
Die Inspizierung findet für die Rekruten durch den Brigade-General, 
far die älteren Leute durch den Regiments ^Gommandeur statt, 
a) Rekruten. Einzelansbilduog zu Pferde; Reiten mit den Waffen; 
Zugscbnle zu Pferde; Zogschule und Schwadronsschule zu Fub; 
Felddienstfibuugen; theoretische Ausbildung Uber die Pflichten des 
Soldaten, Schielsen, Zerlegen und Zusammensetzen der Waffen. 
Voltigieren und Turnen. — b) Reiter. Die gleichen Übungen wie 
die Rekruten. 

In der dritten Periode, die bis zum 1. oder 15. Juli dauert 
und deren Ergebnisse durch den Oberst inspiziert werden, werden 
Rekruten und Reiter vereinigt in der Schwadronsschule, im Feld« 
dienst, Turnen, Schwimmen u. 8. w. ausgebildet. 



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Stndieii fib«r den Felddi«int der frimtaisdien Xanlltrie. 



39 



Die vierte Periode umfafst die Regimentsschule , den Feld- 
dienet, die Aushildun«; der ('.idres und die Ansbildung der Remonten. 
Sie dauert bis zum 15. August oder 1. September. Der Inspekteur 
ist der Divisions-Geiierai. 

Die Inspektioneu sollen den Gang des Unterridito so wenig als 
möglich stören. 

A]1p nffizipfü uud Unteroffiziere ■iii;ilten außerdem einen be- 
sonder» n l riterricht, und zwar wird derstll» ■ ZTinUclist in der Schwa- 
dron, dann mi Halbrcprimeiit, liierauf im ikegmieul, tler Brigade und 
zuleUt in der Division und zwar iewoüeii von dem Führer der 
betreffenden Einheit erteilt. Hat ein Führer in seinem Grade noch 
nicht die genügende Erfahrung, welche zur Erteilung dieser Art des 
Unterrichts notwendig ibt, so kauu er ausnahmsweise und zeitweilig 
von dem Nächstältesten ersetzt werden. 

In der Schwadron erstrecken sich die Übungen der Cadres 
auf: Die Ausbildung zu Fufs und zti Pferd bis zur Schwadrons- 
hchale, SchieCsen, '/ureitt-ii und Trainieren der Pferde. Lougieren 
u. 8. w. — Gefechtsui)ungcu : Die eiuzelfechtende Schwadron, Thätig- 
keit der Flügelzöge, Unterstötzungsschwadron u, s. w. Fnfsgefecht, 
— Orientierungsübungen. Sicherheitsdieust im Marsch und auf 
Vorposten. - Kleiner Krieg. Artillcriebedeckung. Zerstörung von 
Eisenbahnen. Im Gelände könnL-n zu diesen Übungen der CaJre;^ 
einige Reiter zugezog« n werden. Nach jeder Übung ist dem Chef 
d'eseadrou ein Bericht zu erstatten. 

Die Übungen im llalbregime nt und Regiment umfassen 
alle genannten Teile des Felddienstes in entsprechenden Verhalt- 
nissen, es kommt dazu die Verwendung der Kavallerie in Verbindung 
mit den andern Waffen. Zu den Cadre-Übungen im Halbregiment 
uud Regiment werden nur die Offiziere zugezogen. Jeder Offizier 
bat die im Yerlaofe der Übung empfangenen und gegebenen Befehle 
in einem Notisbacbe anfzuscbreiben. Dieselben entatten dann 
keinen Beriebt, soadern geben ibre Notixen schon im Gelinde dem 
Leitenden, welcher danach eine Relation KosammeoBtellt. 

Die CadreQbnngen der Brigade nmlassen alle Aufgaben, 
welche die Verwendung derselben in der Kavallerie- Division, als 
Corps-Kavallerie eines selbststindigen oder im Armeeverbande stehen- 
den Armee-Corps zn&llen kfinnen. IMese Übungen finden jährlich 
in jeder Brigade statt, und bilden ein Manöver von 5 Tagen Dauer, 
welches sich nach einem Generalbefebl abwickelt. In den 5 Tagen 
soll die Kriegshandlung eines Tage^ im Felde dargestellt wwden, 
es sollen dabei keine grolsen Strecken zurückgelegt werden und 



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40 



Studien fiber den Felddienst der ii-aniösischen Kavallerie. 



()rtsv«*rämlerungtMi nur soweit stattKiidon, uls es die Entwirklnng 
dfT Anl^Tiihc t'rfordert. Die uu (H<'.sen Übungen teiluehtnrndou Offiziere 
sind; Der Brigade-(ieiieral, ein (Joneralskabs-Offfzier, ein Artillerie- 
Offizier. Ferner von j^dom Rej^imciit: Der Oberst oder Ohorst- 
Lieutenant, 1 Chel d'escadron oder der xMajur, 4 i; 1 1 meister odpr, 
wenn diese fehlen, die dafür passendsten Lieutenant;,. Von den 
Offizieren sind auch hier ähnlich wie im Regiment ßefehluotizbücher 
2U führen. 

In jeder Kavallerie-Division and in jedem Inspektions- 
kreise finden ebenfalls alljährlich Cadreül)ungen von vier Tagen 
Daaer statt, welche ähnlich den Brigadeübungeu za verlaufen haben. 
Es haben an denselben teüsQnehmai: Oer Dinstons-GenenU, der 
Stabschef, der Ordonnans-Offizier des Divisions-CommaDdearB; die 
Brigade-Generale mit ihren Ordonnanx-Ofifiziereo; der Kommandant 
der Artnllerie nnd die Batterie-Kommandanten der reitenden Batterien. 
Wenn n5tig auch der Unterintendant. — Ferner von den Kavallerie- 
Begimentern: Der Oberst oder OberstUeutenant, swei Stabs*Offiziere 
oder Bittmeister. — Bei den Divisionsübungen werden keine Rapporte 
im GelSnde selbst dem Leitenden eingereieht, da der höhere Grad 
der Abenden Offisiere jedes Eintreten in Einzelheiten verbietet. 
Nach der Rückkehr in die Garnisonen soll jedoch der Leitende 
allen Teilnehmern an der Übung eine Arbeit, welche das Ganze 
umfofst, ubertragen. 

IL Organisation. Die franzosische Kavallerie besitzt gegen- 
wärtig (am 1. April 1890) folgende Stärke: 12 Kürassier>Begimenter, 
30 Dragoner*Begimenter, 21 Jäger-Regimenter (Chassenrs ä cheval), 
12 Husaren-Regimenter, 6 Gfaasseurs-d'Afrique = 81 Regimenter, 
4 Spahis-Regimenter, in Summa 85 Regimenter mit 425 Schwadronen. 
Ferner 8 Remonte-Reiter-Compagnien zum Dienste in den Remonte- 
Anstalten bestimmt. Die Errichtung fernerer 6 Regimenter ist für 
das laufende und iwchste *Tahr in Aussiebt genommen.*) — Zu den 
obigen 425 Schwadronen treten dann noch im Kriegsfalle 148 der 
Territorial -Armee. — Von den 85 Regimentern der aktiven Armee 
haben nur die Spahts 6, die übrigen je 5 Schwadronen. 

Jedes Regiment wird von einem Oberst befehligt; zum Regi- 

•) Am H. Pebrnar d. J. ist das Gesetz vom 25. Juli 1887, betreffend die 
AufstcUang von 13 neuen Kavallerie-Regimentern (von (ienen 7 bereits errirhfet 
sind), dabin abgeändert worden, dafs erricbtet werden sollen: 2 Regimenter 
Klrssriere, $ Dragoner. 1 Chasaeare, 2 Uoaaren, 2 Chossours d'Afrique. Von den 
6 Boek m erriditendan wird das 18. KflraMier- and 18. Hnnnni'Bflgimeiit am 
1. Oktober d. J. taiiert vndeo. Aamerlcuig d. L. 



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StodiMi Aber den F«Mdi«aii d«r ftiavMwh«!! Ktfallarie. 



41 



mentsstabo j^ehören ferner 1 Oberstlieutenant, 2 Chefs d'escadron, 
1 Major, 1 Kapitäu-Instrukteur, 1 Kapitän ala Zahlmeister, 1 Kapitän 
als Bekleidungs-Offizier, 1 Lieutenant als Gehülfe des Zahlmeisters, 
1 Lieutenant als Standartenträger, 2 Ärzte, 3 Tierär/ic, ftmer ein 
Unterstab von 5 Unteroffizieren und ein Peloton hors rang: 7 mar»''- 
chanx de logis (Schreiber. Ilaudwerker, Fechtmeister), 4 Brigadiers 
und 16 Reiter (Schreiber, Fahrer und Handwerker). 

Von den 5 Schwadronen jedes Regiments bleibt die fünfte als 
De]H)t-Schwadron im Mobilmachnngsfalle zurück. Der Etat einer 
Schwadron im Kriege stellt sich auf: 1 Kapitän 1. Klasse, 

1 Kapitän 2. Klasse, 4 Lieutenants und Unterlieaieiumts, 8 Unter- 
offiziere, 14 Brigadiers, 4 Trompeter, 15 Fafsmannschaften (ein- 
schlielsliGh Schneider, Schuhmacher, Sattler), l.^<) Heiterl ^ Auf 
mobilem Fiifse hat ein Kavallerie-Regiment die ungefähre Stärke 
von 650 Offizieren und Mannschaften mit 680 Pferden (einschliefs- 
lich 45 Zugpferden), dazu 23 Fahrzeuge, nämlich 1 Fcldschmiede, 

Bagagewagen , 12 Lebensmittel wagen (bei den Keginientern der 
Kavallerie - Divisionen nur 6), 2 Marketender-, 1 Medizin- und 

2 Kranken -Trausport -Wagen, 

2 Regimenter bilden eine Brigade, kommandiert von einem 
Brigade-General, dem 2 Ordonnanz-Offiziere beigegeben sind. Die 
Gesamizahl der Pferde einer KaTallerie-Brigade ist 1391. 

Selbetstandige, b«reitB oiganiBierte Kavallerie- Di Tisionen 
besitzt Frankreich 6. Jede ist znsammengesetst ans: a) dem 
Divisionsstab: 1 Divinons-Generai mit 2 Ordonnanz- Offizieren, 
1 Stabschef, 3 Kapitöns, 1 Lieutenant der Reserve, 1 Genie- 
Uanptnuum, 4 Schreiber nnd 8 Ordonnanzreitern (Unteroffiziere der 
Reserve). — Dem Hauptquartier sind zugeteilt: 1. Die Ambulance. 
2. Der Feldtelegraph (1 Telegraphist, 1 Telegraphen wagen). 3. 2 Ver- 
waltungsbeanite, 2 Verwaltungs-Offiziere, 21 Mann zum Verwaltungs- 
dienst und 1 Wagen. 4. Post: 3 Beamte, 10 Unterbeamte, 2 Wagen. 
Ö. Justiz: 2 Mann. 6. Polizeidienst: 1 Offizier nnd 22 berittene 
Mannschaften. 7. 1 ^weispänniger Lebensmittelwagen für das Tlnupt- 
qnartier. — b) 3 Kavallerie-Brigaden. — c) 3 reitende 
Batterien kommandiert von einem Ch^ d'escadron. Jede reitende 
Batterie bat 6 Geschntze, 9 Munitionswagen und 3 Administrations- 
Fahrzenge, zusammen 18 Fahrzeuge. Für jedes (ieschütz werden 
147 Schufs in der Batterie mitgefSlurt. Eine der 3 Batterien besitzt 
als 19. Fnbrwerk einen sechsspännigen M^linitwagen. 

Die Pferdesahl einer KaTaUerie-Division stellt sich auf 4962, 



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42 Stadien fiber den Fdddieosi der inuudtUcheo KaTftUerie. 

iiämli( Ii (ier Krwallerie 4173, der Artillerie 653, des Hauptquartiers 

93, Ambulance 43. 

Die Zahl der komhattaiiteu Oftfziere und Maunschafteu in den 
einzelnen Tnippeukürpern ist folgende; Srliwadro» 0 Ofliziere, 
151 Mann zusammen 157; Regiment 28 Otii/it le, 609 Mann zu- 
sammen 637; Brigade 59 Offiziere, 1218 Mann zusammen 1277; 
Division (ohne Artillerie) 186 Offiziere , 3662 Manu zusammen 
3848 Köpfe. 

Einteilung und Dislokation der französischen Ka- 
vallerie am 1. NoTember 1889. 

a) Deo Armee-Corpg zogeteiUe Brigaden. 

1. Brigade, Lille. 21. Dragoner, St. Auer. — 19. Jäger, 
LiUe. 

2. Brigade, Coxnpiegne. 5. Dragoner, Compiegne. — B* Jäger, 
AbbefUle. 

3. Brigade, Evrenz. 6. DragoDor, Evretiz. — 12. Jfiger, Ronen. 

4. Brigade, Chartree. 2. Dragoner, Gbartree. — 20. Jiger, 
Chateandutt. 

5. Brigade, Vendöme. 13. Dragoner, Joignj. — 7. Jäger, 
Venddme. 

6. Brigade, Commercy.^ 12. Dragoner, Gommerey. — 6. JSger, 
St Mihiel. — 14. Jäger, Neafchäteao. 

7. Brigade, Gray. 1. Dragoner, Gray. — 11. Husaren, Beifort. 

8. Brigade', Dijon. 26. Dragoner, Dijon. — 16. Jiger, Anzonne. 

9. Brigade, Tours. 25. Dragoner, Toors. — 7. Husaren, 
Tours. 

10. Brigade, Dinan. 4. Dragoner, Dinan. — 2. Husaren, 
Dinan. 

11. Brigade, Nantes. 3. Dragoner, Nantes. — 2. JSger, 
Pontivy. 

12. Brigade, Limoges« 20. Dragoner, Limoges. — 21. Jäger, 
Limoges. 

13. Brigade, Moulins. 19. Dragoner, St. ^enne. — 10. Jäger, 
Monlins* 

14. Brigade, Valence. 4. Dragoner, Chamb4ry. — 9. Husaren, 
Valence. 

15. Brigade, llfarseille. 11. Dragoner, Tarascon. — 1. Husaren, 
Marseille. 

16. Brigade, Garoassonne. 17. Dragoner, Carcassonne. — 13. Jäger, 
BMers. 



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Stadian 9lkn d«n VelddisDst der finuisMseliea KaTaDeoriii 43 



17. Brigade, Mostanban. 10. Dragoner, Montaaban. ^ 9. Jager, 
Aooh. 

18. Brigade, Libonrne. 15. Dragoner, Liboume. — 6. Hunren, 

BordeanK. 

Im Bezirk des 19. Armee-Corps (Algier) — 1,, 2., 3., Ö. 
und 6. afrikanische Jäger; 1., 2. und 3. Spahis. 
In Tanis 4. afrikanische Jäger. 4. Spahis. 

b) KaTallerie-DiTisionen. 

1. DiTision, Paris. 3. Küraasier-Brigade, Paris. — 5. Dra- 
goner-Brigade, Paris. — 2. Jäger-Brigade, St. Germain ; 2 Batterien. 

2. Division, Luneville. 6. Kfirassier^Brigade, Lnneville. — 
1. Dragoner* Br^jade, Lnn^?ille. — 4. Hosaren -Brigade, Nancy; 
3 Batterien. 

3. Division, Chälons s. Harne. 2. Enrassier- Brigade, Niort. — 
3. Dragoner-Brigade, Lager von Chälons. — 2. Hosaren-Brigade, 
Chalons: 2 Batterien. 

4. Division, Sedan. Kspenilles. ö. Kürassier-Brigade, Sainte 
Menehould. — 4. Dragoner-Brigade, Sedan. — 3. Jäger^Brigade, 
Verdim; 3 Batterien. 

5. Division, Melun. 4. Kürassier-Brigade, Senlis. — 2. Dra- 
goner-Brigade, Meaui. — 1. Jäger-Brigade, Fontainebleau; 3 Batterien. 

6. Division, Lyon. 1. Kürassier- Brigade, Lyon. — 4. Jäger- 
Brigade, Epinal. — 3. Husaren-Brigade Lyon; 2 Batterien. 

Von den 6 KavaUerie-Dinsionen befinden sich demnach 3 (die 
2., 3. und 4.) sowie die Jtger-Brigade des 6. im Bezirk des 
VI. Armee-Corps. Rechnet man dazn noch die Kavallerie des 
VI. Armee-Corps und die in Beifort — Gray stehende Brigade des 
VIT, Armee-Corps, so ergiebt dieses eine Zahl von 25 Regimentern 
an der deutschen Grenze. Gewissermafsen als "Reserve befindet sich 
direkt dahinter die 1. (Paris) uml 5. (Melun) Kavallerie-Division.*) 

Die französische Kavallerie zerfällt in schwere Kavalbric: 
Kiirassiere, f-i nien-Kavall crie: Dragoner uiul leichtL- Ka- 
vallerie: Jäger und Husaren. Ein Unterschied in der Verwendung 
tiudet nur bei den Kiirassieren ät^tt, welche fast nur als Scblachten- 
reiterei verwendet werderj sollen. — 

Bewaffnung. Die kürassier-Regimenter sind mit Säbel und 
Kevolver, die übrigen mit Säbel und KanLlunrr h»'w.Mffnpf. Der 
fnuizosische Kavallerie-Säbel besitzt eine lange, gerade iümge 



*) Nach: .,Repartition et Emplacement des troop«s de rarmöe firao^aiae vom 
1. NoTember 1889.- 



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44 



8tiidi«D ftb«r dm Feiddienst d«r fruuteudieo KaTslkiie. 



wchlir inclir 7M!H Stpclieii, als zum Hauen eingerichtet ist. Dem 
r<MU'ii InfantiT! ' . rwehr entsprechend i.'st auch für die Kavallerie 
die Eintuliruug eines mm Magasdn-Karabiners nach dem System 
Lehel heschlossen wurden imd sind die hetreüeadeu \ ersuche im 
iJange, Bis jetzt waren zwei verschiedene ^^odelIe im ^Tobrauch. 
Der Karabiner Mo<lell 1871 und der «mgeänd(^rte Karabiner Modell 
I8ÖIJ/74. Ei-siterer hat ein (ie wicht ?ou 3,5 kg nnd eine Länge 
von 1,175 ni. Das Kalil)er ist 11 mm; das Visier ^eht bis auf 
linOm. Die Patroue besteht aus eiuer Measinghülse mit Central- 
üüridung, 5,25 gr Pulverladung und einem mit Papier umwickelten 
(jeschosse von 25 gr (iewicht. Gewicht der ganzen Patrone 25 gr. — 
Der sechssehiissige Revolver, Modell 1873, ist bestimmt für die 
Unteruftiiiere, Trompeter u. s. w. der gesamten Kavallerie, sowie für 
die Mannschaften der Kurassier-Utgimenter. 

Bekanntlich wurden die »Lanciers«- nach Beendigung des letzten 
deutsch-französischen Krieges abges*. hüllt, beziehungsweise in andere 
Kavalleriegattungen umgewandelt. Die betretlende Verfügung ist 
seither viel getadelt worden, zumal die Abschaffimg der Lanze ohne 
genügende Begründung geschah. In Anbetracht der nun voll- 
zogenen Bewaffnung der ganzen deutschen Kavallerie mit Lanzen 
dfirfte ein kurzer Überblick über die frühere Anwendung der Lanze 
in der franssSsiachen Armee nicht urnntereeeant eein.'O 

Nachdem bereits in der Mitie des yerflossenen Jahrhanderte 
einzelne, meist aus polnischen nnd ungarisehen Deserteuren be- 
stehende Ulanen^Abteilungen bestanden hatten, die aber bald wieder 
aufgelöst wurden, errichte Napoteon im Jahre 1807 ein polnisches 
KaTallerie-Regiment, welches sich ans dem Grolsherxogtum Warschan 
rekrutierte. Dieses wurde im Jahre 1807 mit Lanzen bewaffiiet, 
wobei es den Namen »cherauxlegenB-lanciers« erhielt, nachdem die 
>WeichseUegion«, ein ebenfalls in Polen rekrutiertes Kavallerie- 
Regiment, bereits im Juni 1807 solche erhalten hatte. Ein zweites, 
aber ans Franzosen rekrutiertes Regiment »chevauz^gers^lanciers« 
wurde dann im Jahre 1810 errichtet und, wie das erste, der kaiser- 
lichMi Garde zugeteilt. Im folgenden Jahre errichtete Napoleon 
wieder 9 Lanien-Lsncier^Regimenter, wovon 6 foinz6sisGhe nnd 
3 polnische. Anberdem wurde noch dn mit Lausen bewaffnetes 
Regiment »&laireurs k chevalc aufgestellt. In Spanien zeichnete 

*) Anmerkung der Leitung: Man veigleiche anch im Septemberbefte der 
.Jahrbficher" 1889 den AufBatx: „Eine fnuisdeiMhe Stimme fib«r die Bewsffiiiuig 
der Ksvallerie mit Lsmen.'* 



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Studieii ftbor den F^ddieost d«r favuriMsdi«!! SAvmUerie. 



45 



sich ferner ein deutsches Lanzenreiter-Kegitneni a>is. Dir nste 
Restauration behielt nur die in Frankreich rekrutierten Regiiuenter 
bei, nämlich einfs in r\>^r Gr\r<]>' uud 6 in der Jjiuie. Nach der 
zweiten Rückkehr der lioiirboueu wurde die ganze Kavallerip anf- 
pfelost und nur ein Lancver-Re^inent, das der königlichen (iarde, 
neu or-ranisdert, doch erhielten im izleichen .lahre alle fünften Schwa- 
dronen der 24 reitenden Jriirer-Reeinifnter Lanzen. Tm Jahre 1830 
wurden dann die ( Jarde-Lam in.s m i>laiH lers d'Orleansc nuigewandelt, 
uui später, naclidem die 5 ersten reitenden Jäger- Regimenter wieder 
in Lanciers umgewandelt worden waren, als 6. Regiment in die 
Linie zu treteii. 1836 wnrden dann noch 2 Laucier-Reji^'raenter 
errichtet, denen das zweite Kaiserreich noch ein weiteres anschlols. 
Zeitweilig waren auch die afrikanischen Jäger mit Lanzen be- 
w.ilinet. — Im Jahre 1870 besafs also die französische Kavallerie 
iui (ianzen 9 Lancier-Regimenter, die sich aber nirgends besonders 
aus/Ajchnetcn;*) dieses wird wohl der Hauptgrund ihrer Auflösung 
gewesen sein. 

Das Vorgehen Deutschlands in der Lanzenfrage liai aucli den 
französischen obersten Kriegsrat voranlafst, bei dem Kriegsministenuui 
die Wiedereinführung der Lanze zu beantragen und hat dieser in 
Folge dessen die probeweise Bewaffnung des ersten Gliedes bei den 
10 Dragoner-Regimentern, welche den selbstätändigen Kavallcrie- 
IHvisionen zugeteilt sind, angeordnet. Die Lanze soll aus ton- 
Idnesischem Bambusrohr bestehen und sich durch Elastizität und 
Leichtigkeit auszeichnen. Viele franzödsche Kaviülerie-O^fiziere sind 
hauptsächlich ans denn Qrnnde Gegner der Einfthrnng der Laozeu, 
weil sie eine weitere Belastung der Pferde fnr nnthnnlich «achten. 
In der That sind anch die fransSsischen Eavallericpferde wie die 
keiner anderen Kavallerie belastet Ohne Schanswog beträgt das 
Gewicht des gepackten Sattels bei der leichten KaTallerie ohne 
Kvabiner (der Yom BCanne auf dem Racken getragen wird) 35,5 kg. 

Das Eriegsniinisterium hat anfangs 1887 Terfugt, dafe jede 
aktiye Sehwadron, ausgenommen die Spahis, 6 Sappe urs and 
2 Sappeur-Ele^en einzastellen habe, zu welchen in jedem Regimente 
noeh je 2 ünteroffinere and 2 Brigadiers kommen sollen. Die 
Sappeurs werden mit RevoWer und Säbel bewaffnet und sollen sie 
wihiend des Fobgefechtes hauptsächlich als Pferdehalter verwendet 



•) AomerkoDg der Leitung: nip«p Ansicht entspricht im 1 hatsachen doch 
nicht völlig. Die Schlachten von Wörth und la Tour sind Ehrentage der 
to n i öiiwiwii Lsodeis. 



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46 State ttbar dm FeUdieott der frwuOiiMhen KavaUerie. 

werden, wean aie nicht m. gl«icher Zeit mit Piomenrbeitan be- 
flchäftigt nad« — In jedem Halbregiment werden die Sappeoie einem 
Unteroffiaer nnd einem Brigadier nntentellt. Als Abwichen tragen 
alle 8appeiu>Unteroffiaiere, -Beiter nnd -Eleven auf jedem ObeiSnnel 
2wei gdrenste jLxte von rotem Tnch. Gewöhnlich haben dieselben 
mit ihren Schwadzonen anwnrHeken, doch können eie anch ver- 
einigt werden und bestimmt dann der Tmppenkommandant deren 
Plati. In jedem Regiment Idtet ein Lientenant oder Unterlientenent 
die Ansbildnng der Sappeors; sind dieeelbea regimenteweise tot- 
einigt, so ffihrt derselbe anch deren Kommando. 

An Pionierwerkiengen fohrt jeder ühteroffiiier eine Gliedernige, 
jeder Sappenr entweder eine Schaniel, Axt oder Hacke mit lich. 
Jeder Unteroffizier, sowie simtliche Beiter sind aolserdem mit je 
einer 'Dynamifpatrone anflgerostet, wosn die nötigen Zündkapseln 
nnd -Schnflre ebenfaUa vorhanden sind. Die Dynami^trone be- 
steht ans einer Blechbflchse Ton 13 cm lAnge, 8,2 cm Breite nnd 
% cm Tiefen welche 100 gr TÖproaentigen Dynamit enthalt. Oben 
nnd onten befindet sich ein kleines Bfthrchen m Anfnehme der 
Zündkapsel angelötet» deren Öffiinng dnrch ein Band Terechloseen 
iek Das Ganse ist in Papier eingewickelt. Die ZfUidkapsel besteht 
ans einer Knpferhfilse, welche etwa 1,5 gr EnaHqueeksUber enthalt 
nnd mit einer Zündschnur Tersehen ist« deren Brenngeschwindigkdt 
1 m in dO Sekunden betrlgL*) 

Das Programm fttr die Arbeiten der Kavalleriesappeurs 
sieht vor: 1. Lagerarbeiten (Einrichtangen snm Anbinden der Pferde, 
Schntchntten, Ettchen, TrSnkstellen). 8. Wegearbeiten (Gangbar- 
machnng von Abhingen, Flflssm nnd Gr&ben, Ansbesserong von 
Wegen, Ghansseen). 8. Yerteidignngssrbeiten (Anlage von Scbfitcen- 
grifcben, Barrikaden, Einrichtangen tat Verteidigung von Defileen, 
Hansem, Gehöften u. s. w., u. s. w. 4. Hindemisarbeiten. 5. Zer- 



•) über die Wirksamkeit di« s*^r P inimitpatrone enthSlt die InstrnVtion ttljer 
den Felddienst der französieclie» Kavaiiuric folgende Abgaben: Ki^eubabnscbieaeD 
jeder Art werden dardi 8 PetroiMo auf eiws 40—60 m Llog» «entOrt. Zum 
Zentöien einer BdtveUe elnd ö i^trmeii nötig. Die Ua1>BHiehb«rmaf.hiiiy einer 
Lokomotive kann dorcli 3-5 Patronen geecbriieii. Znm Bresdiieren einer Maner 
anf 1,15 in LSnge gebraucht man bei nnverdümmtcr Spreng'ladung' 6,3 kp. bei 
?erdämmtor 1,8 kg. — Bäume werden geilUlt, eutwader durch einfach«» Heran- 
legen von ratronen oder durch Anbohren and Ausfallen des Loches mit Dynamit. 
hl B^l aollen Binme mittebt der QUedMifige geilllt werden. Feldgeaebütse 
«erden mit 5 Petarden, schwere mit 7—8, weiche in die Rohrmflndong geateekt 
werden, nnbmachlwr gemacht. 



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StadMa ftber den Felddiewt der fr>mtoehen KaTaUerie. 47 

stoi-ungsarl)eit<»ii (Hei lv Mi. Sperren, EiaeubahneUf Telegraphen, Brücken, 
Strafseu u. s. w., u. s. w. 

Durch eine ministerielle Verfügung vom 9. Februar 188Ü wurde 
auch das Feld-Telegraphen wesen bei der Kavallerie neu ge- 
ordnet. Dasselbe bat /.nm Zweck: 1. Die ielegraphische Ver- 
biuduug der Kavalicrie-Commandcurs mit den Hauptquartieren der 
Armee und Anuee-Uorps, in ilereii Bereicb sich die Kavallerie 
befindet, zu aichern. — 2. Die einzelnen Staffeln <kr Kavallerie 
unter sich zu verbiuden. Es sind dazu die bereits bestehenden 
tt'lejfraphischen Litiit'ii zu lienutzen und sind dieselben soviel als 
müglich in Stand zu setzen und wenn noti^; uiittels des mitgeführten 
Kabels zu reparieren, iu günatigein Gelände sind die elektrischen 
Telegraphen durch optische Apparate zu ergänzen. Jedem Haupt- 
quartier einer selbstständigen Kavallerie-Dirision ist ein Telegrapheu- 
beamter zuzuteilen, welchem unter Leitung des Stabschefs das 
Feldtelegraphenwesen der Division unterstellt ist. Jedes Regiment, 
ausgenommen die afrikanischen Jäger, besitzt 6 Telegraphisten, 
nämlich 1 Unteroffizier (mar^ohal de logis), 1 Brigadier, 4 Reiter. 

Dieses Personal verteilt sidi wai swei Stslionen, von denen 
jedes «IS einem Avancierten nnd 2 Beitem berteht. 

Die Telegraphisten werden aoflgewShlt ans denjenigen Beitem, 
welche mit Erfolg den Telegraphistenlnmiis in dar *icidi» d^appli* 
eation de cavalerie« dorchgemaeht haben, ferner ans denjenigen 
Beitem, welche in entsprechenden 8telln2^;en imPost- nnd Telegraphen- 
dienst gestanden haben nnd ansnahmsweise ans solchen, welche in 
den Telegrapheoftmtem der Garnison eingeübt worden nnd deren 
technische Anabüdnng als genügend erklärt wurde. — Der Kriegs- 
minister bestimmt aiyshrlidi die Zahl der von jedem Begiment za 
der unter 1 genannten Schule zu kommandierenden Beiter, welche 
den Telegraphendienst erlernen sollen. Dieselben werden vom 
Begiments-'Comniandenr aus denjenigen Leuten auswählt, welche 
gut sehen können und eine genflgende Schulbildung besitzen. Die 
Telegraphisten sind wahrend ihrer ganzen aktiven Dienstaett fQr 
diesen Dienst zu verwenden und dfirfen sie nur ausnahmsweise mit 
Ermächtigung des Brigade- beziehungsweise Divisionsgenerals des- 
selben enthoben werden. Der Telegraphen-Unteroffizier hat den 
besonderen Unterricht der Tdsgnphisten im Begiment zu erteilen 
nnd ist er dafür verantwortlich. Der Instruktions-Hauptoiann ist 
mit der Beauisichtignng beauftragt. In den Tel^graphenlmtem der 
Garnison hab«i die Blilitarteli^raphistett mindestens 31 Stunden im 



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48 



Die Bedeotang des Telegraphen fOr die Kriegf&hruug 



Ifonat zn arbeiten. Als Abzeichen tragen dieselben auf dem linken 
Ärmel gestickte BGtze. 

Das TelegTaphenmaterial amfabt: 1. Das Material der Regiments- 
stationen, 2. das besondere Material der Brigaden, 3. das Beserr^ 
Material der Division. Das Material der Begimentsstationen wird 
in der Regel mit demjenigen der Br^ade znsammen anf einem 
zweiriidrigen Karrra fortgescbafft, doch kann dasselbe audi anf die 
3 TelegrapMsten verteilt werden, welche za diesem Zweck mit ent- 
sprechenden Packtaschen vezsehen nnd. Das Beserve-fiCaterial der 
Dirision wird anf einem zweispänn^en Wagen verladen. 

Der geringe Friedensstand von etwa 130 — 137 Pferden pro 
Schwadron, wobei noch viele felddienstontangliche einbegriffen sind, 
80 daifi bei den Herbstman5vem viele Schwadronen nicht über 
100 Pferde stark ausrücken, bat anscbeinend noch nicht gestatte 
mit dem schon 1870 befolgten System der Mobilmachung zn brechen, 
nach welchem ein Teil der Schwadronen anf Kosten der anderen 
auf Kriegsetat erg&ozt werden soll, um sofort an die Grenze ab- 
rücken zn lAnnen. Ob sich dieses System im nächsten Kriege 
besser bewähren wird, als das letzte Mal, ist etwas fri^lich. 
Neaerdings ist mehrseitig die Mobilmachnag der französischen 
Kavallerie nach deutschem Master als wünschenswert beseichnet 
worden. (Foftwlssiig folgt) 

36. 



IT. Die Bedeutung des Telegraplian für 

die Kiiegfliliruiig im Allgemeinen 
und die Befelikeitüilung im Besonderen, 

Wenn wir aus den versciiiedennu die Kriegführun«x beein- 
tiusseudeu Factoren lediglich das Oebiel clor Verkehrsmittel heraus- 
greifen, so sind es drei MoniPiitc, welche der Krio'jführung des 
19. Jahrliandert« einen von der früherer Zeiten wesentlich ver- 
Bchiedeueu Charakter verlieben, nämlich: 1. Die beileuteude 



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im AngttmeiMD rad die BefeUttiteilaug im BesondiMa. 



49 



Vemwliniiig des StnAwimetMS. S. Die Eifinduig der Bisenbehnen 
imd 8. dee Telegnphen. 

Entere, die YenDehraiig der StnÜMo, deren Bedeotnng luote 
nioht immer genügend gewnrdigt, ja dnreh die Erfindung der Eien- 
behnen etwM Tecdonkelt wird, hat doeli erat die Gnmdlage g^ 
sdhafloit anf der rieh die napoleonüche Sfcmfeigie unter gleiehseitiger 
Bennlmng des BeqiliritioneBystenie auf banen konnte, indem sie der 
Heerleitnng rine greise Unabhingigkeit von den rfi<&w8irtigiii Yer^ 
bindongen verlieh. Aber die gro&en Maasoi, wddie die moderne 
Wehrver&ssnng ine Feld stellt, haben (wie Blume*) sagt) den rnek- 
wartigen Verbindungen wieder ihre volle Bedeutung zurückgegeben* 
Wenn dem Anscheine nach hierbei die Eisenbahnen die wiektigete 
Rolle spielen, so bildet der Telegraph nicht nnr ein nnent* 
behrliches Ergänzungaglied der Eisenbahnen, sondern er 
ist anch in hohem Grade selbetständig zu wirken bemfen, wie 
dies noch des Näheren sa erOrtem sein wird. 

Ehe wir jedoch zur speziellen Betrachtung der einschlägigen 
Verhältnisse übergehen, sei noch ein kurzer historischer Rück- 
blick wenigstens auf die Anwendung des Telegraphen im Kriege 
gestattet, während die Entwickelung von Material ond Organisation, 
hier onberficbnchtigt bleiben Icann. 

»Es mag paradox klingen, — sagt Buchholz in sdnem Werke 
fiber Kriegstelegraphie — dab die Anfange dieses neuesten, in 
seinen einzelnen Teilen noch wenig gekannten Werkzeugs der Eriegs- 
kuust im Altertum zu suchen sind, dennoch giebt uns die Geechichte 
hierfür die untrüglichsten Beweise.« Und in der That finden wir 
schon im frühesten Altertum, bis zu dem sagenhaften trojanischen 
Krieg hinauf, Spuren dessen, was wir heute Telegraphie nennen, 
das helfet in etwas erweiterter Bedeutnng des Wortes: tlie Anwendimg 
von Mittehi, um Xachrichten auf gröfisere Entfernungen Verhältnis- 
mäisig rasch zu verhreiten. 

Trotz, ihrer Unvollkomnienheit fanden diese Mittel dennoch 
häufige Anwendung, nainentlirh bei den Hörnern (speziell von Cäsar 
in OfUhen); von hohen VVurt türmen, wie auch von Bergen aus 
(i^'euerzeichen) und die »Ohren dts Königs« d. h. die hierzu von 
Dariua Hystaspes verwendeten Miinuer, sind die Uranfftn^e der Tele- 
graphie (auch bei Polyhius findet sich eine Abiiandlunt: liieriiber). 

Neben den c^rofseu Mängeln, an welchen alle duse Systeme 
litten, war es doch auch der jedes wissenschafUichen Geistes bare 



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50 



Dto Beduttang ^ Telegniphen ftr di« KiUgfthnnig 



Standpunkt, nnf rlen die Kriegskunst in deii Zeiten des Mittelalters 
zurücksank, der diese und manche andere Errungenschaft des Alter- 
tums wieder vergessen lieüs. Und erat dem Zeitalter der Renaissance 
blieb PS vorbehalten, atich die Telegrapbie aus dem Schutt der 
Jahrhunderte wieder auszugraben. Allerdings kam ihr — (der 
optischen Telegraphie) jetzt wesentlich die Erfindung des 
Fernrohres zn Statten. Trotzilem dauerte es abermals nnliezu zwei 
Jahrhunderte, bis die ersten Vr-rsnclif C1R84 von dem en^^lipchen 
Physiker Hook) und abermals <Mn wcitrrfs lalirhundert, bis eine 
Anwendung» der Telegraphie in gröfserem Mafse stattfand. 

Die erste militärische Benutzung fand das »Systpin ( luij pe« 
auf der Linie Paris — Lille, mit welcher die Wiederciimahme von 
Conde am 29. August 1794 nach Paris gemeldet wurde; hier erfolgte 
die Übertragung einzelner Zeichen in 22 Minuten auf eine Ent- 
fernung, zu der ein Kurier circa 30 Stunden brauchte. — Wiewohi 
Napoleon au!> einer ziemlicli liiiufii/en Verwendung genannten Systems 
schon bedeutüiiden Nutzen zog, dauerte es noch längere Zeit bis zu 
dessen Einfuhrung in Deutschland, fast zu lauge, bis unterdessen 
ein neuer epochemachender Faktor anf diesem Gebiete, die elek- 
trische Telegraphie, ins Leben trat, welche eigentlich erst eine 
gröfsere Anwendung derselben, namentlich eine müiLärische er- 
möglicht«. Die erste eigentliche Verwendung im Kriege selbst fand 
1857 durcli die Engländer in Indien statt (hierbei noch Nadel- 
telegraph) hieran reihten sich Versuche in Osterreit h (La^er von 
Olmütz), während 1854 in Preufsen die ersten Beratungen über ein 
eigenes Feldtelegraphen-Material gepflogen wurden. — Feiner wurde 
der Telegraph 1857 von den Franzosen im afrikanischen Feldzug 
und seitens der Spanier 1859 in Marocco angewendet, aufserdem in 
demaelben Jakre von den Franzosen in Italien, wenigstens zur 
stSndigeii Verbindang des HaoptqaartieiB mit Paris. 

Hatto man aieh nim bisher lediglich mit einer Verbindung des 
l&nptquartierB mit der Opmitionsbasia benehnnpiFeiBe mit der 
eigenen Landeahanptstadt begnügt, so sehen wir 1800/61 in Italien 
aom ersten Male swei im Yovmandi begriffene Annefr^rps, von 
denen das eine durch Umbxien, das andere dnroh die Mark Anoona 
nadi der gleichnamigen Stadt marschierten, dorch eine telegraphiaohe 
Teibindnng nach r&ckwirls auch unter sich in bestandiger Ver- 
bindung stehen. Eine mifitSrisdie BeDufinDg des Telegraphen in 
gröfserem Malse imgt aber erst der nordamerUmnische Bürgerkrieg, 
der ja Terschiedene interessante Neuheiten anf mifitSrischem Gebiete 
an Tage f5rderte. 



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im ABgioiMiim imd die BeftliliarteOaiig Im fiaMndena. 



51 



EbmfallB dne eingehende Anwendiing, wenn aneli der Katar 
der Verhältnisse nach im kleinena Malae, fimd der Telegraph im 
Feldsng 1864, dann etwas weiter ansgedehut 1866, wobei es jedoch 
nicht immer gelang, das Grofee Hauptqoartitt in beat&ndiger Ver- 
bindung mit den Armee-Oberkommandos zn erhalten, woffir der 
Vorabeuil von Königgrätz ein Beispiel ist. — Wolil mit durdi die 
Berichte über die amerikanische Verwendung des Tel^raphen ver> 
ankdiit, fanden schon 1^68 in Preafsen Versuche über die Ver- 
wendung des Telegraphen auch auf taktischem Gebiete statt, welche 
jedoch ungünstige Resultate ergaben (teils wegen der geringen 
Schulung des Personals, teils wogen des nicht geeigneten Materials, 
wie die bezüglichen Berichte sagten). Der letzte grolse Krieg Mid- 
lich hat eine hervorragende Verwendnng des Tplegraphen gezeigt. 
Aber auch hierbei lag der Schwerpunkt (wie Buchholz sagt, »ohne 
damit den Feld -Telegraphen -Abteilungen zunähe treten au wollen«) 
noch in den Leistungen der Staatstelegraphie und ging man bei den 
Feld-Telegraphen -Abteilungen hinsichtlich der telegraphischen Ver- 
bindung nicht unter das Armee-Corps herunter, selbst die Ver- 
bindung dieser mit den Armee-Oberkommandos war nicht immer 
durchgeführt. Dagegen erlangte der Telegraph im Festun gskrisge 
eine hervorragende Bedeutung auch auf taktischem Gebiete. 

Zu dem 1. Teil der Betrachtungen übergehend, müssen wir 
zunächst eines ümf^f'aiKle« erw;ihnpTi, der sich eigentlich mehr als 
ein Nachteil des Telegraphen iiir die Kriegführung darstellt, nämlich 
d^sen , dafs er als eine wesentliche V^erbesseruug dea Nachrichten- 
wesens das Mittel wenigstens nuhc/.u wertlos macht, dessen man sich 
früher zu überrasclieiidem Einfall in Feindesland bediente: »Die 
( h ■imhaltniig der Rüstungen«. Dagegen gestattet der Telegraph 
die iii Muer gründlichen und zweckmafsigen Friedensvorhereitnng 
liegendi^ L'berlegeiiheit der Mobilmachung in einer Weise zu 
entfalten, mit der sich das jilüt/diche Überschreiten der Grenze 
früherer KriH^^*' nicht vergleichen läfst. 

Dies gilt zunächst für den diplomatischen Verkehr. Wozu 
in früheren Zeiten W ociien und Monde erforderlich waren, das 
vollzieht der Tel^raph in wenigen Stunden, nämlich die Abwicke- 
lung der diplomatischen Geschäfte. Alle Versuche eines nicht 
gerüsteten Gegners, durch Ausflüchte u. s. \v. den Gang der Ver- 
handlungen hinzuhalten, scheitern an diesem unerbittlichen iJraht, 
der das Entweder — Oder mit Blitzesschnelle in die Ferne trägt, 
ist äbei da« entscheidende Wort gclallon, dann bringt er es üiit 
der gleichen Schnelligkeit au den eut«iprecheudeu Ort, um von da 

4* 



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&2 



Dk Badeotang im Tdegn^im Ar «Ue KEbgAferang 



in wenigen Standen dieselbe Kunde in die entferntesten Teile dee 
gnnaen Landes zn tragen. 

Wenn wir bedenken, daÜB unter den heutigen Verhaltnissen 
selbst viele nicht an der Bahn liegende Ortschaften mit Telegraphen 
versehen sind, so leuchtet ein, welch enormen Umschwung der 
ganzen Verhältnisse der Telegraph bewirkt hat. Und es wird auch 
Bofort die 1 Überlegenheit klar, welche ein mit einem reichlichen 
Telegraph f'iuiet/. versehenes Land gegenüber einem andern besitzt, 
in dem die Kuiturvt rhältnisse noch auf einem liefern Standpunkt 
stehen. Nun ist aber keineswegs diese erste Kunde der Mobil- 
machung wnügend, vielmehr reihen sich an dieselbe eine Unmasse 
von Sjii /.ialnnlren der vorgesetzten, beziehungsweise Anfragen u. s, w, 
von Seitf' dt 1 untergebenen Behörden, und man kann sich ein Bild 
entwerfen, wie das ADes sich ohne Telegraphen, selbst mit Hülfe 
der Eisenbahnen gestalten würde, wpnn man z. B. annimmt, dafe 
für jede Df'i esche ein Kurier mit euiem Eitrazuge reiäeu müfste. 
In den folL'iinlpn StadioTi der Mobilmachung tritt nun scheinbar 
die Thätigkeit des Telegraphen gegen die der Eisenbahnen zurück. 
Aber abgesehen davon, dafs auch bei dem Bahntransport der Tele- 
graph nicht uawesentlieh mitwirkt (Anmelden der Transporte bei 
den ßahnämtem, Benachrichtigungen der Truppenteile u. s. w.) 
müssen wir vor Allem bedenken, dals ein solchür Massen verkehr 
auf den Eisenbahnen, wie er sich in diesen Tagen zeigt, 
ohne Mithülfe des Bahntelegrapben undenkbar ist. Das 
gilt aber in der gleichen Weise für die nun folgenden Stadien der 
Konzentration und des Eisenbahnaufmarsches. Scheint hierbei, d. h. 
für die geregelte Durchführung des letzteren, der Telegraph schon 
aus rem bahntechnischen Gründen unentbehrlich, so gilt die« nicht 
minder aus strategischen. IHo Art des Bülniti unspurtes schliefst 
nämlich den Zuütuad gänzlicLur Wehrlosigkeit^ sowie die Gefuhr 
für die zuerst ausparkierten Teile in sich, vereinzelt a,ugcgnliüii zu 
werden. Es ist aber dieses Moment heute um so entscheidender, 
als ja auch der Gegner eben durch die Eisenbahnen in viel höherem 
Grade die Möglichkeit zu überraschender Annäherung besitzt als 
früher. 

Beides zwingt also dazu die Aufmarschslinie in entsprechender 
Entfernung vom Feinde beziehungsweise von der Grenze zu halten. 
Auf der anderen Seite liegt im Interesse eines zeitlichen Vorsprungs 
die Ausnutzung der Eisenbahnen soweit nur immer möglich. Es 
mnCs aber die Aufmarschlinie im Voraus bestimmt werden. Dies 
zu erreichen, giebt gleichfalls der Telegraph die Mittel an die Hand 



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in AUgMuiiMii «id di« BdhhlittrdeflMg lai BeioiidsMii. 



53 



indem er 1. die oberste Heerasleitung durch Verbindang mit deo 
Vortruppen an der Grenze während der Zeit der Vorbereitung 
taglich und stündlich von Allem unterrichtet was dort sich ereignet; 
2. ihr gestattet auf Grund dieser Nachrichten noch recbtieitig don 
Aufmarsch an eine Stelle weiter rückwärts zu verlegen. 

Als nächstes BeispiVI hi rtür bietet sieb uns der Krieg 1870/71, 
wo dieser Fall in dem briübmten Memoire vmi Moltke an??drnrklich 
Yorpjesehen war. Nachdem sich Moltke zunäclist nnbedingt für don 
Aufmarsch an der Greri/f iiusi^nsprachen, wird aucb der Fall er- 
wogen, dafe die französische Armee, obne ihre Augmentationen ab- 
zuwarten, überraschend über die Grenze bräche und heifst es in der 
Beziehung wörtlich: Gesetzt eine 80 improvisierte Armee, die 
immerhin mit Kavallerie und Artillerie reichlich ausgestattet sein 
wijrde, befände sich bereites in 5 Tagen um Metz versammelt und 
überschreite am 8. die (irenze i>ei Snarlonia, so würden wir es in 
der Hand haben, nnseni Eisenbahntransport rechtzeitig zu inhibieren 
und unsere Hauptmacht schon am Rheine auszusc bitten.« (General- 
sfai svverk Bd. I p. 77.) Und bekanntlich trat dieser Fall auch 
wirklich ein, indem in Folge der unterdessen geweniKiu-n Kenntnis 
der Saclilage, d. h. des drohenden Einfall» der Franzosen in die 
Pfalz wenigstens die II. Armee schon am Rhein ausparkierte. 

Wir sehen also hier den strategischen Kalkül auf die Benutzung 
des Telegraphen begründet, so dafs wir sagen können: die Eisen- 
bahnen sind erst durch den Telegraj)hen zu dem geworden, was sie 
fflr den modernen Eiseul>alniauffiiarscb sind: Ohne denselben wäre 
man gezwungen, mit Rücksicht auf die eigene Sicherheit soweit 
von der Grenre al)z,ubleibpn , dafs ein wesentliches Moment ihrer 
strategischen Wichtigkeit, die Möglichkeit einen bei der Mobili- 
sieraiig gewonnenen Vorsprung sofort au.szuiiützen , wieder verloren 
ginge. Auch der Zeitpunkt wenn dieser Aufmarsch beginnen soll, 
konnte ja unter Umständen verschoben werden, ans Rücksichten 
auf die Vorbereitungen. Überhaupt dürfte hier darauf hinzuweisen 
sein, wie die vorerst noch an ihrem Centraisitz verbleibende Heeres- 
leitung fortwährend von Allem in Kenntnis gesetzt ist, nicht nur 
was an der Grenze, sondern auch im Innern des Landes vorgeht 
und was Alles während dieser Zeit noch telegraphisch geregelt 
werden kann. Dazu gehören aucb namentlich alle politisdi«! Fragen, 
die Entsoheidimg fiber Verbfindete (Anschluis SfiddeatseUands 1870) 
die VMeliiffimg der Nentnlilftt anderer Blu&eii d. e. w. 

Ehe nir mm war Balnehtnng der ireiteieii Stadien des Krieges 
flbogehen, 9ei nur noch kon erwlhnt, wie Midi wihrend des 



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54 



Die Bedentong des Telegraphen f&t die KriegfUmng 



Eisenbahnanfmareches selbst, die Oberk'itnnj^ von seinem ganzen 
Verlaute (alleuialsigeii Störungen u. s. w.) und schüefsHch auch von 
dessen Vollenilunp^ sofort Kenntnis erhält. Wenn nun in diesem 
Momente sieli die oberste Heeresleitung meistens zur Aiuiop 
begiebt, so ist das heute eben wegen des Telegraphen duichaiiü 
nicht so unbedingt erforderlich und sagt z. B. Meckel*) hierüber: 
»Es würde eine einheitliche allgemeine Heeresleitung, wie sie in 
früherer Zeit durch den Hofkriegsrat in Wien so oft in verderb- 
licher Weise gehandbabt worden ist, heute sehr wohl denkbar und 
durchführbar sein.c 

Und gewifs können wir z. 6. in den ersten Tagen des Krieges 
1870 das grolse Haoptqoartier ans ebenso gut in Berlin« wie in 
Mains oder Eauenlantmii denkoo. Dann sehen wir ja 1866 that- 
aächlieli die oberBte Heereddtoog bis wenige Tage vor der Eoi- 
schmdungssdüachi in Berlin rerbleiben und von hier ans die Ope- 
rationen der getrennten Armeen leiten, worauf noch einmal anrBek« 
ankommen sein wird. Wenn aber die oberste Heeresleitang sich 
nunmehr sor, Armee begiebt, so betritt sie hente mit gani anderer 
Kenntnis der Sachlage den Kriegsschanplati, als dies frdher der 
Fall war, sie hat wegen ihrer hestindigen Nachrichten nicht nnr 
ein genaues Bild von dem Standpunkt der eigenen, sondern vielleicht 
auch bis m einem gewissen Grade der gegnerischen Krftfte. 

In einer Zeit, die, wie die nnsrige, nnr an sehr geneigt ist, anf 
alles Vergangene mit einer gewissen Geringaohätsang herabniblicken, 
namentlich anch in militörischer Beiiehnng, ist es nicht ohne 
Interesse, hier einen Blick rflckwSrIs sn thun nnd beispielsweise 
an beachten, wie Napoleon, — dessen Leistungen anf dem Gebiete 
der Mobilmachung auch nicht zu untezsch&tsen sind — 1809 ohne 
solche genaue Kenntnis, sofort die Situation beurteilt und darnach 
seine Mafsnahmen trifft 

Wenn wir nun anf die Operationen selbst übergehen, so war 
und bleibt die Verpflegung der Heere eine der wichtigsten und 
schwierigsten Fragen. Namentlich bei dem heutigen Massenaufgebot 
findet das Requisitionssystem, wie schon erwihnt, sehr bald seine 
Grenze in dem Reichtum des hetrefienden Landstriches. — Durch 
Eisenbahnen und Telegraphen werden aber nicht nur die 
Lebensmittel leiehter herbeigeschafft, sondern es iat anch 
eben wegen dieser Hülfsmittel die Ent&rnung fast gleichgiltig und 



*) Heckd, lUrtik. L TeO. AUgcmaiae Lehre von d«r Tmppnfthziiag 
im FaMe. 



Üiyiiiz:cQ by GoOglc 



im AUgememen und die ßeffMmrioWvtg ita Beso&dereu. 



55 



von keinem wesentlichen Belang, ob dieselben von der Grenze oder 
vom Innern des Landes kommen. 

»Telegraph nnd Eisenbahnen haben also«, wie Blume 
sagt, »Zeit und Banm derart abgekfirst, dafs dai ganie 
Heimatland anr Operationsbasis wirdc. — Wenn aber schon 
hiecbei der Telegraph eine weientliehe, nenn anch mehr Terdeekte 
BoUe spielt (rechtwitjgss Bestellen, Verteilen der Lebensmittel auf 
die eimelnen Troppenkörper, kurz der ganie hierbei notwendige 
Depesehenverkebr), so ent&Itet er eine selbststfindige ja gemdean 
entsdundende Thätigkeit dnrdi die Möglichkeit der Trennung 
der Armee in einzelne selbststiindige Teile. Koch Napoleon mulste 
seine groben Massen sasanunenhalten im Interssse der einheitliehen 
Leitung und hieran (d. h. an der Schwierigkeit der Verpflegung) 
scheiterte oft selbst seine rttcksiehislose Energie; der Telegraph erst 
hat die Armeeleitnng in den Stand gesetzt, die elnzehien Tdle un- 
bescbadet des gdstigen Zusammenhangs soweit aus einander zu 
halteu, daJs sie nicht nur die auf dem Kri^gsschauptets selbst vor^ 
handenen Lebensmittel in weit hfiherem Malse ansnfltien kSnnen 
(wegen der grölaeren räumlichen Ausdehnung), sondern auch die 
Zufuhr wesentlich erleichtert wird wegen der Vertoilnng derselben 
auf mehrere Linien. Hierdurch aber, d. h. dureh die erst mit Hülfe 
des Telegraphen mOglieh gewordene Trennung der Massen in ein- 
zelne in Ipohem Grade selbetetaadige TeOe (Armeen) wurde aber 
nicht nur die Verpflegung wesentlich erleichtert, sondern auch eben 
bierdureh, wie durch die grölsere Beweglichkeit der kleineren KOrper 
an sich eine Operationsfreiheit gesehalfon, welche wir im Vergleich 
mit frfiheren Zsiten ftet sohriakenloe zu nennen Tcrsucht sind. 

Erst hierdurch d. h. durch den Telegraphen iet das »Qe- 
trennt marschieren und Vereint schlagen« in grSfseren 
Verhältnissen and in der Art möglich geworden, wie wir 
dirs pchon 1866 und noch mehr 1870 durchgeführt sehen. 
— Wir haben allen Grund auch hier bewundernd auf das zurück- 
zublicken, was Friedrich der Grofse sowohl wie Napoleon ohne 
diese Halfsmittel auf Ii s im Gebiete leisteten (Beispiele bieten der 
Einmanich der Preufseu 1757 in Böhmen und Napoleon zu Beginn 
des Feldzogee 1809). — Welch' grolsen Vorteile aus dieser Trennung 
der Armeen entspringen, das sehen wir schon 1866, wo man 
preußischer Seita dieses neueste Uiilfsmittel der Strategie schon in 
rationeller Weise gegwuber einem Gegner benützt, der in ün- 
kcuntnis fiber den wahren Wert desselben noch eine Konzentration 
der Massen und damit eine SchwerfiUligkeit zeigt, welche an frühere 



Digiii^uu by G(.)0^1c 



56 Bdtatnng dm Tdtgnphmi fKr die Kii«gllttiniiig 



2SeHiepochan ermiiert. ünd abnUdhee gilt für 1870, wobei aller» 
ding» französischer Beite aiieli noch andere Unaclieii mHwirkeD. 

Za den Vorteilen der einlieitlielien Leitung, wie eie dnrch die 
telegnpliiflche Verbindang gegeben sind, geteilt sieb aber noeh ein 
anderer, nSmlieh der, dal» eich dieser geistige Zusammenhang sieht 
nur von oben nach unten, sondern andi umgekehrt fühlbar macht, 
d. h« ebenso wie die Direktiven von oben laafen die Nachrichten 
von anten ein. In Folge des Telegraphen erhält aber die Ober- 
leitung alle diese Xachrichten nicht nur viel rascher, sondern sie 
gewinnt auch durch das Zusammenlaufen der von allen Seiten 
kommenden Nachrichten viel leichter dnen Einblidc in die strate* 
gisehe Situation überhanpL Was dem Unterführer wegen seines 
beschränkten Gesichtskreises noch rät,selhaft und dunkel bleibt, f^as 
wird hkx durch andere Berichte ergänzt, richtig gestellt und so läbt 
sich ans der Masse tod Bmchstücken ein Gesamtbild der Lage 
entwerfen. Dabei mÜF»en wir noeh berücksiehtigen, dafs der Tele- 
graph gestattet, selbst auf grofsen Umwegen, Nachrichten direkt 
aus dem Feindesland an gewinnen (wie ja 1870 viele NaohrichtNi 
über England gingen). 

Alle diese Nachrichten aber erhält die Heeresleitung zu einer 
Zoit, wo sie unter Umständen noch in der Lage ist, die momentane 
Situation auszunützen , wUhrend außerdem sich dieselbe wohl längst 
geändert hätte. (Beispiel die Situation vom 15. und 16. August 
vor Metz.) 

Es stehen aber die einzelnen Truppen- und lleeresteile nicht 
nur mit der Oberleitnnp', sondern dnrch diese auch unter sich in 
fortwähronder geistiger Verbindung, so dafs hierdurch erst das be- 
wulste Streben nach ('inheitlichem Ziele eigentlich mö<rl)rh wird. 
Also das rechtzei ti ge Erken 11 (' ti der feindlichen Biöfse und, 
darauf beruhend, das Vereinigen der Massen auf den ent- 
scheidenden Punkt, das ist durch den Teh'crraph wesentlich 
erleichterte AileriUiifj;- im frt sich dieses Hülfsmittel nur dem dar, 
der es zu -^t braucheii veri?teht und man braucht sich nur die Masse 
der in einem grufsen Hauptquartier zusammeniautenden Depeschen 
vorzustellen, um zu begreifen, Nvelch richtiges Urteil und scharfer 
Blick dazu gehört, hier das Wahre vun dem Falschen zu unter- 
scheiden (so zum Beispiel in den Einleituiigsk;iiiif)fen des Jahres 
1870). Daa also, was man Divinationsgabe nennt, bleibt heute 
ebenso wie früher eine onerläläiiche Anforderung für den wahren 
Feldherru. 



uiLjiiizuü üy Google 



im Allg«meiji«ii oud die Befeblwiieilaog im Befonderan 57 

Nnn spielt aber der Telegraph nicht nur in der Front, sondern 
auch im Rücken der Armee eine wichtige Rolle. Neben der schon 
erwühüteii Erleichterung des Nachschubs, auf welche bei 
Betrachtung des Festungskrieges noch einmal zurückzukommen 
sein wird, bleibt auch der geistige Zusammenhang mit den etwa 
zurückgebliebenen Teilen der Armee gewahrt (Beobachtungs-Corps 
gegen andere Staaten, sowie zum Schutz der KSste gegen feind- 
liche Flotte). Alle diese von der Hauptarmee losgelösten Teile 
stehen mit derselben in fortwahrender Verbindung, sie geben Nach- 
richten und empfangen Befehle, sie können auch im Bedarfsfälle 
au di« Hanptmaoht herangezogen werden. Wird aber ihre Thätigkeit 
uBtk dsm anderen Biehiimg notwendig, so bleiben lie fortwihrend 
im Zusammenhang und damit kommen wir ta dem Operieren mit 
getrennten Anneen auf mehreren Kiiegsschauplätzen, wShrend wir 
bisher lediglich eine ifnmliche Trennung aber mit gemeinsefaafflicher 
OpemtionBriehtaikg im Auge hatten. 

Auch hierfür bietet 1^0 hervorragende Beispiele, schon in 
seinem I. Teil, i. B. in dem Zeitraum zwischen Gravektte und 
Sedan. Es gilt dies namentlidi Air die folgende Epoche, der 
Belagenmg tou Paris, vriUurend welcher in dem Centratsits Versailles 
alle £%deu snsammenlaufen, von dem was unterdessen bei Mets 
besiehnngsweise Beifort, bei Orleans wie im N<»den TOigeht Es 
bedarf auch hier nur des Hinwases, welches Bild man dadurch von 
der Geesmtlage, sowie Ton dem Grade der Verteidignngsföhigkeit 
des ganzen Landes erhielt, wie man auch Verstärkungen nach den 
gefährdeten Punkten senden konnte (Bdspiel: EOmarseh der Be- 
lagernngs-Armee von Mets gsgen Orleans, sowie die Bntsendnng 
MantenffeTs gsgen Südosten). Wir können wohl sagen, dab die 
glflekliche Dnrchfiihmng einer derartigen Angabe, mit der Hanpt> 
macht Tor der fiiesenfestong, dabei die erste Zeit sngleich tot der 
groÜMn Feste Metz unter gleichseitiger Abwehr mehrerer Entsats- 
heere ohne Telegraphen nicht möglich gewesen wäre. 

Bas »nach 3 Seiten IVont madien« ist also durch den Telegraphen 
wesenilich erkiehtert und wir dfirfen auch nns hier daran erinnern, 
dals Friedrich der Grofee ohne Telegraphen schon nach 8 Seiten 
Front machte. Nun haben wir aber damit ein Gebiet bertthrt, 
das bisher noch etwas Tsmachlfiasigt war, da wir bei unseren 
Betrachtnngen im Allgemeinen mehr eine strategische OffensiTe 
im Auge hatten. 0k Vorteile des Telegraphen bieten sich aber 
natnigonftfe der strategischen Defensive in dem gleichen Mafee 



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58 



Di« B«d0atoiicr du Täbgnphm für die KffogfUmmg 



dar, scheinbar in noch höherem wegen der durch die Stabilität 
ermöglichten weitereu Ausuiitzung. Dos gilt namentlich m Beginn 
des Krieges für die Vert^idigangsstellnngen an der Grenze, dann 
ffir etrat^sche Verteidigungsstellungen überhaupt (hinter soge- 
nannten strategischen Barrieren), bei welchen das VerBchieben der 
Kräfte and damit die Abwehr eines Angriffs an einem Punkte 
durch den Telegraphen wesentlich gefördert wird« Dem entgegen 
kommt aber die aiu der Moliilmachnng gewonnene Überlegenheit 
selbstrerständlich nur dem Angriff zn gut, ebenso wie auch die 
ungemein gesteigerte Operationsfreiheit, welche nnr dann von Vorteil 
ist, wenn sie ausgenützt wird, d. h. (allgemein gespioohea) in der 
Bewegung. 

Spezielle Betrachtung verdienen nnn wettets die Verhält- 
nisse des Festungskrieges. Hier müüen wir in Erinnaning 

des.sen, was oben erörtert wurde, uns vergegenw3rti|^n, wie sich 
heute das Belagerungs-Corps nicht mehr als das von der übrigen 
Armee völlig losgerissene Glied wie firöher darstellt, sondern mit 
demselbon stets verbunden ist (Beispiel: Die Situation vor Sedan, 
Detachierung zweier Corps der Belagerungs -Armee von Metz gegen 
Sedan). Aufserdem aber zeigen sich gerade hier die Vorteile der 
telegraphiscben Verbindung mit der Heimat in hellstem Lichte und 
bedarf es keiner näh. rrn Ausführung, welchen Eintlufs das auf die 
rechtzeitige Herauscijartuiir? de?? VbitpriRls ühpn raufs. Dieser Vorteil 
kommt aber lediglich dem Angriff zu gut, während die Verteidigung 
nur die immerhin zweifelhafte geheime Verbindung mit dem Hinter- 
iande besitzt. 

W( riti wir trotzdem (d. h. trotz Telegraphen und Iiiisenbahnen) 
gelbst im let/.ten Kriege üftt rs den Fortgang der Belagerung an 
dem Mangel des Ersatzes scheitern sehen, so können wir uns die 
lange Dauer früherer Belagerungen leicht erkliiitn. In diesem 
Sinne hat also auch der Telegraph wie die Eisen halmen zu einer 
Verkürzung der Belagerung, damit aber zu einer gewissen Entwertung 
der Festungen geführt, während ja gerade die Eisenbahnen den- 
selben ein*' neue Bedeutung als Sperrpunkte verliehen. Besonders 
im Festuugskrieg kommt der Telegraph auch zu hervorragender 
taktischer Bedeutung. Ehe wir jedoch hierauf eingehen, seien 
noch einige Bemerkungen zum Abschluüs dieses allgemeinen Teiles 
beigefügt. 

Neben den bisher betrachteten materiellen Vorteilen des 
Telegraphen liübcn wir noch einiger zu gedenken, welche mehr 
auf moralischem Gebiete liegen, nämlich: 1. Die fortwährende 



^ .i^u^ Ly Google 



in AUgeBMuien «od die BefeUiwrtailii^g im Btiondenii, 59 

inoige geistige Verbindung aller Teile der Armee läfst auch für 
jedes einzelne Glied derselben eine viel gciuuu re Keuntiiis der Ge- 
samtlage, wie der speziellen Situation zu, I »adurch steigert sich 
das Verstäudniö bei dem üntcrt i hrer, wie die Leistung und Aus- 
dauer beziehungsweise der Wetteitt r aucii bei dem gemeinen Manu. 
(Man darf sich hier nur z. B. au Ii ■ Situation des I. bayerisclien 
Corps iiacii dem lulle von Metz erinnern beziehungsweise sich 
vorstellen, welchen Einflufs eben dieses Ereignis auf den Widerstand 
dieses Corps üben mufste.) Ks lebt aber nicht nur die Armee so 
den Krieg in ganz anderer Weise mit^ sondern auch die heimische 
Bevölkerung nimmt an den Thaten derselben viel innigeren Anteil 
al» in früheren Zeiten. Dadurch steigert sich femer auch die 
Opferfreudigkeit in gai«n wie in schlechten Tagen, und diet so- 
wie der erieicbterte Verkelir mit der Heimat fiberhanpt, übt eineD 
nicht miweaenilicheiL EiBflnb auf den mondisehen Zastand der Armee 
und damit anf deren Schtagfertigkeit 

Diese Yorteile zeigen sich aber auch namentlieh nadi groben 
Schlaeliten in der durch den Telegraphen wesentMeh grfiSiderten 
Heranechaffong des nötigen Sanitätsmatenab was nicht nnr fix 
den moralischen, sondern anch f&r den physisohen Znatand 
der Armee (wegen der Vermeidnng von Epidemien) von hohem 
Wert ist. 

Wenn wir damit inm Schlnsse noch eine humane Leistang 
des Telegraphen kennen gelernt haben, so liegt sein besflgliches 
Haaptverdienst in der auch dnroh den Telegraphen wesentlich 
gesteigerten Energie der Kriegftthrnng, deren nichste Folge 
eine Abkoiznng der Daner des Krieges ist Denn, nnd damit kSnnen 
wir das Gesagte resümieren: Dieser höhere Gnd von Energie, 
den die heutige Kriegfilhning anch gegen&ber der napoleon*schen 
Spoehe aufweist» liegt mit in den modernen Verkehrsmitteln und 
damit anch in dem Telegraphen begrfindet, und so hat auch dieser 
daxn gedient, die moderne Strategie m schafibn. Von diesem 
Standpunkt stellt sich uns diese neueste in Moltke yerkörperte 
Phase der Strategie nnr als ein auf rationeller Benntaung der 
modernen Verkehnmittel ruhender Ausbau der Grundlagen dar, 
welche in der napoleon'sehen Epoche gelegt wurden* 

In den bisherigen Betraehtungen wurden lediglich die Vorteile 
des Telegraphen im Allgemeinen d. h. ohne spezielle Begrenzung 
der Wirknngsphäre betrachtet. Es möchte nun auf den ersten 
Anblick schdnen, als ob sich diesdboi überall in der gleichen Weise 
und um so mehr geltend machen, je weiter das Telegraphen-Nets 



60 



Die Bedeotong des Telegraphen for die Kri^gfthnmg 



ausgedehnt ist So imbeMlurinkt das nun auch auf etrategifldieiD 
Gebiete g^li^ so findet die TorteOhafte Anwendung des Tele- 
graphen in iaktitcher Besieh nng, auf die irir nunmehr Über» 
gehen, sehr bald eine natorliehe Gieaae in der Entfernung. 

»Telegraphiert ist noch nidit geaanbert,« sagt t. Maasenbaofa,*) 
d. h. auch der Telegraph ist in seiner Wirkaaniheit von der ¥lsA- 
femung abhingig und das gilt apeneU fnr die mifitärisohe Ver» 
wendnng und namentiich dann, wenn wir an dem Grandsafaie fSast* 
halten, dafii jede 'wichtige' Depesche erst gaschrieben werden und 
den Toraehriftsnülibigen Instanienweg dnrdilanfen mnls. Idegt 
schon hiomach eben wegen der Entfemnngen der Sohwerpnnkt 
der Vorteile für den Telegraphen mehr auf strategischem als 
auf taktischem Gebiete, so machen sich dieedben aus dem gleichen 
Grande mehr bei den hfiheren Stäben, als bei den niederen, mehr 
bei den Gros, den Reserren als in der vorderen Linie geltend. 

Diese Beschränkong Torausgeschickt, kann der Telegraph auch 
in taktisdiw Beriefanng von Yinteil sein, namentlich in den (ttr 
seine Ausnutzung besonders gengneten Verhältnissen des Festungs- 
krieges. — Dies gilt vor Allem für den Bewachnngsdienst. Uierans 
aber entspringt: 1. Die Möglichkeit mit der gleichen Truppe eine 
grObere Strecke m bewadien, also eine Krafterspamis im Ganzen, 
dann 2. die Verwendung einer geringeren Postenkette, sowie die 
weitere EntfernoDg des Gros von derselben, und damit eine grdfoere 
Ruhe des letzteren, d. b. eine Kraftersparnis im Einzelnen. 

Fflr die Verteidigung, welche ja in der Kegel einen gröfimren 
Raam mit verhältnismäling schwachen Kräften decken mufs, wird 
aber der Telegraph zum unentbebrHehai Hnlfsmittel bei der Aufr- 
dehnung der heutigen Festungen, sowohl sa Beginn, wie in dem 
ganzen Verlaufe der Belagerungen (Sicherung gegen gewaltsamen 
Angriff). Aber auch der Belagerer sieht in der gleichen Weise 
ans dem Telegraphen Nutzen, und wenn dem Verteidiger hierbei 
wesentlich seine Friedensvorhereitung zu Gate kommt, so kann sich 
der Belagerer in seiner Starke nach der des Verteidigers richten, 
während dieser sich von Hans aus mit einer bestimmten — wenn 
auch minimalen — Kraft in die Festung werfen mufs. — Dies 
macht sich namentlich bei der Einscbliefsung einer geschlagenen 
Feld -Armee in der Festung fühlbar, woför Metz das naheliegendste 
Beispiel ist. 



•) Jahr^iichnr 1886, Bd. 61 T. MMMnbMb: ,Wm wir von dMr Fdd- 
telflgrapM« boffen.** 



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im AUgemeuwn und die Befehltertailong im £«0oaderan. 



61 



Gestattet aber der Telegraph dem Verteidiger eine weitere 
Ansnütznng der gedeckten Räume, so ist dafür der Angreifer in 
der Lage, seine Reserven weiter zurück, d. h. ganz anfserhalb des 
Bereichs des >Nerven-t5teuden« G^chutzfeners zu halten (worauf 
Scheibert*) hinweist). Nur mit dem Telegraphen war es möglich, 
die grolke Feste Metz nebst der darin eingeäclilossenen Armee selbst 
mit numerisch schwächeren Kräften im Schach zn halten. — 
In dem eigentlichen Behigcruugskampf bildet der Tclegrapli ein 
wesentliches Hüirbmittui für die Verteidigung behufs rechtzeitigen 
Erkeunons der Angriffsfrout. (Hier siud uaiiitiitlich dessen geheime 
Verbindungen mit dem Hinterland, sowie dem nächsten Vorten*ain 
wichtig, dann die Kombination von Telegraph uud Luftballuu). — 
Aber auch der Angriff wird in seinem ganzen Verlaufe vielfach 
Gelegenheit zur Verwendung des Telegraphen haben. (Verbindung 
der Latifgräben nach rückwärts, der beobachteten mit der Angriffs- 
fimiit a. 8. w. worauf wir noch zurückkommen.) 

Älmlicbe Verhältnisse wie hier im Festongskrieg ergeben sich 
•her auch im Feldkrieg ffir alle BeTeitschftftistellangen 
(Beobachtungsstellnngen), was ja An&ngs jede DefenriTStellaiig ist 
In wie weit aber d. h. bis sa wddisni Grad der Telegraph hierbei 
miugeufitst werden kann nnd welche Vorteile daians entspringeu, 
hSngt von der spesienen Situation, den taktischen nnd Terrain- 
Veriiiltnissen, haaptsichfieh von der Entfernung der Vorposten 
besiefanngsweise der Gros ton der eigentliöhen Verteidigungslinie * 
ab. Analoge Verhiltnisse ergeben sich auch für den reinen Vor- 
postendienst, bauptsädiKch in den Zonen, wo man mehr die 
äogeuanntcn Harsehvorposten anlrtent, namentlich bei Hagerer 
Daaer der Eantonnements, um dieselben entsprechend ansnfltien 
and trotsdem rasoh aUannieran an kdnnen. In dem Stadium der 
GefeehtsTorp Osten, d. h. nnmittdbar vor Entseheidongen werden 
die Vorteile in dem Mabe sich mindern, als die ganie Spannung 
der ffitoation an einem engeren Znsammenhalten der Enfte and 
damit einer Verringerung der Entfernungen swingt Bei Rekog- 
nosai eräugen (wofür die Anwendung des Telagimphen «ach voi^ 
gesehlagen wird) ist so berQckaidhtigen, dab eben der mit dem 
Telegraphen verbundene Zweck, nämlich rasche Benutiung einer 
feindlichen Bldbe, auch eine entsprechende Nfthe der Truppen 
, Tocaussetit, wenn nicht seme Vorteile illusorisch werden scdlen. 
(Die Truppen aber — das darf man nicht Tstgessen — kOmien 



*) Seheibtrt, die BefbrtigDSgifciiiiit und 4i« Ldm von Kuipfe. 



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$2 ^ Bedeatsag.d«« T«l«gnpbeD för di« ErngfUmmg 

nicht anch telegraphisch befördert werden.) Alle diese Vorteile 
aller können sich nicht nur aufscrhalb des Ciefechts. sondern auch 
lu gewisser Beziehung auf dem Gefechtsfelde selbst geltend raachen, 
hier aber namentlich der einer durch den Telegraphen er- 
möglichten einheitlichen Leitung und damit kommen wir zu 
den Vorteilen, welche der Telegraph für die BefehUerteilung im 
besonderen bietet. 

Wenn wir sn dieson 3. Teil des Themas fibergeheo, so mufste 
derselbe des logtacben Znsamtnenbsngee halber schon teOweise in 
die iNtberigen Betmehtungen hereingezogen worden. Aber wir 
mflsaen hier doch unterscheiden swischen den an Aimee-Hanpt» 
quartiere gegebenen aUgemeinen Direktiven nnd den speäeUen 
Befehlen, welche von da an die ünterabtoiluugeu gehen. Erstero 
eignen sich wegen der snliasigen Eflrse (die in kkssischer Form 
im Generalstabswerke sn lesen ist) Tonüglich für den Telegraph 
und den sogenannten Tdegnunmstyl, nnd sie bedürfen anch hinfig 
keines weiterem Eommentais. Je weiter wir aber in der militSrisehen 
Stofenleiter herantergehen, mn so mehr macht sich das Bedfir&is 
nach Spesialbefehlen, nach Erlänterongen hienm und auch des 
persönlichen Verkehrs geltend (d. h. durch Ordonnaos^Offinere und 
Adjutanten, besdehnngsweise Versammlung der Commandeure selbst); 
hier |plt das Blassenbach Cresagte: »80 wenig der Telegra|ih 
auf den Verkehrsadern hinter der Armee jemals die Post oder den 
* Kurier ersetaen kann, ebenso wenig oder noch viel weniger ersetat 
er den Ordonnans-Offizier, in Ueineran Vwbanden den Ordonnana* 
Beiter.c Gilt das nun in erster linie mehr für die Verhältnisse 
aufiMihalb des Gefeohtafeldes, so wird man gerade im Gefecht des 
persSnlichen Verkehrs nocb viel weniger entbehren können nnd 
wollen; Befehle in der Schlacht modifirieren sich häufig durch die 
Art der VerhÜtniflse, man wählt daher in doen Überbringong einen 
Offizier des Stabes, der mit den nötigen Instruktionen versehen, 
unt^ Umstanden xa Abänderungen befugt, jedenfalls aber im Stande 
ist, seinem Chef von der Ausführbarkeit des Befehls beziehungsweise 
von der voi^fundenen Lage ein Bild zu machen. Dieses geistige 
Auge der Oberleitung vermag aber der Telegraph ebenfalls nicht 
zu ersetzen. Trotz dieser wesentlichen Beschränkung lüfst sieb 
doch nicht läugnen, dafs eine vorteilhafte Anwendung anch für die 
Befehlsert^ilung iu taktischer Beziehung sich eigeben kann, und , 
zwar für kürzere Befehle beziehungsweise auf entsprechend groÜse 
Entfernungen. 



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im ADftndiiaii mid die BeMibetteilai^ Im B e e o n tow. 



63 



Zoniolirt für die Btadien au&erhalb des Oefechies fär die 
AllanDienmgen (aber nur auf grofee Entfernnngen) aei es der ganzen 
Trappe, sei es eines Teilt derselben (kurze wichtige Bekanntgaben, 
Aufbruchszeit beziehungsweise Abmarschzeiten n. b. w.). Dann im 
Gefechte selbst für Verbindung der Oberleitung mit den höheren 
Stäben, wobei wir jedoch nicht übersehen dürfen, dals wir es hier 
der Sache nach, auch mehr mit den schon erörterten allgemeinen 
Direktiven als mit Spezialbefehlen zu thun haben. EJs können sich 
hieraus d. h. ans einer dernrtigeu Verwendunj^ des Teleo^raphen im 
Gefecht, nnter pichzeitiger Benutzung desselben auch für das 
Nachrichtenwesen (in besondf^rf n Beohachtun^sposten) unter IJm- 
stundon die«iflben Vorteile für (3il Oberleitung ergeben, wie sie oben 
seh (»11 für die strategische Benutsung erörtert wurden. naraHch 
leuliteres Erkennen der Gesauitlage und innigeres Zu- 
sammenwirken der einzelneu Unterabteilungen, z.B.zwischeu 
demonstrativer Front und umgehendem Flüfrpl. (Besonders in solchen 
Ausnahii!' Hillen wd man wie die Überleitung der III. Arnif^e bei 
Bedan in der l-*;^'*' ist das ganze Schlachtfeld zu übersehen.) In- 
wieweit aber auch der Telegrapli hierbei von Nutzen sein kann, 
hängt auch luer von den speziellen taktischen Verhältnissen ab. 
Je weiter wir aber iirnmipr ^'»dien, desto geringer werden die Ent- 
fernungen, desto schwieriger wird auch die Einwirkung ohne spezielle 
persönliche Verständigung und desto weniger ist dA» Bedürfnis hierzu 
▼orbanden. 

Eine besonders iiohe AuRnntzung des Telegraphen wird sich 
namentlich auch hier in den Verhältnissen des Festungskrieges er- 
zielen lassen. Allein durch ihn ist eine einheitliche Leitung der 
getrennten Teile bei den Entfernungen möglich, wie sie der Charakter 
dieses Kampfes, namentlich für die Verteidigung, mit sich bringt. 
Seine Anwendung wird hier wesentlich begünstigt durch die in der 
stabilcu Lage begründete leichtere Verständigung über Zweck und 
Mittel. Diis ii\\t namentlich für die Artillerie behufs einheitlicher 
Feuerleituug, wofür der Telegraph ganz besonders geeiguet ist. 
Im Übrigen gelten auch hier die obigeu Ausführungen in analoger 
Weise. Wir sehen, dafs auch in taktischer Beziehung der Telegraph 
unter Umständen zur Bedeutung gelangen kann. 

Eine vorteilhafte Benutzung deeselben setzt aber — nach obigen 
ErSrterungen — wie wir sehen, eine gewisse Stabilität der 
biltnisse Toraus, er wird daher allgemein mehr dem Positions- 
kämpf als dem Bewegungskriege, mehr der Verteidigung ab 



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64 Bedeutung des TelegTupheu f&r die Kriegführnng n. ■. w. 

dem Angriff za Gate kommen. — Dies gilt in der gleichen Weiae 
fOr die Möglicbkeib einor Anlftge Ton TeLegraphon fiberluapt. 

Dies 'Moment blieb in den bisherigen Betrwshtnngen ^bnlich 
unberftckachtigt nnd zwar mit Abriebt, um denselben den Ohttakter 
^ner rein theoretiscben Stndie zu wahren. Sollen dieselben jedoch 
anch eine reale Grundlage haben, so ist es nötig, wenigstens 
einen allgemeinen Blick anch darauf zu wwfen, in wie weit 
die Herstellung von Telegraphen^Leitungen im Kriege 
möglich ist. 

0ie grofisien Vorteile, welche der Telegraph unbestrdtbar im 
gewissen Sinne auch f&r die Taktik bietet, haben dae Bestreben 
wachgerufen, sieh diesen Vorteil k&nftig auch im Feldkrieg in 
höherem Grade nntsbar zu machen, durch Anwendung des so- 
genannten Vorposten- besiehungsweise Qefechtstelegraphen. 
Und an diese neneste Form des Telegraphen werden von Einigen 
die weitgehendsten Erwartungen g^fipfL IKese d. h. die AnhSnger 
einer unbesohriuikten Gefechtstelegrapliie, wie Ton Fischw-Treuenfeld, 
stützen Bich nun ror Allem auf die £r&hrangcn des nordame- 
rikanischen Krieges, der die Möglichkeit auch einer taktischen 
Verwendung in hohon Grade gezeigt habe. Nun genügt aber 
schon eine oberflachlichls Kenntnis der Verhältnisse dieses Krieges, 
um behaupten au können, dab wir es hier mit einer Art der Krieg- 
führung au thun haben, welche trete Telegraphen und Bisenbahnen 
mehr der fridericianischen als unserer heutigen gleicht. 

Geiade die Schlacht von Frederikaburg, welche so gern als 
Beispiel für die taktkche Verwendung des Telegraphen benutzt wird, 
war eine reine BefensiTSchlacht. Die hier gemachten firfiUirungen 
lassen sich also nicht so ohne weiters auf unsere VerhältoisBe fiber- 
tragen. Abgesehen von doi Bedenken in Bezug auf Organisation, 
Vermehrung der Trains u. s. w, sowie all den Schwierigkeiten, mit 
denen der Feldte1egrap}i in unseren modernen Kriegsverhältnissen 
zu kämpfen hat, wie sie jüngst v. Massenbach *) eingehend beleuchtete, 
dürfen wir hierbei nicht übersehen, dals die stabileren und dem 
Festungskampfe ähnlichen Situationen in dem heutigen Feldkrieg 
zu den Seltenheiten gehören. 

Die heutii^'e Taktik fordert einen hohen Grad von Beweglichkeit 
au( K von der Defensive. Hat schon hierdurch die Feldbefestigung 
eine bedeutende Einschränkung und einen wesentlich anderen Charakter 
eriialten, so gilt das in analoger Weise für alle technischen H&l£i- 



•) Jahibilohar 1886» 64. Baad. 



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Bil|^<ii «ad dar fllditfee Cikg. 



65 



mitleL Di« Hantdlniig bnehnngBireiee Aoanutsoiig deraelbm 
schdtert weit weniger an der nötigen Zeit, aIs an der ÜngewiCriieit 
der Lage. Hieran werden aber alle teduüadieii YerToUkomnuiimgen 
im Pliniip nichta Sndem, so lange wir niclit ohne Leitung (ele- 
grapbieren k5iuieD« Damit aber dieser Leitungsdraht nicht zur 
Fessel wird, rnttasen wir ihn aus taktischen Gründen überall da 
zurück weisen, wo eine Bewegungsfreiheit notwendig Ist. Anoh hier 
iat daa Beaaere der Feind dea GKiten. W. M. 

K. bejT. Haapfaneaa. 



Y. Belgien und der nächste Krieg. 



Die unlängst erschienene Schrift »La Belgiqne et la gnorre 
prochaiue« des belgischen Genie -Majors Girard, hat berechtigtes 
Aufsehen erregt, und ea dürfte daher heute, wo auch die kleinereu 
Staaten vermöge der verhältnismäfsig nicht uubeträchthchen Streit- 
kräfte, wtilche sie im Falle eines Krieges aufzustellen in der Lage 
sind, einen nicht zu unterschätzenden Faktor im Knegslalle zu 
bilden vermögen, nicht ohne Interesse sein, dem Inhalt di^r Schrift 
näher zu treten und denselben im Folgenden io seinen Haupt- 
momenten zur Darstellung zu bringen. 

Die Schrift zerfallt in einen politischen und einen mili- 
tärischen Teil. Tn dem ersten giebt Major Girard der beatimmteu 
Überzeugung Ausdruck, Jafs, entgegengesetzt der in Belgien vielfach 
verbreiteten Annahme, es diesem Laude nicht erspart bleiben werde, 
von einem künftigen Kriege der groben Kontinentalmikhte Frank- 
reich und Dentschland berührt zu werden. In dem militörischen 
Teil wird die gegenwärtige Heeresverfassnng Belgiens einer Prüfung 
unterworfen uud ihr Znstand als ein sehr besorgniserregender ge- 
schildert, gleichzeitig aber überzeugend dargelegt, dafs es für 
Belgien nur genüge, zu wollen, um ohne Erhöhung der 
persdnlichen und pekuniären Lasten über eine Kriegs- 
stärke von 300,000 ausgebildeten uud mit den nutigeu 
Cadres versehenen, den besten (?) Truppen Europas au die Seite 



66 



Bdgifln ud dir niolHU Jiätg, 



zu stellenden Soldaten zu Terfogen. Über den einzuschlagenden 
Weg, der zu die^m Ziele fahre, will Major Girard seine Landsleute 
anfklären. Er erkennt an, daCs Belgien seit 1870 tüchtige Kriegs- 

rainister gehabt hat, die emsig bestrebt waren, die Armee zu 
reorganisieren, allein dafs demselben bis heute ein genialer Organi- 
sator fehlte, und er sucht ferner die Ursachen des bisherigen Mifs- 
lingens der Schafiung einer guten Organiaatioa in der belgischen 
Armee selbst. 

In der heutigen politischen Situation Europas erkennt Major 
(iir;ird, bedingt durch das gleichzeitige ^ orhandensein der orienta- 
lischen, Elsafs-loth ringischen und der tunesischen Frage, die Bildung 
zweier feindlicher Gruppen , der italienisch-österreichisch-deutachen 
und der französisch-russischen, und ist der Ansicht, dafs eine Lcisuug 
der sie bedingenden ^ Fragen durch den Krioo; oino Tnogiiche 
Eventaalität ist. Die Inteifs^en Englands wi* s( n hi^st li e rtnf die 
Nichtnnterstützung der russisch-tranzosischen tini|)pe mu\ auf die 
Allianz oder die wohlwollende Neutralität hinsichtlich der anderen 
Gruppe hin, — Der fernere Inhalt seiner Schrift basiert auf der 
Annahme, dab jener angedeutete Krieg stattfinde. 

Die Ansichten Girard's über die heutige L&gv lJr](^iens sind 
die folgenden: Die beiden politischen Gruppierungen Europas 
schUefsen für Belgien eine schwere Gefahr in sich. Dieselbe liegt 
darin, dals entweder Deutschland oder Frankreich, ausschliefslich 
ihren militärischen Interessen folgend, ihren Angriffsweg durch 
Belgien nehmen können. Es erscheint wahrscheinlich, dafs Öster- 
reichs Heere sich gegen Kussland, die italienischen sich gegen 
Frankreich wenden. Frankreich wird daher seine Südostgrenze 
gegen Italien, und Deutschland seine Ostgrenze gegen liussland 
zu schützen haben. Die französischen und die deutschen Streitkräfte 
werden sich in Folge dessen ungefähr gleich an Stärke gegenüber 
treten, und ee wird «cb fragen, ob die deutsche Armee vom 
mittleren Rhein aus gegen die formidablen Befestigungen an der 
oberen Maas voi^ehen oder sich südlicher wenden wird, um der 
ttaltenwdiiii Ihvanim 4ie Hand m reichen, nnd im letzteren Falle 
jedoeh den gritfaten Teil der Westgrense Deutaehlande preisgeben 
wird, ferner aber, ob die firamSdeoiie Armee deb hinter der Snüserst 
starken Barriere der oberen Uaas konientrieren- und die Nordgrenw 
einer InTaaion offen lassen wird, nnd endlioib, ob Fraakreidi nnd 
Deutschland einige 100,000 Blann vor Deckung TOn Paris reep. Ton 
Berlin an der Sfld* besdehnngsweise Ostgrenze Belgiens für den Fall 
der. immerhin mdglichen Yerletmng der l^entralitftt Belgiens dnrch 



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Bd|^ «nd der nidiike Kri«g. 



67 



den Gegner, auüstellen werden. — Wie dorn auch sein möge, BelgieB 
mab sich darauf vorbereiten, in den Krieg yerwiokelt zn worden, 
und nicht den Krieg selbst, sondern seine Folgen im Fall des 
ünvorberatetseins und Unterliegens: die Annexioii oder die Teilung, 
bat es zu fOrehteu. Selbst wenn es ihm gelange, der Teilnahme 
am Kriege zu entgehen, wird sein Geschick nach der Meinung 
UBj/or Gimds durrh einen Kongrele, auf dem es nicht repi&sentlert 
sein werde, entschieden werden. 

Belgien ist auf die Krisis eines Krieges weder politisch, noch 
militärisch, noch moralisch vorbereitet. Es besitzt keine zuver- 
lässigen Alliierten, die Hauptmängel seiner Armee sind dem Lande 
unbekauut. Dasselbe lebt in iler Illusion , dafs f?cine Neutralität 
und seine Armee, gestützt auf Antwerpen und die Maasbefestigungen, 
es siebern werHpn, Da;? Ziel der äufseren Politik Belgiens l)esteht 
in der Autrechthallung seiner Unabhängigkeit. Die Mittel, dasselbe 
/u erreichen, sind seine Politik der Zurückhaltung, seine Neutralität 
und seine gegen den ersten Angreifer dirigierten Streitkräfte; diese 
Mittel jedoch bezeichnet Major Girard als völlig trügerische. Die 
Politik der Zurückhaltung dokuni<^ntif're Mangel an Lebensfähigkeit 
und Mangel an Energie und setze ihren Träger in der Achtung der 
übrigen Nationen h^rab, die Nentralitätspolitik verweichliche das 
Land, fQhre es seinem liuiu eutgeiien, sie wiege es in trügerische 
Illusionen. Die Neutralität Belgiens schützt dasselbe nullit gegen 
eine feindliche Invasion und die Existenz eines nnuliluiugigeu 
Belgiens ist keine europäische Notweudigkeit; sie ist uur der Ausflufs 
des Barrierensystems, d. h. des vom germanischen Europa Frankreich 
auferlegten Verbots, Belgien zu annektieren. Drei historische Momente 
bezeichnen dieses System; Der Barrieren -Vertrag von 17 If). welcher 
Belgien Frankreich nahm und Asterreich gab und hüUändische Be- 
satzungen in die belgischen Festungen legte; ferner die Bildung des 
Königreichs der Niederlande und endlich din Neutralitäts- Erklärung 
Belgiens. Weder Frankreich noch Deutschland würde dieses System, 
d. h. die Neutralität Belgiens respektieren, wenn ihre Interessen es 
verlangen und wenn sie finden, dafs das Preisgeben einer llaupt- 
stralse auf raus resp. auf Berlin, oder die Aufstellung einigei' 
100,000 Mann an der belgischen Grenze das Schicksal des Krieges 
in Frage stellen können. 

Major Girard ist der Meinung, dafs einfach die Anrufung der 
T&lkerrechtlichen Grundsätze, die für das Recht der Passage durch 
ein neatrales Gebiet gelten, für Frankreich oder Deutschland ge- 
afigen würde, um, ohne daCs Belgien ea in seiner jetzigen Verfiiasaog 

6* 



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68 



Bdgltn ma der nlMa Zites* 



hindern köone, den Dorchng in Soene so aetaen. Die kriegrührenden 
Parteien würden femer, wenn die Festangtwerke Ton Lfittich und 
Namur beendet sind, sich bei einer Besetzung denelben ihrersmto 
auf den Grundsatz des Völkerrechts berufen können: »Sehr dringende * 
Umstände können selbst die zeitweise Besetzung einer neutrden 
Feetung, ihre Belegung mit GamiMn, rechtfertigen, nm aeh g^geii 
den Feind wa nehsrn oder nm ihm in aeinen Absioliten naf den- 
selben Plate laTOiznkommen, wenn dessen Herr nicht im Stande 
ist, ihn an schfttsen.« — Im Hinblick anf diese, ihm sich wohl 
besonders als Konsequenz des geheimen Artikels der Festungs- 
konvention vom 14. Dezember 1831 aufdrängende Gefahr, mifsbiUigi 
der Autor den Bau der groCsen Festungen Lüttich und Namur, nm 
so mehr, da die ganze belgische Armee kaum hinreiche, Antwerpen 
sa besetzen, und bemerkt, daCs aus dem völkerrechtlich ausgesprochenen 
Besatzungsrecht von Festungen, die man nicht zu schützen vermöge, 
im Verein mit dem Besatzungsrecht Deutschlands als Erbe Preufsens 
anf Namur, für Belgien tragikomische Verwickelungen entstehen 
könnten. Denn Frankreich und Deutschland könnten gleichzeitig 
mit ihren Truppen vor Namur erscheinen und auf das Volkerrecht 
gestützt das Besatzungsrecht auf diese Festung beanspruchen. 

Das dritte Mittel Belgiens, die Gefahr zu beschwören, besteht 
in dem Entschluls, dem ersten Augreifer den Krieg zu erklären. 
Aber das Ausland weifs sehr wohl, was in Belgien nicht bekannt 
ist, dafs die schwerfällige Mobilmachung der belgischen Armee erst 
lange, nachdem das Land von Feinden überflutet, durchzogen und 
besetzt ist, derselben die Aufnahme des Kampfes gestattet. Es 
weifs, dafs der Kolofa Antwerpen gegen einen energischen AngritF 
keine 48 Stunden Widerstand zu leisten vermag, und da£s der 
Feind, wenn er in Belgien eimlringt, dieses Land in Gute oder mit 
Gewalt mit ihm zu geben zwingen wird. Die Kriegserklärung 
gegen den ersten Angreifer würde nur dann einige Be- 
deutung haben, wenn Belgien im gegebenen Moment die 
Gesamtheit seiner wehrfähigen Bevölkerung bewaffnen 
konnte, wenn es ein vernünftiges Verteidiguugssystem 
besüfse, dessen Sicherung nicht seine ganze Armee ab- 
sorbierte, und wenn es eine Feldarmee von 200,000 Mann 
in die Wagschale werfen könnte. 

Die Überflutung Belgiens durch den Feind kann in Folge der 
Beanspruchung des Durchmarsches oder in Folge der Kündigung 
des Neutralitätsvertrages erfolgen. Tm ersteren Falle wird eine 
halbe Million Franzosen oder Deutsche an der Grenze Belgiens 



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Bdgkn vai der mehile Kri«B. 69 

ers( lu inen. In diesem Augenblick werden 100,000 Belgier in groDser 
Unordnuug und vor Allem der für die Fahrzeuge erforderlichen 
Zugpferde entbehrend, sich bei Antwerpen versammeln, und Belgien 
wird den Durchmarsch nicht verweigern, sondern ihn nur erleichtem 
können, damit der Krieg bald in Feindes Land getragen wird. 

Im zweiten Falle wird einer der beiden Kriegführenden oder 
werden beide sich an der belgischen Grenze massieren. Ist dies 
nmr bei einem der Fall, so kann Belgien sicher sein, überwältigt 
zu werden, bevor der andere ihm zu Hülfe kommt, und es wird 
diesem übermächtigen Gegner den Krieg nicht erklären können« 
Wenn aber beide kriegfübrende riirUieu gleichzeitig an der belgischen 
Grenze erscheinen, so wird man belgischerseits hinter dem Schleier 
der vorgeschobenen Kavallerie nicht zu erkennen vermögen, wer der 
erste Angreifer ist, dem es den Krieg zu erklaren beabsichtigt« 
Bevor jedoch die Rekognosziernngen zu einem defimÜTeii Ergebnis 
geführt haben, wird der erste Zusammenstoß der Gegner in den 
Ebenen Belgiens bereits stattgefunden haben. Der Siij^ abor in 
dieeem ersten Benkontre wird voraussiehtlieli Antwerpen nad dw 
belgische Armee nicht in minem Blicken laMwn wollen nnd wird 
mnm Teil seiner Kiftfte gegen Felben entsenden. Dieeem fiber- 
mlehtigen Sieger nber den Krieg eiklSren sn wollen, wfirde den 
Untergang Belgiens bedenten. Belgien wird daher « freiwillig oder 
geiwQngen, mit dem ersten Angreifer nuuMefaieren, aber nicht ihm 
den Krieg erklären. Fügt es sich nicht, so wird derselbe oder der 
Sieger, \mm ersten Zneunmenstols beider Gfregner, 160,000 bis 
900,000 Msnn gegen Antwerpen entsenden, die Stadt nnd d«i 
Hafen bombardieren, die im yenehansten I«ger in der Formation 
begriffene belgisdie Armee fiberwUtigen und dieselbe Toranseicbtlioh 
swingen, ihm Heerfolge in leisten. 

Belgien wird ans freien Stücken mit dem Angreifer gemein- 
ichaftli^e Sache machen, wenn deiselbe ihm annehmbare Be- 
dingnngen bietet; auf alle FSlle wird derselbe ihm die Wahl 
swisdien der Erhaltung seiner ünabhSngigkeit nnd dem Anf hören 
seiner Edstens stellen, nnd seine Armee iwischen ttner Eapitnlation 
in einer nicht TerteidignngsfShigen Featnng nnd an seiner Seite m 
eiringeiiden Lorbeeren wBhlen lassen. 

Bis jetzt blieb jedoch Belgien noch ein letzter Rettungs- 
anker: Das System einer konsentrierten Verteidigung. 
Die Vollendung der Maasbefestigungen beseitigt jedoch 
auch diesen. — Dieses Verteidignngssystem bemht auf einer 
lifihtigen Idee» ihre Anwendung ist jedoch eine uuTerstfindige. Die 



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70 



Bdgim wid der Biduto Kdag; 



Idee besieht darin, die Streitkrifte des Landea in einer befeetigten 
Stellung sa konientrieren nnd in denelben den gSnatigen Moment 
mm Handeln absawarten. Ihre Anwendong hat dieselbe in der 
Anlage der derartig ausgedehnten Poaition von Antwerpen gefunden, 
dais deren Deckung faat alle Ki^fte dee Landes beansprucht, nnd 
die auf V4 ihres Umfongs tob Flüssen oder Inundationen umgeben 
ist, die eine natfirliche Einsehlielaun{^nie bilden — in einer 
Festung, die man trotz ihrer ungeheuren Ansdebnuog Ton drei 
verschiedenen Seiten bombardieren kann, — in einem offenen vei^ 
schanaten Lager, g«gen welches eine feindliche Armee mit Leichtig» 
keit zu operieren vermag. 

Belgien befestigte ferner Namur und Lütticb, um die Deutschen 
und Franzosen zu hindern, ihren Weg durch das Land zu nehmen. 
Aber die Wälle dieser Festungen verteidigen sich nicht von selbst 
und das Vorhandensein der Festungen Lüttich und Namur beraubt 
das Land der Möglichkeit einer abwartenden Haltung und der Wahl 
seines Alliierten. Dasselbe nötigt Belgien, mch nicht seinem In- 
teresse gemäfs, sondm nach dem Umstände des früheren Ein- 
treffens der ITranaoeen Tor Namur oder der Deutschen ?or Lütiich 
SU erklären. 

Die politischen Folgen des grofsen Kampfes, der die 
Existenz Belgiens bedroht, schildert Major Girard folgender- 
mafscn: Der Kriep; kann mit der Nioderwcrfnng Deutschlands, mit 
derjenigen Frankreichs nnd mit der Ermattnng beider Teile enden. 
Die Niederlage Deutschlands wird für IVankreich die liheingrenze, 
für Belgien die Verwaudlunj? seiner l'rovinzen in Departements, 
den Rnin seiner grofsen Stildte, licvrmders das Herabsteigen Briispels 
von seinem Range als Hauptstadt, und die empfindliche Schädigung 
Antwerpens in seinen Ilandelslnziehungen mit Deutschland bedeuten. 
Die Niederlage Frankreiebs wird voranssiclitlich eine Erneuerung des 
Barrierensystenis zur Folge hal)en. Belgien kann Reichsland oder, 
mit Reiheiialt seiner Dynastie, Bavern und Sachsen gleichgestellt, 
die Hut seiner Festungen dentschen Truppen anvertraut werden; 
jedenfalls aber wird Deutschland seine Neutralität durch eine seinem 
gescbichtliclH n nnd politischen Interesse entsprechende andere Kom- 
bination erset/en. Belgien hat dann besonders zn fürchten, dafs 
Deutschland es vom Zollverein aiissschliefst nnd es die Lasten der 
grofsen Staaten, ohne ihm deren Vorteile zuzuwenden, tragen lälst. 
— Bei einen» in Folge der Ermattung beider Gegner endigenden 
Kriege würde Belgien voraussichtlich zur Teilung gelangen; denn 
Deutschland würde zur Erhaltung der 1871 von ihm annektierten 



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Bdgien und der n&cbite Krieg. 



71 



Berdlkerang«! dfln WaHonischen Teil Belgiens Frankreich ala 
KompeiiMlioii gtbea. 80 wurde einst das westliche Flandern 
Ludwig XIV. fiberlassen. 

IKeaer traurigen Perspsktiv« aber sdl durch energiadie l&b- 
regda BelguDs voigebeagt werden. ESie Nation von 5Vs HiUionen 
auf fracktbarem Boden lebenden BSmwobnem, zmh dnndi ihren 
Handel and ihre Indnetrie, darf nicht nun Sinelball eines jeden 
Augreifere werden. 9e mnle ihre Bedentang in der Geschichte 
aofirechi erhalten nnd wol dem Ende eich nicht von ihren AntimifitSre 
und Friedenstrinmem, and ihren flfilit&rs mit ihren kostspieligen 
nnd illoBorisohen EntwSiÜBn irre führen lassen; sie mufs das Beispiel 
der grolsen Nationen nachahmen und eich dam entsehliefsen, 
dals jeder Belgier Soldat wird. Wenn aber Belgien eme Macht 
Ton 300,000 Mann besitat, so wird ee einen Krieg mit Ehren nnd 
Aussicht auf Erfolg fahren k9nnen. Des Land zihlt 300,000 
20 — 36jihiige v5Uig diensttangliche Männer. Es fingt sich, ob es 
dieselben ansbOden, in Oadres bringen, sie mit einem Wort la seiner 
Verteidignng geschickt machen kann, ohne ein stehendes Ijkger sa 
werden nnd ohne seine Finansktifte in fiberschreiten. M^jor Girard 
bejaht diese Frage nnd ist bemüht, mit der Ihitwickslnng eines 
Systems nationaler MilitSr-Institntionen, den Beweis dalor la 
liefern. 

Zonlohst bsepricht er die YerhSltnisBe der heutigen belgischen 
Armee. An nnterrichteten nnd pflichttreaen OfBsieren, an gehorsamen, 
fnr ihra Aofgaben vorbereiteten Soldaten fehlt es derselben nicht, 
aliein es mangelt ihr die moralische StSrke, die aas der Übeneagung 
herrorgeht, dab das Stsatsinterease das einiige und absolute Motiv 
fRr Alles, was in der Armee geeohieht, bildet Was das Kriegs- 
material anbelangt, so besitit Belgien fast nur versltete Festangs- 
geechfltae. Seine Feldgesdiütw neuen Modells gelangen erat nach 
lOjihrigem Verweilen in den Arsenalen in die Hand der Trappen. 
Drei Jahre gelten zum völligen Yertrautruachen mit denselben als 
erforderlich. Die Umgestaltung der Bewaffnung der Infanterie hat 
derselben eine gute Waffe in die Hand gegeben. Besonders mangel- 
haft sind jedoch die BekleidunL^^sverbältnisse. Der belgische zur 
Fahne gerufene Soldat findet im Krie^&ll weder einen neuen noch 
«nsn ihm paesenden Ansog vor; denn er mufis mit 30 Jahren den- 
selben Änzug anlegen, der ihm mit 20 Jahren gepafst und der 
8 Jahre hindurch auf den Kammern gelagert hat. Wie die Dinge 
augenblicklich liegen, würde üemer die belgische MiUtarTerwaltnng 
sehr in Yerlegenhat kommen, wenn sie die 100,000 neuen Ansiige, 



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72 



BelgiMi md 4«r aiehfle Jring, 



welche die Annee für den Kriegabll bnacht, und die 900,000 
nenen Unlfonnen fftr die alBdanii ftoemliebende Memnehaft, naeh- 
weisen wollte. 

Wae die beatige lo widiüge raeohe MobilmachuBg der 
belgiechea Armee betrifft, eo krankt dieselbe an swei grofeen 
Übeln, der fehlenden AnSMhreibnng der Ffeide und dem Mangel 
der, um raniduA der femdlichen EafalleriemaaBen enfgegenmtreten, 
erforderlichen groben EaTallerieTerbinde. Die belgische Armee wird, 
eingeeehloBMn in Antwerpen, wie die Yeiliftltniflse hent li^ien, in 
dieser Hinsieht nie kriegsbereit weiden« Hente, wo sidi die Hobil- 
maebnng anderwSrts in 6 — 7 Tsgen Tollzieht, ist der Hangel des 
Voriiandensejns äier grofrea KavaUerieverbSade sdion im Frieden 
dn nnersetilieher. Die bdgiscbe Armee aber in ihrer heatigeo 
Verfassung wird frShastens in 14 Tagen für einen Feldsag mobil 
sein, wahrend die denischen und fmnsSsischen Armee-Corps am 
6* oder 7. Tage manobbereit sind. Qanz Belgien wird daher vom 
Feinde überflutet sein, befor es in der Lage ist, einen Kanonen- 
sohnis abanfenern. Allein die Millionen dee Landes haben nicht die 
Bestimmung gefunden, die Armee gut lu bekleiden und gut sn 
bewaffiien, sondern die Befestigungen Antwerpens zu Tcvstarken; 
dieselben bedeuten jedoch für Belgien eine yöllig trfigerische 
Illusion. Antwerpen ist nach Paris die grölste Festung der Welt. 
Das kleinste Land, die kleinste Armee hat die grofste Festung! 
Die groben Festungen aber werden heute nicht mehr Schritt fSr 
Schritt angegriffen, mau bezwingt sie durch die Einschlieisung. 
Antwerpen nun kann, wio geseigt werden wird, niit der gesamten 
belgischen Armee durch eine gleich starke feindliche Armee zur 
Kapitulation gezwungen werden, und was den die Prozedur einer . 
Einsdbliefoung abkürzenden gewaltsamen Angriff hetrilFt, so kann 
Antwerpen in Anbetracht seiner lokiüen Verhältnisse demselben in 
48 Stunden erliegen, selbst wenn man smgiebt, dafs keins seiner 
Werke genommen wird, und dafe die belgische Armee sich heroisch 
schlägt. Die belgischen Genie-Offiziere sind hierron und ebmiso 
TOn der Gefahr, welche die planlose Ausdehnung seines Verteidigungs- 
Sjstems f&r das Land in sich schliefst, überzeugt» 

Über die Widerstandsfähigkeit Antwerpens gegm eine 
Einschlie&ung wird das folgende bemerkt. Das Terrain um Ant- 
werpen serfaUt in 4 Abschnitte, 7on denen swei durch Polder, 
Innodationen und Gewässer für einen Ausfall ungeeignet sind. Nur 
der Abschnitt im Norden und Osten eignet sich su einem groben 
Ausfall. Der letstere kann swm Ziele Tcrfolgen, entweder einer 



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Bdgien und dir nidute biig. 



73 



£ntsat^-Armtit) die Hand zu reichen oder vor dem Untergang zu 
kämpfen. In beiden Fällen müssen in Antweri fn die zu seiner 
Verteidigung nn entheb rlichen Truppen zurückgelassen werden. Dazu 
sind 50,000 Mann allermindestens erforderlich. Die in AntwerjiHn 
eingeschlo^ene Armee wird nacli Abgang der Besatzungen von 
Termonde und Diest und der Citadellen von Lütticb und Namur 
(die au^edebnten Festungswerke dieser Städte sind noch im Bau 
begriffen) auf 100,000 Mann veranschl^t. Es bleiben daher 
50,000 Mann für einen grofsen Aubtall zur Verfugung. 

Die Belagerungen von Metz, Paris und Beifort haben bewiesen, 
dafs der Belagerer in einer Einschliefsunghlinie im Verhältnis von 
1 ; 2 Widerstand leisten kann, und dafs er, wenn er am nächsten 
Tage au Zahl gleich stark wird, den Angriff der Ausfalls -Armee 
zurückweisen kann. Die Kommunikations -Verhältnisse bei Ant- 
werpen gestatten dem Belagerer, der Aubfalls-Armee vor dem 
2. Tage 60,000 Mann entgegenzustellen. Für die Einscbliefsuiigs- 
Arraec werden 100,000 Mann als erforderlich nachgewiesen. Die 
Befeatiguugen von Antwerpen werden dalicr Jcni Resultat lühren, 
100,000 Belgier gegenüber einer gleichen Anzahl Deutscher oder 
Franzosen in ihnen zu fesseln, und sie alsdann nach Deutschland 
oder Frankreich entweder ohne Kauipf als Kriegsgefangene gehen 
zu sehen, oder sie sich in einem Kampf ohne Aussicht auf Erfolg 
verbluten zu lassen. Die Verwendung der belgischen Armee 
in offener Feldschlacht ist daher vorzuziehen. Hinsicktlich 
der Widerstandsföhigkeit Antwerpens gegen den gewaltsamen Angriff 
wird gesagt, daCs für dieselbe die erforderliche Ausbildung und 
Energie der belgischen Armee, die Sturmfreiheit der Werke, die 
ausreichende Beschaffenheit seiner Artillerie vorausgesetzt ist. Aber 
die Ifängel der Organisation der belgischen Armee und die Anlage 
der Festung sind derartige, dafs eine Armee von 200,000 Mann 
mit dem erforderlichen Geschütz mittleren Kalibers, welche 14 Tage 
nach der Kriegseridärung vor Antwerpen erscheint, die begründetste 
Aussicht hat, durch einen energischen, gut geführten Angriff im 
Innern des Terschsnsten Lagers selbst, die Feetnng innerhalb 
48 Stondoi snr Kapitnlaticil »t zwingen. Die Innndationen, Polder 
und Qewiner, wdehe Antwerpen anf Vi seines UmkreiseB umgebmi, 
erloiditem, wie wir sehen, eine Einschltefsung, schütien jedoeh das 
inmienM Tendianste Lager nieht gegen einen Angriff. iSn Sdiein- 
angriff zwisehen Lierre und Wane — 8unte»Gatb^rine und ein 
Hauptangriff auf Bvmt kann die belgische Armee swiBchen swd 
Fener bringen. 



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74 



Belgien and der n&diste Krieg. 



Antwerpen ist troti dar ibm neuerdings gegebenoi Ausdehnung 
nieht gegen ein Bombnrdement geichtttst. Dasselbe ii( Ton 
Brasehaek im Norden, Ton Selulde im Osten nnd ▼on Be?eren mi 
Westen mit 15 om QesclilltMn «iifillnbar. Des ümt«mitt der 
Pestang ist der nachhaltigen Yertddigong angünstig. Daaselbe ist 
▼öDig flaoh ohne dominierende Poritkni and aatedem derartig 
bedeckt, dala es nirgends anf einige 100 m Oberncht bietet. Um 
richtige Gesehntswirknng zu ermöglichen, mülsteu anf diesem GelSnde 
Ton mehr als 20,000 HeUaran, die Heeken, Gilten, GehSfte, Banm«* 
gruppen, Parke rasieit nnd deren Überbleihiel nuammengehinft 
werden, um keine noch gefährlicheren Masken abzugeben. Diese 
Riesenarbrnt kann erst naeh 14 Tagen am Fnk der Glaeis in Angriff 
genommen werden. Die Armee des Belagerers kann daher in dem 
verschanzten Lager manöTiitten, ohne sich nm das Fener der Forts 
sn kümmern. Die Geschosse der Tormgeschfitse der Forts werden 
die Banme aecachmettem nnd sdiweigen mttssen, sobald die Truppen 
des Angreifers In die Nihe der des Verteidigara gelaaigt sind. — 
Das Befestig ungBsystem Antwerpens mit seinen immen* 
sen, 8 — 3 lienes von einander entfernten Forts ist ein 
völlig verfehltes. Kleine, nahe aneinander liegende Bedonten 
för Infanterie -Verteidigung und leichte Gesohütee, mit starken 
Zwischen-Batterien gegen den feindlichen Angriff, wiren unbedingt 
vonosiehen. 

Zn den nngftnstigen militirischtti Vorbedingungen kommen die 
moraUsehen nnd politischen, die Ungewilsheit, ob die Regierung in 
Brüssel bleiben oder sich in Antwerpen einschliefBeu soll. Das 
erstere wSie gefährlich, das letetere erregt das Land nnd hindert 
die Milit&r-Transporte. Allein es ist das Wahrseheiiilichere: Der 
Hof, die Kammern, die Kationalbank werden nach Antwerpen über- 
siedeln, nnd mehrere höchst wichtige hindurch wird die 
innere Staatsverwaltung stocken und die Hobilmaehong venügert 
werden. In Antwerpen, wo sich die Generale, umgeben von ihnen 
unbekannten Beamten, an der SpitM von Diensteweigen befinden 
werden, deren Fanktionieren und Raderwerk sie nicht ans Er- 
fahrung kennen, wird Verwirrung hemohen. Luiwischen wird der 
Fdnd erscheinen, das Bombardement von drei Suten beginnen 
und gleichzeitig die belgische Feld -Armee in dem verschanzten 
Lager angreifen. Der Angriff wird mit einer Katastrophe 
für dieselbe enden. — 

Die bisherigen Reorganisationen der belgischen Armee 
waren Stückwerk, Belgien bedarf nieht 90^30,000 Mann 



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75 



mehr, sondern die systematische Howaffnung seiner ge- 
samten waffentüchtigen Bevölkerung und völlig neue 
niilitäri.sche Institutionen. — Belgien hat bis jetzt noch das 
veraltete frühere Ijranzösische Ueersystem. Es mnfs zum preuCnschen 
System der allgemeinen Wehrpflicht, welches die grüüsere Zahl and 
den höheren moralischen Wert, das Volk in WaflFen, repräsentiert, 
iibergehen. Dies französische System liefert mit denselben Kosten 
einen Soldaten, für welche das preullsische 3 ergiebt. Die Caüres 
für die Truppen der Armee-Reserve müssen aus den gebildeten 
Klassen genommen werden, und diese deshalb mit der Wafi'c dienen. 
Belgien hat vor kurzem die Effektivstärke seines Heeres mit einem 
Kostenuufwaud von einigen 1(X).Ü(K} frc« verstärkt; es würde bei 
Annahme des preuTsiBchen Systems für dieselbe Summe sich 
2Ü0,U(XJ Mann mit guten Gadres verschafft haben. Das System der 
(lemokratLseht'ii Ackerbau treibenden Schweizer Republik palst für 
die bürgerliche und industrielle belgische Monarchie nicht. Die 
letztere liedari eiuer jederzeit disponiblen hewaflFheten Macht, niclit 
einer .«cli weizerischeu l^ndwehr. Eine grofse Anzahl belgischer 
MiliUirs ei strebt nur die Vermehrnnjx der eigentlichen Annot-, unter 
Elrhöhung des Budgets, der Tlnlalligkeit gegen die besitzlosen 
Klassen uiul der Schaffung von Sinecuren, und kann nur dazu 
beitragen, die Armee dem Lande lästig und verhafst y.u machen. 
Belgien bedarf nach dem Beispiele Deutöchlauds wemg zahlreicher, 
aber gut besoldeter Cadres. 

Die allgemeine Wehrpflicht und eine richtig bemessene Gesamt- 
dienstdaner werden auch für Belgien die ihm erforderliche Maxinuil- 
zabl an Streitern ergeben. Major Girard schlägt eine Gesamtdienstzeit 
von 16 Jahren vor. Die gründliche Durchbildung aller völlig zum 
Heeresdienst im Frieden und Kriege geeigneten Mannschaften im 
stehenden Heere und die hinreichende Durchbildung der zu letzterem 
ausreichend geeigneten Mannschaften einer Ersatz-Reserve müssen 
auch in Belgien vor Durchführung gelangen. Das Jahreskontingent 
mnCs nach einem bestimmten Prinzip festgesetzt werden; eine be- 
stimmte Minimal-KorpergröljBe und Körperstarke hat die Grenze ffir 
daeselbe sa bezeichnen und die Unterscheidung der 55,000 Mann 
der belgischen Milizklassen in eine Brsatz-Resenre 1* und 2, Klasse 
m emben. 

Über die Anw«Kdang des prenfnschen Systems anf Belgien 
bemerkt Majcnr Girard, dals dasselbe in Prenfsen selbst swsi jet^ 
lehiedeneu Modtfikationen, entsprechend der nr^prünglich ddbnsiTen 
ond alsdann der offensiven Bolle dieses Staates in dieson Jabr- 



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76 



Balgim nad der aidute Eiiiig. 



hundert^ nuterworfen wnr, und dafs Belgien naturgemäfs die defen- 
sive Art dieses Systems annehmen müsse. Er will, dafs die eigentliche 
Armee ans 4 Jahrgüngen bestehen soll, sie würde alsdann nach 
Abzug der AbgÜD^e und Hinzuzahluiig der permanenteu Cadres aus 
100,00(> Mann bestehen. Die Landwehr 1. Aufgebots soll aus 5, 
die Landwciir 2. Aufgebots am 7 Jahrgängen gebildet werden, 
und jedes Bataillon, jede Schwadron, Batterie und Genie-Compagnie 
des 2. Aufgebots sollen eine gleiche Einheit für die Verteidigung 
der Festunjyen und Operationslinien aufstellen, Um daher über 
200,000 ausgebildete, mit Cadres versehene und deshalb sofort 
mobilisierbare Soldaten verfügen zu können, müfste Belgien die 
Gesamtdienstzeit auf 16 Jahre normieren. Von diesen 16 .Jahren 
würden jedoch 12 in den bis auf kurze Übungen nur zum Kriege 
aufgerufenen Formationen, zugebraciit werden. 

Die belgische Armee stellt heute jährlich 13,000 Mann ein. 
Wenn diese Zahl auf 25,0(K) erhöht wird, so verdopjiclt sich die 
für den Sold, die Verpflegung und Bekleidung bentimmt« Budgot- 
quote. Dies würde der Fall sein, wenn die jetzijje PnLsenzzeit bei 
der Fahne dieselbe bliebe. Wird diese Präsenz/^eit jedoch auf ihr 
zulässiges Minimum beschränkt, so gestalten sich die Dinge anders. 
Das Gleichgewicht des Budgets hängt daher von der Normierung 
dieses Minimums ab. Zwei Umstände sind für dieses Minimum 
mafsgebend. Die Ausbildung uud militärische Erziehung der Mann- 
schaft und das permanente Vorhandensein einer für die Anfrechtr 
erhaltung der Ordnung im Innern des Landes hinreichenden Truppen- 
macht. Die aktive Dienstzeit ist in Belgien heat je nach den 
Waffen verschieden. Sie beträgt 28 Monate für die Provinzial- 
Infanterie, 3 Jahre für die in der Hauptstadt gamisonierende In- 
fanterie, für die Festimgs -Artillerie und das Genie, 4 Jahre fttr die 
Feld -Artillerie und die KaTallerie. Major Girard billigt nicht, dab 
die HanptwafFe, die Infanterie, kürzer wie die Feetangs -Artillerie 
und Feld-Artillerie (mit Ausnahme der reitenden) und wie des 
Genie und die Infanterie der Hauptstadt dient. Das sullnige 
Minimum der Dienstzeit ist noch nicht erreiclit; nk^t an der Zahl 
der Streiter, noch an deren Cidros, sondern an der Dauer der 
F^rSsenzzeit bei der Fahne wird man künftig Erspamisse m machen 
snciien. Major Girard iat der Ansichtt daia för den rein mechaniseheii 
Teil der militärischen Ansbildang des Infanteriaten 4 Monate, für 
seine mUitarische Eniehnng ein Jahr genügt, und daCs am finde 
dieser Zeit der Mann alles gelernt habe, was sein bisheriger BUdongs- 
grad ihm zu erlernen gestatte, daCs ober diese Zeit hinans der 



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Bd||^ wd der Bidule Iikg . 77 

Dienst nur lioutinesache, Wache, Arbeitsdienst u. s. w. ist, und 
dafs der Mann in dem Moment, wo er verlernen und sein guter 
Wille nachzulassen anfänr^t, m seine Heimat zurückgeschickt, 
mit mehr Enthusiasmus den jüiirlichen Einbcrufnnc:cn zu einer 
vierwöchentlichen Übung, vrelche die nktive Ariuct auf Kriegsfufs 
bringen sollen ond einer Mobümachoug ähneln werden, folgen 
werde. 

Wenn Belgien die verschiedenen Präsenzzeiteii seines jetzigeu 
Jahreskontingents von 13,Ü0Ü Mann durch eine gleichmäf^ige Dauer 
von 16 Monaten ununterbrochener Prilseiu und zweimouatlichc 
jährliche Einziehung des vorgeschiageuen Kontingente von 2r),CKK3 
Mann, ersetzte, m würde es die allgemeine Dienstptijcht ohne Ver- 
mehrun^i; der |>ersonellen noch der pekuniären Lasten reahsioren, 
da die Gesamtzahl der Tage der Präsenz oder der mittlure Fnedena- 
präsen^stand in beiden Fällen ziemlich dieselben sind. Gleich- 
zeitig; \vürden damit 3 Ungerechtigkeiten beseitigt werden: Die 
Ungleichheit der Dauer der Präaenzzeit, das Loosen, welches die 
Erfüllung der Dienstpflicht von den Chancen einer Lotterie abhängig 
macht, und endlich das Einjährig-Freiwilligen-Wesen, eine not- 
wendige Zugahe der laugen und mittleren Piäsenzseiten, welche ein 
Priyilegium der liegüterteu bildet. 

Die he.sonderen Verhältnisse der Kavallerie würden die 
folgenden Ausnahmen l^echngeu. Die Kavallerie )nuf.s jedurzeit auf 
Kriegstufs und unter l>eriick.sichtigung der Abgänge selbst stärker 
sein, da sie am Tage nach der Mohilnuichung zu agieren berufen 
ist. Diese Waffe muTs daiier jährlich eine Anzahl Rekruten ein- 
stellen, die sie auf Kriegsfulis bringt, d. h. viermal mehr wie sie 
jetzt bedarf. Andererseits aber können Reiter vou 4 1 1 uüonatHcher 
Dienstzeit nicht die ihnen erforderlichen Eigensr hatten besitzen. 
Diesem Übelstande vermag die Einstellung von I rei willigen in 
derartiger Zahl abzuhelfen^ dals die jährlich einzustellenden Maün- 
Schäften znr Bildung der Schwadronen der Landwehr 1. Aufjürebots 
disponibel werden würden. Diese Freiwilligen sollen aus der Kias^M) 
der bisherigen Kemplacemeuts hervorgehen; ein Handgeld, ein 
hoher Sold und der Vicebrigadier-Grad bei guter Führung würde 
voraussichtlich in genügender Zahl i^uin Eintritt veranlassen. Sind 
für die Kavallerie nicht genügend Ireiwiliige zu bekommen, so 
soll das bisherige System für diese Waffe beibehalten und seine 
Härten durch den davon Betroffenen bewilligte Vorteile gemildert 
werden. 



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7B 



Belgiea ond der nichtte Kri«g* 



(Iber die IGiuonatliche aktive Dienstperiode und die Ansichten 
des eine Autorität in der belgischen Armee repräsentierenden 
Generallicutenant van der Smissen entwickelt der Autor folgende 
Ideen: Der Monat September soll für die grofsen Manöver bestimmt 
sein. Der Ersatz-Rekrut der Jahresklasse 1890 wird beispielsweise 
am 1. Juni eingestellt. Im Lager oder beim Depot je nach der 
Waffe macht er die 3 ersten Monate seiner formellen Ausbildung 
durch. In die älteren Jahrguuge öinir* reiht, beendet er diese Aus- 
bildujig im September. Nach Beendigung der Manöver erhält er 
seine militärische Ersi^ung in der Garnison, wo er bis zum 
1. September 1891, zn welchem Zeitpunkt er zum zweiten Male 
an den groüseii II«n5veni teilninunt, bleibt Am 30. September 
1891 wird er in mma HeimAt entlassen, die er nur sa den BlanSveni 
▼on 189i ond 189S TerUUet Am 80. September 1894 tritt er rar 
Landwehr 1. Anfjgebota. IMe Dienatdaner im 1. Angebot betrftgt 
auf diese Weite 4 Jabre nnd 4 Monate för die formelle Ana- 
bildung, was nnerliftlicb iati damit die Armee dem Feinde jederzeit 
in Toner Kriegiatärke gegenüber treten kann. Man konierfiert 
dadurch den einzigen Vorteil, den die in der schlechten Jahreszeit 
stattfindende AaBbUdnng ergiebt: den, die (nriEordorlicbe Anzahl ans- 
gebildeter Jahrgänge zu der Epoche des Jahres bMeit zu haben, 
in der die Kriege erklärt zu werden pflegen, während man gleich- 
zeitig den erldUt, wShrend der ganzen guten Jahreszeit fiber einen 
▼ollen Jahrgang als Ersats-Reeerre za Terfiigen, deren Einbemfong 
im Bedar&fiftUe einige Monate fr&ber erfolgen kann, wenn die 
RdcmtieniDg normalmlfirig mit Ende Winter beendigt ist. 

' M^jor Qirard r&umt tlbrigena die ZnlSsrigkeit einer Modifizierang 
der oben angt^benen Verteilung der von jedem Btlrger geforderten 
militirischen Verpflichtungen ein, und ist darauf gefafet, dab sein 
Prinzip einer lOmonatlicben aktiven Dienstzeit auf Opposition stolzen 
wird. So aei General van der Smissen im Gegenaate zu ihm der 
Ansiebt, dafii ein Iftngeres Leben in der Kaserne, also Ifingere 
Fräsen zseit, geeignet aei, den individuellen Mut dea Soldaten zn 
entwiokeln, wShrend Major Girard der Meinung ist, dab das lingere 
Kasemenleben dtn, individuellen Willen, der das Hanptelement der 
Disziplin bilde, vernichte, und der pers&ilicbe Mut sidi mehr 
wahrend des Lagerlebens und besonders bei den Mznövem ent- 
wickele. Im Übrigen sei Belgien reif für die allgemeine 
Wehrpflicht; der kleine Bentier, der Angeetellto, der Beamte 
worden mit fVeude die kritischen Momente sdiwinden sehen, wo 
sie das Drittel oder die H&lfte ihres jährlichen Bndgete für die 



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Bdglaii mA dir viohtto Kiiflf . 



79 



StellYertretimg Uurer Söhne opfern müssen, and die Reichen würden 
glfleklich sein, ihre SQhne einige Monate in der Schule der Pflicht 
einer tOchtigen Armee erzogen m sehen. Das Land hat nur 
Besorgnisse vor der Mehrbelastiuig seines Eri^bndgets; allein es 
■ei nicht schwer, diese Besorgnisse durch einen wohldurchdachte 
Reorganisations-Entwnrf, der die Bevölkerung nicht länger bei der 
Fahne hielte wie jetst und das Budget um keine Million mehr be- 
laste, zu zerstreuen und der ihm HCKJ OOO ausgebildete, mit den 
ndtigen Gadres Tersehene Streiter sichere. 

Fflr die Einteilung der belgischen Truppen wird das 
folgende vorgeschlagen : Den Traditionen derselben und der leichteren 
Mobilmachung halber w^en weniger starke taktische Einheiten 
wie bei anderen Armeen empfohlen. Ein Infanterie-Regiment solle 
aus 2 Linien-Bataillonen und 2 Bataillonen Landwehr 1. Aufgebots 
bestehen; ein Kayallerie-Regiment aus 2 Linien- Eskadron s und 
2 Eekadrons der Landwehr 1. Aufgebots; eine Artillerie -Abteilung 
aus 2 Linien-Batterien und 2 Batterien der Landwohr 1. Aufgebots, 
ein Genie-Bataillon aus je 2 Compagnien Linie und Landwehr 
1. Aufgebots. Die Divisions -Artillerio solle ein Regiment stark, 
die Infanterie-Regimenter 4, eine DivLsion 16 Bataillone stark sein. 
Per Kavallerie-Brigade solle eine reitende Batterie in gleicher Kriegs- 
bereitschaft wie jene vorhanden sein und dieselbe der aktiven Armee 
angehören. Dasselbe solle bei den per Division aafsastellenden 
berittenen Pioni(ir-Compagnieu der Fall seiu. 

Die belgische Feld -Armee wird aus 4 Armee-Corps und 
2 Kavallerie-Divisionen bestehend vorgeschlagen. Jedes Corps soll 
aus 2 Infanterie-Divisionen zu 2 Brigaden zu jo 2 Regimentern 
von 4 Bataillonen, 1 Kavallerie-Regiment von 4 Eskadrons und 
1 Artillerie-Regiment von 2 Abteilungen zu 4 1 'attori'm bostphra, 
aufserdem aus einem gleich starken Corps -Artillene-Kegiment und 

1 Genie- Bataillon von 4 Compagnien. Jede Kavallerie-Division 
soll ans 2 Brigaden, von 2 Regimentern zu 4 F^akadrons mit 

2 reitenden Batterien und 1 berittenen Piouier-Compagnie bestehen. — 
Dies giebt ein Total von 128 Bataillonen, 04 Eskadrons, 9fi' fahren- 
den Batterien, 4 reitenden Batterien, 16 Fiifs-Pionipr-( Vuipagnien 
nnd 2 berittenen Pionier-Üompagnien, von welchen Truppen 64 Ba- 
taillone, 32 Eskadrons, 48 fahrende Batterien, 4 reitende l^atterien, 
b Fufs-Pionier-Compagnien und 2 berittene Fionier-Corapagnien der 
lönie, der Rest der Landwehr 1. Aufgebots angehören würden. 

Die vorgeschlagen f> Tjinien -Armee entepricht etwa der jetzigen 
belgischen Armee. Dieselbe zählt 58 Linien-Bataillone, es wären 



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80 



Belgien und dar nfiobata &iug. 



daher 6 neu zu errichten. Sie ziihlt ,H2 luobilisierbare EskaJrous, 
also gerade die geiorderte Zahl; sie zählt nur 30 fahrende Buttcrien, 
aber die 18 fehlenden würden sich ;^us dor Umwandlung einer 
gleichen Anzahl Festungs-Arüllcnc-Battcncu urgeben, und zwar 
ohne Mehrkosten, wenn im Frieden nur 4 Geschütze per Batterie 
bespannt waren. Sie zählt femer 4 reitende Batterien, also die 
geforderte Zahl; sie hat 12 Genie-Compagnien, von denen 4 zu den 
Gamisontrappen treten würden. Die 2 berittenen Pionier-Com- 
pagnien würden neu zn errichten sein. Die Effektivstärke 
dieser Armee würde etwa 165,000 Mann betragen, die in 6 — 7 Tagen 
bis auf die Eskadrons der Landwehr 1. Aufgebots mobil zu machen 
wären, deren Mobilmachung länger dauern würde. 

Die Garnisontruppen vrürden zählen: An Linie die jetzigen 
nicht umgestalteten Festungs-Artillerie-Batterien, 30 an der Zahl, 
außerdem die 4 Obrig bleibenden Qenie-Compagnien, yon der 
Landwehr 1. Anfjgebots 30 Festnngs -Artillerie-Batterien und 4 ans 
den TOferwihnten gebildete Genie-Compagnien, aulserdem 4 Batteriea 
and 2 aas den reitenden Batterien und Gompagnien herrorgehendA 
Goue-Compagnien. An Landwehr 2. Aufgebots dieselben aas denen 
dei 1. Aufgebots hervoigehenden Einheiten, aoliaerdem 64 Bataillone, 
32 Etkadrona, 48 fahrende Batterien und 8 ans den gleichen 
Einhdteii des 1. Aufgebots lienrorgeliflnde Fnls-Geotd-Gompagnien. 
Li Snmma 64 BstaÜlone, 32 Eskadrons, 146 Batterien und 24 Geni»- 
Gompagnien. 

Die Depottmppen wurden 2 Arten von Bestandteilen om- 
&sseii: Die permsnenten, die in ssbr stsikon Osdxes fttr die In- 
fanterie nnd ArtaUerie und in Gadiea mit der nötigen Ansahl Pferde 
und Mannsobaften fOr die Eafsllerie organisiert werdtfi miJMen. 
Femor die temporiien Bestandtnle, welche ans dem in der formeUen 
Ansbildmig begriffimeo Jahrgang wahrend dieser Anshüdangspeiiode, 
und im Kriegsfall ans der ausgebildeten Eiaate-Reserre nnd der 
Rekmten-Reserve bestehen wQrde. Die Starke der unmittelbar 
zur Kompletierung der Feld>Armee disponiblen Ersata-Resenre er* 
giebt sieh, wenn man von den 200,000 Mann, die aus 9 Kon- 
tingenten von 25,000 Mum unter Anrechnung der pennaneaten 
Gsdres reeultieieD, folgende Zahlen absieht: 1. Die Feld-Armee von 
165,000 Hann, 2. die Gamisontruppen 1. und 2. Kat^rie Ton 
14,000 Mann, 3. dem permanenten Bestand der Depottmppen, 
etwa 6000 Mann. Die belgische Armee wurde dann Aber 15,000 
ansgebfldete Leute sur Ausföllung der durch die ersten Gefechte 
berrorgerofenen L&cken verfugeD, iriihrend die laufende Jahres- 



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Belgian und d«r nielMto tikg. 



81 



klasM Diul die Bekniten*Re8erT6 die lormAlle Anilnldimg erhalten 
und dann ebenfidle war Annee abgehen kdnnten. Sie wllide al»- 
daiiii nicht ihre heutige illneoriaehe Starke, aondem ftktiseh eine 
FeM-Axmee too 166,000 Mann, 90,000 Mann Gamisontmppen und 
endfich 45,000 Hann in den Gadrea and der an^gelnldeten Mann- 
aehaft beaitwn, welche die 300,000 Hann ergeben, welche aua den 
16 Jahigftngeu von S25,00O Mann und den permanenten CSadrea 
herrorgehen. Dam käme noch die Bekraten*Reaer?e, die jedeiieit 
einberofen werden könnte, da aie in den Bekmtieningebareane 
nntersQcht und eingeeohrieben sein würde nnd aafbeidem, wenn 
der Krieg zwischen dem 1. April nnd dem 80. September ana- 
bricht, die 35,000 Mann der laufenden Jahreaklaaae, die vom 1. April 
ab «inberofen nnd etwa 3 Monate daranf in die Troppen wflrdo 
eingestellt werden können. 

Hinsichtlich der Rekrutierung der Mannaohaft und der 
Einschreibung der Pferde bemerkt Major Girard das folgende: 
Das gegenwärtige von den 9 in den Provinaen befehligenden 
Generalen i^leitete Rekratieruugsgeschäft giebt ungenügende Re- 
sultate. Es müTste eine besondere Rekrutierungsbehörde, die aufeer- 
dem mit der Kontrolle der disponiblen Mannschaften der Landwehr 
dea 1. nnd 2. Aufgebots d. h. des Beurlaubtenstaudes beauftragt 
wSre, geschaffen werden. Die Bataillous-Commaiideure der Landwehr 
2. Aufgebots kdnnten diese Behörde bilden. Die fär diesen Zweck 
erforderliehen ■ permanenten Gadrea wünleu sich aus den Keserve- 
Bataillonen entnehmen lassen. Was die Designation der Pferde 
betrifft, so müfHten, da Belgien durch die fast augenblickliehe 
Invasion feindlicher KaYallr riemassen in seiner Mobilmachung gestört 
werdon kann, besondere Mafsregeln getroffen werden, nm die Auf- 
bringung der erforderlichen Reit- und Zugpferde in 2 — 3 Tagen in 
sichern. Alle Pferde mülsten nicht nur registriert, sondern auch 
abtaxiert nnd selbst beaeichnet, die Eigentümer angewiesen werden, 
sie am Tage nach ausgesproehenor Mobilmachung an einen vorher 
bestimmten Ort au bringen. Für diesen Zweck mOfste eine be- 
sondere Behörde geschaffen werden. Das Land müiste in Pferde- 
Ausachreibungskreise eingeteilt werden, in denen ständige, aus dnem 
Miyor und einem Lieutenant der Kavallerie für die Reitpferde, aus 
einem Artillerie-Offizier für die Zugpferde und aus einem Tierarzt 
und einem Prorinzialbeamten bestehende Commissionen ihren Sita 
haben mSÜBten. Derart wdrde die Überzahl höherer Kavallerie- 
Offiziere der belgischen Armee, in der die Kavallerie-Regimenter 
4 Stabs-Offiziere hahen, verwertet '\v*»r<leu können. 



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82 



Bdgien ind der uiehite Ejrteg. 



Ober die belgische Bfirgergarde bemerkt Major Girard: 
Dieselbe ist eine Nacfaahnmng der französisch eti Nationalgarde der 
ersten Republik, hat dort für die Zwecke der Feid*Armee niolitB 
geleistet und ist jederzeit in demokratisch organisierten Landern 
ein Werkzeug der Revolution gewesen, das sur Verteidigang oder 
aber auch Bekämpfung dor Institutionoi diente: militöcisch war sie 
eine Landwehr. Die belgische Bürgergarde ist «ine bilgerliche 
Nationalgarde. Sie hat für die Aufrechterhaltnng der inneren 
Ordnung grobe Dienste geleistet und die Verfassung schr^bt ihr 
Bestehen vor. Sie solle daher beibehalten werden wie sie ist. Im 
Falle des Krieges könne sie, wenn auch durch die Einbenifung der 
disponiblen Mannschaften verringert, in den offenen Städten ohne 
Garnison in Momenten der Aufregung unter der Bevölkernng von . 
Nutzen sein. 

Für das belgische Offizier-Corps beabsichtigt der Autor 
mit dem von ihm vorgeschlagenen System eine Verbesserung seiner 
Lage ohne Mehrkosten für das Land zu verbinden. Er schlägt dio 
Schafi^ng eines Stammes von Generalen vor, aus denen die 4 Corps- 
Commandeure und 4 General-Inspekteure der verschiedenen Waffen, 
von denen die letzteren im Kriegsfall zu Kommandos in der Feld- 
Armee und den grofsen Festungen bestimmt sein sollen, hervorgehen 
sollen. Der Stamm von Generallieutenants soll 10 Üivisions-Com- 
mandeure, den Chef des (leneralstabes und die Kommandanten der 
Festungen 2. Klasse liefern. Die Oberstlieutenants, deren Htpllen 
Sinecuren bedeuten, sollen eingehen, die Anzahl der ^Taiors etwa 
dieselbe wie jetzt bleiben. Der Stnnini au Subaltcni-Uftizieren soll 
dnrcb Aufhebung der Ilauptleute 2. Klasse reduziert, und es sollen 
Subaitern-ilülfs-Offiziere, sowohl für die Stämme der Landwehr 
2. Aufgebots, wie zur Kompletierung der Cadres der Linien -Armee, 
kreirt werden. — Von diesem allgemeinen Anhalt au8ii;ehend, 
müfsten die Oftizier-Cadres der Kriegsstärke der Armee entspn cheiid 
gehalten und ihnen ein Übersclmfs für die besonderen i^Viedens- 
dienstzweige, die verschiedenen Schulen, den Ersatz für kranke 
oder länger beurlaubte Offiziere, zugefügt werden. Dieser Uberschufs 
wird mit Rücksicht auf die Verluste in den ersten Sehl achten fftr 
inierläfslich erklärt. Bei einem derartig bemessenem Oftizier-t'nrps 
würden die allgemeinen Hedingungeri fiir das Avancemrnt der 
belgischen Offiziere erheblich verbessert und dieser Teil des Kriegs- 
budgets niclit erheblich mehr belastet, uud endlich dieselbe Ausgabe 
auf eine geringere Anzahl verteilt, dieser geringeren Anzahl mehr 
zu Gute kommen. Die Schwierigkeit würde in dem Übergang von 



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BalgieB and d«r o&Qhste Krieg. 



83 



einem Etat in den andern, ohne eine Katec/orio tu benachteiligen 
uuü ohne dem Lande vorübergehende Mehrkosten aufzaerlegen, be- 
stehen. Bisher haben die sogeuauuten Reorganisationen der belgischen 
Armee nur die Cadres vermehrt und dns Land vermochte wälireud 
einer langen Friedenszeit den Nutzen ihrer Chargen nicht ein- 
zusehen. 

Die auf diesen Grundlagen zu bewirkende Unigeataltung würde 
darin bestellen, die neuen C;idres von oben au in dem Malse zu 
besetzen, wie die alten von unten herauf vermindert würden. Eine 
geringere Einatellunp^ von Offizieren und die progressive Ernennung 
von Hülfsunterlieutenants würden in einigen Jahren die Cadres der 
Lieutenants und Uuterlieutenants auf den neuen Etat bringen. 
Diese Maferegel wurde jedoch, auf die Cadres der Ilauptleute an- 
gewendet^ das Avancement der Lieutenants und Unterlieuteuauts 
auf unbestimmte Zeit aufhalten und rnüfete daher durch eine andere 
geeignete, z. B. provisorische Offiziercadres, für die Befestigung der 
kleineren taktischen Einheiten der Landwehr 1. Aufgebots, liann für 
die der großseren der Lautlwelir 2. Aufgebots ersetzt werden. — 
Major Girard plaidiert ferner für die Erhöhung der Gebalter der 
Majors, Hauptleute und Lieutenants. 

lliusichtlich des Of fiziereraatzes bemerkt derselbe, dafs das 
belgische Otti^ier-Corps gut, aber nicht homogen sei, nnd aus 
letzterem Umstände nachteilige Kastenbestrebungen entstuiulen. Uie 
Offiziersstellung sei in Belgien zum Teil ein Privileg der wohl- 
habenden Klassen, zum Teil werde sie in Folge eines abgelegten 
Fachexamens erreicht, iu beiden Fällen habe der Sta;it keine 
Garantie für eine gründliche frühere Vorbildinig. Jeder Offiziers- 
Aspiraiit müsse den Beweis einer derartigen \ orbiidung vor seinem 
Dlenstemtntt antreten, alsdann als gemeiner Soldat dienen, mit den 
Mannschaften esben und wohnen, das Offiziershandwerk in besonderen 
Offiziersschulen für die Infanterie, Kavallerie und Artillerie und das 
Genie-Corps lernen, zum Regiment zurückkehren und dort ünter- 
offiziersdienstc, alsdann Offiziersdienste thuen. Vier Jahre nach 
seinem Diensteintritt würde er Unterlieutenant werden. Ein oder 
zwei Jahre später müsse er eine besondere Infanterie-, Kavallerie-, 
Artillerie- oder Genieschule besuchen. Diese Art des Offizierersatzes 
würde die Offiziere ausschliefslich nach den von ihnen dargelegten 
milil^schen Eigenschaften zu beurteilen gestatten. Eine mili* 
tiiriaehe Erziehungsanstalt mü»e diese Art des Offizierersatzee vor- 
bereiten, in der die Offizierssöhne kostenfrei, die Söhne Ton Staati- 
beamteo für die halben UnterbaltongskosteD, die flbngen Zöglinge 

6* 



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84 



für dia gum nnteiriolitei worcten. Von jedem belgisclien Of&der 
miM6 die Kenntiiie des FranaSdechen, DeatBchen und Englieehen 
verlangt werden. Dm Avaneement dftife nicht mehr der WiUkflr 
unterliegen, aondem bis anf swei alleinige Anenahmen naeh der 
Andennit&t erfolgen. Ein 3 Jahre hindurch von seinen aimtliohen 
Yorgeeetsten snr b&heren Stellang nieht geeignet erUirter Qffisier 
mfme in leiner Charge und Stellm^ Terblciben« Bin dagegen in 
gleicher Weiae zun anlaergewdhnlichen ATancement empfohlener 
OfBiier eoUe dnreh ein hSchatena um ein Jaihr Tordatiertes Patent 
beyorzugt werden. — Nicht nor der Staat, aondem auch die Offiziere 
mOJirten nach 90 jähriger Dienetaeit das fiecht haben, die V er- 
abechiedung für de an beanaprochen. Die Yersetiung in Inakti- 
?ität dürfte nur noch ana gana beetimmten Granden nnd nach ein- 
stimmigem ricbterUchen Urteil aosgesproehen werden. 

Über die Schaffung eines Untere ff isier-Gorps sagt Major 
Girard: Die belgisebe Armee bedtat Unterof&aiere, die als Offine^> 
Kandidaten nngedoldig die Epanlettee erwarten, Unteroffidere ana 
dem Ersata, die nicht weniger ungeduldig ihre ROokkehr in die 
Heimat erwarten. FrdwilUge Unterolfidere, die nocb ungeduldiger 
den Termin ihres Engagements erwarten, de bedtat keine Unter- 
cffidere, die sufrieden sind, ea au sein und zu bleiben. An d«i 
erforderliehen Elementen dasu fehlt es im Lande nicht. Alldn der 
Flwiwillige, der sich in der Hoffnung, Offider zu werden, engagieren 
Übt, der eigentliche Unteroffizier beeilt sich, Polizeiagent, Post- 
bote n« a. w. SU werden, da die Podtion der Unterofibiere im 
belgiachen Heere dne mangelhafte und ohne Zukunft ist. Erat 
nach 40jahriger Dienstzeit erhält der belgische Unteroffizier eine 
sehr geringe Pension, w&hrend er nach 20- bis 25jähriger Dienst- 
adt (in anderen Armeen weit früher. Aum. des Uefer.) verbraacht 
ist. Major Girard schlagt vor, die Unteroffiziere besser zu bezahlen, 
ihre Anzahl zu verringern und dafür Uülfsunteroffidere zu schaffen. 
Die Beschränkung dea Sohreibwesens würde per Compagnie 2 Hülfa- 
unteroffiziere ergeben, die bis jetzt in den Bureaus tibermäfsig be- 
schäftigt sind, ohne einmal den Gompaguie-Ohef von der Bureanarbdt 
der Rechnungslegung zu entlasten. Ute Unteroffidersfrage sei eine 
Lebensfrage Ittr die belgische Armee und werde nur dann richtig 
gelöst werden, wenn man aus dem Unteroffizier einen Offizier 
niederen Qrades, nicht einen betrefsten Soldaten oder einen Offiner- 
Kandidaten mache, und ein Gesetz erlassen werde, welches die 
Stellung der Unteroffiziere analog dem fiber die Offiziere regle, und 
dem Unteroffider seinen Grad dchere, die Möglichkeit biete, dch 



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Bolgien und d«r niehite Kri«g. 



85 



nach 10 Dienstjahren zn verheiraten und ihiu uacli 2U «ojkbriger 
Dienstzeit eine bürgerliche Stellung oder ein Wartegeld gewähre. 

Es werden 3 Klassen von Unteroffijueren in Vorschlag gebracht: 
Die eigentlichen Unteroffiziere, die allein die Wohiihaten des er- 
wähnten Gesetzes geniefsen sollen und in gewisser Hinsicht nach 
ähnlichen Grundsätzen, wie sie für den Offizierersatz gelten, rekrutiert 
werden nullen und zwar jährlich mit 'Z,, oder '/tö der Etatsstärke; 
die freiwilligeu L nteroffiziere, die wie die jetzigen Unteroffiziere 
rekrutiert und behandelt werden sollen, welche letztere Kategorie 
allmählich eingehen soll. Endlich die Unteroffiziere aus dem Ersatz, 
die aus den gebildeten und daher u ithlhabenden Mannschaften des 
Ersatzes ausgewählt werden sollen und die künftigen Unteroffiziere 
und Offiziere der Landwehr 1. und 2. Aufgebots bilden sollen. 
Dieselben sollen im Frieden in Aubetracht ihrer Wohlhabenheit und 
des Vorteils, dals sie nicht als Gemeine 2u dienen brauchen, uur 
den Sold der Gemeinen erhalten. — 

Der Autor berührt ferner noch einige andere Verhältnisse der 
belgischen Armee, welche dieselbe seiner Ansicht nach, selbst wenn 
sie die genügende numerische Starke erhielte und nicht yon dem 
unrationellen ansgedehnten Festungssystem absorbiert würde, lahm 
legen würden und die daher geändert werden müfeten. Die per^ 
msnente Errichtung grodser taktischer Einheiten erfordert die Um- 
inderung der Reglements aller Dienstzweige im Sinne des harmo- 
nischen Zusammenwirkens nnd der Unterordnung auch der Sperial- 
waffen nnter die Heeresleitung. Die letztere bedürfe der Decen- 
Mintion, damit dieselbe sich nur mit den allgemeinen Fragen, 
statt i^flicliieitig mit den Details, wie bisher, befassen nnd damit 
der MaeDigkat der Mobilmachung und den Anforderungen dea 
hentigen Krieges, welche rasche, selbstständige EntschlSsBe dar 
Tmppai^Commandfliir« erheischten, Genüge gelastet würde, endlich, 
da ^e DecentTBÜBation ein sieherea Mittel b5te, dem Obel der 
Intngnen, der Begünstigungen, der Stellmhaecherei, weldief in der 
belgifchen Armee immer noch anfbete, ein Ende an machen. Das 
fihergrobe Schreihweien mtbse fierner imterdrfickt werden. Die 
In&nterie mfisse ehenao, wie die (Ihiigen Waffen eine General- 
Inspektion erhalten, welche ihre Fortsehritte kontvolioi und ihie 
einheitlicbe Ansbildimg fordert Die Generalstftbe der Feldarmee 
und der Festoageii mftfiiten als permanente erriditet werden, so 
dab hei der Mobilmachang, nnr ein Höchstkommandierender fSa 
die entere nnd GoQTemeoxe fttr die letsteren ernannt in werden 



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86 



Belgin md d«r ifidwis Kiitg. 



bnmcbtoii. Die Dienstsweige des RechnnngB-EontroUwceeiiB und der 
TeEpflegang und AaerOsfauig, heute von ein und denelben Bebdrde 
yerwhen, mfilsten ihrer VerBchiedenttrt^keit halber Ton einander 
getrennt werden. 

Ee wfirde nns xo weit föbren, wenn wir die eingehenden Vor^ 
BcUige Migor Girards hinBiebtlich der ümgeeieltnng der Militär- 
Intendantur, de> Bechnangs-, Laaarett- und Bmraauwesens hier 
wiedergeben wollten. Das Oenie-Oorpe, bemerkt er ferner, müSM 
Tollatandig umgestaltet werden, da grolse Festungen im Bau be- 
griffen seien und die Easemen eich Termehrten. Die Cadres das 
Genie-Cksrps seien zu schwach, es ^be Bataillone, die im Ganzen 
nur 4 Offiziere zählten, das G«nie-Ofifizier-Gorps mfisse um mind^tens 
50 Offiziere yermebrt werden. Es muCs flberraschen, wenn Major 
Girard in dieser Hinsicht bemerkt, dafo Belgien jahrlich nur 15 Genie- 
Offiziere liefern könne, ron denen 10 nur zum Ersatz des Abgangs 
dienen würden. Denu wenn man mehr beanspruche, würde dies 
den OfiBziersersatz der Artillerie beeintriUthtigen. Er schlägt daher 
andi für das Genie-Corps die Schaffung Ton Hfilfs-Offizieren vor. 

Das von M%|or Girard vorgesoblagene System wurde drei er- 
gänzende Ausgabeposten beanspruchen: Die Engagements- Prämie 
und den der Freiwilligen der Kavallerie zu gewährenden hohen 
Sold und die rien längere Zeit in dieser Waffe dienenden Mann- 
schaften des Ersatzes zu gewährende Entschädigung; die Verstärkung 
der höheren Cadres der verschiedenen Dienstzweige, die sich durch 
die Verminderung der niederen Cadre.s nicht kompensieren liifst; die 
Kreirnng der besoldeten (ienie-Hülfs-Offiziere und zweier beritteuer 
Genie-Compagnien. Zur Deckung dieser Ausgaben könnte auf die 
3 Millionr^n rler Remuneration, welche in Folge der Einführung der 
allgemeinen Wehrpflicht disponibel werden, surfickgegriffen werden. 
Di« Staatskasse werde dabei ihre Rechnung finden. 

In einem Schlnfswort weist Major Girard nochmals auf die 
Gefahren der Lage Belgiens hin; Belgien halte sich durch die 
Neutralität far geschützt, es sei machtlos; es glaube an Alliierte 
und werde nur Herren haben; es glaube, den ersten Angreifer ein- 
suschfichtem und werde nur sein Spielball sein. Es wähne, eine 
Armee zu besitaen und besitze nur ein Tmppenkonglomerat, das 
unfähig sei, im gegebenen Augenblick einzugreifen. Es glaube, die 
erste Festung der Welt zu besitzen, dieselbe bilde jedoch eine Falle. 
Frankreich und Deutschland wünschten es ohnmächtig, um sich 
seiner, ohne ihm gegenfiber Verpfiichtongen zu fibemehmen, be- 



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Belgien and ii«r Dächste Krieg. 



87 



dieDeii and es inebber anoektitreiif im SAieh laM«n oder teilen tu 
können. Die MUlionen Belgiens ssmii dazu verwaadi, seine Amee 
in einer nnTerstindig angelegten Festang su absorbieren nnd andere 
giolse Festangen sn konstmieren, die das Land niebt verteidigen 
können , nnd auf welcbe das Andand in Folge von Verträgen ein 
Besatasungsreebt bebe. Der GeÜsel des Krieges sn entgehen, sei der 
aniseiste Gesicbt^nnkt der politiscben Weisbeit Belgiens. — Belgien * 
müsse, am der sicberen Anssiobt aof Annexion oder Teilung zu 
entgeben, anstatt sieb in seinen Festungen sn Chrande ricbten m 
lassen, im Stande sein, eine verbiltnismäbig ebenso starke Feld- 
Armee wie seine Naebbaren in die Wagscbale su werfen. Wenn 
Belgien 4 tfiditige Armee-Corps einsasetaen vermöge, wflfde ssine 
Allians lebbaft erwünscht, und es fast der anssoblaggebende (?) 
Faktor der Sitnation sein, wSbrend beat, maehtlos wie es sei, 
Niemand seiner begebre, denn Niemand wfirde ihm Garantien als 
Preis einer illnsoriseben Hfllfe bieten wollen. 

Msjor Girard bält einen groCsen, eurupäiscben Krieg Ülr gewÜs, 
and dals die augonbUcklieb am Ruder befindlicbe nltramontane 
Partei Belgien angesicbts dieses Krieges seinem Ruin entgegentreibe. 
Die liberale Partei mOsse ein fiCnisteriom der nationalen Ver- 
teidigung verlangen, welobee dem Lande ein annebmbares Programm, 
und keine Farteigeaetse vorlegen nnd nach erfolgter Mission sorfiek- 
treten mfisse. Li einem Zeitnumi von 4 Monaten glanbt ä&r Autor, 
angesicbts der drohenden Gefahr, durch provisorisebe Maftnabmen 
SU dem JEtesoltat sn gelangen, die jetxige Armee vor der gewissen 
ZertrSmmerung sn retten nnd swei Monate nach erfolgter Kri^gs- 
erklSrung, in dem Moment, wo die kri^finbrenden Armeen sieb sn 
erschöpfen beginnen, 4 Armee-Corps von 40,000 Mann in die Wag- 
scbale werÜBU, den Alliierten sieb wftblen und als Preis seiner Hfilfe 
die Garantie seiner Unabhängigkeit und die Litegritftt seines G^etnets 
besnspraohen an können. — 

Wie weit diese interessanten AnsfSbrangen und Vorseblige des 
belgischen Stabs^Offiiiers in dem vielfach von politiscben Partei- 
strOmnngen abhftngigen, dem PrSpondeiieren der Militirmacbt ab- 
holden Lande 6eh9r finden und sur Annahme nnd Durefafttbrnng 
gelangen werden, dürfte im Ansbude schwer sn beurteilen sein; 
jedenfalls aber wohnt denselben ein vortrefflicher gesunder Kern 
inne, und bieten sie die Wahrheit über die militiriaebe Situation 
Belgiens. Aus diesem Grunde aber dürfte ihre Dantellang auch 
snlserbalb dieses binsiditlich der Organisation seiner Wehrkraft in 



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Di« IfdMwr im AbaHifliaii. 

dn«in gewnaen G&bnmgsproseb begriffonen LindcB nad spenell 
bei desBon ein militiriMh-politiaelieB InieroH» an ihm bentiendai 
Nacbbareii, dei aktaellen IntereBeeB nicht entbehren. 

B. T. B. 



TL Die Italieuei in AtessinieiL 



Die koloniale SteBting Italiene am Boten Meece wurde durch 
die unlaiigst geecfaefaene BtNetiong der an Maewuah gtenieoden 
fimehibaren eowie »trategiacb wichtigen Bogoe-Lendechallen wesen^ 
lieh gefördert. Das dem abeerinisehen Gebirgs^yvtem nOrdlich Tor- 
gdagerie, vom Ettetensanm j£k anfateigende nnd sieh bis m 2300 m 
Aber dem Ifeerecapiegel erhebende Beigland der Bogoe-Sfianme, 
breitet dch bei etwa 16 km dnrehechnittlieher Entfemm^ vom 
Strande, lange deeielben in der Bichtang Ton Nordwest nach Sfidoet 
in bdden Seiten eines an alpiner SehSnbeit ungemein reichen Hoeh- 
tfaales ans, in dessen aerUüfteten Grfinden die Gewieier des Anseha 
ranschen nnd dem stattlichen BarakapFlnsse enstrdmen. Hiebst 
der Mfindnng des letzteren in das Bote Meer H^en die kriegs- 
gesehichtlich denkwürdigen Orte Trinkatat, Tohar nnd El Teb, wo 
die anglo-agyptischen Streitkiftffce 1884 in vergeblichem Bingen den 
Anstnnn der Mahdiecharen absawebren snchten. Als Hauptpunkte 
des vom Anseba durchspaltenen Geländes gelten westlich und öitUch 
der Thalsenke Keren nnd Asmara, wegen ihrer hohen Lage und 
gemSfingten Temperaturverhiltnisse sehr gesunde Standquartiere, 
namentlich für alle aus dem entnervenden Klima von Bfassanab, 
dem heifsesten Platze auf der Erde, kommenden italienischen Truppen. 
Beide Orte sind Strafeenknoten alter Haodelswege, welche von 
Suakin und Massaoah nach Abessinien und dem Sudan lanfend^ 
den Gebirgsrflcken übersehen; beide beherrschen auch die Nord- 
zugange der steil abstürzenden Bergwände von Tigre, weshalb disee 
Positionen des Bogoe-Gebietes von jeher viel umstrittene Kampf- 
objekte zwischen Ägypten nnd Abessinien und in neuester Zieit 



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IH6 imnm in AMniaii. 



begehrliche Ziele der aus dem Sadaa oetwäits vordhugendeu Derwi»che 
des Mabdi waren. 

Damit die italienische Herrschaft an der Lehne der gewaltigen 
abessinischen Felsenburg festen Fnfs gewinne, schlofs ItAÜen am 
2. Mai 1889 einen Schutzverlrnr^ mit Menelik, dem Nachfolger des 
am 8. März desselben Jaiires in der Schlacht von Metern melf, wo 
die Abesainier den Mahdisten unterlagen, gebliebenen Negus .1)11.1111]*"?. 
Dieser \ ertrag sicherte den Italienern nicht nur den äufserst 
wirt\()llen Besitz von Kertii und Asiuarn. sondern leitete auch 
zeitgeiuärsf» handelspolitiHi lie Beziehungen ein Da sicli aber in 
Al)' ssin:en weder beglaubigte ständige Vertreter <Ut Mächte, noch 
bei diesen negestische Gesandte oder Konsule liefiinieii, au überuahin 
die italienisrho Regit^rnng bereitwillig Meneiikd Vertretung in allen 
auswärtigen Angelegenheiten und 5^war unbeschadet df«? vollen Be- 
sitzes seiner Staatshoheit. Bezeigte iloch das neue äthioj isehe Reich 
ernstliehe Bestrebungen, in nähore Bpziphiing'Mi zu den Kulturst^iaten 
zu fieten. um sich aus seiner bisherigen isoliernng und Barbarei 
heraasxuarbtiiten. 

Das t^bereinkommen Italiens mit dem NeguB beruhte freilich 
auf der Voraussetzung, dafs derselbe bereits Herr in Abessinieu sei 
oder es doch binnen Kurzem sein werde und somit rechtsgültige 
wie besondere thatsäclilich wirksame Verträge abschliefsen könne. 
Bald stellte es sich jedoch heraus, dafs Menelik, welcher vor seiner 
Krönung das südabessinische Vasalhit von Sclioa bekleidet hatte, bei 
dem 7.nr Festigung seiner Oberlierracluift angetretenen Zuge nach 
dem Norden des Reiches auf der Hochebene Mittelabe^iniens 
stehen geblieben sei und keinerlei Drang verspüre, in die viel- 
fjliedrige Gebirgsveräatelung von Tigre einzudringen um in deren 
Felsengen dem gefflrchteten Ras Alula, früheren Heerführer des 
Negns Johannes und nunmehr dessen Sohnes und Thronprätendenten 
Maugascha zu begegnen. Aiula hatte am 1. Dezember 1889 Adua, 
die Hauptstadt von Tigre, überrumpelt und ohne Säumen ^amtliche 
Pässe uikd I h Llwcge, welche von den Übergängen der tiefein- 
geschnittenen, das südliche Tigre umgrenzenden Flufsrinne des 
reifseaden Takassie, eines Nebenarmee des zum Nil eilenden Atbarra- 
Stromes, herfuhren, besetzen lassen. MeneUk's Erkiärungsgründe 
für sein Zögern, nämlich Mangel an Lebensmitteln, Krankheiten 
unter seinen Kriegern und unziiivicbender Bedarf voq Last- und 
Zugtieren konnten als stichhaltig nicht genommen werden, vielmehr 
schien der Negus ledicflich mit den Italienern Unterhandlungen 
gepflogen zu haben, damit ihm diese helfen sollten, ganz Abessinien 



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90 



Dit Italiener in Abew&iiieit 



SU unterwerfen. Mit argUatiger Vonieht wnliAa derselbe di« 
geographische Li^e Tigres swuchen dem ifolieniuher Seite okku- 
pierten Bogoslande und seinem eigenen Hnuptquartiefe jenseits des 
Unken Takassic-Üfen in Betracht aa liehen, ebsnse dab vor Er- 
oberung von Tigro an einen regelreehten politischen Verkehr im 
Sinne des abgeschlossenen Vertrages gar nicht sn denken seL So 
fragte es sich nnn, wie nnd durch wen diese Eiobemng au voll^ 
liehen seL Jeden&lhi that Eile not, zumal swei m&chtige nord- 
abessinische Häuptlinge Sejum nnd Sehhat« welche bisher im Ein- 
vernehmen mit Menelik und den Italienern gegen Älula im Felde 
gelegen hatten nnd bei der anscheinenden ünentseUoseenheit des 
ersteren befOxohteten, ihrem Sehieksale übsidassen su bldbeo, sich 
beieiti unsoTerlfissig bezeigten. Es war klar, dak falls eine Einigung 
iwischen diesen beiden Gewalthabern nnd Alula zustande kam, 
hierdurch aneh Mangascha^s Thronansprüche erheblich gestirkt, 
dagegen Menelik*s Stellung ebenmäßig erschwert und für die Folge 
sogar in Frage gestellt sein würde. Qesehehsn mulste etwas, 
da nur eine festgeftgte Ordnung der staatliehen VerhSltniase Abessiniens 
den für Italien so wichtigen Berits der Bogoartellung gewShrldsten 
konnte. 

Dem Oberbefehlshaber der italienisdien StreitkiSfte au Maesauah, 
General Orero, blieb unter aolchen Umstinden keine Wahl. Die 
Beiishnngen mit Sejum und Sebhat wurden wieder enger geknfipft 
nnd ein schneller militSiisoher Vorstols in der Richtung auf Adua 
beschlossen. Das italienische Spesialcorpe in Afrika nmfafet annfthemd 
6000 Mann, ungerechnet die eingeborenen regulären Truppen, deren 
Anaahl 2500 kaum übersohreiten d&rfte. Von dieser Effektivstirke 
wurden um Mitte Januar 1890 drca 2000 Mann an der von Massauah 
und Asmara lum oberen Mareb sich kreuienden Wegrenweignng 
angesammelt. Zu ihnen stieben unter FOhrung einheimischer Häupt- 
linge, denen italienische OfBmere beigegeben waren, 3000 ineg«lSre 
Mannsehaften, welche lur Vorhut wie zu starken Seitendetachements 
bestimmt wurden. In dem undurchsichtigen und wenig gangbaren 
Gebirgsterrain beduifto man weitreichender Flankendeckungen, wosu 
sich dieser abessinische Zuing am besten su eignen schien. Das 
Gros setite sich unter Kommando des Oberst Airaghi aus den 
regulären Truppenteilen wie folgt zusammen: Vt Bataillon Ber- 
saglieri, Vs Bataillon Iiinien*Infanterie, 1 Bataillon Eingeborener su 
Fnis, 2 Schwadronen Guiden, 2 Batterien Gebirgs-Artillerie und 
den augehörigen Trains. Auf eine direkte Mitwirkung des entfernt 
stehenden Negus war bei der gebotenen DringUohkeit des Unter- 



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Dm ItaliMiar in AbeaiiiiiMi. 



91 



ijf'iiLi)MDi> nicht zu r<;chnen, wob! aHer hatte fTpiieral Orero aa 
»"^t'jUHi uud Sebhat, welche zusammeii iii tr 7 hlKVi) Maun ver- 
lügten, die Aufforcleruug zu gemeiusamem uud kon/euirisohem 
Vorgehen ergehen lassen und auch sofortige Znsage erhalten. 

Unter Inuehaltuug der augedeuteten Marschordnung geschah 
diö Vorbewegung des im (ianzen bOOO Mann stark un Expeditions- 
Corps am rechtsseitigen Ufergelande des in semtnn Oberlaufe süd- 
wärts fliefsenden Mareb. Erst 40 km vor Adua wendet sich der 
dem Atbarra zuströmende Flufs in scharfem Knie nach Westen, so 
dais die bis dahin längs des Mareothal^ von Asniara nach Adua 
ziehende, auf 160 km VV^egläugc berechnete StraCäc hier den Flufs 
übergehen mnfs. Der Mareb ist der bedeutendste Strom Nord- 
ahessiniens, sogar dessen eigentliche Lebensader sowohl durch Be- 
fruchtung seiner Niederungen als durch Vermittelung des haupt- 
sächlichsten Binnenverkehrs, üra sein vielfacli gewundenes doch 
oft ausgeweitetes, üppiges Thal gruppiert sich die Hauptmasse des 
Felsgewirres von Tigre. 

Nach Mafsgabe stetiger Sicherung und Schhi^'tliliigkeit wurde 
der Vormarsch auf einer für militärische Zwecke kaum brauchbaren 
Strafee nach Kräften beschleunigt. Als Etappen dienten die mehr 
oder minder bevölkerten Stationen des Karavaneuhaudels Tsazega, 
Debarroah, Oodofelassi und Gundet, von welchem letzteren Orte 
«ich am 21. Januar der staflPelweise Marebübergauji: MjU/.üg. Am 
26. näherte man sich, unbehelligt vom Feinde, der iiul einem vul- 
kanischen Kegelburge thronenden, weithin sichtbaren Residenzstadt 
Adua, welche noch heute das eigentümliche QeprUpe einer unberührt 
gebliebenen uralten Bauart trägt. Hier blüiite einst die äthiopische 
Kultur vereint mit den Künsten Griechenlands, wie die noch vor- 
handenen Kuiuen mit griechischen Inschriften, sowie Obelisken mit 
Hieroglyphen bezeugen uid obwohl Adua. zur cintacheu, hÖchsteug 
7000 Einwohner zählenden Landstadt herabgesunken, so bildet diese 
immer ndch das Nervencent rum Abessiniens. 

Bald erfuhr man, dafs Alula den Platz geräumt und ms lunerc 
des Landes abgezogen sei. Wcslialb der sonst so unternehmende 
Condottiere die niitürlicbe Felsenfestung ohne einen Angrili' abzu- 
warten, preisgegeben, gehört zn den mancherlei Unbegreiflichkeiten 
abessinischer Kriegführung, deren System instinktmäfsig mehr zum 
Überfall als zur geordneten Kampfweise hinneigt. Ohne gegnerischen 
Widerstand, jedoch nach Überwindung unsäglicher Marschschwierig- 
keiten und Strapazen, hatte der immerhin gewagte Rekognos- 
nerongszog bis zu Ende emen glatten Verlauf. Selbst in Europa 



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92 



Die Italiener ;n Abessinien. 



war man dem kflhnen Unieniehiiioti einer TerfailtnieiiiSbig Uanen 
Tnippemalil durch Tdllig unwirllieha Gegenden mit lebhafter Teil- 
nahme nnd nicht geringer Besorgnis gefolgt. Schon am 127. zog 
General Qrero an der l^iie der italieniBchen Trappen in Adoa 
ein, freudig begrülirt von der BerSlkerang, welche von idner An- 
kunft die Beruhigung des seit geraumer Zeit der Aaarehie anheim- 
gefallenen Reiches erwartete. 

Der Handstreich der Italiener war ohne Zweifel ein Schritt, 
bei welchem man sunSchst mehr der Not wie dem eigenen Triebe 
hatte gehorchen müssen, doch brannten die itafienischen Truppen 
darauf, an den Banden ihree unversöhnlichsten Feindes Alula das 
Gemetael Ton Dogali (1887) so wie die Niederlage von Saganeiti 
(1888) SU riehen. Siehor wir» es ein militirischer Milsgrüf ge- 
wesen, die so günstige Gelegenhdt sum Baoheenge unbenutat vor- 
ttbeigehen lu hwen. Feraer bleibt das Gelingen des Ünternehmens 
ein gans bedeutender Gewinn für das Ansehen Italiens in Abessinien, 
namentlieh wegen des thatdUsUichtti Schuties der italienischen Flagge 
Über die Berölkerong von Tigiu, welche unter den Streifsftgen und 
Raubereien von Alu]a*s Mannschaften schwer gelitten hatte. Als- 
dann bewies Orero durch die Stdlnngnahme in Adua den Abessiniern, 
dals ihm der Weg ins Hers des bisher verschlossenen Landes offen 
stehe. Alle frfiheren Eiahrftche — noch jnngsthin dnee ägypttsehen 
Heeres 1876, italienischer Streitkrifte 1887/88 und selbst der sieg- 
reichen Waffen des Mahdi, scheiterten an den Berghängen und in 
den Thalspalten der unsng^glichen Felseninsel, gegenftber einem, 
ebenso venchlagenen als grausamen Yertudiger. Endlich vrurde 
der verbündete Negus sum TonUcken nach Tigiu und damit sur 
Innehaltnng s^ner vertragsmSlBigen Verpflichtungen geswnngen, um 
Italien den Besita der for die Ausdehnung seiner Kolonie am 
Roten Meere unnmginglich nötigen Hochlsmdssone der Bogoslander 
SU sichern. 

luswischen war die Yorbewegung der Häuptlinge Sejum und 
Sebbat sodwestüch von Adua auf Alula*s Rficksog gestoben. Am 
26. Januar begegneten sich die abesnnischen Anhänger Menelik^s 
mit denen Blangaseha^s in blutigem Kampfe, dessen Verlauf mit der 
Flucht der letateren endete. Alula wurde schwer verwundet und 
erlag schon anderen Tsges den erhaltenen Verletsnngen, wShrend 
Mangsscha entkam. Nach wenigen Tagen konnte nun der Rttck- 
maisch nach Asmara angetreten werden, jedodi verblieb ein italie- 
nischer Generslstabs-Offisier mit 1 Schwadron Guiden nebst ansehn- 
lidien Kräften irregulirer Troppen in Adua, um die Verlrindung 



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Bitaatfuigw iiM den Leb» «. i. w. 



98 



mit den siegreichen Häapiliiigen herzustellen und den bereits ge- 
meldeten Anmanch des negeetaiolien Heeree beechlennigen sn 
helfen. 

Die itoUenische Knegföhrong in Afrika hat seit dem Tage 
Ton DogaU manches gelernt. Die Einziehung militärischer Nach- 
richten aus Abeeeinien reicht heute weit über das Gesichtsfeld der 
Vorposten hinaus, wie aneh der Aafklamngsdienst gründlich genng 
betrieben wird, um gegen Überraschungen gefechtsbereit za sein. 
Die Eünkitung und DnrchfOhrang des zielbewnCsten und schneidigen 
Zuges nach Adua, welcher unter möglichster Deckung gegen feind- 
Uche Einsicht, jedoch unbeschadet eines etwaigen Gebrauchs der 
Feuerwaffen in ausgedehntester Weise erfolgte, bezengt, dsis Offiaiere 
und Mannschaften ihrw schwierigen Aufgabe ToUkommen gewachsen 
waren! ^ 60. 



TIL Eriimenmgen ans cleni Leben 
des feldmarschalls Hermann v. Boyen.*) 



Die dentsche politisch-milit&rische Latteratar ist in den letzten 
Jahren um eine Reihe intorassanter Memoiren durch ihre Lebens- 
stellung und Lebensführung aosgeseichneter Offiziere vermehrt worden. 
Es mSge hier nur an die Nam«i Canitz, Natzmer, Boroke n. s. w. 
erinnert werden. Andere in der neuesten Geschichte herroinigende 
Generale haben vortreffliche Biographen gefunden. — E^um eins 
dieser Werke aber reicht heran an die TorliegmdenLebenseiinnerungen. 
Zwei Umstände wirkten vor allen Dingen mit, um dies Werk so 
hedeutsam im Inhalt, so fesselnd für den Leser zu machen. Boyeu 
war es vergönnt, als ihn, den bisher unbekannten Offizier eines im 
fernen Osten des damaligen Prenlsens stehenden Regiments, die er- 



*) Ans dem Nacblars im Auftrage der Familie heransgegeben. Efster Teil 
1771—1809. Zweit r Tmü iB(39 bis so» BQndais iw KaUaeh IfilB. Von Fried- 
rich Mippold. Leipzig im HineL 



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Erionanngm m» dem Leben 



schutternden Ereignisse des Unglücksjahres 180() in die Nähe der 
leitenden Persönlichkeiten brachten, seit dieser Zeit an der Stelle 
wirken zu dürfen, wo die Geschichte und die Geschicke PrenCsens 
sich entschieden. Dann aber liat sein historischer Sinn den Feld- 
marschal) trotz dieser regen, den ganxen Menschen fesselnden Thätig- 
heii seine Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in einer 
selten eingehenden Weise, wohl mit Rücksicht anf die spätere Be- 
reiehernng der zeitgenössischen Geschichte, aufzeichnen lassen, wie 
wir es in diesem Umfange kaum wieder finden. So konnte eben 
dies Werk in der künstlerisch formenden Hand des so bewährten 
»Heraasgebers« entstehen, dem unstreitig für alle Zeiten eine hohe 
Stelle in der deutschen Militarlitteratur wie in der deutschen ge- 
schichtliehen litteratur gesichert bleiben wird. — Reifliche Er- 
wSgnngen der Terschiedensten Art sind der Veröifentlichnng roniTif- 
gegangen. Der vornehme Sinn des nunmehr als General-Adjutant 
Kaiser Wilhelm I. verstorbenen Sohnes des Feldmarschalls hatte Be- 
denken, ob manches in den Au&eicbnnngen seines verewigten Vaters 
besser der Öffentlichkeit entzogen bleiben dürfte, und erst unter 
Verschweigung des Namens eanaalner Persönlichkeiten gab er seine 
Genehmigung hierzu. Ebenso war es bei der SntscheiduDg, ob die 
Anfzeichnnngen im Urtext oder in einer vom Generaladjutant^ 
selbst durchgefülirten Umarbeitung Traoffenilicht werden sollten« 
Letzteres ist geschehen, unseres Erachtens nicht SSQ Unrecht, denn 
die Frische der Darstellung hat unstreitig gewonnen. Wo aber ein 
rielleicht durch die peinlichen Erfahrungen und unmittelbaren Ein- 
drucke zu herb oder nicht ganz gerecht erscheinendes Urteil gefällt 
wird, ist es uns meist bereits durch andere geschichtliche Quellen 
über die Entwickelung der Oioge richtig gestellt. 

Boyens Jugendzeit war eine harte Schule für den künftigen 
Offizier. Die erste vom Jahre 1833 datierte Aufzeichnung wird wohl 
Niemand ohne tiefe Rührung lesen. Nur ein halbes Jahr war es 
dem in Krenzburg in Ostpreulsen als Sohn nnes Oberstlientenants 
vom Regiment Ingersleben geborenen Bojen vergönnt, unter der 
Obhut seiner Eltern zu leben. — Als das vom Vater kommandierte 
Bataillon bei der Besitznahme West^reufsens die Garnison verliefe, 
wiude er der Fürsorge einer Tante anvertraut. Er hat seine Eltern 
nur noch einmal im Leben — drei Jahre alt — wiedergesehen. 
Wenige Jahre darauf starben beide in der für damalige Verhältnisse 
fernen Garnison Pakosz im Netze-Distrikt, und Boyen, der auch 
bald darauf seine einzige Schwester verlor, stand nun im Leben 
Tcrwaist. Die ersten Dienstjahre des 1784 in das Regiment Anhalt 



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KMhihmImIIi Bwntnn Boyra. 



95 



ab Frei-Korporal eingetretenen Bojen verflcMsen in kleinen Gar- 
nisonen Ostpreufsens. Von hohem Intereste sind die Bemerkangen 
ftber das damalige 0£fisdavC<»pe. Bei Gelegenheit der Sohildernng 
einiger mehr als originellen Charaktere dee letsteren spricht der 
Feldmarschau ein Urteil ans, welches für unsere Zeit, die auch 
in der Annee mehr anf EiDtwiekeliuig tob Intelligenzen wie anf 
Bildung Ton Charakteren — mit welchen wir aber doch allein 
Siege erringen werden — gerichtet zu eein scheint, volle Be» 
dentong hat. E'^ sei gestattet, dasselbe hier wortlich ansufahmu 
Boyen sagt (I, 23). »Oft habe ich mir späterhin die Frage vor- 
gdegt, ob es Gewinn oder Verlast sey, dafs diese Originellen Charaktere, 
von denen mir noch mehrere gantz ergötzliche vorschweben, sich 
ans der Armee verloren haben, und ich möchte mich als Resultat 
wohl für das Letztere entscheiden. . . Der Offizier, besonders der 
ans den Zeiten des 7jährigen Krieges, gab sich, wie er war, ohn- 
bekummert, was andere darüber denken würden, and erhielt sich 
dadurch eine gewisse Selbstständigkeit in ernsten Augen- 
blicken, die gegenwartig . . . leider so selten ist«. — Als Teil- 
nehmeram Insurrektionskriege in Polen 1793/94 giebt Bo jen eine lebens- 
volle Schilderung der militärischen Lage der preufsischen Armee 
wie der inneren Verhältnisse des durch die Schuld seines Adels und 
seiner Geistlichkeit dem Untergange geweihten Landes. Wir müssen 
es uns leider versagen, auf diese hochinteressanten Kapitel näher 
einzugehen, verweisen aber den Leser besonders auf dieselben 
bei dem Interesse, welches heute unser Offizier-('orps dem Studium 
au(;ls des östlichen Kriegstheaters entgegenbringt. Ein pietätvolles 
Denkmal setzt Boyen dem General Günther, den er einen der aus- 
gezeicbnffsfpu Generale der Armee, von hoher Tapferkeit, seltener 
Bildung des Geistes und Herzens und von spartanischer Bedürfnis- 
losigkeit nennt. Als Adjutant ihm nahe getreten, blieb er bis an 
das Lebensende dieses vortretiiichen Mannes demselben durch einen 
beide Teile ehrenden, (iu den Anlagen enthalteneu) Briefwechsel ver- 
buinlpii. Will man kennen lernen, was Preufsen auch in der kurzen 
Zelt semer Herrschaft in dem so nnendlich verkommenen Polen 
geschaiTen hat, so folge man den Aufzeichnungen Teil I Seite 86—102, 
welciiT' auch fesselnde Einblicke in die s^psrllschaftlichen Zustände 
des Landes bieten. — Ans Irr nach Rückkehr in die Heimat be- 
ginnenden Compagnie-Chetszeit finden sich rinp Reihe lehrreicher 
I:ieol);i( htungen über die Verhältnisse der damaligen Armee, nament- 
lich aber der Regierung und der auswärtifTPn Politik Prenfsens vor 
dem Jahre 1806 niedergelegt Den von Friedrich Wilhelm IL ge- 



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firiiuHniiis«« M» dem Lribw 



schloaseiH-n briedeu vou Basel sieht Boyen als den Ansfrangspuukt 
einer Reihe von ünterlaasungssüuden au, *weii [^rmifseii denselbeu 
als eine Schutzmauer auzuscheii autiug, hinter der -^ich beliebipj 
im Frieden ausruhen könne, anstatt dafs es diese Iiuhe hklte be- 
nutzen Bollen, mit Anstrengung aller Kräfte zu dem über kurz oder 
laug uiivtriueidlichen Kampfe zu rüsten «. — Interessant ist das 
Urteil Boyens itber die nach dem Tode des grofsen Königs in der 
Armee vorgehende innere Veränderung. Er schiebt sie auf das 
ErschlatFen der Disziplin, verursacht dadurch, dafs bei der im all- 
gemeinen anerkeuneiis'vverten milderen lieluiudlung der Soldaten und 
Offiziere versäumt wurde, die Fehler der Kührer - weuu auch mit 
milderen Strafen, aber um so rüekaicbtsloser zu ahnden. Aus dem 
Jahre 1805, in welchem Boyen, von der Vergtinstigung Gebrauch 
machend, dafs jeder Offizier als Zusciiauer au den Herbstmanovern 
bei Berlin und Potsdam Teil nehmen durfte, das Run/el auf dem 
Kücken zu Fu£s vou iiartenätein nach Herlin wanderte, ist in der 
Schilderung dieser Fufsreise mit ihren ErlebuisBen ein nicht an" 
wichtiges Knlturbild gegeben worden. 

Mit dera Jahre 1806 tritt der bis dahin unbekannt in seiner 
entfeniten (jarniaon lebende Kapitän v, Buyen dem Könige Friedrich 
Wilhelm III. nahe, und von diesem Zeitpunkt an hatte er, wie oben 
angedentet, das seltene Glück, bis an sein Lebensende in unmittel- 
barer Verbindung mit den leitenden Kreisen des Staates und der 
Armee zu bleiben. Für die Verhältnisse jener Tage ist es bezeichnend, 
daüs der Kapitän in Barteusteiu diese entscheidende Wendung seines 
Schicksals einer Denkschrift verdankte, welche er im September 1806 
am Vorabend des Krieges mit Frank reirb unaufgefordert dem Könige 
einreichte. Boyen schreibt darüber: »Nach meiner dabei zu Grunde 
liegenden Ansicht sollten wir aus Gründen, die ich später entwickeln 
werde, den Feind in Sachsen erwarten, uns vor einer Umgehung 
unserer linken Flanke und dem Abdrängen von Dresden hauptsäch- 
lich hüten. Mir schienen diese Ansichten so natürlich, dafs 
ich sie für ai Ige mein verbreitet hielt und daher bei dem Rück- 
blick auf frühere ähnliche Vorgänge höchstens auf einige schrift- 
liche Zufriedenheit rechnete. Allein diesmal ging es etwas besser, 
denn schnell bekam ich von dera General Geusau, dem damaligen 
General-Quartier-Meister der Armee, und dera Oberst Kleist, dem 
Generaladjutanten des Königs, nicbt allein aufserordentlich lobende 
Antworten, sundem zu gleicher Zeit auch vom Könige meine An- 
stellung zur Dieustleiütuug im Geueralstabe bei der Armee unter 
den Befehlen des Herzogs vou Braunschweig«. — Es war eben die 



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dw Feldnanehalb H«niiMtii v. Boyan. 



97 



▼erlübignitToUe Zeit der papiemen Blafinogeln, wo Alks ri«t nnd 
keiner handelte, wie un» die neaerdinge ans Clanaewits* Kaohlaia 
▼eioffentUclite Scbrift so lebendig eohildert. ^ 

Die Wiedergabe der Eindrfioke, welche Bojen nach aeinem 
Eintreffen beim Hauptquartier, das er in Nanmhoig traf, empfing 
nnd die Chankkteristik der malq;ebenden PersSnlichkeiien, TonOglich 
des Heiiogs von Braonsehweig, gdi&rt zn den interessantesten 
Seiten des Werkes. Seelenkimpfe der schreddtchsten Art bewegten 
noch Tor der Katastrophe den sieh auf dem Gipfel des soldatischen 
Olfickes sehenden Boyen, den, Ton Schanihont, mit welchem er 
in diesen Tagen som ersten Male snsammentraf, bei AnerstBdt mit 
einem Auftrage in die forderste lAnie entsendet, hier die Engd 
eines Franzosen aofeer Gefecht setzte. — Es sei hier daianf hinge- 
wiesen, wie Boyen das heldenmütige Beispiel der Offiziere erwShnt, 
welche die an der Unbehilflicbkeit ihrer taktisehen Ansbildnng nnd 
der Verwinnng der höheren Ffibrnng zerschellenden Troppen zn 
ordnen sachten. So rühmt er die kalte Todesrerachtnng des achteig- 
jährigen Feldmarschalls von Möllendorf, der bei Hanenhaasen im 
Schritt und im Bereich des feindlichen Schfitzenfenen nibig die 
Linie richtete. — In hohem Grade fesselnd ist die Darlegung der 
Verhältnisse, welche den Untergang , der Armee herbeifOhrten. 
Prophetisch für unsere Tage ruft Boyen bei Erwähnung der fakdien 
Sparsamkeit der damaligen Armeeleitnng aus, dalis »kein Staat sich 
selbst und willkürlich den Umfang seiner Kriegs* Ausgaben bestimmt, 
sondern seine Nachbaren nnd dereinstigen Feinde. — Wenn man 
den Umfang einer nötigen und unnötigen Krieges-Macht prüfen 
will, so mufs man erst das strstegisoh-politische Bedflrfnis feststellen 
und mcht mit den lYennigen anfangen«. 

In Weimar unter aufopfernder Pflege geheilt nnd mit einem 
jEiei^ferde ausgestattet, trat Boyen Ende März 1807 tint«r falschem 
Namen als Gärtner aber Osterreich die Reise nach Ostprenlsen an. 
Ein wunderbarer Zufiail woUte es, dafs er Ende April in dem Stfidt* 
dm, welches er vor einem halben Jahre voller Hoffnungen ver- 
lassen hatte, das Hauptquartier der V^böndeten traf. Mit der 
tiefen Frömmigkeit, welche ein Ornndzug des auf fortdauernde 
Selbstprüfnng gerichteten Charakters Boyens war, erkennt er dank- 
bar die Gnade dee Allerhöchsten an, der ihm hier das zu Teil werden 
lieb, was nach dem Ausspruche der grolsen Feldherrwi aller Zeiten 
eine der wichtigsten Eigenschaften des Soldaten ist — das Gluck. 
Bcyoi wurde nicht allein sofort wieder als Kapitän im Genmlstabe 
M^estdlt, simdem fand auch seinen langjährigen Burschen mit 



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ErimMrugoi int dam Iiabai 



seinen Sachen und drei seiner Tom Scblachtfelde von Auerstädt ge- 
retteten Pferde vor. Boyen wurde dem General Tutschkoff, 
Kommandierenden des am Narew stehenden rassi«;hen Corps, zuge- 
teilt, den er in Grodzisk traf. Daa Urteil Boyens über den Feldzug 
in OstprenCmi gipfelt darin, dab es »wenige Feldaüge gegeben habe, 
welche so unvorbereitet und daher auch übel geordnet wie der im 
Jahre 1806 an der Weichsel eröffnet Warden«. Die Kommando- 
▼erhältuisse der russischen Armee waren nach Boyens Ansicht die 
allersonder barsten. Benningaen operierte bekanntlich zunächst allein, 
trat einen übereilten Ruckzug an, als der prenlaiache General Köhler 
und der russische, Sedmoraleky, Warschau räumten. Auf die Nach- 
richt, dala mit dem neu ernannten Oberbefehlshabor iüunenskoy 
ein Corps anter Bozhövden zn seiner ünterstätsong heran rocke, 
ging er wieder gegen die Wkra vor. Kamenskoy aber beurteilte 
die Kn^kge völlig unrichtig und bpfahl von Neuem den Räekiag 
an die russische Grenze. Boyen erklärt nun, dafe der ehrgeizige 
Benningsen diese Fehler des Oberfeldberm benutzte, um denselben 
fOr sohwaohsiunig zn erklären, sich seinem Befehle zu entziehen und 
allein die — f&r einen Sieg angesehene — Schlacht von Pultusk 
m schlagen, eine Schlacht, welche unter Mitwirkung Buxhövdens 
so entscheidend hätte werden können, dafs die Franzosen bis hinter 
die Weichsel zurückgetrieben werden mufsten. Hochinteressant sind 
hier die Urteile über Kaiser Alexander, Grofsffirst Constantin, 
Benningsen, den er vor allem als Egoisten kennzeichnet, König 
Friedndi Wilhelm III. mit seiner Umgebung, von der Boyen im 
allgemeinen wenig Gutes zu berichten weils. Öo nennt er Kleist 
einen edlen, rechtschaffenen, persönlich sehr tapferen Mann, aber 
so an den alten Formen klebend und so schwarz in die Zukunft 
Behend, dafe, wenn in seiner Gegenwart nur blofs von möglichen, 
neuen Einrichtongen gesprochen worde, er schon in Schraken geriet. 
Von Köckritz spricht er, als Ton einem Mann ohne eigene Urteils- 
kraft, daher nnaufhörlich von unwürdigen Leuten bei dem Könige 
gemilsbraacht und aus Bequemlichk^ts-Liebe ein abgesagter Feind 
des Krieges. Kalckreuth, der im Range und zum Teil auch in der 
ä£fentlichen Meinung am höchsten stand, erklärt Boyen zwar für 
einen Mann nicht ohne Geist und von vielseitiger Lebeuskenntnis, 
auch in der Kriegführung zur Zeit Friedrich des Grofseu nicht un- 
erCshren; aber für einen so grofsen Egoisten, dafs alles andere da- 
g^en in den Hintergrund trat. — Bei Schilderung der Ereignisse 
des Jahres 1812 beschuldigt Boyen Kalckreuth geradezu der Franzosen- 
freandlichkeit, welche ihn auf Hardenbergs Antrieb von Berlin nach 



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dM PdMmawchiBa Hflmuuin v. hoyrn. 



99 



dem neotralm Bredaa versetzen Hefs, wo er bald darauf in einen 
sehr wenig ai^enehmen Konflikt mit dem Prinzen Augast und 
Schamhorst verwickelt wurde, die er ihrer ausgesprochenen Frauzom- 
feindschaft wogen in Berlin denunziert hatte. — Rüchel stellt Boyen 
als Menschen und Patrioten viel höher als Kalckreuth. Er nennt 
ihn einen tapferen Soldaten, aber mit nur ungeordneten Kenntnissen, 
der mit seiner oft groCsen Heftigkeit in seiner fiigenscliaft als General- 
GonTemeiir von Preoisen EQweilen störend in die Ereignisse eingriff. 
— L*£stocq war nach Boyens Ansicht ein tüchtiger, wenn anch in 
seiner Thätigkeit durch Krankheit gelähmter General. Ebenso wenig 
genügend war der Kreis hoher Civilbeamten, welche dem Konige 
zur Seite standen. Unter ihnen war Schön trotz groüser Charakter- 
fehler der bedeutendste, bis Stein, ohne Kücksicbt auf seine in 
der Machtsphare der Franzosen liegenden reichsritterlichen Besitzungen 
in nehmen, sorückkehrte und non die Führung in der Civil-Beor- 
ganisations-KomnissioB fibemahm. «~ 

Boyens hervorragende Stellung begann, nachdem er in Hemel 
Scharnhorst uilher getreten war, dessen begeisterter Verehrer er tob 
nnn ab wurde. Derselbe war zum Vorsitzenden der Militar-Beoigar 
nisations-Kommission ernannt worden, zu deren Arbeiten er den 
im Januar 1808 zum Major beförderten Boyen hinzuisog. <— Sehr 
eingehend sind die Verhandlungen dieser Kommission — vor allem 
aber die inneren Kämpfe der einander widerstrebenden Elemente, 
weldie den König umgaben — geschildert; wie Boyen sagt, nm %vl 
zeigen, vne grofs die Hindemisse waren, mit denen Stein und 
Scharnhorst bei Ausführung ihrer Entwürfe za kämpfen hatten. 
»Nur der glücklichen Vereinigung, dalis Stein eine seltene Kraft 
nnd Unabhängigkeit besafs, während Schamhorst der besonnenste 
Mensch war, den ich in meinem Leben kennen lernte«, — schreibt 
Boyen — (I S. 301) ist es möglich geworden, über die Unent- 
schlossenheit des Königs und die Kabalen seiner Umgebung, wenn 
auch nicht in allen, so doch in vielen Fällen zum Wohl von Preufsen 
zu siegen«. Überall tritt uus hierbei die ideale Richtung Boyens 
entgegen. Indem er sich hierzu bekeunt, gesteht er auch zugleich 
offen und ehrlich die dem EiUhnsiasteu so oft eigene vielleicht zu- 
weilen schroffe Lebhaftigkeit seines Temperaments ein. Dieselbe 
scheint sich mehrfach in Wort und Schrift gegen die »Maulwürfe« 
(so nennt Boyen die Clegner der Stein-Scharnhorstschen Reformen) 
geltend gemacht zu haben, — Boyen betont wiederholt, wie glücklich 
die Fügung gewesen sei, welche die ^Neugestaltung des Vaterlandes 
in einem entlegenen Winkel Ostpreufseus und nicht in der Residenz 

7* 



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100 



EdBamaagtn m» dem LeVeii 



begründen lieCs, wo nicht allein der französi.sclie Einflufs, sondern 
auch innere Strömangen das Werk hemmten. Dieser Berliner Zeit, 
welche mit dem Einzüge der Konigsfamilie 1809 begann, ist der 
gröfsere Teil des 2. Teils der »Erinnerungen« gewidmet. — Keine 
der Hauptpersonen bleibt unberührt, von den meisten wird eine 
eingehende Charakteristik gegeben. Wir bedauern tief, dafs der 
Raum dieser Blätter uns nicht gestattet, wcuigsteos auch nur an- 
nähernd ein Bild des reichen luhaltÄ /u geben. 

Boyen trat als Chef des MilitUr-Kabinets (nacli heutigen Be- 
griffen) in die unmittelbarste Nähe Friedrich Wilhelms IlT. Wir 
erhalten eine ungescliminkte Schilderung der Unentschiedeuheit des 
Monarchen in der allerdings so unendlich schwierigen iStellung 
zwischen Frankreich, dessen Truppen im Herzen des Landes standen, 
und Russland, welches drängte, sich offen zu ihm zu bekennen. 
Hierzu kamen die zum Teil franzosenfcind liehen EinHüsterungen der 
TJmgebung des Königs, wie z. B. Ancillons, der später noch Minister 
des Auswärtigen wurde (II. Teil S. 154): Wü! man die wirklich 
verzweifelt© Lage Preufsens verstehen, welche auch stärkere Charaktere 
wie den König in ihren Entschlüssen schwanken lassen konnte, so 
moIiB man die betrettenden Kapitel des II. Teils lesen. Während 
1811 eine Denkschrift des Kaisers Alexand<'r die gemeinsamen 
Operationen larlegte. verhandelte der französische Gesandte Marsau 
ein Bündnis mit Napoleon, und während General Grawcrt in aus- 
führlicher Darlegung den notgedrungenen Anschlufs au Frankreich 
anriet, begründeten Bülow, Boyen u. s. w. ebenso eingehend die 
Notwendigkeit, mit der königlichen Familie nud den Truppen Berlin 
zu verlassen und sich entweder an der Weiciisel mit den Russen zu 
vereinigen, oder einen auf die verschanzten Lager von Colberg, 
Neilse u. s. w. gestützten Guerillakrieg zu beginnen. Die im Original 
gegebenen Briefe und Denkschriften Gneisenaus, Bülows, Scharnhorsts, 
Boyens bilden zusammen mit deji Aufzeichnungen des letzteren eine 
sehr wertvolle Bereicherung unserer vaterländisclT^n ^^nellenlitteratur. 
— Wir vervveisen für die Geschichte des Feidzuges 1812 ferner 
auf die hochinteressanten Mitttilungen Boyens über seine Reise 
nach Rufsland, welche er im August 1812 mit dem damaligen 
Kapitän Graf Dohna, dem Schwiegersohne Scharnhorsts, autrat, 
um nach erhaltenem Abschiede in die Dienste dieses Landes zu 
treten. — Über Prag, Wien, Lemberg, Czernowitz, die Moldau, 
durch Podolien, Wolhynien nach Kiew und von dort nach l'etersburg 
ging die an Eindrücken reiche Reise. In Wien hatte Boyen mit 



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des F«ldiitwMlwUa Hefmtan v, Bofen. 



101 



Meitrnuch verhandelt, in Petersburg wuHe Boyen vom Kaiser 
Alexander der Antrap zu einem Offensiv- und Defensivbünduis für 
Konig Friedrich Wiihehn anvertraut, mit dem er unter vielen 
Schwierigkeiten glücklich nach Breslau gelaugte. — Mit dem Rück- 
blicke auf die Ereignisse — anch beim Yorkschen Corps und den 
Verhältnissen in Breslau schliefst der 2. Teil. — 

Wir sind ausführlicli gewesen in der Besprechung dipsps hoch- 
wichtigen Werkes, aber gewifs nicht /n ^ehr für den Wert desselben. 
— Nicht alle Urteile, weder in poiitisther. noch vielleicht auch in 
militärischer Beziehung können wir nns zn ei.i;oii machen, auch < so 
scharfsichtiger Geist wie Boyen konnte Imu der Lebhaltigkeit 
seiner Natur irren. Vergessen darf man 1er m r nicht, dafs die Auf- 
zeichnungen niedergeschrieben wurden in den dreifb»isr*>r Jahren 
zwischen dem ersten und zweiten Minihteriuni des FelJujurschalls, 
zu einer Zeit, wo das subjektive Urteil desbuHnn nur unter dem 
Eindrucke s^^iner Zeit und seiner I^>lebniRs<' stellen konnte. — 
Überall ahpr lie^Tggnen wir dem sidi selljäiÜos opfernden Soldaten 
da, wi> es galt, die für ihn hei'u^n^ I l)erzeugung zu vertreten, der 
nichts höheres kannte, als die Kettuug seines tief gestürzten Valer- 
laudes. Kein scauueres Denkmal konnte Boyen wohl gesetzt werden, 
als jene Wort« Kaiser Wilhelms I. am 31. März 1871 zu den 
Senioren des Eisernen Kreuzes und die Kabinetsordre seines Kaiser- 
lichen Enkels, in welcher er dem luianterie-Regiraent Nr. 41 den 
Namen »von Boven« verlieh. — Aber ein schönes sind anch diese 
»Erinnerungen«, welche — so glauben wir — den vielen Offizieren 
der Armee verklungeneu Namen wieder in das wohlverdiente Ge- 
dächtnis zurückrufen werden. 17, 



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YIIL Sie Cteschollswiikung 
der neuen Kleinkaliber-ftewelue.*) 



Das Geheimnis war gut gewahrt! Mit Ansnahme der wenigen 
»Wissenden« wurde Mitte Januar J. das In- und Aoslaiid über* 
tiischi iliirch die bändige Erklärung unsres Eriegsministeriiiiiui: Das 
neue (lewehr ist fertig und wird demnächst an die gesamten Fals- 
truppen ausgegeben; — und im Voraus, gleichzeitig, enchienea der 
»Abdruck von 1889« des tExerzier-Reglements fCtr die Infanterie«« 
sowie die vom 21. November 1889 ausgefertigte nene »Sehiefs- 
vorschrift fttr die Infanterie.« 

Waren immerhin EHnselheiten Bber das »Gewehr 88« nur vei^ 
hältnismäisig Wenigen Torher bekannt: Das wnJste man insgemein, 
dafs die Oestrecktheit der Flugbahn, die Treffwette und die Dnzdi- 
schlagskraft der neuen Geschosse einen abermaligen Trinmph der 
WaffenfertiguDg bedeuteten. Prüft man diese, das In&nterie- 
Gefecht anf das EmpfindUehste beeinflnssenden Eigensdhafien der 
nenen Waffe; rechnet man die bereits in aahlreichen Aafs&fcaeii and 
Schriften bdiandelten taktischen Folgewirkungen des TOm kleii^ 
Kaliber untrennbaren rancbsehwadhen PnlTen hinsn, — dann wird 
man sich der Einsidit nicht ▼ersddielsen kdnneu, dais in niehi 
wenigen, in nicht unwichtigen Stachen die Fechtweise unserer 
Infanterie Änderungen erleiden, dab die jdst beginnende Sommer- 
Übungszeit, anf den Exeraiezplätzen and im Gelände, mancherlei 
Abweichungen Ton dem im Torigen Jahre Geabtan (selbstredend 
im Rahmen der vom Reglement zugeV)ill igten Bewegungsfireibeit!) 
zeigen, verschiedentliche »brennende Fragen« kEren müsse. Nicht 
minder wird es ernste und folgenschwere Pflicht der Fach- 
zeitschriften sein, sich mit dem hoehbedeatenden und im 
Vordergründe des militärischen Interesses stehenden Gegen- 
stande in gebührender Gründlichkeit zu befassen* 



•) Die Geschofswirkung der neuen Kleinkalib er- «Gewehre. Ein Beitrag znr 
fienrteilang^ der Scbarswundeo in kfinitigen Kriegen von Dr. Paul Bruns, Prof. 
der Chimrgie ss Tftbingen. Hit 7 TafUn in Lichtdrack« Töbiogeo 1889. Verlag 
der B. Lanpp^idieii BnsUmtilmig. Fttii M. 6^. 



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Sie 0«Mbollnrlilini|( der neueo Kletokaliber-Ctewehn. 



103 



Als (Trimdli^jieu solcher Erörterungen haben zunächst Am 
Exerzier-Iieglement, Teil II, — uud die neue Schiefevorsclirift 7x1 
dienen; — sodann aber tragen wir kein Bedenken, als wertvolle 
>Gruu(llage auch die in der Üborschrift genannte Schrift dos 
Professor Bruns zu bezeichnen ninl iliesollin, — welnbt; Aufsehen 
erregt hat und in allgemeiuer Weise mit Auerkpimung auch in 
politischen Zeitungen besprochen worden ist, — den Offizieren aller 
Waffen, besonders natürlich der Fufstrujipen, zu empfehlen hin- 
sichtlich der aas ihr zu gewinaenden reichen taktischen Aus- 
beute. 

Der Herr Verfasser hat in zali Iren hon Ver;>u< hen erprobt (He 
Wirkung des kurzlich in Belgien eiii^i t ulirten Mauser'schen 
Kleinkaliber-CJewehres gegen leben de und ^^e^en unbelebte Ziele; 
zum Vergleiche ist daneben unser infaiitcne-Gewehr 71/84 ver- 
wertet Man darf schlankweg das Belgische Mauser-Gewehr in 
Geschof» -Wirkung als fjist gleichwertig ansehen dem französischen 
Lebel-Gewehr, dem Schweizer Rubin -Schmidt'schen, dem öster- 
reichischen Manlicher» uud dem neuen deutschen »Gewehr 1888« 
— rind somit die Versuche und Darlegungen des Professor Bruns 
als äl] gel nein gültige für alle neuen Kleinkaliber-Üepetier-Gewehre 
anerkennen. 

Unj>ere Kenntnis über die physikalische Wirkung der Geschosse 
stützt sich zum grofsen Teile auf die Ergebnisse von SchieCs- 
▼ersuchen gegen lebende Tiere uud menschliche Leichen; 
dafs im W^entlichen die Wirkungen der Geschosse auf den lebenilen 
und den toten Körper übereinstimmen, ist durch vergleichende 
Tierexperimente festgestellt. Professor Bruns nun hat als Ziele 
Leichenteile, welche bei dem chirurgischen Operiituuiskurse er- 
übrigt wurden, benutzt, — aufserdem Schutzgegenstände, wie 
Eisenplatten, Holz, Erdwälle; endlich ist zur Ermittelung gewisser 
physi kidischer Verhältnisse eine gröbere Anzahl von Versachen mit 
Schüssen im Wasser angestellt. 

Soweit das ärztliche und allgemein-menschliche Intere^ 
in Betracht kommt, finden wir uns mit des Herrn Veriassers Schlnfs- 
sätzeu hier ab. deren Tragweite und Tröstlichkeit unter dem »Volke 
in Waffen« wohl gewürdigt werden wird; dieselben lauten; »Fassen 
wir die Ergebnisse unserer Untersuchungen zusammen, so ist es 
gewife mit hoher Freude zu begrüfsen. dafs die durch taktische 
Gründe bedingte Herabsetzung des Kalibers uud insbe- 
sondere die davon unzertrennliche Einführung der Mantel- 
geschosse gerade im Sinne der hnmanitären Bestrebungen 



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104 0ie GesohoMriniiig dtr naiieii Ktoiiikaliber-Clmridin. 

liegt. Die kanfbigeu Knoge werden vielleicht in derselben Zeit 
■üilreichere, aber jedenfaUe Tiel banfiger reine und glatte Sobnfe- 
wnnden bringen, die wegen der geringeren Weite dea ScbnlekanalB 
eher den enblmtanen Cbaiacter wahren: der Heilungereilanf wird 
eicb günstiger geetalten, Yerstfimmelnng nnd Verfcrflppelnng hinfiger 
Termieden werden. Das neue Kleinkaliber-Oewehr ist nicht 
blofs die beste, sondern sngleioh die humanste Waffe, nm 
nach HSglicbkeit die Sehrecken des Krieges sn mildern.€ 

Beredt sind die Zahlen, welche die neue SobielsTonobrift 
(Ziffer 83) bringt über die Geecholswirkung gegen Holl, Eisen, 
Stahl, Sand, Eide; beredter noch, in gewissem Sinne, — unmittel- 
bar die taktischen nnd moralischen Seiten des snkfinftigen 
Infanterie-Gefechtes berührend, die Zahlen nnd Angaben des Pro- 
fessors Bruns ftber die Geschoiswirknng gegen den menschlichen 
Körper. Die Unterschiede der neuen kleinkalibrigen Waffe gegen- 
flber dem jetngen Gewehr 71/84 bestehen im Weeeatlichen in 
gröberer Durchschlagskraft bei geringerer Sprengkraft 

Fflr die Verwendung geschlossener Abteilungen zum 
Nah an griff giebt der Yeisuch ein blendendes Licht: Es wurde 
die Gliederung einer Compagnie in Gefechtafonnation nachgeahmt: 
Die Gompagnie-Kolonne mit 64 cm Glieder-, mit 2 m Zagabstand; 
dem entsprechend wurde eine Amtahl Leichenteile in genannten 
Abstinden in gerader Linie hintereinander aufgeetellt und aus einer 
Entfernung von 100 m geechoesen. Es wurden von einem und 
demselben Geschols vier und selbst ffinf Körperteile hinter- 
einander durchschossen nnd dabei die stirksten Knochen des 
Körpers dreimal sersplittert. Und seihet dann war die lebendige 
Kraft des Geschosses noch nicht erBchöpft, da es auch in diesem 
f nnifachen Ziele nicht stecken blieb, sondern dahinter im Kugelfuig 
aufgefangen wurde! Und so dringen die Geachoese auf jede Eat- 
femnng, welche far wirksames Gewehrfeuer llberhaupt in Betracht 
kommt, durch den Körper — das dgentliche Kri^asiel — hindurch, 
ohne jemals in denselben stecken zu bleiben, da sie die hienu 
nötige Endgeschwindigkeit von etwa 200 m noch auf die Ent- 
fernung Ton mindestens 1600 m besitsen**) In gleicher Weise, wie 
auf 100 m, wurden die einxelnen — teils mit Wolle, tmls mit 
Leder umgebenen Leichenteile in den genannten Abstftnden hinter- 



*) Bei den mit dem Lebel-Gewebr bis auf 2000 m Entfernnog angestellten 
8eUelbf«mdMD tat Ltiebtn bliebec — nteh ^wMtAm^ gUabwIlxdigeD QoeUea 
~- aegar auf diei« Eatftnnmg dii GtschoHe niemals in der Wund» steelent 



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Büekblitke «af angliaohe Maiine im Jahn 1888l 



106 



einander aufgestellt nn<l aus einer Kutlerming von 4CH) m beecbossen: 
PS wurden von deniseibeu Gesehofs meist 3 — 4 Glieder 
durchdrungen. Und so sind auf 8(X> und 1200m noch 2 — 3 
Glieder durchschlapfen. welche dicht hintei einander standen. 

Nimmt man diese Angaben über die Durchschl»p:skraft hinzu 
zu den Mitteilungen der Schiefs Vorschrift über dip Flughöhen der 
Gnschüsse u. s. w., und entwickelt sich nun einmal eine Entscbeidini^^^G- 
schlacht der Zuknnft — von der Aufklämng, dem Fflhlnngnehmeu 
an: die F'inleitung, Durchführung, die Entscheidung — die Ver- 
fol^niMj; l)('/ii'hiing9wpi<5e den Rückzug, so wird man sicherlich den 
Schiuls nicht abweisen künnen, dafs mit der neuen Watte wichtige 
Neuerungen in der Taktik veikiiüjitt sind und dafs wir allen Grund 
haben, mit voller Unbefangenheit zu prüfen, was zu ändern ist 
und wie, — soweit sich solche Prüfung überhaupt im Frieden vor- 
nehmen läfst. 

Herrn Professor Bruns aber sei an dieser Stelle der auf- 
richtige Dank gesagt suht rlicli' recht vieler deutscher Ofüziere für 
seine fleilsige, gediegene und anregende Arbeit. 34. 



IL Mokblioke 

auf die englisclie laiiue im Jahre 1889. 

(Aus der »Timesc übersetzt Ton Otto ZimmermftDii). 



Das vergangene .Jahr ist als ein besonders ereignisreiches und 
bemerkenswertes, nicl t nur in Hinsicht auf die Entwickelnng der 
englischen Manne, .sundcrn auch auf die anderer Länder zu nennen. 
Die groCsen Flotten-Manöver des Jahres 1888 konnten sowohl die 
Autoritäten als auch das gröbere Publikum uiiuuttelbar davon 
überzeugen, da(s unsere maritimen Hilfsmittel den an sie zu btellen- 
den Anforderungen im Falle eines Krieges durchaus nicht ent- 
iprächen. Der Regierung wurde daher in dieser Hinsicht sowohl 
durch die häufigen Meinungs-Äuliserungen hervorragender Fachleute, 



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106 



BAckbficke auf die ^litefae Marine im Jalm 1889. 



als auch durch die nicht mifszu verstehende Art, in welcher die 
engHflche Presse für eine Vermehrung resp. Verstärkung and Ver- 
besserung der Flotte beharrlich eintrat, schwer zugesetzt, und schon 
Anfangs März konnte der erste Lord der Admiralität dem Volke 
zur Beruhigung mitteilen, dafe er dem Parlamente eine Denkschrift 
vorzulegen im Begriffe sei, in welcher demselben der Bau von 
10 Schlachtschiffen, 9 geschützten Krenzern 1. Klasse nach dem 
verbesserten »Mersey« -System, 29 geschützten Kreuzern 2. Klasse 
nach dem verl)e.sserten »Medea<-Typus, 4 geschützten Kreuzern 
2. Klasse vom Typus der »Paudora« und IS Torpedobooten von 
der Klasse des vSharpshooter«, 2ur maritimen Verteidigung 
Gror8-Britanniei)8 durchaus erforderlich, dringend ans Herz gelegt 
werden würde. Der Bau und die Ausrüstung dieser Schiffe sollte 
bis zum hiliiu 1894 beendet sein. — Dieser Gesetzes-Vorlage 
wurden Aulaugs im Parlamente grofse Schwierigkeiten bereitet, aber 
Dank dem warmen Eintreten einiger sehr reger Mitglieder wurden 
die dafür beanspruchten Mittel von •£ 21,r>(X),(X)0 doch mit grcüser 
Majorität bewilligt. 

Nach den Erklärungen des Ministers des Auswärtigen, Marquis 
of Salisbury am 27. Mai 1889, würde England bis zum Jahre 1894 
über 77 gepanzerte Schlachtschiffe verfügen, während zu derselben 
Zeit Frankreich nur im Mesitz von 48, Deutschland von 40. iiussland 
von 27 und Italien von 19 sein würde. Hierbei sind unter den 
englischen Panzerscliitfen allerdings 8, welche bis zum Jahre 1868 
gebaut und somit ganz veraltet sind; bei deu 40 deutschen Panzer- 
schiffen aber 8uid nicht allein die veralteten, sondern auch die 
Panzerkanonenboote einbegriffen, wahrend beispielsweise die italie- 
nischen Panzerschiffe durchweg neuester Konstruktion sind. Von 
den in Lord Hamilton's Programm vorges^ehenen 10 Panzerschiffen 
sind 8 die stärksten und gröDsten Kolosse, die in J\ingland über- 
haupt je erbaut worden sind. Von diesen ist nur eins, der »Hood« 
ein Tumischiff, welches gegenwärtig in Cli.tthain der Vollendung 
entgegengeht. Der »Hood« soll bei einem Deplacement von 
14,ir>0 Tons, einer Länge von 380 Fufs. einer Breite von 75 Fufs 
und einem mittleren Tiefgang von 27'/, Fufs, dreifache Expansions- 
Maschineu erhalten, welche im Stande sind, im Maximum 13,000 
Pferdekräft« nnd eine Gescinvindigkeit von 17Vj Knoten zu ent- 
wickeln. An Kohlen niniuit das Schiff 900 Tons auf, dieselben 
sollen bei einer mittleren Fahrtgeschwindi{^'keit von 10 Knoten 
reichen, um 5000 Seemeilen zurückzulegen. Aufser einer Torpedo- 



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Bie1c1»lie1t0 Mf die en^lifehe Marina im Jahn 1889. 



107 



Armierung wird die Bestfickung ans 4 Stück 67 Tnn^i-Ge8ch^tzeD, 
10 Siück 6" Schnellfeuergeschüfczen und 18 kleineren Schnellfeuer- 
kftBonen besteben. Das 67 Toiis-Gescbfitz hat ein Rohrgewichk 
yon 68,075 Tons und ein Kaliber 13,5'' = 34,29 cm, die Panzer- 
granate wiegt 567 kg und wird mit 385,77 kg Pulver gefeuert. Die 
PanzerstSrke betrügt 17"-- 18" = ca. 45 cm. Das Schiff soll bis 
1893 komplett snagerustet sein. Die obigen für »Hoodc angegebenen 
Dimensionen und die Armiening sind auch bei den übrigen 7 Panzer- 
schiffen die gjleichenf jedoch mit dem Unterschiede, dals dies keine 
Turm- sondern Brustwehrschiffe sind und ihre Geschütze a la 
Barbette führen. Statt 18 führen sie indessen 24 leichte Scbnell- 
fenergeschütze an Bord. Von diesen 7 Panzerkolosseu werden 
»Royal Sovereign« in Portsmouth, »Renown« und »Repulse« in 
Perabroke, »Banulliesc und »Beeolntion« von der Firma ^ir Charles 
Palmer in Yarrow, »ReTenge« von einer Firma auf der Clyde und 
»Royal Oak« gleichfedls von einer Privatfirma z\i Birkenhead erbaut. 
Zwei weitere Panzersehiffe von etwas kleineren Dimensionen »Cen- 
turion« und »Barflcnr« von je 9000 Tone Deplacemoit werden in 
Portsmouth vom Stapel gelassen werden; weitere Einzelheiten über 
ihre Bauart und Aaerfistang aind jedoch noch nicht in die Öffent- 
lichkeit gelangt 

Die 9 geschfltoten Kreuzer 1. Klasse, amtlich als von der 
»Edgare-Klasse genannt, sind Schiffe des verbesserten und ver- 
gröfserten »Mersey «-Systems und etwas kleinere Konstruktionen des 
»Blake«. Sie sollen ein Deplacement von 7,350 Tons, 360' Länge, 
ÖO' Breite nnd einen Tictgang von 24* haben. Ihre Maschinen 
werden 12,000 Pferdekräfte bei forcierter Kraft nnd 7^ Pfcrde- 
krafte bei gewöhnlichem Druck entwickeln, welclie den Schiffen 
eine Fahrtgeschwindigkeit von 20 resp. 18 Knoten zu verleihen im 
Stande sein sollen. Die Armierung dieser Kreuzer vrird aus zwei 
22 Tons-Geschützen von 9" 2"' Kaliber, zehn 6" Geschfitxen und 
12 schnellfeuernden Sechspfündem bestehen. Unsere henromgendsten 
Kapacitäten sind darüber einig, dafg diese 6" Geschütze, vermöge 
ihrer Fähigkeit noch bis auf 500 B arels eine 10" Panzerplatte zu 
durchdringen, und wegen ihrer leichten Bedienung durch Menschenhand 
allein, wobei eine Maschinerie entbehrlich wird, unsere vorzüglichsten 
Waffen sein werden, falls wir einmal in ein wirkliches Seegefecht 
verwickelt werden sollten. Diese Kreuzer werden bei einer mittleren 
Geschwindigkeit von 10 Knoten ein KohlenfassnngsvermSgen für 
eine Fahrt von 10,000 Meilwn besitsen. Drei von ihnen, »Edgare, 



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10g Bftckblicke aof die englische Marine im Jahre 1889. 

»CeDtaurc, »Hawke« werden auf königlicheii Werfleii, die fibrigen 
»Endymion«, »GKbnltar«, »Crsfton«, »St. George c, »Thesene« nnd 
»Greeoeot« auf Privat-Wezften gebaut. — 

Die 29 geschlitsten Kreuier 2. Klane, tob der Admiialitit 
kurz »Apollo« -Typus genannt erhalte ein Deplacement von 
3,400 Tonfl, eine Länge Ton 900', eine Breite ?on 48' und einen 
Tiefgang von 16Vs'i ibre Muchinen von je 9,000 Pferdekriften 
werden den Schiffen eine Geschwindigkeit von 18 Knoten verleihen« 
Ihre Beetaekung wird ans xwei 6\ Bochs 4"* 7'*' und 9 Sobnell- 
fenerkatoonen bestehen. Viele Fachleute sind der Meinung, dafe 
diese Schiffe ffir die ihnen zu Teil werdende Au^ptbe zu kun und 
zu schmal seien, und es wird deshalb die Hoffnung ausgesprochen, 
dab — ehe der Bau ober so groben Anzahl wie 29 in Angriff 
genommen werde, man weuigstens eins davon praktischen Versuchen 
unterwerfen möge. Man solle deshalb die Ferti^rtellung eines der- 
selben mit aller Eile beschleunig«! und kein G^ld oder Muhe hier- 
bei scheuen, um nicht in denselben Irrtum und Fehler zu verfallen, 
als mit der »Sharpshooterc-Klasse, wobei nüt den öffentlichen Geldern 
geradezu in erschreckender Weise gcwirtschafUt worden iat. — 
Ehe eine gröisere Anzahl von Schiffen desselben Systems in Arbeit 
gegeben wird, so sollten doch gesunder Verstand nnd allgemebe 
Geschiffcs-Grundsatze es zur Bedingung madien, dals sich dieses 
System zuvor hinsichtlich seiner Gflte bewahre, ehe man es ver- 
vielfältigt. Beim Bau der »Sharpshooterc-Klasse hatte man solche 
Votncbtsmalisregeln unterlassen und der erzielte Erfolg ermutigt 
daher auch keineswegs zu einer Wiederholung der beim Bau solcher 
Schiffe in Anwendung gebrachten Methoden. Von dieeen Schiffen 
der »Apollo«-KlasBe werden nur 6 auf Regiemngs-Weiften gebaut; 
bei weitem deir grSlsere Teil derselben ist Firmen im Norden 
Englands in Auftrag gegeben worden. 

Die 4 gesohfitzten Kreuzer der »Pandora« -Klasse von je 
2000 Tons Deplacement wurden auf den Werften zu Portsmouth, 
Devonport und Pembroke erbaut. 

Interessanter vielleicht alz ein Bericht Aber Schiffe, welche erst 
kurzlich in Aufteag gegeben und sozusagen nodi im »Embryo- 
Zustand« sind und die erst in einigen Jahren der effektiven Starke 
der Marine zu Gute kommen werden, ist die Angabe derjenigen 
Kriegsschiffe, welche im verflossenen Jahre vom Stapel gelaufen 
sind und im laufenden in Dienst gestellt werden können. Seit dem 
Krimkriege ist folgende Liste die grolste, die bisher jührlich auf- 
gestellt wurde: — 



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'BftdrbHelM anf die «ngUiehe Mtritw im JiliM 1889. 109 



Kamen: 


Tons: 


l^ferdekräfte: 


Knoten: 


Kosten: 


1. Blake 


9,000 


20,000 


22 


£ 


430.653 


2. Vulcan 


6,620 


12,000 


20 


> 


292,107 


3. Barham 


1,830 


6,000 


19,5 


> 


101,408 


4. Blanche 


1,580 


3,000 


16,5 


> 


96,937 


5. Blonde 


1,580 


."1,0C0 


16,5 


> 


96,937 


6. Barroea 


1,580 


3,000 


16,5 




96,937 


7. Barracouta 


1.580 


3,000 


16,5 


> 


96,937 


8. Basilisk 


1,170 


2,000 


14,5 




67,632 


9. Beagle 


1,170 


2,000 


14,5 


» 


67,632 


10. Widgeon 


805 


1,200 


13,5 


> 


45,678 


11. Redpole 


805 


1,200 


13,5 


> 


45,678 


12. Goldfinch 


805 


1,200 


13.5 


> 


45,678 


13. Lapwing 


r05 


1,200 


13,5 


> 


45,678 


14. Ringdove 


805 


1,200 


13,5 


» 


45,678 


15. Magpie 


805 


1,200 


13.5 


> 


45,678 


16. Redbreast 


805 


1,200 


13.5 


» 


45,678 


17. Sparrow 


805 


1,200 


13,5 




45,078 


18. Thrnsh 


805 


1,200 


13.5 


» 


45,678 


19. Wizard 


735 


4,500 


21 


> 


58.(MX) 


20. Whiting 


735 


4,500 


21 


> 


OS.f KXJ 


21. Salamander 


745 


4,500 


21 


» 


58,CKX) 


22. Seagull 


735 


4,500 


21 




58,000 


23. Sheldrake 


735 


4.500 


21 


» 


58,(XK") 


24. Skipjack 


735 


4,500 


21 




58,000 


2ö, Spanker 


735 


4,500 


21 


» 


5h,(m:x) 


26. Speed well 


7H5 


-1,500 


21 




5h.(KK) 


^Suinma 


^0,UUO 






£ 2,222,282. 



Aufser vorstehend genannten Schiifeu können nocli 13 grÖfaere 
Hochsee- und 10 kleinere Torpedoboote erwähnt werden, die von 
den bekannten Firmen wie Yarrow, Tlionivcroft, White und anderen 
l'iir die Marine erbaut worden sind. Ferner sind auch bereits 
»Paudora« und ihre 4 Schwestersf luffe von je 2,275 Tons und 
19 Knoten (ieschwindigkeit fertig gestellt. 

F^s wird vielleicht auffallen, daiä im obigen Verzeichuis sich 
nicht ein einzige.s Pauzerschitt vorfindet, doch mindestens ebenso 
wichtig als der Stapellauf eines Panzerschifl'es ist die nahezu be- 
endete Ausrüstung des »Blake« und des »Vulcan«. 

»Blake« und »Vulcan« repräsentieren einf-n durchaus neuen 
Typus und es ist schwierig zu sagen, welchen h^niHufs diese Schifte 
»uf die zulcünftigeii Kntiicbliuse unserer obersten Marine-Behörden 



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110 B&ekblicke auf die englische Haiine im Jahre löö9. 

«ufiben werden. So lange fremde Nationen schwere Eiaenpanser 
bauen, so lauge mfiaaen wir disielbe ikon, aber es ist nnmfiglicih 
der Tliategohe gegenüber die Augen an YerschlielseQ, dab See- 
Offineze jon grd&ter Srfahrang, MSnner, deren Mflinnng das 
Wichtigste ist, sich bereite f&r Schiff» tod gröiserer Schnelligkeit 
und leiditerer Aimierung entscheiden. Der »Blakec ist der grSlirte 
und schnellste Erenzer, der jemals in England oder in irgend einem 
andern Lande gebaut worden wire. Der Name »Eienser«, welche 
Beaeichnnng diese Schiffe in der amtlichen Na^j-List f&hien, ipebt 
keinen ikhÜgea Begriff von ihrem Ben nnd VerwendnngBsweck, da 
die »AnstiaUa«, der »Nelson« n. a. eben&lls dort so genannt 
werden, obwohl sie alle gmndverschiedeine Typen repräsentieren. 

So warde der »Neison« bis noch ror koraer Zeit als »Panaer- 
schiff« geföhrt, w&hrend die »Anstralia« und ihre Schwesterschiffe 
einen W Panseigfirtel in der Wasserlinie haben. Die Panierang 
der »Blake« besteht lediglich ans einem Stahldeck, das sich über 
das ganze Schiff erstreckt und die empfindlichen Teile, wie 
Maschinen-, Kessel- nnd PnlYetraum sehUtit Die StlriEc diesea 
Deckes betiSgt 6" in der Horiiontalen nnd im Minimt^m in der 
Schräge und es wird Tersiehert, dab dieses Stahldeck denselben 
Sdintz gegen Ptojektilgeschosse bietet, ab ein 13" Seitenpanser. 
Der »Blake« ist gans aus Stahl gebaut^ hat 9000 Tons und 
30,000 FÜBQrdekzafte; seine Dimensionen sind 375' in der Unge, 
65' in der Breite und 26' im Tte^ang; es wird von ihm eine inberste 
Qeschwindigkeit Ton 28 Knoten erwartet. Die Firma Mandslay, 
Sons & Field hat das Schiff mit 4 ▼ollstandig getrennten Maeehinea 
venehen, Ton denen für fi[reuierzwecke der gleiohieitige Gebranch 
von sweien YoUsliandig genügt. Bei einer mittleren Qeschwindi|^Mit 
Ton 10 Knoten reicht ein Zehntel der fiCaadmalstarke aus, also 
ca» 2000 Pbidekrafte, und das Schiff ist so im Stande, mit seinem 
Kohlenvorrmt eine Strecke Yon 15,000 Meilen aornckzulegen. Der 
»Blake« wird mit swei 22 Tons-Qeechnliieii Ton 9" 2"' Kaliber, 
10 — 6" 5 Tons-Schnellfeuergeschätien und 18 dreipfündigen Schnell* 
leuerkanonen armiert sein. Die Goaamtkoaten dieses SchiffiBa be- 
laufen sich auf die enorme Summe von £ 430,653; ein Schwester- 
schiff, der »Blenheim«, wird von der Tbamee Ironworhs Compauy 
gebaut. Die Probefahrten dieser Schiffe werden von allen seefishren- 
den Nationen mit gröbtom Interesse beobachtet werden. Der 
»Vulkan«, das nächst wichtigste Schiff^ welches im yergangenen 
Jahre vom Stepel gelaufen, ist gleichfalls ein gana neuer Typus. 
In Portsmouth erbaut nnd von der Firma Humphrc) & Tennant 



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»tekblklw aof die «^UmIm Um» im Jahn 188». 



III 



mit Maschinen versehen, suU dieses Schiff zwei ganz vei.scliiedenen 
Zwecken dienen. Mit ijröfster (ipscliwiml igkejt ausgestattet, bietet 
es auch zum riiuispüit emer Aa/.ülii Torpedoboote <7enüi^enden 
Raum, welrlie eü liberall hin, wohin der Dienst es geratle ruft, mit 
LeichtigkHit transportieren kann: >^()\v(>hl in Flufsraündungeu uud 
HÄfeneinttilirten, als auch mitten zwischen feindliche Flotten. 

Di iiirrcmiiffc) ist dieses Schifi auch mit allen nur denkbaren Hilfs- 
mitteln behufs Reparatur der Torpedoboote, Toi-pedos, Maschinen etc. 
versehen. Wenn der »Vulkan« irgend welchen Erfolg zeigt, so 
soll einem jeden üeschwailer ein Schiff dieser Art zugeteilt werden. 
Das nächste Schiil' ist der »Harham«, der noch eine grössere Beach- 
tung verdiente. Was Leichtigkeit und Eleganz der Maschinen so- 
wie ScliwäLhe des Kumpfes anbelangt, so ist bei diesem Schiffe und 
der iBelluna«, einem Schwesterschi tie. schier Unglaubliches erreicht 
worden. Du. Seitenstahlplatten sind nur Va" V4" stark und 
grofse öchwiengkeiten hat das Spalten derselben verursacht. Mau 
hält es nicht für ausgeschlossen, dals - falls mau uut diesem 
Schiffe den Versuch machen würde, mit vollster Kraft zu fahren 
— es in Stücke gehen könnte, selbst wenn die Maschinen es aus- 
hielten. — 

Die Namen folgender Schiffe sind wulirend des Jahres 1889 
aus der Navy-Li^^t gestrichen, ait^o aus dem aktiven Flotteubestande 
aasrangiert worden: Albatross, Arab, Ariel, Beacon, Buffalo, 
Condor, Contest, Coquette, Cracker, Cygnet, Enchantress, Eiu oiuiter, 
Express, Fantöme, Flirt, Flying, Fish, Hart, Hood, Hörnet, Jackdaw, 
Kestrel, Lily, Lord Warden, Lynx, Monkey, Muorhen, Mosquito, 
Osprey, Pert, Pioneer, Kainbow, Hepuise, iiocket, Sprightlj, Thistle, 
Wards und Wildfire. 

Von diesen waren *Lord Warden« und »liepulse« hölzerne 
Linienschiffe mit nur 6" starken l'anzi rplatten; »Condor« mag 
erwähnt werden als das kleine Schiff, auf welchem sich Lord Charles 
Beresford vor den Förth von Alexandrien auszeichnete; »Enchantress« 
hat seinen Namen und Bestimmung auf »Helicou« überti'ageu, welch 
letzteres jetzt als Admiralitäts- Jacht verwandt wird; »Lily« ging 
an der Küste von i^abrador zu Grande und obgleich ihr Verlust 
gerade nicht sehr zu beklagen ist, so sind es doch die vielen Menscheu- 
leben, die gleichzeitig mit verloren gingen; »Rainbow« ist durch 
einen neuen Kreuzer 2. Klasse ersetzt worden; »Sprightly« war das 
älteste Dampfschiff der englischen Kriegstiotte: »Sultan«, etwas vor- 
eilig gestrichen, nimmt jetzt wieder seinen früheren Platz ein und 
die bedeutenden Kosten, die der Umbau seiner Maschine erfordert, 



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112 



B&ckblicke auf die eogliaeh« Murine im Jahre 1889. 



— er erhält ganz neue, ähulich denen des »Herculesc — , werden 
ihn wohl in Zukunft als einen niclit zu unterschätzenden Bestand- 
teil der Panzerfiotte erscheinen lassen. — Die anderen Unfälle, 
welche die englische Marine im verflossenen Jahre zu verzeichncD 
gehabt hat, sind die Strandung des^Icarus«, >Ainphion« und »Watch- 
ful«. Alle diese Schiffe sind, arg beschädigt, zumal »Amphion«, dem 
gänzlichen Verluste nur schwer entgangen. Von der »Calliope« 
ist es bekannt, dafe sie, — Dank ihrer vorzüglichen Maschinen — 
sich nur mit groCster Mühe in dem furchtbaren Orkane bei Samoa 
rettete, während die deutschen und amerikanischen Kriegsschiffe 
total zu Grunde gingen. Wenn wir die ungeheure Anzahl der sich 
stets im Dienst befindlichen Schiffe unserer Marine, das grofee Areal, 
Ober welches sie sich ausbreiten, sowie die oft sehr gefihrliehen 
Küsten, an denen sie sich mitunter aufzuhalten gezwungen sind, in 
Betracht ziehen, so ist es einleuchtend, dafe die Zahl der Unfälle 
im Verhältnis eine kleine ist. Unsere Geschwader auf den entfernten 
Stationen sind im Laufe dee Jahres yielfach durch die Heimberufung 
veralteter Schüfe und den Ersatz derselben durch solche neuerer 
Konstruktion verstärkt worden. Namentlich die Flotte des Mittel- 
meeres ist durch die Naohsendung des »Benbow«, »Gamperdown« 
und »CoUingwoodc bedeutend vermehrt, welchen Schiffen der >Tra> 
falgar«, »Australiac und »Undaunted« in kürzester Zeit noch nach* 
folgen sollen, indem sich die Admiralität genötigt gesehen hat, im 
Blittelmeere noch ein zweites Geschwader zu stationieren. 

Die Frage der Soluffii>Artillerie ist neuerdings mit besonderer 
Aofmerksamkeit erörtert worden. Nicht nur, dals Panzerschifli» wie 
Kreuzer Monate- und Jahrelang wegen Mangels an GeschttMiL anf- 
liegen mulsten, wurde anch seitens kompetent» Minner dift hin- 
reichende Wirksamkeit dieser GeschütsCt als sie sdiMelilieh fertig 
waren, stark . in Zweifel gezogen. Der Fehler der Getehfltie wa£ der 
»Viktoria«, die änlSserst komplizierte nnd empfindliche Maschinerie, 
welche aar Bedienung saldier Baesengeschfitae notwendig ist und 
die sehr wahrscheinliche Zoftlligkeit, dafii soldie Oeschfitze, die 
halbe Offensivslftitre smes SchiffSes, pidbilich im Gefeeht ante Kampf- 
bereitschaft geraten, — alle diese Erfahrungen haben die Köpfe der 
Experten so sehr beschäftigt, dalh viele bereits geneigt sind, vom 
(Sebranche toldher kolossalen Gesdiütae gSnslicfa abanstehen ond 
nur fn einer solchen ScUffii-Artillsrie die Zoflndit an nehmen, d«reB 
Handhabung und Bediennng sich im Notfälle lediglich nor dnreh 
Menschenkrafli, ohne anf irgend welche maschinelle Vorriehtoofeii 
angewiesen zu sein, bewirken liefse. Es heilst bereits, dafs in kfir- 



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Btckblich» Mf di« engliflcbe tfaiine im Jabre 1889. 



113 



nsfcar Zeit eine EommiaBKni inaainmenberafeii werden soll, nm die 
geeamte SohiffB-ArtUlerie-BVage emer grfindlicfaen Betzachtiuig ni 
nntenieheflu Die EmfUhmng der icluiellfeoenidea Kanonen hat 
fast ebensa notwendig die Anwendung des rauchfreien PuItois mit 
steh gebracht. Einer raschen Aufeinanderfolge tou Schüssen aus eineni 
ReTolTCigesohnts mit gewöhnlichem PulTcr wurde der entstehende 
PulTfirdampf, welcher die Aussicht auf das Ziel yollst&ndig behindert, 
bald ein Ziel setien. Auch darf indessen nicht Tergessen werden, 
dals die Vorteile der schnellfenemden Geschfltie durch die allsu 
schnelle Erhitsnog ihrer Bohre stark beeinträchtigt sind. Die 
Chilworth Company hat nun ein rauchfreies Pulver hergestellt, 
welches als TonügUeh beurteilt — Ton der italienischen Regierung 
bereits eingeführt igt Gleichseitig ist yon Sir F. Abel ein anderer 
Explosivstoff erfunden worden, nach seiner Gestalt »Cordit« genannt, 
womit snr Zeit noch Yersucbe angestellt werden. Dieses Pulyer 
giebt absolut nidit den geringsten Rauch und man hat mit der 
halben Pulverladung des bj^er fiblichen Quantums eine bei Weitem 
gröfsere Geschwbdigkeit der Geschosse ersielt — 

Hit Besng auf die Personal-yerhiltnisse der Marine, können 
wir mit grolser Genugthuung konstatieren, dab viele der alten Snb- 
altem-Offixiere mit dem Charakter als Lieutenants peosi«miert worden 
sind; auch ist viel in der Aufbesserung der Signal-Leute (Signalmen?) 
geschehen, deren vrichtige Stellung nicht genug gewürdigt werden 
kann. Doch ist kein Zweifel darüber vorhanden, dals in den Reihen 
der Lieutenants und Mascfainen-Ingenienre greise Unzofriedniheit 
herrscht Die enteren beklagen sich bitter Über die geringen Be- 
ffirderangsanssichten und wünschen eine dem Dienstalter entsprechende, 
wohl angebrachte Gehaltsaufbesserung; die letrteren begehren einfach 
in jeder Hinsicht eine Gleichstellung mit den SanitSts-Offisieren. 

Die Flotten-Mandver haben gro&es Interesse geboten und — 
nach den Worten der Times an anderer Stelle »haben sie die eine 
grolse Lehre gegeben und Erfahrnng gebracht, die mehr wert ist 
als alle andern, nämlich die, da£ä die englische Flotte der ihr zuge> 
teilten Aa%abe im Ernstfälle nicht gewachsen ist, bei Weitem nicht, 
und dab kein noch so grolser Erfolg in ScheingeÜBchten uns glauben 
machen darf, sie wire es«. 



AfM» Mwiw. Bi. UlV^ 1. 



8 



X Vmscliau in dar Militäii-Litteratiir. 



I. Avslftiidiflclie Zeitsdnlfteii. 

Striflitir't fttttmlctttd-niritlritclt ZtlticMIt. (Januar): Die 

Kriegslelire der Zukunft. — Gefechte von Tobitschau und 
Blumenau. Eine sein- eingehende, kritische und objektive Darstellung 
diese« Rchlnfsaktes des Feldzuges 186G. Rühmende Erwähnung findet 
besonders die zähe Ausdauer der Brigade Mondel. — Ans dem Buche 
vom Offizier. Kap. I: „Bernf<?wahl." -~ l>as Diftani^sphfltzen der deutschen 
Infanterip. — Das indo-briti-chf f lilf.^-Kontiügeut im letzten ru^siach- 
türkiscben Kriege. — (Februar): Di« Kriegslehre der Zukunft 
(Sdilnb). — Oeterreioh- Ungarn, DentBchland und Italien mit 
Bezog anf die Gesetsgebang im Heere. Zum Sefalufe dieser Studie 
macht Verfaeaer Reform- VonehU^;e dee StrafprOMSses im österr.-ungar. 
Heere, weldbe allgemeine Beaelitnng verdieneiu £lektrizitttt zur 
Kttstenverteidignng. Bespreolinng eines Vortrages, den KapitSn Zaiinski, 
der Ei-findt-r der |>neuniati.s('hen Dynamit-Kanone, am 18. Oktober J. im 
elektrischen Klub zu Nevv-York gehalten hat. 

Pilltär-Zeltung. (Österreich.). Nr. 9: Offi^iers-Hililiotlieken. Ver- 
fasser V>efür\vortot (iamisons-Iiililiotlickcn, an Stelle der Ii e),n inen t<- Biblio- 
theken, aus GrÜndeti. denen wir nur zustimmen können. ~ Nr, 10: Die 
heutigen AnFcliauungen über die Konserven Verpflegung im 
Kriege. — Die Organisation der Honved-Armee. Besprechung der 
Änderungen zum vorjährigen Geeetaeatwurfe Aber die Organisation derselben* 
Bisher schon durfte die Honved-Armee niebt ohne besondere Verfligang 
der Geeetigebnng außerhalb der LSnder der ungarischen Krone verwendet 
werden; nunmehr wurde hinsugefUgt, dab eine soldie Verwendung nur 
ausnahmsweise (!) Platz greifen könne. Die Honved-Armee besteht im 
Frieden aus 28 Infanterie-Regimentern, mit 94 Bataillonen, 10 Kavallme- 
Regimentorn, welche au^ 60 Husnren-Eskadrons gebildet werden; von 
diesen stellt Croalien 4 Int'.-Keginicnter mit l'i Bataillonen und 1 Husaren- 
R»«nmpnt mit Rskadrons. Nr. 13: Neubewafinung und Gewobr- 
iabrikation. Die Neubewutinnng wird im Jahre 1890 eine vollendete 
Thatsache sein; beim gemeinsamen Heere sei sie zu Ende geführt; die 
Waffen&brik in Steyr arbeite gegenwärtig fUr die Ssteireichiscbe Land- 
wehr, aueh fUr Deutschland und Bulgarien. — Nr. IS: Das Mannlicher. 
Gewehr M/1888 und das rauehlose Pulver. Durch die Anwendung 
des letzteren wird eine Anfangt^chwindigkeit von 600 — ^620 m erreicht 



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UmscbAa in der Milit&r-Litteratar. 



115 



bei einer gröfaten SohnOmeito von 5000 Schritt Mit BxQlbsBg der 
Bmätw Lageri)eriode werden SdiiebUlrangBii mit dem neuen Pulver ilven 
Anfing nehmen. — Nr* 17: K le inge wehr wir knng nnd Taktik. 
Betont die Notw^idigkeit flacher Formationen, Teiringerte Bedeutung der 

Sefafltzengräbeiu 

Mitteilmgei Iber Gegenttflnile im Artillerie- Mi Cenle - Wettet 

(ötterrtich.) 1. Heft: Über deu Einfluss grofser Positionswinkel auf die 
Trefl^anktsiage beim Schiefsen. unter Anwendung von, für ZieU im 
Mündungshorizont berechneten Aufsiitzen. — Die Apparate für die elektrische 
Beleuchtung des Vorfeldes auf der Pariser Weltausstellong im Jahre 1889. 
— Über üechemnaschinen. 

Araeeblatt (ötterrelch.). Nr. 6, 7 i. 8: Über Ersieh ung. Wir 
empfehlen die Leenng dieeer Anfefttse (Verf. Gnf IMnee Bieckänyi) heeonders 
denjenigen Olfisieren» welche heim Ililitibr-Erziebnngi- nnd Büdongaweeon 
ihiiig flind; ne werden in telbigen viele treffliche^ der Beaehtnng wttzdige 
Oedanken finden. — Beefiglich der «Lansenfrage* tagt A., ,dalh die 
ülanen die Einführung der Lanze ersehnen, während Dr^oner und 
Husaren sie beftlrchten." — Nr. 9 : Piken? Für eine allgemeine Kin- 
fllhnin^T <^er Lan/en 1iei der Kavallerie kann sich Vorfaaeer nicht be- 
geiatem, nur den Uium n soll sie zurückgegeben werden. 

Mllltar-polititclie Revue „BellOM" (Heft 10): Macbtsphären. — Der 
eidanilierie-Offizier auf eigenem Pferde. — Graphijjche Statistik. — Die 
Ekiglfinder in Birma. — Heft 11: Das Genie in der Politik. Apotheose 
dee jttnget verstorbeiMA Omfen Andras>sy, welchen Ver&eeer den «Glttek- 
üchaken Staatemann" nennt. — Kampfesmuth in PortugaL — Gewehr- 
Anftats snr Bnirinng einee gleiehmSDugen (Normal-) Anachlagee in 
yerbindang mit einem DietamaehJitaer. 

Lt Spectateur mllitalre. (1. Februar): Der Generaleta b. Voi^ 
adilflge nur Beform desselben nach pvMiDsischem Muster. Die vom Kriege- 
minister vorgesf'hlagenen Verbesserunpen kamen auf ein selir Oeringes 
hinaus; die Kammer werde .,mit Begeisterunfj" (!) A]!»^s bewilligen, wa.s 
der Minister bei dieser, wie jedei- anderen (^1- l;i nbeit iordern werde. — 
Reform von St. Cyr. Veita-ser verlangt tunuumentale Reform dieser 
wie isämtliclmr Milit^lräcliuleu. St. Cyr sei zu teuer; kostenfreie Erziehung 
sowohl dort, irie m der Ecole politechniqne wird gewUnecht. — Die 
Armee von Italien nnd die Reserve- Armee. KriegsgeschiebUiche 
Stndie ttber den Feldxug 1799/1800. — Ein Feldcng Tnrenne^s nnd 
Cond4*a 1654 (Scblols). ^ Geetarn nnd heute. YerC hamllbt eich, 
auf Grand einer Broeehttre ans dem Jahre 1868, Preufsen und das Übrige 
DeuteoUand in Gegensatz zu stellen; es sei geeohiohtUch wiedersinnig, 
letzer es als Erbfeind zu bezeichnen; ebensowenig ?ei dies bezüglich 
österreicb's der Fall; die waliren Erbfeinde seien IVeussen, England 
n)i(l Italien!! (Sp. hat seit einiger Zeit recht seltsame I^olitiker als Mit- 
arbeiter. D. L.) (15. Februar): Die Armee von Italien und die 



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116 



ünNdim in d«r MiUtMittonkter. 



Reserve- Armee (Fortaetsniiig.) — Peris, den 4. Septenoiber nnd 

Gh&tillon. 

Joornal des idences mifttafrei. (FeUruai): Taktik der Ver- 
pfiegun^ (Foi-t^etzung). — über die Manöver ihöi». — Die Effektiv- 
stHrken der Kavallerie und das H einoiitpwesen. Es wird getadelt, 
daf«? 8000 Pferde an der gesetzlichen Stärke fehlen, das rühre daher, dat 
die in den Kenionte-Depotä liefindlicben jungen Pferde in die Effektivstärke 
eingerechnet würden, so da(a jedes Kavallerie-Hegiment statt 677 nnr 
590 Berittene habe. Grensbefeati gangen. — Der Feldsng 1814. 
(Naeli Akten des Wiener Knagn-Arduvs bearbeitet). — Feoertaktik 
und SobiefaaaBbildnnff der Infanterie. — Die Kavallerie im 
Lager von Chili ons. 

Revae de Cavalerla. (Februar): Die Evolutionen. Vereinfachung 
derselben wird befürwortet; das Scblufswort lautet: Vive la liberte d'e- 
volution. — Ein deutsches Kavallerie-Regiment während des 
Krieges 1870/71. Auszug aus der Heginients-Geschiehte des preufsi^rhen 
3. Ulaaen-Il^inient> — Bemerkungen über die Ausbildung der 
Kavallerie. — Ein „Raid" französischer Dragoner in den 
Niederlanden, 1712. 

Htm l'ArlHIirlt. (Febrnar): Das ranchloae Pulver und die 
Taktik (Fortaetxnng). — Die Seiteniicliinng beim Sofaieisen ans Belagerongs- 
nnd FtefenngageaelitttEen (Scfalnfii). — Arti l leri e gegenKiavaUerie. Behandelt 
denFall, dab eineBatterie von feindlieher Kavallerie nnmittelbarbedroht wird; 
mm Schutze der Gespanne sollen diese zwischen den beiden Geschützen 
ihres Zuges Platz nehmen, den Geschütz-Zwischenraum also ausfüllend, 
ehrend die Zuglfkken. der anreitenden Kavallerie das Durchreiten mög- 
lirh machend, nicht geschlossen wei-den; die Bedienung setzt indessen das 
Feuer fort. 

Revue de la France moderne. (Dezember 1B89): Les forces dö- 
fenüiveü de Tltalie, par le major 0. Wachs (Februar 18H0); La lutte 
dans la M«»diterraQöe, par le major 0. Wachs. — Beide Schriften onseres 
Henm Mitarbeiten werden eingehend beqprodien. 

Htm dl Caiclt «Hllalra. Nr. i, 7 i. I; Der rassiacfae Soldat 
in der Kaserne. Sehr eingehende Beiseberichte aber das rassische 
Kasenienleben. Verf. meini, der rnasisdie Soldat sei zufrieden mit seinem 
Lose, stolz, dem Zar zu dienen, und erwarte ohne Ungeduld den Tag 
seiner Entlassung. — Der Munitionseraatz der Feld-Artillerie. — 
NachtmSrsche und Nachtgefechte. Eine rait zahlreichen kriegs- 
geschieht liehen Beispielen iiui^gestattete gediegene Al'frmdlung til>er di^-^es 
beliebte Thema. — Nr. 9: Krieg^vorberei taugen der Feld- Ar- 
tillerie. Auszug aus den gleichnamigen Aufsiltzen des rujssischen Ar- 
tillerie-.journales 1888— 89. — Die Stenographie. — Dieselbe ist nicht« 
Neues, sehen Xeaophon bedient sidi einer solchen; die neuere Stenographie 
entstand in Englaikl im 16. Jabrhnndert — Die Spionage. Es wird 
n. A. gesagt» dass man sich jeder List, om den Fond an tAnschen, bedienen 



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UmieliMi in der MiUtlr-LittArfttiir. 



117 



dürfe, nur der MiTsbrauch der limde mit deiu rot6n (ieufer-Kreu^ »ei un- 
sUttbaft. 

L'AvMir «Mtilrt. Nr. 144S: Der nra enuumte Eommuidaat d«8 
11. CbrpB, Oemral Fky, ist 1837 geborai, also $2 Jahre, Oai«rsl N^«r, 
welcher an Stelle des Geneial Logerot bam 7. Gorpa getreten ist, nor 
51 Jaliro alt; er ist der jflngate gegeiiwtrtige DivkioDB-Oenera]. — 
Nr. 1446: WiedereinfUhritng der im Torigea Jahre abge- 
schafften taktischen Übungsreisen (manoeuvres de cadres). — A. in. 
Äufsert sich sehr verständig über die Vorst i rkung der Garni:?onen in 
Els.ifs-Lot hrinf;en um etwa 9— 1Ü,0UÜ Mann: Das sei zwar etwas, 
doch gelte es keinen Anlafs, bicb sonderlich daiüber zu wundern. — 
Nr. 1447: L'Avenir luilitaire ist bekanntlich ein orleanistisches Organ; es 
bespricht das Verhalten des jungen Herzogs von Orleans in der be- 
laamten Angelegenheit in sympathiseher Weise und memt, „die Sehneidig- 
keit (erftnerie) des jungen Prinaen bei seiner fiUokkdur stehe in grellem 
Gegensatze ro der Entweiehting einer gewissen Persnnliehkeit» die m 
nennen flberflflssig sei (Bonlanger). — Nr. 1449: Lk einem Anftats: »Bin 
aeltsamer Vorgang" hebt A. m. hervor, dab 8000 Fforde an der geeeta- 
liohen Effektivstärke clor Kavaü 'rie fehlen! 

La France nilitalre. Nr. 1738: Die Kolonial-Armee und ihre 
Ergünzung. F. m. wünscht letztere nicht durch Anwerbungen; keine 
Armee von Söldnern, das sei eina«i demokratischen Lande«? unwürdig; die 
altön Trunken iiolde, welche zur Zeit der StrllveHretnng die Reihen füllten, 
hätten wenig genug geleistet. — Der 1 1 a lu iusch© Generalstab. — 
Nr. 174t: Dorch Erlab des Kriegsmisters ist den Müitärzten die An- 
wendung dee „Hypnotismns" (!) untersagt worden! — Nr. 1748: Ver- 
besserung der Lagerstfttten der Soldaten. Zu diesem Zwecke sind 
am 7. Fehrnar dnreh 8enatebeschln& 1490,890 frcs. bewilligt worden. — 
Nr. 1746: Die Ausbildung. F. m. klagt, dafs die Unteroffiziere fast 
8 Monate im Jahre mit Einübung von Reservisten, Ersatz- Reservisten und 
dergl. „soldats de passage" beschäftigt seien, da sei es denn mit der alten 
„eisernen Schule" vorbei. Hauptsache sei die Ausbildung dnreh die Com- 
pagnie-Chefs, deren Selbstständigkeit durch die Aufhebung der „In- 
struktions-Pelotoms" im vergangenen Jahre groCse Fortschritte gemacht 
habe. — Nf. 1750: Rauchloses Pulver. Die diesjährigen Schiefs- 
flbungen werden, laut Dekret des Kriegsministers, zum Teil mit solchem 
Polver (PaWer B. C.) stattfinden, das Oleidie geschieht hei den Herhet- 
manBvwn. Die TVappenteile werden anfgefordert» die notwendig werden- 
den reglementarisdien VerSndemngen an studieren. — In Nr. 1784 wird 
dann erwtthnt» da6 nach dem AusM der groCsen Uanüver des 1. gegen 
das 2. Corps mit dem rauchlosen Pnlvw, die neue Gefechts- Taktik end- 
gültig festgestellt werden wird. 

Le Progris mllifafre. Nr. 968: nelagerungsllbungen. Solohe 
sollen im Januar l»ei Epinal al.)gelialten werden. Fr. m. ver.sj)richt sich 
viel von ihnen, namentlich Entscheidung der Frage, ob die Fortschritte 



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118 



Dmiehaa in 4«r IliUtimLittaiBtHr. 



der Artillerie mtkt der Verteidigong oder dem Angriff zu Gate kommen 

werden. — Nr. 968: Am 8. Februar ist das Gesetz vom 25. JoK 1887, 

lietrertend die Aufstellung von 13 neuen Kavallerie-Rcgimenteriiy 
dabin abgemindert worden, dafs errichtet werden sollen: 2 Regimenter 
Kürassiere, 6 Drap-oner, 1 Chasseurs, 2 Husaren, 2 CTiasseurs d'Afrique. 
Aufser dem 29. und 30. Dragoner- lü'L'iniente, vvelclie im Frühjahr in 
Saint- Etienne und Aleni;on errichtet werden und schon im Budget Hiru- 
rieren, verlangt der Kritigi»minister einen besonderen Kiedit für da.s aui 
1. Oktober d. J. zu errichtende 13. Kürassier- und 13. Husaren-Regiment. 

Nr. 971: P. m. nennt in einem Anftats »Lee ^»trNigecB en ^inc«** 
die IfÜitSrlsaten sermalmend, Dank den Üfachbaren im Osten und Sttd* 
Osten! — Nr. 191: General Hubert Gast ex ist wegen seiner in Mesnx 
den Offizieren and ünteiofioeren der 2. Dragoner -Brigade gehaltenen 
Bede — in welcher er sieb, unter heftigen Ausfüllen gegen den Kriegs- 
minister, „welcher das railitttriscbe Leben nicht kenne", darüber be-> 
Schwerte, dafs man ihm bei seiner Rtollung zur Disposition den Oharakter 
als Divisions- General vorenthalten habo — vor eine Untersuch u ngs- 
Koinmiäsiou gestellt worden. Letztere hat seine Dienstentlassung ver- 
fügt 

La Bei|ique militaire. Nr. 985: Les r^gions foriifiöes (Fort- 
setzung). — Die belgischen Gesebfltzei YtgL bespiidit die an- 
geUidi minderwertage aHaUeristisefae AasrQstong der belgiai^en Festungen 
und die gegen den Kriegaministttr U^nlftblicli der Versaebe mit Onfsstabl- 
Geschfltaen der Gielterei von Seraing) gericbtelen 8iMitlieh«i Angriffe. — 
Nr. 989: Gepnnr.erte Feldbefestignngen. B. m. bespricht die bei 
den TOijflhrigen Manövern des 10. preuftsiHchen Corps angestellten Ver> 
suche mit den Schumann'srhen fahrl ;iron Pan/erfürmen und me?int, man 
snll<> in Belgien, dessen Armee auf die Defensive angewiesen sei. ebenfalls 
dergleichen Versuche machen. — B. m. ntifsert ferner gerechte Ent- 
rüstung über einen in der Kammersitzung vom 7. Februar, bei (ielegen- 
heti der Budget-Debatte, gehörten Zuruf. Ein Abgeordneter unterstützte 
seine Bede zn Guaslsa mner Rmwilligen- Armee mit dem Kraftwort: 
n Keine Sklaven!" Ißemand dflrfe gezwungen werden, Soldat an wer- 
den! B. m. meint, «der genannte Redner mflsse wobl an Gehimerweicbnng 
leiden; er gehOre an eine andere Stelle, nnd nicht in das Parlament* 
Dies ii-t auch unsere Ansicht. — Die Del 1t n über Einführung der All- 
gemeinen Wehrpflicht verliefen, wie in Hr. 987 ausgeführt wird, auch 
dieses Mal resultatlos, obscbon der Fiaanznünister mit grofiser WBrme Itlr 

dieselbe eintrat. 

Allgemeine Schweizerische Milit9rzeitung. Nr. 6: ^^clilefs-PrHmicn. 
Solche werden befürwortet, und zwai- nicht als Geld- Prämien, sondern in 
Form eines kleinen Andenkens, auch weil durch sie eine genauere Kon- 
trole der Sebiefsresultate durch die Mannschaft selbst geboten würde. — 
Nr. 8: Die KaTallerie bei dem Trappensusammensag 1889. Die 
Aofgaben der schweizerischen Kavallerie werden darin erkannt, daft 



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Umachaa iu dtx MUit&r-LitUratur. 



119 



sie kdina ScfalMhtenreiterei sein kUnne, dagegen mttaw sie danach ttachteii, 
solehe Punkte im Oellfnde Tor der ftuidliehsii Kavallerie aa erradient die 
dareh ihre BodengestaltoBg und, den Charakter der Üherrasehiiiig tragen» 
den, energischen AngrifT aus ihnen, die Überlegmheit des Gegners paraly- 
•iiieren können. — Mr. 9: Ärztliche Rekrutonprnfung. Von 29,029 
im Herbste untei'suchttin Rekruten wurden 13,8'>7 für untauglich erklUrt, 
oder Tiurücksrestellt (!) Am nn-jünsti^^'^pten Heften die Verhältnisse in den 
Kantonen Basel, Aar^niu. Scluvy/., Fjt iburfr und Appenzell. 

Revue mllltaire SUiue. Nr. 2: Die euglii^cbti Armee 1889. (Ül>er- 
»etzung de« Aufsat7.es der ütiited Service Gazette vom 11. Januar IbüU. 

Der Torf ale Lageiütreu für Pferde. — Nekrolog des am 12. Januar 
Teistotbenen Oberst Pfyffw. 

SctaNliiriiebt MMUilncIrift fir ONzlart alltr Wafn. (Febmar.) 
Der ewige Friede, seine Wftnsehbarkdt und Möglichkeit. (V<m FkoC 
Hilty; Fortsetanng). — Das Genie nnd die Armeecorp8*Ein- 
teilung. — Unser Kadettenwesen. 

Tis Arny and Navy fiazatte. Nr. 1560. Über Anstepi ung von 
Soldaten als Reservisten und nach beendeter Dienstzeil. Ein 
in der miliilrischen (TpsellHcliatt in Aldershot vom General Chapinan ge- 
lialtener Vortrag iMjiiandelt die Fehler des gegenwärtigen Ergänzungs- 
wtist-nä. ^oweit sie au^ dem mangelnden Zii?^auiiiienhange hervorgehen, in 
dem siüli diö angeworbenen Miomschaften während der Zeit, wo tütj der 
Armee-Beserre L Klasse angehören, zum siehenden Heere befinden. Es 
wild vorgeschlagen, den Leuten mehr Unterricht zn erteilen und sie lum 
Diout in dvilstellongen vorsnbereiten, besonders andi dadoroh, dafo sie 
als Beservisian im nulitsrischen Verwaltnngswesen beschäftigt werden. — 
Nr. 1S6S. Garnison-Artillerie. Der groTse Hangel an artilleristitdi 
ansgel ildeten Leuten für diese Klasse wird zahlenmUfsig nachgewiesen. — 
Bnsslands Kriegsbereitschaft. Es wird behauptet, dafs das russische 
KriegJ^material und die Verbindungslinien so mangelhaft sind, dafs es vor 
1892 an keinen Krieg denken könne. — Heeresstärke Englands. Die 
Anwerbungen im .lahrc 1889 sind um 10 000 Mann gegen dius vorherge- 
gangene ziirilckgeblie>)en, die Special -WaÜeu haben ihre^Cadres vulklihlig 
ergänzen können. — Neubewaffnung der Russischen Infanterie. 
Korse Mitteilung aber das voraussicbtUdb in Bnssland zur Einf&hmng 
kommende S mm Gewehr des Obersten Rognoteff. Deutsche, englische und 
belgische Fabriken sollen grondsStzlich von Lieferungen ausgeschlossen 
weiden. — Nr. 15SS. Englische Feld'Artillerie. Bericht Uber die 
Leistungen der reitenden und Feld-Artillerie auf dem Schicfsplatz bei 
Okehampton im Jahre 1889. Der neue 12pfllnder Hinterlader wird für 
das beste aller Feldgeschütze der Europäischen Heere orkliirt. — Befesti- 
gungen des St. Gotthard. Die strategische Redentung dieser Befesti- 
gungen wird nachgewiesen. Eine X'ereinigung italienischer und dentwJier 
Streitkräfte wird für nicht möglich erkiiirt, oo lange jene Befestigung in 
den Händen der Schweiz ist. Für die letztere bildet sie eine starke Basis 



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180 



ümaehan in der Müit&r-Litierfttor. 



{Vor CMfeiuiv- und DefeanT-Zweeke. — Nr. 19B4. Ober Ravallerie. Vor* 
trag des Obentm JUnsdale Haie Aber die Sehwierigkeii d«r kri^gpRwnltoen 
AnsbUdung der Kavallerie im Frieden, und die LeietuDgeii dersdibeD in 

neueren Kriegen, nachgewiesen an den Erfolgen der deutseben Kavallerie 
bei Vionville in der Schlacht, und unter Oöben's Leitung bei St. Quentin 
im Aufklürung.sdienst. — Nr. 1565. Die Land-Streitkräfte Australiens. 
Vortrag des Obei-stlicutenant.'^ Elias, schildert das wachsende militSri^he 
Interesse und die Zunahme der Miliz-Streitkräfte Australiens, die sich in 
den letzten 7 Jahren von 8789 auf 18 414 vermehrt }ial»en. In 215 Schulen 
werden die Knaben für den Dienst alh Soldaten vorl)ereitet. Zur ünter- 
Btutsong der IGliz maA noeb die FrMwilligen yorbanden. 

Milralty aN Nme taNt Buatli. Nr. STI: MiliUrwesen im 
Jahre 1889. Ein Rflekbliek auf die militäiischeii Verbftltnisse Englands 
in Teigangenem Jabre. Weaentliebe Ereigniaae sind nicht zu ▼eneichDeii, 
dem Besuch des deutschen Kaisers in England und seinen Auf i ui^ra 
über die englische Kriegsmacht wird grofser Werth beigelegt. — Hr. 278* 
Ein dahingeschiedener Held. Ein Nachruf und Lebensbeschreibiing 
des verstorbenen J>ov(] Xapier of Magdala. 

lournal of the Royal United Service lattitution. Nr. 150: Die Taktik 
der Küsten- Verteidigung. Behandelt in eindrehender Weise die ver- 
schiedenen hierbei zur Verwendung kommenden Kampfmittel, wie Geschütze, 
Seeminen, Torpedos, Wachtscbiffe, elektrisches Licht u. dergl. und stellt 
die Notwendigkeit des Znaammenwirkena der Streitkrttfte an Lande und 
an Waaaer klar. 

WajMlIJ ttbtniik. Nr. t: Organisation der Kavallerie von 

Tsohiteehagof f. — Bedeutung der Organisatim. VerbSltnis der Kavallerie 
an den andern Waffen. Organisation der taktischen Einheiton. — Pferde- 
zucht und Transportmittel im enropftischen Buealand. Die balti- 
schen Gouvernements. 

Russisches ArtHlerie-Joyrnal Nr. 1: !>ie Feldarfillf-rip in ihrer Unter- 
stellung unter die Comniandeure des Corps. D i ali^ekür/.le Anfrrifi auf 
Festungen und die Art seines Abwehrs. (übersicUung der Vortrüge des 
K. bayr. Generals von Sauer.) 

BanmriU't RamiltitlcUk. Nr. 10. EnthAlt das Bild dea Ober* 
iRunmandirenden im Kankasos, des Generala^jntantMi Fflrst Dondakoff» 
KoiBsakoff, aome eine fiesprechnng der deutschen Feld dienst« 
ordnnng, welche vom Obent v. Focht ina Bnssiaehe ttbereetst wmde 
unter Beifügung von Auszügen aus den ^Studien Uber Felddieost" vom 
jetzigen prenbischen Kriegsministcr. Die volle Anerkennung un<!erer Feld- 
dipnstnrdnting und der Schrift des G. v. Yerdy bezeichnet am srhla^jondfiten 
der Schhifypassus der Besprechung: ^L>ie ( 'ber.setzung des Ober.st von Focht 
ist ntltzHiher als die Oripfinal -Werke s'vAcr Autoreu.'* — Nr. 19 enthält 
die Bilder der im .lannar 1^90 gestorbenen Generale Radetzky nnd "Nag- 
lowskij, some u. eine Ski/^e deb Leben^ und der litterariBcben Tbätig- 
keit des eben verstorbenen Generals Baron Toman« 



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üniMhAii fa d«r Hilillr-Litttnitai. 



131 



RlviSta dl arti|lcria e genlO. (November 1889): Korrektur der Zeit- 
zünder bei Feldgeschtitzon v. Major Comara. — - Die Rngel.sliurf^^ in Rom 
(Fortsetzung»). — (Dezember): Über die genaue Lösung des halHstisihen 
Problems von F. Siaeci. — Die Schwierigkeiten des Abteilungsschiefsen» 
der Feld -Artillerie (vom k. preufs. Hauptmann Leser, übers, v. Art. -Major 
de Feo Luigi). — Die BrOokenzUge (le sezioni da ponte) für die Sappeure 
der]>ivi8ioiie& (Genie-Kapitfiii MirandoIiV — (Janiiar 1890): Yorgebänden 
ein pracbiToUer Uohtdrack als Sinnlnld der Trauer um den heimgegangenen 
PrtiUMO Amadeas r. SaToyen, gewidmet Ton der Artillerie mid dem Genie, 
o— Nekrolog des OenefaUieateiiants Euioo Giovannetti (längere Zeit Di- 
rektor der GeachUtzgiefserei von Turin, 1)ei seinem Tode Inspektor ^or 
Artillerie-Versuchs- Kommissionen und Kommandant der Central -Schiefs- 
scbnle der Artillprie). — Repetiergewehre; von ObersfUentenant H. Vi^--- 
lezgi (Fortsetzung vom .lanuarheft 1889), enthJilt StiidM rt über dioseH nn 
in Frankreicli, Kngland, Portugal, Holland, Dänemark, lieigien, mit Tabellen 
über Gewehre mit Schaft-Magazinen, Hevolver-Magazinen unter dem Ver- 
schlnfs, Pac'ketladung. Dazu 8 Tafeln. Sehr wertvolle Arbeit. — Schlufü 
der ÜberBetsnng der Sckrift von Hanptmann Leeer. — Unter den Mis* 
ceUen sind iMsprochen Brialmonts »Lee r^gions fortifldea'*, der nunisdie 
Peldmöraer und ein neuer Apparat snr elektrischen Beleachtnng der 
Minen* 

CiercitO itallaao. Mr. 12: Sämtliche Feld- und Festungs-ArtilUrie- 
Hegimenter und die reitende Artillerie haben in diesem Jahre je 4 Wochen 
wShrende Schiefsübungen auf den 12 SrliiefsplStzen abzuhalten, die Ge- 
birgs -Artillerie schiefst m den Oel^irgszonen. Wo der Raum nii«reicht, 
hat man auch mehrere Kcgimonter vereinigt, um die Masscnverwendnngen 
in gröfserera Stile zu üben. — Nr. 19: Über die Frage den rauchfreien 
Pulvers und Errichtung einer Fabrik für dessen Herstellung giebt der 
Bericht des Referenten der parlamentarischen Kommission, General Pelloux, 
Anftdilns. Wir erfahren ans demselben, dab die Nobelgesdisebaft sich 
verpflichtet hat» ans der Fabrik bei Twin 300 Tons {k 1000 Kilo) Balistit 
(so wird das ranehfiine Polver genannt) nnd ancb weitere l&O Tons so 
liefern nnd dais der Begiemng das Recht ttbertragen ist, wShrend 18 Jah- 
ren dieses Triebmittel gegen Zahlung von 1,45 lire pro 1 K. selKst zu 
fertigen. Fflr das Gewehr 1870/87 hat sich das ranchfreie Pulver als 
anf'-erordentlich brauchbar enriesen nnd v.M-lpiht demselben eine über 
t)üU 10 pestpitrerto Anfangsgeschwindigkeit, l-iir Hie neue Munition forderte 
der Kriegsminister in einem aufserordent liehen Credite 14, ftir die neue 
Pulverfabrik bei Tiuin oder Tivoli 3.8 Millionen Lire. Da aus den Be- 
willigungen des Gesetzes vom 30. De/.ember 1888 noch 6 Millionen übrig 
sind, werden anf die HnsteUmig der neuen Kriegschargirung rond 20 Hillio- 
nen entfiUlen. Die bereit su haltende Kriegschargirung wnrde durch Oe- 
sets vom 80./I2. 88 auf 185 Ifülionen Patronen festgesetst, su denen dann 
noch 9S Milltonen fllr die dnreh das Gesets TOm sdben T^ bewilligten 
weiteren $60,000 Gewehre treten sollen. Die Annahme des raudhfk-eien 



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128 



Umschau in der Müit&r-Littentnr. 



Pulvers UefB die FkbiikatioB dieser 98 MillioDfln nnterbrecheit, als 
30 MilUoneD fertig waren» Italien bat dahw beute noch 215 Ifillioneii 
Fiationen mit Sehwanpntrer als Vomt fieeen und anoh die im Jabxe 1889 

beim SchieCscn der Tmppen verbzanohtea SO Millionen ersetat. Für die 

Feld -Artillerie und die Schnellfeuergeschtttze haben die lüslierif^en Ver- 
suche mit rauchfreiem Pulver noch keinen definitiven Entschlufs fassen 
laj;?on. — GroTsc Manöver finden in diesem Jahre zwischen Oglio und 
Mincio stillt; die Kavallerie übt mit gegenübergestellten Divisionen, ein, 
Fortbchritt. der dem leider so früh heiiugegangenen Heizog von Aosta, 
(JeneralinspekLor der Kavallerie, zu verdanken ist. — Das dtjtiuitive 
Budget des Kriegsministeriums pro 1889/90 ist auf 279,763,500 Lire, da« 
dee MuaneminiBtetiums anf 121,541,688 lire festgesetit worden. — 

RMtta idMlNct-MlIltar. (Spanien.) Nr. S: Betrachtungen Uber 
die EaTallerie. Tragbare Panierkuppeln fttr Feldverschan- 
zangen. 

Militaert TIdskrift. (Dänemark.) 5. Heft. Die Entwicklung der Heeree- 
Oigsnisation in Deutschland im 19. .Jahrlnni 1ri-t (1814—1888). 

De MMitalre Spectator. (Holland.) Nr. 2: Ein Beitrapr 7.nr nieder- 
ländiBcben Kri^gggeeohichie (Belagerung von Bergen op Zoom 1747) mit 
Skizze. 

II. Bücher. 

KriegBgeRchichtUehe Einzelscfiriften. Herausgegeben Tom 
(irofsen Generalstabe. Abteilung für Kriegsgeschichte. 
Heft Vi, Berlin 18S9. £. S. Mittler & Sohn. 

Das vorliegende Hefl enthält drei AnfsRtze, von denen der erste 
betitelt ist: Der Fall von Soissons am März 1814 and die 
demselben unmittelbar vorhergehenden Operationen des 
Sf h lesif^chen Heeres. (Mit 1 Anlage und 1 Übersichtskarte). Dei-selbe 
bezweckt, die Ansicht zu entkräften, als wäre es nur der am 3. Miir^ 1814, 
znr rechten ^^tunde erfolgten Übergabe von äoisson zuzuschreiben. daf.> 
die Schlebidclie Armee damals einer entscheidenden Niederlage entging. Es 
Bind vor allem französische Schriftsteller gewesen, welche jene in-tümliche 
Behaapiung anfgestdlt haben. Nach dem hier Beigebraehten ist es 
kcnnem Zweifel mehr unterworfen, dafs Kapoleon anch ohne den Fall von 
Soissons Bltlober an seinem Übergang ttber die Aisne nicht hatte hindern 
können. — Der Aofsatz ist folglich räi wertvoller Beitrag snr Geschichte 
des Feldzuges 1814. — Der zweite Aufsatz führt den Titel: Das Nacht- 
gefecht bei Laon am 9. März 1814; er kommt zur rechten Zeit, denn 
die Frage der Naehtgefechte stellt nnf der Tagesordnung. Einleitend wird 
eine Übersicht der Nachtgefechte von grüs.serer Au.'-dehnung in neuerer 
Zeit gegeben und gesagt, das letzte .sei iiu Kussi.^eh-Türkischen Kriege 
am 22. /23. August aui Tiom die Er.'^türraung der Iviritischen Höhen gewesen; 
wir bemerken, dafs die hier garnicht erwähnte Schlacht von Tel el Kebir 



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UsMhM in dtr lliUtii>.Litt«fttar. 



123 



sm 13. St'pteiul>er 188J ebenfalls den Na«ht^efecht€n beige/ählt werden 
mufä. Die Darstellung der Schlacht von Laon iät eine Uusserst gelungene 
und belehrende; beeooders bemerkenswert irt die bedemtflnd« und eni- 
acheidende Yerwendniig der KavaUm (69 Eakadrons), walohor Walfo »«ist 
eiiie Verweadong in der IhialEeUieit abgeeproclien wa wardea pflegL Yer- 
fiuner folgert» daC^ wo die VerbftltniaM in ihnüoher Weiae wie am 9. Mint 
1814 einen Blohtliehen Über&U begOnetigen, auch in Zukunft, ungeachtet 
der Verbeasenuigen der Feuerwaffen, entschlossene Fflhrer im Stande sein 
werden, einen aolchen Kampf mit derselben Umsicht und Thatkrafl einzu- 
leiten und duirh/uftlhren; die Infanterie werde auch fernerhin die Knt- 
scheidung mit dem Bajonet /u suchen haben und da, wo sich ihr Gelegenheit 
zum Gebrauch der SehulMwaffe biete, werde es weniger auf Tra<„'weite der 
Geschosse und Schiefäfertigkeit, ak auf diu Feuerdisziphn ankommen. 
^ Den dritten Au&atz bildet der SchluCs der Stärkeverhältniäue im 
deatieb-fransSsiielien Kriege 1870/71 bis anm Stnrae des Kaiaer- 
reiches, die Sehlaehtan an der Maas. Über den Wert dieaer Arbeit haben 
wir nna bei Oelqgenbdt des 11. Heflea anageqwooheii; WUT können nnr 
wiederbolen, dala der kriegpgeaebiobiliehe Wert adcber Untersnebungen ein 
aebr boher iat, wenn» wie im voiliegeiiden FaUe» eine kundige Baad sie 
leitet 1. 

Mitteilungen des K. und K. Kriegs- Archivs. Herau8gegeben 
von der Direktion des K. und K. Kriegs-Archivs. Neue 
Folge. IV Band. Mit 8 Tafeln, 2 Skizzen und 6 Bildern. 
Wien 1889. L. W. Seidel & Sohn. Preis 7 Mk. 
Die Direktion dea K. und K. Kriegs-Archivs hat in dem vierten Bande 
dem wie immer lebrreicbeni mannigfaltigen nnd feaaelnd gesduiebenen 
Inhalte ihrer Mitteilungen einen neoen und beaonderen Sohmnok in Oeatalt 
TOB httbieh geieiebneten, in sprechenden Gmiipen roaammengeatellten 
Uniformabildem beigegeben. Ebenso dankenswert wie die Oabe, ist die 
VeranlaiBimg zu dersell>en, nämlich das in Anseicht stehende Erscheinen 
eines geschichtlichen Werkes über den Erzherzog Karl. An Vorstudien zu 
einem solchen entstatumt der erste Aufsatz: „Die Fleerc des Kaisei*» und 
der französisch f-n Fievolution im He^^'inn des Jahri'b 1792 inh Einleitung 
zur Schilderung dtsr Kriege Österreichis gegen die franzö.siw lie Kevolution)". 
Jene Vorstudien hat Oberstlieutenant M. E. von Angeli gemacht; der 
Verfasser des An&atzes ist nicht genannt. Der Aufsatz schildert die 
Bsecfaalbnheit der Heere, deren Binriehtnngen ond Führer; kaiserficberanta 
m«at anf Gnmd der Akten, anf Seiten der Oefliner nach den beaten ge- 
dmcfcten QaeUen und nach Oeterreicbiacben Denkacbiiften; die Bilder ver^ 
anacbanlM^en die Trachten, daa Fechten und das Qebahren beider 
Farteien. 

Die Fortsetzung der niititürischen und politischen Aktenstücke zur 
Geschichte des 1. schlesisthen Krieges 1741, (vgl. Jahrbücher. Januar 1890) 
ist dem V. Bande vorbehalten, dagegen sind zwei Kinzeldarstellungen ans 



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124 



UnuehM in der MilitäiT'Littentor. 



diesem Kri^e g^eben, welche besonderes lutereiiäe bieten. Die eine, vom 
HaaptmanD Aleiieli gewiiriebaiy behanddt ,du A.ii%ebol dw mgarkdiea 
lasnrrektioa iiiicl kroatiBchen Freioorps 1741.'' Die Hilfe, welche dm be- 
dittngten KOnigm jenes Angebot brachte, war beemdere dem Judex eoriae, 
Feldmaradiall Qraf Jobann P&lffj m daaken; sie war nidit sehr bedeutend; 
dem Nutzen, welchen das tapfere VerbalteD der Tmppen vor dcui Feinde 
brachte, stand ihr Mang^ an Manncncht geg^enaber. Was sie im folgenden 
Jabre leisteten, nachdem Maria Theresia den bekannten Reichstag zu 
Presshurg abgehalten hatte, wird im nHcli?ten Bande ^'esc hildert werden. 
Ira Vordergrunde des Berichtes über die kroatischen Fiei(orps steht die 
Riesengestalt des Pandurennborst v. d. Trenk: roh, gewaltthätig, tapfer und 
unbotmärsig wie seine KotmUntlcr, welche erst allmühlich zu brauchbaren 
Soldaten werden ; neben ihm erscheint ein anderer soldatischer Abenteurer, 
der Major MenieL Der andere An&atx ,Der Ober&U bei Banmgarten 
am 27. Febmar 1741", von M^or Dnncker geschrieben, bietet hanptalehlich 
ein politisches Interesse. Das Gefecht selbst war imerheblidi, doch bfttte 
es leidit I^g Friedrich IL in die Gewalt seiner Gegner liefern ktancD. 
Von gröfserer Bedeutung aber war das auf die Vorginge befindete 
Gerttcbt, der Wien«: Hof habe dnrdi Meuchelmörder dem Könige nach dens 
T/f!'f»n f:»etrachtet. Dasselbe wurdo *^einer Zeit viellacli {j[t»glaiil)t; man 
ujeintf. daFs! der Köui^^ persönlich dasselbe halie verbreiten Ituusen. Ernste 
ForjK.bung und bebounenö tjherlegung haben es später als unglaubhaft 
l)e/,eichnet. Schon H. Wuttke, in seiner Festschrift zum 100 jülirigen 
Gedüchtnis der Schlacht bei MolwiLi „Persönliche Gefahren Friedriclis des 
Grofsen im 1. schiensehen Kriege", war demselben entgegengetreten. Grün- 
hagen in seiner nGeoobichte des 1. sehlesiBchen Krieges** nennt es nSchvrerlich 
begiUndet." ICajor Doncker tritt dem Uber den Wimor Hof verbreiteten 
Gerttcbte mit schlagenden Beweisen energisch entgegen, so dab der Beweie 
fftr die Haltlosigkeit nunmehr als endgiltig erbracht angesehen werden 
mufs. Ebenso darf der in P.ezielning auf den König erhobene Verdacht 
als beseitigt gelten. Der Übereifer der diplomatischen Vertreter Preufsens 
im Auslände und die üngefchicklichkeit der Berliner Presse trafen die 
S<;huld, dafs e« den Anschein gewinnen konnte, als habe der Könipr do.^ 
unwahre (lerCuiit absichtlich ausstreuen lassen. — Den niiclistfolgendiu 
Aufsatz: „Die Römer im Geliiete der heuligen östeneichisch-ungaribtlien 
Monarchie ** liezeichnet der Verfasser, Hauptmann Kafaugg, als ErlRnterangen 
sn einer Übeieiditekarte. Das igt an beeohdden. Die lUrte, 6 Blltter 
umfassendi and im militKr-geogiaphischen Institute photolitbograpbisch 
TorTttglich hergestellt, ist freilich sehr seh9n; die Stra&ensOge und Orts- 
beieicbniingen, welche sie enthalt, geben ehi anschauliches Bild von der 
Ansdehnung des Bömerreicbes auf dem Boden des heul igen Österreich- 
Ungarn; aber der zugehörige beschreibende l'exf ist doch die Hauptsache. 
— Den Schlufsteil des Bandes bildet die Fortsetzung der Kriegschronik 
österreicb-rngams. Sie führt uns auf den südöstlichen Kritgsschauplatz, 
in die Länder der ongarisohen Krone, nach Dalmatien und Bosnien. Die 



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ÜOMhM in derlOIittr-Iittaatw. 



125 



Zeit von 1692 bis 1708, der durch den Frieden von Harlovifi im Jahre 1699 
beendete Tflrkenkrieg und die von 1703 hh 1711, während des spanischen 
Erbfolgekrieges, einen grofsen Teil der hrd s^nr^'ischen Heeresinaclii von 
der unmittelbaren Teilnahme an jonern Kampfe iernbaltenden Räköczi'jäcuen 
Unruhen, deren Däi>>t«Ilung mit dem Jiihre 1 708 abgebioohen ist, sind die 
Gegenstände der Schilderung. Wir veriuiääeu die Erwühnuug dea Beiätandeü, 
welchen in den Tttrkenkriegen die fintodeabaiger onter Bnnd und 
Schlabraidoif den Xiiiserliohen lettteien. 14. 

Gesehichte der Wisseiisclialten iu Deutschland. Neuere Zeit. 
21. Band. Geschichte der Kriegswissenschaften vor- 
nämlich in Deutschland. Von Max Jahns. 1. Ab- 
teilung: Altertum, Mittelalter, XV. und XVI. Jahrhundert. 
München und Leipzig. Druck und Verlag vou ß. Oldeu- 
bonrg. 1889. 

Vorliegendes Werk ist die reite Frucht langjlihriger, mühevoller 
Studien, zu welchen, wie das Vorwort besagt, dem Verfasser die Hand- 
schriften- und Biicheräammlungen von 75 namentlich angeführten Bihlio- 
tbekeii du tfateml geliefaii haben* Die bei Leenng des Titek avfeteigcude 
Frage, was denn genau genommen nnter „Rriegswissenachaften" an vev^ 
stehen sei, wird alabald in der Einleitaag beantwortet Von besonderem 
Interaeee ist, wae einst der Nestor der Kriegsknnst nnd KfiegswisBenschafl, 
Feldmarschall Moltke, dem Verfasser ^'e<,'euüber äufserte: ,er kenne wohl 
Eine Kriegsknnst» aber nur eine Mehrheit von Kriegswissenschaften." 
Verfasser stelltnun eine scharfsinnige Untei'suchnng der Begrifie „Kriegsknnst 
und „Kriegswissenschaften" und deren Verhältnis zn einander an. deren 
Ei^ebnis als Aufgabe einer Geschichte der Kriegswi>senschaften die 
NacLweisung liezeicbnet: „welche Kenntnisse von den Kriegsmitteln und 
welche Auffassung von deren Beschafifung und Verwendung jeweilig 
wissenschaftlich niedergelegt worden und im Laufe der Geschichte mafe- 
gebend gewesen srnd.* Naehdem so die Grenzen der Arbeit im allgemeinen 
gesteckt ttndi werden als einmrMhende Kriegswtasensehaften folgende 
genannt: die Kunde von der Heereeauffaringung nnd HeeresTerfiwnng, 
die Waiiailehre» die Kinde von dw Heeresrerwaltnng und dem Kriege- 
rechte, die Taktik, Fortifikation nn^ f^'i nipu^ie; hingegen werden militärisches 
Au&iehmen, Militärgeographie und Kriegsgeschichte anderen Fachkreisen, 
nämlich der Geodäsie, Topographie, Geographie und Geschichte Uberlaasen. 
Gleichzeitig aber ergab es sich von selbst, dafs eine Geschichte der Kriegs- 
wissenschsften, welche ihr Spiegelbild in der Liiteratur findet, zugleich eine 
Geschichte der Militär-Tiitteratur werden mufste, an der es, sofern 
es sich um eine kritische, umfassende Geschichte derselben von der 
ältesten Zeit an handelt, bislang gefehlt hat. Das Jfthns'sche Bach ist 
eine soldie, und darin liegt seine hauptsächliche Bedeutung. Zwar haben 
Bompf und Hbyer bald nacli den BefipeiungBkriegen, in jener Zeit des 
Aufblllhens der Kriegswissensobaften, je eine «Litteratur der Kriegswtssen- 



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126 



Umsoium in dtr HtUMr-Littantar. 



Schäften", verfiifsi, doch lassen beide (von denen die letztgenannte die 
ungleich bedeutendere ist) na4jh mehreren Richtungen aehr viel, in Bezug* 
auf Handschriften Alles zu wünschen übrig. •— Es wäre aber noch der 
Erwähnung würdig gewesen; Hoyer's „Gescbiebte der Kriflgsknittt'' (richtiger: 
Kriegswiaseiiseluiftent); allein dieees Werk eetrt ent ein mit der Zot seife 
Anwendimg des SoMefapnlTerB, berSckmbtigt Altntiim und Mittdalter 
gftnuclit, und ist in den Kapiteln nlatteratnr* toM yUA mehr als ein 
BOeher- Verzeichnis, welches Hoyer dann später zu seiner Litteraturgeschichta 
erweitert hat Derselbe behandelt aber aneh ein, dem Jähns'scben Buche 
fehlendes Thema, niimlicli Seewesen, welche? unseres Krachtens unter 
den KiicL'^svyi-sen.schaftim mit demselben Rechte genannt werden niuFs, 
wie Watienieüre, üefeütigungskunst, Taktik u. s. w., denn zu allen Zeiten 
ist der Krieg zu Lande und tu Wasser geführt worden. 

Jahns hat seine Arbeit leider nur bis zum Eintritt der napoleoniscbea 
Zdt gefBlut, w^, wie er sagt, mit derselben jene Periode beginne, in 
deren Mitte wir selbst nodi heute stehen. Ob nioht die Zeit bis tum 
Jahre 1S70 «ben&lls sehon otgefctiv gesdiichtlidi beurteilt sn werden 
vennag, bleibe dahin gesteilt; jeden&lls wtre es die beste Efttnnng dieser 
Arlieit» wenn der Herr VerbaMr ae bis zn diesem epochemachendsten 
Kri(^e der Neuzeit fortfÄhren wollte. — Der gesamte, hier yerarbeitet« 
Stoff zerßlllt in 8 Bücher, welche in drei Hauptabteilungen gebunden 
wenden. Die vorliegende erste Abteilung (4 Bücher) umfalst das Altertum, 
Mittel;ilter, XV. und XVI. Jahrhundert. Das einleitende Vorwort, dessen 
aufmerkaames Studium zum Verständnis den Textes unerlässlich ist und 
besonders empfohlen sei, giebt zunächst einen Überblick, gewissermalken 
das Gerippe der Arbeit, welche, soweit es dieöe Abteilung betrifft, 865 Seiten 
fUlt Bin sehr eingehendee Inhaltsveneichnis ist vorans geeehiektt ein 
Sachregister fttr den Scblnls der 3. Abteilong in Anssicfat gestellt. 

Wir mOssen davon Abstand nehmen, von dem reichen Inhslte dieser 
flellhigen nnd Teidienstvollen Arbeit des NShem Kenatnto an geben. Sie 
enthält im Wesentlichen alles das, was der auf diesem Gebiete Belehrung 
Suchende mühsam aus dem Staube der Bibliotheken zusammen zu tragen 
genötigt wäre. Das Jähns'sche Werk darf mit Fug und Recht die Be- 
zeichnung einer bedeutsamen Arbeit für sich in Anspruch nehmen und 
wird dem Gesamtwerke, dessen 21. Band es bildet, sicherlich zur Zierde 
gereichen. 1. 

Die Gefechte bei Steinau an der Odor vom 29. August bis 
4. September 1632 and das Treffen bei Steinau am 
11. Oktober 1633. Kine kriegsgescbichtliche lintersucbung 
auf Grund nrkundlicher Quellen sowie der gleichzeitigon 
und spüteren Litteratnr von F. Taeglicbsbeck, Hauplanann. 
Beriin 1889. E. S. Mittler & Sohn. Preis 2,60 Mk. 
Die Gefechte bei Steinau gehören zwar nur zu den untergeordneteren 

Aktionen des 30(|fthrigen Krieges, sind fltr nns jedoch dadurch von Interesse^ 



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übmIim in dar XmtiiwLIttmtDr. 



dab in denaolben, Teniitt mit Schweden nnd Sadnan, sndi braadfln- 

burgiache Truppen gegen die Kaiserlichen Heeresmassen ihre Fahnen 
flattern liefsen. Das einp^ehcndc Quellenstudium des VerfaFsere, von despen 
Sorg&It die beigefügten ergänzenden Originnlalisehriften aus Staats' und 
Kriegs -Archiven, aus Königlichen und Stadt-Bibliotheken, ans alten Ur- 
kunden Zeugnis ablegen, hat allerdings nennenswerte Einzelheiten der 
Brandenburger nicht ans Liuht zu fördern vermocht; es liegt dies aber 
lediglkb tat d«r mangelnden Unterlage, da die GeÜBdstaberiolite der bnnden- 
boxgifichen OÜBsieie in flbertriebener BeBoheidenheit nnr der gemeinsamen 
Thaten der Verbündeten gedenken, diese letsteren die Anveaenheit der 
Braodenbnrger aber nnr nebensflcUich erwMbnen. Lnmerbin jedoch hebt 
sieh die altbewährte brandenburgiscfae Tapferkeit bei der Erstürmung 
Steinaus und seiner Vororte auf das Glünzendste hervor und ist die TOl^ 
liegende Abhandlung besonders für den Kenner des in Betracht kommen- 
den Gelftndes von anre^iendem Wert 5d. 

Wird dms randiflehwaehe Pnlyer die VerwendlNukeit der 
KaTallerie beeintrftchtigen? Berün 18d0. B. Eisen- 
Bcbmidt. Pteis 0,40 Mk. 
IKe interessante kleine Schrift beginnt mit einem knnen Blick auf 
die allgemeinen Verhflltnisse in Beuehnng anf die Eavallerie ond die 
Möglichkeit deren Verwendnng; Varfasear kommt zu dem Schlosse: ,»wenn 
thatsftchlich die Brauchbarkeit und Verwendbarkeit der Kavallerie in so 
acuter Weise, als oft behauptet wird, von der mehr oder weniger ent- 
wickelten Technik unserer Feuerwaffen abhängig wäre, dann hätte auch 
dir Kavallerie eines Cäsar oder Hannibal mehr leisten müssen, als diejenige 
eines Friedrich oder Napoleon." Es folgt dann die Anfj-aU; der all^^e- 
meinen Aufgaben der KavaUerie und die Betrachtung eiuor jeden der- 
selben. In den Bemerkungen zu dem sogenannten strategischen Auf- 
klärungsdienste werden die Worte von Goltz in seinem „Volk in Waflen" 
angefahrt: TOn derjenigen Kavallerie kann man Hntsen erwarten» 

welche es versteht die femdliohe sn schlagen.* — Von nun ab wird in 
dem AnfklSrnngsdienste der Bivisioos-^vallerie-Begimenter der eigentp 
liehen Emge lOher getreten und der geringe EinfloCs des tanofascfawai^en 
Pulvers auf diese Tbätigkeit erörtert. Der folgenden Betraehtnng über 
die Gefechtsthätigkeit der Kavallerie möchten wir zusetzen, dats es üher- 
hau}tf und zu allen Zeiten seine S€hwieri!,'keiten hatte, unerschütterte, 
entwickelte Infanterie mit Erfolg anzugreifen, da? diese bekannte That- 
sache heute natürlich sich nodi bemerklicher machen mufjs, dals insbe- 
sondere in den Kriegen des Kai^^erreiches diese Thati^aehe eine prinzipielle 
KUcksicht nicht fand. Die Ciiaucen mUsi^n für die Kavallerie natürlich 
wachsen, wenn die Fenerwirkang der Infimterie abnimmt; dafs aber kann 
ebenso gut durch ersehlltttften Zustand der Truppe wie durch gllleklidies 
übetnachendes Auftreten der Kiayallerie der Fül sein. Der in dem 
Werkchen mehrfteh dtierte ftaniOsiBehe SchriftsteUer scheint uns nicht im 



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128 



UmMÜiaa in der Müit&r-Littentor. 



Unrechte zu sein, wenn er von Überraschung intakter Infanterie aicb Er- 
folge Tenpndit. Der Herr Vec&aaer sagt bei obigen Betfidhtangen, dale wir 
uiuere &kT«]]erie heute nnbestrittea nidit mehr gegen ebie onerMlittttarte, 
entwiekdte Infanterie ftfaren kOnnen; ee «eheuit dieee ridbtige Annahne 
doch einigermaben im Widexvpradi zu stehen mit den knrx daawnf fblgm" 
den Schilderungen von Angriffon anf Infanterie, wo es heilst „der Erfolg 
solcher Attacke wird in den meisten Fällen ein g^fser sein, denn eine 
Trnppp, die sich nicht scheut durch den dichten Bleiliagel hindurch zu 
reiten u. s. w.** Bei der Seite 14 angefUhrt''r] P.r trachtung Uber die 
Verluste mischten wir l>emerken, wie wir zustimmen., dafs die Verluste 
der Brigade Bredow bei Yiünville des erkämpften Erfolges zwar wert 
waren, da(s aber immerhin zu beachten ist, wie die HauptveriuäLe durch 
den Bdckschlag naeh der Attaei» hMrbeigeführt wnzden, dab dieeer 
BttckadiUg wohl hutte vemued«n werden kOnnen, weimdie geme Kaviillerie- 
DiTison oder aUe Kavallerie, welche anf diesem FIQgel ▼erfllgbar war« 
sam Angriffe wttie befohlen worden. Die hierdurch Yonmanchtlieh ra 
erreichenden geringeren Verloste hfttten den Wert der Attacke sicher 
nicht beeinflolst and wiren aufserdem ganz bestimmt ein Antrieb za 
neuen Angriffen geworden. — Auch die nun folgende Betrachtung der 
Wirkungen de^ä raucLschwarhen Pulvers zu Gunsten der angreifenden 
Kavallerie halten wir keineswegs für unanfechtbar. Wir können nur 
finden, dafs tlberaü, wo die Infanterie im Stande ist, die Kavallerie reihen- 
weise niederzuschiefsen, die Kavallerie in der Regel unterliegen muTs, und 
zu allen Zeiten unterlag. Vollständig gerechtfertigt finden wir dagegen 
wieder die Betrachtungen auf Seite 16 Uber den günstigen Bmflnb dee 
rauoheehwaidien PoIt«« tfkt die Ebrkennnng und Aoftonng der gansea 
Qefechtdage, wie d«r epeiidlen VerhUtnisw dnidb den EaTallaieAlhrer; 
nicht minder heheraigenewert mnd die Schlolsbetrachtnngen Aber den 
Kampf gegen InfanteiiCf wie endlich ttber die weitere An^be der Ka- 
vallerie: aDie Verfolgung'*. 8. 

Infanteristisclie Litteratur. 

1) Was enthalten die Schiefsvorschrift und das Exerzier- 
Reglement ftlr die Infanterie, Abdruck von 1889, NeuesV Bei-- 
lin 1890. K S. Mittler <k Sohn, Preis 0,40 Mk. — Vorliegende Schrift ist 
ein beeonderar Abdruck ans dem Uilitar-WochenbUtt 1890» Nr. 6 und 7, 
und erleichtert dem Bdehrnng Suciienden auf die bequemste Weise den 
Vergleich der alten und neuen Yonchriften. — S) Die heutige Waffen, 
Munition und Schiefe an ebildung der deutecken Infanterie. Anf 
Grund der Bestimmungen vom Jahr 1890. Mit 68 Abbildungen. Berlin 1890. 
jS. S. Mittler & Sohn, Preis 1,20 Mk. — Ebenfalls ein besonderer Abdruck, 
und zwar ans dem im Erscheinen begriffenen „Handbuch für die Offiziere 
des Beurlaubtenstandc^ der Infanterie", dessen VIll. Abschnitt er bildet. 
Der Leser wird, bei dem hervorragenden Interesse, welches die Neube- 
wafiäiUQg unserer Infanterie und die mit jener in enger Verbindung 



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UoNcliMi in der MilitftrwliUeratur. 



1^9 



stetMode SebaAtenabildiuig beanspracben muts, alle 6im» Thttt» berOb- 
nukn Fragen aBchlicb und grOndlioh beantwortet finden. Die 1 1 Kapitel 
behfcndeto; Beadinibong der Waffm, Bebandiong der Wafloi, Hnnition, 
Sobielklehra, Qeiftte und Einriebta ing en fflr dae Scbieben, Ansbfldnnge- 

gang, Entfemiinq-sfjchlttzeii, Schul- nnd gefechtsmäfsige» Sofaieben, Schiefsen 
mit dem Revolver, Thfttigkeit nnd Pflichten dee CompagnieftLbrers fUr die 
Schiefsaushildung seiner Compagnie, endlich in einem Anhangp, „Festangll- 
krieg**, die Thiitigkeit der Infanterie, soweit sie das Schiefsen betrifft. — 
Wir halten diene, dnrch ihr Format auch für den Tasehengebraach 
bemessene Schrift fUr recht empfehlenswert und zeit<:femllfs. — 
3) Kleine Schiefsvorschrift für OfÜziere, Unteroftiziere und Manu- 
echaften. Auf Onmd der Sobiekronchrift und dee Entiier-Reglements 
fUr Infuiterie von 1689. Hit 10 Abbfldungen. Preis 80 Ff. ^4) Das 
Gewebr 68 nnd seine Munition. POr den Unterriebt der Mann* 
nehnften. Hit 29 Abbüdwigen. Preis 15 F£ Beide: Verlag der Liebel- 
scben Bnchhandlnng, Berlin. — Letztgenannte Schriftehen sind eine zweck- 
mäfsige iind| bei der im Vollzuge begriffenen Neubewafinung, nnentbebr" 
liehe Ergilnrimg der Tieitfaden ftir den Unterricht der Mannschaften, Der 
billige Preis, welcher sieh für die unter „3" genannte Schrift bei Abnahme 
von 10 Exemplaren auf nur 15 T*f., bei der unter „4" bei 50 Exemplaren 
aaf 12 Pf, stellt, wird die Ue.scluiffang jedem Truppenteile möglicli machen. 
— 5) Winke für die Leitung des Infanterie-Feuerü gegen In- 
fanterie, Kavallerie und Artillerie von Heckert, Hauptmann. 
Berlin 1889. B. 8. Mittler. (Abdruck dee in den Jnli^Nununem dee Müi- 
tSr^Woebenblattes 1889 ersefaienenen gloebnamigen Anftafties). Verfasser 
hat es vermieden, sein Thema in der gekflnstelten Weise zu bebandeln, 
wie es ein TeU der aber den Schiefsdienst der Infanterie schreibenden 
Autoren zn weilen zu Inn beliebt; er begründet seine AnschanUBgen aus 
der Schiefsvorschrift nnd dem Exerzierreglement. Zum Ausgangspunkt 
seiner Betrachtungen macVif er die Renbachtungen, zu welchen ihm die 
Besifhf igun^ri^n der ronijvi L,niien der Garnison Posen im Geliinde das 
Material boten, \m denen di« Führer in der Penerleitung, die Mannschaften 
in der Feaerdisciplin geprtlft wurden. An der Hand des § 40 der Schiefs- 
Torschrift sucht Verf. die Obliegenheiten der Fttbrnng zu erlKntem 
mit Bezug auf Wahl der Stelle zur Anfbabme des Fenergefedits und 
sacbgemibe BntwickeluBg der Truppe, Bnnittelang der Entfemniig, Br> 
eebielsen der Vlsintellung, Beobaebtnng der Feuerwirkung, Wabl des 
Zieles und des Zeitpunktes zur Erö&ung des Feuers, Feuerart, Abgabe 
des Kommandos und Obliegenheiten der einzelnen Chargen. Der Wichtig- 
keit d^ erstgenannten Punktes entsprechend, ist fast die Hälfte der 
kleinen Schrift der Betrachtung desselben gewidmet. — Verf. kommt 7U 
dein Endel ge'i^uis. dafs peo'Pn ArtillenV knieend, gegen Infanterie lu-Lrend, 
gegen Kavallerie m der Kegel stehend am besten geschossen wüd, dafs 
gegen erstere beiden Waffen die aufgeloüte Linie, gegen letztere die gerade 
innegehabte Ordnung und diejenige Formation die empfehlenswerteste ist, 



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180 



UimehftQ in der Mflittr-Littentur. 



welche am meisten Gewehre m Thütigkeit setzen läfst. Was die quanti- 
tative Verwendung des Feuers anbetrifft, so spricht er sich entsprechend 
Nr. 23 und 82 des Teils II des E.-R. dahin aus, daüs die sparsame Schützen- 
eniwicklung nur im Sinne einer rekognoscierenden Einleitung des Gefechts 
sa yenfceliMi iitt daJs hingegen, aowie die VerbitltiiisBe beim Feinde kler 
liegen, ▼ob Torneheniii Penerllberlegeiiheit angestrebt werd^ nrab, welehe 
bei Friedenatbongen nudit anders als dmeh eine grOlsere Oewefaxiahl mm 
AxMdmdk gebracht werden kann. Dem Nachdenken empfehlen wir awsh 
die Seite 45 ausgesprochene Bemerkung, dafs es vorteilhafter eisdiein^ 
das Schnellfeuer bis nach erfolgtem ond geglücktem Angriff zu sparen 
und nicht zur Vorbereitung des Sturme« 7ä\ wühlen, weil die Schützen 
mit p-pff^üfpm MaErami in dem Gefühl, einen Patron envonat in prhnellster 
FeufM 1 »M T it -^chatt bei sich zu haben, sithHi lirh « neigischer anlauleu, weil 
sie so allen ROckstöfsen des Feindes udet Angriften seiner Kavallerie 
leichter begegnen, den zurückfluthenden Gegner aber bald der Vernichtung 
nahe bringen kOnnen. Die kleine Schrift sei bestens empfohlen. 17. 

Wie sollen wir im niebsten Feldzng angreilen? von K. v. K. 
Blit einer Fignientafel. Berlin 1890. Verlag Ton Fr. Lack- 
hudt. 

Verfasser begrOndet seine Anschanong Uber die notwendigen Wand- 
lungen in den taktischen Grundanschanongen der deutschen Infanterie 
durch die Leistungen der kleinkalibrigen Waffe. Von dem Grundsatze 
ausgehend, dafs die norbeiführang der für den Erfolg eines Angriffes 
unerlilfHlichen FeuorUberlegenbeit am leichtesten durch die Umfassung 
gelingen wird, formuliert er die Antwort aul die sich gestellte Fra^e in 
8 Punkten. Obwohl wir einzelnen derselben zustimmen kOnnen, andere 
Überhaupt nichts Neues bieten, so möchten wir doch unsere Bedenken bei 
mehreren dsnielben nicht sarOokhalten. Wie soll es s. B. (Seite 36) 
möglich sein, jedes Qefeeht durch Kavallerie md reitende Artillerie — 
in Flanke nnd Btteken dss Gegners verwandt — einldten au lassen. 
Seite 87 eiUirsn wir ons finner dnrehans gegen das grnndsfttsliche 
Ablegen der Tornister vor der Schlacht, ebenso das Seite 3G angeratene 
Sehwftrmen mit einem Gliede, dem das sweite als (Jnterstlltzung folgt. 

17. 

Der Bezirks-Commandeiir von Aalhom, BCajor z. D. (Sonder^ 
Abdruck ans der MilitSr-Zeituiig, Organ für Reeerve- ond 
Landwehr-Offiaiere). Berlin 189a Verlag v^n B* Bmn- 
Schmidt. Preis 50 H. 
Vorliegende, 36 Seiten füllende Schrift besweokt, denjenigen, wehdie 
SU Besirks-Gommaadenren ernannt werden, Anftehlnlb und Belehrung 
Aber alle Obliegenheiten und QssdAlle dieser Stellung zu geben. Bnrsan* 
geechäfte, Rassensachen, Mbbilmachnng, OGBiier*Ci»pe des Beurlaobten- 
staades» Shrengeriehte^ MosterongigeschiEte n. s. w. werden in knappen 



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UiDMiiMX la dar MUllr-Litlmtar. 



131 



nnd den praktischen Offisier TVinteader Weise abf^ehandelt. Das Schriftchen 
wird Jedem, welcher ans dem aktiven Dienste in diese Stellung über- 
tritt, hoch willkommen Pein tind von Hans ans nnabhSnprig vom Adjutanten 
machen, der ohnr^bin tlber so manche ^der hier bterührten Fragen nicht 
AufischliiliB zu geben vermag. 2. 

L*Annte snisse «ux gnutdes manoeiiTres de 1889 per 
ChftrUs MsIq. ParuH-Nancy. Becgef-Levraalt CSe. 1890* 

Bis TorliegtDde Werk enchien nnlelitt in Fonn m. 6 «Briefim" 
im September 1689 im Journal des IMfaats. 6i biatot nelir, ab ee yw 
spiicht, nämlich znnftchst eine gam vortrafllieha C9iaraktari«tik der Or- 
ganäntkni des eoliweiierischeii Heerwesens, welche Verfasser mit Recht 

„Im volMen Sinne des Wortes ein Volk in Waffen" nennt; nur die 
beiden letzten Uriefe l)€.schiifti<jfen sich mit den Manövern, sie verraten 
n*>V(en srharfer Beolmcbton^gabe ein feines Verstlüidnig für die Eigen- 
art des Fleeres der Eidgenof^senschaft und sind eine notwendige Ergän/,uDff 
des ersten Teiles. Die Beilageii enthalten die Tagesbefehle für die ein- 
zAln«! Hanövertage, dann die „Ordre de bataille" der BnndeB-Armee. Das 
Bncli m Jedam, dar BaMirung über das sehwaiierisclia Hearwsssn anobt, 
warm empfiriilciL 4< 

Die Anabildnng des schweizerischen Infanterie-Offiziers und 
die Forderungen der Gegenwart. V^on (iertsch, Ilaupi- 
mann der Infanterip. Frauenfeld 1889. fluber. 
Die kleine, von der Schweizer Offiziergesellscbaft. preisgekrönte .Si Imtt 
beantwortet die von derselben Gesellschaft gestellten Preisfragen über die 
gegenwärtige Ausbildung der Infanterie-Offiziere und Vorschläge zu nötigen 
Änderungen. Der Verfasser entwirft ein klares BUd von dem Erziehui^- 
nnd AnsbUdongsgang des OffiBer-Aspuaiiten, und arkllri dabei den 
jefadgan nur 6 WodMn danamdan Knrana aaf der OffisierbüdniigBsdnila 
flr viel fu knn, nnd dan siab an diesen aoschlielsSDden Enrsns auf dar 
Sddabsehola ftlr naxwscfanlfirig iosofevn, als dort nor Dienstcweige gelehrt 
werden. He im Bereieb des ünteroffiners liegen. Im letzten Abschnitt 
werden Vorschläge gemacht, wie diesen Übelständen abzuhelfen ist Die 
kleine Schrift ist ftlr Jeden von Interesse, der «ich ttber die Verhältnisse 
in den schweiaerischen OfBzier-Corps belehren wilL 10. 

Vom Newastaiid nAeh Samarkand. Dupch Bnsaland auf 

neneii Gddaen nach Innei^Asian. Von Dr. Max Ton Proa- 

kowats. ICt ainer Einlataiig toh H. Vamb^iy, ainam 

Anbaiig, 68 Original-IUiiBlntionan von B. Hanslflithiiar 

Q. mm Teü nach Skinen des VarfasMrai eiiier Noten- 

bailaga und 4 Original - Karten. Wien nnd Olmflta. 

Eduard Höhel 1889. 

Dar rUbmMist bekaoata Fkoftssor dar orisBtaliscben Spraeban 

9* 



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132 



Uiuebm b dtr MiHtiiwLitlantiir. 



H. Vambery, w«! i lun-, allor Gefahren und EntV»ehrun;Tf.n zvini Trotz., als 
Derwisch verkleidet, die Geheituni-s-se der zentral -asiati-^fiien Steppen auf- 
deckte, und sogar das Qoiligtam muselmanischün Fanatisinus, Bocbara er- 
reichte, die Stadt, voa der ein Sprichwort sagt: „Überall auf der Welt 
ftllt das lioht vom Hummel sar Erde nieder, von Boeluua abor steigt ee 
empor,'* gab Tontehendem Bndie in der ESnleitang den Fab mit auf den 
Wflff. Sdion dieser Umstand lAtte genügt, aas ahnen sn lassen, dab es 
mehr ist, als eine Werkeltegsarbeit^ der wir begegnen. Den Oberaus 
reichen Stoff sondert der Ver&SBer in 4 Hauptabschnitte. In dem ersten 
behandelt er die Fahrt von Osterreich ttber Warschau, Petersburg und 
Moskau nach Rostow a. B., der zweite lernt uns Kaukasien kennen, im 
drittpn ^phf die Reise ostwärts über den Kaspisee und die turkomanischen 
Steppen u. s. w. nach Merw, Bochara. Saraarkand und von da zurück an 
die persische Grenze, der letzte endlich beschreibt die Rückreise aus 
Turkomanien ttber das kaspiscbe Meer durch Transkaukasien, über den 
Ftotns nach der Exim, Odessa und Kiew. Verfasser stellt sieh in dar 
Vorrede anf den belreffimden Standpunkt des Ökonomen, weleher dnroli 
seine Fbrseherreise namentlieb FSrdemng wirteohafklicher Interessen an- 
strebl Dieser Zweok wurde nicht nnr dnreh das getreoe Spiegelbild Ton 
mssischen Lnnderkomplexen in Europa wie in Asien, seien es Schilderungen 
sdiwermatiger Geg«iden, weiter Boinenfelder, ans denen neues Leben 
spriefst u. s. w. erreicht, sondern auch von h5herer Warte aus die Be- 
dürfnisse und Anforderungen in der sarmatisrhen Etieuo wie in Asien, 
die russischen und orientalischen Anscliauung(m 1 '»'leuchtet, und durch 
letztere der alte Satz l>estätigt, dafs Sitte und lirauch im Orient mehr 
gelten, alü das Gesetz. Ohne von der FUlle der Eiazelerscbeinungen sieb 
v eiw i rren m lassen, erkennt t. PhMkowets in Meisterschaft in nnd ttber 
dem Binseinen das Allgemeine. — Vom „Newastrand nach Samarfcaad" 
— dies interessiert uns als Soldat nnd Politiker am meisten — ist meht 
etwa ein Reisewerk im gewlHmliolien Sinne, vidmehr eine durch gewissen- 
hafte Arbeit und sohirfste Beobachtung ausgezeichnete Generalstabsreise, 
eine reiche Fundgrabe von Thatsachen, die bei LGsung der orientalischen 
Frage dermaleinst schwer in die Wagschale fallen werden. Nirgends fehlt 
eine militärpolitische Wertsfhüt/ung der eo wi htigen Östlichen Länder- 
und Vulkermassen. Wer über das europäische Russland, das durch die 
Turkuiuauenbahn neu erschlossene und gekrilftigte Zentralasien, über beider 
Naturprodukte, da« Menschen- und Pferdeuiaterial sich eingehend unterrichten 
will, findet hier die wichtigsten statistiBdien Dftten. Der Reiz, den das Werk 
ansllbt, wird dnreh diarakteristiscbe Original-Zeiehnungen flbsr Volkatypen, 
Ansichten von Wohnorten, Werksenge, Waffen o. s. w. gesteigert; Feder 
und Stift fimdea sidi in ihm verständnisinnig. — Die Aosstattnng des 
Buches in Druck, Papier u. s w. ist ebenso Tomehm, wie die AnsfUhrong 
der karto^pbischen Beilagen sorgfältig nnd tadellos. 

Wir empfehlen das Werk der besonderen Beachtung jedes Politikers, 
welcher der Entwiokelnag der Dinge im Orient folgt, jedes Militärs, der 



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UoMkM &m IfiUtir-Iitlinlnr. 



138 



mit Kraftmessung von Faktoren sich befafst, die an dem nicht /n ver- 
meidenden grofsen Abrechnnogstage im Orient zur Geltung kouunen. 

0. W. 

Bilder aus der Gesehidite des Kadetten-Goiiis fttr Alt ond 
JnDg TOD V. Schaifeuoit, Hauptmann a. D. tind BifaKotfaekar 
AD der Haupt-Kadeiten-Anfltalt. Mit einer Ansicht der Hanpi- 
KadetteD-Anatalt Berlin 1889. E. & MitÜer ft Sohn. Preis: 
S Mk. 

Nicht nKadetten-Geechicbten* , wie diejenigen Winieifeldfs nnd 
OewaU*«, Mmdem gehaltToUe Iniltorgesdiiditlicbe Skiisen ans der Ver^ 
gai^fsnheit des KsdetUsfCorps, Tom Jahre 1710 his nir Osgenwart 

reichend, sind es, welche hier za «nem Bandeben vereinigt äind. Hand- 
■chrifUiche Aafzeichnni^en , dann viel nltere Memoiren - littezatnr 
(v. Barsewisch, v. d. Marwitz, Rhaden, Diericke, Corvin, Köppen t>. A.), 
endli« h eigen Erlebtes hat Verfasser mit Geschick benutzt, um die wich- 
ti^^felen Perioden der Geschichte des Kadetten- Corps zn diesen „Bildern" 
zu gestalten. Sie erinnern in etwas an Freit ag'h klassische „Bilder aus 
der deutschen Ver^'üugenheit"; wie diefie, dienen üie der Belehrung und 
Unterhaltnqg. Mit gleiehbleihendem Interesse haben wir diese frisch ge- 
adniebenen» von edlem vaterlHndisdi«! Hanche dnrdiwehten BIfltter ge- 
lesen, znmal dnn Schreiber dieses (selbst einst Kadet nnd dann in lang» 
jahriger LehrihBtigheit der Anstalt angehörend) diese Pisnistittfce des alt- 
preufäisclien Geistes der Treue, der Liebe zum Yaterlande, des Gehorsams 
und Pflichtgefühles gewisserroaf n nn das Herz gewachsen ist- Möge aie 
lilQhen zum Heile des Heeres und Vaterlandes bis in die fernsten Zeiten; 
dies ist unser innigfster "Wunsch. Dem Verfasser aber erstatten wir hier- 
mit fOr seine treffliche Schrift gern untrem wärmsten Dank« 1. 

Unser Kaiser and seine Familie. Eine Skine zum Dienst- 
ontenicht und znr Selbstbelebmog des preubischen Sol- 
daten Ton Hartniann, Hauptmann und Compagnieeohef im 
i, Garde-Regiment au Fufs. 2. umgearbeitete Auflage* 
Mit einem Bildnis Sr, Majestät des Kaisers und Ednige» 
Berlin 189a E. S. Mittler ft Sohn. Preis: 40 Pf. 

Diese Schrift verdankt dem Wunsche ihr Entstehen, die Mann- 
schaften im Dienstunterrichte «ber die Verwandtschaft der Hitglieder 
unseres Ktaigsbanses and ihre militärische Stellui^ su helehren; dooh 
bietet ne mehr; es ist in der Einleitung allerdings ein s^ kuzser, aber 
gut geschriebener Abrib der brandeabnrgiseh-pxeufiasehen Geschichte vom 
Jahre 1415 (die ersten HohenzoUeni) bis zur Gegenwart. Wir halten 
diese Gattung d«r Litteratur iin Interesse der Pflege echt vaterllndischer 
Gf'sinnnnp för eine sehr der Beachtung wtirdige, weil in genanntem 
äinne frachtbringende, einen der geistigen Hebel unseres Heerwesen«. — 



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IM 



UmioluHi in der Müit&r-Litteratar. 



Der geringe VxoM toü 40 Ffemugeii wiid der VerInniAiiDg diMsr Schrift 
Miwitlidi ftrderiieli arin, de ist desBen m voUem MaGm wflzdig. 

Ifltitiizioiii ed Esempi di Letteratura Militarc del Capitano 
Dionigi Roman etti gia Professore alla Öcuola di Gaerxa, 
5* Migliaio, seconda Edizione. Toriuo. L. Rotu. 1889. 
Das ganze Gebiet des tnündliclien nnd insbesondere des schriftlichen 
militärischen Verkehrs wird hier klar und eingebt nd Gehandelt. Nachdem 
im 1. Buche Bestimmung und Abfassung von Kath ( ni i^ lio), Ermahnung 
(ammonizione), Verwarnung (rimprovero), Gesucli (doumuda), Beschwerde 
(reclamo) und Verantwortung (ginstifidazione) betrachtet, werden, ün 
8. Badie: Ueldang (rapporto) und Bericht (relazione), mebeeoiidere di« 
ttbw Wafhntlifttoo,' daun die Anaeige (avriBo) und der &iegBberidii be> 
bandelt. Das 8. Buch betrachtet den Befehl (ordine), Inhalt und ESgea- 
im>ft*tf** (doti) des TegsbefehlSf der Meldekarte and des Berichts. 6ana 
besondere Beacbtong wird den Feldbefehlen (ordini campali) boKtlglioh 
deren Inhalt gewidmet. Hierbei wird deren Unterscheidung, nach der 
gröfseren oder geringeren Freiheit im Handeln, wel' he sie dem Arsfü^irenden 
lassen müssen, in drei Grade hervorgehoben ui 1 werden dann, die, bei 
Abfassung von Marsch-, Unterbringungs-, Gefechts-, Verfolgungs-, Ein- 
schliefsungs- n. s. w. Befehlen gebotenen Vorsichten (awertenze) ein- 
gehendst erwähnt. Mit gleicher Gründlichkeit und Sachlichkeit werden 
hierauf die VeihaltiingBWMsungen (istmitoni) und worauf bei deren 
ErteOnng m achten ist» behandelt. Das 4. Buch mn&bt die im Kriege 
vorkommenden ÜbereinkQnfte (oonvencioni) fOat WaffiBrnrnhe» WaffenstiUstand, 
Übergaben (capitolaiioniy, das 5. Bncb, die militftrieche Bedeknnst (eloquensa 
militare) und zwar bezUglicIi: Ansprache (allocuzione) , kune Anrede 
(arringa), Tagsbefehl, feierliche Bekanntmachung (proclama). — 

Mit rühmenswerter Klarheit und Sachlichkeit ist in dem 
höchst schätzenswerten Werke, das gesamte Gebiet des mündlichen 
und insbej-ondere des schriftlichen militärischen Verkehrs bebandelt und 
durch, mit grofsem Geschick und bienonartigem Fleifse aus» der Krieg^s- 
geschichte gesammelte und in sehr entsprechender Weise eingefügte 
Beispiele bestens unterstütit. Diese, mehr als des Werkes einnehmenden 
Beispiele sind banpttfkthlich den Feldattgen Napoleon I., der sardiniadi- 
paemontesischen besw. italienischen Armee (1848—1866), dem deoAsefa- 
dfimsehen Kriege, dem Kriege 1866 und insbesondere dem Kriege 1670/71 
entnonunen. Die ünterweisimgen (Istitnzioni) und die Beispiele (Ebempi) 
achliefsen sich den in den deutschen Armeen gültigen Grundsätzen eng 
an. Auch den Urteilen des Verfassers über die mehr oder minder ent- 
sprechende Abfassung der als Beispiele gebrachten Befehle n. s. w. kann 
im Grofsen und Ganzen nur beigetreten werden. Darin j»"rloeh, (Inft in 
dem vom General v. Göben, 12. Januar 1871, an die I. Aiinee erla.ssenen 
und i>ag. 194 angeführten Befehl, dem I. Armee-Corps für den Fall eines 
BückzugCi; mcht vorgeschrieben wird, ob dieser, auf dem rechten oder 



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UmMlim ia d«r Militif-LittanMr. 



185 



linken Seine-Ufer auszuführen sei, kann kein Mangel (pecca) erkannt 
werden. Spncht sich ja pag. 260 Beinen gediegenen Werkes der VerÜELSser 
aelbst adir riditjg dahin m, dß& jetzt, mit Recht» daa Prinxip vorimvBchet 
die allgemeiiM BttckangsHiile mir dm Aitnee-Ooipa-Koininaiidaiiteii bekaimfc 
zu geben und sie nicht sn Gegenstäodaa tob VotBchrifteo in den Befehlen 
xa maoheu. — Aiuetattnng, insbesondere Eitpier und Dmok des Werkes 
enteptediea dem Inhalte. Drnekfehler haben deh selten eingeschlichen, 
zwei dürften Erwähnung verdienen. Der p^. 52 angeführte Bericht 
Berthier's an Napoleon I. kann nicht am 16. November 1812 in Wirballen 
verfafst sein, da die Pere^^^na erst 27. November Uberschritten nnd 
Napoleon erst 5. Dezember das Kommando „über die Reste der giofsen 
Armee** an Murat übergab, voraussichtlich soll es Iß. Dezember 1812 heifsen. 
Der pag. 265 angeiübrte Armee-Befebl deä Pnuzen Friedrich Karl für 
das Zn. ArmeepCorpa wmde niofat 18. August bei ThioB^e, sondsm 
18. Angnat 1870 bei Vion^ille Yonnittags 11'/« Uhr erlaesen. 3S. 

Peilte Bibliotheqae de rArm^e frau^^aise. Pana - Limogea. 
Gh. Lafanielle. 

Aus dieser aaf 300 Bändchen berechneten Sammlang wurden den 
„.Tabrbflrbem" neuerdings folgende zur Besprechnng eingesendet: 1) L'Ar- 
mi^e allemande, son histoire, son Organisation ^ctuelle parle 
comii:aiidant Heuiuann. ödition revue et augmentte. Die.'^*» Schrift 
bezww kl eine gediangte Darstellung der Geschichte und Organiüaiion der 
deatbchen Armee. Als den alleinigen WertmeHHer solcher Schriften muTs 
man deren ZnrerUssigkeit inBesog anf Daten nnd Zahlen beteaditen; 
in dieser BBnsioht iSbt dieeeibe IMlieh viel la wünsohen. Die ge* 
sehifihtliehe EäoleitnBg wird seihet mBfsigea ABqprOcbeii nidit genflgeB; 
Anaaprilehe «ne; «PrstilhMi, begeistert dweh den Togendbnnd, warf sioli 
1813 in die Arme der Koallition und konnte uns. Dank dem eugUsoben 
Golde, 120,000 Mann entgegensteUen" — werden den naiven geschicht- 
lichen Stiuiilpunkt des Verfassers zur Genüge darthun. Die Schilderung 
der gegenv»\ii iigpn Organisation wimmelt von Irrtümern. Die Kopfslllrke 
des deutsclien beicbsheeres im Frieden wird (8. 82) auf 525,672 Mann 
berechnet, anstatt 492,242 (einschlit-rslicb Offiziere und Beamte); unter den 
Festangen werden aufgezählt: HUninguu, Düsseldorf, Duisburg, Pas&au, 
Bosenbeig in Franken, Marienberg bei Wttrzburg, Stettin, Marienbnig, 
Qrandens n. s. w.; unter den Polrer&briken figurieren die Namen Qnasclt- 
wita and Bbenbansen. Diese Proboi trerden genOgen. Den Bescblnb 
des Bfldbeldien madien Obersetsnngen der „Wacht am Bhean* und von 
„Heil Dir im Siegerkranz**. — 2) L'Armäe suisse, son histoire, son 
Organisation actuelle {)ar le commandant Heumann. 2* ^ition. 
Auch diese Schrift trifft der oben gemachte Vorwurf geringer Zuverlässig- 
keit. Anerkennenswert ist die ziemlich Itreit veranlagte geschichtliche 
Einleitung, dagegen enthalten die Angalien üljcr cIh gegenwärtige Organi- 
sation der eidgenössisohen Armee zahlreiche Irrtümer. Der kri^wissen- 



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136 



ÜBMhM in d«r lOUtli^LiMinlw. 



aehifUiche Wert diaMr Schrift ist folglich, ebenso wie der ad 1 genaBBioi, 

ein sehr fragwürdiger. — 3) Historique du II*"" bataillon de chas- 
senrs & pied 1854— 1889. Eine recht geschickt geschrieWno Geschichte 
dieses Truppenteils. Dersellje wurde am 2. Februar 1854 in Stralsburg 
errichtet in Stärke von 10 Corapagnien (einschliefslich 2 Depot-Compagnien). 
Die kriegerische Vergangenheit dieses Bataillons ist eine sehr reiche; von 
1856 — 59 titand m in Algier und nahm an vei'^hiedenen Expeditionen 
Teil; 1859 focht es mit Auszeichnung bei Magent» xmA Solfediio. Bei 
AiiBbraeli des Krieg» 1870 wiude es dem 3. fiamOneeben Corps zugeteilt 
nnd nahm ehreiiToUeii Anteil an den Sehlaobten und Gefechten von Bomy, 
B^tooTille (Uan la Tour), Saint Privat, Sarvigny and Ladonchampe. In, 
Folge der Eapitnlation von Metz geriet das Bataillon in Kriegsgefangeor 
echaft, wurde jedocb am 27. Oktober 1870 als 11. Marsch-Bataillon nea 
errichtet; als solches war es an den meisten Kämpfen des Loire-Feldzuges 
beteiligt. In der Sohlacht von Yillorceau (Beaugency) verlor es 8 Offiziere, 
300 Mann an Toten und Verwundeten, aufserdem 324 Vermilate. Nach 
Rückkehr aus der Gefangenbcbaft erfolgte die Reorganisation des Bataillons 
am 6. Sept^ber lö71. In den Jahren 1876 — 77 finden wir das Bataillon 
abermals in Algier, 1885—88 in Anam und Tonkin. Die Schilderung der 
Kämpfe gegen die 8diwat»>Flaggen iat beeondera eingebend bebandelt Dm 
Bataillon verlor wlbrend dea FeMzngee in AnamoTonkin S Offixiere nnd 
864 Mann, tdls im Gefeeht, teila daroh Krankbeit, insbeaoodere die Cbolera. 

Omreh Geaeti vom 24. Deaember 1668 iat daa Bataillon anf 6 Oom* 
pagnien verstärkt und in ein Alpen-Jägerbataillon umgewandelt worden; 
seine Standquartiere sind Annecy und Albertville. — 4) Loi du 15juiUei 
1889 sur le Eecrutement de rarniee; tome II. Decret du 28 sep- 
tembrp IP^'» rclatit aux engagements volontiiires et anx rengagements. 
Wortgetreuer Abdruck des Gesetze« über den freiwilligen Eintritt und 
die Wiederanwerbung in der Landarmee. 4. 

IIL Seewesen. 

MBlraltf md Herst* Omrdt Gmtli. Nr. Ifl: Der neoe danisefaa 

Kreuzer „Geiser** iat mit Thomycroft tnbolons boilflKS versehen, welche 
den Vorteil haben, gröbere Sioherkeit xn gewHbren und bei etwaigen 
Schäden schneller repariert zu werden. Der nächste Schritt zur Herbei- 
führung grolser Geschwindigkeit der Schifte liegt im Heizraum (Kessel- 
ranml da die Maschinen in ibron Konstruktionen den Kesseln bei Weitem 
voraus seien. — Nr. 274: Bemerkungen über die 110 Tons Ge- 
schütze der engliöchen Panzerschiffe Victona und Benbow. 
Hiemach haben sich die Rohre geneigt, jedoch ueien sie noch f^ig, ohne 
Qe&br 4 Fulii lange QeediOflBa in Irasm. Naeb YerBtatUohnng des 
Migor C. Jones in den Times sind aoa den Gescbtttaen der Victoria cwOlf 
acbarfe Scbfisse abg^eben, von denen vier Scbnb mit Ueiner Ladung 
sind, deren Reaaltat war: dab die Keile swiacben Bing«n fortgeachlendert 



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DoMhM itt Mflitb^Littnalar. 



wurden und das Geschütz mehr als 2 Zoll Neigung zwiaohen den SchUd- 
zapfen und der Mündung erhielt. 

Aray «ad Navy Gazettt. Nr. 1563: Die englische Admiralität beab- 
sichtigt an Stelle der FameisdiifiiB Klicier Kcostniktion, neu« Schiffe, wie 
Ansoa, Oamperdowa, Rodaoy and Howe, «oberdem 3 gepuaerte und 
3 bia 3 tingepanzerte Kreoaer in die Kanalflotie einioatellen. Aach 
8oU die AdaunJitÜ aUaa anffaiatoi, um den Mangel an tflebtigen Heisern, 
wie er rieh im vorigen Jahre bei den FlottenmanSTen heraiugeskellt hat, 
mf5j^lichst m beseitigen. — Zwei lordedoboote Gleaner und Grossamer von 
der Sharpshooter Klasse, aber von stärkerer Konslm^+ion sItiH nnf der 
Königl. Werft von Sheerness vom Stapel gelassen. — Nr. 1565: Angaben 
Uber die 110 Tons GeschÜtite der Victoria und des Henbow. 
Danach scheint man in mafsgebenden Kreisen gewillt zu sein, von der 
weiteren Anfertigung dieser MonstregeschUtze vorläuÜg Abätaud la nehmen, 
da flna aieh der Amubnie hinneigt, dab ao aehwere Geeditttae filr die 
StqumnaÜe der en gl iachen Flotte nicht erforderlich aiad. Nr. UM betont 
in einer längeren Aiu«inander8etanng die Notwendigkeit von KOnigl* 
Werften. Bei deaaalben honnt ea weniger darauf an, dafii aie ebenao 
billig arbeiten als Privatwerften, sondern es ist daa Angenmerk auf Heran* 
bildnng und Erhaltung eines tüchtigen Stammes von Werkleuten zu 
richten, die im Falle eines Krieges fähig sind, havarierte oder beschädigte 
Schiffe in kürzester F^^t wieder gebrauchsfÄhit' machen. — Nr. 1587: 
l^ach der neuesten liebtimmung der französibcheu Admiralität sollen die 
Panzerschiffe der ersten Reserve im Norden Franki-eichs ftets eine volle 
Besatzung erhalten, wahrend sie früher nur halb bemannt waren. 

Arar iii Nivy Jovrul. Nr. 19 zufolge ist für die Armee and 
Harine der novdamerikaaiaohen Freistaaten ein gldohea Signalayatem 
nach dem amerikaniaehen Horae Code eingefnhrt worden. Der Bao dea 
7500 Toaa grolaen PamtenohiffiM ist aiatlert worden. Nach angeSnderter 
Konstruktion wird dasselbe ein Deplacemrat von 9000 Ton^ and Uaaohinen 
von 13 bis 14000 indizierten Pferdekrftften erhalten, welche letztere dem 
Schiffe eine Geschwindigkeit von 20 bis 21 Knoten geben sollen. Die 
erste der Är die Verteidigung der Hafenmündungen von New-York und 
Boston bestimmten 15 Tong Dynamitkanonen ist Ende .Tanim d. J. 
fertig g08t«lU worden. Es sind 7 solcher Geschütze bei der Dyruurnt- 
Oescbütz-Compagnie bestellt worden, von denen 3 bei Soudy Hok Point 
(New-York), 2 in Fort Schugler, 2 in der Nuhe der Bafeumtlndung von 
Boaton placiert werden aollen. Der vielgenannte Dynamitkrenaer Tesnvina 
wird nieht froher vom nordamerikaniaehen Haiine-Departement flbentommen 
werden, bia aeine Maachinen 3500 indizierte PfbrdekrSfte entwickelt haben, 
und die Fähigkeit nachgewiesen worden ist, geladene Dynamitgeachoaae 
von 200 Pfd. Gewicht eine englische Pfeile weit in Intervalle von 15 bis 
30 Minuten gegen eine bewegliche Scheibe an feuern, während das Schiff 
^e\h&t sich in Fahrt befindet. - Auch die Japaner sollen mehrere Dynamit* 
geschutse zar Kttstenverteidigung in Beatellnng gegeben haben. — 



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138 



Dmaehaa in der UOitlp-Litlanitar. 



Wr. 23: die vom Oktolier Iiis Dfzfmber 1?*89 in New York versamiucken 
BevoUniüchtigten der Ktiäteuätaaten haben Bobtimmungen über das 
Ausweichen der Schiffe in See, sowie das Verhalten derselben bei 
Nebel und Fflhrong von liehteni vereinbArt 

MltteHiiHi wt im MIttt in Stumm. Hr. 1: Biae deataehe 
Überaetemig siu Nr. 150 des «Joamal of the BoynL United Service LisÜ- 
tution", betreffend den Vortrag über Kompasse an Bord dermodernea 
Kriegsschiffe, gehalten von Staff-Comni ander E. W. Creak, Superinten- 
dent des Korapafs Wesens der englischen Admiralität. Der Vortragende 
wies darauf hin, daCs die Kompafsfrnge auf den Panzerschiffen eine grolse 
Bedeutung für deren Navigierunj^ wie für da» Manövrieren derselben im 
Geschwader habe, und dafs sich aus der Notwendigkeit hoher Fahr- 
geüchwindigkeit der eisernen Schlachtschiffe die Forderung ergebe, die 
Schiffe mit Kompassen zu versehen, die ba möglichster Genauigkeit ge- 
eignet sein rnttsseui den dordb die mftehtigen Maechinen yeranaehteD 
Vibrationen und den dnrch das Abfeuern d^ schweren QeBohfltM bedingten 
StOfaen sa widenteben, weldie Bedingungen durch die^ rflckaidiüich der 
Vei-teilung des Eisen- und Stahlpanzers gestellten Anforderungen noch 
llberboten werden, so dafs die Lü.sung der Aufgabe immer mehr und mehr 
Sorgfalt und verstUndnifsvoUe Behandlung erlieischt. Der Redner schlofs 
mit folgenden Worten: Nach allem Gesapften erteilt uns wahres Wissen 
eine nie lu verpassende L#ehre: „Beoliathte die Deviation, wo immer es 
geht, schreibe sie nieder und studiere ihre Verfindei ungen unter ver- 
schiedenen Uoiiiständen, ähnlich wie beim Chronometer. Dann wird aucb 
eines Nachts bei finsterem, dicken Wetter der Lohn nicht ausbleiben und 
es miJglich sein, mit TemOnftigem Vertrauen den erforderlidien Kuis sa 
steuern, ohne Schaden fllr die dem Schiffe gestellte Aufgabe fürchten an 
müssen. — IHe Seebeh9rde der Vereinigten Staaten beabsichtigt, auf der 
League-Insel im Delawarestrom ein neues See-Arsenal .au erbauen. 
Dasselbe wird an 90 Seemeilen von der See entfernt sein und vom See- 
wasser nicht erreicht werden können, obwohl sich an dieser Stelle im 
Flusse ein Gezoitennnterschipd von ß Fnf?; (1,83 m) geltend macht. — Gegen 
feindliche Angriüe gcdchtttzt, für die Zufuhr von Vorräten günstig gelegen, 
soll die Aülaj^e <o hergestellt werden, dafs Schiffbau, Maschinen l>au, Her- 
stelhuig von Gestliül/xii in den Trockendocks und WerkstUtten getrieben 
werden kann. Die Herstellungskosten .sind auf rund 14,570,000 Dollars ver- 
anschlagt. — Beseichnnng der Fahrgeschwindigkeit englischer 
Kriegsschiffe: (Auszug aus der „Admiralty and Horse Quards Ghutette*). 
Die englische AdmiraliUit bat yerf%tT dals die Oeechvnndigkeit der in 
Dienst gestelHen Schiffe durch die Bezeichnungen »niediige oder gewöhn- 
liche" (ordinary), „mit Eile" (w'xih dispateh) und „mit aller Eile" (with 
all dispatch) geregelt werden sollen. Bei trewöhnlicher Geschwindigkeit 
dürfen die Maschinen nicht über '/» ^ei vollen Maschinenleistung erreichen; 
bei „mit Kile" nicht mehr als bei «mit aller Eile" ihre giöTste Leistung 
mit natürlichem Zuge entwickeln. 



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UmmImb fai dirllQllii^Illtantar. 



139 



Tbe illdstrated Naval and Military Magaiine. Nr. 14: Kapitel VIII 
der SeekrieghgeM liii lite, ihre Prinzipien und I'raxis, von Contre- 
Admiral P. H. Colomb; enthält die Seegeleobie und Schlachten zwischen 
den englischen, franzöaischen and spanischen Flotten in der zweiten Hälfte 
das 16. JabrliQiiderls. 

I¥. Verzeiclinis der znr Besprechung eingegaugenen 

Bücher. 

1. Die leiHgai Waffea, MiaUlta Mi SehMtaatbUiiBni der deuttchen 

llfaaterie. Auf Gmnd der BeKtimmunpen vom Jahre 1890. Mit 68 Ab- 
bildungen. Berlin 1890. E, S. miW-r <k Sohn, i'reis M. 1,20. 

2. Wat enthalten die SchielsvorschrlU und das Cxarzlar-Reglement 
{ur die Intanterie, Abdruck van 1889, Neues? Berlin 1S90. £. S. Mittler 

& Sohn. Treis 40 Pf. 

8. U Cmterlt iait la 6mrrt ■Htrie par A. A. Bxtnit de U 
^Bevue das Dsox-Mondes*. BaKger^LemiiH et CIs., iSditenn. Phris— 
Nsti^ 1890. 

4. Tfr^lliS 8t TtrplllMn des Nations liitraiigtees, tnin d'un AÜss 
des flottes enirsasdee ötrang^res. Par H. Barch ard , lieatenant de vaiasesn. 

Beicgtr-Lpvrmilt et Cie., Lihrdr K litrnrsr. Paris— Nancy. 1889. 

5. Oer Zsg der tO,000 Griechen bin zur Ankunft am schwarzen 
Meer bei Trapezunt, dargestellt nach Xonophon's Anabasi?. Von v. Treuen- 
feld, Hauptmann a. D. Mit 3 Karten. NaumbaiK a/S. Id90. A.6obiriDert 
Veriap^buchhandlunjj. 

6. Kleine Schieltvorschrlft für Offiziere, Unteroffiziere und Mann* 
flCbaftea. Auf Gmnd der Schiefsvorschrift und des Exenier-Beglementfi 
Ar la&aterie von 1889. Ißt io Abbildtiiigsii. PreiB 20 Pf. 10 Exem- 
plare k 15 Pf. Verlag der LiebePaehen Buefahatidliifig. Berlin. 

7. Dm Oimhr tt Md mIm ÜMltiM. Far den Unterriebt der 
MsBoaehafteo. Mit 29 AbbOdnngen. Preis 15 Pf. &0 Exemplare & 12 Pf. 
"Veria^T rl'^r Lieber ^-^Vkh Bufhliandhing. Berlin. 

8. Oaa lafanterle-Gewehr 88. Zum Gobmudi für die Mannschaften 
bearbf^itf'» von Transfeldt. 0ber,41ieutenant z. D. Mit 22 AbbUdongea. 
Berlin lö9u. i: S, Mittler A S,,l,n. Preis 15 Pf. 

9. Haadbuch für die Offiziere des Beurlaubtenstandes der Infanterie. 
T. Teil: Einleitung, Vill. Alsrlinitt: Waffen, Munition. Schiefsen. 
Subskriptionspreis des Werkes eiiiächlieLilich den Einbaudeb. M. 5. 

II. MlMMl OMMwr flMcMcbtt. Erste Abtailang: KOnigFrie- 
drieli des Orofse Ton Beinfaold Eoser, Professor an der üniversitBt 
Berlin. Stattgait 1890. Verlag der Ootta^sehen Buebhandlmig. Preis 4 M. 

II. INt IfMMliMtlltl BeMacte Ittai ZiMifcaapf tmter besonderer 
Berttcksichtignog des Offizierstande-s. Von einem nlteren aktiven Offizier. 
Nebst Anbang: Verordnung Uber die Efarengeriolite der Offiziere im 
preofsiscben Heere; stiafrechtlicbe Bestimmnngeii n. s. w. 4. umgearbeitete 



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140 



UBMbM in dtrlOUIIi^Littentar. 



und vurmehrie Aullage. Berlin 189U. Verlag von B. EueDschmidt 
Preis 75 Pf. 

II. lll|liMit wr It ttrviM in GtiMt 4t N tl it N. 

Imiirimeri« natioDal«. Henri Oh. Lavviiselle, libnire-Mitenr. 1890. 

tS. Ltf TrifeiMit ■irNtait am CftMilt. Parb und timogM. H. 
Ch. LaTaoswUe» ^tenr miliiain. 1890. 

14. D^ret du 14 Janfier 1889 portant Rftgicneit tir rAIMiMlNI 
et la Conptablliti det corpt dt trWH* 3* Mition. Paris— Limogee. H. 
Cb. Lavauze.lle, dditeur. 1S90. 

15. Dcti ion ministerielle du 8. Ortobr^ 1H89, portant Modifieations a 
la Descnptiou du 11 Aoüi 1865 sur 1' Uniforme de Ii Gtadartierie. Paris— 
Limoges. H. Ch. Lavaazelle, öditeur. 1890. 

16. Instruction pour les Coovoli Aipiat daet rArmie italieMt. Tra- 
daction fnu^jaise par le Oapitaina Sonlid. Ferie— limogae» H. Oh. Lavan- 
MUe, dditenr. lS9a 

17. Cti4t IIP It TIr d*liliattrit par B. Patte, eapitaine. Perb— 
Limoges. H. Cfa. LavaiizeUe» 4ditear. 1890. 

18. Ouatre homatl (8kobe1cfr— Brookc— Gnmt— Biel) par Angnstin 
QarvoD. Paris— Limoges. H. Ch. Lavauzeile. 

19. Estait de Criliqae Wilitalre par G. G. de la Noavelle K^vue. 
1. Etudn sur Clausewitz. II. Septenibre et Octobre 1806 — Juillet et 
Aoüt 1870. Supplümentä et pieces justificativee — 13 tableaux de Marcbe 
et 3 Cartes en oouleun». 2. ^ition. Paria. Librairie de la nouvelle 
Kevue. 

80. Natdbtch fir dit Mllltlr-AdMltlitnititit zusammengeeiellt nun 
Unterricht uuä Feldgebrauch von Sngen Lena, k. iL k. lieatenant- 
Becfannngifllfarer. I. Liefonuig. SperieU ftr SclnilgeliKaaeh und angehende 
Qagieten in der Beeerve. Prag. Im Verlage dee YerfaaBera. Freis 1 IL 
Bsterr. W. 

81. Oer poiaiich-rusalltht Krieg vei 1831. Von Hermann Kanz, 

Major a. D. Aüt n Plünon Berlin 1890. Verlag von Pr. Lnckhardt. 

88. Die Kalsertich Russischen Orden und Medaftten. Antorisierte 
deutsche Auspalie mit erlttnterndem Tfxte von August Deubner. Nebst 
einer Grofstolio-'Iafel in Farbendruck. Berlin. Verlag von A. Deubner. 
Preis M. 2,5Ü. 

23. Petite bibliothdqne da Taraifte franQtlte: 1. Loi du 15 juillet 
1889 snr le recratement de Tarmde; tome IL Dderet da 88 Sep- 
tembre 1889 relatif au engagements volontairee et ani rengagementn. 
8. Historiqne du 11^ bataillon de chaaaetira Ib pied» <~ Paris-^ 
Limoges. H. Ob. Lavantelle, dditenr. 1890. 

84. B^glement dn 15 janvier 1890 sur le Service du Chaufage daai 
Iti Ctrps de troope. Paris— Limoges. H Ch. Lavauzeile, öditeur. 1890. 

85. La date d'orlgine du Service nllltafre ^+ cplV <^u ras«ac<* dans 
les differente« categorie^ de l armce. — Les CORVOCatiOBt 4« ItBIft dB 
palx. Pari«— Limoges. U. Cb. LavaazeliCi editeur. 1890. 



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UmMhu In IGUIIi^Iittintiir. 



141 



26. SelbttltSndige Patrouillen. Eine Fordernng der Taktik der neuen 
Waffen und des rauchlosen Puh'ers. Von Georg Prh. v. d. Goltz, Haupt- 
mann. Berlin 1890. E. 8. Mittler & Sohn. Preis M. 1. 

27. Taktische und strategiseb-taktitcheAufgaben fdr Pelddienst-, Gefechtä- 
and Detachemontä-Übungen, Feld-Übungäreisea und für d&s Kri^sspiel. 
Von 8otth«ar, Major. Zweite veimelirto nnd verbesaerte An&ge. ICt 
3 PlSiien m Stemdroek. Berlm 1890. E. 8. Mittler ä Sobn. Fkeis H. 4. 

n. Ott Mtiritittn dtl Otiticlni IMcbn mit BrlSiiteriuigeii 
beranagegeben auf VttraiLlaMiiiig dea KBoigL FkenlaiacbeD Eriegsministeriaina. 
Neue Bearbeitmig. 2 Binde. Berlin 1890. E. S, Mittler Sobn. Ptds 
M. 27. 

29. Sytteai des EIntcbwInBieat voi Kaviilerie-Plerdea. Von H. v. Hart- 

mann, Premierlieutenant u. «. w. Berlin 1890. Verlag von A Batli 

30. Zum Gedächtnis Ihrer Majestät der entschlafenen Kaiserin und 
Königin Augusta. Rede gehalten im Augusta-Hospital bei der Al^^^ndfeier 
am 13. Janoar 1890, von D. Emil Frommel, Uoi'prediger und Gariiison- 
pt^rrer von Berlin. BerUn 1890. £. d. Mittler & Sobn. Preis 40 Pf. 

31. fiitchicMt dtl Milillcb Pmlilicitt Sardt-Pltiltr-Batallltit. Auf 

dieaatlu^eVeraolaaBaogbearbtttet TonMersmann, Preiiiierlieateiiantn.a.w. 
Mit dem BSldnia Sdner Miyestilt dee Kaisers nnd KOnig» mehreren Karten 

nnd Abbildungen. Berlin 1890. E. S. Mittler t Sobn. Preis M. 7. 
3S. tetcbichte des Colberg'schen Grenadier-Regiment! Sraf AidiMai 

(2. Pommersches) Nr. 9. 1842 bis 1889. Im Anschlufs an v. Bagensky's 

„Geschichte de? 9. Tnfanterie-Regiin^'nt'--. genannt Colberg'sches." Auf 
höheren Befehl vpitafst von Petermann, Hauptmann und Comp.-Chef. 
Mit einem Bildnis, Karten und Plänen. Berlin 1889. E. 8. Mittler & äohn. 
Preis M. 8,50. 

13. The Braln Of ai Arny« a populär account of the German General 
Staff, by Spenser Wilkinaon, antbor of ,|OitiBen aoldien*. London. 
MacmÜlan and Oo. 1890. 



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igHlPHtfiBliQÜBl'lÜ!^:!] 



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»Van dM L»b«iii OAteta allni bldU d«r Ruhm du HBdute doch, 
bt d«r Leib in Stwib MiHdlcii, tobt der gvibe Maine oMh." 

(SdJlkr.) 

Am 31. Mai werdeu 150 Jahre vergangen sein, seit jenem 
Tage, da Preufseas uuvergeOsUciier König, jb^riedricli der Grofee, den 
Thron bestieg. 

Der 31. Mai 1740 ist rincr der grofsen Marksteine 
unserer Geschichte, denn l'Vu drich war es, dessen Thatkraft 
den Staatshau des Königlichen l'reufsens so stark gefe«tr«t hat, 
dafs derselbe, allpTi Stürmen der Zeiten trotzend, das Fundament 
werden konnte, auf dem in nnseren Tagen der stolze and mächtige 
Bau des wiederum geeint'^n deutschen Reiches errichtet worden ist 
Ii] seiner Person und seinem Charakter verkörpern sich alle jene 
Eigenschaften, die den preufsischen Staat grofs gemacht haben: 
seine Heldengestalt ist das leuchtende Vorbild der llohenzoUern 
geworden, sein Tyeben und Wirken bezeichnet den Weg, den Preufaeua 
und nun All- Deutschlands Geschichte nie verlassen wird. An 
Friedrichs Leben und Thateu hat sich, nach der durch die 
GrSuel des 3Üjährigoii Krieges erzeugten grenzenlosen Zersplitterung 
und Wehrlosigkeit des alten Reiches, das tief gesunkene National- 
gefülil der Deutschen wieder aufgerichtet. »Friedrich hat,« wie 
em neuerer TTistonk* r treliond äufsert, »mit seinem welthistorischen 
Krückstock, ^'leich »'nirm zweiten Mosesstab, aus dem verdorrten 
und steinigten Boden unseres Nationallebens den lebten digfii Quell 
herausgegchlagen, d^sen verjüngende Kraft das an seiner welt- 
geschichtlichen Bedeutung schon verzweifelnde Volk der Deutschen 
wieder fähic^ gemacht hat, eine Nation zu werden!« — Das wird 

«Ahtbickcr Iv Jl* 0»a<Mlw Ar«*« m4 ItariM Bd. LUV. }. 



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148 Zur UOjllirisflit Mankfoisr 

und kann ihm dieses nie vergessen. Damm wird nicht Preufsen 
allein, nein das gesamte deutsche Vaterland, am kommenden 
31. Mai des tGrofsen Königsc mit Empfindungen der ehrfurchta- 
vollsten Bewnndernnsf und Dankbarkeit gewifs tredenken. 

Möge es auch uns verstattet sein, zu diesem denkwürdigen 
Tage ein bescheidenes Erinnerungsblatt, den geringen Zoll unserer 
nie erlöschenden Verehrung, am Denkmal des Grofsen Trrt^n 
niederzulegen. — Nicht bezwecken diese Zeilen, die unvergleii-hlichen 
Thaten des grofsten Mannes seiner Zeit, der Gröfsesten Kiner 
aller Zeiten, eingehend 7.\\ schildern, ihn darzustellen im Glänze 
seiner Siege und in jenen trüben Tagen, da Prenfscns Heer und 
Volk rettungslos verloren schienen, dann seine ru-tlose P^riedens- 
arbeit bis zum Ende seiner Tage — das bleilie lierufenercr Feder 
überlassen. Erinnern nur woUeu sie an 1 rieih iclis H(ddenlaufbahn, 
von jenem Tage, an dem er vor 150 Jaliren unter hangender Er- 
wartung seines Volkes den Thron bestieg, bis zu dem verhängnis- 
vollen 17. Angust 1780, da er, nueh vollbrachtem Lebenswerk, 
die müden Künigsaugen zur ewigen Ruhe «ohlofs; erinnern wollen 
diese Zeilen nur daran, wie dem 'irofsen Manne die Zeitgenossen 
gerecht geworden sind, und die folgenden tJ eschlechter sein 
Andenken treu bewahrt haben, anf dafs das lebende Geschlecht, 
dem es ja beschieden ist, die Früchte zu ernten der Saat, die er 
gestreut, die Ehrenschuld der Dankbarkeit ihm zu erstatten 
nicht vergessen möge! 

150 Jahre preufsischer nnd deutsclier Geschichte sind es, auf 
die wir heute jniruckldicken; eine geringe Spanne nur im Strom 
der Zeiten, und doeli, welch' mühevollen Weg bedeutend im Eint- 
wickelnngsgauge un^•ere8 Volkes. — 

Als Friedrich in dem jugendlichen Alter von 28 Jahren die 
Zügel der Regierung ergriff, ii^ternaiini er, glücklicher wie sein 
Ahnherr der Grofso Kurfürst llMJ Jahre zuvor, einen tretflich orga- 
nisierteu Stallt, einen gefüllten Staatsschatz und ein vorzüglich 
ausgebildetes, treu gehorsames und Mhlagfertiges Heer von 83,UIK) 
Mann. Aber nur 2'/* Millionen Bewolmer zählte Preufsen, damals 
eine Macht kaum zweiten Ranges, auf 2275 Geviertnieilen inner- 
halb seiner lang gestreckten Grenzen, von der Memel bis zur Maas, 
Der räumlichen Ausdehnung nach bedeutete Friedrichs Königreich 
wenig mehr als ein Drittel des heutigen preulsischen Stsiatsgebietes, 
während dessen Seelenzahl nur den 13. Teil der jetzigen Bevölkerung 
betrug! — »Es wai' das Übelste.« schreibt Friedrich in seiner 
»Histoire de moa temps« (Oeuvres Ii. 47), »dals der Staat keine 



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der Thfoobettdigang VxMiMm 4m Qtdbm, 144 



regelmifeige Gestalt hatte; Provinien ohne Breite und aocaeagen 
umher gestreut, reiehtea sie tod Curland bis Brahtni Diese dnreb- 
schnittene Lage Terrielfachte die Nachbarn des Staates* ohne ihm 
Bestand sa geben, nnd hatte snr Folge» dab derselbe bei Weitem 
mehr Feinde sn fttrchten hatte, ab wenn er abgemndet gewesen 
wSre. Prenfeen konnte damals nur handehi, in dem es sich anf 
Fmnkreieh oder England sttttste.« — So hitaaci sieh der König 
Uber Preniaens Lage im Jahn 1740; nnd in seinen Worten liegt 
die Bichtechnar seiner Thaten. Sollte PreoCsen Bestand haben, 
ein Staat werden im ToUen Sinne des Wortes, so mnlste diesem 
Gmndmangel abgeholfen werden; Prenfsen war tu klein far die 
seiner harrenden Anlgaben, m arm for die Anforderungen, welche 
diese stellten. Wenn demnach Friedridi ffir die Erganznng der 
lenisaenen Lage seines Staates den Schild erhob, so trieb ihn 
Höheres als eitle Ruhmbegier allein; die Grundbedingungen 
jeden Staatswesens sind es, für welche er in Schlesien die Ansprflche 
seines Hauses geltend machte. Nur ein Gedanke war es, der ihn 
begeisterte: Die Grölse Preofsens auf sich selbst wa grfinden; 
denn das deutsche Reich jener Tage ging nnaulhaltsam seiner Auf- 
lösung en^egen; eine dnheittiehe Macht, jeden Staates erste Be- 
dingung, gab es nicht! Obawar Friedrich, im Drange seiner Lage, 
gegen Kaiser und Reich m Felde zog, so hat er dennoch deutsch 
gewirkt, denn er befreite in aiebenjShrigem Heldenkampfs Deutschland 
von der französucheai Abhingigkeit! — Das war eine deutsche 
Tbat; ja noch mehr, er gab dem deutschen Volke durch den 
7jährigen Heldenkampf und indem er Preulsen mr Ghrolsmacht 
erhob, Vertrauen anf die eigene Kraft zorack! 

Friedrich war sich*, ah er zum ersten Mal za Felde zog, des 
Gefahrfollen seiner Lage voll bewuM. Der Vermehrung des 
Heeres galt folglich seine erste Regentensorge. »Ich habe,c 
schrieb er an Voltaire, >damit ai^efangen, die Kräfte des Staates 
mit 16 Bataillonen, 6 £skadrons Husaren und 1 Eskadron Garde 
du Corps zu vermehren.c Aber neben den materiellen vergab er 
die moralischen Hehel nicht, denen er vor Allem seine Siege zu 
▼erdaukeii hat. In diesem Sinne erhielten die Fahnen und Standarten 
seines Heeres den Wahlaproch: Für den Ruhm und das Vaterland 
fsPro gloria et patria«), wurde der bisherige, wenig geachtete Orden 
de la gen^rodt^ in einen »Vordienst- Orden«, den Orden »pour 
le m^rite«, umgewandelt, durch welchen der König hervorragende 
Thaten säner Offiziere belohnen wollte, und welcher seither die 
begehrenswerteste Ansceichnungdes preolsischen Offiziers geblieben 



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145 



Zw 160JI]iilgm CMmdMar 



ist. — Oer Pflanzschale des (Jftizier-U >rps, dem Kaiietten -Corps, 
gait die erste der in den »Oeuvres militaires's mitgeteilten In- 
struktionen. Der König befiehlt dem Oommandeur »den Cadets 
eine vernünftisre Am bitiou beizubringen; demnächat aber ihnen, 
gleichsam von der ersten Jugend an, eine gewisse Liebe und Iloch- 
achtung für den prenfsiscbeu Dienst einzaprägen, dergestalt, dals 
die Idee, als ob kein besserer Oienst in der Welt sei, wie der 
preufsische. gleichsam mit ihnen au 1 wachse und ihnen fest impri- 
miret weiile.« Der König erzog sich auf diese Weise ein Offizier- 
Corps, wie e8 keine andere Armee dem ähnlich hatte. Em Veteran 
jener Zeit, der im fahre 1837 verstorbene General v. d. Mai-witz 
urteilt von demselben wie folgt: »lu der That hat es nie eme 
Institution gegeben, in wehher das Rittertiitn ähnlicher wieder 
auigeiebt wäre, als iu dem Offizierstande Friedriclis II. Dieselbe 
Entaagunt? jedes persönlichen Vorteils, jeden Gewuinsles, jeder Be- 
quemlichkeit — ja jeder Rei^ehrlichkeit, wenn ihm nur die Ehre 
blieb; im Herzen PHichtgetülil und Treue, für den eigenen Leib 
keine Sorge; dagege n jeder Aufopferung fähig für seinen König, 
für sein Vaterland, für seine Kameraden, für dio Ehre der preufei«cben 
Waffen!« — Allzeit aber ist der Geist d»^h Offizier-Corps be- 
stimmend gewesen für den des ganzen Heeres. Nur zu solchen 
Offizieren durfte der König, bei seiner Abreise nach Schlesien zu 
Beginn des 1. scblesischen Krieges, die bekannten feurigen Worte 
sprechen: »Ich habe keine anderen Verbündeten als Ihren 
Muth und Iliren guten Willen; meine Hilfsquellen sind in uns 
selber, und der Ausgang hängt vom Glücke ab. Ihr Schicksal 
liegt iu Ihrer Hand, Auszeichnungen and Belohnungen erwarten 
Ihre tapferen Thaten, die sie verdienen ' sollen . . .« — »Die 
Entschlossenheit und Seelenkraft des Königs, c sagt das 
Werk des preufsischen (ieneraUubes, »mufste auf sein Heer über- 
gehen; sie erfüllte dieses mit einem Vertrauen anf die eigene Kraft, 
das an Spartas und Roms schöne Zeiten erinnert . . . .; er ver- 
zweifelte nie ganz, und deshalb tand er immer noch neue Mittel, 
Widerstand zu leisten, wo Alles schon verloren schien. Dieser 
Hebel, der mächtigste von alleu, wirkte selbst auf die Rekruten, 
die er uub dem feindlichen Lager erhielt; er verband die verschieden- 
artigsten Men>c}n 11 zur Aufopferung für Zwecke, die ihnen völlig 
fremd waren, mit Preufeens vaterländischen Scharen.« — Darum 
konnte der König mit berechtigtem Stolze dem Grafen Podewils 
zwri Tage naeh der Siegesschlacht von lluhenfriedberg schreiben: 
»Die besten Ailurteu, so wir haben, seind ansere eigenen 



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der TbzoDbettaigiing FMridu d« Groten* 



146 



Truppen! € Und der Grätin Camas: »Der Vorsehting and 
meinen gnten tapferen Offizieren verdanke ich mein 
Glfick.« 

Friedriche Geschichte lehrt uns, dafs jeder Staat Tor Allem 
anf sich selbst nnd sein eigenstes Wesen sich stützen mufs, doch 
im Anschlole an den mächtigsten Verbfindeten, die Macht des 
Geistes! 

Zwei glQckUcbe Kriege bereicherten den Staat am eine Provinz; 
aber der Ausgang der en^teren war nicht so entscheidend, dafs 
sich Friedrich in seinm Besitstnm sicher fühlen konnte; er kannte 
die Anschläge seiner Gegner, übersah die Verhältnisse und wog die 
Kräfte, die sich messen sollten. — Nur über 3Vi Millionen Menschen 
hatte Friedrich im Jahre 1756 in den Grenzen seines Königreiches 
za gebieten, während die Staaten, deren Fürsten ihm den Untergang 
bereiten wollten, deren über 90 Millionen zählten. Aber Friedrich 
glaubte fest, wie eimit ein geistvoller Kanzelrcdner von ihm sagte: 
>an Gott und an Prenfsen, als ein Land der Vorsehung, 
eine Schöpfnng, die nicht untergehen könne und werde.c 
Für diesen Gedanken begann er den nngleidbien Kampf um »Sein 
oder Nichtsein seines Hauses«, wie er ihn nach den Tagen von 
Pirna und Lowositz dem englischen Gesandten Mitchell gegenüber 
nannte: den Kampf: »gegen nahezu Europa, welches gegen mich in 
Aufruhr ist«; also schreibt er gegen Ende des dritten Kriegsjahres 
dem Könige von England. Sieben Jahre rang Friedrich, mit ihm 
sein treues Heer und Volk, gegen eine Welt in WaflFen mit 
nnerschütterlicher Spannkraft und Willensfestigkeit. — Lenchtcnder 
denn je trat Preufsens Stern aus dem Unheil drohenden VVetter- 
gewolk hervor, diis gleichzeitig von allen Himmelsgegenden her am 
politischen Horizonte aufgestiegen war. Er blieb Sieger, der un- 
vergleichliche König, den die volle Anteilnahme des preufsisrhnn und 
dcntscheu Volkes trug und durch alle VVecbselfalle des Tjiilirigen 
Heldenkampfes begleitet hat. Was, darf ninn fragen, wäre aus 
Preufsen, ans Deutschland geworden, wenn Friedrich sich nicht 
gegen das grofse Bündnis seiner Feinde von 1757 behaiiptet hätte, 
wenn er unterlegen wäre, wenn die Küssen sich m OstprenÜBen, 
die Franzosen am Niederrhein und in Belgien sich festgesetzt, die 
Schweden ganz Pommern erworben hätten, Schlesien verloren ge- 
gangen wäre. Selbst der westfälische Frieden wäre für das 
prenfsische und deutsche Volk kein so tötlicher Stöfs geworden, 
wie der Friede, den diese Sieger zweifellos ihm aufgezwungen 
hatten« 



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147 



Zar 150jibdgea Gedenkfeier 



Ungeschmälert in seiuem Be.sit/-stiiiide, doch mit höchsten 
Ehren ging Preufseu ans dem unfrleiclien Kampfe hervor, aber (der 
König selbst sagt es in seinen Schritten): »in der Gestalt eines 
mit Wunden ■ bedeckten , durch Blutverlust geschwächten, ftist der 
AVucht se'iner Leiden erliegenden Mannes.« Die Hilfsquellen Fried- 
richs waren nach und nach versiegt; »es bleibt mir nur noch 
die Ehre, der Rock und der Degen «, äufserte er un- 
gebeugten Mutes nach der Schlacht von Torgau in einem Briefe an 
die Gräfin Camas; Trümmer nur der stolzen Regimenter, mit denen 
er 7 Jahre Europa die Spitze geboten hatte, kehrten in die Heimat 
zurück. Die Furchtbarkeit dieses Krieges kann man sich vergegen* 
iirartigcn, wenn man die Opfer bedenkt, welche er gekostet hat. 
32 Generale^ im Ganzen 1500 Offiziere and 180,000 Mann waren 
gefallen oder ihren Wnnden erl^en; man bedenke: fast daa FOnf- 
fsche des VerlnsifiB der deutschen Einiguugskrtege von 1864, 66 
und 70/71; und derselbe traf ein nur von 3 Vi Milfionen Menschen 
beyölkertes, voUig verarm tee Land! Mit bewunderungswQrdiger 
Hingebung hatte Prealseiis Volk — Adel, Bürger und Landleute 
in gleichem MsJse — die Lasten des endlosen Krieges getragen; 
nichts hatte es als Siegespreis dayongetragcn , als das Bewufst- 
sein der hewihrten eigenen Kraft; ja, die Siege Friedriche 
waren zum deutschen Nationalstolze geworden, wie Goethe selbet 
hezeugt Vor Allem stand Friedrich in seinem Heldentum ver- 
henrlicht da. Er verdient im reichsten Mafee jene enthusiastische 
Anerkennnng, welche ihm das grofste Schlachtengenie der neueren Zeit, 
Napoleon, gezollt hat: »Ffirwahr, nicht Preofsen hat einen 7jährigen, 
ungleichen Kampf gegen fast alle Mächte Europas geführt, sondern 
Friedrich d^ Grolse. Er war grofs, grols zumal in den ent^ 
scheidendsten Augenblicken seines Lehens; einen Finger meiner 
Hand wollte ich geben, wenn ich zehn Minuten mit dem Helden 
▼on Leuthen sinrechen k9nate.€ 

Sein in dieser schweren Zeit bewahrter heldenhafter Sinn, 
sein hohes Pflichtgefühl, seine Vaterlandsliebe, sein 
Gottvertranen, von denen zahlreiche Briefe beredte Kunde geben, 
sind das Beispiel geworden für alle künftigen Geschlechter! 
In der ErflUlung seiner hohen Königlichen Pflichten fand er daa 
Mittel, nicht zu unterliegen. »Wenn es sich um Liebe zum 
Vaterlande, um Eifer fnr seine Erhaltung und seinen Ruhm handelt,« 
schrieb er begeistert wenige Wochen nach dem Unglflckstage von 
Kollin, »80 gehe ich darum mit der ganzen Welt einen Wettkampf 



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der Titioftbertaigagg Fiiaddehi im Grobn* 



148 



ein uuii werde diene Gefühle bis zum letzten Hauche meines Lebens 
be wahre D.« 

« 

Die zweite Hälfte von Friedrichs liegieruug ist (mit geringer 
Unterbrechung durch den thatenlogen bayerischeu Elrbi'olgekri«^), 
der Friedeiisarbeit nui ^jowidmet. — »Die Fürsten müssen«, sagt 
der König einmal, »dem Speere dm Achilles gleichen, welcher das 
Übel verursacht und zugleich wieder heilt.« — Friedrich führte deo 
Krieg nur am dt* Friedens willen. Sein Bestreben blieb es, nun 
auch für die Wohllalirt des Landes, dessen Mehr er er geworden 
war, mit der ihm ei;^'enen rastlosen Thätigkeit zu sorgen, das 
Beste seines Staates und Volkes zu fördern, Mifshräuche der Ver- 
waltung /.u beseitigen, den WohKstiind zu heben, Knust und Wissen- 
schaft zu pflegen, das Heerwesen zu stärken und zu bessern. Von 
dieser <j:Ktuzenden , genugsam bekannten Regenten -Thätigkeit sei 
hier ii;n au die äufserci) Machterfolge kurz erinnert. Der 
Flächen rauiu des Staates stieg auf H500 Geviertmcilen mit 
57a Mil»ionen Einwohnern. Die Stärke des Heeres, welches er bei 
seinem Tode hintvrliefs, betrug mehr als d as Do p pelte derjenigen 
des Jahres 1740. nämlich 191,000 Mann. — »Ich will l»is zum 
letzten Atem^>ige tli'- Pflicht eines Königs thun,« äufserte Friedrich 
einst kurz vor seinem Lebensende in schwerer Krankheit zu einem 
seiner Ärzte. Wahrlich, er hat sie gethan, keine Arbeit scheuend, 
auf jeglichen Genufs verzichtend, mit einer Ausdauer und Auf- 
opferung, die nicht übertroffen werden können. Pflichterfüllung 
und unbedingte Hingebung an den Dienst des Staates, 
das war es, was er aber auch von der Gesamtheit seines Volkes, 
vornehmlidi seinem Heere, forderte. Dem Staate, dessen ersten 
Diener er sich nannte, galt sein Sorgen und Denken mit einer 
Energie, welche seine Zeitgenossen, selbst in den fernsten Landen, 
bewundernd anerkannten, am dankbarsten aber sein eigenes Heer 
und Volk, denen er Sein erhabenes Vorbild als unveräufser- 
liche8 Erbe hinterlassen hat. 

Gratae Geister wirken auf ihre Zeit nicht dnrch ihre Thnten 
allein, mehr noch doich das ganae Eigenartige ihrer machtrollen 
Persdnlichkeit« 0ie8 «mpfiuid auch das prenfinsche nnd deatsche 
Vdk dee 18. Jahrbmiderta» Ec anh in Friedrich nicht nnr den 
mknigekrdnten Herrscher nnd Feldhemi, aondem ebensowohl 
den weisen Gesetzgeber, den Beschtttaser des Rechts nnd FSrdeMr 
des Gemeinwobls in seinem Staate, ja noch mehr, den Bahn- 
breeker einer neuen Zeit für Prenisen nnd Dentsehland, 



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149 



Zur IfiOjihrigen GedenkÜBier 



Wie mächtig das uationale Bevvulktseiu, vor Allem in Preodaen 
selbst) gewachsen war, bezeugt u. A. eine wenig gekannte Ansprache 
des Sekretärs der Akademie der Wisaeiiscliaften , Formey, an den 
Grofsfürsten (späteren Kaiser) Paul von Russlaud ain 24. Juli 1776. 
»Ich bin überzeugt,«: sagte jener, »drifs Ihre Kaiserliche Hoheit sich 
bis an 's Ende Ihres Leben« Gluck wünschen werden, sagen zu 
können: Ich habe Friedrich gesehen, ich nähre in meiner 
ßrnst den Ausflufs seiner grofsen Seele; ich habe mir seinen mehr 
als menschlichen Charakter eingeprägt und ich mache mir eine 
Ehre daraus, dessen Ausdruck darzustellen.« — Der Berliner Buch- 
händler Nicolai, Herausgeber der »Anekdoten aus Friedrichs Lebens, 
sagt im Vorwort zu denselben: »v^renn ich über viele, wichtige 
Gegenstände irgend Etwas weifs, über Glaubensfreiheit, Aufklärung, 
Sittlichkeit, Handel und Gewerbe, über den Charakter der Nationen 
und dessen Triebkräfte, so lifil n ich es ganz allein meiner be- 
ständigen Beobachtung dieses iiu Frieden noch mehr als im 
Kriege thatenreichen Mannes und meimr Auiuierksamkeit auf 
dessen Verfügungen zu danken.« — Doch auch die gröfsten Geister 
unseres Volkes konnten sich diesem Eindruck nicht entziehen. »Wenn 
ein grofser Mann auf Fnropa mächtig gewirkt hat,« sagte Herder, 
»so ist es Friedrich gewesen. Als er starb, schien ein hober 
Genius die Erde verlassen zu haben.« Und Goethe: > Betrachtet 
man genau, was der deutschen Poesie fehlte, so war es ein nationaler 
Gehalt. Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt 
kam durch Friedrich den Grofsen und die Thaten des 7jiibng(_'n 
Krieges in die deutsche Poesie. Friedrich haite diu Ehre eines 
Teiles der Deutschen gegen eine verbundene VN'elt gerettet, und es 
war jedem Gliede der Nation erlaubt, durch Beifall und Verehrung 
dieses grofsen Fürsten 'itil an seinem Siege zu uebmen. Er war 
der von Norden her leuchtende r'olurstorn geworden, um 
den sich Deutschland, Europa, ja die Welt zu dreiien 
schien.c 

Was Friedrich seinem Volk und seiner Zeit gewesen, das 
offenbarte sich mit elementarer Starke, aU an jenem 17. August 
1786 die Kunde vom Tode Friedrichs durch diu Laude ging. Zeit- 
genössische Berichten sagen: »Jeder, vom Throne bis zur Hütte, 
stand bang und betroffen, wie wenn etwas Einziges, Unersetzliches 
durch eine furchtbare Naturbegebenheit untergegangen wäre. Kein 
Feind frohlockte über unseren Verlust, denn die Ehrfurcht vor dem 
grofsen Toten war so allgemein, dafs auch das Ausland den grofsen 
Sei merz mit uns teilte. Wie Pi eufsen um seinen König, so 



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d«r Thio&b«it«igniig Friedrichs dm GrofMii. 



150 



trauerte die Welt um ihren Helden!« — Boyen berichUjt in 
seinen »Eriuneruugen«, er habe, als die Nachricht vom Tode 
Friedriche nuh Könitrsbprj^ kam, »Mäuuer, denen jedes weichere 
Gefühl fremd scbn'n, weiueu sehen wie Kinder. € Die Berliner 
Zeitungen aber meldeten das Hioscluiilpn des angebeteten Kutiigs 
mit folgenden sc hinerzerfullteu Worten: »Wenn die allergerechtest« 
Bewunderung reden will, so macht der allergerechteste Schmerz 
verstummen. Sein Volk betete Ihn an, Europa suchte Ihm 
nachzuahmen, die Welt bewunderte Ihn, und die Nachwelt wird 
erstannt die Geschieht« Seiner Thateu kaum glaublich finden. 
Wenige Könige waren so grof« wie Er, noch weniger so gut wie 
Er, kaum Einer so grofs und gut zugleich wie Er! Wer Gefühl 
für Geistes Gröfse und für Thütigkeit zur Beförderung 
für Mensc-hengliick hat, wird seinen Namen nie anders als 
segnend aussprechen!« — Der österreichische Staatskanzler, 
Fürst Kaunitz, rief bei der ersten Nachricht seines Todes: »Wann 
wird Deutschland wieder solch^ einen König erlialtenlc ünd 
Johsmnes v. Müller, der Geschirhfeforscher: vWo ist nun das 
Land, wo das Volk und das Jahrhundert in der alten und neuen 
Zeit, das stoiz sein dürfte auf einen Weisen, der besser gehcri-scbt, 
auf einen König, der besser geschrieben, ja wir m ruhten hinzu- 
setzen: das stolz sein dürfte auf einen gröfsereu Mann!!« — 
Nach dem Tode Friedrichs, wir wissen es, kamen 20 .lahre 
des Niederganges über E*reufsens Volk und Heer. Freilich: 
»Nur ein Königlicher Feldherr oder ein reformatorischer Gesetz- 
geber,« sagt Treitschke in seiner »Deutscheu Geschichte des 19. Jahr- 
hunderts,« »konnte das Erbe Friedrichs ungeschniäli rt behaupten.« 
»Die Nachfolger Friedrichs aber hatten,« wie ein tianzösischer 
Staatsmann schon iiu Nuvember 1805, also vor dem Einbruch der 
Katastrophe von 180(5 äuJSserte, »Geist und Grundsätze seiner Re- 
gierung nicht bi'gnücu.« Das Heer z»du-te vom Ruhme der ver- 
gangeucn, grolsen Zeit, deren Formen es bewahrte; doch der 
Geist, der es einst zum Siege geführt hatte, der Geist Friedrichs, 
beseelte es nicht mehr. hatte geglaubt, im Gefühl seiner Uu- 
übertreflnichkeit ruhen zu dürtcii, niclit um sich geschaut die 
Jahre, in dunen ?irh ein gänzlicher Umschwung in der Kriegskunst 
vollzog; so erlag das Heer seinem Geschick auf den Gefilden von 
Jena und Auerstädt, weil es das Krbe Friedrichs schlecht gehütet 
hatte. — Als die unvergefsliche Kuuigiii Luise nach jenen Uuglücks- 
tageu dem iilfermütigen Sieger gegenüberstand, sagte sie ihm würde- 
voll: »Dem Kuhrae Friedrichs des Grofsen war es wohl gestattet^ 



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löl 



Zur lÖOjähngcn Gedenkfeier 



Über unsere Krilfte uos sn täoBcben.« Ihren ältesten Sdhnen aber 
(derni Einer nachmals Kaiser WUhelm) sagte sie einst in jener 
schweren Zeit: »Lasset Ench nidit von der Entartung nnseres 
Zeitalters hinrei&en, werdet M&nner und geizet nach Böhme 
grolser Feldherren und Helden. Fehlte Ench dieser Ehrgeiz, 
so würdet Ihr nicht werth sein, die Enkel des grofsen 
Friedrich sn heifsen.« — »Diese Worte,« sagt Bogge in seiner 
Lebensbeschreibung Kaiser Wilhelms, »sind seitdem der Leitstern 
des Prinzen Wilhelm gewesen, und .überraschende Anklinge an 
dieselben kann man aus den eigenen Äuiserungen des q^teron 
KSnigs und Kaisers Wilhelm in den grolsen und bedeutangsvollen 
Momenten seines Lebens heraus hören, in denen es. ihm bescbieden 
gewesen ist, dieses Vermächtnis seiner Mutter inr That werde» 
zn lassen.« — 

Alles Unglück, alle Schmach des Jahres 1806 haben das An- 
denken an lUedrich nicht zu tilgen vermocht ; im Gegenteil, ea 
lebte mächtiger auf denn je. In welchem Grade die Verehrung 
Friedrichs bei Fürst und Volk lebendig blieb, beweist mn schdner 
Zug ans dem Leben König Ludwigs I. von Bayern. Im Feldzug 
1806 mulste dieser Fürst als junger Prinz dea ersten Kriegsdienst 
leisten; aber zn jener Zeit, als er in Berlin im Gefolge der fran- 
zösischen MarscyLlle einsog, in jener Zeit der tiefsten Er- 
niedrigung Deutschlands, fa&te er den Gedanken, dem 
deutschen Genius einen Ehrentempel zu bauen, die Walhalla. 
Wahrend Alles in der preuisischen Hauptstadt sieh dem Sieger 
beugte, galt der erste Gang des bayerischen Prinzen einem Besuche 
des Bildhaoers Sehadow, um eine Büste Friedrichs zu be- 
stellen! 

> Nie hat sich ein Staat aus tieferem Falle schneller und kräftiger 
erhoben als Prenlsen nach dem Tage von Jena; ein anderer, so 
klein gemacht und hat zermalmt von dem Drucke des Eroberers 
in sieben langen, bangen Jahren, wäre erlegen. Dab es nicht 
geschah, dankt Preufsen in erster Stelle dem vom Grofsen 
Kurfürst und Friedrich dem Grofsen überkommenen 
Wesen, welches Männer um den Thron scharte, wie die Zeit ihrer 
bedurfte. »Erinnert Euch an die Vorzeit,« sagte Friedrich 
Wilhelm III. in dem berühmten Aufrufe »An Mein Volk« vom 
3. Februar 1818, »an den Grofsen Kurfürsten, den Grofsen 
Friedrich«. — Kaum hätte es dieser ernsten Mahnung bedurft! 
Fürst und Volk bewiesen» dafe jener grolsen Herrseher Helden- 
geist in ihnen nicht erstorben sei, dab vor Allem die Erinnerang 



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der Throubosteigaog Friedhciu des Grofsea. 15S$ 

HU I ricUrich uiul seiiu; rhuUa gleich einer heilij^tu tiberliefenmg 
noch im Volke lebte. t-Der eclite Kern des friilericiaiiischen ErbeB,€ 
äiifsert sich ein neuerer Friedrichs-Forscliei , Ivoser, * recht fertigte 
iiud rächte sich in der Krhebnnji von IHIIJ und beglaubigte sich 
als ein Schatz lur alle Zeiten. Aach iin tiefsten Falle war diesem 
Staate nicht verloren gegangen sein von dem grofsen Könige zur 
idealsten Höhe gesteigerte.s jiolitisches Selbstbewufstsein, die stolze 
Überzeugung von dem eigenen Wert und dem verdienten Recht, 
ein eigenes Leben zu leben.« — Jedem war es klar, dafs, wie zur 
Zeit des Tjährigeu Krieges, ein Befreiungskampf nur mit dem 
Aufgebot der ganzen Volkskraft durchgefochten werden konnte. 
»Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben,« 
erklärte Schamhorst, Preufsens »Wafifenschmied«. Seinen erhabensten 
Ausdruck fand der Geist, welcher Preufsens Volk erfüllte, in dem 
schönen Wort aus jener grofsen Zeit der Erhebung: »Mit Gott für 
König und Vaterland fechten und sterben«. 

DaÜB auch die preufsischen Feldherren jener Zeit im Sinne 
Friedrichs ihre Schlachten schhigen, erhellt u. A. aus einer 
Erzählung Droysen's, des Biographen York*8. Er berichtet, dafs 
dieser, der Besten Einer, einst auf dem Marsche nach PariB den 
Offizinen seines Hauptquartiers einige auf die Kriegslage genau 
passende Satze ans Friedrichs »Generai-Prinzipien vom Kriege« 
wortgetreu aus dem Gedächtnis angeführt habe. Ein würdiger Zeitr 
genösse Friedrichs, der 1820 verstorbene Geheimrat v. Dohm sagt 
in seinen »Denkwürdigkeiten« über die ruhmreiche Zeit der 
freiungskriege: »Noch immer lebte Sein Geist in dem preolsisehen 
Volke. Keine ankeren Verändemngen, selbst kein Torttbergehendea, 
Prenfaen betroffenes Müsgeschick haben dem Heere den edlen Stolz 
nehmen können, den Er ihm gegeben hatte. Die weltkandigen 
Begebenheiten der neuesten Zeit haben hiervon den nnlängbaisten 
Beweis geliefert Hättsn die Prenlsen nicht wihrend einer langen 

einen König wie Friedrieh an ihrer Spitie gehabtf b&tte die 
Erinnerung an Ihn and seinen Ruhm nicht nooh immer die 
Enkel der einst von ihm Gefährten heleht} — wie würden diese, 
einmal schmachToU nnterdroekt, nach koner Zeit sich so glorreich 
wieder erhoben haben, wie es in den Jahren 1813—1816 vor 
unseren Augen geschehen ist? Der Gedanke an Ihn richtete die 
Prenlsen anf in der tiebten Erniedrigung! Dieser Gedanke liefo sie 
keinen Augenblick xweifeb, dals sie noch wieder auferstehen 
würden und die feste Überzeugung bierron gab ihnen die Kraft, 
mit der sie wirklich auferstanden sind!« — 



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153 Zur 150j&hrigeu Gedenkfeier 

• 

Ans der Zeit des 7 jitiingtii Krieges, düiui der BefreiuiigKkriege 
lernen wir, dafs nur der Starke im Leben der Staaten und Völker 
Etwas gilt, dafs ferner ein Volk, welches mit starkem Willen und 
nachhaltiger Kraft für seine h()clisten Güter zu kämpfen fest 
entschlossen ist, alle Eroberer der Welt auf die Dauer nicht zu 
fürchten haben wird! 

In der Folge-Zeit »kamen Tage«, sagt Koser, »da aufscrhalb 
Preufsens die wohlwollende Meinung Ausdruck laud, dafs Preu&eu 
wohl daran thun werde, auf die Erbstbaft Friedrichs des GroCsen 
endgültig zu verzichten. Schon aber ward von dem Btaatsmanne, 
der in der Folge dis politische Vermäcbtnis Friedrichs vollstrecken 
sollte, die anmafsende Zumutung mit der entschlosseneu Ver- 
kündigung zurückgewiesen, dufs es ein Preufseu, welches zu 
solchem Verzicht sich verstehen könne, auf der Welt nicht gabelt — 
So wirkte der Zauber von Friedrichs Kamen noch auf die Nack- 
weit fort! 

Erinnern wir aus aoch am diesjährigen 31. Mai, dafs jeuer 
hochherzige Eonig, unter dessen Führung im Geiste Friedrichs 
Prenfiien zn Anfang des Jahrhunderts das Joch der Fremdherrschaft 
abschüttelte, es war, welcher, vor nun 50 Jahren, in dankbarer 
Verehmng seines Grofsen Ahnherrn, den Grundstein legte zn dem 
berrlic&ea Friedrichs-Denkraal, wdches dem schönsten Teile der 
pren&ischeii Hauptstadt, der Siegesstrafee »Unter den Linden«, so 
neht die Weihe nnd ihre schönste Zierde giebi Vielleicht die 
letzte R^erungshandlung des gesegneten Regentenlebens Friedrich 
Wilhelmt III«, denn wenige Tage später ward auch er zu seinen 
VStem Tenammelt — Ab dann 11 Jahre später, am 31. Mai 1851 
König Friedrieh Wilhelm IT. das von seinem Vorgänger begonnene 
Denkmal einer grorsen Vergangenheit feierlieh enthQlIen liels, da 
sprach, im Auftrage Seiner Majeatilt, der Pestordner, Minister- 
prSsideot BVeiherr Mantenffel, folgende markige Worte: »Der 
altpreafsisebe Sinn — das ist das SelbatgeHlhl, mit dem 
Friedrich II. jeden Prenlsen dadarch erffiUt hat, daCi er dieeee 
Königreich sn einem selbststiiiidigen politiiohfla Daaein nntw den 
groben Staaten Europas erhob; der altpreolsiBebe Sixm — das ist 
die opferwillige, aneisohfitterliehe Treue des Volkes zu seinem an- 
gestammten Faratenhaose, das ist die Freudigkeit, mit der aidi alle 
laterosaen dem einen Interesse des Vateilandes unterordnen; daa 
ist die tiefe Oberzeugung, wie nnr dann sein Wohl und das Glück 
seiner Bürger gedeihen und blSben kann, wenn, wie an Friedrichs 



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der HironlMiteigang Fiiodrid» i» Cfaroben. 



154 



Zeiten, bürst und Volk treu zusammen stehen, stolz, dem {icnH'/.e 
zu horchen; wenn sie in Zucht und Ordnnn«? mit ausdauorudein 
Fleifse und weiser Sparsamkeit vorwärts streben. Dieser alt- 
preufsißche Sinn, der in der Armee seinen lebendigsten und treuesteu 
Auadrnck findet, hat dieses Land von dem Drucke eines fremden 
Eroh»»rers befreit und durch unvergleichliche Anstrengungen zu 
neuem Glanz und Ruhm empor gehoben. ... So weit das schwarz- 
weifse Banner webt, wird die dankbare Phinnernng an df-n König, 
der sich ebenso durch die Tliati n des Krieges, wie durch die 
Werke des Friedens uu.-terblichen Kuhm erworben, in aller Herzen 
lebendig, und wird dieser Tag gefeiert werden als ein preufgi^eher 
Pest- und Freuden tag.« — Znra Schlufs der erhellenden Feier 
ritt der König dem Denkmal iiiiher, grüfate luit dem Degen die 
anwesenden Fahnen und Staudarten des Garde-Corps und derj. nigen 
Truppen, weichen solche noch von Friedricli oder seinen Vorfahren 
verliehen worden waren, und sprach: »Ich wünsche dem ganzen 
Heere Glück zu diesem seinem ii.hrentage. Denn als solchen lie- 
trachte ich diesen Tag. Der Grofse König hauchte der 
schönen Schöpfung seines Vaters Leben und Seele ein, 
nnd M( nie Armee ist Gottlob noch heute würdig, das 
Heer des Grofsen Königs zu heifsen!« — 

Die Aufstellung der Truppen bei dieser ' schonen Feier leitete 
kein üerin^^erer als der damali'TH Bruder Sr. Majestät, ddr Prinz 
von Preafsen, nachmale nnsei ruliiiiLrekrouter König und Kaiser 
Wilhelm L Wohl ahnte er nu-hi. lei nun auch schon heim- 
ge(/aiii^Hiie Held, dafs es ihm besc]iu> l 'u sei, die Aufgabe Friedriche 
in so lierrlii her, aiies Hoücn übertreiiender Welsi' zu volhmdeM, 
dafs ka um 20 Jahre nach dieser Jubelfeier aus deui i'reuiseu Friediichs 
das iit LH!, wiederum geeinte deut^he Reich zu neuem Glanz er- 
stehen sollte! 

Ein hervorragender Charakterzug des edlen, grofsen Kaisers war 
bekanntlich, gleich Friedrich dem Groföeu, eine allzeit helh:iligte, 
pietätvolle Dankbarkeit. Im Sinne Friedrichs seines hoiien 
nnd schweren Amtes waltend, hat es Kaiser Wilhelm jederzeit, den 
Mahnungen der Königlichen Mutter eingedenk, bekannt, dafs 
Friedrich zunächst es war, dem Preufseu und Deutschland 
in erster Stelle ihre nationale Wiedergeburt zu danken haben. — 
Nach dem glücklichen Feldzage von 1866 fügte der sieggekrönte 
König deslialb dem Orden pour le nierite noch eiu Kreuz und 
Stern mit dem Bildnisse Friedrich des Grofsen hinzu, be- 



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155 ^'«r 180jlbHg«n aed«olf«i«r 

stiuiiut, als böcb.Hte Auszeichuung die Brust derjenigen zu zieren, 
welche sich vor Allen dessen verdient gemacht hätten. Als der 
greise FeUlmarschall Moltke am 8. März 1879 das seltene Fest des 
60jährigen DienstjubiläuriLs be^ng, da fibpreir^netf» ihm sein dank- 
barer Kaisor diese Auszeichnung mit den Königlichen Worten: 
»Sic werden den Stern mit dem Bilde Meines grofsen Vorfahren 
mit dem Bewufstsein traj^en. iu Wahrheit für alle Zeiten zu dea- 
jenigPTi zn geliöreii, die das Erbe des (Irofsen Königs — den 
Kriegsrubm der preufsischen Armee — treu behütet haben 
und auf welche sein Auge von oben sicherlich mit Wohlgefallen 
gesehen hat.« — Zwei Jnhre vor seinem Hinscheiden, l)ei (^eleirenheit 
der akailemischcn KXJj;iiirigen Erinnernngafei*^r des Todes Friedrichs, 
sprach Kaiser Wilhelm noch die denkwürdigen Worte: ».\lles, 
wai wir Grofses und Gutes heute in unsrifni Lande be- 
wundern, ist auf den Fundamenten gegründet, die er 
gelegte 

Die Überzeugung, dafs Friedrichs Thaten einen hervorragenden 
Anteil an der Neugestaltung unseres Staates haben, wurzelt tief 
im ßowufstsein unseres Volkes. Zeugnis dessen ist ein au sich 
geringfügiger Vorfall aus der Zeit der Siege des .Jahres 1870 Als 
sieb im 8. September die Kunde der Schlacht von Sedan in der 
Hauptstadt verbreitete, strömte eine freudig erregte zu Ta i'^i ii ]en 
zählende ATeniTP' zum Königlichen Palais, um dort, zu Füfseu des 
Friedrichs-Üeukmals, ihren patriotischen Gefühlen Luft /n machen. 
Schnell war dasselbe mit Kränzen und Fahnen geschmückt; ja einem 
kühnen Kletterer gelang ea, den Hals d«6 Pferdes zu ersteigpu und 
auf das Haupt des (Jrofsen Kimiufs einen Lorbeerkranz zu legen. — 
Im Volke lebte eben das Kfji j tiiideu, dafs der Geist Friedrichs 
unsere Fahnen zum Siegi tiiiirt, dafs auch er sf ii cn geistigen 
Anteil an dem grofsen wcltgeschichtlicln n i^reignus habe. 

Wir haben gesehen, wie die Zeitgenos.sen Fri^-drichs und die 
nachfolgenden Gescblecliier ihn geehrt bul)en, ww die Erinnerung 
an ihn mit allen bedeutsamen Momenten unserer Geschichte eng 
verwachsen ist. Dem lebenden und zukünftigen Geschloclit 
aber ziemt es, dcsüeu eingedenk zu bleiben! — Denn was bleibt 
von einem Volke übrig, wenn es die Erinnerung verliert an seine 
Grofsen Männer, an seiue hehlenmütige Vergangenheit!'? Tn die-^em 
Sinne i«t nun, 50 .lahre nach di r Gruiuisteiulegung des schonen 
Denkmals in Erz in Preufsens Hauptstadt, der Tirundstein gelegt 
worden zu einem des grofsen iSianues würdigen litterarischen 



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der Tbnmb«flteigmi|r Btiedridis des Grofeen. 



156 



Denkmal, die vom Königlioben Pftnfsiscben Generalstabe be- 
schlossene Bearbeitung der »Kriege Friedrichs des Grossen c, durch 
welche »einer längst empfundenen Dankesschuld g^en den Könige 
liehen Feldherra and sein tapferes Heer Geufige geleistet wer- 
den soll.« 

übersehen wir nochmals die abgelaufenen 150 Jahre, so ergiefat 
sich die geschichtlich bedeutsame Tbatsache, dafs aus dem kleinen 
Preufseii des Jahres 1740 in Sturm und Drang, durch Nacht zum 

Licht, der dentsche Nationalstaat empor gewachsen isL 
48 Millionen Deutsche aller Stiinmie sind zu festem Bunde, zum 
neuen Reich j^eeint, das sich eines Glanzes, eines materiellen 
Wohlergehens und einer Machtfiille zu ertreuen liat, wie nie zuvor 
in alter Zeit. »Wir liaben erreicht«, sagte Kjiiser Wilhelm am 
21. Miir/, bei Krötl'nung des deutschen Reichstages, »was seit der 
Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und 
deren organische Gestaltung, die Sichcriing unsfrer Grenzen, die 
Unabhängigkeit unserer nationalen Iveohtseiitwickelniig!« Wohl 
wird man da an des Heldenkaisers gläubig-frommes Wort erinnert 
am Abende der Schlacht von Sedan: »Welch' eine Wendung durch 
Gottes Führung«! — 3 Millionen wehrfähige Männer sind auf den 
ersten Wink ihres Kriegsherrn jeder Zeit bereit, mit ihrem l.eben 
für die mit so viel edlem Blut erkauften Güter der nationalen 
Unabhängigkeit und Einheit einzustehen. — In den fernsten Meeren 
flattert atolz die Krieg^sflagge des deutschen Reiches, auf dafs anch 
der Deutsche im Auslande es wisse, dafs er einem Reiche angeliört, 
welches die Rechte jedes seiner Angehörigen zu schützen weifs. 
Der stolze Wahlspruch deR erlauchten Geschlechts der Uohenzollern 
— »Vom Fels zum Meere« — ist nun zur Wahrheit geworden! — 
Ein Reich, Ein Heer, Eine Ehr'! 

Doch vergessen wir nicht, über dem Grof<?en , was erreicht 
wurde, dafs es mehr denn je gilt, /,u erhalteu, was wir schwer 
erworben haben »Ks ist Prenfsens Bestimmung nicht«, sagte Kaiser 
Wilhelm I. bei Beginn s( uier Regierung, »im Genufs der erworbenen 
Güter zn leben. In der Anspannung aller seiner geistigen und 
sittlichen Kräfte, in dem Ernst und der Aufrichtigkeit seiner 
religiösen Gesinnung, in der Vereinigung von Gehorsam und Frei- 
heit, in der Stärkung seiner Wehrkraft liegen die Bedingungen 
seiner Macht; nnr so vermag es «einfn Rang unter den Staaten 
Europas zu behaupten.« — Kür i'reufsen gilt, doch noch in 
höherem Maüse für das neue Keich des Dichters Spruch: »Was 



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157 



Zur lüUjfthrigeD Gedenkfeier o. a. w. 



Du ererbt von Deiacu Vüteru Last, erwirb es, um es zu besitzen!« 
— Daran aber möge uns tiigliüh mahnen das Vorbild jenes 
groCsen Fürsten, dessen GcJächluisfeier wir begehen! 

Wer aber hätte mehr Aulafs, dem Andenken Friedrichs auch 
in diesem Sinne ehrfurchtsvoll zu huldij^eu, uls Jas Heer, das 
»Volk in Waffen«, die jüngere Schwester jenes Heeres, welclies er 
von Sieg zu Sieg zu fuhren wuIsteV Vereinigt sich doch im Heere 
die ganze Spannkraft des Staatswesens, galt dem Heere doch des 
Grofsen Königs Sorge bis an das Ende seiner Tage. »Möge mein 
Staat«, sagt PMedrich in seinem Testament, »durch ein Heer, 
welches nur der Ehre und dem Ruhme lebt, vertheidigt sein, 
möge er blühen und dauern bis an das Ende der Tage.« Ganz in 
seinem Geiste sprach Kaiser Wilhelm in seinem Armee- Befehl vom 
15. Mär? 1871 die mahnenden Worte: »Möge die Armee des nun- 
mehr geeinten Deutschlands dessen stets eingedenk sein, dals sie 
sieh nur bei stetem Streben nach Vervollkommnung auf 
ihrer hohen Stufe erhalten kann, dann können wir der Zukunft 
güirost entgegensehen.« Und endlich bei seinem 80jährigen Dienst- 
jabilaum mahnte er, in der Anrede an seine Generale: »Den 
Sinn fdr Ehre und Pflieht Uber Alles hoch in halten und 
jederzeit bereit an sein, das Leben dafttr an lassen. — Das 
ist das Band, welches alle dentseban Stämme omscbliefst, 
welches Enkel und Urenkel jetzt ebenso fest wie früher 
die Vorfahren Toreinigt.« 

Mit diesen denkwflrdigen Worten stehen wir vor den Aufgaben 
der Gegenwart und Znknnft. Emst ist die Zeit, hi der wir 
leben. Abeimals, das ist sweifelloa, werden wir in eioor vielleiebt 
nidit famen Zukunft die schwer errungene staatliche Unabhängig- 
keit und Einheit, unsere Stellung im Leben der Völker, FMheit 
und Eigentum, Rdigion und Gesittung, in hartem Kampfe gegen 
den Sulseren und inneren Feind Terteidigen müssen. Mehr denn 
je bedarf der Regent eines treu ergebenen, blind gehorsamen, 
kriegsiüchtigen Heeres, das mit Kraft und Treue su kämpfen weiJs, 
wo immer es befohlen sein mag. und mit Freuden blutet, ohne sn 
fragen woffir. Mehr denn je gilt es, das Erbe Friedrichs und 
unseres Heldenkaisers treu zu wahren, im Heere zu pflegen den 
Geist der Treue, der Ehre, Pflichterfüllung, Tapferkeit 
und Mannsznch^; jenes Erbe, welches Friedrieh seinen Nach- 
folgern hinterlieb als geheiligten Besitz. 

Den Dank aber, den wir dem Grofsen Könige schulden, yer- 
mögen wir nicht besser abzutragen, als indem wir dem Erben 



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BiiafmchMl das FtUnunohall Qraf Wrangel iL t. w. 



158 



selaer Krone and seines Sinnes, nnserem erhabenen, 
jugendkräftigen Kaiser in treuer Pflicliterfttllnog mit 
Leib und Leben dienen! Auf dafs wir »würdig bleiben, 
das Heer des Grofsen Königs %n heifsenl« Das gebe Gott! 

Schbg. 



XIL 

Briefweclisel des Feldmarschall G-raf Wiangel 
und des Prinzen Albrecht (Vater) von Preulsen 
ül)er Ausbildung der Kayallerie.*) 

Am 14. l ebruar d. J. ist rhirch Se. Majestät den Kaiser und 
Könip im grofson Hofe des Berliner Schlosses dem Kürassier- 
Kegiment (iraf Wraiigel (Ostpreufsiscbes) Nr. 3 eine neue Standarte 
verlielicii worden. — Bei dieser Gelegeulicit halien Se. Maip.ttät 
auf den verstorbenen General-Feldmarschall Graf Wrangel, 
aU ein leuchtendes Vorbild hingewiesen und gerade jenen besonders 
für die Feier gewählten 14. Februar als einen Klirentag »les ivegi- 
uieiits bezeichnet. »Denn am gleichen Datum des Jahres 1814 hat 
Graf Wrangel«, 80 geruhten Se. Majestät etwa weiter auszuführen, 
»an der Spitze dieses Kürassier- Elegiments Heldcnthaten verrichtet, 
welche mit nnauslöschlicbeu Bachstaben in der Geschichte ver- 
zeichnet sind.« 

Das Regiment, welchem diese Allerhöchste Auszeichnung zu 
Teil geworden ist, kann stolz auf seinen Namen sein, denn an den 
des verewigten Chefs knüpfen sieh für alle Zeiten rnhmrciclie 
Erinnerungen, sowohl im Uikkblick auf des (lenerals kriegerische 
Thätigkeit, als auch ganz l)esonders mit Bezug auf sein rastloses 
Streben, der geliebten Walle voi wartÄ zu helfen. 

Die Geschichte der Kavallerie giebt uns den Beweis für die 
Behauptung, dafs General v. Wrangel die derselben nach den 
Befreiungskriegen anhaftenden Mängel erkannte, und dafe er Alles 

*) Das Material zn dimem Anfiatze entnahm Verfaiter repODiorten Aktim. 



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X6B BitelMMd dM Feldmaneliftll Graf Wnqgd a. PiiBieo 

daran setzte, diese Waffe za einem schneidigen Rüstzeuge in der 
Hand seines Allerhöchsten Herrn za gestalten. Das groCse KavaUane- 
Mandrw 1843 bei Berlin unter dem Kommando des damaligen 
GenwaUieatenants v. W ränge l ist als der B^inn dieser hoch- 
bedeutenden Thätigkeit des Generals anzusehen. Die gleichen 
Übnngen zehn Jahr später zeigten, wie jener flotte, schneidige Geist, 
jenes fröhliche Vorwärts Wrangeis in die Waffe übergegangen war 
nnd bereits Frflchte zeitigte. Wenn auch noch lange nachher 
»Vieles beim Alten bliebe, so war man dooli wenigstens dahin 
gelsagt, nicht die tote Form zur Hauptsache zu machen , sondern 
nur allgemein gültige Grundsätze aa&ustcllen. Auf ihn, den 
erprobten Reiterfährer, blickten dämm alle Kavall ri:?ten, denen 
daran gelegen war, die Ausbildung von Mann nnd liols möglichst 
l^^gsgemafs zn gestalten. Denn Klagen wurden genugsam gerade 
in der Zeit laut, in der General Wrangel mit allen Mitteln 
darauf hinwirkte, das bereits Errungene sa verwerten, das Ansdien 
der Waffe vor Allem zu heben um] jnnj^e, schneidige Führer heran- 
subilden. Beredt nnd gewifs der Wirklichkeit entsprechend (General 
T. Wrangel selbst ist zweifelsohne der Verfiässer) schildert ein 
»alter Kavallerie -Offiziere Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen 
Albrecht (Vater) die Znstände in der Kavallerie in den viernger 
Jahren wenn er sagt: 

»Die Liebe fOr die eigene Waffe schlielst keineswegs die 
Achtung für die anderen aus. Jede hat ihre eigentümlichen 
Mängel, jede ihre Voiznge. Was aber die Natur der Sache nnd 
eine reife Erfahrung unzweifelhaft als Voring der einen gegen die 
übrigen Waffen herausstellt, raufs immer mehr gehoben und ge- 
fordert werden: es ist dies die heilige Pflicht für jeden Vorgesetzten. 
Welchen grdiseren Vorzug besitzt nuu die Kavallerie nnd hat ihn 
▼on jeher besessen, als dafo sie durch ihren ungestümen Cfaoe im 
Kreasen der Säbel Mann gegen Mann den Feind ttber den Hänfen 
sa werfen und hierdurch eine raschere und mehr enei^sche Ent- 
scheidung herbeizufuhren TOmag? Wird dem entgegen die Kavallerie 
auf eine bedeutende Weise nur als eine untergeordnete Neben waffe 
betrachtet und als solche bei allen Feldmanöyem verwendet, so findet 
der Kavallerie-Offisier, dafs seine Anstrengungen, den Geist seiner 
Waffe, ihrer wahren Bestimmung gemäfs, immer mehr zu 
heben, nur ein fruchtloses Bemilhen sind. Wie kann man er- 
warten, dafo er mehr leistet als die blofse Pflicht gebeut, wenn 
der Weg zum Ziele überall gehemmt nnd dieses dadurch uner- 
reichbar bleibt. 



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Albrscbt (Vater) v. Preolsen Qber Aiubildung der EaT&Uene. 160 

Nor der alte Soldat, der den heüeen Kampf der Reiteiecliaren 
nnd iliie Brfolge getehen, nnd dem die Eriiinerangen an jene gier» 
leiohen Tage kein echöneree Bild als das des kOhnen Reiten auf 
seinem kiaftigen Bob erbalten, nift aänen jflngeren Eavecaden 
m: »Nichts giebt*8 im Schlachtgetfimmel Freieres, Er- 
habeneres als solch* einen nach Thaten ringenden Reiter. 
Wie die Oefahr sich erhöht, s^ steigt der Ünt in ihm, je 
heifser der Kampf wird, je wSrmer schlägt ihm das Hers 
für König, Vaterland nnd Ehre. — Ein solcher Rnf sollte auf 
den Geist der Offiiier-Gorps erhebend wirken, die Übeneugnng 
seiner Wahrheit sie zu antserordentlichen Anstrengnngen in ihren 
dienstlichen Obliegenheiten, sngleich aber anch anf den allein 
richtigen Weg der Ansbildong Ton Mannschaften nnd Pfefden 
flhren. 

Dem aufmerksamen Beobaebter wird es nieht entgangen sein, 
wie dem entg^n die Ausbildung nach gans Terachiedenen Ansichten 
nnd Methoden geleitet und wie abweichend ?on einander die 
Ezerner- und Felddienst-Übungen in den Regimentern abgehalten 
werden. Einige Beispiele sollen die WiUkdrlichkeit dieses Terfahrens 
darthun. 

1. Bei einem Regiment wird die grölste Zeit des Jahres mit 
der Bahnreiterei verbracht nnd dahin gestrebt, daüs sämtliche 
Pferde kunstgemäfs den Travers-, Henvers- und auch die Quadrille- 
Tonrai im Galopp mit nnd ohne Changement ausfahren, bt unter 
solchen Beschäftigungen die Exerzierzeit endlich herangekommen, 
so wird täglich vor dem Anfang des Exerzierens die kunstliche 
Bahnreiterei mit angefalster Trense fortgesetzt, so dafe, wenn nun 
das Regiment zum Exerzieren übei^eht, die Pferde wegen dieser flQr 
ein Soldatenpferd unnatürlichen, ineinandej^peecbrobeuen Dressur, 
alle Gangarten, statt ranmig und frei zu machen, in kurzen, ver- 
haltenen Tempos ausführen, wodurch die Schnelligkeit, das Lebens- 
prinsip der Kavallerie, verloren geht. 

2. Bei einem Regiment wird die kostbare Zeit damit Ter^ 
achwendet, die Leute in allen Voltigierkfinsten soweit zu bringen, 
dafs die Reiter des ganaen Regiments, anf den Pferden stehend, 
alle künstlichen Schwingungen, welche einer Reiter-Gesellschaft zur 
Empfehlung gereichen würden, mit einer Prid&ision ausführen, die 
für den Commandeur die gröfste Belobigung nach s^ich zieht. Auch 
wird eine schmale Brücke oder Fnfspfad in der Reitbahn von Holz 
künstlich aufgebaut und der Kavallerist bilclirt, wie er herüber- 
reitet Je höher die Brücke, je schmaler der Püad ist, die znrUck- 

11» 



161 Brieftreehsel d« Feldniml»n Qnl Wnogel «* dM Fdom 

gelegt «orden — je grSberee Lob wird eingeerntet. Am Ende 
allw dieser £imBiprodnktionen mfisaen die Reiter, auf dem Pferde 
etelieiid, nach und ohne Eomnuuido, mit groisen Peitschen knallen, 
wobei kein Pferd sich rühren darf, — Stürzt Jemand Ton der 
Brücke heranter, so wild er als ein notwendiges Opfer angesehen, 
welohes der krisgsgem&fsen Aoabildnng gebracht werden male, 

3. Bei einem Be^mente wird anf einen eleganten, knappen 
Ansng mit so pedaotiseher Strenge gesehen, dafe die Leate, um 
ihn nieht m verderben, sich in der Kvebe nicht niedersetaen dürfen, 
anbsrdem ihre Waffe nnr mangelhaft gebranchen nnd mit grO&ter 
Mfihe zn Pferde steigen können« 

4. Bei einem Begiment wird die Mannschaft mit seitranbender 
Hflhe im Fechten mit federleichten Eappieren soweit gebracht, 
dab die Lente regelrecht kontra rechts nnd links schlagen, worüber 
das Begiment f3r die andeien belobt nnd empfohlen wird. Leider 
bedenkt man hieibei nicht, dafs ein solches Fechten mit Bappieren 
für den Kriegsfall nicht allein gana nnnSttg, sondern f&r den Beiter, 
der im Kampfe anf Leben nnd Tod die so erlernte Kraft anwenden 
wollte, yerderblich Ist, denn bei diesem Schlagen mit Bapidsten 
wwden alle Hiebe koiz, Torzng^weise nnr ans dem Handgelenk 
geführt, so .dab man den Gegner nnr mit der Spitie trifft, wÜhrend 
der Kavallerjat den Kommishieb ans dem gansen Schnlter-, EUen- 
bcgen- nnd Handgelenk so führen mub, dab er beinahe mit der 
Kitte der Ehnge seinen G^ner trifft nnd den Hieb siehend beendet. 
Eine schwere Verantwortung wird den Y orgesetsten treffen, 
welcher die Übungen mit der blanken Waffe, Mann gegen 
Mann, als etwas Oberflüsaiges betrachten wollte. Alle 
Evolntionen der KaTallerie haben nur ausachlielslich die Attacke 
nnd mit deiselben die Vernichtung des Feindes nun Zweck, und 
dieser ist nur im Kampfe mit der blanken Wafiid su erreichen, 
diqenige Kafallerie wird als Sieger das Schlachtfeld behaupten, 
welche ihre Pferde am besten lu tummeln nnd ihre Hiebe 
und Stiche am sichersten su führen gewnfst hat. Man mufa 
wohl bedenken, dab in solch einem Bingen auf Leben . nnd Tod 
tausend gut nnd kraftig ansgefübrte Kommishiebe nnd -Stiche, die 
mit ihrer ganien Schwere auf den Gegner fallen, eine gans andere 
Wirkung haben als Hiebe, die man durch Drehen des Handgelenkes 
mit der Spitie wa hauen gelernt hat. 

5. Bei einem Begiment werden au den Schiefe Übnngen 
einige alte, abgelebte Pferde ansgewühlt, die beim Feuern so ruhig 
stehen als wSren es h51aerne Voltigierpferde. Auf diesen Pferden 



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AllNMht (Tater) Preoiwo &b«r AaUidwig d«r bnlhiitL 



162 



nun mnfs die Mannschaft der Kskadrou ihre 8ciiiefstii>uug abhalteu 
nnd wir fragen, ob hierbei der Soldat lernt, wie er sich beim 
Schieüsea ?on seinem eigenen Pferde zu benehmen hat. 

6. Bei einem Re^inieut der Feld dien st. so i)etrieben, 
dais nicht der zur Feldwache kocimaiidierte Uflizier seiue Posten 
aussetzt und instruiert. Nein! I^p Geschäft ubernimmt ein 
Stabaoftizier. Im Frieden aber kann dern jniigon Üttizier nicht 
genug GeleiTPuheit zum Selb^thandeln gegeben werden: hierdurch 
gewinnt er \'erhauen zu sich selbst, eine, insbesondere für den 
Kavalierie-Oftizier so i K it wendige P^igenschaft. 

7. Bei einem Regiment werden zur Schonung der Pferde die 
Felddieustübungen nur im Schritt oder Trab abgehalten wnä 
ist es wohl vor^^ekommeu, dafjj der Führer emer Patrouille, als diese 
in einem Detilo gleichzeitig von vorn und hinten angegriflTen wurde 
nnd doii kühnen Entschlufs fafste, um nicht gefangen zu werden, 
im Galopp über Graben und Zaun zu springen, mit Arrest heatraffc 
worden ist. Ein Seydiitz würde diesen Offizier als würdigen VV att'en- 
bruder begrfifst und ihm freudig die Hand ^ereicVit haben. So 
werden auch bei diesen Übungen alle Signale zur Attacke, weiche 
das Reglement vorschreibt, geblasen, anch: »MarHch, Mnrschlc 
koTnmandiert; dennoch bleibt das Regiment im Schritt oder 
irabe. 

8. Bei einigen Hpoinientern hat man den Glauben, dafs dns 
Remonfppferd von vollen füni Jahren noch ohne Nachteil lür 
seine fiaiier in die Dressur genommen werden kann: und werden 
endlich die Remonten von fünf und f inem halben Jahre bei ihnen 
eingestellt, so geschieht es nur bei Paraden, wo man sicher ist, 
(lafs der Parademarsch nur in einrni irf^bremsten Schritt ausgeführt 
werden darf. Andere Regimenter dagegen lassen ihre Pferde 
(Remonten) stets mit vier und einem halben Jahre mäfsig anreiten, 
rangieren sie mit fünf und einem halben Jahre ein nnd gebrauchen 
sie alsdann bei allen Exerzier- und Felddicnst-Übungen. im vehe- 
mentesten Ghoc, ohne dafs der Pferdeznstand, wie der Augenschein 
zeigt, darunter leidet; vielmehr werden durch einen richtigen, 
allmählich sich steigernden Gebrauch der Pferde die Schnelligkeit 
nnd Kräfte derselben so erhöht, da£s bei allen Bewegungen, 
namentlich bei den Cbocs, die fi^gimenter den anderen weit vor- 
aneilen. 

9. Bei einem Regiment wird auf die Anaffthrung von 
künstlich Terschlnngenen Exerzier-Evolutionen mit pedao- 
tiacher Strenge gehalten, dem stundenlange Inatraktionen Torangeben, 



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163 



Briefwacliael d« Felilinaivchan Qni WiMig«! n. dw Plinatn 



obgleich doch alle jeue zusammengesetzten Evolntiomii im Kriege 
ganss und garnicht anzuwenden sind. In einfachen, mitBlitzes- 
8chuelle ausgeführten Evolutionen, wodurch man den Gegner 
anf einer Stelle (den Flankeu) starker und überrasch in der an- 
greiten kann, als er erwartet hatte, und wodurch der Bieg schon 
halb erkämpft ist, besteht allein die einzige und wahre 
Manövrierkunst. Hiemach müssen die Leistungen dt^r Kavallerie 
beurteilt werden: hängt aber das Urteil ihrer Brauch barkf it von 
der beim Parademarsch in gebremstem Schritt beobachteten Hichtuug 
ab und wird hiernach Lob und Tadel gespendet, so geht sie rettongs- 
los ihrem Verfall entgegen. 

Die Kavallerie ist uiit einer Lokomotive zu vergleichen. Beide 
sind kostbar zu beschaffen nnd zu unterhalten — Schnelligkeit ist 
das Haupterfordernis bei Beiden. Ihre mehr oder minder groCsere 
Brauchbarkeit kann ))ei ßeuieii nur richtig gewürdigt nnd fest- 
gestellt werden, wenn sie in der Bewegung alle ihre Kräfte in 
Anweuduncr bringen. Wie sicli der Paradedienst ganz fügheh mit 
dem Fekldienst vereinigen lüfst, eben so laXst sich die grofstmörrlu h.^te 
Schnelligkeit der Evolutionen mit der frröfsten Ordnung vereinigen 
und erreichen, wenn das Mafs der Schnelligkeit strikte nach den 
weniger schnellen Pferden des R^iments normiert .Mrd. Durch 
die Reitkunst kann man es eben dahin bringen, dafs die weniger 
schnellen Pferde in ii Gangarten freier ausgreifen und sonach 
an 8chnelligkeit zunehmen. Freilich aber ist dies eine Kunst, die 
zwar Jeder verstehen will, wenige aber nur pmktisch auszuführen 
wissen, und nur hierdurch läfst es sich erklären, wenn Regimenter, 
die bessere und teuere Remoutepferde haben, oft von anderen an 
Schnelürfkeit übertrotfen werden, welche mit ihren Kemonten nicht 
bevorzugt sind, und, da bei sonst gleichen Vcrhiiltnissen die Kriegs- 
branchbarkeit der Kavallerie sieh in d(3nselben Verhältnissen steigert 
ala sie in der Schnelligkeit zunimmt, so wird Niemand im Zweifel 
bleiben, welchem Regiment der Vorzug bleibt. 

10. Bei einem Regiment werden alle die verschiedenen Dienst- 
zweige, welche zur Ausbildung des einzelnen Mannes und Pferdes 
nn<l des Regimeutes gehören (deren es wohl 18 Haupt-Abteilungen 
geben nm?) sämtlich mit gleicher Mühe und ernstlichem Eifer bis 
zur gänzlichen Erschöpfung von Pferd und Reiter betrieben, so da£s 
vorzüglich die Unteroffiziere und älteren Mannschaften zu wenig 
Zeit zur niUigcn Ruhe und Erholung behalten, und die Pferde, um 
• sie in den raschen Uaugarten zu üben, m Schanden geritten werden. 



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Wibrecht (Tater) Preabeo Uber Ausbildung der SaTaUehe. 164 



Obgleich wir alle dieselbe ReitinatrukUoü, dieselben Dienstvorschriften, 
dasselbe Exerzier- Reglement besitzen, so sind alle jene beklagens- 
werten Vorlalle ducb Ergebnisse uLiücrur Tage und eine solche 
Erscheinung läfst sich nur dadurch erklären, dafs die praktische 

Ausliildung der Truppen nach ileu i ii d i v ul u e 1 1 c u Ansichten der 
emzeliien licgiments-Conimaudeure augeorduct und geleitet wird. 
Jeder der Herren hat aber einen anderen Mafsstah für 
das nnbedingt Notwendige, für las Erfordi rliche. das 
Nützliche und für das VV üusciienä werteste der Aus- 
bildung. 

Dem nicht praktischen Kavallerie- Offizier, dem vielleicht auch 
die Kriegserfahraug abgeht und der nur den weifsen Ifeliubusch 
als Zeichen des Kavallerie- Offiziers tragt, bleiben alle jene Milagriffe 
und ihre betrübenden Folgen verborgen; erst wenn ein Krieg nach 
muncheu teuren Opfern die Wahrheit des einzig richtigen Systems 
von Neuem herausgestellt haben wird: Dafs der Soldat im 
Frieden nur das erlernen darf, was er dereinst im Kriege 
zu wissen braucht — wird er zur Einsicht kommen; wir aber, 
die wir im Kriege die Wahrheit erprobt, wollen die Ausbildung 
der Truppen nur einzig na(h diesem Grundsatz leiten, und den 
durch die ewig wahre Instruktion des gi'oisen Friedrich: 

— Die Kavallerie soll sich nie attackiren lassen; die 
Preufsen aber sollen allemal den Feind attackiren — 
hervoi^rufenen echten Reitergeist stets frisch zu beleben suchen, 
denn, wenn dirser Hauch die Reiterscharen durchglüht, dann wird 
auch der beb wache sprechen: *lch bin stark und voreint;« auf 
Leben und Tod eilt freudig der Reiter wie Windesbraus in das 
dichteste Schlachtgewühl, um den Sieg als sein persönliches Eigentum 
zu erkämpfen, dessen er schon im Voraus gewifs ist.« — 

Hieruntersteht von des Prinzen Albrccbt Haud Folgendes: 
i'Alle diese sehr richtigen, aus dem praktischen Leben gegriffenen 
Aussichten unterschreibe ich blindlings. Schade nur, dafs bei der 
Kavallerie nicht überall darnach verfahren wird — dann würde es 
unbedmgt besser damit steht-n. Aber eiu G e n < ral-Inspekteur 
ist im höchsten Grade dringend erforderlich imd um so notwendiger, 
je länger wir Frieden haben. Sehr schön wäre es wohl, weim sich 
Jemand fände, welcher mit Unbefaugeuheit «Sr. Majestät auf diese 
Abweichungen und Gebrechen in unserer Kavallerie aufmerksam 
machen könnte; ich bin sogar überzeugt, daCs dies nicht ohne 
Erfolg für die gute Sache bleiben würde.« — 



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165 BriefwechBei des Feldmarschull ürui Wrungel u. des Prinzen 

Wie man Seitens der höhereu und höchsten Führer damak 
Aber die Umgestaltung der VerhSltniese bei der Kavallerie dachte, 
daffir giebt ein Schreiben des soeben erwBhnten Prinzen 
Albrecht an General r. Wrangel vom 17. Jannar 1846 Zeugnis. 
Es laotet unter Anderem: »Die EavBllerie-Kommission, welche von 
1841 bis 1842 nnter dem Prinien von Preulsen bestand, zunSchst 
aber dazu bestimmt war, sich mit den Prioxiptenfrageu und der 
Basis über die FShrung von Eavallerie-Gorps zu beschäftigen, reichte 
nach Beendigung ihrer Arbeiten dieselben Sr. Majestät ein, welcher 
zu befehlen gerahte, daJs diese der Armee (jedoch ich glaube mit 
Modifikationen) zur Nachachtnng mitgeteilt werden sollten. Die 
Praxis hat jedoch ergeben, daüs, so oft wie nach jenem Befehle 
Kayalleri^Divisionen vereint gewesen sind, nie, oder nur als Aus« 
nähme von der Kegel danach gehandelt worden ist. — Werden 
einmal Befehle gegeben, so müssen sie auch ausgeführt worden. 
Das geschah nicht; die Befehle kamen nicht in Anwendung, an ihre 
Stelle trat Willkür. Und warum? Weil sich bei nSherer Ftnfnng 
in jenen Arbeitwi mancherlei Lücken finden. Dieser Ansidit trete 
ich bei. Als im Jahre 1843 das Kavallerie-Corps unter Euer Eicellena 
bei Berlin operierte, wurde nach einfiicheren, besseren Prinzipien 
verfahren. Besseres habe ich in meiner, zwar nur kurzen — Dienst- 
zdt nicht gesehen. Es klingt das wie Schmeicheld, ist aber 
meine aufrichtige Anücht von der Sache zum Besten meiner 
Waffis u. 8. w.c 

Und weiterhin an anderer Stelle: ». . da noch leider kein Tn> 
spektenr dar Kavallerie vorhanden ist, der Willkür zu begegnen, 
damit doch endlich einmal eine Basis existiere, auf welcher sich 
dann die höheren F&hrer bewegen müssen. Dann, wird alsbald dsa 
neue Exerzier-Beglement ins Leben treten, so wird doch hoffentlich 
fest und unwiderruflich befohlen werden, dafe nach diesem streng 
verfahren wird, damit nicht jeder kommandierende General und 
Divisions-Commandeur »nach einem Reglement seiner Erfindung 
handelec. Da ich der Überzeugung lebe, in Euer Exoellenz den 
Mann g( funden zu haben, der einer m gewichtigen Aufgabe allein 
gewachsen ist, so wende ich mich vertrauensvoll an Sie, die Ver- 
sicherung hinzufügend, dafs ich den Schlufs Ihres Briefes beherzigen 
werde und innig wünsche, dafs der Tag einst kommen möge, wo 
wir Alle — also auch ich — Gut und Blut im alten preufsischen 
Sinne opfern könnten und meine Schuldigkeit nach besten 
Kräften zu tbun gedenke als u. s. w. . . .c 



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Albneht (Täter) t. PmaXa^n fiber AwbUdiuig der KtTaUeiie. 166 



In allen fliesen Schreiben wiederholt sich die Klage, die Kavallerie 

werde stiefmütterlich behandelt; alles Heil erwartete man von einem 
General-Inspekteur als den mau aucli iriiiier bereits den General 
V. Wraugel allgemein bezeichnete. »Ein solcher thut,« sagt 
Prinz Albrecht, »der VV'^affe sehr Not.« — Auch er »will aber 
keine Ncneninp:eu,« wie viele Andere anch und meint, »es sei damit 
schon viel gewonnen.« — Es war jene unglückliche Zeit, wo mau 
es mit allen Parteien halten, keiner zu nahe treten nnd Jedem 
etwas Verbindliches sagen wollte. General v. Wrangel hatte 
natürlich viele Widersacher, die wie Prinz Albrecht in einem ver- 
traulichen Briefe an ihn nieiut i^sieh nur schwer herbeiliefseri, tles 
Generals Verdienste aii/uerkennen. um das Gute, das er erzeugte, 
anzudeuten und aiLszusprechen.« — 

Vorstehend ist versucht wurden, unter Aulehnunt»- au bereits 
Bekituutes, einen Reitrag zur richtigen Würdigung der Ff i sr»nlichkeit 
des Feldmarschall v. Wrani^'e! als Reiter-General zu gehen. Die 
Erfolge seiner Ih >ti( Ihihl:' n tTiitete die Kavallerie in den letzten 
für sie so glorreichen beidzügen und das Auge des greisen Beiden 
weidete sich bis zuletzt an dem steten Aufblühen seiner Lieblings- 
waffe. Sein Erbe in Hezng anf die stetige Fortentwickehing der 
Kavallerie trat sein Königlicher Schüler, der nunmehr ebenfalls 
verewigte Prinz Friedrich Karl an. Noch ist die Zeit nicht 
da, wo wir dieses Königlichen Reiter- und Heerführers Verdienste 
um die Kavallerie einer eingehenden Besprechung uuterziehea 
können — wohl aber dürfte nachstehender Brief des Generals 
v. Wrangel vom 22. Februar 1848 aus Stettin, wo er damals 
kommandierender General des II. Armee-Corps war, an den damals 
19 Jahre alten iu Bonn studierenden Prinzen Friedrich Karl von 
Interesse und noch wenig bekannt sein. 

Nach einer für den vorliegenden Zweck gleicligültigen Ein- 
leitung, fährt der den rul folcrenderwcise fort: »Weun auch die 
zwei Jahre Ihres Aufenthaltes m Boini, in welchen Sie sich den 
ernsten Studien mit P^ifer und Heharrlichkeit widmen, freudii^ und 
eilig vorübergehen, so werden Sie von Ihren Bemühungen auch noch 
in späten Zeiten reiche Früchte «sammeln. — Und wollen Buer 
Königliciie Hoheit wohl erwägen, wie in dieser an grofsen Wclt- 
begebenheiten so reichen Zeit, das Mittelmäfsige und selbst das 
Bessere spurlos untergeht und nur edle und groCse Thaten bei der 
Nachwelt Anerkennung finden. — Daher stndiren Sie die Ge- 
schichte von Ihrem groXsen Ahnherrn Friedrich dem 



167 



BriafiveebMl da» FddiunduU Gial Wrufd n. w. 



Grofsen, und wollen Sie Kavallerist werdeu, so nehmen Sie 
Seydlitz, diesen unerreic h i>riren Reiter-General zu Ihrem 
Vorbilde — nacb dem Ilöchsteu müssen Sie streben. Denn als 
Prinz von Preufeen gehört Ihnen der Platz au der Spitze der 
Reit^rschaareii — mit ihnen Siegen, oder ehrenvoll Sterben — das 
mulk dereinst llir Wahlspruch sein. Doch, bevor Sie dahin gelangen, 
liegt noch ein mühsamfr und beschwerlicher Weg vor Ihnen; den 
Kavalleriedienst mufs man von der Pieke anfangen — die Ausbildung 
der ]?ekrnten zu Fnfse und zu Pferde selbständig zu leiten — 
Rt'iiionto! forde reiten tu lasseu, die Sorge für Mannschaft und die 
rtlt'^re (it r rtt'rdo rmes vollständigen Bereits (I'>critts) — alle diese 
kleinen DetaiM)i*'n?te dürfen Sie nicht als nberllüss]t:i: Diuge be- 
trachten und iiliersehen. Die darauf verwandle Mühe und Zeit wird 
in Zukunft >j.nUi Prtichte bringen. Erst mufs mau Ifnu n, ehe 
mau lehrtiu, erst pünktlich g« htjrchen, ehe man belphlen 
kann; ehe Sie Schlachten gewinnen wollen, müssen Sie Herzen 
gewinnen und zu begeistern verstehen — denn die kalte Pflicht 
reicht nicht ans, um grofse Thaten zu erkämpfen, diese sind nur 
dann zu erreichen, wenn der Reiter seinem Feldherm frendig zuruft: 
Herr befiehl, wo ;»oll ich sterben! — Gerade in der Zeit, wo 
Sie mit den j (ingereu Uftiziers und dem gemeinen Mann Sich 
täglich beschäftigen, müssen Sie bemüht sein. Sich die Liebe und 
das Vertrau pn Ihrer Kameraden und Untergebenen zu erwerben.« 

»Wie glücklich wtlrde ich mich schätzen, wenn ich ihren 
Wunsch erfüllen könnte, Ihnen bei Erlernung des Kavallerie-Dienstes 
nützlich zu sein — ja gerne würde ich Ihnen meine, durch die 
Bluttaufe geläuterten Kriegserfahrungen, nicht dnrch schriftliche 
Normalformeln, sondern bei den Libungen praktisch zeigen — und 
lehren — doch Sie wollen bedenken, dnf« irh iilu r W Jahr diene 
und alt und schwach werde — aber nie wird meine Liebe und 
Hingebung für meinen theuren KiniiL^, sowie meine aufriclitigste 
Verelirung für Sie mein Königlicher Prinz und Herr schwin- 
den u. s. w. . . .« 

Dieses Schreiben ist ein herrliches Zeugnis von der hohen Auf- 
fjtösung meines Berufes, welche General Wrangel dem Prinzen in 
, so warmen, jugendlich begeisterten Worten an das Herz zu legen 
verstand. 

Welchen Wicderhall mögen jene Worte in der feurigen Junglings- 
seelc gefunden und wie mag die Antwort auf sie gelautet haben. — 
Das sind Fragen, auf die das Leben des Prinzlichen Helden, der zu 
früh für seine »LiebÜngswaffec aus dem Leben schied, beredte 



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Zu Bflafanontli ^aiibuigßfffspsM*. 168 

Antwori giebti denn wir dürfen znm SchlaÜB dieser Betraohtong 
aagen: 

»Welch herrliehe Früchte seitigte diese Mahnung des 
greisen Helden!« 

fiffort, im Felumar 1890. 

Graf 700 Haslingen, 
Haaptmann and Oompi-Cbef im 8. thllriag. laCi-Btgi Nr. 71. 



XTTT. Zu Brialmont's „feBtnmgsgruppen". 



Es war Tins gestattet in den Janoar- tmd Februar- Heften von 
1886 und 1889 der »Jahrbücher« die »Befestigungskanst der Gegen- 
wart« und den »Einflafa des Wurffeuers und der Brisanzgeschosse 
auf die Befestigung« zu besprechen. Diesen beiden, »Aulsehea 
«negendenc Werken hat GenerallieutenAnt Brialmont, vor wenig 
Wochen, ein drittes — die »Festungsgrnppen«*) — folgen lassen, 
daa uns beute beschäftigen soll* Gleich seinen beiden Vorgängenit 
ist auch dieses dritte Werk zu einem stattlichen Buche, von nahezu 
vierthalbhundert Seiten grofsen Formates, gediehen, in vorzüglichem 
Drucke hergestellt und von einem trefflichen Atlas b^ leitet. Man 
wird einer schriftstellerischen Thätigkeiti welohe innerhalb eines 
Lustrums drei solche Bande zu Uefem Termag, eine gareohte Be- 
wonderang um so weniger versagen dürfen, wenn man erwägt, in 
welch' dienstlicher Stellung und Thätigkeit der geschätzte Autor 
sich befindet. Schade, dafs wir nicht im Stande sind, diese Be- 
wunderung auch nneingeschrinkt auf den Inhalt der »Festungs- 
gmppen« flbertragen zu können — deshalb nicht, wttl sie das nicht 
halten, waa in der »Einleitung« zu ihnen versprochen wird. Mit 
den ersten Worten derselben erklärt der Verfasser nämlich, dafe 



*) »Lei r^gions fertifi^es» lenr spipIicsMoii k la dIfaaM de plnrisan 
4Mb eanpöflas** per le Bentmsnt gfioM Brialmoni BnunOes 1889. Gajot 



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169 



Zu Bri&lmont's «Featongsgrnppea". 



»«r keinen Anstand nehme zu erklaren, wie seine gegenwärtigen 
Anscbannngen über die Stelle der Fortfestnngen nicht mehr gani 
mit denjenigen abereinstimmen , welche er vor 27 Jahren in seinen 
»Stadien über die Verteidigung der Staaten und die Befestigangs- 
knnst« ausgesprochen habe. Wenn man in einer, an Fortschritten 
und Umwandlungen so frnchtbaren Zeit, wie die unsVige ee iit, 
über die Kriegskunst schreibt, dann müsse man sich schon enfc- 
BcfalieCsen, zuweilen solche Geständnisse abznlegen.c Gewifs mofs 
man das, und kein Vernünftiger wird ein derartiges Geständnis 
anders, als mit steigender Hochachtung für den Bekenner auf- 
nehmen. Eines aber wird man dann von diesem erwarten dürfen: 
die Erfüllung jenes Versprechens nämlich, das in jenem Geständ- 
nisse liej^-. Es wird nicht schwer sein durch den Inhalt der 
»Festuugsgruppeii« selber zn beweisen, wie wenig Anlafs ihr Ver- 
fasser hatte, seine Leser eine noch so bescheidene Sinnesänderung 
erwarten 7ai lassen, .la, das gerade Gegenteil einer solchen fo\f^ 
bereits aus den nächsten Sätzen der besagten Kiiileitnng.« Der 
Verfasser meint, die neuesten Fortschritte des (iest liiitzwesens hätten 
die Geister nur verwirrt. Würde man jene mit klarem Verständ- 
nisse beurteilen, so müfste man bald erkennen, dafs das Wurffeuer 
und die Brisanzgeschossü dem Angiitfe weit nachteiliger sein, als 
der Verteidigung. »Diese stelle ihre Geschütze unter zuverlässigen 
Deckungen (Panzerkuppeln und kasemattierte Batterien) aut und 
berge ihre Besatzungen — sturmfrei — in ))ombensicheren Räumen, 
welche nur zur Abwehr eines Gewaltstofses verlassen würden. Der 
Allgreifer dagegen mfisse seine Batterien während der Dunkelheit 
mit gröfster lieHciiieunigung, im oti'euen Felde und unter dem Feuer 
der Festungs -Artillerie erbauen und armieren. Seine Geschütze 
enLb«hreu der Deckung gegen Wnrffeuer und sind durch kein 

ernstliches Hindernis vor Sturmangriffen geschützt Man 

nimmt nnn freilich an, dafs die Angrifts -Artillerie hinter natür- 
lichen Masken und in Terrainfalten aufgestellt werde, die das Feuer 
des Festungsgeschützes der Genauigkeit berauben; diese Folgerung 
ist aber unbegründet. Die Verteidigung« -Artillerie besitzt für alle 
ihre Geschütze ganz genaue Schiefsplänc, welche es ermöglichen, 
jede 1 ruppenansammlung und Arbeitsstelle mit voller Sirberheit zu 
bnachiefsen, sobald die Beobachtungsposten das Planquadrat ge- 
meldet haben, auf welchem jene Vorgänge stattfinden.« Das ist 
eben das »Wenn«. Wie sollen die Beobachtungsposten denu das 
genaue Planquadrat angeben können, innerhalb dessen ein nächt- 
licher Batteriebau stattfindet? Wie oft haben wir, bei Friedens- 



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170 



Übungen, der Artillerie schon gezeigt, welchen '^uschangen sie 
sich durch solches »Schiefsen nach dem Plane« aussetzt. Wenn 
dasselbe irgend welch^ ernstliche Erfolge verspräche, so würde sich 
ja ohne Weiteres auch der Angreifer derlei Sohieispläne anfertigen 
können — er wird es aber wohl immer ronielien, sein Feuer nach 
den weithin sichtbaren Zielen des Verteidigen, statt nach — Plan- 
qnadraten za richten. In einem Buche von der Bedeutung der 
»Festungegmppen« dürfen solche Scheingründe, wie das Schietsen 
nach PlSnen, aber nicht vorgebracht werden; denn damit täuscht 
man nnr Laien, Wissende nicht. Im gegenwärtigen Falle erstreckt 
sich diese Tänschnug freilich aach auf den Verfasser, der sich da- 
durch zu dem Schlüsse verleiten läfst: »keinen Irrtum sa begehen 
und nicht durch Thatsachen wicdorlegt zn werden, wenn er an* 
nimmt, dafs die Überlegenheit der Verteidigung mit der Zu- 
nahme der Wirk uugsfähigkeit aller Zerstörungsmittel nur 
wachsen kann und dafs jene sich zu jedem Fortschritte des 
GeschützweaenB beglück wtinschen dürfe, da sie die Stärken 
ihres Mauerwerkes und ihrer Panzer in's Unbegrenzte steigern 
könne, indes der Angriff sehen durch Zeit- und Gewichts- 
bedingnngen an gewisse Einschränkungen seiner Mittel 
gebunden bleibe*« Das ist freilich die alte, unTerbeeserliche An- 
schauung, nadb welcher sich der Festungskrieg um nichts Anderes, 
als das ZaBammenschieCsen von Mauern und Deckunp^en dreht. So 
dachten wohl auch die alten Ritter, als sie den Harniäch immer 
mehr yerstärkten, um ihn sdiufsfest zn erlialten. Mufs es denn 
immer und immer wiederholt werden, dalis sich ein richtiger 
Angriff vor allem gegen die Besatzung, nicht gegen die Bauten 
einer Festung richten wird? Als die letzteren noch so waren, dafs 
sie bewohnt und verteidigt werden konnten — wie jedes Block- 
haus — da lag die Sache anders: da konnte die Besatzung nur 
erreicht werden, wenn man das »Defensivgebäude« zertrümmerte in 
dem sie sich zn behanpten Termochte* Solehe Bauten kennt die 
heutige Befestigungskunst nicht mdtr. Ihre »unzerstörbaren« Kase- 
matten lassen sich nicht mehr — wie ehedem — aus Scharten 
heraus verteidigen; allein die Panzerkuppeln sind es, die an die 
Stelle der »Defensivbauten« getreten sind. Aber eine Kuppel deckt 
auch nur ein, höchstens zwei Oeschtltze und so widerstandsfähig 
sie aucli in mag — der Versuch ist noch nicht gemacht, wie es 
mit der Spannkraft derjenigen aussehen wird, welche sich dauernd 
in einem Panzer aufhalten sollen, der wirksam von heutigen 
Brisanzgranaten beschossen wird. Aber auch die nicht mehr 



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171 



Zu Bhalmont's «FestaogBgTappeQ". 



Terteidigbaren Hoblbanten der Befestigung haben durch den Yerlnrt 
der Sebarten niekte an Wolinliehkeit gewonnen nnd wi^en den 
Sohnta, den ne dem »mhenden« Ifanne gewähren reichlieh dnrcb 
den Nadifeefl «if, daJs sie Terlaflsen werden mliasen, wenn dem 
G^er ihre Bentanabme streitig gemacht werden will. Das Alles 
sind gaas andere Yerh&Unlsae, als diejenigen es waren, weUihe 
noch snr Kugelzeit bestanden; dies au Terkennen Ist ein Fehler, 
der flieh in den »Festongsgruppen« nicht h&tte wiederholen sollen. 

Der Verfasser dieses lügt seinen bisherigen AnsfiUimngen die 
Bemerkong hei, »da& ne wh niebi a«oh anf TsreinMlte (isol^) 
Forts nnd kleine Sperrplfttse beliehen, welche immer leichter anni- 
greifen, als so verteidigen sein werden«. Weshalb? Wird dieser 
Vorbehalt nicht dann gerade nnTcritindlich, wenn man die An- 
schauungen fBsthlQt, welche in den »Festungsgruppen« entwickelt 
werden? Sobald nur die Gew5lbe- nnd Kuppelstirken von ent^ 
schadender Bedentong für die Widerstandsfähigkeit einer Festimg 
sind, dann ist doch wahrhaftig nicht einansehen, wamm jene 
technischen Anamabe bei einem Sperrfort andern wirken sollen, eis 
bei den Vorwerken eines FsstnngsgürtelsP Wir werden nnn spSter 
allerdings sehen, dab dieser Gnrtel auch noch durch »Abschnitts^ 
reserren« Terteidigt werden will und der Ausdruck »isoliertes Fort« 
legt uns in der That die Meinung nahe, als ob der, hier yoraus- 
gesetzte Mangel solcher Abechnittsreserven es wäre, welcher, der 
kleinen Sperrfestuug gegenüber, das Übergewicht der Verteidigung 
auf einmal in ihr Gegenteil verkehre. Brialmont ist im Allge- 
meinen kein grofser Frennd von Sperrforts, er bevoi^ugt grofse 
Plätze und Festungsgruppen — letztere zu empfehlen ist ja mit die 
Absicht seines Buches. Es bleibt aber doch immer unverständlich, 
weshalb ein Gurtelfort mit unbegränzter Widerstandskraft aas- 
gestattet du allenfalls ebenso cuigorichtetes Sperrfort aber 
>iiftmer leichter anzugreifen als zu verteidigen« sein soll? Den 
»Vorteil«, nach Plänen schiefsen zu können, geniefsen auch die 
Sperrfortgeschütze, die Lücken der Sperrfortlinien sind selten fühlbar 
grüfser wie jene der Vorwerksgürtel — bleibt immer nur die Ab- 
schnittsreserve als dasjenige Moment übrig, welches — trotz Mauer- 
und Panzerstärken — bei Fortfesinngen. die »Uberlegenlieit der 
Verteidigung gegenüber allen möglicheu Fortschritten des üeschütz- 
wesens« sichert? — 

Unser Autor erklärt in der Einleitung zu seinen »Festungs- 
gruppen« weiter, wie die Annalum" zwiir richtig wäre, dafs die 
bisherigen ForU den neuen Augriffsiuittelu nicht zu widerstehen 



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vermöchten; dagegen sei es ein Irrtum, wenn man »die lieft .st iguugs- 
kunst in ganz neue Wege drängen wolle: es genüge durchaus, die 
bestehenden Grundrisse und Formen tcst/.nhalten, nur die Gewölbe 
und Mauern müfsten verstärkt und die beschütze nnter Kuppeln 
gestellt werden«. Wir dürfeu wohl behaupten, dafs es dem gauzeu 
Entwickelun^s^an^e der Befestigungskunst widersprechen heifsfc, 
wenn man I' lickwerk üii Stelle wirklich durchdachter, iieut r, kiiuitigen 
A 11 forderuügdii duichauM t iitsprechender Formen empfehlen will. 
Sobald man sagt, »ich denke heute anders wie vor 27 Jahren über 
die Befestignngsfrage,« dann darf man diese auerkennenawerte Er- 
klärung nicht durch di»^ H< liauptnni? abschwächen: »ich vertrete 
aber hente tiocIi difsrllx ii Het'r^ti^ungsanlagen, die ich schon zur 
Kugelzeit ('nt\s irtVn habe«. Man war — natürlich — ja allent- 
halben gezwungen, vorerst nur die bestehenden Werke /u versstärken; 
es ist aber wohl Niemandem ^^injjpfallen, in diesem unerläfslichen 
Notbelielfe auch schon das erbtn lious werte Ideal einer zukünftigen 
Befestigungsweise erkennen zu wollen. Wird doch selbst der Laie 
ermessen können, dafs mau nicht blofs Verbesserungen in den Kauf 
nimmt, weuu man an einem Werke, nachträglich die Mauern auf 
mehr a!'-' doppelte Starke bringen, Eingänge, Fenster und Kamine 
ändern mufs u. s. w. Es ist auch durchaus unzutreffend, wenn man 
denkt, dafs sich Panzertürme iu bestehend^ Forts ungefähr ebenso 
einfach und vorteilhaft einstellen lassen, ^\io allenfalls Traversen 
und dergl. Da verfuhren die Altnn ist» r d r Ijcfesügungskunst doch 
anders: sie änderten wenigstens die »xManiers n«, sobald die Fort- 
schritte der Anarülsmiitel ihnen dazu Anlalls boten. »In Zukunft 
Süllen die Forts allrnlnigs kleiner angelegt werden: nicht um sie 
widerstandsfähiger zu machen, sondern lediglich der gerin g(>ren 
Kosten wegen.« Wenn dabei noch gesagt wäre, daCs dafür die 
Anzahl der Werke eines Festungsgürtels vermehrt und hierdurch 
die Lücken des letzteren verengert werden ^^nllteti — dann UeCae 
sich immerhin die Absicht einer taktischen Verstärkung des 
Vorwerkagürtels erkennen: verkleinerte Forts können diesen — 
bei Aufrechthaltang der bisherigen Zwiscbenlimen — aber nur 
schwächen. — 

Als Brialmont vor fünf Jahren die »Befestigungskunst der 
Gegenwart« veröffentlichte, erklärte er selbst, dafs sie wohl auch 
die »Befestigungskunst der Zukunft« enthalte, weil die Artillerie, 
in absehbarer Zeit, kaum Fortschritte machen könne, welche in der 
»gegenwärtigen Befestigungskunst« nicht schon entsprechend berück- 
aiebtigt worden wiren. Die ArtiUerie war nnartig genug hierauf 



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173 



Zu Brulmoiit^s »FMtviigignippen*'. 



mit Einfübrang der Brisanzgeschosse antworten. Der Chef 
des belgischen Ingenieur-Corps sah sich hierdurch veranlalkt, seiuer 
»gegeuwärtigen Befestigangc alsbald den Band über den »Einflnfe 
des Wurffeuers und der Brisauzgeschosse« folgen zu lassen, in 
welchem er über das Geli iiiudswesen schmollte, unter dessen 
Decke sich alle neueren \\ alieulürtachritte vollziehen. 

Man sollte glauben, dafs die gemachte Erfahrung genügen konnte» 
um der Artillerie nicht nochmals Verbesserungen abzusprechen, die 
sie sich nicht beschränken läfet. Doch nein. Bnalraont unter- 
nimmt es, des Längeren nachzuweisen, dafe und warum jene WalFe 
nun endlich auf dorn Gipfel ihrer Neuerungen angekommen sein 
müsse — und darauf erwidert die Artillerie mit einem neuen Treib- 
mittel, das ihre Stellung nicht verrät und das schwarze Pulver 
ungefähr um das Doppelte an schleudernder Kraft übertrifft. Wie 
wird es nun mit den »Schiefspläuen« aussehen, die ja alle darauf 
berechnet waren, dafs man ihre Quadrate wenigstens durch den 
aufsteigenden Ranch der feuernden (jeschutze zu entdecken ver^ 
möge? — 

Was soll man da zu der wiederholten Behauptung sagen: »Dafs 
die uächate Zukunft beweisen werde, wie die Fortschritte der 
Artillerie lediglicii die Widerstandskraft der Festungen erhöhen und 
eine neue Ära für sie einleiten werde.« Letzteres wohl — aber 
k;iuin im Siime der Einleitung zu den »Festungsgruppen«. Zu 
welcliem liochfluge sich jene aber verführen läfst, das ertnebt sich 
indes am deatlichsten aus ihrem Soblnsse, in welchem der Autor 
eine volif Z irnesschale über diejenigen ausgiefst, welche die Kosten 
seiner Vorbclilage etwas hoch linden. »Sie sollen doch zuerst be- 
weisen, dafs die I?ef»'stipuiiL'sanlagen, weiche sie abielirien unnütz 
sind, dann aber auch erwiigen, dafs die Kosten für Festungswerke 
und ihre Ausrüstung dauernden W^rt ^>^ ■^it/.^n und sich nur in 
seltfMieu, gänzliche Umgestaltungen forciernden Zuitabständen er- 
Uf iu rn, während die Kosten für den Unterhalt von Truppen und 
Pferden sich unausgesetzt wiederholen. Ist es da nicht überraschend, 
dafs man die letzteren Beträge gerade in den Staaten so leicht be- 
willigt, in welchen man sich hartnäckig weigert, die, zur BctVstiLruiig 
der Hauptstadt und anderer, strategisch wichtiger Punkte uueriäfs- 
lichen Sumuieu anzuweisen. Wäre es nicht richtiger, sich diese 
Summen durch eine rorübergehende. besser noch durch eine 
dauernde Verminderung des Aufwandes für die stehenden Armeen 
zu v'Msrhalfen, die in der Xhat bereits eine übermäfsige Stärke 
erreicht haben?« Unserer Überzeugung nach ist ee sdiwer, diese 



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Za Brüümoat*« ^Festaogvgnippen**. X74 

Anschauungen so zu würdigen, wie sie es wohl verdienen; glück- 
licherweise ist diese Würdigung aber auch kau in noch nötig. Dies 
läfst sich nicht minder von der Aniuerkuug saj^eu, welche jenen 
Ausfühningeü beigegeben wird und dahin lautet, dat die »Feutungs- 
gruppenc den Hauptzweck hal)en »die jungen Offiziere zu belehren, 
welche, noch der nötigen Erfahrung und Belesenheit ermangelnd, 
allzuieicht Anschauungen und neue Theorien in sich aufnehmen, 
wie sie nach jedem grofsen Kriege empor wuchern, deren Mehrzahl 
aber einer reiflichen Prüfung und gründlichen Besprechung nicht 
Stand halten können. < — 

Wenn wir damit die Einleitung r.n den »Festungsgruppen« 
durchgesprochen haben, so bekennen wir ijeme, dafs sich mi. cre 
Auffassung derselben wohl sehr wesentlich von derjenigen zu unler- 
scheidea scheint, welche Urialmont's Worten in den LüikIhiii 
seiner Muttersprache zu iei\ wird. So hielt sich der Aviuir 
jnilitaire verpflichtet, die gauzo Einleitung, ihrer grofsen iJedealüng 
wegen, ungekürzt abzudrucken und La Helgique militaire ist 
diesem Beispiele prefolgt. Hat dort die Einleitung« d^-mnach der 
Erwartunp-, die > I' rsi ungsgruppeu« selber kennen 711 Ii i neu, zur 
gesteigerten Anregung dienen müssen, so können wir nicht ver- 
hehlen, dafs es uus eine gewisse Ühf r Windung gekostet hat, nach 
dieser Einleitung uns noch dem Buche zuzuwenden, dem sie -/ur 
Empfehlung — aber auch zur Kennzeichnung dienen soll. Indes 
— auch ein Berichterstatter hat der Pflicht zu genügen, die er 
fibernimmt. — 

Die »Festuugsgruppent sind in siebzehn Kapitel geglitdnl, 
Ton denen freilich manche in ziemlich lockerem Zusammenhauge 
mit der Hauptfrage des Buches stehen, allein — Knappheit hat 
noch Niemand unserem Autor vorgeworfen. Da wird denn im 
ersten KH|iitrl über den »Ursprung der grofeen, strategischen Plätze 
und deren allmähliche Umwandlung« berichtet Ist das Buch auch 
hauptsächlich den jungen Offizieren gewidmet, so sollte man immer- 
hin annehmen dürfen, dafs selbst diese, bei der Vorzüglichkeit der 
heutigen, höheren Militärschulen, schon hinlänglich von den Dingel! 
gehurt haben, die hier neuerdings zum Vortrage kommen. 

Es war also Vauban, der genau vor 200 Jahren den Vorschlag 
machte: Paris mit einer dopjielten Umwallung — die äufsere an 
2000 m über die innere vortresehoben — einzuschliefsen. Ja, wenn 
die heutigen Plätze nur auch — in sinngemäl^er Weise — durch 
voreinandergelegte »Um Wallungen« befestigt wären. In bisheriger 
AnordTunic: dieser ist das nun fVfMÜch nicht möglich — eben da- 

JakrfeBoter tte dJa O^itMha AmM nmd Muia«. M. LUV., i. 10. 



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175 



Zv Brfalaioiit*i «FMtuiigBgrapiwii* 



durch entbehren die Plätse aber der eiuiig richtigen Anforderung 
Vaaban*s — des »starmfreien Umzoges« nämlich. Ein Umzug, 
denen Werke stundenweite Zwiachenlinien einscblieCsen, ist nicht 
sturmfrei. Trotz dieses (von unserem Autor allerdings nicht znge- 
atandenen) Maugels, soll der heutige Yorwerksgurtel den Gegner 
nnn zwar nicht hindern eine Feitnng anzugreifen, wohl aber sie, 
d. h. ihre Innenstadt, bombardienn und den Platz mit genügeudem 
Nachdrncke einschlieÜBen zu können. Paria und Metz wären freilich 
wirksam eingeschlossen und dadurch — ansgehnngert worden, allein, 
— diese Bewältigung durch Hunger, war eben nur unter den 
Umständoi möglicb, die in Paris und Metz hemohten. Hätten 
Bazaine and Mac-Mahon die Fehler nicht gemacht, die sie 
begingen, >o hätte weder Paris nodi Meta durch Hunger fallen 
kdnnen. Ganz recht — aber was aoll das daran ändern, auch noch 
in späterer Zukunft Platze auszuhungern? Und wenn sich noch so 
vorzügliche Besatzungen darin fanden — wie weit mdlsten sich 
deren AnsftUe erstrecken, um don Proviant emeoem su kSnnen? 
Förmlich anzugreifen soll man die Festung Tormogen, aber — ab- 
soflchliefsen und anssahnngem nicht? Wäre es da nidit vielleicht 
am einfachsten, wenn die treffliche Verteidigung auch gleich den 
regelmäbigen Angriff abschlüge und möchte ihr das, hei deaaen 
Nähe und ihren auiserordentlicben Vorzfigen, nicht immer noch 
leichter werden, als die Proriantemenemng ans weiterer Feme? 
Doch -~ alle erwähnten Behauptungen sollen ja nur den Wert nnd 
Nntien groCser Fortfestnngen begründen. Wer leugnet denselben 
unter allen Umstanden? Das aber hesweifelt wohl Mancher, oh die 
Kosten, welche hentzntage für wirklich gute Fortfeslinngen anf- 
gewendet werden mOssen, unter jedem Verhältnisse mit der Be- 
stimmtheit von ihnen wett gemacht werden dfirfen, mit welcher 
dieser Ausgleich von den Mitteln erwartet werden kann, die für 
die TfichtJgkeit der Armeen znr Auagabe gelangen. — 

Dem Lobe, das im eratea Kapitel nnaeres Bnohes den grolsen 
Festungen gespendet wird, stellt dessen Verfasser — im zweiten 
Kapitel — die Bedenken gegenüber, mit denen er hinsichtlich so- 
genannter »Gelegenheitsfestnngen« (Plewna) erftUt ist Bei der 
eigentflmlichen Gewandtheit, von welcher er Gebranch macht, um 
seine Behauptungen immer auch an der Hand der Kriegsgeschichte 
zu entwichelny f&hrt er hier an, dafs es nicht blols Plewna^ sondern 
auch Sebaatopol war, bei welchem die Widerstandsfähigkeit pro- 
visorischer Werke jene Bewunderung erregt habe, auf welche sich 
die — ungerechtfertigte — Bewegung st&tce, die den Gelegenheits- 



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176 



fettungen Yon maneher Seite zogewendet werde. Non sage nhtac 
Todlebitu, dafi »er sich wohl begltldcwfimieht haben wfirde, wenn 
Sobasiopol mit permanenten , statt nnr proTisorisdien Werken 
anagebant gewesen wftre. Das wftrde ihn des Nachteils fiberhoben 
haben, tfiglieh 5(X>-'10,000 Mann sn Befestigungsarbeiten verwenden 
an mflflsen.« Kein Mensch wird anderer Meinung sein. Allein — 
gerade unser Yerfissser wird am genauesten wissen, welche Arbeita- 
krftfte DBr die Instandsetsung heutiger Fortfestungen, bei eintretendem 
Kriegefidle, notwendig sind. Waram? Doch haaptsächlich wieder 
deshalb, weil die eigentliche Verteidigungalinie dieser Fifita» — der 
Vorwerhsgtirtel also — nnr allniweit davon entfernt ist, einen 
»geschlossenen, sturmfeeien Unutng« sa bilden. Wer es aber jemals 
gewagt bat, anch Gelegenheitsfestangen für aoUtong m halten, den 
trifft nnn Brialmont's harter Tadel: denn es ist ein gro&er Iirtnm, 
▼OD QelegenhiiiBfestnngen die Widentandsfähigheit Toraasseiaen 
zu wollen, die allein den permanenten Werken, »wie sie ansgefohrt, 
armittrt und verteidigt werden sollen« sogestanden werden darf. 
Sagt doch von der Golts mit Recht: »Ein Festungswerk weg- 
nehmen wollen, ehe es dnrch das AngriffsgeschlltK niedergekämpft 
iat, kann nnr als Mamelnkenstrdch beieiohnei werden, c Aber wer 
in aller Welt hat denn jemals etwas Anderes behauptet? Vom 
reinen Oberfalle abgesehen, drafct wohl nicht ein Vernünftiger 
danm, ein Vorwerk stfirmen so wollen ehe es »sturmreif« ist 
Der Sata gilt indes doch ebensogut für permanente wie für pro- 
visorische Werke und ist gerade bezüglich der letzteren recht 
eindringlich bei Plewna gepredigt worden. Es ist eben immer 
derselbe Gedankengang: «'s ^iebt kein anderes Niederkämpfen eines 
Festungswerkes, als seine gänzliche Zerstörung — hierin liegt 
der bedauerliche Irrtum, auf welchem sich die »Festuugsgruppen« 
— wie alle, denselben voran fgegangenen Werke ihres Verfassers, 
aufbauen. 

»Dem Nutzen der Festungen im Allgemeinen c ist das dritte 
Kapitel gewidmet. Auch hier gelangt das ganze Arsenal kriegs- 
geschichtlicher Belege, über weicht' unser Autor in so bewunderns- 
wertem Mafse verffigt, zum Aufgebot^', um zu beweisen was Niemand 
in ernstlichen Zweifel zieht. Man braucht noch lange nicht .so 
glühend für Festungsbauten begeistert znsein, wie Brial m o n t, um 
gerne einzuräumen, dafs dieselben sich in vielen Fällen als äufserst 
nützlich erweisen können. Damit ist aber doch noch lange nicht 
gesagt, dafs nun der letzte Heller drangegeben werden muts, um 
dieses möglichen Nutzens stets im aller ausgedehntesten Mafse 

12* 



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177 



♦ 

Zu firithiMNit*« »Fettangignippeii*. 



versichert zu bleiben. Dafür fehlt es nun allerdings — wie schon 
ihre »Einleitang« beweifet — in den »Festungsgruppen« an jedem 
Verständnisse, dafe es doch erlaubt sein müsse, sich auch in 
Festungsfragen »nach seiner Decke strecken« zu dürfen. Mit 
Festungen allein schlägt man doch noch keinen Gegner, ja, man 
bedarf ihrer eigentlich erst, wenn man selbst bereits geschlagen 
wurde — und da soll es beinahe unerlaubt sein, sich vor allem der 
Wahrscheinlichkeit, nach bester Einsicht, zo versichern: den Geg- 
ner, gtatt sich selber, zum (reschiagenen zu machen. Für diese 
ZuTersicht ist schon zu Mouteoncali*8 Zeiten »Geld, Geld und 
nochmals Geld« erforderlich gewesen und nun erst heute! Da mag 
die Lust, sowie die Möglichkeit wohl dort und da gebrechen, nun 
auch noch alles das in Panscrkuppeln und Konzentieruug anzulegen, 
was — dem Geschlagenen von Nutzen wwden könnte. Die Für- 
acKTge ist ja dankeneweri, die diesem in den »Festungsgruppen« 
zugewendet wird, es mub aber doch gestattet bleiben, da keinen 
Gebrauch von ihr zu machen, wo man sich aufser Stande sieht, die 
dafür erlaufenden — Rechnungen begleichen zn iLÖnnen. — 

Mit »der Wichtigkeit der Flankeustellungen« beschäftigt sieh 
(las vierte Kapitel unseres Buches, das denn abermals eine ganse 
Keihe geschichtlicher Vorgänge und Thatsacheu bringt, die denjenigen 
wohl längst bekannt sind, die sich mit der Anlage oder der £r- 
baitong befestigter Plätze zu beschäftigen haben. 

Man wird dasselbe von den gleich umfassenden, historischeu 
Begründangen sagen dürfen, welche im fünften Kapitel für die 
»Befestigung der Landsehaaptstadte« Torgefühi-t werden. Wie schwer 
wir Deutsche aber von dem zu tiber7iMii:»-n sind, was uns not that, 
das wird durch die Angabe bewiesen, da£» Marschall Moltke schon 
1858 einen Entwurf zur Befestigung von Berlin gebilligt habe. 
Wie der Marschall heute darüber denkt, wird freilich nicht dabei 
geaagt 

Das sechste Kapitel endlich wendet sich den > Festung^ 
grnppen« selber zu, indem es eine stattliche Sammlung einschlägiger 
Anssprficbe bekannter MilitarschrifbsteUer bietet, die alle zu Gunsten 
solcher Gruppenbefettigungen lauten. 

Die »Bedingungen denen dieselben zn genügen haben,« werden 
im siebenten Kapitel aufgezählt; im achten wird sodann er^ 
läutert, dafs sich die Plätze einer Festungsgruppe in »yerechaiiste 
Lager« und »Stütspunkte« gliedern. (Unser Verfasser Tenteht — 
bekanntlich — unter der ersteren Bezeichnung daiselbe was ge- 
meinbin als grolse Fort- oder Gurtelfestung gilt). Ein »Tenebanztai 



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178 



Lager« — sagen wir ilMuptplatz — <:^cnügl, nach Hrialmont, für 
jede Festiin^spruppe und es kann dieser Hauptjmnkt entweder eine 
grofso Stadt innscliliefsen — oder niclit. Bei den »Stützpunkton« 
wäre hauptsächlich <ler Ict/.terc Kall anzunehmen und schon deshalb 
vorzuziebeu, weil eine Innenstadt doch selten gänzlich vor feindlichem 
Bombardement zu schützen ist. I)a.s letztere werde aber sogar in der 
dentscheu Belageruugs -Vorschrift von 1873 ausdrücklich empfohlen. 
Wir leugnen nicht, dafs wir durc^haus auf dem Standpunkte stehen, 
das Bombardement überall da sofort zu eröffnen, wo es wirklichen 
Erfolg verspricht. Erat dann würden wir hierüber anderer Meinung 
sein, wenn diese Angriffsform, durch wirklich bindende, inter- 
nationale Verträge, gegenseitig ausgeschlossen bliebe. Wir räumen 
ja sehr gerne ein, dafs es sein Unangenehmes für den Festongs- 
banmeister haben kann, wenn er einen Platz mit noch so klug 
erdachten Werken umgiebi and der Gegner nun rücksichtslos genug 
ist, die Vorzüge dieser oicht emmal durch einen »regelmäCsigenc 
Angriff zu würdigen, zu deasoD gründlichster Durchführung sie ja 
eigentlich einladen sollten, sondern — gleich über die schönen 
Werke hinweg — den Kestungskem, sofm er ihm erreichbar ist, 
zosammenschiefst. .\llein: Krieg ist Krieg und die Menschlichkeit 
findet dabei desto eher ihre Rechte, je rascher man wieder zum 
Frieden kommt. Wer die Bombardementsge&hr scheut, der baue 
entweder keine, oder doch nur solche Festungen, bei welchen die* 
selbe völlig ausgeschlossen ist. — 

Das neunte Kapitel ist der »Lage, den Ansmafsen uud der 
Einrichtung der Forts anet Festungsgnippec gewidmet. Hierbei 
spricht sich der Verfasser sehr richtig dahin aus, dafs man allen 
Wert auf eine aktive Verteidigung der Werke legen solle. ^ Diese 
Verteidi^ungs weise, so nütilich, um den moralischen Impuls des 
Anpfi-eifers herabzustimraen und das Selbstvertrauen der Garnison zu 
festigen, kann dorch Nichts ersetzt werden und es ist sicher ein 
Irrtum, wenn man glaubt, dafs ein Fort nur ein künstlicher Fels- 
block sein dürfe, ohne Graben, ohne Wall, ohne Innenraum, ohne 
Verteidigungs-In&nterie, ans dem nur etliche Panzcrkuppeln hervor- 
sehen, welche von Kanonieren und Maschinisten bedient werden, 
die in den Hohlräumen dieses Felsens untergebracht sind.« Wir 
teilen dieee, gegen die Vorschläge Mou gl n's gerichtete Vernrteilnng 
vollkommen, allein — wie soll denn die »aktive Verteidignngc 
ausgeführt werden, welche nnser Antor verlangt und der auch wir 
dieselben Vorzfige beilegen w3rden wie er: wenn wir sie nur immer 
für eireiehhar hielten. Seit »Wiedererfindungc des Wnrffeuers 



179 



Zn Brialmoors «FestoDgagrapp«!''. 



haben wir ja schou zahllose Male erklärt, wie es aufserordentlich 
einfach ist, ein Fort derart üiiter Feuer zu nehmen, dafs seine 
Besatzung gerwnugtu ist, sich in ihre hombensicheren ünterätands- 
räume zurück/^uzieheu. Ruckt man um so weit gegen das Werk 
vor, als jenes niederhaltende Feuer dies gestattet und stellt dasselbe 
hierauf ein, um die Besatzung an die ürustwehr zu locken, so steht 
ja Rar nichts im Wege, diese Besatzung — durch Wiederaufnahme 
dea unterbrochenen Feuers — jetzt so mit diesem zu überschütten, 
daüs sie sich abermals — nur nun unter sehr emptindiiclien Ver- 
lusten — in ihre Kasematten zurückziehen mufs. Diesen einfachen 
Vorgang kann man aber so lange wiederholen, bis die Besatzung 
mit voller Sicherheit hinlänglich genug erschüttert ist, um jede 
Fähigkeit einer »aktiven Verteidigung« eingebüfBi zu haben. Das 
ist ja der Grund, weshalb wir die heutigen Forts, trotz aller Ver- 
stärkungen, nicht mehr für einwandfreie Befestigungawerke ansehen 
können; denn, wenn der eben bespruchene Angriff gegen sie sich 
dort und da auch nicht so glatt durchführen lassen sollte: die volle 
Sicherheit für eine richtige, aktive Verteidigung kann durch solche 
Vurkummuisse noch keineswegs gewährleistet, ebensowenig aber die 
Möf^lichkeit zerschmetterndster Niederlagen, für preisgegebene VVerk- 
besatzungen, ausgeschlossen werden. Wer sich verpflichtet fdhlt, 
die FestuufeTHstädte vor Bombardements.u'efahr zu schützen, der mufs 
(iieselbe Pliicht auch gegen Werkbesatzungen erfüllen, von welchen 
er die Werkverteidigiing erwartet. Nicht allein der ruhende Mann, 
auch der kämpfende uiuis vor einer Feuerwirkung geschützt 
werden, deren Furchtbarkeit mit jedem Ta^e zunimmt und dadurch 
allercliiiizs den Schutz ausschliefst, den riiedem schon djis cintiiuhsto 
Blockhaus seinen Verteidigern verlieh. — Was aber un.srr Autor 
selbst von der aktiven Verteidigung seiner Vorwerke hält, las Iii 
ziemlich deutlich daraus hervor, dafs er zwar jedes derselben mit 
einer und, wenn das Fort ein Reduit hat, mit zwei Compatrnien 
Infanterie besetzen will, dazu aber ausdrücklich bemerkt: »die zur 
Abwehr eines Gewaltstofae.s weiters nötigen Truppen sind der 
Abschiiitts-lve.serve zu entnehmen, welche sich hinter der Vorwerks- 
hiiie ttetindct, wo die Mannschaltcn mehr Ruhe geuielisen und ilirt'ii 
moralischen Halt länger Itewahren werden, als wenn sie m den 
Forts .selber nntergebra<ht wären.« Also trotz der ungeheueren 
Summen, welche die .Schutthaufen eines Werkes verschlingen, 
>genief8t man aulserlialb derselben mehr Kuhe« und es bedarf immer 
der, fmoraiiscli weniger leicht zu erschütternden Abschnitts- Reserve« 
um das sturmfreie Werk zu verteidigen! Wie stark muis diese 



Zu firialmont'fe «Fwtoagffgnqipen*, 



180 



Abschnitts-Reserve sein, um den Angriff einer Division abzuschlagen 
uod wie viel solcher Abschnitt^-Ht serven sind erforderlich, wenn 
man furchten miifä, dafs nicht biols eine, aomleni mehrcrp Vorwerk s- 
lücken gleichzeitig von Gewaltstüfsen bedroht werden kuLiiu n? Wo 
geniefsen diese Reserven jener Itplmoflichen Rnhe< welche sie auf- 
recht halt, wenn sie der Voi iveikslaiie nahe genug bereit gehalten 
werden, um diese verteidigen zu können, das Angriffss?eschut2, mit 
seiner uuMleugroläen Tragweise aber, jener Linie auf 2(AiO m izegen- 
iih( r steht? Das sind die Fratzen, die wir einem Befestigungs- 
systenie vorhalten müssen, di sseu Werke durch — aulserhalb der- 
selben bereitstehende Truppen verteidifxt werden sollen. Diese 
letztere Fürderuiig ist aber allerdings uuer läfslich, wenn die Zwischen- 
linieii der Vorwerke — wie Brialniont arif^ielit — 4 — 5 km Aus- 
dehnung erhalten. Dabei sollen jene, bei Haaptj lätzen 8, bei Stütz- 
punkten aber nnr 3 km über deti Fe.stiiiigskeru hmnu^^erückt werden. 
Hierdurch bleibt das Innere der Stützpunkte der Kombardements- 
gefahr unterworfen und wenn dasselbe auch keine vStadt enthält, so 
wird diese Gefahr doch wesentlich dazu beitragen die WiderstaAdth 
fahigkeit der Stützpunkte fühlbar herabzumindern. — 

»Gebirgskrieg und Sperrfortsc bilden den Inhalt des zehnten 
Kapitels, das die kaum geläufige Anschauung entwickelt und durch 
geschichthche Thatsacheu wie Schriftsteller-Aussprüche zu unter- 
stützen sucht, dafs im Gebirgskriege der Angriff weit günstigere 
Aossichten habe, als die Verteidigung. — 

Tm elften Kapitel giebt unser Autor die »Grundformen der 
Befestigung« bekannt, welche er »für die Ilauptumfassungen und 
die Forts der Raupt- und Stützpunkte seiner Festungsgruppen« 
empfiehlt. Er beginnt hierzu mit der Erklärung, dafs die »neue 
Schule«, deren Lehren er bekämpfe, diejenige sei, welche »beim 
Angriffe Alles für möglich halte, der Verteidigung aber jede Über- 
legenheit abspreche; in Frankreich die Uerabnahme der schweren 
Geschütze ?on den Vorwerkswällen fordern, um sie in den Zwischen- 
linien aufzustellen; in Deutschland die Meinung verbreite, dals es 
für die Zukunft unmöglich sein werde, Befestigungen hersiutellen, 
die dem briaantoi Warffeuer widerstehen und dafs man — eben 
deshalb — den Vorwerksgürtel durch doppelte, oder drei- bis 
vierfache Eeihen kleiner Panzertürme ersetzen solle, deren Kartatsch- 
feaer sich gegenseitig unterstütze«. Ob Brialmont nicht doch 
der t neuen Schule« etwas Unrecht thut? Wer AngriflF und Ver- 
teidigung nicht mit richtigem Mafise abzuwägen und jeder dieser 
Kampffonnen dasjeDige snzoerkeiinen Termag, was ihr wirklich 



181 



Zu Brufanonffl «P<«tllng8grappeIl^ 



gebührt, der Terdient wohl kaum »ernst« genommen sa werden — 
die LebeoBdauer seiner Bebanptnogen wird diejenige der Eintags^ 
fliegen wenig ftberachreiten. Gans etwas Anderes ist es aUerdings;, 
wenn man nur dem ein richtiges Urteil zugestehen will, der — 
die Überlegenheit der Verteidigung von Tomherein anerkennt. 
Za dieser Anerkennung wurde nur dann Veranlassung gegeben sein, 
wenn die Befestigungskanst dem alten Sidate: »erst Wirkung dann 
Deckung«, heute noch ungefEhr ebenso treu geblieben wire, wie 
sie es ihm — beispielsweise — xur Zeit der Montalembert^schen 
Rtchtnng gewesen ist. Unser Autor selbst aber widerrftt die 
Gesdifitsaufstellung auf o£fonem Walle — er wird doch nicht be- 
haupten wollen, dafis die Wirkung der Artillerie zunimmt, wenn 
man diese in Panzerknppeln einstellt? Was hinderte denn sonst, 
den Wall eines Werkes fast mit ebensoviel Gesehütaen an besetien, 
als nur Platz dazu vorhanden war. Soll diese Wirkung durch ein 
paar Panzertfirme aufgewogen werden? Wirkt der Bfann denn 
heute noch aus den Hohlräumen heraus, die ihm zur Deckung an- 
gewiesen worden und — war das sonst nicht anders? Die Wirkung 
ist* auf Anschlula- und Zwischen-Batterien, Abschnitts-Beserven und 
dergleichen übertragen worden, die eSmtlich derjenigen Sturm- 
freiheit und Deckung entbehien, welche sonst der ganzen 
Verteidigung eigen waren. Sollen diese Mangel die Wirknng 
der heutigen zu steigern Termögen? Noch vor drelTsig Jahren, 
d. h. zur Kugelzeit, konnte es kein Angreifer wagen, in die, bei- 
läufig kilometerlangeii Lücken eines Vorwerksgiirtels eindringen zu 
wollen, weil die Wirkung der Geschütze der Forts nnd der, kaum 
1000 m hinter ihnen liegenden Hauptumfusnng es verwehrte. Jetzt 
sind diese Lficken mindestens stundenlang, wer sie durchsehreiten 
will, braucht nicht zu fürchten — wie ehedem — durch das 
Kartatschfeuer der Vorwerkagesehfltze hindurch, in da^enige der 
ArttllMie des Hauptwalles rennen zu müssen ~ die Ports unter- 
stützen sich gegenseitig nur durch »Femfeuer« und die Hanpt- 
umfiissung kann den Vorwerksgürtel nur mit Meilengeschützen 
erreichen. Sind das die »Wirkungen« aus denen die »Überlegen- 
heit« der heutigen Verteidigung abgeleitet werden will? — Wenn 
man in Frankreich die schweren Geschütze vom Vorwerkswalle 
herabnehmen will, so handelt man doch ganz im Sinne unseres 
Autors — die wenigen Bohre ausgenommen, für welche er Panzer^ 
kuppeln verlangt. Bn sie au%estellt ist, kommt eine letztere solche 
vielleicht auf eine Viertel- oder Fünftel-Million. wird man sich 
doch fragen dürfen, ob die Wirknng, welche man davon erlügen 



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Za BmlDoiit's «rFeBtangigrappen". 



182 



kann, auch Hiwrr Muiinu; entspricht. Nim steigert der Panzer 
aber die Wirkung darin eingestellter Geiichütze gewuliuiich uichi; 
diese Einstellung vermindert vielmehr in der Regel — besonders 
bei schweren Rohreu — die Grenzen der Erhfihung und Senkung, 
die Fenergeschwindigkeit und die Möglichkeit der Öchulsbeobachtung; 
auch liegen darüber keine Versuche, wohl aber Vermutungen vor, 
wie es mit der Ruhe der Bedienung unter Panzerkuj)peln aussehen 
wird, wenn diese unter hcitwerem Feuer liegen. Stellt man die 
Panzer aber — wie Brialmout — in die Forts und auf deren 
Wälle, dann erleichtert man es dem Gegner sein Feuer auf sie zu 
vereinigen und — aus all' diesen Erwägungen ist daher kaum ab- 
zuleiten, weshalb es in Frankr« ii h nicht be , oi \\ oi tet werden dürfte, 
das schwere Geschütz lieber in Auschln^ und Zwischen-Batterien, 
»tatt in Panzerkuppeln und auf die \ »»i werkswälle zu stellen. 

Ganz ähnlich verhält es ^ich mit der, in Deutst iiiand unier- 
stntzenden Meinung der m n Schule«. Diese Meinunj^ besteht 
durchaus nicht darauf, dafe küattig unmöglich sein werde, Uru- 
werke herzustellen, welche dem brisanten Wtirft'euer Stand zu lialien 
vermögen, sondern sie glaubt nur, dals diese Bauwerke weder ge- 
nügend bewohn- noch verteidigbar seien. 

Tn wie weit sie sich in diesen beiden Hinsichten selbst vom 
alten Rlockhause untcr^^choiden, das wurde bereits weiter oben 
erörtert und wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dafs Bauten, 
Tvelclip 1)11 ht verteidigt werden können, so lange man den Schutz 
ihrer fioliliinnne geniefst, keine — »r)cfensiv«-Bauten sind. 

Wenn nun — wie auch schon ob^n berührt — keine Gewifsheit 
darüber bepf iit, dafs dieses unerlaisliche Heraustreten aus den 
deckenden Hohlräumen immer rechtzeitig genug und so stattfinden — 
stattfinden können wird, dafs dadurch die Selbstverteidigung eines 
Forts mit vollster Zuverläfsigkeit sicher gestellt ersc^heint, wenn 
diese Sicherstellung vieHeiclit auch von den paar schwer beschossenen 
Kuppeln nicht mit nnumstiUslicher Bestimmtheit gewährleistet w rden 
kann, dann ladet eine, von solchen AVorken verteidigte, stundeu- 
breite Vorwerkslückc trotz der bereitstehenden Abschnittsreserve 
— doch schon so zum Durciistofsen ein, dafs unser Autor es uns 
wahrhaftig nicht verdenken kann, dafs wir uns nach einem möglichst 
sicheren Abschlufs dieser gefährdeten Zwischenhnien nnigesehen 
haben. Sind dafür doppelte, oder imhrfache Heihen von schacli- 
brettförmig verteilten, gepanzerten Schnell teuergeschützen in Vor- 
schlag gebracht worden, so wurde dabei wahrscheinlich von der 
Anschauung aaagegangen, dafs man — ganz im Öinne Vauban's 



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fn BfudmonVi «Festang^appea*. 



— vor allem traehten müue, den Vonrerkagortol, seinem gansen 
Umfange nach, wieder atnrmfrei zu macbien and — wann aieh 
dieser Hanpiaweok mit jenen Ftoaerreihen, weldie das gegnerisehe 
Fener snr ftnCMistoi Zersplitterung swingen, wirklich erreichen labt, 
dann weiden sie Annahme und Eingang finden, seihst g^n 
Brialmont nnd ungeachtet des eigentOmlichen ^lottes mit welchem 
sie »la Belgiqne militaire« (Nr. 981 vom 12. Jannar laufenden 
Jahres, Artikel: »Pienes mon oars«) su nhergiefsen venmchl — 

Unser Antor leitet seine weiteren Darlegungen mit der Biv 
klSrung ein, dals er nur zweierlei Geschntsgattungen seiner Werk- 
armierung nicht unter Panier stelle: die schweren Mörser, weLehe 
man — der fdndliehen Sicht entsogen — rnckwirts oder seit^riate 
der Forts ins Fener bringen solle und Sehne lifo uerkanonen auf 
BSderlafetlen, die man in sicheren HohltraTWsen bereit sn halten 
habe, um sie erst bei gewaltsamen Angriffen hervor^ und auf den 
Wall au schaffen. Die Verwendung der HSrser denken auch wir 
uns ganz ahnlich, für j«ae der Scfanellfeuerkanonen fehlt uns 
die Oewibheit, dafs ihr gewfinsehtee Auftreten auch immer möglich 
sein werde. 

Unter Pamerdeckung sollen 18 und 15 cm Kanonen, sowie 
15 und 81 cm Hanbitsra zur Wirkung gelangen. Wir haben unseren 
froheren Bemerkungen hiwäber nur beizufügen, dals der Angreifer 
wohl nur selten Ziele bieten wird, welche eine Bekftmpfung durch 
81 cm Haubitzen erforderlieh machen dürften. Brialmont führt — 
ganz richtig — an, dab er wohl der erste Ingenieur gewesen sei« 
welcher die Anwendung des Panierschutzes gefordert und auch — 
bei der Befestigung von Antwerpen (1861!) — bereits Terwertet 
habe. Troti der sahlreiohen Versuche, welche seitdem stattgefunden 
und die WiderstandsfUiigkeit von Panierkuppeln dargethan hStten, 
gäbe es nun in den meisten Staaten noch Ingenieure und ArttUeristeo, 
welche sich der Panzerrerwendung wideisetiten. Ja, ein franzSeisdier 
General habe sogar geäufsert, dals »der Soldat kein Uanlwuif sei 
und sich lieber unter freiem Himmel schlagen wofle, als unter 
Eisendecken,« lehrend ein anderer erkU&rte: »alle Gesehfitae ans 
ihren Panzern heraus und ins F^ie stellen zu wollen, wenn er je 
ein Werk zu Terteidigen h&tte, das mit Kuppeln armiert sei« 
Sollten derlei Aussprüche dem Ingenieur denn nicht zu denken geb«i? 
Seine Bauten sind doch für die Verteidiger, aber diese ntdit seiner 
Werke wegen da. Kein EinsichtsToUer wird in Abrede stellen 
wollen, daCs der PaDzerschutz für gewisse Fälle unerllblich werden 
kann, das scblielst aber noch lange nicht aus, dals man fSr den 



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Panzersegea dankt, den der Erbauer von Antwerpen in so uber- 
reicher Weise spenden will. Wir können ilim am wenigsttm l)tu- 
stimmen, wenn er die Kuppeln für den mdirekteu Schuiiä besonders 
warm ♦'inpfielilt. Dieselben seien der feindliclien Sicht durchaus 
eiitzot^eii und daiier unendlich schwer zu zerstören. Gewifs; allein 

— was der feindlichen Sicht verborgen ist, wird — ganz ebenso — 
auch sicherem, gegni risrhen Feuer entz(^en sein — besonders l)f«i 
rauchschwachem Pulver! — Ein solches Ziel vermar^ des Panzer- 
scbntzes wohl am eiiesten zu entbehren und — gerade unser Autor 
ist es — der diesen Grundsatz, wie erwähnt, für seinp Mörser 
angenommen hat. Warum nicht auch für die Haubit>renV Weil 
er sich nicht dazu verstehen will, Jincb diese aufscrhiilb der 
Werke aufzustellen und immerhin befürchten mufs, dals das feindlinho 
Feuer sie erreicht, sc» I^mge sie in jenen eingeschlossen bleiben. 
Tritt dieser Fn!l alx i ein — wird der uogesebene Panzer denn da 
sein eigenes Feuer iioeh beobachten, wird er überhaupt noch so 
bedient werden kihmen, wie ein, frei im Gelände aufgestelltes Geschütz, 
das sich allenfalls aueh durch rechtzeitigen Ortswecbael vor dem 
feindlichen Feuer zu retten vermag*^ — 

Die Kuppeln für den direkten kSchufs werden — unter allen 
Umstanden — schon auf gröfsere Schufsweiten sichtbar bleiben, 
besonders wenn ans ihnen - wie Brialmont verlangt — auch noch 
das Glacis zur Sturraabwehr bestrichen werden soll. Bei Ver- 
wendung schwachrauchenden Pulvers — über welches onser Autor 
ja allerdings noch schweigt — wird sich nun ein freies Flach- 
bahngeschüte der feindlichen Beobachtung aus weiter Feme ver- 
mutlich besser entziehen lassen, als eine Kanonenkuppel; auf weite 
Entfernung bat es auch wenig vom gegnerischen Feuer zu fürchten. 
Wie es mit der Bedienung wirksam beschossener Kuppeln aussieht 

— darüber fehlen noch die nötigen Er&hrungen; möglicherweise 
mnfe der Panzer in solchem Falle ebensogut schweigen wie das 
freistehende Rohr, dem aber allenfalls eher wieder ein OrtsweohBel 
zu statten kommen kann. Das sind die Erwägungcu, welche uns 
veranlassen, einen früheren Aunpruch zu wiederholen, dahin gehend, 
daCs Brialmont's Vorschläge die Panzerfn^e noch nieht so iSam, 
wie wir das von der Zukunft wohl erwarten dürfen. — 

Wir gelangen rar Beschreibung der Hanptnmfassung, welche 
die »Festongsgmppen« für einen Haupt- oder Stützpunkt in Aossicht 
nehmen. Es ist das ein Ringwall, dem /nr Flankiernng Raweline 
vorgelegt sind, so dafis Fronten von 350 — 400 ni Länge entstehen. 
Jede derselben ist mit 5 Knppeln für schwere und 3 solchen ffir 



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Zu firialmoDi'B «FeBiongBgntppen". 



leichte Schnei Ifeuergeschütze, aufserdcni mit Irei aufgestellten, 
schweren Mörsern und einigen Schnellfeuergeschüt/.en auf Iväder- 
lafettcn armiert. Die hier entworfene und dun Ii Zeichnnngen 
erläuterte Hauptumfassung ist für einen Platz ohne Innenstadt 
gedacht und hat deshalh nur 1000 ni Durchmesser, kann also sehr 
leicht in Fronte und Kucken zugleich beschossen werden. Sie ist 
im Ganzen mit 48 schweren und 64 Schnellfeuergeschützcn unter 
Puuzer, 48 letzteren Geschützen in Fiaukierungsbauten, 13 Mitrail- 
leuseii und 100 schwerei^ Mörsern ausgestatt-et und gewährt in deu, 
unter den Wall gelegten Ka-st-matten, Friedensunterkuuft für 14.000 
und Kriegs(|uartier für 21,000 Mann mit allen nötigen Muuiliuns- 
und Proviantvorräten. Von Anderem abgesehen, können wir die 
Bemerkung nicht unterdriii ken, dafs sich in dem beschrankten 
Innenraume dieser Ilauptumfassung kaum 100 schwere Mörser 
ungedeckt aufstellen lassen dürften; denn wenn der Gegner dieselben 
auch — des Ringwalles wegen — nicht sehen kann, so vermag er 
doch den ganzen Festungskem so unter Splitterwirkung zu nehmen, 
dafs frei aufgestellte Wurfgeschiitze hier nicht lange in Thätigkeit 
werden bleiben können. Hier würden wir also die Mörser unter 
Panzer stellen und beweisen durch diese Erklärung wohl, dafs auch 
wir uns ganz klar darüber sind, wo es der Kuppeln bedarf und wo 
nicht: Elrsteres nämlich nherall da, wo man dem feindlichen Feuer 
nicht mehr durch Oitswechsel ausweichen kann. — Der Schreibung 
seiner Haupt Umfassung läfst unser Autor die Ikuieikung folgen, 
dafs dieselbe keineswegs so viel bombenHicherer Ihiterkunftsräunie 
jeder Art bedürfte, wenn die Forts sich auf beiläutig 8 km hinaus- 
gerückt fänden, und dafs es für die Befestigung grofser Städte 
geniiL!;r, ihrer Umwallunt' b'ditjlieh eine \Viderstandstahigkeit und 
eine Armierung zu geben, weicht- ausreiche, um < iewalt.stitfse zurück- 
zuvvf iscji. sei CS, dafs solche von Truppen unternommen würden, 
iliMit ii I S gelang über die Vorwerkslücken einzudringen, sei es, dafs 
sh; der Belagerer — nach der Wegnahme von 2 oder ,3 Forts — 
au.sfiihren wolti Die Krfolglosigkeit solcher Stiirmversuche zwänge 
den Angreifer von selbst zum regelmäfsigen Angriffe, insofern ihn 
die Rücksicht auf Privateigentum, üff( ntliche Baudenkmale und 
Menschlichkeit vom Bombardement der Stadt abhielten. Ans diesen 
Erwägungen erschiene es überflüssig, die Stadtumwallung mit der 
Widerstandskraft gegen eine lange Belagerung au.sznstatten. Anders 
bei rein militärischen Plätzen, «leren Befehlshaber keinerlei Rücksicht 
auf bürgerliche Tnteres.sen v.u nehmen und die Verteidigiing daher 
hia aafa Äaüserste darchzafiihrea hätten. In diesen Darlegungen 



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Zu Britlmontli «FlMtongignipfaB*. 



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Bchedni uns einmal das Zugeständnis za Hegen, daCs die Lucken dea 
Vbnrerksgürtels denn doch durchstofsen werden könntoo, dann das 
weitere, dafe — nach Durchbrach des VorwerksgürteJs — eine Be- 
drohaiig des Festungskernes moglidi ist, die dessen Übergabe in 
kürzester Zeit herbttznführen Termag. Was wir Tom Bombardement 
halten, haben wir adion oben geändert und dem nur nochmal bei- 
znfBgen, (lab wir uns auch den »rein militärischen Plate« nicht gnt 
Yorznstelleo wissen, dessen Widerstandskraft eine entsprechende 
Beschiefinang seines Kernes, ohne fühlbare ESrsohfittemng ertragen 
konnte. Da scheint es uns denn doch geboten, die Undurchdring^ 
lichkeit des Yorwerksgfirtels auf ein denkbar höchstes Mals m 
steigern — dieser nnnmgSnglichen Forderang wird aber durch 
4 — 5 km hwge Lücken nicht genfigt; am wenigsten dann, wenn 
dieselben mit Werken besetzt sind, welche sdhon dnrch das Pern- 
fener der Artillerie taktiseh niedergehalten werden kßnnen. Der 
Bescfaretbang einer »trockenen« Hanptnmfaasnng folgt diejenige 
einer soldien mit nassen Gr&ben, wonach rieh unser Antor zu den 
Vorwerken wendet. BSr wShlt für dieselben einen fleschenförmigen 
Gnindrila nsd entwickelt in ihrer Anordnung den ganzen, reichen 
Schatz technischen Wissens, auf welchen sich das hohe Ansehen 
grfindet, das der Erbauer von Antwerpen mit so YoUem Rechte 
geniebt^ Die Armierang der Werke belinft ach wieder je anf ein 
rnndes Dutzend Panzer, zn denen noch kasemattierte B^terien an 
den Facenenden treten. Wer diese Forts in der förmlichen Weise 
angriffe, welche ihr Erfinder dafOr in Anspruch nimmt — dem 
wSrden die unliebsamsten Erfhhrungen Ober ihre aulserordentliche 
Widerstandsdauer kanm erq^ bleiben. — 

In den, noch folgenden sechs Ej^itdn (zw5lften bis sieb- 
zehnten) der »Festangagruppen« wird die Anwendung der Gruppen- 
befeetigung anf Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien, 
BuBSland und Bum&nien besprochen» Es rind dies ftuberst 
lehrreiche, uher rein »akademische« ünteisachnngen, denen der 
Verfasser die Erklfimng TOiansschickt, dalb seine Studien keinerlei 
Kritik der Torhandenen Landesbefestigungen enthalten sollen, ▼iel- 
mehr von der Annahme ausgehen, als ob die, zum Studium 
gewählten Staaten noch gar nicht mit Festungen ausgestattet 
wären. 

Ein näheres Eingehen in diese, bei aller wissenschaftlichen 
Tiefe, ach doch ans der Vorausseizung »Wenn« entwickelnden 
Darl^ngen, dürfte den Bahmen einer , Berichterstattung Über- 
schreiten, deren Grenzen wir wohl ohnehin schon Aber Geb&hr 



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1B7 



erweitert haben. Wir schliefsen dieselbe daher um so lieber, als 
auch iu den vier > Anhängen« des besprochenen Buches nichts 
euthalton ist, wotou nicht schon in cUcsem selbst die Rede geweten 
wäre. 

Gleich seinen beiden Vorgängern, der »gegenwärtigen Be- 
festigung« und dem »Eintlufs des Wurffeuers«, ist auch das neueste 
Werk Brialmont's eine, vom Mute unerschütterlicher Überzeuguug 
getragene Streitschrift, deren bewegender CJedanke an das mauer- 
feste »non possumus« erinnert, dem wir nur ein offenes »und sie 
bewegt sich doch!« entgegenhalten können. £. t. S. 



XIV. Bnalmoiit und die Festungs&age. 

J. Sdieikerty 



Der greise belgische Banmeister hat wiedernm ein neues Werk 
in die Welt geschickt; wiederum Terkundend, da£s er die Ldsung 
der Festangsfrage gefanden habe. — ßrialraont's neue Theorie ist 
folgende: 1. Schaffang von Festangen, welche selbst bei dem 
Aufwände einer Minimalbesatznng — durch Kuppeln und Be- 
tongewölbe — so stark gebaut sind, dais sie den gröfsten An- 
strengungen der heutigen Artillerie und Infanterie zu 
widerstehen vermögen. 2. Zosammenstellung mehrerer solcher ge- 
schlossener fester Plätze ta »befestigten Bezirken« (regions 
fortifiees), d. h. zn Figoren, welche man früher auch »Festnngs- 
Vierecke« benehungaweite »Dreiecke« nannte. Diese »Bezirke« sollen 
noa Armeen benehnngsweise Armeeteile in ihre Ck>nfignration aaf- 
nehmen, welche zu rechter Zeit heraustreten, dem ins Land gefallenen 
Feinde in die Front oder Flanke fallen und ihm den Anfenthalt im 
Lande so unbequem machen, dafs er dasselbe verläCit. 

General Brialmont ist so eingenommen von seiner neuen Idee, 
dafii er im Eqiate den Militär-Maohten empfiehlt^ ihre Xiättder mit 



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Brialflumt «ad dk ViitaiigiAniigai 



188 



« 



meine Netze soleber »Bearke« oaoh seinem Matter so ftbenieheii 
und dafür die Armeen sn redasieren. 

Ohne dann wo. erinnern, dafr dieae »FeatungB-'Vier^ ond Orneoket 
aebon Unheil genng in den Köpfen ytm Strategen des grünen Tischei 
angefiebtet haben und ohne auf die Angrifie dei Generals anf den 
Schreiber dieser Zeilen nnd andere Gegner einsageben, mochten 
wir in rein sachlicher Weise die AofisteUmigen Brialmont^s und 
Bwar an der Hand der modernen Strategie inrüfen. 

Wenig kann uns die Heranfbeschworung ganzer Heerscharen 
von Autoritäten schrecken, welche Brialmont — von Cäsar bis 
Napoleon — aufmarschieren läfet; weil die Strategie der Neuzeit 
sich von der jener Tage wesentlich unterscheidet: die gänzlich ver- 
änderte Gefeehtfiweise, die vertiefte Ausbildung von Führern and 
Truppen, die völlig anders geartete und intensivere Wirkung iler 
Feuerwaffen, die Massenhaftigkeit der Heere und die durch Iiinein- 
ziehung der Darnpfkraft gänzlich veränderten Grundlagen der Ver- 
pflegung, sowie der strategischen Auliuaische und Bewegungen, haben 
Zustände gescliaflen, auf welche die Lehreu der alten Meister ebeu 
niclit mehr passen wollen. 

In welchem fundamentalen Irrtume sich Brialmont noch be- 
findet, '/«?igt der Umstand, dafs er seine regious fortifiees auf die 
»strat- j^i sehen Punkte« des Landes legt. Die deutschen Generalstabs- 
Offiziere würden wahrscheinlich alle in Verlegenheit konnnen, wenn 
man von ihnen verlangte, die strategischen Punkte Deutschlands 
herzuzählen, denn nach den neueren Prinzipien ist das strategische 
Endziel einzig und allein die Vernichtung der gegnerischen 
Armee, ob man dienelbe nun b<?i Lripng oder Metz, bei Waterloo 
oder bei Sedan antrifft. Daher smd die strategischen Punkte so 
waodeiud wie die Launen des Geschickes oder die den Feidherrn. 

Betrachten wir, abgesehen von diesem Mifsgriffe, die Karte 
Deutschlands, welche dem Werke des belgischen Generals, der sich 
die Muhe gemacht hat, auch unser Vaterland mit dem baulichen 
Segen seiner »befestigten Bezirkec zu überziehen, beigelegt ist. 
Vorweg sei bemerkt, dafs m der Ausführung der Vorschläge 
Brialmont's der Neubau dreier grofser Festungen (Berlin, Dresden, 
Breslau) und zwanzig kleinerer Festungen in Deutschland nötig 
werden würde, dessen Kosten ein Blatt kürzlich mit der Summe 
Ton einer halben Milliarde sicherlich nicht untertaziert hat. 

Nehmen wir nun an, die deatscbe Heeresrerwaltong bitte einem 
solchen Plane wirklich beigestimmt^ ihn den Kammern vorgelegt 



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Brialiiioiit oiid die Feifcaiigifriee. 



und diflM h&ttoi die Fordernng bewilHgti ao wflrde nadi einem 
Zeitrsume Ton fönf Banjahren Deaiechland folgendes Bild geben: 

1. Im Westen: Dort bleiben die vorbaadenen Feetangen — 
aveb Eoblena — beateben; ee werden nen gebildet: Festnngedrei- 
eck: Mets — Diedenhofen — Saarlonis, (die nen sn bauenden 
Feetangen dnd gesperrt gedruckt!) — Festangsdreieck: Heins 
— Wörme — Darmstadt 

2. In der Mitte: FestangsTiereok: Magdeburg — Neu- 
Haldensleben — Oschersleben — Barby. — FestangSTiereck: 
Dresden — Meifsen— Fillnits^Dippoldiswalde. — Festungs* 
Tiereck: Potsdam — Oranienburg — St ranfsberg — Waster- 
bansen mit dem Gentral-Rednit: Berlin. Diese drei Yiereoke 
bilden wieder ein grofses befestigtes Dreieck. 

B. Im Osten: Festungsviereck: Königsberg — Tapian 
Eylau — Pillau; Einselpnnkt; Thom bleibt stehen, (Grandais 
bleibt offen); Festungs vi er eck: Posen — Buk Obornik — 
Czempin; Einzelpnnkte: Breslau und Glats. 

Wenn diese Bauten fertig gestellt sind, wurde nach der Forderung 
Briahnonts die Verminderung der deutschen Armee eintreten, w^ 
diese »r^ons fortifiees« seiner Ansicht nach gentigen, das deutsche 
Land sa schfltsen. 

F^fifen wir nun das so nach Brialmont regenerierte deutsche 
B^ch in Hinsidit auf die StSrke seiner Wehrkraft. — Bekanntlich 
hat Deutschland seine Armee nach und nach auf den Stand gebracht, 
dals es den stetig sich Tergrölaemden Heeren der Nachbarn im 
offenen Felde erfolgreich entgegenzutreten hoffen kann. Bei der 
Yermindemng der Grdise der Armee aber würde es diesen Stand* 
pnnkt aufgeben, d. h. die deutsche Armee wurde damit auf 
die Möglichkeit, den nachbarlichen Heeren im Felde ge* 
wachsen su sein, Terzichten! 

Bei einem Angriffe feindlicherseits — denn die Nachbarn werden 
doch nicht auch auf Brialmonts Plan hineinfallen — mttlsten sich, 
da sie dem Angreifer in der Feldschlacht nicht mehr erfolgreich 
entgegentreten können, die Armeeteile in die »r^gions« aarfickdehen. 
Mit jedem solchm Verschwinden eines Armeeteilea wurde abor die 
eigene Heereemacbt im offenen Felde wieder geschwächt, und damit 
dv Übergewicht der Macht des Eindringlings natflriich genau 
nm ebensoviel gestärkt werden. Da dem Eindringliugü hinreidiende 
Bahnlinien zur Verftlgung stehen und es sich in Deutschland be- 
kanntlich auch anfoerhalb der regions gut leben l&lst, so wird der 
Feind sich in unserm Lande recht wohl befinden, besonders wenn 



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Bkialmont wd di» Fettnofirnige. 



190 



er die Armeen ao geBammelt hält, dafs er etwaigen Angriffen der 
Tttreinieiteu Heeresteile, denen er ja überdies im Felde äberlegen 
Üi, überall erfolgreich die Spitze bieten kann. 

Bleiben nun die deutschen Armeeieile in ihren »gesicherten 
Bezirken«) so würde der Feind sicherlich bald Mittel finden^ das 
Land so wa kneohten und zu bedrückeo, dab der Verteidiger endli<^ 
heraoskommen rnüfste, am in offenem Felde eine fast sichere 
Niederlage zu erleben, oder sich gezwungen fühlte, einen 
schimpflichen Frieden sn schliefsen! In diese anmutige Lage 
würde Deutschland kommen, wenn es den weisen Vorschlägen 
Brialmouts folgen würde. Die deutschen Militärschriitsteller, welche 
sich so blindlings für die Werke des belgischen Baumeisters erwärmen, 
haben die Aa£Btellaugen desselben wohl nicht vom strategischen 
Standpunkt ans untersucht, eonst wäre ihnen die Tragweite 
traurigen Konsequenzen des Systems Brialmont kaum entgangen. 
Brialmont spricht in seinen Werken immer von strategischen Flanken- 
stellungen! Wenn die deutsche Kriegswissenächaft schon wiederholt 
anf das Klarste dargethan hat, dafs bei der Wirkunj^' der neuen 
Waffen selbst die taktischen Flanken nicht mehr die Bedeutung 
haben, welche ihnen ehedem innewohnte, wie viel weniger lädst sie 
bente noch strategische Flanken gelten. Mit mathematischen und 
geometrischen Spielereien, mit »Operationslinien« oder :'Ha'^^(>n«, 
»strategischen Punkten« and »Flanken« rechnet bekanntlich die 
neuere Wissenschaft nicht mehr, sie geht mit Ernst und Energie 
auf die Knechtung beziehungsweise Überwindung der feindlichen 
CentraJmacht los, um das Endziel, den politischen Gewinn daffir 
elnsuemten. 

Schon für das kleine Belgien ist — wie dies die »Kreuz-Zeitung« 
in einem besonderen Artikel nachwies, und wie die verständigen 
Offiziere Belgiens dies selbst am Tiefsten fühlen, die befestigte 
MaaTslinie ein Unglück. Denn sie lullt das Land in ein Gefühl der 
Sicherheit ein, welches deshalb völlig unb^ündet ist, weil die 
Neutralität Bebens viel sicherer auf einer aus der Wehrpflicht des 
Volkes herrorgegangenen starken, gut ausgebildeten Feldarmee ruhen 
würde, als auf der mangelhaften Werbe-Annee, deren beste 
Teile nch überdies noch in Kuppeln und Betonmasseu Brinlmonfs 
vergraben sollen. Es würde aus der KoUe eines »beschützten Mündels« 
in die eines »begehrten Bundesgenossen« oder »gefürchteten G^piers« 
ftbergehen. Wie viel mehr gelten alle diese Wahrheiten fQr die 
militärischen Grofsmächte. 

Die neuen Kriege mit den mftchtigen Heeres- Massen, 
lit iiiiiii * «i i> um AM 1^ M«iM s«. tszf « 1. 18 



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191 



Dm WiMgefechL 



deren Erhaltanf^ die Hulfsquellen der Länder auf die 
Dftaer erschöpft und deren Verpflegung taai Obermensohliche An- 
strengfiingeD erfordert, drängen allMn schon gewaltsam zu ^tark^ 
Bewegongen, schnellen EutschlGssen in endgültigen Entschei- 
dangen. Sie können Stillstände oder gar lange MandTer-Kunst- 
stücke und geometrische Festungs-Figoren nicht mehr ertragen. 
Deshalb wird und mufs jeder Feldherr den Entscheid im 
Kampfe, d. h. im offenen Felde suchen. Erst wenn dieaea 
mifslungen ist, erst dann sucht er sein Heil in der Defen^^ive: aber 
nicht in einer solchen, in welcher er seine Truppen in den Vier- 
ecken Brialmont^s versteckt, sondern in welcher er den Mai^l 
an Truppen durch rhu grofseren Schneid der Bewegungen 
deiselbeii nnd durch die erhöhte Energie seiner Angriffe weit 
an machen sacht. 



XV. Das WaldgefBcht 

Peteriiiann, 

i'r«iBl«rlUBWn«at im Ialulerio-ttet(tnent Nr. inu. 



(PorlMfamiig) 
IL 

Die Waldkinpfe in der ScMaclit M SpieliereB am 

6. August 1870. 

Die Gefechte im Stiringer Waldstiick nnd im Stiringer 
Wald. — Anf dem äolbenten rechten Flügel der preulsischen 
Oefechtslinie war das S. Bat. Regte. Kr. 74 nm 18 Uhr Mittaga 
bei DrathzDg eingetroffen. Bei dem VozmarBche war man bisher 
nirgends auf den Feind gestoben; auch zeigte sich die Nordostapitw 
des Stiringer Waldstflckes nnbesetat, wohin nnn der Sehtttaenrag 
der 6. Comp, ▼oigeschoben wnrde. Allmlhlich erst schien der 
Gegner das Auftreten der preulsischen Tmppen an bemerken nnd 



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Dm Waldgefaeht 



192 



wirf Gimnaten nadi dem Odiöfle. Zu dionr Zeit tnf daa S. Bat 
B«gt8. Nr. 39 auf der Fobter H6ke ein, wohin es in Anefiihning 
das vom Ckneral t. F^ofoiB erhaltenen Auftnges von dem Exenier- 
pktM ans mit aeinen 3 Gompegnie-Kolonnen swiechen der Hanpt» 
siialse nnd der Eisenbahn TOigegangen wir. Nach Übenehreitang 
der Folifter HUie wendete sich daa Bataillon aoglei^ gegen das 
' Waldetfiek. Innerhalb denelben trat ea in Verbindnng mit dem 
Sehdtientage der Yiemndnebnger, welcher bereits mit den gleioh- 
Itilb im Vorr&oken begrilTenett Schntienlinien des Feindes ins 
Gefacht geraten war. — 

Die DiTision Verg^, welche den linfcni FIflgel der fransSsisohen 
Stellang bildete, war in dieser Zeit folgendmiafeen yerteilt: Von 
der bei Stiring-Wendel anfgestellten Brigade Jolivet hatte das 
77. Regiment dieses Dorf and die Eisenhütte besetit nnd hehemehte 
▼on dort ans mit seuier Fenerwirknng die Eisenhahn nnd die nm- 
liegenden Waldrinder. Ein Halbbataillon war gegen SehOneek tof- 
gesehoben. Das 76. Regiment nnd 3. Jager^Bat. hatten sich nörd- 
lich nnd noidHetlich Ton Stiring-Wendel in vorderer Linie ent* 
wickelt, die Jager insbesondere in dem Stiringer Waldatäcke. Beide 
Regimenter der Brigade Valai^ standen noeh aaf dem Kanin eben- 
borge bei Forbaoh; die 3 Batterien der Divinon jedoch waren swiichen 
dem Waldstficke nnd der Haaptitrafae in Thitigkeit getreten; be- 
iSstigt doTÖh das Vordiingm der prenfiMieii Infknterie mnbten sie 
jedoch bald auf die östtich von Btiring -Wendel befindliche Hdhe 
anrttokgehen. — Die 39ger nnter Major t. Wangenheim waren 
n&mlich nngeachtet des heftigen feindlichen Gewehr^ nnd Hitraillensenp 
feaeii bis rar Mitte des Waldstückes vorgednmgen. Die sonehmende 
Dichtigkeit des Unterholses nnd die immer flBhlbarer werdende 
Oberlegenheit des Feindes hemmten aber von hier an weitere 
Fortschritte. Die 3 Gbmpegnien richteten sich, so gat es ging, in 
dem Walde ein, erwehrten sich indessen nnr mühsam nnd nnter 
schweren Yerlasten der wiederholten Angriffe des G^egnen, ins- 
besondere der Jager. — Um mit den 39gem in einer WSm sn 
bleiben, hatte rechts von denselben das S. Bat Regte. Nr. 74 anter 
starkem Mitiailleosenfener die Eisenbahn Überschritten; mir der 
SchützensDg der 3. Comp, war in dem Stiringer Waldstücke ver- 
blieben. Das Bataillon, von Bfajor v. Eborstein geführt, ging in 
dem vom Feinde nicht besetsten SaarbrÜoker Kommnnalwalde vor, 
dessen Südiand die an der Spitn befindliche 7. Comp, am IV« Uhr 
erreichte. Gans in Schfitaenlinien aufgelöst, trat diese alsbald in 
^ lebhaftes Feaeigefecht gegen stsrke Abteilungen des frans; 

13* 



198 



Dm WiUgflfeolit 



77. Bflgte. auf der Höhe nördlich von Alt-Stiringen. Sie erlitt 
dabei empfindliche Verluste. 2 Zügo der 6. Comp, setzten sich 
reohts nebeu die 7., um die Feuerlinio ra ▼erlängem; hinter ihr 
sog rieh der Hest dds Bataillons in Comptgnie-Koionnen auseinander. 
Als indessen eine nngünsüge Wendung in dem Gefechte jenseits der 
Eisenbahn bemerkbar wurde, send^ der Bataillousführer vorläufig 
die 8. Comp, nach dem I> ihndbe^uige westlich von Drahtzug zurück, 
wo deren Schützensug bald in ein lebhaftes verlurtreiches Gefecht 
auf dem Bahnkörper verwickelt wnxde* Dagegen gelaug es der 
Compagnie, eine ISngs des Weihen Yordringende französische Kolonne 
durch ihr auf einen Abstand Ton 80 m eröffnetes Sdmeüfeuer 
snrüekxawerfen. 

Die ganze Brigade Jolivet nebst dem Jäger-Bataillon hatte sich 
damals innerhalb und zn beiden Seiten des Stiringer Waldstückes 
entfaltet und die 3 Gompagnkn Regts. Nr. 39 mehr und mehr 
zu rück gedrängt. Unter diesen Umständen zog Major v. Eberstein, 
ohne daÜB der Feind folgte, nun auch den Rest seines Bataillons auf 
die Ostseito der Eisenbahn herüber, während gleiolueitig von rück> 
wärts her die den 39gem 8o nötige Unterstützung vorgeführt wurde. 
Von den anfönglich zuruckg^altenen beiden Bataillonen Regts. 
Nr. 74, dem 1. und Ffls.-Bat., war ))ercit8 die 3. Comp, nber Denisoh- 
mühle den Osthang des Kommunalwaldes entkiig vorgegangen; sie 
hätte den Auftrag, möglichst ungesehen die linke Flanke der feind* 
liehen Geschütze auf dem Roten Berge zu gewinnen, durch deren 
Granatfeuer die beiden Bataillone schon bei dem ersten Ersteigen 
der Höhen südlich Saarbrücken bollistigt worden waren. Während 
nun das Fös.-Bat. g^n den Roten Berg Verwendung fand, gab 
General v. Fran9ois, von der bedrängten Lage seines rechten Flügels 
in Kenntnis gesetzt, der 1. und 2. Comp, die Richtung anf das 
Stiringer Waldstück. Als dieselben die Folster Höhe nbenchritten 
hatten, schlössen sich ihnen auoh Teile der d. Comp, an, welche 
letstere inzwischen bei Drathzug aus deiu Kommunalwalde getreten 
war und bereits ansehnliche Verluste durch feindliches Gewehr- and 
MitnuUensenfeuer erlitten hatte. — Man war von der Folster Höhe 
ans etwa 200 m in dem Stiringer Waldstücke vorgeschritten, als 
die 2. Comp, auf den schwer ringenden rechten Flügel der 39ger 
traf, wahrend die 1. Comp, wriier links die dort weichenden 
Abteilungen aufnahm ond wieder vorführte. Die frisch aufkcetenden 
Kräfte bewirkten einen Umschwung in der GefecLtslage, so daCi 
man bald nach 3 Uhr Nachmittags den Süd- und Westrand des 
Waldstückes erreichte. Die beiden Compagnien Regiments Nr. 74, 



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Sil WäUgcMit 



194 



welche sich wShrend des Waldgefecbtee gftns auf den rechten Flügel 
der 39ger gomgen hatten, traten ans dem Westrande heraus und 
wendeten säch gegen die Eiaenl^hn, wobei ihnen das heftige Gewehr^ 
feuer des Feindes nnr geringe Verluste zufügte. Sie gerieten dann 
al)cr in den Feuerbereich der östlich Stiring -Wendel stehenden 
fransösisehen Geschütze, welche das ganze Feld zwischen Alt-Stiringen 
und dem Kommnnalwalde beherrschten. Sehr lästig war auch das 
Feuer eioee fraosösischea Bataillone von dem Vorhofe der Eisen- 
hütte her. Um letzteren entgegenzutreten, ging oin Teil der 
1. Comp, nach einem nahe bei Ält-Stiringen an der Bahn gelegenen 
Ilaase vor, besetzte dieses und richtete von hier aus ein wirksames 
Flankenfener gegen das feindliche Bataillon. — Als sich das Gefecht 
in dem Waldstürkr zu Gunsten der prenlsischen Waffen neigte, 
nahm auch das 2. Bat. Regts. Nr. 74 seine frühere Stellung an dem 
Südrande des Kommunal waides wieder ein. Von dort aus erstürmten 
gegen 3 Uhr die Schützenzüge der 5., 6. und 7. Comp, im Schützen- 
anlauf die Höhe der Alten Kohlengruben von Alt-Stiringen, welche 
von der 5. Comp, besetzt wurden. Diese letztere dehnte dann ihre 
Schotzenlinien rechts bis zu dem eigentlichen Stiringer Walde aus, 
wShrend sich die 6. und 7. Comp, in den Eiusehnitt der StraCae 
von Alt-Stiringen nach Sehöneck warfen. Die gleichfalls TOn der 
Eisenliahn herangezogene 8. Comp, blieb im Bflekhalt an dem 
Nordfufse der erwähnten Höhe. — 

Die bis hierher geschilderten Vorgänge im Stiringer 
Waldstück und dessen unmittelbarer Umgebung enthalten 
einiges Lehrreiche. Der Umstand, dab die Franzosen ein 
Halbbataillon gegen Schöneck vorgeschoben hatten, läfet den Schlnle 
n, dafs sie besonders darauf bedacht waren, mch gerade gegen 
einen Angriff von dieser Seite her so sichern. Der nördliche Teil 
des Stiringer Waldstackee war unbesetzt; das Auftreten der Preuben 
dort kam den Franzosen unerwartet. Am frühen Morgen des Ts^ee 
war zwischen Drathzog und dem Stiftswalde swar noch eine fran- 
zösische Abteilung, von ungefähr 2 Bataillonen nebst 1 Schwadron 
und 1 Batterie, entwickelt gewesen; zur Zeit des Angriffes der 
preufriscben 27. Brigade aber war diese linie seitens der Franzc^n 
geräumt. — Das III. framösisehe Corps lagerte mit seinen Divisionen 
auf einem Räume, dessen waldreiche Umgehung die Sicherung gegen 
feindliche Angriffie erschwerte. Obechon nun die an verschiedenen 
Punkten bereits eingetretene Berfihrung mit den PreufBen Maß- 
regeln zur näheren AufkÜrung und zur Sicherung geradezu heraus- 
fofderte, so geschah doch von fransodscher Seite nichts weiter; 



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195 



Du Waldgdfecht. 



Dum lieüi Tidmehr den Dingen den freien laioi und eetito die 
Truppen erat in Bewegung, ak ee neb dnrnm handelte, den niui- 
mehr beginnenden Angrifibewegungen der Prenlben entgegenntceten. 
Trota der Schwierigkeiten deeGeliadca hStten whaitniemgfirig ein- 
fache Yorlcehrangen genügt , nm die EVanioeen äber das Anrücken 
der Preiilaen rechtaeitig in Kenntnis an setsen. Dnndi KavaUeiie- 
posten und -Pationillen, welche an die Saarfibergänge besidranga* 
weise daraber hinaus vorgeschoben wurden und kleine Infanterie- 
trnpps als Rückhalt hinter sich hatten, war dieaer Zweck au er- 
reichen. In den teOweiBe bis an das linke Ufer der Saar, — der 
natürlichen Schntdinie um die Stellung der Firansoson, — reichenden 
Waldungen, war den vorgeschobenen Abteilungen Gelegenheit ge- 
boten, sich feindlicher Überlegenhdt au cniaiehen* ^ Die Bedeutung, 
welche das Stiringer Waldstfick bei einem sich entspinnenden Kampfe 
erlangen mulsto, wurde seiteos beider Gegner alsbald erkannt; beide 
bestrebten sich, das Waldstfick in ihre Hand au bekommen und 
mögen dasselbe gleichseitig, die PrenliNin Von Norden, die FVanaosen 
von Sfiden her beInten haben. Im Besitse der P^enlmn konnte 
das Waldstück snm Ausgangspunkte der Angriffe gegen Stiring^ 
Wendel und gegen die Spicherer Hdhen werden, denn seine Sfid- 
seite war nur 600 — 600 m von der vor Stiring- Wendel gelegenen 
Eisenhtitto und seine Sfidostec^e etwa ebenso weit vom Fulse der 
Spicherer Höhen entfernt; durch seine Lingenausdehnnng von etwa 
1600 m und den fast unmittelbaren Anschluls an den Kommnnal- 
wald gestattete es dem Angreifer gedeckten Anmarsch bis auf die 
erw&hnten Entfernungen. Daher bemfihton sich die Fnnsosen, die 
in das Stiringer Waldstück eingedrungenen preuisischen Abteilungen 
wieder hinausxnwerfen, letetere aber, den gewonnenen Boden mit aller 
Kraft festauhalten. — Die suerst im Waldstück vorgedrungenen drei 
preolnschen CSompagnien des 3* Bat. Regts. Nr. 89 hatten mit dem 
Zuge des 2. Bat Regts. Nr. 74 eine Stirke von etwa 700 Mann. 
Gegen dieselben entwickelte sich die französische Brigade Jolivet 
ann£chst mit dem JSger-Bataillon und dem 76. Regt, in einer 
Gesamtstirke von etwa 2000 Mann, welchen später bühAl das 
77. Regt, hinzutrat In Anbetracht des ümstandes, dals es den 
39gem gelang, gegen diese mehrfache Übermacht einige Zeit Stand 
SU halten, bevor sie surfickwichen, und dals das Emgreifen dreier 
frischen preufdschen Compagnien hinimdite, um dnen gfinst^en 
Umschwung im Gefecht hervorsubringen und die weit flberlegenen 
Fransoeen wieder aus dem Stiringer Waldstfick au vertreiben, difingt 
sich die Frage auf, welche Yerhältnisse wohl hier dm Krifteausgleich 



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Dm WaUgeÜMlit 



sn Gunsten der Preufseu herbeigeführt imben mochten. In erster 
Linie ist der Tüchtigkeit der preuläischen Trnppeu der Hanptanteil 
am Erfolge zuzuHchreiben, besonders ihrem Geschick, das Wald- 
gefecht viiitriihaft zu führen, seine Eigenart sich zu 
Nutzen zu macheu. Truppen, welche in sachgemälser Friedens- 
schulung die vielfachen Ucibungen, welche das Waldgefecht der 
Führung, der Bewegung der Truppen, der Gewinnung eines Über- 
blickes u. s. w. verursacht, überwinden lernten, welche im richtigen 
Waö'euge brauch innerhalb des Waldes, und in der Verwertung der 
durch die Bäume gebotenen Vorteile des Anschlages und der Deckung 
geübt sind, besitzen durch ihre Ausbildung einen erheblichen Kraft- 
zuBchuTs gegenüber einem weniger gut vorgebildeten Feinde. Ks 
ist anzunehmen, dals hierin die Preufsen den l* rauzosen überlegen 
waren. — Andererseits ist es, — abgesehen von dem inneren Wert 
der Truppen, — eine durch die Kriegsgeschichte vielfach bestätigte, 
durch das Gefecht im Stiringer Waldbtück aufs Neue erhärtete 
Erfahrung, dafs innerhalb eines Waldes die Überzahl nicht 
immer auch das t'bergewicht im Kampfe begründet. Die 
geringe lireitenausdehnung des Waldstücke von nur 40Ü — 500 m 
kam ebenlklla der Minderzahl i^u statten. — Das Verhalten und die 
Verluste der 7. Comp. Regts. Nr. 74, als dieselbe aus dem Sudraude 
des Koiiiiiiunalwuldes trat, zeigen, wie keine Truppe die Vorteile 
des Waides uufgebeu sollte, Hofern der Gefechtszweck in anderer 
Weise erreichbar ist. Wenn das 2. Bat. Kegts. Nr. 74 vom Kom- 
munalwaJd in den Stiringer Wald übertrat und dann in südlicher 
Richtung voi^ing. vürnidchte es die franzijsische Stellung bei den 
Alten Kohlengrulu'ii ui l lauke und Kücken /n fassen, was auch 
bei. dem zweit tu Augrilie durch die Schützt-n der 5. Comp, teil- 
weise geschah. — Auch das Vorbrechen Jcr 1. und 2. Comp. RegLö. 
Nr. 74 aus dem Westrande des Stiringer Waldstüt k:^ i^uL^eii die 
Bahnlinie braclite diesen Troppen Verluste. Im wcitt-ren A ursclireiten 
^„'■♦•liijig ea denselben aber, Teilen des 2. Bat. Hegts. iNr. 74 zu ge- 
rn* lusamer Thätigkeit die Hand zu reichen. — Die Lage der Wald- 
riinder im Verhältnis zu dem linken Flügel der Franzosen hei Alt- 
StirintTiMi und den Alten Kohlengruben war für die Verteidigung 
die denkbar ungünstigste, denn sie rahmten Flügel und Flanke 
fcirmlicli ein und forderten deshalb die umfassenden Beweguugeu 
des Aii^^reifcrs geradezu heraus. — 

Bemerkenswert ist das auf Seite der Preufsen erkennbare i>e- 
streben, sich während des Vormarsches möglichst bald dem feind- 
lichen Feuer durch Betreten der Waldungen zu entziehen. Die 



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197 



Das Waldgefecbt 



Fran/.osen konnten «war durch ArtiÜeriefener ganze Waldstrecken 
oder diejenigen WaldHtellen wenigstens mit Geschossen bedecken, 
an welchen die preufsischen Abteilungen vermutet wurden. Eine 
solche Be-schiefsung mufste aber eingestellt werden, sobald die 
ffKii^üsische Infanterie gleichfalls ni denselben Wald eingedrungen 
war. Dem Gewehrfeuer innerhalb eines Waldes kommt 
nur eine beschränkte Verwendung zu; Fenifeuer ist natur- 
gemäfb ausgeschlossen, Nachfeuer durch die Baumstämme von 
geringerer Wukuiig. Wenn gleichwohl das Gefecht im Stuuiger 
Waldstück deii Preufsen schw. re Verluste brachte, so ist dies auf 
die Mberlegenlieit der Franzosen an /;ilil zurückzuführen und au&er- 
dem auf die Heftigkeit und llai tuackigkeit des Kampfes. — Auf 
der dem Feinde zugekehrteu Suite des Waldes angekommen, ent- 
schlossen sich die preufsischen Compagmcu in dem allgemeinen 
Drange nach vorwärts leicht zum Verlasi<en des schützenden Randes. 
Waren auch teilweise Rückschläge und grosse Verluste die Folge, 
so machte doch d&a im Geiste rücksichtsloser Kühnheit geführte 
Angriffsgefecht Fortschritte. — 

Gegen 3 Uhr Nachmittags trat prenfsischerseits n;ir h und nach 
auch die 28. Brigade auf dem rechten Flügel in das Gefecht ein. 
Dem oben erwälmten B< fehle dos Generals v. Kamcke gemäfs hatte 
die Brigade bereits um 12 I hr Mittags augefangen, in der Stärke 
von 5 Bataillonen — das 2, Bai. Regts. Nr. 53 traf erst nach 
der Schlacht ein — die Eisenbaiinl)rücke südlich Malstatt xu über- 
schreiten und war dann ohne Aufenthalt zu beiden Seiten der 
Eisenbahn im Vorgehen geblieben. An der Spitze befanden sich 
die 1. und 4. Comp. R^gts. Nr. 53, ihnen folgten der Rest des 
Rfgiments in drei Halbbataillonen, weiter zurück das Regiment Nr. 77. 
Da mau den Kommunalwald bereits durch das 2. Rat, Regts. Nr, 74 
besetzt fand, welches sich uui dit^e Zeit zu dem • rwilimten Angriffe 
gegen die alteu Kohlengruben anschickte, s«» li.srhlofs General 
V. Woyna, sich gegen die linke Flanke des Feinci» "^ zu wenden. Er 
bog mit dem 1. Bat. Regts, Nr. 53 rechts au« und giug unter 
heftigem Feuer de.s Gegners an dem Hange des Stiringer Waldes 
vor. Die beiden Füs.-Halbbatailione folgten dieser Bewegung nur 
mühsam durch das dichte Unterholz, in weit heni die Fühlung mit 
dem vorderen Bataillon allmählich verloren ging. Der als Seiten- 
deckung links entsendete SchützeuzuL' der 11. Comp, behielt östlich 
der Eisenbahn die Richtung auf Stn-ing- Wendel. Beide Bataillone 
traten nach und nach nördlich diases Ortes auf dem äulsersten 
rechten Flügel in Thätigkeit, — Das uacbfolgeude Regiment Nr. 77 



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198 



wurde in sehr aaseinandergeh enden Richtnngen in die vordere 
Gefechtslinie hineingezogen. Die 2. und 3. Comp, hatten den 
Schanzenberg bei DeutschmiiVilo erstiegen und arbeiteten sich auf 
weiten Umwegen durch das dichte Gestrfipp des KommunalwaldeB, 
nm ihrain Auftrage zufolge die linke feindliche Flanke zu gewinnen. 
Die 1. und 4. Comp, nahmen ihren Wog längs der Eisenbahn und 
besetzten gegen 3 Uhr, erstere im Änschlols an die 39ger, die 
Südspitze des Stiringer Waldstückes, letztere in gleicher Höhe mit 
ihr den Bahnkörper. Die beiden anderen Bataillone folgten anfuigB 
in derselben Richtung. Zwischen 1 und 2 Uhr ging ihnen aber in 
der Gegend südlich Deut^chnnihle die Auffordernng zu, den damala 
noch in dem Stiringer Waldstiicke vordringenden Feind aus dem- 
selben in werfen und sich dum links gegen die Spicberer Hohen 
zu wenden. In Aasfahroiig dic«;o8 Ansuchens betrat das 2. Bat. 
noch vor 3 Uhr das genannte Gehölz. Die Füsiliere, anfangs dem 
2. Bat. folgend, verliefsen bei Drahtsag die Eisenbahn, durchschritten 
die Nordostecke des Waldstückes, wendeten sich dann aber Aber 
das freie Feld hinweg gegen die au der Haaptstrsfse gelegenen Ge- 
höfte Goldene Bremm nnd Baracke Mouton. 

Bei dem Beginn des Gefechtes waren zu dem möglichst gleich- 
seitigen Angriffe mit' die Front und beide Flngel des Gegners 
preufsischers^its .sämtliche Batailione der vorderen Brigade des 
Generals v. Frani^i"^ verwendet worden. Als sich dann herausstelltei 
dafs diese Kr&fte für den Zweck nicht ausreichten, mufsten sUe 
VerstärkongeD aus der folgenden Brigade des Generals v. Woyna 
genommen werden. Has Auftreten der Letzteren auf verschiedenen 
Paukten der Schlachtlinie brachte die beiden Brigaden durchein- 
ander und erschwerte die Gefechtsleitnng, namentlich auf dem rechten 
FiriL!:el, wo ohnehin schon Bataillone verschiedener R^nienter unter 
einander gemischt waren. Die ersten Bewegungen der 28. Brigade 
auf dem Gefechtsfelde sind betrachtenswert, denn sie begründeten 
die Zersplitterung derselben und ihre Folgen. Der Gedanke de.s 
Brigade-Commandeurs, seine Bataillone gegen die link«- Fianke der 
franzdsischen Gefechtslinie zu leiten, entsprach nicht nur den von 
ihm vorgefundenen liesonderen Gefechtsverhältnissen an Ort und 
Stelle, sondern auch der allgemeinen Sachlage. Die Bewegung war 
aber auf dem schwierigso nnd unübersichtlichen Gelände nur aus- 
znfiUiren, wenn die Trappen möglichst nahe beisammen nnd fest in 
der Hand gehalten wurden; ein Anfschlielsen nach vorne, namentlich 
das Heranholen des Regiments Nr. 77 war notwendig. Im Walde 
gdit erfahmngsgeniä& die Fühlung mit Toraosdiarschierenden Ab- 



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199 



Dwt WaUgvfeobt 



teilnngeii äuffleret leicht verloren; sie mufe aber aufliören, sobald 
wie im vorliegenden Falle, die vorderen Abteilimgeu eilen. So kam 
dem General v. VVcyna der gröfste Teil seiner Brigade vollständig 
aus der Hand; die Bataillone des Kegimeuis iSr. 77 handelten ganz 
nach eigenem Ermessen. Hierbei ist es auffallend, da£s das Füs.- 
Bat. dieses Regiments bei seiner Bewegung gegen die Gehöfte an 
der Stralse schon aus der Nordostecke des Waldstücks aufs freie 
Feld heraustrat, anstatt innerhalb des Waldes in südlicher Richtung 
bis 711 jener Mulde vorzugehen welche von dort zur llauptstrafiBe 
Liiiaiiiührt. Hierdurch wäre wohl eine Verminderung der Verloste 
beim AngrilF erreicht worden. 

Neben den 3 Compagnien des Regts. Nr. 39, welche von der 
Mittagstunde au im Stiriuger Waldstücke kampiten, befand sich dort 
seit 3 Uhr Nachmittags die 1. Comp. Regts. Nr. 77 in der vorderen 
Gefechtslinie. Das feindliche Gewehr- und Geschützfeuer aus der 
Stiringer Stellung und von der Stralse her fügten ihr schwere Ver- 
luste zu; der Compagnieführer fiel, zwei andere Offiziere wurden 
verwundet. Der Feind versuchte wiederholt, sich des Südrandes 
des (iehölzes wieder zu bemächtigen, was ihm gegen 4 Uhr in der 
That gelaug. Seinem weiteren Vordringen setzte aber das nun ein- 
greifende 2. Bat. Regt£i. Nr. 77 vorläufig ein Ziel. Dieses Bataillon 
hatte, wie erwähnt, um 3 Uhr von der Seite vou Drahtzug her 
das Gehölz betreten, wobei die ü. und 7. Comp, die vordere Linie 
bildeten, die beiden anderen Corapagnien als Halbbataillone folgteu. 
Die auf dem imkeu Flügel befindliche 7. Comp, zog sich demnächst 
wirflt i aii.s dem Holze heraus, um sich gegen die ilauptstrafse zu 
wentl« II. Mit dem Reste erreichte der Bataillons-CommcUideur, Major 
V. KopiH ii, die (Tpfeclitsliuie der 39ger, als der eben erwähnte 
kritische Augenblick cin^j-etreten war. Der Feind setzte dem V^or- . 
dringen dieser frischen Trii|»;)('n den heftigsten Widerstand entgegen. 
Vou dem gegen die (uiltituie Bremm vorspringenden Teile des For- 
baehi r Hi i^rfS wirkten Mitniilleusen. vou 8tiring-Wendel her wurden 
wiederholte Kartätschlagen abgegeben, ein ununterbrochenes Gewehr- 
feuer wurde von dem Üorfraude und aus den längs der Strafse auf- 
geworfenen Schützengräben initerhalleu. [ >i'unoch gelang es den 
tapferen Truppen unter Hrli\>> M u Verlusten den Südrand des Ge- 
hölzes wieder in Besitz zu uelimen, zuletzt auch dem Feinde die 
von ihm hartnäckig verteidigte Südost im ku y.n entreifseu. I>ie 
6. Comp, besetzte nun einen Steilabfall -üdwestiich des Holzes; die 
5. snehte, auf dem freien Felde vordringend, 5 an der AU-Stiringer- 
Spicberer-Strafoe »tehen gebliebene feindliche Geschütze, deien Bo- 



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Dm WiMgeflMtt. 



900 



Spannung erschossen war, zu erreichen, mufste aber wegen des 
verheerenden Kreuzfeuers vou dem Unternehmen abstehen. Dagegen 
wurden an dem Südostrande dos Waldstückes die zurückgebliebouen 
Beste eiuea nur teilweise abgebrocbeneu Zeltlagers mit vielem Feld- 
geräte, später auch noch 6 gefüllte Protzen erbeutet Zwei fernere 
Voratöfse, welche der Feintl in der Zeit bis 57a nachmittags 
gegen den Waldrand unternahm, wurden erfolgreich abgewiesen; 
aber schon waren die meisten Offiziere, darunter auch 3 Compagnie- 
führer, verwundet, beziehungsweise gefallen. — Auf französischer 
Seite war, wie erwähnt, anfser dem 3. Jllgerbataillon nach und nach 
die ganze Brigade Jolivet in die vordere Gefechtslinie des linken 
FlGgels östlich von Stiring- Wendel vorgezogen worden. Als aber 
diese Truppen im heftigen und mehrfach schwankenden Kampfe 
allmählich Feld verloren, liefs General Frossard das 32. Regiment 
der Brigade Valaze von dem Kaninchenberge gleichfalls nach 
Stiring- Wendel vorrücken. Da die linke Flanke von dem Walde 
her bedroht schien, warf General Verge 2 Bataillone dieses Regiments 
in die Eisenhütte, das dritte behielt er in dem Dorfe als Reserve. 
Die Artillerie der Division Verg^, welche ostlich Stiring- Wendel 
in Thätigkeit gesetzt und später noch durch eine Batterie aus der 
Reserve verstärkt worden war, konnte dem preufeischen Geschatafi- 
feuer nicht stand halten. Sie trat nach Auffliegen eines Munitions- 
wagens den Rückzug an, wobei die oben erwähnten 5 Oeechütze 
zurückgelassen werden mufsten. üm seine Stellong gegen Durchr 
broch zu sichern, zog General Frossard noch eine weitere Batterie 
Tor und verstärkte die südlich Stirlng-Wendel stehenden beiden 
Schwadronen der Division Verge auf vier. 

Das letzte noch bei Forbach rar&ckgehaltene 66. Regiment 
nebst dem R^te der Artillerie-Reser?e wurde schon gegen 4 Uhr 
nachmittags nach Stiring- Wendel herangezogen, da die Angriffe der 
Preufsen vom Stiringer Wald her die französischen llauptverbindangsn 
gefährdeten. Aulserdem war nngelahr die Ilillfe der Division nach 
der Stiringer Gegend im Anmarsch. Das 1. und 2. Bat. des 
23. Linien-Regts. fanden teils Verwendimg in. dem Ort« selbst, 
teils auf dem änlsersten linken Flügel gegen die von dem Stiringer 
Walde her fortdanemd drohende Umgehung. Das 3. Bat. des 
8. Linien-Regiments nahm Rückbalts-Stellung südöstlich von Stiring- 
Wendel. Teile des 8. und 1 Bataillon des 66. Linien-Regts. wurden 
an die Gehöfte an der Strafse Saarbrücken -Forbach vorgeschoben, 
nm eine angemessene Verbindung zwischen den auf der Hochfläche 
und den in der Niederung fechtenden Trappen heizostellen. Als 



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201 



Dm WaMcelaciit. 



jedoch alle diese in den Kämpfen um Stiriug-Wendel auf französischer 
Seite in das Gefecht |Tehraditen, sehr ansehulicben Streitkräfte 
noch üicht ausreichend ersclii« ik n, um das Vordringen (h^r f^n ufoen 
aufzuhalten, hatte der perslMilich dort anwesende General Bataille 
noch sein 76. R«gt. heraiit^ezo^^eii. D.osselhe stand zu dieser Zeit 
auf dem Korhacher lierge in der Niihe der Strafsc von Spif^lieren 
nach Alt-Stirmgeu und sHeif nun, dieser folgend, in das Thal hcmb. 
Ein Bataillon besetzte die Eisenhütte uud nahm das Feuergelecht 
mit den sie rings umgebenden preufsischeu Abteilungen auf; die 
beiden anderen Bataillone nahmen (istlich der Eisenhütte hinter 
einem steilen Rande Stellung. Unter dem Scfnitzo dieser frischen 
Truppen gingen auch die französischen Batterien wieder bis an die 
Of?tseite des DorfM vor und eröflTneten ein heftiges Fener gegen das 
Stiringer Waldstück. Da aber die hiervon erwartete Wirkung aus- 
blieb, die Preufsen vielmelir das Waldsti'ick nach wie vor festhielten, 
so liefs (General T^ntr^illf jene lieiden Batfiillone '/um .Angriffe vor- 
g*'hen. In zweiter Linie folgte ihnen das 3. Bat. des 8. Regts., 
welches bisher noch südöstlich des Dorfes im Rückhalt gestanden 
hatte; Schützenschwärme vorauf, das Übrige in Kolonne dahinter, 
wurde das freie Feld in der Richtung auf dir Südostecke des Wald- 
stücke.s durchschritten, unter dem wirksamsten Kreuzfeuer von dort 
und dem Bahndämme her. Die in den vorangegangenen Kämpfen 
gelichteten, meist schon ihrer Führer beraubten prenfsischen Ab- 
teilungen konnten diesem heftigen Vordringen feindlicher Übermacht 
nicht mehr ^viderstehen. Im ersten Anlaufe gelang es den drei 
franaösischen Bataillonen, das Gehölz zu erreichen und festen Fufis 
darin zu fassen. (Bei dieser Gelegenheit wurden nun auch von den 
Franzosen ihre früher stehen gebliebenen fünf Geschütze in Sicherheit 
gebracht.) — Die 1. Comp. Regte. Nr. 77, welche ungeachtet aller 
Verluste bis jetzt Stand gehalten hatte, wurde fast vollständig zer^ 
sprengt; Fremierlieutenaut Hoppe führte die von ihm gesammelten 
schwachen Überreste zurück. Die Trümmer der drei Gompagnien 
des 2. Bat. sahen sich mit den 39gern nach erbittertem Kampfe 
allmählich bis in die Mitte des Waldstückes zurückgedrängt. Einige 
französische Batterien folgten ihrer Infanterie bis an die Schönecker 
Strafee und nahmen im Vereine mit der Artillerie auf dem Forbacher 
Berge das freie Feld zwischen dem Waldstücke und den Spicherer 
Höhen unter Fener. Andere Batterien standen auf dem Bei^hange 
südlich von Stiring- Wendel und überschütteten mit ihren Geschossen 
das Gelände nördlich des Dorfes und der Eisenbahn. Gleichzeitig 
mit dem eben geschilderten Angriff gegen das Stiringer Waldstück 



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Dm Waldgcfcckt 



waren die französischen Trappen auch naoh den andoen Seiton hin 
ans Stiring^-Wendel vorgebrochen und hatten die ganie Umgebung 
des Ortes bb an die Waldränder wieder in Besitz genommen. Der 
▼on General Bataille augeordnete VorstofB brachte sonach nicht 
nnr den südlicbaten .Teil dee Stirioger Waldstüokee wieder in die 
Hand der Franzosen, sondern er machte auch ihrem linken Flügel 
in unmittelbarer Nähe von Stiring-Wendel Luft. — Die 77ger 
traten ans dem Waldstü«^ heraas, nm sich bei Drathzug zu sammeln, 
und nur mit Mühe behaupteten noch die 39ger den nördlichen 
Teil des GefaSlies, welches der an Ort und Stelle befindliche General 
T. Zastrow unter allen Umständen festzuhalten befahl. Aber das 
anfänglich so erfdgreiehe Voigehen des französischen linken Flügels 
war bereits dorch das wirksame Fener der Batterien anf der Polster 
Höhe ins Stocken geraten, als nun ancb General Woyna um 
7 Uhr die bei Drathsag vereinigten Teile seiner Brigade — 1. und 
Teile des Ffis.-Bat. Begts. Nr. 6d, 2. and Teile des 1. Bat. Begts. 
Nr. 77 — wieder vorführte. Wikrend er, mit den SOgem Tereint, 
bald entschiedene Fortschritto in dem Waldstücke machte, war in 
dem freien Gelfinde SsUich desselben das vom Reppertsberge kommende 
Regiment Nr« 52 im Yorrficken. Die in dem Waldstfieke YOt^ 
gehenden Truppen trafen nidit mehr auf «mstUnhen Widerstand, 
dagegen wurde das freie Feld von den Forbacher H6hen und von 
der Stiringer Seite her noch immer unter Gewehrfeuer gehalten. 
Auch die feindlichen Battenen bei Stiring-Wendel setrten noch ein- 
mal ihre ganze Kraft ein und hielten dadurch die Fortechritte der 
52ger swischen der Stralse und dem Waldstücke auf. Eine näher 
heran gellende prenlsische Batterie uberschüttete aber die femdlicben 
Geeehfitze mit Sdmeilfeuer und brachte sie binnen Kuruem zum 
Schweigen. Iniwischen hatte General t. Woyna den weichenden 
Feind auf Stiring-Wendel surfickgetrieben und den Südrand des 
Waldstückes besetet, wo sich die 4^ Comp. Begts. Nr. 52 mit ihm 
vereinigte. Während von den Spicherer Höhen her bereite die 
franidsischen Rncksugssignale herabschalltsn, schritten im Vetmn 
mit dieser Gompagnie die 39ger nnd Abteflnngen des Regiments 
Nr. 77 zum Angriffe auf die Eäsenhütte und die sie rings umgebenden 
Schlackenhiigel, hinter welchen der Gegner sich eingenistet hatte. 
Dieses in den früheren Wimpfen mit Zähigkeit Terteidigte Bollwerk 
wurde um 8V4 Ubr abends mit Sturm genommen. Gleichseitig 
wurden die Franzosen durch 3 Compagnien des B^gte. Nr. 52 nach 
Stiring-Wendel hineingeworfen. Während die 52ger Stiring-Wendel 
nahmen, säuberte Major Wangenheim mit den Besten des 



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966 



3. Bat. llegts. Nr. 39 die nördlichen fSohöfte und Schlackenhaufen, 
wo nach verlustreichen Einzelkämpfen das (iefecht erst nach 11 Uhr 
verstummte. Die 3 Comp^nien dieses Bataillons, welche seit 
Mittag in dem Waldstücke gekämpft hatten, zählten am Abend 
«usamraen nur noch 6 Offiziere und 160 Mann! — 

Die gewaltigen Anstrengungen der Franzosen, um sich in den 
Besitz, des Stiringer Waldstückes, wenigstens seines südlichen Teiles 
zu bringen, erklären sich aus der Lage dieses Waldes im Verhältnis 
zur französischen Stellung, insbesondere zu dem linken Flügel der- 
selben. Nimmt man die Front des linken französischen Flügels auf 
der Linie vom Roten Berg beziehungsweise von der Qoldenon 
Bremm nach den Hohen vor den Alten Kohlengruben an, — wie 
f»s (Irr Wirklichkeit im allgemeinen entspricht, — so fällt das 
Stiringer Waldstück mit seinem südlichen Drittel in diese Linie, 
es bildete sonach einen Teil der Stellung. Daher von vornherein 
das Bentrebeu der Franzosen, das Waldstück zu besetzen und fest- 
zulialten. In preußischer Hand aber gefährdete es durch die Nähe 
des Angreifers die französischen Stellungen an der Strafse Spicheren- 
Schöneck und bei Alt-Stiringen, denn durch Anhäufung entsprechend 
starker Streitkräfte im südlichen Teil des Waldes war es den 
Preufsen unter Umständen möglich, sich keilartig in die Mitte der 
feindlichen Flügelfront hineinzudrängen, uro dieselbe nach beiden 
Seiten auseinander zu brechen. Ein solcher Durchbruch wurde auch 
seitens der französischen höheren Führer befürchtet. Dafs er nicht 
zur Ausführung kam, beruht dmeneita auf den emsig getroffenen 
G^enmaferegeln der Franzosen, andererseit.«; auf dem Mangel an 
ausreichenden Kräften der Preufsen. Jedenfalls hätte das Waldstück 
dnrch seine Lage and Gestalt ein derartiges Unternehmen des An- 
greifers in hohem Mafse begünstigt. — Dem aus diesen Verhältnissen 
hervoigegangenen stundenlaii|^ heftigen Bingen beider G^ner um 
den Besitst des Waldstückes wendet sich nun die Aufmerksamkeit 
im Einzelnen zu. Da die Preufsen im südlichen Teile des Waldstückes 
jeder Zeit feindliche VorstöDw gewärtigen mnlsten und durch ihr 
Fener die feindlichen Abteilongen im Umkreise niederzuhalten suchten, 
waren sie gezwungen, bis an die Bänder des Waldes romigehen. 
Die unter diesen Umständen erlittenen grofsen Verluste, namentUoh 
an Offizieren, UeliMn ihre Gefechtskraf^ allmählich erlahmen und 
infolgedesaeii ging ihnen der Sudrand des Geholze» vorübergehend 
verloren; aber die Hilfe kam gerade snr rechten Zeit. Bemerkens 
wert ist die Art, wie die Franzosen dnrch äufsere Mitwirkung 
ihren Angriff im Inneren des Holsee nnterstusien. Beider 



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flmakiflrenden Stpllmg d«r Mitnulleasen auf dem Forbacher B«rge 
war es nämlich möglich, gegen die im Walde TOirfickenden Compagnien 
de» Reginients Nr. 77 sa feaern, bis sie die nnmittelbare Nähe der 
Fransosen erreicht hatten, ohne letztere mit zu gefthrden. — ' Der 
hartnackige Kampf nm die Sfidoetecke des Waldstückes ist eine Ei^ 
scheinung, welche schon oben im AnschluCs an die Schildemiig der 
Gefechte um die Sfidweefeecke des Hifertwaldee besprochen wurde. 
Stets wird es besonders schwer son, nch tdq innen hw solcher 
leicht umfafsbarer Waldteile so bemSehtigen, weil der auben stehende 
a^fpiet dareh Vereinignng des Feuers von Terschiedenen Seiten 
ge^en einen beschrankten Banm die Fenerflberlegenheit anf seiner 
Seite hat. Ans demselben Gmnde ist der Angriff gegen eine be* 
setste Waldspitze leichter, als gegen eine gradlinige Front. 

Die siegreich Tordringenden preufsisehen Compagnien 
begnügten sich nicht mit der Wiederbesetsnng des Slld- 
randes des Waldstftckea, sie folgten dem weichenden 
Gegner darfiber hinaus. Alt Regel dürfte sieh ein solches 
Verfahren nicht empfehlen wegen der meistens damit Yer- 
bundenen nachteiligen Folgen, welche genauer an beeprechen, die 
Kämpfe nm den Niederwald Anlaii boten. Besondere Umstftnde 
rechtfertigen aber die Ausnahme. Wo aneh yorwirts des Wald- 
randes Daoknng in finden nnd ergiebige Penerwirknug möglich ist, 
wo dnreb kflhne That müglieherweise ein Gewinn erreicht wird, 
der den ESnsata weit filberwi^ oder wenigstens rdUig ansgldcht, 
da w&re ee ein Fehler, die Hand nicht nach den winkenden Vor- 
teilen ansBostreoiken. Erweist sich dann das Wagnis nnter dem 
Dmck der f«ndliohen Gegenwirkung als nnansffthrbar, so haben die 
Fahler immeriiin geieigt, dab sie eines Erfolges wert waren. Hier- 
nach dSrfte der Versnch der 6. Comp. Begts. Nr. 77, die feindlichen 
Geschflise an holen, za benrteilen sein. Obeidies brachte die Er- 
reidinng nnd Behanptang des Sfidrandee des Stiring^ Waldstfickes 
f&r die Pren6en anf jmm Teile des Gefechtefeldce noch nicht die 
Entsdundnng; Alt>Stiringen, die Eisenhiltte nnd Stiring- Wendel 
waren die Punkte, deren Besifesergreifang die Stellung der Franiosen 
in der Niedemng dem Angreifer dfinete. Ein weiteres Vorgehen 
in diesen Bichtungen entsprach mitbin Tollkommen dem alle Be- 
wegungen der Prenisen behemohenden Angrifigedanken. Die 
hierat TerfUgbaren Kiiffee waren aber zu schwach; sie reiften iwar 
ans, um einselne VorstOlse der Fransoeen abinweisflii» allein dem 
spiter ins Werk gesetiten Angriffe des Generals Bataille 
waren dieselben nicht mehr gewachsen. Diesen Angriff mufs 



205 



Dn W*Uig«CMbt. 



nach Vorbereitung, Einleitung und Durchführung als 
m u stcrgi 1 tig bezeichnet werden. Nach dem (rrnnflsat^.e: Dor 
Stöfs ist die beste Deckung, beschlofs der General, dem weiteren 
Vordringen der Frenfsen dnreb ruu n kräftigen AnLi;riff ein Ziel zu 
setzen. Üa die Truppen der Division Verge sämtlich bereits ver^ 
ausgabt waren., das südöstlich von Stiriug- Wendel stehende 3, Bat. 
des 8. Regts. allein für f\f'n beabsichtigten Angriff nicht hinreichte, 
so war General Bataille zunächst auf Bereitstellung entsprechender 
Kräfte bedacht. Mit einem Teile derselben sicherte er alsdann das 
beabsichtigte üntern»4inien in der linken, fortwährend bedrohten 
Flanke durch Besetzung der Eisenhütte; die zum Angriffe bestimmten 
Bataillone selbst stellte er gedeckt in nahe Bereitschaft. Während 
nun das Bataillon in der Eisenhütte die Aufmerksamkeit und das 
Feuer (b-r FrenCsen im ganzen Umkreis :nif sich zu ziehen suchte, 
gingen die trauzSsiscben Batterien m ihre trübere Stellung vor und 
überschütteten das Stiriuger Waldstück mit Geschossen. Dieser 
Einleitung folgte dann der Angriff selbst, in der Gliederung der 
Truppen, wie in der Wahl des Angnilsi iniktes und der Angrifi»- 
richtung gut und richtig durchgeführt. Da die Artillerie ent- 
sprechend vorgearbeitet hatte, konnte eine Vorbereitung der Ein- 
bruchsteile durch Inf'anteriefeuer entfallen und ein rasches Durcheilen 
der Aügrifl'sstrecke die Verluste beschränken; die Scbützenschvvärnie 
bahnten dem StoHse der geschlossenen Abteilungen den Weg. Indem 
dieser gegen die Südostecke des Geholzes führte, war den fran- 
zösischen Abteilungen in der Eisenhütte und in den Schützengräben 
an der Stiafse Spicheren-Schöneck die Unterstützung des Angriffes 
durch Feuer gegen das Waldstück noch eine Zeit lang ermöglicht, 
als dieser schon im Gange war. Gegen die südwestliche Ecke des 
AValdes gerichtet, hätte der Anlauf dieser Feuerunterstützung ent- 
behrt und wäre durch die Nähe der Prcuüsen an der Eisenbahn, 
beziehungsweise in Alt-Stiringen weit mehr gefährdet gewesen. Ein 
Angriff, nur gegen den Südrand des Waldstückes ins Werk gesetzt, 
verzichtete auf die inehrbesprochenen Vorteile der Umfassung. Be- 
merkenswert ist das Verfahren der französischen Artillerie, welche 
den Angriff der Infanterie begleitete, um durch näheres Heran- 
gehen an den Gegner ihre Wirkung und iVIitwirkung zu erhöhen« 
Doch wäre der gegen das Waldstück gerichtete Vorstofs weit gröfseren 
Schwierigkeiten begegnet, wenn niclit gleichzeitig ein Verbrechen 
aus Stiring-Wendel stattgefunden hätte. Hierdurch wurden auch 
die aufserhalb des Stiringer Waldstückes an der lasenbahn und 
wesüich derselben befindlichen preolsischen Abtetlangm in Anspruch 



Dm WaUgflCedit. 



206 



genommen und verbindert, an der Abwehr des Angriffes gegen das 
Waldstück teilzunehmen. Der Wert des gleichseitigen und 
allgemeinen Antretens aller Truppen £U einem Angriffe 
wird durch dieses Beispiel in helles Licht gestellt. Jede einielne 
Abteilung nutzt durch ihr Vorgehen zugleich den anderen. 

Der Zustand der im Stiriuger Waldatöcke zorack geworfenen 
7 preulaisehen Compagnien war degenige von Truppen, welche mit 
auHserster Ausdaner und Anstrongnng bis zur letzten Kraft Alles 
eingesetzt haben, nm den gewonnenen Boden festzuhalten, schließlich 
aber der Übamacht erliegen. Je länger und zäher sich soldie 
Truppen wehren, desto gröfser ist zumal im Waldkampf die nach- 
folgeude Auflösung und Entkräftnng derselben. Abteilungen, welche 
sich nicht ernsthaft mit dem Qegner einlsseen und rechtzeitig Kehrt 
machen, lassen sich meist in guter Ordnung nnd fester Verfassung 
zurückführen, sie sind spater anch wieder verwendbar und schlag- 
fahig. Wenn aber eine Truppe, wie die drei Compagnieu Regiments 
Nr. 39, welche seit Anbeginn des Gefechtes sich innerhalb des 
Waldstückes mit wechselndem Glück schlugen, nach solchen Kämpfen 
nicht nur im Stande ist, einen Teil des blutgedrangteu Waldbodeus 
gegen das Nachdrängen des Feindes noch zu behaupten, sondern 
wenn dieselbe auch noch die Festigkeit besit/t. um an erneutem 
Vorgehen teüznnehmcn nnd znm Sturme auf eine feindliche Stellang 
zu schreiten, so ist sie in ihrer flaltnng nnd in ihren Leistongen 
annbertrefflich. 

Die Verloste an Offizieren finden in der geschichtlichen Dar- 
stellung sn wiederholten Malen Erwähnung und zwar, nm die Er- 
schöpfung und yemringerte Leistungsfähigkeit der Truppe anzudeuten 
und Bfickscbläge zu erklllren. Hierdurch ist das Verhältnis der 
preufsischen Offisiere zur Truppe rftckhaltios gekenutzeichnet und 
klar ausgesprochen, ilafs alle Leistungen der Truppe auf die Offiziere 
snrficksnffihren sind. Neuerdings herrscht das B^treben, die Truppe 
in gewissem Sinne von den Offizieren, ja von den Führern über- 
haupt unabhängig und zur selhstsiiindigeu Durchführung einzelner 
Gefechtshandlungen fähig zu maclien. Man sieht auf den Übun^ 
platzen die Offiziere und Unteroffiziere austreten und die Mann- 
schaften allein das Gefecht in der gegebenen Richtung zu Ende 
führen. Die vielfach gemachte Erfahrung, dafs nach dem Tode der 
Offiziere die Truppe im Ernstfälle sich eben nicht mehr zu helfen 
wufste, und die Voraussicht, dab die knnlt^fen Schlachten die 
Offiziere in den unteren Führsrstellen rasch aufzehren werden, haben 
ZQ der Vofschrift Venmlassung gegeben, auch dio Unteroffisiere 

B4 UZV, «. 14 



S07 



Das Waldgtfaeiit 



mehr zur Selbstständigkeit zu erziehen und die Mannscliatleü im 
Gefecht auch ohne Offiziere und Unteroffiziere verliLssig zu miuihen. 
Was in den zur Reife gelangten Gefechtsl^on zu geschehen hat^, 
ist ja an sich äufserst einfach, denn es handelt sich meistens nur 
um den letzten entscheidenden Anlauf nach Verausgabung des 
Magazininhalts, oder um die Erwartunj^ des Nahkampfes. Allein 
man erwarte im Emstfall von jenen »führerlosen Schaustücken« auf 
den Übungsplätzen ja nicht zu viel, nm keine bittere Enttäuschung 
zu erfahren. Der Emstfall bringt immentlich in den entscheidenden 
Augenblicken des Gefecht«? Erscheinungen und Eindrücke mit sich, 
welchen der gewöhuhclio Mousch nur gewachsen ist, wenn er sich 
an ein unmittelbar vor Augen stehendes Beispiel anklammem kann. 
Dieses Beispiel zu. geben, verleiht aber nur das höchste Ehr- und 
Ptlichtgefühl, wie es in den Offizieren lebt, die Kraft. Je mehr 
eine Trappe in Allem auf ihre Offiziere zu hören und zu seheu 
gewöhnt ist, das lieifst: je besser dieselbe erzogen ist, desto fühl- 
barer gerade wird der Ausfall der Offiziere in den gefährlichsten 
Augenbill IvL II werden. Ohne Offiziere ist daher eine Truppe einem 
seelenlosen Kr)r])er vergleichbar, der hinsterbend nur noch mechaniache 
Zuckungen macht. — 

Es sind nun noch die jtreufsi^cherseiis g''gen die linke Flanke 
der Franzosen unternommenen Bewegungen zu sehihlorn und äu 
besprechen. — General v. \\ n\na gelaugte mit dem 1. Bat. KefrtJi. 
Nr. 53, Abteilnngeu des französischen 3. diigcr-Bat. vor sich her- 
treibend, etwa um 4^^ Uhr in die Nähe der von den Alten Kohlen- 
gruben kommenden Zweigbahn, w(i sie an dem Wuldraude südlich 
nach Stiring- Wendel herumbiegt. Das Bataillon nistete »ich daselbst 
dem Orte gegenüber ein. welchen man aber so stark b^etzt fand, 
dals ein AngrifV ohne weitere Unterstützung keinen Erfolg verhiefs. 
Von dem Kirchturme und den l'abrikgebäuden südlich <ler Haupt- 
eiscnbRhn richtete sich bald ein liettiges Feuer gegen die pliUzlich 
in drohender Niihe It i f (uinlr Abteilung, welche indessen bei 
ihrem schnelleren VordiiiiL'. ii iii dem Wahle, wie erwähnt, die 
Fühlung mit den lieiden tolgeudcn Füsilier-llalbbataillnucn verloren 
hatte. Dieee anscheinend ganz vereinzelte Lage vor einer als äufserst 
fest erkannten Stellung des Feindes bestimmte den General v, Woyna, 
das Bataillon xurückzuuehmen, um erst die Verbindung mit den 
anderen Teilen der Biigade wieder herzustellen, deren inzwischen 
eingetretene anderueihge Verwendung ihm noch unbekannt war. 
Das Bataillon schlug hierzu im Allgemeinen die Richtung auf 
Drathzug ein, wobei zur Deckung des Abzuges auiUngUoh die 



Dm W«14g«feoht. 



906 



4. Comp., nnd als anch diese dfm Bataillon folgte, der ScbützeD- 
zug derselben in jener Stellung au der Zweigbahn verblieb. 

Der ebenbeschrieboi^e Vorgang? zeitft klar die mifslichen Folgen 
der Zerreifsung der Irui pen-Verljiinrle und die Notwendigkeit be- 
stinomt^r Bet'eblserteilung. Wären dem Regiment Nr. 77 bei Ein- 
tritt in den Gefechtsbereich seitens des Brigade-Commandenrs be- 
stimmte, das einheitliche Zuaammenhandeln der Brigade sicborndc. 
Weisungen zugegangen, so hätte djusselbe rechtzeitig am Waidrande 
westlich oder südlich von Htiriug- Wendel eintreffen und durch sein 
Auftreten ciiin W:rknn>;'- von unabsehbarer Tragweite erzielen können. 
Sein Eingreifen im Stiringer Waldstficke und an anderen Stellen 
des Gefechtsfeldps wäre dann wohl nicht notwendig geworden, denn 
ein enisthafter Angriff der Prenfsen vom Forbaclipr WaM her 
hätte alle irgend noch verfügbaren französischen Streitkrälte auf 
aich gezogen. Da die ausgedehnten Waldungen westlich von Stiring- 
Wendel und Forbach keinen Einblick in die Zahl der von dort 
herangeführten preufsischen Truppen gestatteten, so konnten 3 bis 
4 Bataillone an jenen Waldrändern den Eindruck einer starken 
Macht bei den Franzosen hervorrufen, welche hierdurch zu ent- 
sprechenden Ciegenmafsregeln zum Schutze ihrer gefährdeten rück- 
wärtigen Verbindungen veraulafst wurden. Den ])reur8i8chen Ba- 
taillonen, welche diesen Flankenangriff auszuführen hatten, war 
durch die Waldung die Möglichkeit gegeben, jedem übermächtigen 
Andringen der Franzosen nach verschiedenen Richtungen hin aus- 
zuweichen, um beim Nachlassen des Gegenstofses sofort wieder bis 
in den Waldrand vorzugehen. Wenn auch die zu dieser Aufgabe 
berufenen prenfeischen Bataillone im Laufe des Nachmittags auf- 
gerieben worden wären, so hätten sich diese Opfer bezahlt gemacht 
durch die merkliche Entlastung, welche dadurch auf der ganzen 
übrigen Schlachtlinie für die Preufsen eingetreten wäre. Man ist 
umsomehr berechtigt, sich in die weitreichenden Folgen einer solchen 
Umfassung der linken französischen Flanke hinein zu denken, als 
nur sehr wenig fehlte, um sie tbatsächlich herbeizuführen. Eis lag 
für den General v. Woyua kein zwingender Grund vor, das 1. Bat. 
Regts. Nr. 53 aus seiner Stellung westlich von Süring-Wendel 
zurückzuziehen, namentlich kein Grund, dasselbe gleich bis nach 
Dratbzug zurückzuschicken. Einen etwaigen Ausfall der Franzosen 
aus dem Dorfe hätte man ja abwarten können, um dann in west- 
licher oder nordwestlicher Richtung im Walde Deckung zu suchen. 
Id Wirklichkeit waren doch die Franzosen durch das Erscheinen 
4er PrenUsen vor der Westseite des Ortes weit mehr gefährdet ond 

14* 



Dm WAldget«ob(. 



bedroht, als Letztere durch diV fran/(i^,ische iiesatzuiifif innerliall» 
des Dorfes. Die Festi^^keit «l< r tranzüf^is<'hfM! StelluDL: k »juit'- Ii- 
Prt'ulseii \\<)\i\ vorn Sturme abhalten, dieseibeu jedoch nieinaiy ziiui 
Rückzug zwingen. Letzterer ist um so schwi'rer vpr^^tiinHIiVh, als 
General v. Woyna von der auderweitig«Mi N erweiiaiuig des Kegnnents 
Nr. 77 keine Kenntnis hatte, mithin auf sein, wenn auch späteres 
Eintreffen zu rechnen Itprochticrt wnr. Was mau mit einem 
ButaiHon nicht leisten zu können glaubte, dazu liefs man schiiefslich 
einen Zug zurück, welcher den Beweis heferte, dals jene ätellung 
au der Zweigbahn oline Gefahr irehalten werden konnte. — 

Die beiden Fns.-Ilalbbataidoue l\egts. Nr. 53 waren rechts von 
dem 1. Bat. in dem Stiringer Wahle vorgegangen, dessen Ausirang 
sie westlich von dem Funkte erreichten, wo der letztiren iunte 
Tr 1 ] f nteil V(jrübergehend Aufstellung gegen äStiring-Wen l* 1 ge- 
nommen hatte. Während die 12. Comp, zur Sicherung der rechten 
Flanke in einer Aufnahmefjtellung an dem Waldrande verblieb, 
überschritt die 9. dii' kleine Blöfso westlich der Kohlenbahu und 
trieb die gegenüVi i stehenden feindlichen Abteilung» n unter Hurrah 
von dem Damme der grofseu Eisenbahn in die südlich dessidben 
gelegenen Fabrikgebäude zurück. Einige der.sell»en wurden von den 
Prcnfsen genommen, der Gegner zur iläumung des nordwe.stlichen 
Teils von Stiring- Wendel gezwungen nnd in die Eisenhütte ge- 
worfen. Die Conipagnie sah sich indessen zum Abzüge nach dem 
Walde veranlafst, als von der 12. Oomi». Vorrücken stärkerer 
feindlicher Abteilungen in der rechten Flanke gemeldet wurde. 
Bald darauf gritfen aber frische Kräfte in las (lefecht ein. Die 
2. und 3. Comi). Regtff. Nr. 77 waren aut du« ni Wege gegen die 
linke feindliche Flanke ebenfalls aii die Kohlen bahn gelangt nnd 
gingen von hier gegen die aufserhalb der Eisenhütte augelegten 
Fabrikgel )äu de vor. Diesem Angritt'e schlofs siidi die 9. Comp. 
Regts. Nr. r)3 wieder an; die Gebäude wniden von Neuem genommen, 
nunmehr festgehalten und der Feind in das eigentliche Eisenwerk 
zurückgedrängt. Hierbei trat auch der von der 4. Comp. KegtH. 
Nr. 53 zurückgelfissene Scliiit/.en/ug mit in Wirksamkeit. Weiter 
rechts griü" das andere Füs.-Halbbataillon dieses Regiments in den 
Kampf um Stiring- Wendel ein. Die 11. Com|>. ging, der rück- 
gängigen Bewegung des Feindes im Walde folgend, gegen Olashötte 
Sophie vor, nahm die Höhe vor diesem Orte und waudte sich von 
dort aus gegen Stiring- Wendel. Die 10. Comp, hatte sich von 
vornherein mehr links gehalten und an dem Gefechte an der Nord- 
westseite des Dorfes beteiligt. Französiacherseits wurde dort der 



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Dm WaUgtfMhi 



210 



Kampf durch TpÜe des 3. Jäger-Bat, des 32. nnd 77. Regt geführt 
und gpng allmählich in ein stehendes Feuei^efecht über. — In der 
höher gelegenen Siellung der 74ger bei A!t-!>tiringen bemerkte man 
g^en 5 Uhr das Herannahen feindliclier Tiifant^ rieinassen und Ge- 
schüt/e auf dem Hange des Spicherer Waldes südlich von Stiring- 
Wendel. Es waren dies die im Vormärsche hegriffenen Teile der 
Division fiataille, deren Batterie alsbald ihr Feuer gegen die 
lureuÜBiBcben Trnppen bei Alt-Stiringen richtete und sie mit iktea 
Granaten erreichte. Gleichzeitig wurden Angriffsbewi^ungen des 
Feindes auf der Strafse östlich von Stiring- Wendel beobaebtet. 
Major Werner^ welcher als ältester anwesender Stabsoffizier die 
Ffihning fibemommen hatte» hielt unter diesen Umständen ein 
längeres Verweilen in einer so hart an den Feind vorgeschobenen 
Stellmig ohne Aossicht aof Unterstützung nnd weiteren Erfolg nicht 
ffir angemessen und ordnete deshalb den Abmarsch der zor Stelle 
befindlichen sci^hs Compagnion — 1« nnd 2. Comp, nnd 2« Bat. 
Regiments Nr. 74 — in der Richtung auf Drathsi^ an. Ab nach 
6 Uhr Abends der allgemeine Vorstofs der Franzosen erfolgte, war 
dieser Abmarsch bereits eingeleitet. Ein Teil der 74ger folgte 
der Eisenbahn, ein underer ging zunächst aof der Schonecker Strafte, 
dann aber rechts durch den Wald gleichfalls auf Drathsng surfick. 
Kleinere Abteilnngen der Regimenter Nr. S9, 53 nnd 77, welche 
der vorangegangene Kampf in diese Gegend geführt hatte, schlössen 
sieb jener Bewegung an, welche teUweiae nicht ohne erheblichen 
Verlust bewirkt werden konnte. Die Abteilnngen, welche in dem 
nördlichen Teile von Stiring-Wendel und in der dortigen Umgebung 
kämpften — 2. nnd 3. Comp, Regts. Nr. 77 und Fd8.-Bat. Regts. 
Nr. 63 — gingen langsam nach dem Stiringer Walde sorQck. Teile 
der 11, nnd 12. Comp. Regts. Nr. 53 deckten den Abxng, indem 
sie sich b der Flanke an dem Bahneinschnitte vor GlashQtte Sophie 
festseteten. Der Feind folgte von Stiring-Wendel aber den Bahn- 
damm nach, vermochte aber den Waldrand nicht zu «nreioben, in 
welchem sich die 2. und 3. Comp. Regts. Nr. 77 dauernd be^ 
hanpteten. — 

Während das 1. Bat. Regts. Nr. 53 im Rückmarsch war, bofiind 
sich das Füs.-Bat. des Regiments im Vormarsch fast nach demselben 
Punkte, welchen jenes als unhaltbar verlassen hatte* Es fehlte 
wenig, dak die Bewegungen beider Bataillone sich gekreuzt bitten. 
Der Fall, dals spater eingetroffene oder zuruckgelassoie Abteilungen 
an Stellen, welche vorher von stärkeren Kräften aus Besorgnis 
geräumt wordm waren, sich festsetzten und noch weitere Fort^ 



Sil 



Das WaldgvMit. 



schritte nmehttju, wiederholte sich mehrraal». Hieraus folgt, dafs 
der erste Hückzug oiiiie Not uTid zu frühe stattfand. Es ist finr 
auffällige Er'-rlieinuiit^, dnfs Truppen, welche Waldränder oder dt reu 
Umgehung beseiiit hieiteu, auf biufsc Meldungen über da'- AnrürkeTi 
des Feindes hin oder auf Grund iler Deobaclitung, dafs ft [iullu In; 
AViteilnngen in der Lerne ersolii'Mieu oder feindliche VorütufNe auf 
emeni anderen Abschnitte des üefi t htstt Mes ertolgti n, kurzweg 
ihre Stellunjjen räuiuten. Auf diesi \V< ist- verschwanden Truppen 
au» der vordereD (lefeclit'^linie, deren Anwesenlieit die später statt- 
findeuden Vorstöfse der Franzosen wesentlich eintläninien konnte.-. 
Der von Major Werner ein^jelt itete Rückzug deckte sich gerade auf 
das Vorgehen des französischen linken Flügels. Die Vorteile des 
unmittelbar iui Rücken der Pn ufNcn liegenden W^aldea blieben sonach 
unbenutzt Man verzichtete auf die Möglichkeit des gedeckten 
Rückzuges nach kriU'tiger Gegenwehr. Die Ursachen dieser mangel- 
haften Oefccht^lülirung auf dem äufserst«n rechten preufsischen 
Flügel lagen in der anfänglichen Zersplitterung der Streitkräfte und 
in der durch das unübersichtliche Waldgelände erschwerten 
Leitung der Truppen. In einer festen Hand vereinigt, hatten 
die vier westlich der Eiseubahn gegen den linken Flügel der Fran- 
zosen auftretenden preufsischen Bataillone unter den gegeheneii 
(fefechtsuniständen Bedeuteudes ausrichten können. Das vielmaschige 
Wegenetz des Kommunal waldes, die durch den Stiringer und For- 
bacher Wald nach Alt-Stiringen, Stiriug-Wendel, Gla.shütto Sophie 
und Forbach führenden Strafsen gestatteten es, die Truppen gegen 
die wichtigsten Punkte der feindlichen Flauke vorzuführen, ohne 
den /.iisatnmenhang der einzelnen .\bteiluugen durch Bewegungen 
seitwari^ 1er Wege zu lösen. W'ie weit die Umfassung ausholen» 
geilen weichen Teil der fninzösischeu Flanke, unter entsprechender 
Fcsthaltung und Beschiittigung der ülirig»'n, <ler llauptstofs geführt 
werden sollte, darüber luufste sich die Fuhrung schon v i- lifginii 
der Bewegung klar sein, denn auf die sichere Überhringung nach- 
träglieiier Weisungen an die einzelnen mnerhalh des Wahh^s vor- 
niarsehierenden Abteilungen war nicht zu rechnen. Die Durch- 
tiilirung eines in allen Fiinzelnheiten feststehenden und den Untcr- 
tiilirern bekannten Planes, wenn derselbe auch nicht der denkbar 
beste war, liatte die meiste Aussicht auf guten Frfolg und gewiihr- 
leistete das richtige Zusammenwirken aller einzelnen Teile. Unter 
der Voraussetzung, dafs die Flankenbewegung der 28. Brigade über- 
tragen wurde, könnte die Verwirklichung etwa folgendermafsen 
gedacht werden. Während der Drigadefubrer sich auf dorn Reppert»- 



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Dm WaUgofiNbt 



212 



Herge durch Verkehr mit den dort anw«'seuden höheren Führern 
und durch eigene Aiiscliauuug von dri StcHung des feindlichen 
linken Flügeb unterrichtet, schliefst die Brigade bei Deutsclimühle 
auf. Die gemachten peraüuHchen Beobachtungen und die ein- 
laufenden Meldun'jen lassen erkennen, dafs der feindliciie linke 
Flügel im Allgemeinen in der Linie der Strafse von Schöneck nach 
Spicheren steht, rückwärts auf die Eisenhütte und Stiring-Wendel 
jrestützt. Der Brigadeführer beschliefst, diese Stellung zu umgehen 
und mit seinen Ilauptkr'aften in den liücken der Franzosen zu 
stofsen. Zu diesem Zweck läfst er die Brigade antreten und durch 
den Kommunalwald links an der Schönecker Waldblöfse vorbei in 
den Stiriiiger Wald marschieren. Em Bataillon hält an der groisen 
Schouecker .^trafse, um die Flanke der Brigade gegen die bei 
Schöneck stehende französische Abteilung zu decken, beziehungs- 
weise Letztere zu vertrelljen, sich dann aber gegen die Alten Kohlen- 
gruben und Alt-Stiriugen zu wenden. Innerhalb des Stiringer 
Waldes erreicht die Brigade die Stmfae Schöneck- Forbach. Beim 
weiteren Vormarsch auf Forbach wird ein zweites Bataillon an der 
StraCse von Klein Rossel nach Stiring-Wendel gegen letzteren Ort 
abgezweigt, wälurend die Brigade aui' der Forbacher Stralse bis zu 
dem Punkte vorgeht, von welchem im Forbacher Walde ein Wald- 
weg nach Glashütte Sophie führt. Hier wird gegen die feindliche 
Flanke eingeschwenkt und zunächst die Glashütte angegriffen. — 
Wären die Franzosen auf solche Weise in der Flanke heftig an- 
gefallen und im Rücken kräftig umfaist worden, so hätten sich 
ihre Anstrengungen hauptsächlich gegen die 28. preuCsische Brigade 
als den gefährlichsten Gegner gerichtet. Der Schwerpunkt des 
Kampfes am 6. August lag bei solcher Entwickelung der Dinge 
nicht auf der Hochfläche, sondern in der Niederung. Die 
Zeit, bis die Umgehung wirksam wurde, mufste der Kampf 
am das Stiringer Waldstück ausfüllen, um die Aufmerk- 
samkeit und die Kräfte der Franzosen abzulenken. Mochten 
hierbei auch einige preufsischen Bataillone verbluten, so 
erleichterten diese Opfer wesentlich den Flankenstors« 
auf dessen Gelingen Alles ankam. — 

(8düu£B folgt) 



XVL 

EaucMoses Pulvei für die leld-Aitillerie. 



Die bishori^o Entwickeliin),' (1er Feld -Artillerie berechtigt zu 
<ler Erwartung, dal's die Neubewaffnuag der Infanterie deu Austois 
dazu geben wird, auch jene mit neuer, ebenbürtiger Bewaffnung zu 
versehen. Das bisher l)estaiulene Verhältnis der beiderseitigen 
Wirkuiigszonen ist jetzt zu (lunsten der Infanterie verändert. Gerade 
der Ihjistand, dafs durch Krhrilmiig der Infanterie-Feiierwirknnj? die 
Verteidigung gewonnen hat. \veu-,i darauf hin, die Stärke des Augriüs* 
durch gesteigerte Artillerie-Wirkung wieder zu heben. 

Man m<)chte auch versucht sein als Richtung, in welcher die 
Vervollkommnung der Geschütze angestrebt wird, die Erhöhung der 
Feuergeschwindigkeit bei Verkleinerung des Kalibers in Verbindung 
mit der Nachahmung einiger Konstruktion»- Eigentümlichkeiten der 
Handfeuerwaffen, /.. B. Verlegung der Dichtung in die Kartusch- 
hrdse aus Met^Ul, zu bezeichueu. Auch hier hat die historische 
Entwickelung der Feldgeschütze daran gewöhnt, in der Handfeuer- 
waffe das Modell itn Kleinen für das Geschütz zu sehen. Man 
denke nur an Züge, Lauggeschosse, Hinterladung. Charakteristisch 
ist in dieser Beziehung, dals gerade jetzt die Privat-lndu.strie lu m iht 
ist, Schnellfcner- Geschütze kleinen KaliWs als Ideal künftiger 
Artillerie-Bt iutünuiig hinzustellen. Hier will diese Thatsache nur 
erwähnt werden, weil äie die ausgesprochene Tendenz zeigt, die 
Erh<")hung der Wirkung der Geschütze wie bei dem kleinkalibrigen 
Gewehr mit die Feuergeschwindigkeit erhöhender Vorrichtung an- 
zustreben. Die Wirkungs-Steigerung der Geschütze kann aber bei 
aller Anerkennung der bestehenden Analogie zwischen grofser und 
kleiner Feuerwatle auch auf einem den Handfeuerwaffen fremden 
Gebiete, dem der Erhöhung der Geschols Wirkung gesucht und ge- 
funden worden. 



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tocM oiei PaWer ftr dk FeU-Artilbri«. 



214 



Vom Waffcnstandpiinkt der Feld -Artillerie, rler wie der Selbst- 
erhaltungstrieb des Individuums dazu drängt, jeden Vorsprung einer 
Konkurrenjtwaffe wieder einzuholen, mu!s die Dringlichkeit einer 
Neubewaffnnng betont werden. — Eine rationelle Neukonstruktion 
von Geschützen ])raucht nun allerdingrs Zeit. Pulver und Gescbofs 
sind die mafsgebenden Elemente für dieselbe. Eni jetzt, nachdem 
auf diesen Gebieten ein Fortschritt erreicht zn sein scheitit, der als 
▼orianfiger Abechluls zu betrachten ist, kann daran gedacht weiden 
eine dafür pas^^ende Geschiitzkonstroktion aainuteUen. 

In der Zwischenxeit des Übergang« von einem Geschüt/sy^teme 
sani andern hat man von jeher zur Aushülfe die Leistung der bis- 
ber^^ Geschütze gesteigert, z. B. durch Aptiemng glatter Geschütze 
in gesogene, Vorder- in Hinterlader. So ist für den jetzigen Zeit- 
moment mit den bisherigeu Geschfitzen bei Anwendung neuen 
Pulvers zu rechnen* Von der hervorragenden ihm nachgerühmten 
£igen!ürhaft, die zur Erhöhung der Anfangsgeschwindigkeit wahr- 
scheinlich auch in den bisherigen Geschützen vcrwnrtet werden 
konnte, nämlich der allmählichen Entwicklung der Triebkraft bei 
geringer Maximalgespann ang, wird hier abgesehen und nur die 
Eigenschaft der geringen Raucbfnt wio.klung in Betracht gezogen. 

Ob das neue Pulver als rauchlos oder blofs als rauclischwach 
EU beseichnen ist, der Artillerie genügt es, dafs durch jene Ein- 
fuhrung der sie im Feuergefecht verhüllende Schleier gefallen ist. 
Dpm Fnier leiten l-n Aliteiliincrs- oder Regiments-Commandenr, dem 
mit dem Einschie(ken betrauten Batteriechef, dem richtenden Kanonier 
wie dem mit der Kontrolle der Zielauffassang und Korrektur der 
Seitmabweichnngen betrauten Zugführer, ihnen allen ist ihre Auf- 
gabe beim Schiefsen durch die Vermeidung der Ranch- 
maske wesentlich erleichtert. Es kommen dann die be- 
sonderen £inricbtongen in Weg&il, die den nachteiligen Einflub 
des Rauches weniger fühlbar machen sollten, wie Staflfeiung nach 
der Windrichtung, Beschränkung in der Verengung der Geschötz- 
nnd Batterie-Zwischenräume, langsames Fonortcmpo, Aufeinander- 
sehen beim flügelweise Einscliiefsfii der Batterien, häufige Anwendung 
künstlicher Ililfsziile. In dieser Hinsiebt wird das kriegsmäfsi ge 
Scliiefsen der Artillerie einfacher, 80 da& anderen durch die 
ErlßUung der Kampüesaufgabe bei der gegebenen Gefechtssituation 
gebotenen Rücksichten besser entsprochen werden kann, z. B. Staffe- 
lung nach dem Gelände oder mit Rücksicht auf eine möglicher^ 
weise zu verändernde Front, ZusammeofinBen , wenn nur be* 
scbrinkter Raum rar Verfügung atebt, sebneileres Feuer sur 



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215 



BMMfakMMs Pvlrer Ar die FeM-ArtOkm 



Auätiut/.ung kurzer aber für die Ariilleriewirkuiig guustiger Mo- 
mente u. s. W. 

Neben diesen Vuileiiea mochte noch einer In -omleis hervor- 
f^ehoben werden, der im Frieden, da hior die Artiilenc liauptsäch- 
lich auf die Erfahrungen des Schiefsplat/.es angewiese^i ist, nicht 
f^enfigend gewürdigt wird, der, dafe es nnn dem l^atk'neeiief mög- 
lich ist, in kritischen iVIomenten ebenao wie dem Führer der 
kainjjfesHiuheiten der anderen WatVen seine Batterie von der 
Mitte aus zu übersehen und zu kommandieren. Der moralische 
Lnidruck seiner allen sichtbaren Ge«»:enwiirt wird dann mehr zur 
(.Jeltun^f t^ebraeht als bisher, wo er durch Rficksichten auf Rauch 
auf einen Flügel ^el)annt war und mit seiner Ibitterie meist nicht 
ander» verkehren konnte al» indirekt durch die von den Zugiüiireru 
fortgepflanzten Kommandos. 

Den Vorteil, dafs durch den Wegfall der Rauchmaske dem 
Batteriechef die lieoljac ht u ng und ilaniit das Einstein «'fseii 
selbst in «rröi'.serer Artillerielinie sehr erleichtert und damit, 
die Wirkung des Artillerie-Maf*scnfeuers wesentlich gesteigert wird, 
erkennen alle bisher erschienenen l>es[)rechungon des rauchfreien 
Pulvers an. Ab: in gleichem Mafse einilufsrcidi für künftiges Auf- 
treten der Artillerie mochte noch eine weitere Folge des raiH-libiseu 
Pulvers genannt werden. lUe nämlich, dafs es nunmehr der Artilk'rie 
möglich ist, die Vorteile, die das Gelände bietet, voll auszunützen, 
da die im Exerzier- lieglement Seite 133 Zitfer 275 empfidilene 
Mafsregel »hinter dem Kamm von Anhöhen aufzufahren« jetzt er- 
reichen läÜBt, dafs der (lejrner über Stellung nnd Stärke 
längere Zeit nach lieginn des Schiefsens im T'Mklaren 
bleibt. Steht dieser Vorteil eiuaeitig einer der beiden Artillerien 
zu Gebote, so ist sie im Stande die andere in kurzer Zeit nieder- 
zukämpfen nnd sich dann sehr bald ganz ansschliefslich der Ue- 
schieCsung der Infanterie zuzuwenden, iriäuiig aber wird das Geländo 
beiden Artillerien Gelegenheit geben, verdeckt die Stellung ein- 
zunehmen, und mufs sich daher jede Artillerie darauf gefafst machen, 
dab gerade wegen der Eigenschaft der Rauchlosigkeit des neuen 
Pulvers, die Durchführung des Kampfes gegen die feind- 
liche Artillerie für sie wesentlich schwieriger wird als 
bisher. 

Zunächst hat daher die Artillerie nach Mitteln zu suchen, am 
unter den so erschwerten Verhältnissen die ihr zufallenden Kampfes- 
aufgaben zu lösen. Sollte man dabei zu der Brkenntnis kommen, 
dafis die Wirkung des Artilleridkampfes bei der beideraeitigeii 



^iyui^uo i.y Google 



IBimUmm Pdf«r flr die F«ld-Aiti!M«. 



216 



Ausiifitzunj? tler Vorteile iles Geländes im Gefecht wesentlich gegen 
die ))isher unter ähnlichoti Verhältniwen erreiihten zurückbleibt, in 
vielen fallen daher die Niederkämpfung der feindlicbeu Artillerie 
aus der Ferne mehr Zeit und Munition verlangt als bisher, so ist 
damit wenigstens der Vorteil erreiclit, uch ?or gelahrlicben Illusionen 
zu bewahren. 

Ist die gegnerische Ärtfllerie im Gelände gedeckt, wob^ man 
sieb nicht immer die Anfstellong hinter einem Höheukamme sn 
denken hat, sondern dufs im ebenen (Uirmde selbst eine niedrige 
Marke z. B. ein bestandenes Kornfeld für die Deckung genügt, so 
fehlen beim rauchlosen Pulver die bisherigen Anhaltspunkte be- 
züglich der AnsdelimiMg l r f 'indlichen Artilleriestellung und der 
Anzahl der am Schielseu beteiligten Batterien.^ För die Beurteilung 
der Kicbtong, in welcher die schiefseiulen gegnerischen Batterien 
zu suchen sind, giebt dem Artillorieführer dann nur die Birhfung 
d^ Schalls und der von Geschoisaufscli lagen gebildeten Furchen 
Anfschlufs. Beide orientieren nur oberflächlich und biotcu keinen 
Terläföigeii Anhalt. — Den Schall kann der Lärm, der durch das 
eigene Sciiiefsen und die Explosion der feindlichen Geschosse ver- 
ursacht wird, fihertonen, nnd kann seine Fortpflanzung durch Höhen, 
Waldnngen so von der ungehinderten, fClr unser Ohr normalen 
abweichen, dafs sie leicht Anlafs zu Täuschungen giebt. 

Der Geschofsaafschlag markiert sich nur bei Geschossen 
mit Aufschlagszöndem durch eine Furche, die in ihrer Richtung 
auf die Ansgangsstelle hinweist. Wenn gegnerischerseits von Anfang 
an mit Zeitsfindern geschossen oder im Verlauf des SchieOsens dazu 
übergegangen wird, so bieten nur die wenigen Aufsehlftge infolge 
Blindgehens bei Doppelxfindem den hier so er wnnst Ilten Anhalt. 
Aber auch bei Aufschlagssandem muls noch des Falls der An- 
wendung von Brisanzgeschossen • gedacht werden, welche in der 
Begel im Moment des Aufschlags explodieren,*^ also keine F'urche 
erzeugen. Vom Geschoisanfschlag zum Erkennen der feindlichen 
Artillerie-Stellaug abhängig zu sein, hat überdies den Nachteil, dafs 
der Beginn des gqpierischen SchieCsens abgewartet werden uiufs, 
auch dann, wenn man z. B. durch vorhergegangene Wahrnehmung 

*) In der Schrift: „Da« rauchfrei« Pulvi r, Ergebnisse seiner Anweodang 
im Manöver" wird Scito 14 Tluitsachc erwähnt, dafs 1)'m Kai.'^er-Mannvern 
de« ▼origen Jahrcg einmal volNtäiidige rnklarlieit darliber herrschte, ob mau es 
mit vielen oder weuigen Batterien lien Gegners nx tiiuu hatte. 

•*) Nseb d«f Schrift: «Comprimierte Sdtiebwone fllr militirisclieii Gebnndi" 
ren Msx t. FOnler Sdts 51. Berlin 66. MtUer k Bohh. 



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217 



JtmMmt Pfllw tCa die Fald-Artflierie. 



des Anmarsches der Batterien darüber orientiert iut, dafs sie sieh 
bereits in Stellung befinden kann. Kbenso ist es unvorteilhaft, dafs 
entweder der Artillerieführer sich von der gewählten fStelhini^ ent- 
fernen mufs, um die Geschofsaufschläge zu suchen oder aof die 
Meldung hingeschickter Ordonnanzen angewiesen ist. 

Schall und Geschofsaufschlag orientieren im günstigsten Fall 
dou Artilleriefnhrer soweit, dafs er weifs, wo ungefähr er die 
feindliche Artillerie zu suchen hat und sie nun mit gutem Glas 
von erhöhtem Standpunkt vielleicht schon vom Pferd aus wahr- 
nimmt. Wenn ihre Aufstellung auch eine verdeckte ist, so muüs 
sie ja doch sowohl, um mit der Richtung den etwa sich bewegenden 
Zielen folgen zu können, als um für nötig werdende Bestreichung 
des Vorgeläiulf s nicht Stellung wechseln zu mfissen, dem Hohen- 
kanim nahe bleiben. Oft wird es daher möglich sein, da(s eine 
sorgfältige mit allen Hilfsmitteln ausgeführte Erkundung weitere 
Anhaltspunkte für AusHndigmachen der Stellung gewinnt. Der 
Artilleriefnhrer ist daniof angewiesen, Ftowohl durch denurtige Wahr- 
nehmnngen, die er selbst oder die ihm zur Erkundung sar Ver- 
fügung stehenden Organe (Adjutant, Trompeter) machen, seine auf 
(irund von Schall und Gescbofsauf^ichlagen gewonnene Kenntnis über 
Zielanfstellung m ergänzen. Hierher gehören Beobachtungen be- 
züglich <ler die ArtiUehestellnDg gegnenscherseits nn«!wah1enden nnd 
meist durdi IVrsonen ihrer Umgebung bezeichnenden Artillerie- 
Offiziere, die charakteristische Gruppierung der an den abgeprotzton 
Geschützen eingeteilten Bedienungen und sollte sie auch nur an 
den gerade noch sichtbaren Helmspitzen erkennbar sein, die Attf- 
stellangen der Protzen und Wagen, die sich nicht immer ferbeigen 
lassen u. s. w. 

Auf Grund solcher in der Stellung selbst gewonnenen An- 
schauungen wird bei wirklich verdeckter Aufstellung der feindlichen 
Artillerie sich doch nur selten ein vollständig genügender J^chiefs- 
befehl für die Batterien abfassen lassen. Der Artilleriefiihrer 
braucht unter solchen Umständen als weitere Grundlage für den- 
selben eine vorhergehende Aufklärung über die feindliche 
Artilleriestellung durch mit der Kavallerie vorgehende 
Offiziere. Diese suchen die gegnerischen Marschkolonnen auf, 
hangen sich oTentnell unter dem Schutze yon Kavallerie, diese 
beobachtend, an, überwachen die Entwickelui^ der gegnerischen 
Artillerie h\s zur Einnahme der Feuerstellung nnd senden beziehungs- 
weise überbringen selbst an ihren Artilleriefnhrer eine Meldung, 
über Zahl der Batteiien, sowie Aufstellung, z. B. hinter welcher 



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RmcUmh Pah« ftr die Feld-Artfllerio. 



218 



Höhe, weuu mehi*en' liiuter einander, nnd die Ausdehnung. Wenn 
irgend möglich, grben sie als Anhaltspunkt»^ für Aufsteliunj^ und 
Aowiehnung Geländegegenstände, Bäume n. s. w. an, die sich in 
der Nähe der fjegnerischen Stellung betinden, z, B. für Bezeichnung 
der Mitte oder der (ürenzen. I)a>i Seliiefseii wird dann insofern von 
dem bislierigen abweichen als das Feuer nicht auf eine beritimrate 
Auziihl Batterien, sondern auf eine begrenzte üeländestrecke ver- 
teilt wird. 

Da bezüglich der Ausdehnung der feindlichen Stellung die 
eigene Beobachtung ungenügend und die Meldungen nur allgemein 
gehalten sein werden, mufs l)ei dem Schiefsverfahren aufser dem 
bisher schon bei solchen Zielen durch die Schiefsregeln gestatteten 
Streuen nach der Tiefe ein solches auch nnrh der Breite dann 
stattfinden, wenn sich Zweifel ergeben, ob die Ausdehnung der 
feindlichen Artilleriestellung nicht doch eine gröfsere ist als an- 
genommen wurde. Dafs ein solches doppeltes Streuverfahren 8ell)8t 
bei Anwendung von viel Munition die Wirkung m su sagen ver- 
dünnt, ist nicht zu leugnen. 

Die Frage aber, ob sich unter solchen Verhältnissen das 
Schiefsen Überhaupt rechtfertigen lafst, ist doch zu bejahen, weil 
durch Vervollkommnung der Konstruktion die Wirkung des einzelnen 
Geschosses gegen früher so erhöht worden ist, dals mit einer einzigen 
angehenden Lage derselbe Effekt erreicht wird, wie früher erst mit 
mehreren. Wenn also im Feldzuge 1870/71 die Artillerie mit den 
alten (ieschützen und Geschossen manclimal unter recht ungünstigen 
Schiefsverhältnissen eine für die Einleitung des Gefechtes genügende 
Wirkung erzielt hat, so amk ihr dieselbe für solche Fälle auch 
jetzt zugesprochen werden. 

Eine Niederkämpfoi^ der feindlichen Artillerie allerdings konnte 
nnr dann geUngen, wenn die Aufstellung von Beobachtern 
auf Punkten, welche Einsicht in die gegnerische Stellung 
gestatten, möglich wäre. Mit Hilfe derselben mnfste die Artillerie 
so ihr P'ener regnlieren, dafs sie das doppelte Streuverfahren bald 
aufgeben kann nnd es ihr dann gelingt sich auf die gegnerisdie 
Artilleriestellung ihrer ganzen Ausdehnung nach genau einzuschtefsen. 
Fehlen die hier genannten Vorbedingungen, nm feindliche Artillerie 
mit einer für das Stadium der Gefechta-Einleitung genügenden 
Wirkung zu bekämpfen, bieten sich weder für den Feuer leitenden 
Artillerieführer noch die znr Aufklänitig über die gegnerische 
ArtiUeriestellnng abgesendeten Offiriere genügende Anhaltspunkte, 
um die feindliche Artillerieetellung nach Lage, Ausdehnung und 



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219 



B»uohloi>£8 Fulver Ar die Feld -Artillerie. 



Zahl der Batterien sn erkunden und besteht keine Möglichkeit, die 
Wirkno^ dee eigenen SebielNna zn beobaehten, ao bleibt daa Fea«r 
der gegneriachen Artillerie allerdings besser nnerwiedert nnd wird 
die Munition Ar die ap&ter erwachsenden Anfgaben gespart. 

Die In&nterie findet, in diesemGefecbtamomeiit von dar Artallerie 
noch aaf grßberer Entfernung beacbossen, den nötigen SdtiitE in 
der Bewegung, ▼oransgeaetzt, dals sie Stiafsen nnd aoldie Pankts 
im Gelinde Termeidet, die aicb so günstig abheben, dab da düii 
Cbgner das EinsehieÜBen wesentlich erleichtern. Aber gerade die 
aar BeldbnpfuDg der Artillerie von der gegnerischen eingenomaMoe 
verdeckte Anfstellang hindert sie, in Bewegung befindlichen Ab' 
teilnngen mit der Bichtnng so folgen, sie dahor wirksam xn be- 
schießen. Sie wird sieh daher w^gen des Vorgehens der Infiuiterie 
mei£rt vennkfat adien, die Deekong anftogshen nnd skh mdir der 
Kammlinie der Anhöhen, wenn sie hinter solchen steht, an lähera. 
Steht dk» Artillerie in der Hefe gedeckt, so wird sie, n»g die 
Position auch gegen Artillerie nodi so gut gewählt sein, in ihr in 
den seltensten F&llen für grüüsere Geachützlinien frden Ausblick 
und freies Schntafeld gegen sich bewegende In&nterie finden, sie 
wird sidi also andi hier durch deren Vorgehen veranlaiat aehen die 
StellüDg za wechseln. 

Solche Stellungs- Veränderungen dürfen der Artillerie nicht eui* 
gehen, weshalb sie das ganze für Artilleriest«llungen in Betracht 
kommende Gelände vor ihrer Front ständig übenracheo lassen 
mufs. 

Jetzt, wenn der Gegner seinem Gefechtsssweck, die vorgehende 
Infanterie zu beschiefscn, cutsprechende Stellungen einnimmt, die 
eben nicht gedeckte sein können, ist fOr die den AngrifT der Infanterie 
unterstatzende Artillerie der Moment gekommen, die feindliche 
niederzukämpfen. Ob dies aus gedeckter Stellung aud auf grofsere 
Entfemnug geschehen kann, möchte zu bezweifeln sein. Entschliefet 
sich aber im Begegnungsgefecht die Gefechts^Leitnng zum Angriff, 
so möchte die Artillerie in seltneren Hillon als frfiher mit einer 
einzigen Stellung für die Diirchfiihruiig des Kamptes gegen die 
feindlich« auskommen, sollte diese auch die Deckung gegen Einsicht 
noch so sehr begünstigen. — Gerade jetzt, da wohl die eigenen 
Schüsse, aber nicht das Ziel auf gröfsere Entfernungen deutlich so 
sehen sind, da sobald die gegnerische Artillerie niedergekämpft ist, 
fsogleich zur ReschieCsung der Infanterie übergegangen werden mufs, 
die ihre Stellungen ebenfalls nicht wie früher durch RauchlinieD 
markiert, muls die EutbcheiJung gegen die Artillerie auf 



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fiaiicUMet fvitm Ar die FdA-JatiXkuM, 



290 



näheren Entleruuiigcu gesucht werden, als für den Ein- 
leitungskampf angängig isf 

Auch zur Beachiefsünjj; der inlanterie ist die Artillerie auf vor- 
ji^esondete eigene Aufklärer wie auf die durch andere Waffen im 
Gefecht erreichte Aufkläniiij^ anjjewiesen. E» ist für sie jetzt viel 
schwerer als früher, die Linien Her eigenen entwickelten Infanterie 
von denen drr indlirhen nit> rniander zu halten, sie niufs also 
auch zur Anliahnung der Entscheidung gegen den als AngritVsohjekt 
in Ans.siclit genommenen Teil der gegnerischen Infanteriestellung 
bis auf Eutferuuugen heran, auf denen ihre Beobachter genügend 
deutlich sehen. T/et/teren mnf^ sie in solchen Momenten iialw sein, 
weil sonst bei dem k ii/j ii \ rrl.iuf <le<5 Kampi'es die Heohachtungs- 
Kesultate ku spät zu ihr kommen würden, um mit Nutsen verwertet 
werden zu können. 

Wenn es auch als Anomalie erscheinen sollte, dafs trotz der 
Krwei+erung der Wii kii;igszonen ffsr das Infanterie- und Artillerie- 
Keucr infolge technis« in r Vervollkoii im ii ung der Waffen dip Ent- 
scheidung von der Artillerie auf näherer keinesfalls weiterer Ent- 
fernung als bisher gesucht werden soll, so kann man sich doch nicht 
der Überzeugung verschliefsen, dafs die Verbesserung der Waffen 
die Natur des Kampfes nicht ändern kanu, daf?, wenn im Feldkrieg 
die Vernichtung des (iegners angestrebt wird, dies hier nur auf 
Distiinzeii zu eiTeichen ist, auf denen man womr>glicli mit freiem 
Auge den Erfolg seines eigenen Schiefsens zu beurteilen vermag, 
dafs also die deutliche Sichtbarkeit der Ziele für ein Durchschnitts- 
nnge die Greuze festsetzt.*) Es mufs aber hervorgehoben werden, 
dafe, wenn auch das rauchfreie Pulver die Einnahme gcdccktcrStellungen 
für die Artillerie begünstigt, und daher der Artilleriekampf im 
Stadium der Gefechtseinleitung den Charakter einer wenig wirkungs- 
voUen Kanonade einzunehmen droht, die Durchführung des gegen- 
seitigen .\rtilleriekampfes auf nähere Entfernung sich bei der gegen- 
wärtigen Geschofswirkung in einer viel kürzeren Zeit vollzieht, als 
man es nach den Erfahrnngen des Feldzuges 1870/71 anzunehmen 
geneigt ist. Die Artillerie darf daher im Angriff nicht früher auf 
Entscheidungs-Entfernung von der gegnerischen vorgezogen werden, 
ehe nicht die Gefechtsleitung über den Gegner genügend aufgeklärt 
ist und den Moment für die Durchführung des Angrifib gegen die 

») Zahlen tb die Entferanngagreiiseii kOnnan nicht angegeben werden, da die 
BediBgimgen fttr die Siofatbarkeit je nach Gelinde nnd Witterung fenchiedeo sind, 
während sa vermeiden igt die Zone dfli wlikenmen frindUcbeD Inluiterielisners mit 
1000 m m Bbenehreiten. 



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221 



lUliflhIlWftB Fvlvef f&r die FddoArtiUarie. 



Einbruchsstelle naeli dem Stande des Infanterie- Auiuiarsches als be- 
vorstehend erachtet. 

Wie für tias intaiiteriefener, ergeben sich auch für den Artillerie- 
kampf die charakteristischeu Unterschiede zwischen Fern- und 
Nah kämpf.*) Wer sich für letzteren entscheidet, niufs sich darfibcr 
klui sein, dafs es ein Eutscheidungsakt von kurzer nach MiuuUn 
zu beuiessender Dauer ist. Der Übergang vom Fern- zum Nahkauipf 
bedingt für die Angriffs- Artillerie Stellungswechsel. Vor diesem 
warnt das Reglement, wenn es auch seine durch die Aufgabe ge- 
rechtfertigte Anwendung als zulässig erachtet, aber vom Befehl des 
Befehlshabei^ des Truppen- Verbandes abhängig macht , dem die 
Artillerie zugeteilt ist. Entsprechend der Warnung sucht die 
Artillerie auf Anhöhen nach allen Richtungen beherrschende 
Positionen. — Für die Verteidigung und für die ersten Gefechts- 
momente, 80 lange die eigenen Gefechtsabsichten nicht feststehen, 
erscheint dies gerechtfertigt. Man möge sich aber davor huteu, 
sich für die Auswahl der Stellung ansschliefslich von dem Grund- 
satz, aus einer einzigen Stellung mit der Artillerie alle ihre zu- 
fallenden Aufgaben losen zu wollen, leiten zu lassen. Dailurch 
kommt die Artillerie in eine sklavische Abhängigkeit vom Gelände, 
verliert den Kontakt mit der Infanterie nnd ist daher meist nicht 
im Staude, rechtzeitig ihre wichtigste Aufgabe, die Vorbereitung 
des Infanterie-Angriffs, zu erfüllen. 

Die Vorstellung, dafs die Eigenschaften einer günstigen Artillerie- 
[»osition sich nur in einer, womöglich überhöhenden, Höhenfrtelhing 
Huden la^ssen, ist aber eine weit verbreitete, die im Kriegsspiel und 
b<n allen rein auf Dispositionen nach der Karte angewiesenen 
IJbungen dazu führt, dafs alle Nicht-Höhenstellungen als für die 
Artillerie in hohem Grade ungünstig beurteilt und in Anrechnung 
geltracht werden. Bei Übungen im Gelände selbst aber kann man 
sich überzeugen, dal», wenn mit bestimmten Zielobjekten /,u reclmen 
ist, wie für die Angritfs-Artillerie, sobald es sich um Niederkampfung 
der bereits in Stellung behndlichen Verteidigungs-Artillcrie handelt 
oder, wenn von der Leitung für die AngrifijBtruppen eine Einbruchs- 

*) Die dcuf'sf'li'^ Artillerio bezeichnet Entfemongen zwischen 1000 — 2üW m 
als lutttlere. iiuicrimlb div^er weiteu EntfertinugsgreQSüeu kaun uq Artilleri«-Duell 
stets vom Nabbunpf gesprochen werdiD, irena di« Beobtelitiiegsfihig^til disr 
Sebflsse eitie gute ist» da die Wirkaog luer mehr von der bedaeleiideD und 
wenig verschiedenen Geschofe Wirkung als der schubtafeUnftfsigen balliatischen 
Leintnng der Ge«<chütze abbfin<rr y/a^ insbesondere oblM EmsobrBllklUig dorcb dn 
Eutferoungs-UDtencbied f&r Brisansgescboss« gilt 



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BMeUM« Pdm ftr die FcldOitilkiit. 



222 



stelle bezeichnet ist, durch sorgtaltige Erkundung auch in der Tiefe 
Stellungen für gröfsere Artillerielinien gefaiiden werden, die häutig 
der doppelten Anforderung entsjirecben, freies Schulsfeld gegen das 
Ziel und doch Deckung durch die vom Gelände gebotenen Masken 
zu gewähren. Die ein flieisendes Gewässer begleitenden Baum- 
pÜauzuiigen, Baumreihen an einer Strafse, ferner Ortschaften, Nieder- 
holz u. 8. w. waren bisher schon im Stande dem Gegner das Ein- 
schiefsen gegen die tiefer stehende Artillerie zu erschweren, ohne 
diese am Schiefsen zu hiudem, um so mehr wird dies bei rauchlotem 
Palver der Fall sein. 

Wenn zur Niederkänipfung der gegnerischen Artillerie nach der 
vorhergegangenen Bekämpfung derselben im Einleitungsstadiuni des 
Gefechtes eine zweite Stellung auf nähere Entfernung und wenn 
das Gelände es nicht anders erlaubt, in einer tiefen Stellung ge- 
nommen wird, so ist es fraglich, ob aus derselben auch die Vor- 
bereitung des Infanterie-Angriffes durch Beschießung der Einbmchs- 
stelle möglich ist. — Wie schon erwähnt, haben die Artillerie- 
Stellungen in der Tiefe den Nachteil, meist nur in der einen 
Richtung verwertet werden zu können, fiir die sie ausgesucht wurden. 
Nicht blofs, dafs der im Heglement Seite 147 Ziffer 307 erwähnte 
Nachteil der Wirkungsunterbrechung, der mit Stellungswechsel ver- 
baaden ist, in diesem Fall sehr empfunden wird, so fragt es sich, 
ob eine Artillerie, die einen Entscheidungaiacheuden artilleristischen 
Nahkampf durchgemacht hat, i>elb8t im günstigen Fall der sieg- 
reiehen Durchfühmng noch die hinreichende Bewegongsfahigkeit 
himo hat. In manchen Fällen wird es daher angezeigt sein, bei 
dem stafielweise Vorrficken der Artillerie eine Staffel für den 
Qefechtszweck, den Angriff vorzubereiten, anaanseheiden nnd Tom 
artilleriatisdlifin Nahkampf auszoschliefsen. 

Diese im Bsenaer-fieglement Seite 147 Ziffer 318 vorgesehene 
staffelweise Verwendung der Artillerie wird durch das rauch- 
lose Pulver noch vorteilhafter als bisher durchzuführen sein, indem 
es hier bei geschicktem Verfahren nnd günstigem Gelände möglich 
ist, den G^er uft über den Absug von Batterien so lange zo 
tauschen, bis dieselben in der neuen ihm näher gerückten Stellung 
das Feuer eröffnen. Die zurückgehaltene Staffel setzt die Be- 
kämpfung der Artillerie auf gröDsere Entfernung fort und wird daher 
mit diesem Verfahren weder das frimdp der MaseenTerwendting ver- 
letati nooh die alte Gefechtsreserve an Artillerie wieder autgei'riscbt, 
sondern nur den Anforderungen Rechnung getragen, dafs, wenn die 
Beschiefsung der Einbrachsstelle einen Stellungswechsel bedingt» die 
Irtitlitii m 4k» PiKiifci umm mi Mwta*. lu. UUV« a 15 



m 



BABchloAes Pulver lÜr die Feld'Artillehe. 



dafür bestimmte Artillerie bier^iu geuügeud beweguiigsiiibig erhaltea 
werden mufis. 

Bisher, wo sell)st in gedeckter Stellung die Artillerie sich 
deutlich genug durch Rauch lUürkierte, die Besetzung von Örtlich - 
keiten durch Infanterie infolge der durch ihr Feuer erzeugten Hauch- 
linieu gut zu erkennen war und auch der im freien Felde gegen- 
seitig durchgeffihrte Infanteriekanipi" von der Artillerie- Stellung auf 
gröfsere Entfernung noch die l)eiderseitigen Linien deutlich unter- 
scheiden liefe, konnte es der Artillerie hiiuiig gelingen, ans einer 
einzigen gut gewählten, meist Höhenstellung mit ihrer gesamten 
Stärke alle die Kanipfesaufgaben /.u erfüll* u, deren Lösung im Ver- 
laufe ein&s Gefechtes vou seim-m ersten bis letzten Stadium von ihr 
t^efordert wurde, welche jetzt von ihr verschiedene Stellungen uud 
miindiuml auch ein geteiltes Einsetzen für den artilleristischen 
Nahkampf niul die Vorbereitung des Infanterie- Angrill 8 durch Be- 
scbiefsuug der Einbnichsstelle verlangt. 

Die liefürwortung des Stellungswechsels der Artillerie, 
wenn er, wie es bäulig der Fall ist, durch die Lösung der au sie 
gestellten Aufgaben bedingt wird, stellt keinen neuen Grundsatz 
auf. Es Süll damit nur vor der Gefahr gewarnt werden wegen der 
Vorteile, die bei rauchloöem Pulver und gedecktem Aulialireii die 
Benützung vou Höheustellungeu bietet, solchen ohne Rücksicht auf 
Entfernungen und die charakteristischen VVirkungsunt^rschiede 
zwischen artilleristischen Nah- und Fernkampf eine übertriebene 
Bedeutung beizulegen. Die Artillerie könnte sich sonst abhalten 
lassen, der in der Einleitung des neuen Artdlerie-Reglements her- 
vorgehobenen l-'ordeniug, rechtzeitig und vom nchtigeQ Platze zu 
schieben, gerecht zu werden. 

In vorateheudeu Ausführuugen wurde hauptsüchiicii das Be- 
geguuui,fa-Gefecht ins Auge gefalst. Sinngemäfs gelten sie anch 
für Angrirt' und Verteidigung. Im Angritt gegen vorbereitete 
Stellungen wird, wenn bedeutende Kräfte einander gegenüber stehen, 
der Artilleriekampf dadurch Ijeeinilufst, daf;> ihrer Gefechtsanfklarunsf 
der Einblick in die gegnerische Stellung vou den Flanken meist 
versagt ist, hier wird dann die Artillerie iu grösseren Verbaiult n 
wohl anch über andere, grotsartigere Mittel zu verfügen haben 
(Fesselballon eventuell Gefecht um die Observationspunkte). 

Die vom Gelände an uiul für sich sehr abhängige Verteidigung 
wird sich bei Auswahl defisell)en mehr wie je von artilleristischen 
Kani])fesiiitere«sea leiten lassen, da die durch das rnnclit'reie Pulver 
bedingte bessere Ausnützbarkeit der Geläudedecknngeu ihr Chancen 



B w dJoB W Pulmr fto die Pdd-Attillerie. 



gewSbri» auch mit an Zahl der Batterien sdkwioherer AiüUerie 
gegen die feindliche sich die Überlegenheit zu erringen. 

Folgerungen aus den dnreh die Binführang raaeh- 
freien PnWers bedingten Änderungen der artillerietischen 
Kampfeeweiee: 

Der Artilleriekampf gegen Artillerie und Infanterie hat durch 
die Einfnhrung rauchlcoer PnlTersorten für den Moment der Oefechte- 
fiinleitung eine weaentliche Änderung erlitten. Dieeelbe besteht 
liwptMilieb darin, dals fftr die Kampfesfiihmng, in ahnlicher 
Weise wie bisher für die Gefechtsfohrung bei der Disposition über 
die Truppen, sloh die Notwendigkeit ergeben knun, nicht blols anf 
Qmnd eigener direkter Anschauung des Ffibreis, sondern auf die 
indirekte durch Heldui^n erworbene Kenntnis Qber den Gegner 
die Artillerie anzusehen und ihr Feuer zu leiten. Wenn auch der 
Artilleriekampf in oiFenem Gelinde sich in Zukunft geradeso ab- 
spielen wird wie bisher, so kann er doch im wechselnden Gel&ndei 
das dem €bgner Geleg^heit zur gedeckten Einnahme der Stellung 
bietet, fitst ansschlieCdich auf Meldungen hin gefQhrt werden müssen. 
Daraus eigiebt sieh, dals Übungen, weldie ahnliche Gefechts^Ver- 
htttnisse, wie die besproch«ien, darstellen aollen, so eingerichtet 
werden müssen, dab der ArtUlerieftthrer eben nur auf Meldungen 
seiner Offisiere bemehnngswetse deren StelWertreter angewiesen ist. 

Das neue Exenier-Reglement der Feld-Artillerie betont aus- 
drücklich, dab das Kriegsmäfsige in der Anwendung der 
von ihm gebotenen Exeraierformen stets als die Haupt- 
sache an betrachten sei. Sache einer Temunfkigen AnffiMsnng 
des Rei^ementB ist es nun, bei jeder Übung, die kriegsmSfsiges 
Auftreten der Artillerie darstellen soll, die in einem nftchsten 
Krieg in erwartenden Verhältnisse im Auge au haben« Da Bewaffnung 
und Taktik sich seit dem letsten Kriege geSndert haben, so ist auch 
bei vorhandener Kriegseilshmng der Übungsleitende bei der Be- 
urteilung dessen, was kriegsmibig sei, auf seine Phantasie angewiesen, 
die vom Bekannten anf das Unbekannte schliefaend von den Friedens«* 
erfahrongen ausgeht und sich ein Bild von dem Artillenekampf, 
wie er deh in einem künftigen Kriege abspielen wird, zu formen 
sucht. Die RauchfMieit der Ziele mit ihren Konsequenzen ist 
nun eine neue Erscheinung, die ta Modifikationen in dem usuellen 
gefechtsmäfirigen Auftreten der Feld-Artillerie Anlab geben könnte. 
Die von diesem Gesichtspunkt etwa nütig erachteten Änderungen 
in dem Gebiete der Ausbildung mCchten in erster Linie die- 
jenige der Offiziere betreffen. Diese wird daher hier, obgleich sie 

14* 



225 



Baactüoses FaiTer für die F«ld-ArtiUehe. 



meistens gleichzeitig mit der Ausbildung der Truppe stattfindet, 
gesoudert besprochen. 

Kriegsspiel und Dispositions-Übung*). Die eigentliehe 
praktische Ausbildung «rßhrt der Artillerieoffizier bei (xetegenheit 

der Führung einer Truppe seiner Waffe bei jedem gefechtemafsigen 
Auftreten, sei es auf dem Exerzierplatz, SchieCsplatz oder ManÖTer- 
gelände. Im Verhältnis der Vorbereitungsschule zu diesen Übungen 
steht die applikatorische Beschäftigung mit Kriegsspiel und bei den 
Dispositions-Übungen, soweit hier von einem Erlernen der FOhron^ 
auf dem Wege der Ausbildung die Hede sein kann. Bei beiden 
wird in erster Liuie der Zweck verfolgt, unter dem Einflüsse an- 
genommener kriegsmäfsiger Friktionen einen Entschlufs der Gefechts- 
führung herbeizuführen. Aber wie das Gefecht der verbundeneu 
Waffen, so kann auch die Kampfest hiitigkeit der einzelnen Waffe 
bei Gelegenheit dieser Übungen in allen seinen Eigentümlichkeiten 
dargestellt werden, wenn eben dieselben dem Leitenden geläufig sind 
und er die richtige Form findet, der Kam pfeaführnng durch seine 
Annahmen über die Situation den nötigen Untorgrnnd für die Al>- 
likssung der Befehle zu geben. Stellt man sich dabei aul" den 
spezifiscli artilleristischen Sbmdpniikt, kann man auf diesem 
Weg«? recht gut dif dureh die Einfiilirnng einer wattentechuischen 
Neueruni?, wie das riiuclifreie l*ulver, bedin^ften Änderungen im 
Kample der ei«fenen Waffe zur Darstellung bringen. Es darf eben 
z. B. beim Kriejjsspiel die FülirniiLr der Artillerie im Kampfe neben 
der (lefeehtsführun«^ lu ht als etwas Nebensächliches angesehen 
werden und ist es ^uii/, fjut durcliführhar, dafs der Artilleriekampf 
hier in den Kähmen einj^elu-nder liesprochnntjen, zu denen das 
Krietrsspiel direkten Anlafs irieht, j^ezo^en uml, olme ti.J>. mau zur 
Krnnttelung des Kampfau.^giingea zu den veralteten Verlusttabellen 
und Würfel greifen mufs.**) 

Man darf die Führung der Artillerie dabei nicht unkriegsmäfsig 
erleichtern, sondern ist derselheu in die 14 ep^nori sehen artilleristischen 
Mafsnahmeii uiclit mehr Einsicht zu gewähr»Mi als ihr im Ernstfälle 
zukommen würde, wenn die Gefechtsführung für sie oder sie für 
sich selbst für Gefechts-Auiklärunn; dnrcli entsprechende Anordnungen 
gesorgt hat. Besonders möchte es sich empfehlen, dafs jüngeren 
Oftizieren durch Führung grölserer Artilleriekörper im Kriegsspiel 

*) Unter Dispositions-Obnngen find bier taktiache (aofeaanntelfonieiitaii^lMii) 

sowie Übangsritte verstanden. 

**) Siehe applikatorischc Pttidie ßber Verw6fidlliig der ArtUlerie in grtfMMn 
Trappen- Ydrb&ndea. Hoffbaaer, Berhn 1»84. 



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IBmMam PiÜTer Ar F«M-Afti]kri«i 



226 



Gelegenheit gegeben wird, aich die Überzeugonp zu verschaffen, wie 
abhingig dieselbe too goten recbtaseitigeii Meldaogen fiber den 
Gegner ist, 

Gefechts -Aufklärung urul Ueobachtung des Schiefsens 

einer Artilleriemasse. 

In der bekannten Schrift fiber die Fäbmng der Artillerie im 
Manöver nnd Gefecht — TTfinnover 1883 — wird die Führung der 
Artillerie im wechsehi l 'n Gelände mit Hilfe von Eclaireur-Offixieren 
Hrinj^end empfohlen. Seitdem ist flor Aufklärer bei der Feld- 
Artillerie reglementär. Derselbe gebort aber der Unteroffiziere- 
Charge an und ist mit Dienstpferden TOn beBchräiikter Leistungs- 
fah^keit beritten. Er kann sidi daher ron der Truppe, die ihn 
absendet, nicht weit entfernen nnd hesor^ nur die für die Fort« 
l)ewe^ung der Artillerie in unbekanntem Gelände ganz anentbehrliche 
Aufklärung über die Wegsamkeit. Die Bedürfnisse für Auf- 
klärung sind aber für die Artillerie viel gröfsere ge- 
worden, indem sich dieselbe nicht blofs übt-r den Weg, sondern 
auch über den zu bekämpfenden Gegner Aufklärung dnrch En^ 
flendnnp^ von Aufklärern verschaffen mnfs. Bei rauchfreiem Pulver 
▼erlangt dies nrilicroa Herangeben an den Gegner oder Aafsuchen 
von Einsicht gewährenden Punkten, wenn «;ie auch entfernter liegen 
sollten, daher umsichtiges und doch schneidiges Reiten auf Pferden 
Ton hoher Leistungsfiihigkeit, mit Routine gut su Beben nnd zu 
melden, wie man dies nur von Offizieren Terlanpen kann. Für 
dieselben ist besonders notig, da£ai sie mit den spezifisc hen Bedürf- 
nissen der Artillerie für die Lösung ihrer Kampfesaufgaben voll- 
ständig vertraut sind. Diese fkdürfnissc sind aber so in der Natur 
des jedem Offizier durch die allgemeine Ausbildung in den Militär^ 
schulen bekannten Artilleriekampfes begründet, dalis diese Aufklärung 
auch Offizieren anderer Wa£fen zuzumuten wäre. So könnte die 
Kavallerie ganz gut mit der Aufklärung, die für Zweck der 
Gefechtsführung unbedingt nötig ist, diejenige ffir die Vorbereitung 
des Artilleriefeners verbinden. Ausgeschlossen ist es auch nicht, 
dab in F&Uen, wo der gefechtseinleitcndon Thätigkeit der Artillerie 
eine ganz besondere schon an die Entscheidung streifende Bedeutung 
zugeschrieben wird, die Kavallerie die Aufklärung für sie .ils 
besondere Aufgabe zugewiesen erhält. Für gewöhnliche Fälle 
möchte aber doch auch für die Artillerie gelten, dafs jede Waffe 
ihre Kampfesthätigkeit soriel als möglich dureb eigene Aofklärung 
vorbereitet. 



227 



SMchiofiOB Pulfer fllr die Feld>Artül«ne. 



Aiifser dieser Aufklärung, die gegen gedeckte Ziele unerläfslich 
ist, Ulli die Batterien mit richtiger Front ansetzen und ihr Feuer 
entsprechend der Ausdehnung und Stärke der gegnerischen Artillerie 
verteilen zu können, ist noch liegen gedeckte infolge des rauch- 
freien Pulvers von der Stellung aus nicht sichtbare Artillerie die 
Entsenduuj^ von Offizieren zur Beobachtung und Beurteilung des 
nach dem ersten Einschiefsen erreichten Resultates nötig. 

Hier ist nicht der bisherige seitliche Beobachter gemeint, der 
Schufö lür Schufs von seitlich zur Batterie gelegenen StandpuukLt 
beobachtete umi dieser durch Mitteilung seiner BeobaciituK^Lii das 
Einschiefseii ermöglichte. Die Anwendlmrkeit desselben 10L bei 
rauchfreiem l'ulver fraulich geworden. Die Beobachtung von Schufs 
zu Schufs oder von Luge zu Lage verlangte von ihm das Iiinein- 
sehen in die Batttjne, für welche er zu beobachten hatte, um am 
Rauch zu erkennen, ob ein Gescliulz derselben abgefeuert wurde, 
während er jetzt nur am Rücklauf nach dem Schusbc ( iüen Anhalt 
dafür hat. Er sollte daher nahe au seiner Batterie bleiben, wäre 
aber im gröfsereu Artillerieverl)and, wenn er z. B. für eine mittlere 
Batterie beobachten soll, gezwungen, sich entfernt von ihr aufzu- 
stellen. Gegenwärtig haiidelt es sich für den zur Beobachtujii; deb 
Schiefsens entsendeten Offizier darum, dafs er von Einsicht m die 
verdeckte gegnerische Stellung gewalirendem, wenn auch entiernterem 
Standpunkte das SchieCsen der ganzen Artilleriemasse zu beurteilen 
versteht und der Truppe praktische, iür die Fortsetzung des Schieisens 
nach dem ersten Einschiefsen verwertbare Anhaltspunkte zu geben 
weifü, Hui die hiu sie die Schulswirkung erst herbeif&hren oder 
doch wesentlich erhöhen kann. 

Es erwachsen also für die Offiziere in der Lieuteuaut8-Cliur>^e 
bei der Feld -Artillerie eine Reihe von Aufgaben, die wohl hier und 
da au einzelne von ihnen gestellt, aber nicht von allen als eine 
normale Leistung verlangt werden. Es kommt darauf au, vor allem 
die Phantasie dieser Kategorie von Offizieren auf diese künftige 
Verwendung bei jeder Gelegenheit zu lenken, beim Kriegsspiel wie 
beim Übungsritt im Gelände, ebenso wie bei den Übungen der 
Truppe. 

Die wichtigste Aufgabe, für welche jeder auch der jüngere 
Offizier vorbereitet werden muis, ist die der Batterieführnng beim 
Schiefsen einer einzelnen Batterie oder im Abteilungs-Verbanil, da 
die Notwendigkeit dieselbe übernehmen zu müssen im Kriege an 
jeden und zwar oft gerade in kritischen Momenten herantreten 
kauu. Wird die Ausbildung für diesen Zweck richtig und gründliob 



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BMMiUoiw Polnr die Md-Artflkik. 



^228 



betrieben, so wird der Offizier auch in vielfacher Beziehang für die 
Aulgabeo der Gefechts- Auf klärnng und der Beobachtung der Schiefe- 
Wirkung vorbereitet, da ja die Grundlage für die Ausbildung der 
Batteriefnhrung beim Schiefsen die Weckung des Verständnisses 
für die Vorbedingungen guter Artilleriewirkung ist. Als Batterie- 
f&farer kann der Offizier dann selbst in die Lage gesetzt werdra. 
auf Meldungen des Aufklärers oder Beobachters angewiesen zu sein, 
wodurch er am besten die Bedürfnisse der Batterieführung in dieser 
Kichtnng kennen lernt. — Zu vermeiden ist, daüs auf eine andere 
Verwendung des Offiziers durch Zeit und Umfang der Aasbildang 
ein solcher Accent gelegt wird, daCs er sich ohne Kriegserfahrnng 
ausschlielslich in die eine Thätigkeit mit seiner Vorstellung hindn^ 
lebt. Eine solche ist die der Zugführung. So wichtig sie ist| 
so darf, ebensowenig wie bei der Kavallerie, gegen die Aosbüdong 
in dflrselbeu diejenige in der AnfklämDg xorücktreten. 

Schiefsverfahren und Feuerleitung. 

Das Schiefsen gegen verdeckte Ziele ist in den SchioCsregoln 
unter dem Titel i Schiefsen unter besonderen Verhältnissen« sn^ 
geführt. — Da bei jeder SchiefisäbuDg jedes Jahr mit einer neuen 
Gamiiar junger Geschütsföhrer und jnnger Bedienuugskanoniere 
zu rechnen ist, so ist man hier darauf bedacht, in erster Linie das 
Schieten unter gewöhnlichen Verhältnissen durcbaafähreo, während 
derartige Schie&en för die junge Truppe erst in zweiter Linie in 
Betracht kommen. Für die Ausbildung der Offiziere steht aber 
dieser Fall, da er typisch fast bei jedem Gefecht im Einleitungp- 
stadium eintritt, in erster Linie. 

Die Artillerie-SchieÜEHchnle wird sich besonders mit solchen 
Schiefisen unter schwierigen Verhältnissen be8cl]J;ftigen. Für die 
Belehrang der Offiaiere wird daher ein mustermäfeiges Schiefisen, 
Ton einem für seine Person auf Grund von SchieCasohul-firfahningen 
routinierten Offizier aufführt, besonders instrnktiv sein, während 
auch bei der Truppe ?on den kriegsmSfirigen Schiefeen der Batterie 
und der Abteilung wenigstens je eines unter solchen kriegsmäfsigen 
Verhältnissen anssofuhren i»t, um die nötige Übung wie die Sammlung 
Ton Erfahrungen für die Offiziere zu erzielen. 

Für das Schieisverfahren liegt der Schwerpunkt in der Wahl 
dar bezüglich der Beobachtung über den Berg helfenden Mittel. 
Hier mochte^ wie schon erwähnt, die Beobachtung der w^en der 
ungenauen Kenntnis über Lage des Ziels sicher zu erwartenden 
Seitenabweichung«n die grofiite fiolle spielen. 



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229 



fianohloMB Polver flbr die Feld>AxtUleiM. 



Wie beim Schiefsen einer Batterie gegen ein schmales Ziel 
zuerst die individuelle Seitenabweichung der einzelnen Ge8chüt»e 
durch Korrektur der Zugführer auf Gmnd ihrer Beobachtungen 
behoben sein mub, bis für den Batteri^hef beobachtungsfähige 
Schüsse zur Ansföbrnng der Längen- Korrekturen erhalten werden, 
Ro mochte man versucht sein, auch das Suhiefsen einer Batterie 
oder Abteihiiig gegen ein verdecktes Ziel zuerst nach der Breite zu 
regulieren, ehe man zur Regulitrung nach der Tiefe übergeht. 
In einem Fall ist di^ möglich, nämlich dann, wenn von einem 
rückwärts der eigenen Aufstellung in der allgemeinen Schufsrichtung 
gelegenen erhöhten Punkte, z. B. Turin, Baum^ Fesselballon die 
seitlichen Abweichungen aller Schüsse gut uud unzweifelhaft erkannt 
werden. Sonst aber, unter gewöhnlichen Verhältnisgen, wird man 
zufrieden sein, Oberhaupt eine erhöhte Autstellung zu finden, welche 
Einsicht in die gegnerische Stellung gowkhrt. Dieselbe wird meistens, 
insbesondere bei eigener Ilöheustelliing, seitlich zur Schufsrichtung 
liegen. Vom seitlichen Standpunkt sind einzelne auf einen Punkt 
gerichtete Schüsse nicht in Beziehung zu demselben zu bringen, da 
seitliche und liängenabweichungen sich hier nicht aus einander- 
halten lassen. Dagegen ist es von da aus recht gut möglich, sich 
eiue im Allgemeinen gerade Linie, wie es die Geschtitzlinie einer 
Artillerie ist, im Gelände verlängert zu denken und zu beurteilen, 
ob eine Auzahl gut gerichteter Schüsse, z. B. eine Batterielage oder 
Salve bei verteiltem Feuer, das Ziel selbst beziehungsweise die 
Verlängerung trifft oder nicht. Es handelt sich daher für die 
schiefsende Artillerielinie vorerst darum, die Schüsse, wenn nicht 
ins Ziel, so doch in gleiche Hübe mit deuiaelben zu bringen. Dem 
Beobachter wird es erleichtert, den Moment für die Meldung fest- 
zustellen, in dem seine Batterie oder Abteilung dies erreicht hat, 
wenn sich diese vor der Feuer-Verteilung auf einen sich abhebenden 
Ge)äii(k;-iJegenstand, Tunkt oder Linie eiiischiefst, der annähernd 
in der Linie d( s Zieles oder in deren Verlängernng liegt. Es wären 
also vor Beginn des Schiefsens solche Punkte von ihm ausfindig zu 
nia< heil und der Batterie- beziehungsweise Abteilungs-Fiihrung durch 
einen Meldereiter mitzuteilen. In seltenen Fällen wird sich dies 
erreichen lassen, da derselbt; (JegenstHnd, der am Standpunkt ili's 
Beobachters sich deutlich markiert, in der Stellung der Batt rien 
von der Umgehung oder Hintergrund nicht zu untersclu'ifU n ist. 
TLäufig wird daher die ArtilUrie auf Grund von MeKlmiLa'n liber 
Anmarsch, ferner nach Orientierung durch Schall und Geechois- 



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BmaUomb Pttlfw Ar die Feld-ArtUkrie. 



290 



aafscbla^ auffahren and onn auf einen frnntal vor ihr liegenden 
in der Stellung vermuteten Punkt das Einschiefsen beginnen. 

Befindet eich die gegnerische Artillerie anf einer Höhenstellnng, 
ao ist es der Kamm, auf den sich die diesseitige zunächst einschiefst. 
Feuert die Batterie oder Abteilong dann mit Sbrapnek mit höchstene 
drei nm 100 m aus einander lic^cndeu Entfemnngen mit verteiltem 
Feuer, so hat sie Aussicht die Tiefe des Raumes, innerhalb deeien 
der Gegner hinter der Höhe sein kanUt auf Batterie- oder Abteilungs- 
breite zu bestreichen. Es wird also von ihren Lagen ▼oranBoiebtlich 
eine das Ziel treffen oder ihre Schtlsse in die Verlängerung des- 
selben bringen. Die Wirkung einer treffenden Shrapnels-Lage wird 
sich dem Beobachter deutlich kennzeichnen, während ihm aber 
anch möglich ist zu beurteilen, ob die Schüsse sämtlich oder zum 
Teil in die Yerlängcrung fallen und um welches Mals sie in ihrer 
Gesamtbeit vom Ziel seJbet nach der Seite abfraicben. 

Zar Abfassung der an die schiefsende Trappe gehenden Meldung 
möchte eioh die Anwendung eines brauchbaren dieser geläufigen 
Majastabea empfehlen. Ein solcher ist die Abteilnnga- oder Batterie- 
breite. Eine derartige Meldung könnte z. B. lauten »zweite Lage 
nach dem Einschielsen in gleieber Höbe mit Ziel, zwei Batterie- 
breiten nach recbts«. 

Beim Schiefisen gegen Stellungen in der Ebene wird das Ver- 
faliren zeitraubender aber ähnlich sein* Tauscht sich die Batterie 
in der BenrtsOnng des Panktes, den sie im Ziel oder in gleieber 
Höbe Termntet nnd zum ersten Einsebielsen wählte, so wird dies 
den seitlicben Beobaehtem niobt entgehen nnd wird die scbiefaende 
Abteilung dureb sie Teranlalst werden, so lange an Entfernung 
zuzugeben oder abnibreeben, bis sie das Treffen ins Zid oder in 
die Verlangerang desselben beobaditen. 

In welcher Weise die Fenerleitong dnrcb das rauchlose Pnlfer 
in den Fällen beeinflnlst wird, in denen der in gedeckten Stellungen 
beflndlicbe Gegner in einem vom Schieben g^en freistehende Ziele 
abwetcbendea, umstftndlicben Verfahren zwingt, mochte aus den 
Torhergehenden Besprechungen zu ersehen sein. Es erübrigt noch 
hier den Platz des Fenerleitenden wahrend des Schiefseus 
in Betracht zu ziehen. — Alle Erwägungen, die bisher schon f&r 
die Auswahl dieses Platzes geltend gemacht werden konnten, traten 
wegen des Bauohes gegen Rücksicht auf Windrichtung zurück. Far 
die Schnfebeobachtung war der Platz für den Fflhrer, auf dem über 
Wind gelegenen Flügel der Batterie. Pas Exerzier- Reglement 



fiMchkMt Fairer Ar die Feld-ArtOkrie. 



Ziffer 126 setzt für den Batteriechef den Platz in der Milte oder 
an ein. tn Flügel voraus. Die knappe Form dieser Bestimmung läTst 
für den EiuzelfaU vollständijjje ( lewührungsfreiheit, für deren Be- 
uutzunt^ mochte aber hervorgehoben werden, dafs die Wahl des 
Aufst« lliingsurtes von Seite des Feuerleitendeu für das Funktionieren 
des iU'iehlsmechanismus nicht gleichgilti«' Es sollen daher einige 
besondere Fälle hier zur Sprache knuimeii. 

a) Standpunkt des Ratteri ech efs. — Der Platz in der 
Mitte ist für die Übersicht der Batterie der günsticrste, daher für 
kritische Momente der naturgemafse. Für die Beobachtung gegen 
schmale Ziele möchte sich für das Einschiefsen Wechsel des Platzes 
von Schnfs zu Schnfs empfehlen, weil dann der Batteriechef, ohne 
Rückfragen au die Zufrffjhrer, direkt walirn<'hnion kann, ob die 
Schüsse davor oder dahinter sind, während er am Flügel sich in 
der ungünstigen Lage des seitlichen Beobachters zu jedem «Mnzelnen 
Schufs befindet. Die Anfrage »Strichl«, mit der sich der Batteriechef 
bis jetzt zur Orientierung über die Brauchbarkeit der von seinem 
Standpunkt um Flügel beobachteten Schüsse für seine Korrektur 
der Fi'iiulmng zu helfen wufstc schlofs bei grof*^eren Seiten- 
abweichungen eine Art von Vorwurf weisen mangelliafter Korrektur 
der Seitenrichtung und Zweifel über richtige Zielauffassung durch 
die Zugführer in sich, der wegfällt, wenn der Batteriechef von 
Geschütz zu (lesihütz gehend sich voü den richtigen Anordnungen 
derselben selbst überzeugen kann. 

Bei einer einzeln verwendeten Batterie, z. B. hei der Avant- 
garde, wird der Standpunkt auf einem Flügel dem Hntterieclief es 
erleichtern, neben der Schufsbcobachtung die taktische Situation zu 
überblicken. Auf dem innern Flügel ist er der eigenen Infanterie 
und wahrscheinlich auch dem Führer des Truppenverbandes, dem 
er unterstellt ist, am nächsten. Es erreichen ihn dann auch die 
Befehle am raFchesten. Steht er am äufsercn, wahrscheinlich nicht 
angelehnten Flügel, so bemerkt er Überraschungen leichter, viel- 
leicht noch frühzeitig geimL', um Vorkehrungen dagegen zu trctl'cn. 
Stellt sich der Batteriefübrer auf dem Flügel auf, auf den er 
wegen der dort gebotenen besseren Deckung seine 1. Staü'el und 
Protzen dirigiert hat, so erleichtert er die Verbindung mit ihnen 
und behält sie besser unter eigener Aufsicht und Befehl. Bietet 
das Gelände auf einem Flügel der Batterie in unmittelbarer Nähe 
einen erhöhten Standpunkt, von dem aus das Ziel beziehungsweise 
der vorliegende Teil des Gefechtsfeldee besser übttseben werden 



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B«aeliIoMtP«lv«r ftr die Ftfd*iftflMe. 



kaim, 80 wird aioh dkaer Plate lir ien SMkvwIalBer sm motitti 

Im Abteilangt' and Regiments "Verbände wird för den 
Führer einer Batterie der Platz in Mitte derselben £ttr die meSsten 
FSüle der günstigste sein. Bei schmalen Zielen möchte auch hier 
die von Schüfe zu Schule wechselude Aufstellung hinter den 
Bchntzen sich ab die sweckmafirigere empfehlen. Ffir die Flügel* 
Batterien kommt meder wie ffir die einzelne Batterie in Betracht: 
B&Gkneht auf Verbindung mit der 1. Staffel oder auf mSgliehe 
Übermschungen. eventneü auf bessere Beobaohtnng. Wenn erhöhte 
Standpunkte mibe genug sind, sind sie hier ebenso malsgebend wie 
hei der einadn auftretenden Batterie. Schieisen awei Batterien 
gemeinsam auf ein Ziel, so ist et l&r die Daner des Einschielsens 
am besten, wenn die beiden Batterieche& sich auf den xusammen- 
sto&enden Flugein aufhalten.*) Sie kennen sich so am einfachsten 
aber Wahl der Punkte sum EinschiefBen, spater über Fenerrerteilen, 
Salvenabgabe Terstandigen und sieh direkt die erschossenen Ent^ 
femungen mitteden. 

b) Standpunkt des Abteilungs-Commandeurs. BeangUcli 
des Abtsünngs-GoBuiiandeurs mochte geltsn, dab sein Standpunkt 
hinter der Mitte seiner Abteilung ffir die Meldungen und den 
Befehls-Verkehr mit den Batterien am gflnstigsten w9m. Be- 
sonders dann, wenn sich hier ftr die Beobachtung des Sohiebeos 
gflnstige Ftankte finden, s. B. beim Sohieben gegen Ziele auf Anhdhen 
aus Batteriestellungen in der Ebene oder solchen, hinter denen das 
Gelände ansteigt. Li den Fällen aber, in denen die Batterien 
gedeckt hinter Hdhen aufgefahren sind, also das Gelände hinter 
der Geschfltslioie nadi ruckwuts fallt, möchte von dieser Stelle aus 
nichts SU sehen sein. Zudem ist für die Wahl des Platzes hinter 
der Mitte der Abteilungs-Gommaudeur nicht frei, sondern hat noch 
dem Abstand von seiner Truppe Bedinung zu tragen. Derselbe 
soll einerseits zur Erleiehterung der Fflhrung gering bemessen sein, 
wiüuend er doch wieder so grois sein muls, dals die Vorzüge in 
den Batterien, der Verkehr der Munitionswagen, der Blessierteu- 
trager mit diesen ihn weder in der Beobachtung des Schiefisens nock 
der Gefechtslage stören. 



*) Vorausgesetzt, dafs der Zwischenraum nicht kleiner als der norumle ist, 
weil sonib jedem der beiden Batteriedieft die FUmug niner Batterie dsfeh die 
Keisanados des sadem endiwert wiid. 



338 



BMflhkm Pih«r Ar die Fdd-lriaiiri«. 



Die Hiicksicht auf Beobachtung? der taktischen Si- 
tuation, der der Abteilunf^s-Commandeiir hei Wahl seines Auf- 
stellungsortes besonders Rechnung zu tragen hat, verweist iliii auf 
einen Flügel. Wenn ihm auch von der Mitte aus, von keinem 
Rauch gehindert, die Vorgiinge vor seiner Front nicht entgehen 
würden, so beobachtet er meistens am inneni Flfigel die Vorgänge 
bei der eigenen Infanterie besser und bleibt mehr in Fühlung mit 
dem Truppenführer, während er am äufsern sich mehr gegen Über- 
raschungen sichern würde. Bei der doch grofsen Frontausdehnung 
einer Abteilung möchten die für den Standpunkt auf dem inneni 
Flügel sprechenden Gründe die mafsgeben deren sein, während am 
äuüseren Rügel er sich durch seine Aufklärnngsorgane gesichert 
weüß und für die ersten Vorkehrungen zum Abweisen überraschenden 
Vorgehens von Seite des Gegners auf die Initiative des Führers 
der betreffenden Flügel- Batterie rechnen kann. 

Sind erhöhte Standpunkte an den Flügeln, welche die Be- 
obachtung des Schielisens begünstigen und das umli^ende Gelände 
gut übersehen lassen, so sind natürlich diese zu wählen. Ist ein 
solcher Übersicht gewahrender Punkt nicht vorhanden, so wird sich 
häufig Veranlassung geben, dafs der Abteilungs-Commandeur im 
Laufe des Gefechts einmal den Aufstellungsort wechselt. Für das 
erete Einsphiefsen möchte sich derselbe da aafhalten, wo er das 
SchieOaem der Batterie beobachtet, die dabei die wicht^^te Aufgabe 
zugewiesen erhalten hat, während er sich später, um in Kontakt mit 
der Führung und der Infanterie m bleiben, dahin begiebt, wo er 
die gesamte Gefechtslage besser fibersieht. — Wünschenswnt für 
die Truppe ist es jedenfalls, dafs der Abteilangs-Commandeur sich 
schon bei der Auswahl der Stellung über seinen Aufstellungsort 
schlüssig macht unf] dif^sßn womöglich schon mit dem ersten Befehl 
xum Aoffabrcn deu äatterieführern mitteilt Wenn er später Ver^ 
anlassung hat ihn zvL wechseln, wäre ebenfalls Mitteilung an die 
Batterien über den neu gewählten nötig. Bei voriibergfehendeu 
We( lisßl bleibt der Adjutant zur Empfangnahme der ^^eldungen an 
dem der TrupjM' mitgeteilten Platz des Abteilungs-Couimandeurs. 

Es wurde hier die Vorbereitung der Feld -Artillerie für ihre 
Thätigkeit im Kriege unter Verbältnissen, wie sie durch die Eün- 
führung des rauchfreien oder rauchschwachen Pulvers, von eigener 
und gegnerischer Seite, bedingt sind, als Gegenstand einer Besprechung 
gewählt. Einer solchen möi-hte entgegengehalten worden, da& es die 
Feld-Artillerie gar nicht nötig habe, sich für ein Schicfscn voran- 
bereiten, bei dem man vom Gegner wenig, jedenfalls für Herbei- 



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BwMhloMi Polfw fttr di« Feld^Aitillerie. 



834 



fahrong «giebigor Wirkang mcbt genogend viel, aieht, wdl eben 
in dem FftU das Schieben als Manitions-YenGhwendnng betrachtet 
weiden müsse. Einer iotehen Entgegnung mOchte erwiedert werden, 
dals der ArtiUeriekampf bei der (Jefechtseinleitung unter gröfseren 
Yerh&ltnissen entschieden den Charakter der nicht Entaeheidnng 
suchenden DemonstratiTe trügt. Die Schielsprszie der Truppe wird 
leigen, bis an welchem Grad in diesem Kampf gegen Terdeckte Ziele 
noch auf grSleere Entfernungen Wirkung au erzielen iat und wird 
sieh dabei wohl herausateUen, dab dieselbe bei richtig verfiihrender 
Tmppe tfsr den in diesem Moment ansnatrebenden Zweck genfigen 
mdchte. 

G^nüber dem bei EinfiUurung der gesogenen Geschflize viel- 
fach der Artillerie nicht mit Unredti gemachten Vorwurf, eine 
Taktik des Yeisteckene im OeUSnde einftthren an wollen, wird es 
gut sein besonders au betonen, dab gegenwartig dieselbe weit 
d&fon entfernt ist, mit Enthuaiasmus der dureh technische Neue- 
rungen gegebenen Anregung znr Anwendung des Femkampfes und 
der Benutsnng von Deckungen Folge zu geben. Nur die Erkenntnis, 
dab ihr von der Gefechtifilhrong Aufgaben augewieeen werden 
kSnnen, die natnigemäb einen Kampf unter acdchen Verhältnissen 
bedingen, veranlafot sie sich soweit für denselben vorzubereiten, 
dab sie sich gegenüber den damit verbundenen Schwierigkeiten der 
Auafilhrung an helfen weife. Derartige Bestrebungen der Artillerie 
haben jetat um so mehr auf vorurteilsfreie Beurteilung Anspruch, 
als auch der Infantoie, von der den tedmischen Verbees^rungm der 
Handfeuerwaffe Rechnung tragenden modernen Gefechtslebre, ftlr 
die eigene Einleitung ihres Angri& der Beginn des Kampfes mit 
Feuer auf gröbere Entfernungen aogestanden wird.* 



XVIL Die Scliiffalirt 
auf dem leeie und deren defiOiliren. 

T. H. 



Bedarf es auf dem Ffwtlaiui« der Karten und Pläne, am sicher 
ajul schnell sicli /urecht zu tiuden, so ist das miudestens in dem- 
selben MaCse auf der pfadloHen Weite des Meeres Erfdidernis. Die 
See ist eine einzige grofae Wasserwüate mit Ihniensionen nach 
Länge und Breite, die sioh ins Ungeheure dehnen. In allen 
Richtim^'en von eilenden Schiffen durchfurcht, verschliefst sie hinter 
ihnen alshuld wieder der Wf^e Spur; kein Mürkzeichen weist das 
offene VVasser zur Orien! i rang auf; unter seiner Obertiäche ver- 
hori,'rn -vher lauern Sandbiinke und blinde Klippen; was dagegen 
sichtbar ist üi)er dem Wasserspiegel, Hache und steile Küsten, Eis- 
berge u. s. w. das hüllen nur zu oft dunkle Wolken nnd Nebel in 
undurchdringliche SoVilrirr, so, dafs den Seemann, der aufs unsichere 
hin, dem guten (ilücke vertrauend, seine Wege zu finden versuchte, 
diese Wege nur zu oft in den Abgrund führen, den tiefen Abgrund, 
in dem <5chon Tausende und Abertausende von MensrheTi nnd nn- 
ermäfsliche Schätze versunken sind. Jn die Kenntnis der Meere 
mit Ebbe und Flut, mit ihren unsiclitlini rn Strömungen, welche 
tückisch den Sefj;ler vom Wege lenken, und lautlos ins Verderben 
hineintragen , der Meeref?regionen mit den lokalen Luftströmungen, 
die Kenntnis der Figuratiou des Grundes, die Feststel hing der Orte 
verborgener nnd offenkundiger Gefahr, endlich die Kcnntuis über 
Lage und Form der Wassergrenzen, der Küsten und im Änschlufs 
daran derjenigen Ortlichkeiten , welche Unterkunft in Fällen der 
Not gewähren, diese der heutigen Zeit in reichem Mafse zu Gebote 
stehende Kenutnis ist erst in Jahrtausende währender Arbeit er- 
rungen worden, erkauft durch aahllose Opfer an Leben und Gut, 
seitdem die ersten Seefahrer als Pioniere der Weltkultur sich 
hinau.swagteu auf eine unbekannte Wasaerwüste. Krst allmählich 
lernte man sich HiH'sniittel schaffen, nachdem der Zufall Lehren 
<?:pgebon, die, festgclialten durch den Scharf lilick eines Kerufcnen, 
den Mitteln zor Nntsmielaung nachgrübeln üelsen. Langsam bat 



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Die SehMhlirt mf dem Ifeeie ind deiMi Oeftirn. 236 

sich dann die Wissenschaft der von der Natur selbst gelehrten 
Thatsaefaen bemSchtigt, hat gestrebt, Ursache tind Wirkung ver- 
stehen SU lernen. Dem Steuennann (Pfloten), welcher znerat die 
Entdeckong maehte, dala die nachtliehen Lichter am Firmament 
dem Seemann Wegexeichen an sein Termöchten, nnd welcher, seinen 
Kurs nach einem ins Ange gefalaten Sterne atonemd, nach gerade 
fand, dala er vom rechten abkam, war das Wandern dieses 

Sternes nur Thateache, daa Wie nnd Warum noch unTerstandlich* 
Nach langem Tappen im Dunkeln, durch Iirtflmer nnd im Qeiste 
der Zeiten begründete Vorurteile hindurch, hat endlich die Wissen- 
sehaft den Schlüssel «um G^eimnisse der Bewegnugen im Baume 
Aber una gefunden, milat die Bahnen am Himmel, nachdem sie die 
techniachen Hfllfamittel, die Instrumente snr Orientierung auf der 
Erde und im Weltell, su teirestrischen und astronomischen Be- 
obachtungen, sich beigestellt hat. 

Zum Befahren der Oeeane sind in erster Linie die Seekarten 
erfordertieh. Hit der Entwickelung der Oeogfaphie ab Wissenschaft 
hat die Kunst der Kartenaeichunng (Kartographie) gldchen 
Sehritt gehalten. Mit dem Gebrauch der Magnetnadel beginnt die 
Einffihning der Kompafakarten des Mittelalters. Eine gewisse 
Meiatonchaft in der bildlichen Darstell nng der Eidoberflache mufs 
im 14. und 15. Jahrhundert den Italienern, in der ersten H&lfte 
des 16. Jahrhunderts den pOTtugiesisehen und spanischen Lootsen 
anerkannt werden* Colombua fahrte 1492 die Karte des Florentiner 
Astronom Toscanelli an Bord, auf welcher die Breiten durch 
wagerechte^ die Lfingen durch senkrechte Linien in Abstanden von 
je fttnf Gradeii gesogen waren. 

Eine Kartonpriaision, welche insbesondere den Bedur&issen des 
Seemanns Genfige leistet, hat Merkator*) zuerst seiner berühmten 
Weltkarte tou 1569 au Grunde gelegt Die Kogel wird danach 
durch die Waise (Cjlinder) ersetet. Die Meridiane, als parallel der 
Aehse auf dem Gylinder gesogsn, stellen sich bei der Abwickelung 
derselben auf die Ebene der Karte als gerade Linien von gleichem 
Abstände unter einander dar, und werden vom Aquater und den 
Breitenpaiallelen, ebeoialls gerade Linien, horiaontel geschnitten. Die 



*) Gerhard Kremor, genannt Merkator, geb. 1612 in Bedien, gest. 1594, 

war nach DetitHchland attsgpwainlert und Hatto sich in Dnisbtirp: angesiedelt Er 
lehrte zuerst, wie Krdobftflächen der ^'t'niiifsigtt'n Zone sieb wahrheitstretn-u auf 
die Ebene übertragen lassen, wenn man sie wie Flächen eines KegeU l)ciiuiidelt 
und dabd dit MsridiHBe als gerade Liatai, die Brntsttkniae als Kurven «ieder^ 
gisH 



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237 



Die SchiSaiirt auf dem Meere and denn Qefiüuren. 



Gesanitzeichnnng üui' der Karte wird daher, und /.war in immer 
verstärktem M.dav. u&c.h den Polen zu, ein Zerrbild, abor ein solches, 
in welchem die Ost -West gehchtet»?ii Mafee harmouisch mit den 
Nord-^^iidmafseu — also auch alle anderen Mafae in der nämlichen 
Weise wachsen, und welches mithin dem wahren Bilde aul' der 
Kugel in den kleinsten Teilen niatheniatisch ähnlich ist. Die Ver- 
zerruufT ist zudem nur in Darst» Hungen ans Zonen höherer Breiten 
erheblich. Um trotzdem ani der Karle richtige Mafse abgreifen zu 
können, wird eine lireitenskala am Räude aufgetragen, deren pol- 
wiirls wachsende Teilung der IVugruäsion des Graduetzes entspricht, 
und aus welcher zum Kartengebrauch für jede bezügliche ideogra- 
phische tireite die zugehörige Mafseinheit zu entnehmen ist. — 
Diese Merkatorprojection hat darum so besonderen Wert für 
Seekarten, weil in ihr die Loxodronie eine gen Itj Linie, jede 
gerade Linie eine Loxodrome ist, folglic h auf ihr aüi Winkel gleich 
den sphärischen auf der Erdkugel .sind, und weil demgemäik jeder 
Kurs d. i. bekanntlich die liimmelärichtung, in der ein Schiff 
steuert, also der Winkel, welchen der Weg des Schiffes mit dem 
jeweiligen .Meridian des Schiffsortes bildet, ohne weiteres direkt in 
die Karte eingetragen werden kann. Heut zu Tage wird Merka- 
tnrsprojectiou allgemein für Seerecht hilufig auch auf Übersichts- 
karten angewendet. Man unterscheidet je nach <ler Gröfee des der 
Darstellung zu Grunde gelegten MaCsstabes: »Geueral-, Segel-, 
Spe/.ialkarten und Pläne. 

Die ältesten Seetiefenniessungen und Seetiefeukarteu 
sind holländischen Ur8pruug.s. Die Kenntnis der heirächt- 
lirlisten Meeresströmungen verdanken wir dagegen .sjuini.sclien 
uml ) H irtugi(!siachen, einige auch englischen Lootseu. Das erste 
plt) sik:i] ische Gemälde dieser Erscheinungen, wurde lange vor 
Ilalle^ .s Windkarte in Deutsciiland entworfen. Die Abhängig- 
keit der rhytmiscluMi Schwankungen des Seespiegel.s von der 
Zugkraft des Mondes liat Kepler vor Nowton ausgesproclien, aber 
die ti(!fere Begründung der Lehre; nud die Darbtellnng von Flut- 
ersrlipinuniren auf Weltkarten .sind britische Verdieuste, ebenso 
wie die Erkenntnis der ocoanischen Tiefentemperatureu. 

Für die genaue Festlegung eines beliebigen Punktes auf der 
Erdoberfläche oder an der llohikfigel dea Himmels, bedarf es eine.i 
CoordiTmt* H-S\--! tMiic-. welclit- sn Ii der .sjdiarisclien Form der Erde 
anschlielstiinl, aut iler Einteilung des Kreises begründet ist. — Für 
die Navij^atiuu sind folgende, als durch den .Anfangspunkt des 
Coordioateusjstems gehend, mit »Null« bezeichnete erste Merl- 



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diane tod Wichtigkeit: Dw MendiMi von Green wich, Paria 
ond Ferro. Alle übrigen -eisten Meridiane haben för die Na?igation 
nnr eine uhnndare Bedentang. 

Die Anlage der Seekarten ist meiatens schwan. Sie entfidten 
eine ftnleert genane KSstenfonnation, Ortsangaben der festliegenden 
Gefahren der ScbtCbhrt (derSandbSnke, Untiefen nnd Felsen), Lencbt- 
tllmie, Fenenchiffei Baken nnd Betannnng der Flnls* nnd Halen* 
mSndnngen o. s. w. Die kleinen anbiaohen Zahlen in den Seekarten 
bedeuten die Tiefenangaben nach Metern oder nach Faden, die da» 
neben stehenden kleinen Bnchataben die Beieicbnung des Meeres* 
bodena. Die römischen Zahlen zeigen die Zeiten des Hochwassers 
an; die Pfeile- die StTomrichtnngen, Die Strahlen der Terschiedeaen 
Kreise repiisentieren die wahren rssp. magnetischen Kompalsstriche, 
unter deren su Hilfenabme der Yom Schiffe einsaschlagende Kois 
bestimmt wird. Der Kompais zeichnet den einzuschüttenden Weg 
▼or. Wie leicht dies letatere auch ausgesprochen ist, so bedarf es 
doch, besonders anf eisernen resp* Panzerschiffen, der ein- 
gehendsten Prüfung, der nnauagesetzteu Untersnehnng des Kompasses, 
um die TCrschiedenen störenden, ebensowohl mechanisehen als mag- 
netischen Ursachen festznatellen nnd denselben in Mitte seiner sahl- 
rdchen Widersacher zu einem Instrumente Ton jener PrSzision aus- 
zubilden, um mittels desselben bei Stnim und finsterer Nacht oder 
im Nebel, bei der sonst nötigen Vorsicht den richtigen W^ zu 
finden. Als Geschwindigkeitsmesser bedient man sich des Log, 
einer auf eine Bolle gewiekelten dfinnen Leine, an deren Endpunkt 
sich ein Brettchen in Form «nes Kreissektors aus schwerem Holze 
befindet. Der Bogen das Ausschnitts ist soweit mit Blei beschwert, 
dab das Brettehen aufrecht im Wasser steht, aber gerade noch 
schwimmt Durch diese Stellung soll es Widerstand leisten und 
der lacht abrollenden Leine als fester Punkt im Wasser dienen. 
Die Leihe ist durch angebrachte Marken (Knoten) in bestimmte 
Längen abgeteilt; so dab, wenn ein Schiff in einer Stunde eine 
Seemeile (1818 m) lauft, so legt es in einer viertel Minute den 
240. Teil einer Seemeile (Knoten ä 7,8 m) zurück. Man bedient 
sich einer Sanduhr, welche 15 Sekunden Iftuft, als Zeitmesser beim 
Loggen. Anber dem oben beschrieboien Log, durch welches die 
Fahrt des Schiffes nnr zu gewissen Zeiten (halbstfindlieh) gemessen 
wird, sind auch selbst registrierende Logapparate mit nachge- 
schleppterSchxaube — Patentlogs, — besonders bei transoceanischen 
Dampfoehlffen in Verwendung. Der Ort des Schiffes wird, in der 
Nihe der Kflste, durch Winkelmessung nnd Peilung gewisser in der 

IHtlfclrtw m m SMfe» AVM» »4 MMm. Wi, UZT« s. 



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239 



Die Schiffahrt auf dem Heere und deren Gefahren. 



Seekarte ^(^\\au bezeichneter Objekte (Leucbttfirme, Baken, Feuer- 
schiffe, Bei Likt^gel u. s. w.) anf hoher See entweder dorcli Zmammeii' 
stellang U i durch Kompafe und Log ermittelten Karse nnd Distamen, 
oder durch astronomuche Beobachtungen und Berechnungen beatnnmt. 
Zur Ermittelnug der geographischen Länge eines Schiffes auf hoher 
See bedient man sich der Chronometer. Der Unterschied in Zeit 
zwischen zwei Orten giebt den Unterschied in Bogenminnten. Das 
Loth (Senkblei) dient zur Kontrolle des Bestecks besw. znr Ermittelung 
der Wassertiefen beim Befahren seichter Gewässer. Die Gewähr 
fnr eine mSglichst sichere Schiffirfnhrung über den Ocean liegt nicht, 
wie mancher glauben mochte, in einer höheren theoretischen Aue- 
bitdnng der Bchiffsführer selbst. Ob ein Kapitän oder Steuermann 
Längenbestimmungeu aus Mondsdistaozen zu ermitteln Tersteht 
oder die Formeln fflr die Ablenkung bewegter Luftmassen auf der 
rotierenden Erde ableiten kann, ist ftlr die Sicherheit der Schi£fo- 
ffihrung nicht allein maßgebend. Die notwendige Sicherheit ist nicht 
durch gröfsere theoretische Anforderungen allein, sondern in anderer 
Weise SU suchen: Praktischer Überblick, Kenntnis des Strafsen- 
rechtes zur See und fflr die transatlantischen Fahrten^ Verwertung 
der von den Amerikanern herausgegebenen Lootsenkarten. 
Während nämlich die gebräuchlichen Seekarten gewissermafsen nnr 
die Ortsangabe der festliegenden Oefahreu der Schiffahrt, die Saud- 
bäuke, Untiefen und Felsen entbalten, geben diese Lootsenkarten 
gleichzeitig die Positionen der schwimmenden Gefahren, welche letztere, 
bestehend aus unheimlichen Wracks, gigantischen Eisbergen u. a. 
w., um so gefährlicher sind, als sie beständig ihren Ort ändern 
nnd bei Nebel und dunkler Nacht auf keinerleiweise wahrnehmbar 
sind. Die Grundlage dieser Karten, der unveränderliche Teil derselben, 
ist schwarz. Sie enthalten das Kartennetic und die Umrisse der 
Küsten. Ferner aber nur leichthin angedeutet, die mittleren 
Ilichtungen der nordatlantischen Strömungen, sowie eine Sturmkarte 
nebst kurzen Regeln zur Vermeidung der gefährlichen Wirbelsturm- 
mitten. Eine blaue Anlage enthält in der Hauptsache die meteoro- 
logischen Daten: die mutmafsiicben Winde in Richtung und Stärke 
un<l die zu erwartend»!U Nebel. Auch finden sich in derselben 
Farbe die transatlantischen Konten, welche vorzüglich mit Uücksiclit 
auf die Eisverhältnisse verlegt worden, sowohl für Dampfer auch 
für Segler eingezeichnet. In roter Farbe hingf-^eii sind, allgemein 
ausgedrückt, all die wertvollen Int'onnatiuiun »Titlialttn, welche 
der vorhergehende Monat durch die uuLCeheuere An/.alil der tleifsiiien 
Mitarbeiter zu Tage gefördert bat. Olleubar ist diese rote Zeichnung 



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Dm SchifEibrt ftof dem Meere uod deren Gefiüuren. 



240 



der eigenartigste und bedeutendste Teil der Kart«. Schon allein die 
Fixierong der im vnrhergehonden Monat augotroßenen Nebelmassen, 
welche die Meeresteile bei den Newfoundlandsbäuken so übel be- 
rüchtigt gemacht haben, und welche von den Seeleuteu mehr ge- 
ffirchtet werden als schwt'io Stürme, jriebt ihr eine aulserordentliche 
Wichtigkeit. Die grofste Bedeutung jedoch erhalt sie durch die 
örtliche Angabe der schwimmenden Klippen des Oceans, der Eis- 
berge, der SchifFatrfimmer und der vertriebeueu Wracks; die 
geographische Lage dersolbeu ist für «'in bestimmtes Datum, an dem 
sie gesehen worden, genau verzeichnet. Auch findet sich der Weg 
angegeben, den das gcrährliclie Treibstück bislaug zurückgelegt hat, 
um ileu Seemann in den Stun l /u setzen, daraus die spätere Position 
herzuleiten, frlpichzeitig dient diese An«i;abe auch als Andeutung 
ober die an <ier Stelle herrschenden Meeresatn)muugen u. s. w. 

Mit der Herstellung gmfser Ileerstrafsen, Chausseen u. s. w. 
auf denen sich der Wagen verkehr häufte, stellte sich die Not- 
wendigkeit heraus, Anordnungen zu tretfen, durch welche Kollisionen, 
Unglücksfalle vermieden wflrden; dazu gehörten die getünchten 
Steine, Baumpflanzungen au den lländeru der Chausseen, Strafseu- 
beleucbtung, Führung vou Wagenlaternen, das Rechtsfahren u. s. w. 
Das Meer bildet nur eine grofee, breite Wasserstrafse, durch die 
Küsten und die in demselben liegenden Untiefen begrenzt. Die 
von den Schilfen gewählten Wege sind daher sehr verschieden, es 
bleibt auf denselben keine Spur der Schiffskiele, welche die hohe 
See durchfuhren, zurück. Die Notwendigkeit einer Strafsen- 
ordnnng zu Wasser trat daher nicht so früh zu Tage als am 
Lande, wo die Fuhrwerke auf eine nur wenige Meter breite Bahn 
zusammengedrängt werden. 

Im Altertum war die Frequenz auf dem Meere nicht so be- 
«leutend, um Vorschriftuu über das Ausweichen von Schiffen zu er- 
las-sen. War die Fahrzeit meist auf den Tag beschrankt, die 
Dimensioneu der Schiffe gering, die Geschwindigkeit derselben nicht 
so bedeutend, um bei einiger Vorsicht, selbst in dunkler Nacht, 
uncli Mittel und W«^ge zu finden, rechtzeitig eiiiauder auszuweichen, 
ohne grofse TTavarien herbeiznffihreu. Dagegen machte si(h schon 
im grauen Altertum die Notwendigkeit geltend, die Häfen, und mit 
der Zuiu^hme der Schiffahrt, auch einzelne wichtige Punkte an den 
frequeiitesten Küsten wiilireud der Nacht luii Ii Leuchtfeuer keuntlich 
zu machen. So wurde der TMiarun von Alexandrien schon 
283 V, Chr. vollendet. Zur Unterscheidung der in neuföster Zeit 
iü 80 groüser Zahl an den Küsten aufgestellten Leuchtfeuer bedient 

16* 



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241 Die Sehil&hrt nf dem Ktan und denn Ofl&lmiL 

mui sieh tailweise &rbig«r Gl&nr der lAftemoi. Im Obrigen anter- 
■cheidet mao »ber feste Feaer, Drehfener, BUekfeaery o^^i^ 
aaeh swei und drei Latemeo, neben oder über einander n. b. w.; 
auch kommt erfrenücberweise in neuester Zeit das elektrische lieht 
bei den Leaehtfeuem snr Verwendung. 

Die EinfBhmng des Dampfes als Treibkraft der Schiffe, doreh 
welchen dieselben unabhängig vom Winde wurden, machte die 
Navigierung wfthzend der Nacht unsicher und gefährlich. Begegnen 
sich Segelschiffe, so kann der Seemann nach dem Winde schliefen: 
diese oder jene Richtung wird das entgegenkommende Fahneug 
nehmen, und sich danach richten. Dies fallt bei Dampfschiffen 
weg, und es trat daher an die Schiffahrt treibenden Nationen die 
Notwendigkdt heran, einheitliche internationale Vorschriften Ober 
das Ausweichen der Schiffe auf See und über das Fuhren von 
Lichtern — sogenannten Positionslateroen — ab Unter- 
scheidungsseichen der Dampf- und Segelschiffe von einander wShrend 
der Nacht sn Ycieinbaren. 

Die Vorschriften fiber das Ausweichen und fiber das Fuhren 
Ton Lichtem nnd flir das deutsche Reich vom 7. Januar 1880 und 
16. Februar 1881 erlassen. Die ersteien gipfeln in Folgendem: 
Wenn swei Schiffe sich einander nähern, so dab dadurch Qefahr 
des Znsammenstolsens entsteht, so muis eins Ton ihnen dem anderen 
wie folgt ausweichen: 1. Schiffe, die mit günstigem Winde segeln, 
müssen den beim Winde (mit kontrfirem Winde segelnden) aus dem 
Wege gehen. 2. Von swei mit kontrirem Winde segehideo Schüfen 
mnls das nach rechts (übemeigende dem Gegensegler ausweichen. 
9. Segeln swei Schiffe mit räumen Winde von derselben Seite, so 
mufs das windwärts befindliche dem andern aus dem Wege gehen. 
4. Nähern sich swei Dampfischiffe in gerade entgegengesetster 
Richtung einander, so dals dadurch Gefahr des Zasammenstolseos 
entsteht, so mob jedes Schiff nach rechts (St. B.) ansbiegen. 5. Wenn 
die Kurse sweier DampfiMshiffe sich so krensen, dals Gefahr des 
Zusammenstofiiens entsteht, so mafs da^enige aosweichen, welches 
das andere zu seiner Rechten (Steuerbordseite) hat, 6. Fahren ein 
Dampfschiff und ein Segelschiff in solche Richtungen, dals ein 
Zusammenstofr zu bef&rditen ist, so mnb eisteres dem Segelschiffe 
ausweichen, resp. seine Fahrt mindern, oder wenn nötig stoppen 
und rückwärts gehen. Den auf diese Weise Tom Dampfschiff un- 
geschlagenen Weg, kann dasselbe dem Gegensegler durch bestimmte 
Signale mit der Dampfpfeife kenntlich machen. 7. Die schnelleren 
S<^iffe müssen beim Vorbeifahren an weniger schnellen (Überholen) 



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Die Schiffidiri wt den Heere und denn Oeftlim. 



343 



den letzteren ausweichen. 8. In engen Fahrwassern mafs jedes 
Dampfschiff, wenn es ohne Gefahr ausfahrbar ist, sich an deijenigoi 
Seite der Fahrrinne oder der Fahnnitte halten, welche an seiner 
rechten Seite liegt u. «. w. 

Was nnn das Ffihren von Lichteru betrifft, so sind die- 
selben bei Dampf- und Segelschiffen verschieden. 

1. Dampfschiffe, welche in Bewegung sind, müssen von 
Sonnemmtergang bis Sonnenaufgang folgende Lichter führen: a) Am 
vorderen Mast, in einer fidhe TOn mindestens sechs Meter über dem 
Schiüsrumpf ein helles weisses Licht, weldiesauf eine Entfernung 
Ton 9 km sichtbar ist. b) An der Steuerbordseite d. h. der 
rechten Seite des Schiffes, wenn man auf dem Hinterdeck steht und 
nach vorne sieht — ein grünes Licht, das in dunkler Nacht bei 
klarer Luft auf eine Entfernung von mindestens 4 km sichtbar ist. 
c) An der Backbordeeite d. h. der linken Seite des Schiffes 
vom Hinterdeck nach vorn gesehen — ein rotes Licht mit gleichen 
Einrichtungen nnd gleicher Lichtstarke wie das ad b. d) Ein 
Dampfschiff^ welches ein anderes Schiff schleppt, mulis zur Unter- 
Scheidung von anderen Dampfschiffen, aufs er den Seiten lichtem 
zwei helle, weifse Lichter senkrecht über einander führen, 
e) Ein Dampf- oder Segelschiff, welches ein Tele^raphenkabel auf- 
nimmt u. s. w. oder welches infolge von Beschädigungen nicht 
manövrierfähig ist, mufs hei Nacht an derselben Stelle, an welcher 
Dampfschiffe das weiCse Licht zu führen haben, und wenn es dn 
Dampfschiff ist, statt des weifsen Lichtes drei rote Lichter, 
bei Tage vor dem Top der Fockmaates drei schwarse Bälle 
senkrecht übereinander führen. 

3. Ein Segelschiff, welches in Fahrt ist oder geschleppt 
wird, mufs die für Damp£whiffe TOi^eschriebenen Seitenlichter, 
nicht aber das weifse Licht am vorderen Mast fBbren. Auf kleinen 
Segelschiffen, wo in schlechtem Wetter die grOnen nnd roten Seiten- 
lichter nicht fest angebracht werden können, müssen diese Lichtor 
mm sofortigen Gebrauch bereit sein, um bei Annäherung von 
SGliiff(ni U. 8» w. an der betreffenden Seite gezeigt zu werden. Ein 
▼er Anker liegendes Schiff mub ein weifse s Licht in einer Höhe 
▼on 6 m Uber dem Schiflbnunpf an der Stelle, wo dasselbe am 
besten gesehen werden kann, fShxen. — Bin Looisen&hrzeug im 
Dienst fuhrt ein weifses Licht am Masttop nnd mnls aulserdem 
alle 15 Minuten ein oder mehrere Faekelfener feigen. Offene 
Fischer&hrsenge und andere Boote bedienen sich entweder eines 
hellen weifsen Lichtes^oder eines Fackelf euere, wenn sie ein 



243 Schiffahrt anf dem Meere und derw Gefahren. 



ansegelndes Schiff bemerken. Ein SohiJ^ welches von einem sehndleroD 
Überholt wird, mnls diesem vom Heek ans ein weilses Licht oder 
ein Fackelfener «igen. 

3. Schallsignale bei Nebel, dickem Wetter oder Schnee* 
fall bei Tag sowohl wie Nachts müssen von BampladiUlien mittels 
der Dampfpfeife, von Segelschiffen mittels des N^elhonis oder der 
SchifEiglocke je nach dem Kurse resp. der Windrichtang gegeben 
werdos u. s. w. Jedes Sdiil^ ob Segel- ob Damp&chiff, rnnb bei 
Nebel, dickem Wettor oder Schneefall mit mi&iger Geschwindigkeit 
&hren« 

Doreh diese Vorsi^riften hoffte man, worden alle EoHisionen 
vennieden, allen Unffillen ▼orgebengt werden, die Fahrt selbst in 
engeren Gewissem gesichert sein. Allein diese Toiachrilten önd 
Menschenwerk und waren nm so schwieriger so ▼eränbaren, als. den 
Ansichten der TerBchiedenen seefahrenden Nationalitäten dabei 
Rechnnog getragen werden mnlste. Trotz dieser Vorschriften 
berichten die Zeitungen fast täglich über ZnsammenstdlSse and Hava- 
rieren, die mit dem Verlust von Menschenleben verbanden sind. 
Erinnern wir an die traarige Katastrophe von Folkstoae am 30. Mai 
1878« wo durch den ZusasfflRhatoljB zwischen den dentschen Panxer- 
schiffen »König Wilhelm« und »Grofser Kurfürst« von der 478 Köpfe 
starken Besatsong des letzteren 269 Offiziere und Mannschaften 
ihren Tod durch Ertrinken fanden. Und dies geschah an einem 
schönen klaren Maimorgen, bei ruhiger See und dem herrlichsten 
Wetter. Das Aasweichen der Dampfschiffe Segelschiffen gegenüber 
war die Veranlassnug der Katastrophe. So schrecklich aber solche 
Seeunglücksfalle, veranlalst durch das Anrennen zweier Schiffe, auch 
sein mögen, so sind sie doch teilweise entschuldbar, teilweise un- 
vermeidlich; sie kommen bei allen Nationen, zwischen Kriegs- und 
Handelsschiffen, wie zwischen Segel- und Dampfschiffen oft bei der 
gröfsten Aufmerksamkeit vor. Wenn aber auf den frequenten Ver- 
kehrsstrafsc«! am Lande, wo die Vorschriften so einfach sind, 
Kollisionen vorkommen; ist es da zu verwandeln, wenn sich dieselben 
auf dem Meere in gröfsorer Zahl als am Lande ereignen? Anf der 
breiten Wasserstrafse laufen die Wege der einzelnen Schifte selten 
oder fast nie ganz parallel. iSege Ischl tl'e kreuzen und lavieren bei 
widrigem Winde, Fisch erfahrzeuge und andere haben ihre sperjellen 
BetächäftigMiigfii auf hoher See, und hunderte von SchiHen bewegen 
sich Tag und Nacht, bei Regen und Sturm mit grüfserer oder 
geringerer Fahrgeschwindigkeit, auf den frerjucntesten Fahrstrafsen. 
Wir erinnern au den grofsen Schiffsverkehr an der Ostküste Englands 



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Die Sebiffahrt aof dem Mmn und deren OcMuea* 



244 



zwischen den Kohlenhäfen und der Tbemse; an die Weltverkehrs- 
strafse des englischen Kanals n. s. w. Den Sund, eine der nicht 
einmal frequentesten Wasserst rafsen passierten z. B., wie uns noch 
erinnerlich 1874 nicht weniger als 34,782 Schifte (daliei war die 
Passajje dit ersten drei Monate des Jahres durch Eis gesperrt), bei 
plötzlichem Windwechsel oft 3 — 400 an einem Tat?t . Dazu die 
Gezeitenströmung oder andere unregelmälsige Strömungen, die in 
Rechnung f^e/ogen und von den einzelnen Seelenten vielleicht ver- 
schieden beurteilt werden; ferner die auf den einzelnen Schiffen 
herrschende Verschiedenartigkeit der Deviation der Kompasse, die 
Unsicherheit der Navigirung bei trübem, nebligem Wetter, ficr 
Seemann mit verbundenen Augen fortgetrieben wird, endlich LStunu 
nnd Seegaug u. s, w. Alle diese Momente, welche heim Befahren 
der Landstrafse uicht in Betracht kommen, spielen beim Befaliren 
der See eine grofse liolle. Leuchttürme, Lenehtschiffe, Tonnen, Baken 
und andere Seezeichen dienen zwar zur OrieutitiruBg, allein Seeweg- 
weiser hat man an der Meeregstriifse nicht. 

Die über das Ausweichen erlassenen Bestimmungen können 
daher nicht für jeden speziellen Fall gegeben werden, da alle oben 
angeführten Momente neue Kombinationen ergeben. Sie können 
nur tlie allgemeinen (iesichts|)iinktc aiuleuten, aus denen der erfahrene 
Seemann sich das Richtige horausnehmen mufs. Ivrfahrung, Fmsicht, 
Berufstreue in der Ik*kämpfung der Gefahren und, wenn man will, 
«Mn wenig Glück gehören zu den Eigenschaften eines tüchtigen 
Kapitäns. Der Sturm mufs benutzt oder bekämpft werden. Je 
schauerlicher da.^ Wetter ist. um so aufmerksamer mufs der Seemaim 
seill, wenn er uicht der Gefahr zum Opfer fallen will. 

Hierbei können wir nicht umhin, noch eines Übelstandes zu ge- 
denken, welcher für die Schittahrt unter Umständen Gefahren in 
sich schliefst und einer internationalen Regehing bedarf. Es ist 
dies die Einführung einheitlicher Ru der komma udos auf 
den Schiffen sämtlicher civilisierter Nationen. Die folgenden 
Beispiele werden selbst dem Laien das Gefahrvolle der bestehenden 
Bestimmungen vor Augen führen. 

Wenn auf einem französischen oder schwedischen Schiffe den 
Leuten am Ruder das Kommando gegeben wird: »Steuerbord!«: so 
bedeutet dasselbe, dafs die nach vorn zeigende Ruderpinne nach 
>Backbord€ gelegt werden soll, so daCs der Kopf des in Bewegung 
befindlichen Schiffes sich nach »Steuerbord« (rechts) dreht, 
während auf englischen Schiffen dies das Gegenteil bedeutet. Bis 
zum Jabre 1880 wurden in der kaiserlich dentechen Marine sowohl 



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245 



Die Schiffahrt auf dem Meere nnd deren Gefahren, 



als auf den pfenbiicfa«!! Handelasohiffen die Baderkommaikdoe dea 
engtiKben Bestimmaogen entapreohend gehandiiabt 

Am 90. Deninber 1879 beftdil die denteobe Marinerflnraltoiig: 
»Die Eommandoworto Backbord und Steuerbord and die lur 
Beslfttigung oder war Wiederbolong dieser Konunandowcnie dienen» 
den Zeichen nnd Signale beieicbnen in Znknnft jene Ricbinng, in 
weleber beabsiebtigt wird, den Kopf des sich ▼orwlrts bewegenden 
ScbiifeB dnreh das Raderkonunando za wenden nnd nicbi die SteUnng, 
welche der Raderpinne za geben isi n. s. w.c ^ also das Iran- 
sSaisehe System. — Es wird also in der deaisehen Kriegs- and 
Handelsmarine nach xwei TMscbiedaien Systemen Terfahren. Bedenkt 
man aber« dals die Matrosen der Handebmarine nach absolTiertmr 
Dienstpflicht auf den Kriegssobiffon wieder za ihrem frfiheren Gewerbe 
znrfickkebren, so ist darch den oben bezeichneten Daalismns . im 
Boderkommando ein Zastand geschaffen, der an Irrtttmeni nnd 
Kollisionen AnlaÜB geben kann. So lange die Hanaschaft eines 
Kriegsschiffes die Rnderkimmiandos von den Schifib-Qffiiieren er- 
hält, sind solche Irrtümer weniger zu belttrohtett; andeis aber iet 
es, wenn ein Lootse an Bord ist nnd dieser den Leuten am Ruder 
Weisnugen giebt. 

Wir haben schon oben hervorgehoben, dals die Bestimmungen 
»des Strafse&rechts auf See« Kenschenwerk soisn und noch ver- 
besserungBföhig wSren. Die vielen Kollisionen auf dem Meere schinnen 
denn auch die Yeranlassung zu einem intemationaleB Schifiahrts* 
Kongreß zu Washington Ende 1889 gewesen zu sein. Naoh einer 
Äaiserang des Vertreten des deutsefaen Beiehes auf dem Kongreb 
im deutsc^en-nantisehen Yerein, hat man sich in Washington auch 
mit dem Strsftenrecht war See besehiftigt und steht su erwarten, 
dafe in einer Reibe von Punkten manche Bestimmungen besAglich 
der Verordnung znr Verhütung des Znsammenstofsens der 
Schiffe auf See vom 7. Jsnuar 1880 durch die Lande^gesetsgebung 
modifiziert werden wfirden. 

Land, Unti^Sm nnd Klippen sind fast gröfsere Feinde des 
Seemanns als der Sturm. Die Meldung: »Brandung voraus!« be- 
sonders in finsterer, stormischer Nacht erzeugt ein höchst unbe- 
hagliches Gefühl, selbst bei dem hart gesottensten. Man kann von 
ihm verlangen, dafs er im Stande sei, sein Schiff mit Hülfe seiner 
theoretischen und praktischen Kenntnisse fiberall hinzuführen, wo 
er freies Wasser hat und den sich auf diesem Wege bietenden 
Gefahren auszuweichen oder sie zu besiegen, soweit dies in mensch- 



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Die Sohiffidnt »nf dm Maen und dam GefiftluMi. 



S46 



lieber Macht steht. Unmöglich kann ihm aber auch 7n(;pmut<"t werden, 
alle die engen, sehr hänfig Verändernngen nnterliegendeii Str Dti e, 
Flafe- and HafenmondungeQ so geiiaa xa keDoeo, am sie ohne Gefahr 
uizas^eln. 

Um dem Seefahrer diese Auf{?ahe zu erleichtern, ist das Lootsen- 
wr sf n eingerichtet, weK ht s teils, wie in Prenfsen, vom Staate 
resaortiert, teils, wie in Engl u d, Privaten überlassen ist, dann aber 
doch unter Oberaufsicht stantUcher Behörden steht. Die Lootsen 
sind erfahrene and mit der Führung eines Schittes vertraute Seeleute, 
welche alle Gefahren ihres Bereiche und dessen Umgehung so 
genau kennen müssen, dafs sie selbst bei Sturm und (lefahr die 
Schiffe sicher in den Port fuhren können. Der Beruf der See- 
lont-^rii i-^t ein höchst beschwerl n her, denn sie müssen, wenn sie 
ihre IHlirlit rlmn wollen, bei Sturm und finsterer Nacht oft auf nur 
kleinen Fahrzeugen sich den Gefahren des Meeres aussetzen. Allen 
voran sind es die norwegischen, welche weder Sturm noch Schnee- 
gestöber schonen, nm auf ihren kleinen Booten und mit eigeiiur 
Lebensgefahr den Schutz suchenden S( liitlen Hülfe zu bringen. Doch 
stehen ihnen die Lootsen der deutschen Nordseeküste nicht nach, 
denn man findet sie schon westlich von Dover kreuzend, wo sie jeder 
Witterung (rot/en. Die Lootsen stehen unter einem Commandeur, 
und dieser hat nicht allein die Verpflichtung, die Lootsen in ihren 
Funktionen zu überwachen u. s. w., sondern auch die Markierung 
des Fahrwassers zweckmäßig ausführen zu lassen. I>ie Mündungen 
von Häfen oder Strömen sind, neben den Leuchttürmen, Feuer- 
schiffen, Leuchtbojen resp. Glocken- oder Heulbojen, zu beiden Seiten 
des Fahrwassers mit kegelförmigen sich in den Farben unterscheiden- 
den Tonnen oder Bojen versehen, die am Rande der Fahrrinne auf 
6 — 8 m Tiefe verankert werden. Trotz all den Sicherheitsmaferegeln, 
welche in neuester Zeit für die Navigierung der Schiffe geschaffen 
worden sind, wie z. B. die Sturmwamungssignale u. s. w., gehen 
dennoch eine grofee Zahl an den Küsten und auf den davor liegen- 
den Untiefen verloren. In früheren Zeiten drohte den Seelenten bei 
Strandungen nicht nur die Gefahr, ihren Tod in den Wellen zu 
finden, sondern es harrte ihrer fast ein schlimmeres Loos, wenn sie 
sich retteten. Ihr Hab und Gut verfiel dem Strandherrn und gar 
oft wurden sie in Sklaverei Terkauft. Überbleibsel dieser rohen 
Barbarei haben sich selbst an den nordischen Küsten bis in die 
jüngsten Zeit«i erhalten. IScst seit dem Ende des letzten Jahr- 
hunderts ist Bian so human geworden, flberhanpt von den Kästen 



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247 



Die Schiffahrt auf dem Meere ond deren Gefahren. 



aus an ilie Rettiiiig Schiffbrüchiger zu denken und seit 30 Jahren 
hat. das Rettuugswesen einen Aufschwung erhalten, der unserem 
Zeitalttir Ehre macht. 

Das englische Volk wur das erste, welches den Schiffbrüchigen 
zu Hülfe kam, ancrenblicklich fungieren aber Rettungsstationen an 
den meisten gefährlicbeii i* unkteu der europäischen Küsten und auch 
in Norddeutschland besteht seit 1865 eine allgemeine (iesellschaft 
/.ui Rettung Schiffbrüchiger. Allen Städten Deutschlands voraD, 
war es aber die Stadt Ktndeu, welches ihre Sympathien diesem 
Sainariterdieust entgegenbrachte, indem sie uns schon vor hnnderten 
von Jahren als unübertroffen«? Beispiel darin voranging. Der 
barbarisch klingende Spruch anderer reichen Seestädte: »navigare 
ueceäse est, vivere non necesse est« fand wenigstens für Emden 
durchaus keine Anwendung. Wurde doch von der Stadt Emden 
bereits im Jahre 1576 ein hoher Turm in der Mitte des Dorfes 
Borkum errichtet, welcher erst als Tageszeichen diente, später aber 
mit einem Leuchtapparat versehen wurde und somit die Leucht- 
fenerreihe an der deutschen Küste von Westen her eröffnete. Als 
Hüter der Küsten und Knis-Scbiffahrt steht dieser ehrwürdige Fharus 
am Nordseestrande noch jetzt auf seinem Posten, bat aber sein Fanal 
einem jünireru Nachfolger überlassen, als 1875 die von ihm be- 
gouucne Leuchtfeuerkette an der deutschen Kilste wiederum von 
Emden aus durch die Auslegung des Feuerschiös » 13 ork um- 
Riff c (mitten in See) aus östlicher Richtung gesehhisseu wurde. 

Ein fernerer Beweis der humanen Bestrcbuns^en Emdens ist 
die Gründung der ersten deutschen Navigationsschule 1782. An- 
regung zur Gründung dieser Schule gab ein Vorfahr unseres grofsen 
Kanzlers, der preufsische (lesandte am Hofe von K<»|icühagen, Herr 
v. Bismarck, in einem Bericlite au seiucn Königlichen Herrn. Frie- 
drich den Grofsen, worin er nachweist, dafs die haiih<:<ii 
Ötranduugeu au der daniselicn Küste hauptsächlich auf die mangel- 
hafte nautische Ausbildung der Schiffer und Steuerleute zurück- 
zuführen seien und somit eine bessere Aushildung derselben dringend 
geboten sei. Sofort wandte sich der grofse König au die Emd(^ner 
Behörde uiul Kaufmannschaft, die bereit wilHüst den Wunsch durch 
die sofortige (irüudunrr einer Navijiationsschule und zwar der 
eröten in ganz Deutschland, ertnllten. Auf dieser wurden 
bis jetzt etwa 1500 Steuerleute ausgebildet und hnlieu diese gewifs 
erheblich zur Vermeidung von Schiffbrüchen beigetragen. 

Das Ret tu ngs wesen zur See umfafst die Anstalten zur 
Rettung SchiÜ brüchiger und wird meist von Privatgescllschaiten 



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Die Sehiffidut nt dem M«en and dano Oeblirai. 



ausü;nibt. ZweigvereiiiP dieser Gesellschaften beaufsichtigen «He 
eiu/i Inen Rettunj^sstatioueu mit der Hettiingsuiannschalt, welciie aus 
am * 'rt wohühalteu Leuten zusammengesetzt ist, und «lie liettung»- 
Apparate. Za letzteren gebijren hauptsächlich ein Rettungsboot, 
ein Mörser- oder Raketenapparat, sowie Beleuchtti n nfs- und 
S ignal vorrichtunge n. Das Rettungsboot ist ein (jigens zu diesem 
Zweckp gebautes und mit Luftkasten versehenes Seelioot, da.s sich 
gut rudern läfst, um durch die Brandung zu kommen. Das Boot 
steht gewöhnlich vollständig ausgerüstet auf einem besonders kon- 
struiertem Wagen in einem Schuppen der Station. Wird ein Schiff- 
bruch gemeldet, so eiieu auf das Signal die Mannschaften herbei, 
Pferde oder Menschen bespannen den Bootsvvagen u. s. w. und 
man sucht alsdann eine günstige Stelle an der Küste in der Nähe 
des WrackSi möglichat windwärts, um das Kettnogsboot iuB Wasser 
zu lassen. 

Die Hett ungsrakete hat den gleichen Zweck wie der Mörser, 
Dämlich bei Btrandangen, die nahe dem Lande stattfinden, dem 
Wrack zunächst eine Leine zuzuwerfen, mittels deren nachher eine 
sichere Verbindnug mit dem Lande hergestellt werden kann. Bei 
dem Mörser ist die Leine an dem Geschofs befestigt, und dieses 
wird durch Pulver fortgeschleudert; daraus entsteht die Gefahr, dafs 
die Leine direkt infolge des ersten Stofses, oder weil sie sich bei 
der ersten, sehr grofsen Geschwindigkeit des Abrollens verwickelt, 
reiHst. Diese Gefahr vermeidet man bei den langsamer fliegenden 
Baketen, welche die Leine tragen; dagi^en ist das Treffen mit den- 
selben, namentlich bei Sturm, sehr schwierig. Die Schufsweite 
derartiger Instrumente ist für Mörser 3.50, für Raketen 450 m im 
Maximum. Ist mittels Rakete oder Mörser den Schiffbrüchigen eine 
Leine vom Lande glücklich zugeworfen, so wird mittels derselben 
eiu stärkeres Tan nach dem Wrack befördert, die an beiden Enden 
befestigt, gleichsam als Bracke dient, indem an ihr hängend eine 
Art Korb, mit einer anderen dflnnen Linie hin- und hergezogen 
werden kann, welcher, zur Aufnahrae einer Person geeignet, all- 
mählich die ganse gefährdete Mannschaft durch die Luft an das 
feste Land transportiert. 

In nenester Zeit hat mau auch Gummi flöfse zu Rettuugs- 
swecken verwandt, die aus aufgeblasenen Gummicylindern bestehen. 
Um auf See über Bord gefallene Leute zu retten, benutzt man 
Rettungsbojen verschiedener Konstruktion. Die gebräuchlichsten 
sind Ringe von Kork mit Segeltuch benäht, die man den Ver^ 
unglnckten zuwirft und die sie tragen, bis ihnen vom Schiffe aus 



249 



Die Scbiffalirt «nf dem Meera und dtm Oabkna. 



ein Boot zu Hülfe kommen kann. Sodann hat man Rettungsboje 
für die Nacht. Ehr Tiuin die Boje &llen lädst, entzündet mau auf 
ihnen durch emen Federdruck eine im Wasser anlöst Ii liehe Flamme, 
die etwa 1^ Miuut>'u hrennt und sowohl dem Verunglückten als 
dem nacheileuden Boote die Boje zeigt. 

Die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiti brüchiger ward 
1865 gegründet. Unter dem Protektorat des deutschen Kaisers 
stehend, hat dieselhe sich die Aufgabe gestellt, das gesamte Rettungs* 
wesen an den deutschen Kesten zu organisieren und zu fordern, 
namentlich alle gefährlichen Küstenpunkfe mit Rettungsstationen zu 
versehen. Die Gesellschaft zählte 1865: 3874 Mitglieder, 1877 da- 
gegen 30,668 und 1888 s' lion 47,173 ordentliche Mitglieder mit 
einer Gesamteinnahme pro 18H7/88 von 278,253 Mark. Es hefinden 
sich III Rettungsstationen an der deutschen Meerp^küste und sind 
bis zum 1. April 1889 1743 Personen gerettet worden. — »Gott 
segne das Rettungawerk!« 



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XTm Fmscliaii in der Mlitär-Litteiatur. 



1. Ausländisclie Zeitschriften. 

Streffleur'g Üsterreichisch - militärische ZelUchrift. (MUrz): Ver- 
schiedenes auü der Mauüver^eit. — Eizieliuiig des Seeofti^ers. — Aus dem 
Boche vom Offisitr. — Zwm Kriegsspiel -Aufgaben. — Die SdiQlei^ 
Batafllooe in Fluis. 

Ifgat itr ■lllllr-wliMMclilllicbN Vtrtlw <litanilcb.)- 1- Nift: 
Die HuiATer dee 9. und 10. Oorps bei Leitoiiüsehl 1889. — t. Ntlt: Der 
Infanterie^Angriff im Udite des Oeterreichiscben, deataohen nnd russischen 
Reglements. — Über den Lelirplan der Infanterie-Kadcttenschule und die 
Ergänzung des Lehrkörpers. — - Die ICartograpbie , die Keproduktions- 
Methoden, sowie die maschinellen Dmckvorriahtangen für Karten auf der 
WeliausstelluiiK in Paris 1889. 

Die ReichSWebr (6sterreiCil.), Nr. 108: Zur Ueurganisatlon den 
deutschen Kolonial wesen«. Rs wird b«;tont , dafs die deutsche ile- 
gierung eine wirkÜcJie Kolonial- Armee stchaileu müsse; die weitere Folge 
Bei die firrichtung einer Akademie od«r Schule in der Heimat, in w^k^r 
Offiziere und Chargen, sowie Beamte, welch« eich dem Kolonialdienste 
widmen wollen, eine faeeondere VorhUdnng ftbr diesen Beruf empfongen 
— Die Bntwickelung der Landwehr. Es wii^ gefbtdert: Steigerung 
der Intensität der militlfariscben Aosbildong und Vervollkouitiinimg der 
Olganischen Qliedeiiing, sowie der Sohlagfertigkeit, zn. dem Zwecke, die 
Unterscheidung zwischen Heer und Landwehr möglichst zu verwiscbon. — 
Nr. 107: Laii7.e oder Repetier-Karaln'ncr. Die WiedereinlUlirujig 
der Liinze wird alii^elelint ; „die Zukunft «.gehört unbedingt der Schuis- 
waÖ'e." Zur Hewaftnung der Infanterie-Pioniere. Es im 
Werke, lutütere mit Kepetier^ewehren M/titi zu bewaffnen. — Hr. 108: 
Volksbildung und Volksheer. — Die diesjährigen Waffen- 
fibnngen. GrOlbere, Aber dem Rahmen der Diyisian hinausgehende 
Obuqgea werden stattfinden im Berdohe des 1., 6., 7., 10. und 14. Corps. 
Mr. in 1. III: Die Ausbildung der Binjllhrig-Freiwilligen und 
fieserve-Of fixiere der Fufstruppen. IHeser Aufiata verdient Tolle 
Beachtung auch in Bessiehong auf die entsprechenden diesseitigen Zu- 
stände, welche dringend einer Reform bedürfen. — Nr. III: Die neue 
Schiers-inetruktion. — Offisiersfahrschulen für die Feld- 
Artillerie. 



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251 



UrosdiaQ in der Müitftr-Littertkiir. 



Arneeblatt (Aiterreicb.;. Nr. 11: Militärische Kapitel (Foi-tsetzung). 
Betraßbtimgeii Uber nilitSräelie EnMnuig, Sehiodsricbter bei ämt Muöveni, 
Kriegsspiel, Kritik (Besprechiuig) bei d«i UanGrem. Nr. II: Fahr* 
begfinstignngen fttr Reisen von Hilititr-Personen des Bube- 
Standes in Civilkleidern sind neuerdings anf Anregong des Beidis- 
Krief^ujinisteriumg bewilligt worden; auch wnxden neue Dekorationen 
für das Offizierdienstzeichen und ein sichtbares Zeichen für die- 
jeni^M'ii, denen eine aller hüch.ste Belobung zu Teil wurde, 
gestittct. bestehend in einer stark vergoldeten Bronze- Medaille, auf einer 
Seite da^ Brustbild Sr. Majestät, auf der anderen die Aotächrift; n3igiiv> 
laudis" zeigend. 

Bellona (Österreich.). Heft 12: Wann kommt der Krieg? — Der 
Geist der franzosischen Aetionspaiiei. — Die militärische Situation 
des nördlichen Europa. Interessante Teigkiehende Studie flbw die 
dentscben, teterreicfaischen und mssiscben Streitkxftfte. — Das neue öster» 
reichische Bekratieningsgesets verSndert und verbessert ÖBtmreicfas mili- 
tftrische Pontion in einem bis jetst in Enropa uierhOrfcem Qrade, indttn 
es der aktiven Armee eine Reserve in Höhe eines Viertels ihrer Kriegs- 
starke gab, 14 Divisionen ausgebildeter Tnfiinteri*; fUr den aktiven Feld- 
dienst vei-fUgbar machte und 250 Bataillon« für Etappen und anderen 
Dienst lieferte. 

Milltir-ZeltVIig (Österreich.). Nr. 18: Lanzem eiicr. Verla-ssei meinte 
es sei vor/.u/ielien, die Dra^'on»!r und llu-saren al - solclie beizubehalten, 
statt sie in problematische Lanzenreiter zu verwandeln, den Ulanen al>er 
die Lanse xurUckzugeben; das neue Lansenmodell der prenfäischen Ka- 
vallerie wird empfohlen. — Nr. 19 I* 18: Vermehrung unserer Ka- 
vallerie. Es wird die Errichtung von 3 neuen Kavallerie-Begimentem 
veriangt, und «war Ulanen. Die Kavallerie wflrde dann bestehen aus 
14 Dragoner-, 14 Ulanen» und 16 Husaren-Regimentem, in Summa 44. 
— Nr. 21: Von den i iv i-dien Streitki^en. — Lose Skiszen über Krieg 
und Frieden. — Hr. 23: TeniiMiiule Betrachtungen. 

Mitteilungen über Gegeattiade des Artillerie- und Genie -Weteu 
(Österreich ) 2. Heft: ( l)or K^henmaschinen (Fortsetzung und Schluls). — 
Studie u(nr Gpf?diUtz-EinÄatzrolne. 

Journal des tclences mltltaires. (M;uz): Taktik der Verpfle- 
gung (Fortsetzung). Über die Manöver lh89 (öclilufa). — Einige 
Betrachtungen über die Ausbildung in der Armee. — Der 
Dienst und die Ausbildung in der Armee (Fortsetzung). — Der 
Feldsug 1814 (Fortsetznztg). — Die Heeresleitung und ihre Httlfs- 
organe. AbfKUige Kritik der Organisation der oberen MilitBrbebOiden» 
unter Hinweis auf die napoleoniscbe Organisation. Begional-Bekru- 
iierung. Der gegenwärtige Rekrutiei-ungs-Modus wird mit dengenigen 
de^ (leut^ hen Heerei> verglichen; dem letzteren wii-d der Vorzug tuge- 
billigt. — Feldzugs-Erinnerungen aus Tonkin (Fortsetzung). 



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UmMdum in d«r lUUttr-LHtamtar. 



It Spectateur milltalre. 1. Mär?:: Die Kffektivstin ktMi der Ka- 
vallerie und die Kemonten. l>ieser Autsat/ If-rhüfti«,'! sirb mit der 
Thatjiucbe, ilals anstatt der 610 (nicht G77, wie jüngst das „Journal des 
Sciences militaireB*^ meldete) wirklich berittenen Kavalleristen im Mobil- 
machniigsfalle, jedes Kcgimait nur 510 aufstellen kOnne. MitUerweila iet 
•ine Komnuaskn, unter Vorab d«6 General de Gnlüfittt koaainnien getieien, 
mn Ma&regebi der Abhlllfe ta beiathen. — Essai de Critiqne inili* 
taire. Studie Uber Gbneewits. Eingehende BeqnpeeiiQBg des gleichna- 
migen, anch den ^Jbhrbttdieni'' zur Besprechoi^ mgegangenen Buches. — 
I) i e Armee TOn Italien und die Reserve- Armee. (Fortsetzung). — 
Beitrag zur positiven Taktik. — 15. Mftrz: Das Kriegsmini- 
sterium. Abtlllige Kritik der Organisation desselben: „Das ChaoK der 
Heeresverwaltung,' wheint noch immer nirht verschwinden zu wollen : d»^r 
Zeitpunkt, wo es gestattet man wird, aus den Keglements alles Tni i ,k- 
tiscbe auszumer/.en, .scheint noch Itsrn sein. — fügt man hinzu den 
G^en^tz zwischen dem Generalstab des MiniBterioms und dem Kabiuet 
des Hinisters, zwiachtti den INrektionen und den Komitee, die Ver- 
scbiedoiheit in der Anffinwnng von Seiten des Militfti^ and Givil>Personala, 
so wird man sieh einen genaoen Begriff maehen kOnnen, wie das Kriegs^ 
ministerinm fiinktiiniiert. — Beform der Kriegs-Akademie (Eeole saperi- 
eure de gaerre). ~ Die Armee von Italien and die Reserve-Armee 
(Fortsetzung). — Die „französische Stamm- and Bangliste'' (»Les 
Ktats militaüres de la France" und „Annuaires de Tanu^e fran(,'aise"). — 
Beurlaubung des Jahrp-anges 1885, Nach Voll/ufj derselben werden 
nur 3 .JahrgüHi^'e l>ei den Falmen sein. Sp. hält dies, in Bezielnnig auf 
die Auf^bilduniT. für bedenklich, da die Effektivstärken, ohnehin schwach 
genug, Dücii uieiir reduziert werden würden. 

lIfVIt dt Cavalerie. Mftrz. Nansouty, par le general Thomas. 
Eine Bi«^praphie dieses berühmten BeitergenenUs der napoleonisdien Zeit, 
gleichzeitig ein wertToUer Beitiag xur Geschichte dar fiwiOeisdien Kaval-» 
lerie. Die dentsche Kavallerie. (Fortsetaong.) Die Bemonte-Kom* 
miflsion. — Ein Wort Uber nnsere militBrischen WettrennfiB. 

RnM d'ArtillMit. Mftrz. Ober die genaue Losung des ballisti- 
schen Problems, von Siacci, Oberstl. d. italien. Artillerie. — Das 
rauchlose Pulver und die Taktik (Schlufs), vom Artillerie-Kapitän 
Moch. Verfa>;ser «jehliefst diese b'MiH vVenswei'te Studie mit den Worten, 
„dafs daa rauchlose Pulver von allen K inliattanten. vom gemeinen Soldatt'n 
bis mm kommandierenden General mehr als jemals eine gröfsere Energie 
und Befähigung beanspruche, folglich von ^wei einander gegenüber .stehen- 
den Armeen die bessere den gröMen Nutzen aus demselben ziehen werde. 
IKe EinftÜimng des raneUosen Pülvers steigert die Chancen des Erfolges 
anf Seiten der tapfersten, am besten aa«geUldeten and geführten Armee. 
Hehr als jemals wird derSieg dem wllrdigsien zn&Uen.* — Die Schnei N 
fener-Kanonen and die Qrnson'schen fahrbaren Pansertttrme. 



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253 



UniMhaii in im llilitli4itt«nitar. 



Nm Ii ItrViCi it flltiataCI ■tÜtllri. JanuAr-Febrliar. Vor- 
lesungen über St-atistik und ökonomische Geographie. — Die Statistik, 
ihr Zweck und ihre Gesdiichte. — Elektrische Beleuchtoiig in den Werk- 
stätten von VüuwimeB, » Die Beamten der MiÜtBT'IiacaNtte im 18. Jahr^ 

hundert. 

Revue du Cercle nilitalre. Nr. 10: Dio «loutsi hc Marine (Freie 
Ü bt^rsetzun^f der im 73. Bande der „JaUrbüciier'* erschienenen AufsStze: 
„Der Kiiegsschiffsdienst"). — Die Italiener in Abessinien. — Die 
neue russische Schiefsvorschrift. — Nr. 11: Der Krieg am Sene- 
gal. Dieser Anftatv enthftlt Fingerzeige fltr die Kriegfttlimng gegen die 
Schwanen, bcKngnehmaid aof die Expedition des Jahres X887 gegen ^ 
fanatischen Maiahonte des Bip. — Bewegliche strategische Brflcken. 
— Nr. tt: Der Krieg am Senegal. (Fortsetxong.) — Kriegs-Yor- 
bereitnng der Feld- Artillerie (Fortsetzung: s. Nr. 9). 

NtVit nllltaire aiiwrtells. Diese seit Anfang des Jahres neu erschei- 
nende Monatsschrirt, von welcher das Januar- und Februar heft vor- 
liegt, beal>sirhtigt, aus allen militUriBch-Utterarischen Neuheiten da.s Wesent- 
liche heraus zu ziehen und einen zusaramenfassenden Bericht über alle 
wichtigen Thatsachen und Veriindemntfp?! im Laufe des Milit^irjahres lu 
geben, des ferneren alle Personal veraude rangen, Beförderungen, Auszeich- 
nungen in der franaöeischen Armee und Marine, endlich eine fortlaufende 
Bibliographie. Der Preis (6 fr. fttr Fianknieh, 10 fr. Ar das Anstsiid) ist 
sehr niedrig gegriffaii. Die B. m. n. «scheint in Faris im Verlage von 
H. Gh. LaTanselle. 

Vimtk ■nillin. Nr. MiS: Die Teilung des 6. Corps und die 
Pontonniere. Erstere wird abermals befürwortet; diese Gelegenheit sei 
günstig, um die 2 PontonnieiyBegimenter au&uheben ond diese Truppe 
dem Genie-Corps einzuverleiben. — Die französische Rangliste für 
1890. Dieselbe zählt in der Oeneralitüt am 31. Januar: 2 MarsrhiUle, 
7 Divisionsgenerale ohne Kommando und ohne Altorsi/renze, 99 aktive 
Divisions-, 199 Brigade-Generäle; 12 Divisions-. 18 Brigade-Geneiüle des 
Keserve-Cadres. Von den 113 verabschiedeten Divisions- und 22Ö Brigade- 
Generfllen befinden sich noch 55, bezw. 90 zur Disposition des Kriegs- 
Jünisters. Der Generalstab sShlt 1125 für diesen Dienst patentierte Offl- 
siere aller Waffm» zn denen noch 271 der Beserre treten. Von den 
30 Jager-Batailhmen sind 15 anf 6 Oompagnien Terstibrkt worden, neo 
errichtet wurden 2 Bataillone leichte afrikanische Inlanterie^ dagegen 
wurden die 4 Bataillone anamitischer Jüger aufgelöst. Neu errichtet 
wui-den femer 12 Gebirgs-Batterienr 4 Batterien für den Dienst in Algier 
und 19 Feldbatterien, femer ein 5. Genie-Regiment, genannt „Eisenbahn- 
Regiment"; aufgeliisi wurden dafür 4 Depot-Compapnien, 4 Ei-f-nlialm- 
Handwerker-Coinj)ugnien und 4 Com})ai.n!i"n Sappeur-Mineum». Nr. 1456: 
Ein neues Sh beluiodoll ist vom Kavalierie-Komitee fa>tgeöel7.t worden; 
dasselbe hat gerade Klinge und Korb, welcher die ganze Faust deckt. 



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ITaMdwa In dtr MOHIr-Ullmlnr. 2ij4 

U Prtirtt ■Mtllrt. Nr. 191: In Beraokncbtigiiiig des empfindlidmi 

Organismus Hc.s neuen Geweliree soll, in der Zeit vom 1. mm 30. Oktober, 
ein Waffen^KursuB (cours d'armement) im Lager von Chftlons abgehalten 
werden, zu welchem Zwecke jeder lnfanterie>Truppenteil 1 H&aptmann 
kommandiert. Der „Schicfs-Knrsns" wird sieh aussehliefslicher mif «l^r 
Ballistik und Theorie des Schietßens ^irsohilftigen. Reserve-Übungen. 
An solchen, welrhe ani 1. Mttnt begonnen haben, werden 153,100 Reser- 
visten und 76,000 Disipositions-Ürlauber, Summa 229,800 Mann Teil nehmen. 
Die Territorial-Armee wird 1890 zu keinen Übungen einberufen. 
Rr. iii: Die Grens- Corps, Die Teilung des 6. Corps wird niebt fllr 
notwendig erUtrt Das wahre 20. Corps sei benmateUen aus der 
Marine-Bi&iiterie, deren Regimenter kflndidi geteilt worden sind (8 gegen 
fxHher 4); dies sei die beste Antwort auf die Vennebrong der Zabl der 
Ai-mee-Oorps der deutschen Armee. Nr. 976: Die Jftgerbataillone 
Nr. 10 (Saint-Bii^), 15 (Remii:emont) und 17 (ßambervillers), sümtlich xum 
Bezirk des VI. Corps gehörig und hart an der deutschen Grenze stationirt, 
sind neuerdings auf je 6 Compagnien verstärkt worden; von den ,T;i<ret- 
bataülonen haben demnach jetzt 15 die StHrke von 6 CompapiTiien. Nr. 978: 
Die Mariue- A i t ill erie. Pr. m. verlangt, dafs das in Nr. 975 erwähnte 
wahre 20. Corp^ mit der nötigen Artillerie, 20 Batterien (von denen nur 
3 bespannte vorhanden) versehen werde. Nr. 979: Das Milit&rbudget 
für 1891 benftert sieh im Oidioarinm anf 578,470,845 frcs., im Extra- 
ordinariam auf 180,000,000 ficcs., Summa 708,470,845, nSmUeh 1,935,705 
weniger als im Yorjahie. Pir. m. meint, dies m ein HeistersMelo^ben, da 
man ja wisse, dafs der torjflfarige Kredit niehl hätte vOUig ▼eransgabt 
werden können, so dafs thatsächlich eine Vermehrung am 20 Millionen 
bentehe im Vergleich zu den Budgets der letzten Jahre. Die Effektiv- 
stürke der französischen Armee beziffert sich auf 26,934 Offiziere, 
520,548 Mann, 733 Gendarmerie - Offiziere, 25,062 Gendaniien und 
142,870 Pferde, d. h. 10:^8 Ofliziore. 16,899 Mann, 55 Gendarmen, 
4569 i'ferde inehr als im Vorjalire. Nr. 980: Verstilrkung der Gar- 
nisonen der Üütgrenze: Das 145. und 16Ü. (Kegional.) Infanterie-Regi- 
ment werden am 1. Mai von Maubeuge und Perpignan nach Toul ver- 
legt, ebendaselbst werden nach den Sehiebflbnngen mehrere Batteriffli des 
85. Artinerie-Begiments eintreffen; weitere, vom „Obersten Kriegarat* ver- 
ftagte VessMrknngen der Ostgrenae stehen in Anssieht 

La FraiCt nMtllrt. Nr. 1787: Übungen der Offiziere der Terri- 
torial-Armee. Dieselben finden in der Dauer von 14 7'agen bis zu 
1 Monat statt, teile obligatorisch, teils auf Antrag der Offiziere aller 
Grade (ausgenommen der Oberstlieutenants), welche ihre militärische Aus- 
bildung zu verv'ollkominnon wünschen, nach Mafsgahe der verfögbaren 
Mittel. Nr, 1758: Ii erbstmanöver. Das 1. und 2. Corps werden 
>;enjein8ame Manüver von SOtHgiger Dauer gegeneinander aurifUhreu, unter 
Oberleitung des Guneral Billut, Mitglied des „Obersten Kriegs rates " ; Di- 
visions- Manöver von 15tägiger Dauer finden statt beim 4., 5., 7., 9., 

Bi. ÜBT« S. 17 



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2Gf^ UmMhft« In d«r HUitl^-LltlmtDr. 



10., n , 13., IC, 17. und 18. Con^s; beim 10. Corps nur fßr die 10. Di- 
vision (Orleans); das 9. (Paris) bat keine Divisions-Mannver. Brigade- 
Manöver finden statt i)eim 3., 6., 8., 12. und 14. Corps in der Dauer von 
13 Tagen; das 15. (in den Alpen stationierte) Cor]>8 wird besondere 
Übungen, aber keine ilerbstuianüver abhalten; Kavallerie- Di visions' 
Man Over Iwi d«r 8. tmd 5. KavallesM^DiTÜion im Ligor von Cliftloiis 
in Dauer von 12 Tagen, unter Leitung des PrSaidenten des Kavallerie- 
Komitee, in d«r Zeit vom I. bis 13. September. Die Übrigen Kavallerie- 
Brigaden halten Brigade-Obnngen ab» nehmen aber aneserdein an den 
Herbstmanövern der betreflfonden Corps Teil. Dero 2. Corps wird eine aus 
3 Brigaden formierte provifiorisebe Kavallerie-Diviaion zugeteilt. Die In- 
fanterie wird in einer ungefiihren Elflektivstärke von 150 Mann per C>->m- 
pagnie, die Kavallerie mit 12ü Pferden per Regiment ausrttckcn. Nr. 1759: 
Marine- Infanterie. LHe 4, jet'/.t 117 Compagnien und 4 Compagnien 
„hors rang" bildenden Regiiuenter werden am 1. April in 8 Kegimenier 
mit llü Compagnien und 4 i'ompagnien „hors rang" formiert. — Mr. 1766: 
Da» Artillerie- und Kavallerie-Komitee haben einen Repetier-Karabiner 
kleinen Kalibers ftr die berittenen Truppen rar Einftthrong ange- 
nommen. Die Fabrikation beginnt am 1. IbJ. Die nene Waffe bat «ne 
Tmgweite von 1000 m und eine LBnge von 0,93 m. Abrfistnng: »Wenn 
Deutsehland damit den Anftog macht'*, sagt F* m. «uns Blsass-Lothiingen 
unter vernünftigen Bedingungen zurückzugeben, so würde man, sobald 
dies geschehen, darin willigen, daCs Uber die Frage der Abi'üstung ver- 
handelt werde. Abrüstung ohne vorgängige Herstellung des status quo 
ante bellum hat keinen Sinn." In diesem Tone fl\hri dieser Ai-tikel fort 
und meint: „ Die Stunde für Frankreich sei gokoinmeii, das Haupt 
zu erLelien!" — Nr. 1774: Bei den IWb&tii)anövern werden 4 Armee- 
Corps mit Platzpatronen M/1886 (rauchlosem Pulver) versehen sein, die 
anderen noch Pati'onen M/1874 benutzen. F. m. tadelt diese Malsregel. 

U Mfl^W «ntalra. Mr. 986: Des 0efechta8cbiefsea. (Ent- 
Dommen der ,Bevue d'infaaterie*). Ea irird betont, dab die vriohtigste 
Anijgabe sei, den Gegner auf Bntferanng von 5 — 600 m festinhalten; man 
man ihn bis auf 400 m heran kommen lasse, verliere man alle Torteile 
der neuen Waffe. (Unter derselben ist xn verstehen das Lebe I- Gewehr; 
mit den ballistischen Eigenschaften des neuen deutschen Kleinkaliber- 
Qewehrep rechnet der Verfasser offenbar noch nicht — A. d. L.). Die 
Entfernung von 600 m müsse der grofsen Masüe der Mannwhaft fest cin- 
geprLlgt sein; nur die Entfern ungsscbUtzer müfsten auf gröfsere oder 
kleinere Entfernungen eingeübt sein. Das AI i lit.irbudget des laufenden 
Jahi'es beziffert sich auf 4ü,834,7.32 ircs. — Nr. 990 meldet mit gespeiTter 
Schrift, dafs bei einem Vergleichsschiefsen in Beverloo zwischen je einem 
15 om Mörser der IDSni^ichen Oiefserei und der Essener Fabrik letsterer 
euie notorische lünderwertigkeit erwiesen habe (t?); das beigisohe Qesebttts 
(meldet Nr. 991) habe eine Spsnnung von 8000 AtmospfaKrsn aoflgehalten 
ohne msrUiohe Deformation. 



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ümehu üi HUitii^Litteiiitar. 



256 



Allgemeiiie Schweizeriiche Militarzeitung. Nr. 10: \>i Errichtung 
einer Fe hlgenda riue rie notwendig? Wird bejaboi; selbige sei ein 
notwendiges Binileglied zwischen der bürgerlichen und militärischen Polizei. 
— Der Ubergang der franzi^sischen Armee über den grofsen 
St. Bernhard und das Fort du Bard 1800. Ein Beitiag zur militärischen 
Wtlrdigung der GrinnkAnbe. ~ Nf. II: Vflr die eingliedrige Auf- 
Btellung der Kavallerie. Es wird empfoblMi, einen Venndi damit zu 
maeheii, miter Besngiiahiiie auf eine angeUiehe Änlinnuig des FeldmarsctaaUe 
Graf Wnogel 

RtVIt «Hltaire sullte. Nr. 3: Studie über improvisierte Be- 
f estignngen. Es werden ii. A. von oben gedeckte Gewehrschiefindiarteik 

an. Stelle der einfachen HchtttzengrUben in Voi-sohlag gebracht. 

Schweizerische Zeitschrift Iflr Artillerie und Geale. (Februar). — 
Neues Feldgeschütz-Material in England. — Betmclif nng (Iber die Stellung 
der Feld-Artillerie zur Keitinstruktion. — Kinführung der Ekrdsitgeschosse 
in Österreich. — Über das Laden der Geschütze vor Beziehen einer F'euer- 
stellung. — Eine russische Ansicht über die Usigrenze irrankit^iciiij und 
die Keatnlittta-Staaten. ^ Über das Scbltuit naher Entfernungen von 
Sesten der Feld-ArlaUerie. 

Aray ati Nävi Bmtte. Rr* INI. Infanteriefener der Zukunft 
Bin praegekzOnter Vortreg dee M^or Toung, in dem derselbe naohsawMsen 
sucht» dafs mit der verbeeserien Wirkung der Handfeuerwaffen die An* 
fordernngen an die Feuerleitung erbeblich gesteigert sind. Die Yermisohung 
von Compagnien im Gefecht soll unter keinen Umständen gestattet sein, 
da Inerdurc'h dif PlJlirung unmöglich würde. Der Zug bildet die taktische 
iMnlieii tiii Feuerleitung. Als normale (iefechtsaufsteilung verlangt er 
eingliedrige Aufstellung mit 1 Schrilt Aljstand von Mann 7.u Mann. — 
Mr. 1567: Die SclüefsseUuIe zu Ilythe. Schildurt die Fürt.schritte, 
die hier in der Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren gemacht 
sind. Statt del* frllier ansacliBelUieben AnslnUhmg im Pittdeionssdiieben 
ist jetzt das gefechtsmftlsige Scbiefsen in doi Vordergrund getreten» aueh 
weiden die dort Kommandierten anfser mit dem neuen Gewehr mit dem 
BerolTer und mit SohneUfener-Oesdifttsen ausgebildet. — Die modernen 
Palverarten. Eine Schilderung der Entwicklung der vei-schiedenen 
raachloeen Pulverarten. Beschaffung für den Mobilmachungsfall. 
Um dem gänzlichen Mangel an lirauchltarcn Militfirpferden lür den 
Mobilmachungsfall abzuhelfen, wird von einein Kavallerie-General der Vor- 
sehlag gemacht, zugerittene Pferde der Kavallerie gegen Bezahlung zu 
vermieten, und zwai- derart, dafs diese nach 6 be/.w. 7 Jahren Eigentum 
des Mieters werden. Eine Kommi^^ion hoU die gute lutitandhaltung der 
Pferde Uberwachen. — Nr. 1568: Das neue Gewehr. Der General- 
Inspekteur dar Handfeuerwaffen entwickelt in einem in London gehaltenoi 
Vortrag den gegen^n^rtigen Zustand der Neubewaffnung der englisohen 
Armee und die Verwendung des Gewehrs im Gefecht. Die BSnlllhning 

raucblosflsi Pnl?en ist noch uieht festgesetst Der Mmiitic n. Kmta im 

17* 



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257 



UmMhftQ in dftr HÜHto-Uttanlnr. 



Oefficht hmucht bei Ausrüstung jpdHs Manne:« mit 130 Patronen nirht 
mehr stattzufinden. Die roglpiiumtarischen Vorschriften für r?f»n An<jritf 
sind veraltet. — Ranchlose Explosivstoffe. Ein umfanfjreiclier Vortrag 
des bekannten Fabrikanten Sir Fr. Mnl über alle in fremden Staaten ein- 
get\ihrten Palverarten. — Nr. 1569: Die Verteidigung der Festungen 
Es wird behauptet^ dab es den in England und den Kolonien «tir Feshings- 
Yeiieidigting bestimmten Truppen an jeder einbeitliehen Leitung fMt, 
Dieedben bestehen aas der Flotte, der Marine-Artillerie und Marine- 
Infimierie, die nnter Befehl des Flotten-Kommandos stehen, dam kommen 
Garnison-Artillerie, FestungR-Ingenieure, Seeminen» Ingenieareimdlnfiuiteriet 
die nnter dem Heeres-Kommando stehen. Die 8tatt>gehabten Manöver 
haben diesen Mangel auffallend zu Tage treten lassen; es werden Vor- 
schläge zur Abhülfe f?emaclit. Nr. 157Ö: Die deutsche Kavallerie. 
Die bedeutenden Koitschritte. die die deutsche Kavallerie seit dem Kriege 
187U/71 gemariit, werden iiervorueiioiien. Als lieispiel für die gegen wiirtii,'en 
Leistungen schildert, der englische Offizier den Verlauf der Besichtigung 
eineü Kavallerie-llegiments, der er beizuwohnen Gelegenheit gehabt hat. — 
AMralty Nofie QmNi flilitti. Nr. 179: Onser nenes Ge- 
wehr. EnthlUi eine Beschreibung des neuen engUschenr Gewdirs, gleidi- 
aeitig auch eine An&Uilung aller der Fehler, die demselben in Folge An- 
nahme dee Qylii^er-VersdilQases anhaften. Dennach wird disMm in 
Vergleicb mm Block- Verschlnls der Vorzug angesprocheo. — Nr. 171: 
Die militärische Lage in Nord-Europa. Eine vergleichende Be- 
trachtung d«M- luüitiirischen Verhältnis in Deutschland, österreidi and 
Russland. Deutschland liesitzt durch sein Offizier-Corps der Linie und 
Reserve eine bedeutende in>eilegenheit über alle andern Armeen, aufser- 
dem stehen hier alle Zweige der Diplomatie wie der Verwaltung in 
engstem Zusammenhange mit dem Heerwesen. Das österreichische Heer- 
wesen ist durcliaus geordnet, durch sein Eisenbahnnetz besitzt «s iiussland 
gegenüber eine bedeutende Überlegenheit Die MobilmacBung und die 
Oiganisatifm der Reserven sind besser wie die der Bassen vorberaitei. 
In BoasUnd ist die 1674 b^gcnmene Heerssotganisation erst seit dem 
ESnde des TOrigen Jahres fortig geworden. Trots nomerischer Übericgenheit 
besitzt es Osterrnidi gegenflber bei einem Angriffifikri^e kein Übergewicht. 

The illuttrated Naval and Military Magazlae. Nr. 14: Der ameri- 
kanische Krieg. Von T. M. Maguine. Eine kritische Betrachtung des 
amerikanischen Krieges 1861—1865 bis zur Schlacht von Boll Bon. — 
Die Artillerie ;\nf dt-r Pariser Weltausstellnnf,^. — 

Russischer tavallde. Mür/. Unter dem 27. Feliruar a. 8t. wurden 
iiesliu) uiungen über die (lljungen der 1. Kate^^orie der Reichs- 
wehr erlassen. Dieselben sollen 181)0 und 91 auf 4 VVoelien ausgedehnt 
und künftighin für die Wehrleute jedes Kreises (üjäsd) in der Kreisstadt 
abgehalten werden. Ebenso wurde festgesetzt, dafs die Wehrleate in 
einielnen, in ihrer Stltrke and Übongszeit jedes Mal im September dsa 
vorangehenden Jahres feetaasetienden Abtetlongen hinter einander nban 



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UimdiM in der Militir>Iittintar. 



858 



sollen. Als Übiugszeit werden die Herbst and Wintermonate bis mm 
1. April bestimmt. Bezeichnend fUr russische Verhältnisse ist die An- 
ordnimg, dnb diejenigen Wehrlente von dea Übungen seitweiM b^eit 
w«rdeit dttrfeo, welche in Gemeinden ihren Wohnsitz haben, die aber 
150 Werrt von den KreiestUdten entfernt und mit diesen nieht durch 
EisenbAhneii verbunden sind. Jeder Wehrmann (Batnik) enthalt nur ein 
paar an£ eeine Civilkleidung aufzunähende Achselklappen und eine MUize 
mit dem Abzeichen des lAndbturms (der Oiioltachenie). Die Abzeichen 
und Achselklappen werden nach der Übung abgenommen, die Mutzen als 
Eigentum belassen. Bei der ersten Berufung sind 6 Platz- und 6 scharfe, 
bei der zweiten 32 scharte Patronen zu verfeuern. Als Aiwbildungspersonal 
werden jedem Cbungs-Ort 1 Offizier und für je 20 Wehrleute ein Instruktor 
zugewiesen. — Die Oberaufsicht über Ausbildung, Verpflegung, Listenführung 
u. 8. w. liegt dem Militär-Kreis-Chef ob. — Am 14./26. Februar d. J. 
wnxde die F^rmienung der 23. und 34. Lokal-Brigade im kauka- 
sischen Militftrbesirk nach AnfheVnng einiger dort bestekeader Besenre- 
nnd LokaltrappenteQe n. s. w. der Armee mitgeteilt. JBs bilden Ton nun 
ab das 1. 3. 8. 4. nnd 7. kankaaische Reserve-Osdre-fiataillon mit den 
Garnisonen Stawropol» Pjütigorsk, Georgijewsli, Jekaterinodar, Git>sniy 
nebst dem Lokal-Lasarett T. Cb. Scbura die 23. Lokaibrigade, das 
6. und 8. Reserve - Cadre - Bataillon (Garnison Eriwan , ber.w. Suchum) 
bciwie die FestunJjr^^-I3ataillonc von Kars und Butum die 24. Lokal- 
Brigade. Zu der 25. Lokal-IJrii^iide ^^'ehören fortan das '.K kauka^ij^che 
Reserve-Cadre-Bataillon (Garnison in 'J'emir l'liars Schura) und die Lokal- 
Koinraandos des Kauka^sUb. Hierdurch wurde die Organisation der Truppen 
des kaukasischen Militärbezirks wiedei'um in nicht unwichtiger Weise ver- 
bessert und die Mobilmachung erleichtert. Es bezeiehnet diese Ifalsregel 
einen wichtagen Schritt in der AnnUherong des Kankasos an das llbrige 
Reich. — Dor ,0des8ky Wiestnik'* berichtet Uber die für 1690 in Aas- 
sieht genommenen Fahrten der „freiwilligen Flotte* nach Ost- 
sibirien nnd der Insel Sachalin. Im ganzen sind 8 Fahrten geplant, 
von denen die erste der „Petersburg** am 10, M.'ir/. beginnen wird. Die 
Dauer der Hin- und Rückreise ii>t je nach der Zahl der angelaufenen 
Hfifen und de? Aufenthaltes verschieden, 3Vj bis 4'/« Monate. Von Häfen 
werden Wmcht Kon^^tantinopel . Port-Said, Aden. Colonibo, Sin<jajx)re, 
Manilla, Naf4a^aki, Wladiwostok; auf Sachalin <lir I'o>tcn Douay und 
Korssakow. Am 1Ü./22 Dc^emUcr soll das iel/tc S< hitf nach (^dp.<Ha zurück- 
gekehrt sein. Die Bedeutung dieser Verbindung mit dem für Russland 
so wichtigen Eolonial-Besits im westliehen Asiai darf nidit onterschlltst 
werdent wemi freilich die mit so groCsen Uoffiinngen begitliste Schöpfung 
der «freiwilligen Flotte* lange noch nicht das geleistet hat, was das in 
dieser Biebtung sanguinische russische Volk erwartet 

BerttiWikl's Ranrtedticblk 189B. Nr. 20: Biographie des hentigeQ 
General-Gouverneurs von Turkestan und Oberkommandierender des Tpr- 
kestanischen Militttrbesirks» Baron WrenskL — Besprechong des neuesten 



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Umiehfta in ii«r Hilitli^Litteffatiir. 



Schriftcbens von ßagasin Uhtii „den Gebrauch des elektrischen Lichtes im 
Pestimgskriege'*. — Kritik des Werks des Generals Woide über die „that- 
dteblichea Ursachen der Siege and Niederlagen im Feldavge 1870". Den 
mehtigsteB Omiid ftr die ersteren sieht Verf. in der MädhetsUndigkeit 
der einielnen Fithter*. 

RmiImIwi ll|tliMr»JwrMl 119t. Nr. 1 t: Ftojekt einer Minen* 
Verteidigung der modernen FiMrts nebst grapbis«slier DarsteUnng der 
Mitien-Spcrning am ein französisches Fort von £i^;mann. — Über »Berg^ 

forts" (("1ir'r:-i'*ziir!ir nn« rjpTn Spari-'flif'nV 

Rutsischei Marine« Journal iMorskoi Ssbornik) 1890. Nr. 1 e. 2: Admiral 
Newelskij und das Amur-Gel -jet von \Sjielitin. — A. Putwinskij berichtet 
über das nem rdin^'> vom äcbwediscben Chemiker Lamm entdeckte wichtige 
Sprengmittel des Bellinit. 

RmltCltt Artillerie- Joirnal 1800. Nr. 8: Der Guisstahl, seine Eigeu- 
Bcbaften nnd seine Verwendnng in der Artillerie von Sikinder. Be- 
merknngen xnm Schieften aneb fllr die Zielkaooniere nnricbtbare Ziele. 

Waj8iilJ OilinHi 1999. Nr. 9: Oiganisation der Kavallerie (OD Ton 
Tschitsdiagoff. — Die Artillerie im Fddkriege tob Banmgarteii. 17. 

Rlvtita milltare Itallana. (Februar): Hot zog Amadeo von Aostn. 
Biographische Skizze, die besonders auch die Teilnahme des Herzogs an 
dem Feldzuge des Jahres 1866 als Führer der Grenadier-Brigade Lombardia 
und die sehr hohen Verdienste des-elhon nm die italienische Kavallerie, 
an deren Spitze er als GeneraUnsi)ekteur stand, hervorhebt. — Bericht 
des General Torre über den Stand der Streitkraft Italiens am 
3Ü. Juni 1S89. In d«n Stammrollen des llcoies waren am 30. Juni 1889 
2,765,264 Köpfe verzeichnet; 837,194 vom permanenten Heere und seiner 
Reserve, 898,529 der MobÜmiliz, 1,623,021 der Tenritomlmiliz; S392 Ott- 
aere der posizione ansiltaria (s. D.) nnd 4186 di riserva (a. D.) nicht 
eingerechnet Das permanente Heer nnd seine Reserve stillten 18,946 
Ofliiiere, 818,848 Mami. Von diesen 818,248 Mann waren 240,641» d. h. 
4000 mehr als im Voijahre, unter den Waffen, 577,607 im Beurlaubten- 
stande, und zwar von diesen 37.'j,846 Leute I., 201,761 II. Kategorie. 
Die Mobilmiliz verfügte über 3584 Offiziere, die Territorialmiliz über 
577R solche. Von den Leuten der Terri^onfilmiliz gehörten 346.166 der I., 
265,643 der II. Kategorie an. Die .Vlpentruppen verfügten in allen Wehr- 
kategorien zusammen über 116,947 Köpfe. Von den 18.946 Offizieren und 
iR.miten des permanenten Heeres waren am Mu. .huu l<Shli wirklich in 
Dienöt: 14,367 ; 194 waren in Diäponiblität oder auf Wartegeld, 4385 Ersatz- 
Offiziere (tmsere Beserve-Offisiere). Unter den 2898 OfBideNn x. D. be- 
finden sieh 68 Generale, 478 StaheofBsiere, 1857 Kapitäns, 489 Snhaltem- ' 
Ofifinere, unter den 4128 Offizieren a. D., die ror Verftgong des Eriegs- 
ministerB stehen, 103 Generale» 881 Stabeofifiziere^ 1280 Eaf^tlns, 1984 
Subalterne. Von den 327,891 Wehrpflichtigen des Jahrganges 186B wurden 
3661 m den Listen gestrichen, 69,604 als ontanglich erklXrt, 84^074 m- 



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» 

UoMchaa in der Militftr-Litteratur. 



260 



rückgestellt, 12,775 hatten sich nicht gestellt, 81,846 der L, 5493 der II., 
74,968 dir m. Kateg^e zugewiesen, die im Frieden iinr zu 8 Übnngeii 
von 15 Ttgen Dauer verpflidiiet ist Von Leuten dee BenrlanUeoetandeB 
wurden 1889 total geaohnlt 212,355. 

bticHt Kaltau. Nr. 18: An den grofeen ManOvern nehmen in 
dieMn Jahre 2 kombinierte Corps* zu je 2 Divisionen, 1 Regiment Corps- 
Kavallerie, die nötige Oorpe-Artillerio und 1 Begiment BersagUeri teil. 
Jodein Corps wird ftino Kavallerio-Divibion zu je 1 Kt gimentern a 6 Es- 
kadrnns zugewiesen, in der 2. Periode, Manöver von Corps gegen (Jorps, 
stehen aufserdem 2 Bersagliwi-R^gimenter vur Verfügung. — Hr. 28: Die 
aufflerordentlicheu Ausgalien l"(ir das Heer. Sowohl die Forderung 
für die Errichtung einer Fabrik zur Herstellung des rauchfreien Pulvers 
und die Schsffang der Kri^[Sühargienuig fttr die Infanterie ans diesem 
Tnilnnittel (17'/i UiUioiien Lire) als auch ia» llbrigen extraordintreii 
Kredite dee Kriegs- nnd Marineministers and von der Kammer genehmigt 
worden. Zu den enteren rechnen auf 3,500,000 lire »für dw Ver* 
mebnug der Besenre-Vonllte an Gewebren", sowie um dem Kriegs* 
ministeriam eine Snmme zur Verfügung zu stellen, mit welchen die 
Fabrikation ein^ neuen kleinkalibrigen Gewehres (der Kriegs- 
miuister teilte in seiner Rede der Dejtutiertenkammer mit, dafs die dauernd 
mit der Prüfung der tiewebrtVage beMchiiftigte Ki n^mi'^sion ihm über die 
vorzüglichen Resultate eines 6 mm <f<'vvehres benclitet iiabe) sofort be- 
gonnen werden kann, soliald man ein .iUt?n Anforderungen ent^pretiiendos 
Modell findet. Die Erläuterungen dieser Forderung für Uandwaffcn sagt, 
daCs mit den vor dem 80. Dewmber 1889 bewilligten Mitteln 1,191,950 
Gewehre M/70, dann mit den am SO. Dezember 1888 genehmigten 8nmmen 
360,000 hergestellt worden, so dafe total 1,551,950 TOrfaanden waren, 
danmter 1,156^755 nmgettndertes M 1870/87. Da der Bedarf aber mnd 
1,350,000 Gewehre beträgt und zwar 724,000 fttr das permanente 
(1. Oktober 1889), 272,000 fttr Mobilmili», 352,000 für die sofort mobUen 
Teile der Territorialmiliz, so hat man, nach Abzug der natürlichen Ab- 
gftnge nur 25"/,, Reserve, liedarf aber erfalirimgsmttf-i'j' 1 ' ''3 ^i^wehr pro 
Mann, mufs also noch 25"/p neu schatl'en. — Nr. 3!: Ein lieorderungen 
der Leute des Beurlaubtenatandes finden in diesem Jahre in folgen- 
dem Umfange statt: T. Katesforie des .Tahrganges 1864 lu& zu 4.''),0tK) Mann 
auf 2ö Tage, II. Kategorie der Jahrgänge IbbH und 1869 (30,ÜÜ0 Mann) 
auf 45 Tsge, HL Kategorie des Jahrganges 1869 anf 15 Tage. 

lUvIlta tCMMM-ainiar (Spaitai). Nr. I: Die Einteilung des 
Territoriums. Betraohtnngen Uber die Kavallerie. 

Rnrfttl «ilHar (Nrtigal)- Kr- 8: befestigte Lager von 
Lissabon. Beschreibiuig der vollendeten nnd im Bau begriffenen Werlte 
snr Verteidigung der Hauptstadt. 

KrifSVttMtka^-Akadeniens-NaMUiitr (ScbwwlM). 5. Haft: Die 
Verwendung der 3 Hauptwaffen im Angriff. 



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2»! 



Omieh»!! in dir MiUtli^iittontar. 



Militaert TMtkriit (Oiaeairk). 1. Htit: Die Belastung des Reit- 
pferdes. 

Miiltakt 6ldt (Holland). 2. Llefaraai: Skizzen Uber die koloniale 
WerVoBg. 

II. Bilelifir. 

König Friedrich der Grolse von Reinhold Kuser, Professor 
an dpf Universität Berlin. Erster Band (erster Hulbband). 
Stuttgart 1890. Verlag der Cotta*schen Buchhandlung. Preis: 

4 Mark. 

Kannj i m anderes Gebiet unserer t,'eschiLbf lifhon Litter.it tu ist in so 
nnermeliiicher Breite bebaut worden als dasjenige der fridencianischen 
Zeit. Der Katalog der einschlägigen Litteratur fllllt allein einen starken 
Band. Wenn Verlaääer deH vorliegenden Werken eü unternabm, die Zahl 
der vorhandenen Werke Uber den grofaen KOnig xn Termehran, so bedaif 
dies xavlldlerat der BegrUadong. Kemem der biaherigen Biographen 
Friednoba, aelbat mehi einem PrenüB, Carlyle nnd Droyaen bat ein ao ge- 
nQgendee ond nmHuigieiobea arobiTaliaebea Material vor VerRignng 
geakandaii» wie desselben eine allseitig befriedigende, auch echteste 
Quellen zorttekgreifende Foi-ächung bedarf; Pk^eofs, der hochverdiente Alt- 
meiBter der neueren Friedrichs-Forschung, mufste übei-wiegend mit dem 
in privaten Hftnden befindlichen Material vorlieb nehmen. Erst die letz- 
ten Jahrzehnte hn)ipn hier VVandel ■::t'scha{fen, da „die erlanrhten Nach- 
folger des grolsBU Konigü in hochherzigem Ent^hlusse die Verüttentlichung 
der urkundlichen Zeu^rnisse seines Wirkens gestattet haben". Die Staats- 
Archive haben nunmehr der For&chung ihre Pforten geöffnet. — Pro- 
fessor Koaer war langjähriger Mitarbeiter an den friderieiaBiacben Publi- 
kationen der Berliner Akademie und prenbischen Archiv-Verwaltung; die 
ersten 10 Made der „Politisohen Gorreqpondenx Friedridi dea Gtolken'* hat 
er bearbdtet. Er ist deshalb der bernfenste Mann, das Werk einer 
arknndlich beglaubigten Biographie Friedrichs in die Hand zu 
nahmen. — Bereits im Jahre 1886 erschien, gelegentlich des Säkular* 
Erinnerungsiages des Todes Friedrichs, Kosers , Friedrich der Grofse 
als Kronprinz", wplf^be Schrift unter den bei jenem Anlafs erschienenen 
in erster '^tpüf p; ti t?uit werden mufste. 8ie verbreitete in erwünschter 
Weise Lifht ii er viele Geschehnisse der ersten 28 Lebensjahre def? KSnigs; 
es war <iie> um so dankenswerter, ak die Jugendzeit desselben im Laufe 
der Zeit mit einem formlichen Sagenkreis umwoben worden war. Die 
Fortaetsung dieser gediegenen Arbeit liegt vor, doch nicht in 
der biaherigen Form, soncieni eingefttgt in den breiteren Rahmen der im 
Bracheinen begriiFeuen „Bibliothek deutscher Qeschiehte", deren X. Band 
«KSnig Friedrich der Qrofse" Inlden wird. — Die Daiatellnng der 
Regiemngsseit Friedrichs ist auf zwei BSnde Teranlagt» tob denen der 
vorliegende erste Halb band die Zeit bis snm Dreedner Frieden von 



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ümMhM in d«r Mililii-Littmlar. 



262 



1745 umfafst. — Das Kosersche Buch ist in diesen Tagen, da wir die 
Erinnemngsfeier an die vor 150 Jahren stattgehabte ikt'unht^äi^igujig 
Friedrichs begehen» eine bewodciB wUlkommoie Gabe. — Wir empfehlen 
äer Beachtung des Laters niniefast das gedankenreiche Vorwort» in welchem 
Verfimer n* A. sagt: „Erst in der Qebnrtaetnnde der dentachen Einheit 
war die bahnbredieDde Bedeatnng der Regiwnng IViedricha andi fiir die 
dentäche Geschichte erwiesen. Zugleich aber m niste einem Oeeehleeht, 
welches, wie das unsere, unter dem Eindruck einer grofsen Hen scberge* 
stalt den monarchischen Gedanken mächtig erstarken sah, erhöhtes Ver» 
stilndnis ftir Pinen König sieh erschlielsen, der mit seiner Auffassung dex 
KönigspfiicliT and seiner Übung des Könifsamtes, der mit >nnt in Gelöbnis, 
deh Staates erater Diener sein zu wollen, dem Königtum eine neue Wahr- 
heit und eine neue Weihe gegeben hat.' — Der vorliegende Halbband 
zeifüllt in 3 Bücher: 1) Vor dem Kampf, 2) Der erste ^bleäijsche Krieg, 
3) Ursprung und Verlauf dee sweiten schleeiaehen Krieges; jedes Bndi in 
2 — 4 Abschnitte. Kosers Darstellungsweise ist, wie £es bei einer Eor- 
Msfaung dieser Gattung selbstverstftndlich, «ne streng kritische und 
doch, getragen von hoher Begeistomng ftr seinen Helden, eine gUüiaende 
and fesselnde zu nennen. Die Grundzttge der fridericianischen Politik 
werden, an der Hand der „Politischen Korrespondens**, in meisterhafter 
Weise klar gelegt Auch die Darstellung der kriegerischen Begel>enheiten 
wird, mit Berücksichtigung der durch den Rahmen der Arbeit gebotenen 
Bescliränkung, selbst weitgehenden Ansprüchen genügen. Die Aufnahme 
knegsgeschichtlicher Einzelheiten vertjot sich von selbst, docli wird m;in 
der Schilderung der ein5^elnen Schlachten: Mollwitz, Czaslau, Holienliied- 
berg, Soor und Kesüelädorf in ihrer klaren und knappen Form, die Aner- 
kennung, auch vom kriegi^eschichtlichen Standpunkte, nicht veraagen 
kennen. Vidleidit wäre, ftr das grobe Lesepnbliknm, die Beigabe einiger 
Planchen, in der Art» wie diee GrOnhagen in seiner ^Geschichte des ersten 
sehlesischen Krieges'* gethan hat, hier am Hatse gewesen. — Die hohe 
kritische Begabung Kosers äussert sich in diesem Halbbande in bemerkens- 
werter Weise. Wie tre£fend urteilt er z. B. über den mifsglückten mSh- 
rischen Feldzug: „in seinem Ergebnis eine schwere EnttUuschung** ; ferner 
über den Kleinschnellendorfer Vortrag, von dessen Bedeuttmg I*reufs z. B. 
kaum eine Ahnung hat. Koser nennt ihn einen „P'ehler, d<>r sich in einem 
langen Leben nicht wett machen liefs; die Schuld mufste dereinst gesühnt 
werden in einem unermefslichen Leiden". — Dafs neben Friedrich, dem 
Staatsmann und Feldherrn, auch die rein meubchliche Seite im Leben 
dieses edlen Forsten gebohiende Beachtung gefunden hat, wollen wir 
noch ausdrtteklich erwtthnen* — Wir mflssen uns auf diese wenigen Finger- 
xeige beschrUnkm und kOnnen veiaidiem, dafe uns die Lesung des Koser- 
sehen Bmohee ein hoher Genuls war. Wir b^rOboi dasselbe als eine der 
gehaltToUsten Eradieinungen der Friedridis-Litteratur in neuerer Zeit. 

1. 



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263 



UmaduHi in d«r MmmwiaManlvr. 



Die Fttrstinnen auf dem Throne der Hohenzollem in Branden- 
bnr^-Pretifsen. Von F. Born hak. Mit 27 Bildnissen. 
Berlin. Verlag von M. Schorfs. Preis 7,50 M., geb. 9 M. 

Verfasser hat mit Benützung der einschlägigen Quellwerke ein im 
besten Sinne populäres Werk geschaffen, dem wir weite Yorbreilung 
wünschen. E?« ist Thats.'u.hfi, dafs namentlich unsere Frauenwelt ihn; 
geschichtlichen Kennlniise ehor aus den romanhaften Schilderungen einer 
MUhlbach und verwandter Geister als au^ äolideu Geschichtswerken zu 
schöpfen liebt, vornehmlich weil der wissenschaftliche Ton der letzteren 
diese Ereue nicht «uspriebi Hier mulii die pqMdlre GeeeliiditMcfarnbnDg 
eingxeifcn, am eine empfindlidie Lflcke im Geistesleben nnseres Volkes 
ansznfiUlen. ESs sind im Gänsen 34 FOntinnen d«r HdiensoUem» deren 
Einselbiograi^nen in diesem 628 Seiten flillenden Bsnde gegeben werden, 
von der Gemahlin des KurfÜrsion Friedrich I., Elisabeth von Bayern, bis 
zu 1. M. der regierenden Kaiserin Augu^^te Victoria. In der Biographie 
der Sophie Dorothea, Gemahlin Friedrich Wilhelm L, ist, unseres Eraehtens, 
Verfasser wohl zu sehr den fragwtirdigen, von der Geschichtsforschung 
nicht für voll berechtigt anerkannten „Denkwürdigkeiten der .Markgräfin 
Wilhelmine von Raireutb**, gefolgt. So kommt es, dafs der V^ater Friedlich 
dtiä GroFsen hier alkusehr als Haus-Tyrann ge^hildert ist, was der ge- 
schichtlichen Wahrheit nicht völlig entspricht. Auch ist es inittmlich, 
dsfii sn dieser Zeit invalide Unteroffisiere Sdralmeister worden; dies geschab 
vorttbergeiiend erst in den leisten Regierungsjahren Friedlich des Groben. 
Femer wftre der Erwtthnang noch wert gewesen, in welcher Weiss des 
Grolsen Knxfbrsten erste Gemahlin, die edle Lonise Hean^te, dann die 
schon genannte Sophie Dorothea sich um das Wohl der Witwen und 
Rinder von Ofßzieren und Soldaten bemüheten. Doch diee sind Kleinig- 
keiten, welche dem Werte dieses Buches keinen Abbruch thnn, es ssi 
besonders unseren Frauen und Töchtern angelegMitlich empfohlen. 4. 

Der Polnisch-Russische Krieg von 1831. Von Herr mann 
Kunz, Major a. D. Mit 5 Plänen. Berlin 1890. Verlag 
von Fr. Luckhardt. 

Abermals haben wir über eine Schrift des fieifsigen Vfn fassers zu be- 
richten. Dieselbe, ein Sonderabdruck ans der „Deutschen ]1t preszeifiing", 
verfolgt, wie dessen früher erschienene Sehiiften, den Zweck, Ja.«; Studium 
der Kriegsgeschichte zu fördern; doch nicht der ,Jungc Offizier" allein, 
sondern alle Schichten des Offiziei^Corps werden aus dieser Arbeit Nutzen 
ziehen kOonen, indem dieselbe sowohl xnr schnellen Orientierong anf diesem 
in mehr als einer Hinsiefat interessanten Kiiegsscfasnplatse, als xa Vor- 
arbeiten eines grttndlüehen Stndioms, auch für Wintsrarbeitsn nnd Vor- 
trHge, notshsr gemacht weiden kann. Die miütSx^politiseha Seite dieses 
Feldsnges ist im ersten Ejipitel nur gestreift worden, da l)eab8ichtigt 
wnrde, die taktischen Voxgüiige mit wttnscbeoswertsr Grttndlichkeit sa 



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864 



behandein. Ks ist dies dem Verfasser, dessen Gesc^hick auf diesem i-rebietö 
sich bereita bewährt hat, trfif^'liuh gelungen, dies betrifft besonders die 
Darstellnngen der Schlacbitin von Grochow und Ostrolenka, dann die 
whlreiobeQ eingeätreuten Beaohreibungen dee Oelfindee, dMMB gonaiitt 
Kenniais auf diesem ziemÜGli anhftkanntwi, ganz eigenartigeik Kaagar 
ecliaiipUtw die Vorbedingung jedweden taktisehen Erfolges ist Wir 
mfiehten die Kons*scl»n Sefariften eine Taktik in Beispielen nennen 
und legen denselben für die Verbreitiing kriegageeobiclitlkiher Kenntnisse 
einen hoben W« rt boi. Wir mllasen immer wieder betonen, dafs in dieser 
Beziehung in den Kreisen unserer Offiziere nooh mehr geschehen mufs, 
denn bisher! „Die Lehren der Krie<»!«f:re«!ehichte werden," sagt Verfasser 
treffend im Schluikkspitel, „eben leider gar lu leicht vergessen und bei 
Weitem ni( ht so beherzigt, wie dies wünschenswert ist. Nur zu oft mufü 
eine Natir)n diesell« Eriahriin«.^ mit viehim Hinte aufs Neue erkaufen, 
welche bie in früheren Kriegen schon teuer genug befahlt hatte." ~ 
Wir wttnschen aus diesem Grande dieser Neuheit unserer taküscben 
Littemior zablrsiehe and eifrige Leser. 1. 

Gesehichte des Colbergschen Grenadier- Regiments Graf 
Gneisenaa (2. pommersches) Nr. 9. 1842 bis 1889. 
Auf höheren Befehl YvrtMi ron Petermann, Hanptmann 
und Compagnie-Obef im Regiment. Berlin 1889. VXU und 
268 Seiten. Preis M. S,60. 

Mai^r V Hat'f'n'^ky, welcher 1H41 eino Geschichte des 9. Tnfanterie- 
R^imeut^ geiidiiui i'<>lbtiigsches veröfJentlichte , sehlofs dieselbe mit den 
Worten: „Unvergänglich wird mit dem Namen ("ollierg und den ange- 
stammten ruhmvollen Panieren des Begimentb der Geist der Ti^ferkeit 
nnd der toeoen Liebe fttr König und Yaterland dnndi alle Zeiten in 
demselben IbrUeben.'^ Die Voraussage ist gans nnd voll in Erftllnng 
gegangen. Der sie niederechrieb hatte bald darauf Gelegenheit den einen 
Teil desselben snr That werden in sehen. Die ^ne sengte sieh im Jahre 
1648, als den Sommer über zwei Bataillone des R^ments zur Ganison 
von Berlin gehörten. Die alte Tapferkeit durfte sich in den Kriegen von 
1866 und von 1870/71 bewähren, welche beide das Regiment im Verbände 
der? II. Armee-Corps mitmachte. In jenem focht es in Böhmen, kam aber 
nur bf>i Knniggrätz ins Feuer und auch hier ohne durch aufsergewöhnlicbe 
Leistungen hervortreten zu können, in diesem aixir hatte es seinen reich- 
lichen Anteil an Kampf und Sieg, an Ehre und Auszeichnung: Zuerst 
bei Gravelotte, dann am 3ti. November und 2. Dezember vor Paris und 
nüetat bti den Kämpfen der Sttdannee. Alles wm das B^iment in 
den ftst lUnfidig Jahren, welche der swdte Teil semer Oesohieble begreift, 
erlebt hat, ist httbech entfilt. Die Datstellnng des Verfiuse» ftbetall 
angemessen, kter nnd sschlich, snweilen gar vn knapp; namentlieh das 
«StüDebeD** im Kriegs nnd unter aalbeqiviiObnliehen VerhSltnissen, wXhrsnd 



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265 



Uneehu in der Militii^'LifttMratiir. 



der Okkupationszeit, bKtte mehr anagemalt werden sollen. Ein liriitel 
des Bache« gehört den Beilagen, welche die eigentliche Brzählung zweck- 
mtLfeig eigSnzen und begrOiideiL In einer denelben sind sehr Terständlicb 
ond tLbenicbtlich die VerlBdeningeni wtlelie BeUeaduig» AnarllstaBg und 
Bewaffirang seit 1842 «jähren baben» nnd ihr gqgenwUrtiger Znetud 
geschildert* Statt der Jahresnachweise Aber Ab- und Zugang im Offizier- 
Corps hütt«n wir lieber ein Yeneiehnis der lof/tercn mit lebwsgeschichi- 
lichen Nachrichten gelia1)t. Ein yonOgücbes Bild des gegenwärtigen hohen 
Chefs des RejEnroents Graf Gneisenaa, des Feldmarschall Grat Moltke, 
.rpvf'W ht dem 13u( he zu besonderer Zierde, vorsttgliche Karten und Pläne 
erltiiühtern das Verständnis. 14. 

Selbstfltändi^c Patrouillen. Fine Forderung? der Taktik dpr 
neuen Waffen und des rauch schwachen Pulvers. Von (reorg 
Frh. V. d. Goltz, Hauptmann und Compagniechei' i)u luf.- 
Regt. Prinz Friedrich der Niederlande (2. Westf.) Nr. 15. 
Berlin 1890. E. S. Mittler & Sohn. 

Oer Verfas80r gebt vom dem Gmndsatz aus, dafs da^; Heranführen 
der Schützenlinien gegen einen mit kleinkalibrigen Gewehren und rauch- 
In^em Pulver ausjjcrilsteten Gcj^fiipr ohno vorh^r^^egangene vorsichtige und 
^Mfindliche Aufkliii unj,', zugleirli ll^'M-hiiltigung de^^selben durch Feuer, 
nicht mehr niof^lich ist. Zu diebem Zwecke 6o\l eine Elite-Truppe ge- 
schaffen werden, die den Gegner in den vorbereitenden Stadien des Gefechts 
mit numerisch schwachen aber intelL^enlen Kräften be»cbäfligen soll. 
Diese ISite-Tnippe setzt sieb ans selbeta^üidigen FatronDleii »nHammga, 
?on denen jede Oompagnie im &iege 3 FObrer» 24 Aüuui bentit, die 
schon im Frieden besonders für diesen Dienst ansgesncbt und ausgebildet 
sind, auch besondere Aboncben als Fatronilleare tragen. Selbst ständig 
werden sie deshalb genannt, weil sie anter ümstHnden von der Oompagnie 
getrennt, von Bataillonen oder Regimentern vereinigi , hcl Rinleitung der 
Gefechte oder bei Verfolgungen Verwendung finden können. Ihre Haupt- 
aufgalw soll darin bestehen, beim Angriff die feindliche Stellung auf- 
zuklären und durch Beschiofsun^r vnn tredeokten Punkten aus die Heran- 
führung der 8chüt^eniinien aul wirksame Feuerentfernung zu errafiglichen, 
bei der Verteidigung die Stellung xu verschleiern und den Angreifer zu 
frtlher EIntwicklung zu zwingen. - Der Verfasser hat es» nicht unter- 
lassen, eine genane Sobilderung des Aosbildimgganges dieser FatromUeore 
nnd deren Verwendung beim Angriff und bei der Vmieidigimg zu geben. 
Wir können nns mit den vom Verfasser an%estelltan Omndsiben nnr 
durchweg einveMtanden erUJbren. Bs ist zweifellos, dab wir bei der 
durch die erhöhte Wirkung der Feuerwaffen eingeschrataktsn Lnstungs- 
fUhigkeit der Kavallerie im Aufklänungsdieost einen Ersatz nur durch 
die Infanterie-Patrouillen schaffen können« ICsg man auch über die Art 
und Weise der Ausbildung und Zusanmensetanng disser PatconiUen 



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Üatdun in der MOMt^UHUnbu, 



96e 



anderer Ansicht sein, so mufs man doch '1*^ru Verfasser zugestelien, dafs 
er es verstanden hat , dir iiigemeinen Grundsätze hierfür in anregender 
and geistreicher Weise zusammeuxustellen. D. 

La cayalerie dans la gnem moderne. Par A. A. Bergeiv 
Levraiüt et Cie. Paris et Nancy 1890. 146 p. (M. 2,40). 

Die Uebie Schrift irt der Abdruck eineB AnfsatMB, welolier in der 
Beme des deu uondct vom 15. September und vom 1&. November 1889 
▼erOftntlibht wurde. Sie ist zu Nntz und Frommen der französischen 
Kavallerie gescbrieben; anf diese beuehen eiofa die Fcuderongen dps Ver- 
fassers: die Nutzanwendungen aber, welche er von seinen Behauptungen 
und Glaubenssätzen macht, finden auf eine jegliche Reiterei Anwendung. 
Er ist ein überzeugender Verehrer der Waffe, begeistert von ihrem Werte 
und von ihrer Wichtigkeit und tiberzeugt, dafs ihre Kollo, trotz aller 
VervoUkomiuuungen , welche ds^ inÜanteriegewehr und das Geschütz er- 
fahren haben, nicht ausgespielt ist. Er steht auf dem Standpunkte des 
Feldmanebatl Wiangel, wcÄchef seine Hoffiiung auf die stete Wiederkelir 
bolier mhmvoUer Theten der Karalisrie vomebmlich auf die Wahrheit 
grlbidete, dafs der Mensdi nie anfhOren werde Mensch su sein, und dals 
eine hsnnstllmiende geschlossene Beitermasse ihm ewig einen anderen 
Kindruck machen werde als eine Scheibe. An der Hand der Ereignisse 
der letzten Kri^ wird gezeigt, dals die Aufgaben, welche der Waffe zu- 
fallen, sich nicht vermindert, sondern vermehrt haben, zu dem taktischen 
Gebiete, welches dieselbe l)ehauitrt habe, sei das strategische hinzu- 
gekommen. Dafe die Erfüllung dieser Aufgaben sehr viel schwieriger 
{geworden sei, wird nicht l>estritten; als die wesentlitiisten Hilfsmittel, 
um sich dazu in Stand zu setzen, werden Massenvervveuduag der Waffe 
und Ausrüstung mit der Lanze empfohlen. Das Interesse, welches das 
frisch geschriebene kleine Buch erweckt » wttdist durch die Persönlichkeit, 
wekhe man in dem namenlossn Schriftsteller TSimntet: Es soll der 
General t. QaililliBi sein, ein Mann» welchem Niemand des fieeht ab- 
sprechen wird, ein Wort Uber Beitenuigriffe sa reden. 14. 

Artilleristische Liiteratui*. 

1. Praktische Winke für die Feuerleitung einer Feldbat- 
terie beim Schiefsen gegen Ziele des Feld-Krieges. Berlin 1889. 
Friedrich Luekhardt. Die Schrift (ein Sonderabdruek aus der „Deuttschen 
Heeres-Zeitung"^ ) l)ehandelt tiauptt^iiehlich Punkte, welc he durch praktische 
Eiiahrungon beim Schiefsen als wichtig erkannt worden sind. Die hierbei 
getroffene Einteilung, in: „Verhalten gegen Artillerie, gegen Infanterie, 
gegen Kafallerie, dann beim Zielwechsel und scUielsiioh beim Schieben 
im AbteOnngs-Verbende" ist eine entspredieiide. Dasselbe Urteil kann 
aneh besOglicb des Inhalts der Schrift ansgesproehen werden. Nor nach- 
stehende zwei Punkte geben m Gegenbemerkongeit VeraaUusong. Beim 
Bektmpfon von lufiuiterie in Schtttseagiftben wird «Seite 89'* angi{gebeU| 



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267 



Umehan in der MOitlr.Littanta'. 



dafs, wenn diese wesentlich ausgedehnter wie die Breite der Batterie sind, 
dieselben in Abschnitte 7-u teilen und hinter einander zu bescbiefsen seien, 
während die^eü Verfahren „Seite 19" schon empfohlen wurde, wenn die 
SebfltmiHiiie ausgedehnter wie die Bttät» der eigenen Batterie krt Nur 
dem nhier* zoerat erwähnten Ver&bren kann, da die feindlidie SchOtien- 
linie doch oflianbar derart beklmpft werden mnb, dafa möglichst kein 
Teil denelben nnbeachoMen Uelht Bzenier-Beglement fUr die Feld- 
Artillerie, Ziffer 3M, Absatz 3 — mit dem Beiftlgen bei^fetreten werden, 
daüs dann atets der gefährlichere besw. wichtigere Teil zuerst bekämpft 
werden muf& Seite 30 führt Verfasser an, dafs es nur kurze Zeitpunkte 
sein werden, in welchen fahrende ArtiHerie das Feuer gegen Karallerie 
zu richten haben winl. Auch die den Kavallerie-Divisionon b^ipegebene 
reitende Artillerie wird die feindliche Kavallerie nur dann mu Ertol^' be- 
schießen können, wenn sie teuergewandt genug ist. um in dem meist nur 
kxirzen Gefechtsverlauf Wirkung zu erzielen — E.-U. für Feld-Artillerie, 
Ziftar 338, Abaata 2. — Obwohl die^ onatrdtig auf Grand eigener Tb&tig^ 
keit, klar nnd knri verfikfete Sdixift noch nicht Erfiüirangen im Sdiieben 
gegen ranchacbwaebe Ziele berttckaichtigen konnte, entl^t dieadbe, ina- 
beacndere für im Sdhieben ala Battmieftlhzw wenig thitig geweaene Offi« 
riete, viel Beheragenswertee. 

2. Des Variations dans le Tir des Canons ray^s et de la 
dätermination scientifique des rdgles pratiques du tir d< cp«: 
Canons, par A. Bertranf^, major an 4e Rtf'giment de TArtillerie beige. 
Bruxelle^ et Leipzig. Librairie militaire. C. Nliuiuardt. 1HH9 Diese 
Schrift, ein Bonderabdruck aus der Kevue militaire l)e.lge, ist bfiniilit, eine, 
auf den Gesetzen der Streuung lH>rubende, wissenschaftliche Grundlage ftlr 
praktische SchieCsregeln der Artiileiie zu geben. Zu dieeem Zweck werden 
in mehrwoi TabeUen die wahneheinliehen Abweiehnngan — halbe, mitt- 
lere (50proaeDtige) Streanngen ftr die Entfemnngm von 600 bia 
8000 Meter angegeben, und «war zuerst eines einzelnen Geaohfltaaa bei 
ein und demselben Schieben, hierauf bei Terachiedenen Schieben, dann der 
mittleren TreflQpnnkte beim Schief^en aus mehreren Geschützen etc. Ge> 
atfitst hierauf, wird die wahrscheinliche Abweidiung der SchOsae einer 
ganzen Batterie gleich der einfachen Summe zweier nnaltliüngig von ein- 
ander wirkenden Fehlerquellen — wahrscheinliche Abweichung der Schflsso 
eines und desselben < tf^schützes plus wahrscheirlinfie Abweichung der mitt' 
leren Treffpunkte der sechs Geschütze der Batterie — angenoniraen. Dieses 
ist aber nicht richtig. Vom Mathematiker Didion wurde nSmlich nach- 
gewiesen, dafs die wahrscheinliche Abweichung der Schüsse einer 
gansen Batterie nur die Quadratwurael aus der Summe der 
Quadrate der beiden unabhingig von einander wirkenden Feh- 
lerquellen aein kann. IMe geradezu Staunen erregende Übereinatim- 
mung dieaer Theorie mit der Praria und der hohe pisktiache Wert dea 
IHdionschen Geaetzes, welches zuerst nur eine rdn theoretiadw Bedautuig 
SU haben schien, ist bereite 1884, im Axtfai? Ditr die ArtOleri^ nnd In* 



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UmiehM in d«r lOUtli^LiMinite. 



368 



genieur-Offiziere des Deutschen Reichsheeres, 91. Band, in einem „über 
die Fi^zisionüleistung der Feld -Artillerie** gebrachten Aofsatz, anter Zu- 
grandelegung eines Berichies der Kruppschen Fabrik „Uber dua Anschieftien 
von 94 Stück 8,4 cm Feldkanonen auf 1000 m in den Jahren 1880 bb 
1683*, auf das Eingehendste naohgewieson woiden. — Die TOrliegende 
Schrift enthllt fenier Ungo« Erwägungen »flber die Anzahl der Schusse, 
ans welchen sich eine Grnppe twsekmBfing snsanunensetie» Sechs SchOsaen 
nnd Eonektw, wenn man unter diesen entweder nur einen Kon- oder 
Weitüchofs hat — raifhin dem in unseren Scliier^regeln nadi dem Oabel- 
scbieben angenommenen Vec&hren — wird der Vonnig g^ben. 

32. 

Beiträge zum Kriegsrecbt im Mittelalter, insbesondere in den 
Kämpfen, an welchen Dentscliland beteiligt war. Von 
Albert Levy, Dr. pbQ. BieeUui. Verlag yon W. Koebner. 
1890. 

Vorliegende Arbeit, das 89. Heft der aCntersnchongen snr deatsohen 
Staats- nnd Beohtsgsschlchte*^. herausgigeben von Dr. 0. Gierke, behandelt 
ein bisUuig nahsan gtnslidi vetnachHisMgtes ^ema, wdohes nicht den 
Jnrisien allein, sondern in enter Stelle den OeschiohtsforBdier in hohem 

Grade fesseln wird ; sie stellt dar den An&ng einer historischen Dantellnng 
des Krisgsrechts im Mittelalter anf Grand quellenmäTsiger Forschung 
und zwar umfassend die Zeit vom 8, bis zum Anfang des 11. Jahrliundorf s. 
Es ist eistaunlicli, welch' unklare Begriffe Uber das Völkerrecht, dann das 
Krieg.srecht y'r^<-l• Zeit in der einf^chlägigen Litteralu r im allgemeinen 
herrschen; .s<'itt'n kommt dipselhe in ilut'in reclitageÄchiubtlicben Tf^il tJl>er 
allgemeine Betrachtungen hinaus. Von diesem Standpunkte begrur^en wir 
eine Arbeit mit Freuden, welche es sich zur Aufgabe gestellt hat, quellen- 
mtfirig und rein hutoriseh mitniteilen, wie sich die Völker im 
Kriege in Beang anf solche Fragen verhielten, die schon an 
sieh, ohne dafs man das Criterinm modernen Sriegsreohts an- 
legt, rein kriegsreehtlicher Natur waren nnd, wenn auch nicht 
theoretisch erörtert, doch praktisch gelöst werden mulsten. — Verfasser 
bat sein Thema in 5 Abschnitte gegliedert: 1. Beginn der Feindseligkeiten* 
2, Behandlung des feindlichen Landes. 3. Behandlung feindlicher Personen. 
4. Behandiunp f] er Gefangenen. 5. Walienstillstand, Neufmütiit, fieendigung 
der Feindseligkeiten. Eine Beilage »;nthiilt dann das VenLejchnis der in 
der Arbeit bei-ücksichtiK'ten Kämpfe und Kriege, geschieden in „Krieg 
'i6wiächen dentschen und iiuiseren Feinden" (christliche und nicht christliche), 
dann „Innere Kriege" ; im Ganzen 281 Heerzüge, Feldzlige, Kämpfe, Anf- 
Btlade, Banbaflge, Empörungen, Fehden n. dergl, vom Jahre 754 Ins 102(>. 
Bbenso entannnd grols ist die Zahl der Qnellenwerke, welche dttr fleib^ 
Veiftflser sn Bäte gesogen hat In Snnuna: Es ist» aoeb in Anbeteacht 
der ttberaus gesdiiÄten, nnd fesselnde E^rstellung eine anberordentlich 
gediegene Forscherarbeit» welche abennals eine LOoke in nnsersr krisgi^ 



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269 



Urnadmi in der MUiiir-Littontar. 



schichtlichen Litt^rattir scbliefst. Wir kennen nur wünschen, ^afs Ver- 
fasser seine Absiebt, diese Arbeit hin zum Ende des Mittelalters fortzufUbren, 
zur AusfUhnmg bringen möge! 1. 

Die Müitftrgesetze des Deotschen Reichs mit Erläuterungen, 

herausgeben auf VerantasHnn^ des Königlicli Preofsischen 
Kriegs- Ministeriums. Neue Bearbeitung. (Abgeschlossen Ende 
1889.) 2 Bande. Beriin 1890. £. S. MitÜer & Sohn. 
Preis: 27 M. 

Die vorliegende Neubearbeitung dos 1^78 erschieMIIM Werkes ist 
durch die zahlmchnn alüfnderadoti gesetzlichen Bestimmungen lu^^^rf^ers 
auf dem Gebiete der ^Wehrpflicht" und der „Naturalleistungen" zur üentige 
begründet. Der prst »• Band enthUlt: Reichsverfassung, Militär-Konventionen, 
Wehrpflicht und Organisation des Reiehsheeres, Naturalleistungen für das 
Heerwesen; der zweite: Rechtsverhiiltnisije der Beamten der MUitiirver- 
waltong, Versorgungswesen, Geaetze verschiedensten Inhalts — chronologische 
Obenidit. Diese Sanunluag eDthült dmnach alle auf das Hewweseii und 
die Landesreitsidigiuig besUgUcheii, entsprechend erlKnterteD gesetadiehen 
Vonduriftea ond AmftÜinmgBhegtiininnngen, welche his zum Jahreasdilnsee 
1889 efBchienen sind. I^n Werk dieser Art bedarf kanee besonderen 
Empfehlungsbriefes. Seine nnbedingte Nützlichkeit und Brauchbarkeit, 
namentlich für Bureanzwecke, überheben es eines aolchen. Diese beiden 
stark und elegant in Halbfranz gohundonen Rfinde werden keinem Bureau 
fehlen dürfen. Vienelrlit entschliefst sieh die Verlagsbuchhandlung dazu, 
noch nachträglich ein alphabetisch geordnetes Sachregister zu dem um- 
faugreichen Werke zu liefern; dasselbe würde als Nachschtagebucb 
seinem Zwecke dann /weifelloss noch l>c.s.ser dienen. 3. 

Handbuch fßr die OfAziere des Beurlanbtenstandes der 
Infimterie. Berlin 1890. E. S. Mittler & Sohn. Preis 5 M., 
Das von dem ObenllieQtenaBt s. D. Transfeldt ver&fete Werk gieht 

in knapper, doch ersehnpfender Weise das für den Offizier des B nrlaubten- 
standes Wicbtigs-te. üsich der im ei-sten Teil gegebenen Obersiioht Aber 
den Inhalt Ijesteht dasselbe aus 4 Teilen, Einleitung, innerer Dienst 
Hufserer Dienst, Mobilmachung. — Hi.«*her i^t nur der 1. Teil und 
der VIIT. Abschnitt des 3. Teiles erschienen. Hoffentlich iHfpt die Er- 
gänzung des Werkes nicht lange auf sich warten, weil m in seiner gegen- 
wärtigen lOckenhatteii Gestalt für die Verwendung durch die jetzt bereits 
ihre Übungen beginnenden Offiziere nicht verwertbar wäre. Der 1. Teil 
enthlH die Darlegung der FfliohtMi der OfBsiere des Benriaabtanatandea 
sowie die fOr ihren dienatUdhok Y«rkehr mit Vorgesetsten und BahSxden 
notwendigen Vorsefariften, ferner die Beatiramnngen Uber Heldepflidit oad 
Kontrolle. Ba werden hievdnrdi jeden&Ua manohe Stantngen venniedett 
werden, da nicht jedem Offizier die Bestiinmungen der Heer- und Wehr- 
ordnnng, des KontroUgesetoes und des Beichs-Militttr-Oesetses irom S. Mai 



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Umschau iu der IUilit4r-Litteratar. 



870 



1874 voUkommcn gegeawUrtig and. — Der YTII. AbscbBÜt ist berdta 
als Sonderabdrnek unter dem Titel „die heutigen Waffen, Mnnition und 
Schiebaoebildiing der dentachen In&nterie auf Omnd der Beetimmmigen 
▼om Jahre 1890* «nehienen. In ihm wird eine iScIuldennig dea Gewehra 88 

und zwar stets im Vergleich zum Gewehr 71/84 gegeben, an weldie sich 
dne Darlegung der Sehie&auafaüdixng der Infiuiterie anacUieCst — 

17. 

Die Aashebung. Ein Batgeber für die Ober-Eraats- und Eraata- 
Kommissioneo. Ton Borowaki, Haoptnann. Berlin 1890. 
Verlag von 0. Liebmann. Preia 2,80 M. 

„Eine tieifäige uu<l sorgfUltige Arbeit, die dem oft mtthgamen und zeit- 
ranbenden Nadmachen Ton Beatimniungen dw Heer- und Wehiordnung 
abhilfti indem YerikaBer eine nach der ZaSi geordnete Znaammenstellung 
?en allem auf die Anahebong Beattglichem giebt und sie mit praktiaoheD, 
aua der Erfikhmng geschöpften BatschUigen verbindet Vielleicht wllrde 
es dem Zwecke noch mehr genützt haben, wenn das Gegebene hin und 
wieder in eine etwas knapper^" Form gefabt worden yfäre. Bei einer 
etwaigen Neuauflage dürften wohl Fremdwörter, wie „Resumö, Desertion, 
Rcpaitition" u. dergl. durch nZusammenfassong, Fahnenflacht, VcrteiluDg" 
besser 2u ersetzen sein.** 2tt. 

Experimente ttber Hin- nnd Rttekllng der Militir-Brief- 
tanben* Mit Qeiiebmigung dea Verfaaaera ana dem Italieniscben 
fibenetat und mit einer Eiideitnng veneben von Fellmer, 
Lieatenaat. Berlin 1889. F. Luekbardt. Preis 0,60 M. 
Dem Hauptmann Malagoli, Leiter dea italieniacben llDlitSr'BrieAanben- 
Wesens, iat es nach nnalglldien Mllhen gelungen, Brieftanben ao abaa- 
richten, dab man sie ftlr den Hin- und Bflckflng benatzen kann. Es ist 
diese Neuerung anf genanntem Gebiete geradezu umgestaltend und der 
höchsten Beachtung, vor Allem der militärischen Behörden, dann aller 
Liebhaher des Firieftauben^portes', wtirdig. Die Methode des TTanptmann 
Malagoli wir«] knr? dargelegt und he\s-it">on, Jaf> die Brieftaube einer 
Dressur zum Hm- und Kttckflug, aber nur auf liIntfernungeD bis zu 65 km, 
zugänglich ist. 2. 

Nenheiteii der franzMsehen Hiliti^Littenitnr. 

Die sehr rtthiige Verlagsbuchhandlung von Henri CSiarles Lavanselle 
(Paris und Limoges) ttbersaidete «ne Amabl in ihrem Verlage eraebienener 
Sebriftea, von denen wir lUTÖrderat die nachfolgenden namhaft machen: 

1. £tnde Sur le Tir d^Infanterie par H. Patf e, capitaine etc. (Preis 
2 frcs.) Verfasser teilt seinen Stoflf in 4 Teile, \vel( he den flachen Bogen- 
^ois (tir plongeant), den indirekten Schufs, die Trefi'werte und das Massen- 
f»»ner in gebfl^ehtem Gelände, schliefslich die Wirkung der kleinkalibrigen 

HanJt>'npr'.v;i ♦T^n V^pliandpln. T,pf ztPvrM- 'IVil ist der wichtigste; sein Studium 

18 



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271 



UiDflcliao in der Militir-Litterator. 



ist von aktuellem Interesse und dürfte als ein Beitrag /ur Lösung Jtr 
wichtigen, schwebenden Frage zu betrachten sein, welche taktit«chen 
Folgen die Einführung der Kleinkaüber-Gftwtbra haben wird. — 2. Les 
Tribanftai maritimes auz eolonies. (P^reis 0,50 frcs.) Ein Amnig 
ans den DeBtimmongen des Dekrets v<wn 4. Oktober Ober die Beoiganisation 
der maritimen HiUtBrgeridite in den Kolonien; die Kenntnis dieser Be- 
stimmungen dürfte vielleiclit fttr unsere Marine-Offiziere von «nnigem 
Interesse sein. — 3. Decret du 14. Janvier 1889 portant Regle- 
ment Sur r Administration et la Comptabilite des Corps de 
troupe. 2" cdition. (Preis 3 frcs.) Dieses Reglement behan(!elt das 
Rechnungswesen des franzüsisi hen Truj»peudien8tes und fordert zu Ver- 
gleichen mit unsei »-u be^sUglicben Bestimmungen auf. Wir wollen unsere 
Herren Int endiintur- Beamten hiermit auf dasselbe aufmerksam gemacht 
haben. — 4. Deciöiou ai inii) terielle du 6. Octobre 1889, portant modi- 
ficaiions & la Description dn 4. Aoüt 1886, snr Püniforme de la 
Gendarmerie. (Preis 0,80 frcs.) Bekleidiuigs- Reglement der fran- 
cSsischen GendarmMie, richtiger: Ei^gBnzung desselben; ffir den deutschen 
Leser von geringem Interesse. — 5. Instructions int^rienres des 
jennes soldats de TArtillerie. Dieses handUche Htttfsbnch für den 
theoretischen Unterricht d^ Artilleristen enthält Alles, was demselV>en bei 
seinem Diensteint ritt gelehrt werden niufs, nicht zu verge.s8en die Dienst- 
pflichten und die niorali.silie Erziehung des jungen Soldaten, mit welcher 
sich das SchluMapiiel beschilfügt. 4. 

Russiselie Soldatengesebieliteik. Im Dentsolie übersetst tod 
J. Brendel L Band. 1. Der Lientenant niid win Bnnehe 
▼on Waewolod Ganchim. 2. Lawxentjeff von P. S. NikeliQeff. 
Berlin 1890. SchorVedie Buehbandlnng. 
Beide Oeflcbicbtai geben Bilder ans dem rusrischen Soldatenleben und 
nehmen die Heldoi ihrer Ertahlung ans dem vidTerwerteten Kreise des 
OfBrierburacben. Beiden ist eine gewisse, melaaeholisehe Gesamtstimmnng 
eigen. Während aber die erste uns nur einen Blick in die wenig er<|nick- 
liche Lage des aus ärmlichen Verhältnissen hervoigegangenen, sein Leben 
in dem trostlosen Einerlei einer kleinen Garnison verträumenden jungen 
russischen Offiziera thun läfst, der aber dennoch in der Freiheit der ersten 
Jahre seiner neuen Stellung und der Verfügung über einen Diener eine 
innere lieinedigung findet, entrollt uns die andere Bilder ganz verschiedener 
Art. Ist Nikita, der körperlieh mifsgebildete Rekrut, den man von Weib 
und Kind gtriäsen, um ihn »chlieLslich als zum Staat^^dieDät untauglich 
anr „perman«iten Ordonnans' su machen, in welcher Stellang er ein 
tranrig-apaihischse Leben ftlhrt, so finden wir in Lawrentjeff etne Per- 
sönlichkeit von einem durch die tiefe Tragik seines Schicksals herror» 
gerufenem poetischem Interesse. — Der Ver&sser hat als Schauplats der 
Handlung den Kaukasus mit seinen KKmpfen gewShlt. Statt des «Lieute- 
nants der kleinen Garnison** finden «rir den alten Haudegen — Oberst B., 



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UnMobAU in d«r Müitlr-Iittentiir. 



273 



den Typus des „Kaukasier»'* ; Lawrentjeä aber iüt ein duroli die Aut- 
hebnug der LdbeigeaaclHift *m dem Hanse eines gütigen Edelmannes, 
in welchem er seine groben mnsikelisciien Talente ansbüden konnte, ge- 
stotoier »Mnahik", der lam Soldaten »bestimmt* im Kaukasus statt vor 
den Feind >n kommen, seiner nweiben HSnde wegen" TOa seinem im 
Herzen wohlwollenden, aber rohen Oberst zam Barschen gevi^lüt wird. — 
Trauer um eine hoffitnngsloe verlorene Liebe, Verzweiflung Aber die 
schrille Di»sonans anes auf die Dauer onertrKglichen Daseins treibt ihn 
aum Selbstmord. — 17. 
Alideut^chland hief Patriotisches Liederlmch für jeden Deiitschf^n, 
der sein Vaierliind und vaterländischen Gesang liebt, ins- 
besondere Deut^schlands Kri^^irervereinen und das ruhmreiche 
deutache Heer, und tür das gesamte deutsche Volk und 
seine heran wachueude Jugend bestimmt. Herausgegeben von 
C. A ppel und 0. Mauck. 2. Auflage. Weilburg a. d. Lahn. 
imiK C. Appel. 
Der Zweck und d'io HestiinniunL,' der Lieder>aminlun^' ergel>en sich 
aus dem uiulaogreicben Titel zur Genüge. Die grofse Zahl von '612 Liedern, 
zum Teil mit beigefügten Noten, geben einen Begriff von dem Umfange 
der Sammlung, die allen Sangesfreunden aut daa lieste empfohlen werden 
kann, um so mehr, da der Frds von 1 IL 85 PH ftar das gebundene, gut 
ansigeBtattete Buch ein sehr mftfeiger ist. 10. 



IQ. Seewe66D. 

Mnlnlty aid Nortt-tardt Batttit. Nr. 117 bemerkt, entgegen 
den Anfllbrungen des ersten Lordtt der Admiralität Uber den günstigen 
Zustand der englischen Flotte: EiUgland hat allerdings seit einer Reihe 
▼on Jahren grofse Summen für Kreuzer, jedoch nur vongeringerPahr- 
'geschwindigkeit verausgabt, während Frankreicli einen Zuwachs von 
schnellen Panzerschiffen und s. hnellen Kreuzern erhalten hat. 
England besitze nur die Kreuzer lUake und Blenheim, welche der 
französischen Tafre und Forbin oder dem mssischen Admiial Korni- 
loff" an Schnelligkeit überlegen seien. — Hr. 278: Da;s Artillerie- Depot 
hat schon 1887 ein ungünstiges Urteil über die 110 Tons Geschütae ab- 
gegeben. Man nahm damaki an, de würden nach 150 Schufs mit einer 
neuen Stahlsede ▼ersehen werden müssen (to be re-tubed). Die SSent- 
liehe Meinung fordert Jetzt in Folge der ungünstigen Sefaielsresultate, dafs 
ems der Victona-Geschütxe zu einem Schiefsrersnch bis zum Zerspringen 
nach d«n Sdiie^latz von Shoeburyness ubergefühi-t werde und solle 
man es nicht darauf ankommen lassen, die 110 Tons Geschütze erst ihre 
Kraftprobe in der Seeschlacht bestehen zu lassen. - Man beabsichtigt, die 
Passage der "Needles ("VVesteinfahrt zur Rhede von Portsmoutli) untor Mit- 

wirkuxig der Marine durch die aktive und MiliÜa -Artillerie und unter 

18* 



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279 



UmuÜM in KUitir-Litteratinr. 



Zuziebuüf,' einiger Militia-Hegiu)enter der Infanterie in Verteidigungszu- 
stand zu Hetzen. — Von New- York wii^d berichtet, dafs die englische Re- 
gierung ein I5zöliige8 Djnamit-GeschUtz bei der Pneamatic-Dyuamit-Gun 
Oompagnie fllr den Preis von 6000 £ bestellt habe, welches auf dem 
Sehielbpktx von Shoeboryness erprobt weiden aolL — In Folge der mit 
den 110 Tons Scbif^gescbUtzen gemachten flblen Er&hrongen, seheiat mau 
in England sn der Ansicht gekommen zu sein, die fernere Be s e h a ff ong 
der Sehifi^rmierong nntor Zuziehung von Seeoffizieren ausführen zu lassen. 

Amy asd Navy Cazette. Nr. 1560: 1889 wurde der Bau von 10 Pan* 
zerachiffen, 9 gepanzerten Kreuzern erster Klasse, 29 zweiter Klasse und 
18 Torpedobooten vom Pnrlamente genehmigt, welche Vii.s 1894 fertig ge- 
.stellt werden ?-oIlen. — Mr. 1569. Das Schiffsbau- Prograju in des französi- 
schen Marine-Minidters pro 1891 weist 10 ecpanzerte Sclilaohi.-cbirie, 1 ge- 
panzerten Kreuzer erster und 4 zweiter Kluisc, 2 Torpedokrouzer, 5 Tor- 
pedo-Avisos, 2 gepanzerte Kanonenboote, 1 Transport -Depeschen -Boot, 
12 seegehende Torpedoboote und 95 Torpedoboote erster Klasse nadi. -~ 

Amy aad Ntvy iNMlI. Nr. M bringt die folgende Liste ron 
ScbiffiMi, welche dem Senate der Vereinigten Staaten Nordamerikas nun 
Bau empfohloi werden: 10 Pansers^ife erster, 6 dritter Kksse ndt groGBer 
Aosdaner; 8 Panierschiffe erster, 12 zweiter und 5 dritter Klasse Ton 
geringerer Stärke resp. Aosdaner; 6 Hafen -Verteidigungs-, 1 Krenxer- 
Monitor, 1 1 Rammschiffe, 9 schwach gepanzerte, 4 erster Klasse gepanzerte 
Kreuzer, 10 erster und 12 zweiter und 6 dritter Klasse geschützte Cpro- 
tected) Kreuzer, K» Kanonenlioote und Avisos, 16 Torpedo- Kreuzer, 3 Ar- 
tillerie-Schitie und 11 Ü T<npedoVioote; in Summa 227 Scliiffe und Fahr- 
zeuge mit einem Total-Ko-^t ii i ("wände von 281,550,000 $. 

Revue Maritime et Coloniale. Nr. 340. Die Organioatioa der deut- 
schen KUstenverteidiguug nach den Ausführungen der Royal ünited Ser- 
vice lastitatton nnd der lUvista marittima. — Oc^nugraphie (Fortsetzvng) 
▼on IL J. nionlet, Professor der wissensehafUichen Fkkultttt an Nancy. 
Topographie des Meeres — Inatmmente nnd Apparate. Kapitel 1 
Tiefenmessungen mit Illustration«! der verschiedenen Lothungsapparate 
und Gebranohsanweisnngen nnd der erforschtoi Tiefen im Atlantischen 
Ocean. — 

Anialen der Hydrographie und maritimen Nteteorotogle Nr. 2. LoUiun^en 
im Atlantischen Ocean an der Westküste von Afrika, sowie im Nord- 
atlantischen Ocean, Westindien. — Zur Gescliichte der Meteorologie nach 
einer Abhaudlung in der Zeitscbriit ȟinunel und Erde'^ Jahrgang LI 
Heft 3 und 4 von Dr. lleiliuann. 

Mitteilungen aus dem Gebiete dei Seewesens. Band 17. Nr. XI: 
Normal -Toxpedobootstjpen ; fittr die englische Maiine^Fahxgeschwindigkeit 
^er ersten Klasse soll 22 Vt bis 23 ^loten bei einer dreisttüidigenf die der 
«weiten Klasse 1$ Kaoten bw einer zweistOncügen Probefahrt ernelt werden 
mttssen. — Die Zahl der automobilen Torpedos hat sich noch um einen, 



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UntdiM in (Ur Hültir-Lltleritv. 274 

— den Halpin-Öavage-Torpedo vermehrt. Der Ituinpf des Fahrzeuges 
von 590 Pfd. Gesaratgewicht, ist 5,18 m lang mit einem Durrlinie^sser von 
610 mm. Der Tori>e<lo hat eine Lftnpe von 1,22 m., bei einem i 'urchraesser 
von 2ö4 mm mit einer Sprengladung von 45,4 kg. Derselbe wurde am 
1. Oktober 1889 von der Kommissioxi in Nordamerika geprüft, die Besnltate 
aollen befriedigend «ein. — Bali lt. Nr. t: Beglement Uber die Yer- 
recbnnag des Kohlenverbraachs anf den Scbiffen der franaS- 
siaehen Kriege marine. Um db Daten fBr die Begeltabdlle (tableau 
type) für den KoUenverbraacb za gewinnen» bat die Kommiasion zur Ab* 
baUnng der Probefahrt für jedes Schiff Diagramme anfzustellen, welche 
die Geschwindigkeit» den Koblen verbrauch pro Btnnde and pro Seemeile 
als Funktionen der Rofationszahien darstellen n. s. w. Der Oberste 
Marine-Rat in Frankreich: Ein Dekret des Pri■i^-identen der Republik 
vom 5. Dezember 188!» bestimmt, wie folgt: 1. Es wird ein obei-ster Rat 
der Marine (Con^il superieure de la marine) geschaffen, weleber zur 
Prtiluiig der, auf die Vorbereitung iur Flihrung eines Seekrieges bezüglichen 
Fragen berufen ist. 2. Der Minister ist verpflichtet, den höheren Bat zu 
vernehmen, Aber die wesentlichen FlottenmobilinerongS'Diflpoeitionea; die 
für die Brsatabanten und die Verteilnng der Hotte mal^gebendea Omnd- 
flfttae; — die atlgimieinen Anebüdnugemethoden ; endlich flberhanpt tUser 
«He Fragen, welche die mBgÜBhata Nnizbarmaehnng und mtSglichate Vor- 
bereitung der Flotte für die Verteidigung' des Luidee betreffen kennen. 
3, Der obecate Bat wird vom Marine-Minister so oft als notwendig, 
wenigstens aber zweimal im Jahre einberufen. Ein Bemtungsprotokoll 
wird cjeführt. 4. Die Verhandhingsgegenstltnde sind jedem Mitglicdc ad 
per.sonam wenigstens drei Tage vor der Sitzung bekannt zu gelien. Die 
in einer Sitzung etwa nicht rechtzeitig eingel>rachten Fragen werden einer 
Späteren Sitzung vorbehalten, es aei denn, dals der liat hierüber anders 
beschlielst. 5. Der oberste Rat besteht aus 9 Mitgliedern, nllnilich: dem 
Marine-Minister als Vorntaender, dem Vice-Admiral, Vice-PrSsident des 
AdmiialitKtscates; dem Vioe^Admiral» Fjrttsident des Rates für die Arbeiten 
(OoDseil des travanz); dem Viee-Admiral» Kommandierenden der Eakadre; 
Bwei vom Marine-Minister au bestimmenden Seebeairks-Eommandanten; 
dem Generalinspekteur der Marine-Ärtillerie ; dem Generalinspekteur des 
Schiffsbaues; dem Generalstabs- Chef des Marine-Ministers. Die Sektions- 
Chefs des Generalstabes sind dem Rate als Schriftsführer mit beratender 
Stimme beigegeben. Die Direktoren der ^ <'r>;t^biedenen Abteilungen de.s 
Manne-MInisteriums, sowie die Fiaggoftiziere und andere buhe Funktioniiro 
können dem Kate mit beratender Stimme zugezogen werden, wenn es sich 
um Disku-ssionen handelt, welche ihre Ressorts betreffen. (Revue du 
Cercle militaiie). 



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275 



Umscbaa iu der MUitir-Litteratur. 



IV. VerzeMshnis der zar Besprechung eingegangenen 

Bttcher. 

1. Die AushebUBfl. Ein Ratgeber ftir die Ober-Ersatz- und Ersatz- 
Kommissionen. Von Borowski, Hauptmann und Platzmiyor. Berlin 1890. 
Veriag von 0. Liebmann. Preis M. 2,30. 

1 KtMcMMil in MneMaim. Zum Selbstunterricht für Jeder- 
mann. Vcm E. Th. Walter, Amtstierant n. s. w. 3. yermehrte nnd 
TOrbenote Anflage. Mit 67 in den Text gedmckteD Abbäldnngen. Leipdg 
1889. Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 

3. Petite BiUlttMqMt de VktmH franc«lte: La Maritt et lu Ca- 
loniei da TAIIaaNKiaa par le Commandant A. Haumann. 2 Tolnmee; 
Paris- LiniA.r..*., TT. Ch. Lavuizf^llo. 1890. Preis fn-s. 1,20. 

4. Instruction Tbftorique du Soldat ' u Theories dans les Chambres 
par Detnandt's et Ruponses par G. Le Grand, capitaine. Paris — Limoges. 
H. Ch. Lavau/.eUe, 4« ödition. 1890. Preis fres. 0.75. 

5. Censellt asx Seai-Otflcleri et caporaux pai A. B. Faune, capi- 
taine. Paris — Limoges. H. Gb. Lamozelle. 1890. Preis frcs. 0,30. 

f. JUda-maialra da fondar da Marlae par Bdonard Duraisier, 
bibllotbdcaire dn ministdre de la Hanne. 4* aande. 1890. Pens. librairie 
militaire de L. Baudoin et <^e. 

7. L'Mliaaaa raua. Bdponse & M. le Oolenel Stoffel, par le Oolonel 

Villot. Parin Limoges. H. Ch. Lavanzelle. 1890. 

8. Die praktische Autbilduai dar Conpiinie fOr den Krieg. Nach 

den Dienstvorschriften bearlieitet von v. Sehmeling, Oberstlieutenant 
und etatsmäfsiger Stabsoffizier im 3. Thür. Inf.-E^L Nr. 71. Erfurt 1890, 
Verlag von Carl Villai-et. Preis M. 1. 

9. Karl Graf zu Wied, Königlich PreuCäii^uher OenemHienti^nant. Ein 
Lebensbild zur Geschichte der Kriege von 1734 bis 176ä; nach den hinter- 
lassenen Papieren des Verewigten und anderen unged ruckten Quellen 
von Vr, von der Wengen. Qotbn. Friedr. And. Pwthes. 1890. Freie 
IL 10. 

II. Jaaraal d'aa aliciar da l*afaida da Rbli fw la Maftral Faf. Avee 
nne carte dee opdrations. 5* ddition, revne et angmentde. ^lis — ^Nancj« 

Bergel^Levrault et Cie. 1889. Preis IL 4,50. 

11. Initractiaas intirleures des Jeanei soldats de rArtlllerie. 3* Mition. 

Paris— Limo-.- T! i h r.iv i 1 . llr. 1890. Preis fix». 1,25. 

12 Petita Blblioth^que de l'Armie Irancaise: 1. Historique du 72"""^^- 
fiment d'lnfanterie. I'rei.s ir i HO. 2. Lol sur le Recrutement de rArm^e 
francaite. tome 111. Instructions pour Tapplication de la loi. Preis 
free. 0,3r). Paris— Limoges. II. Oh. Lavanzelle. 1890. 

13. Friedrich Wilhelm Freiherr v. Seydiitz, Königlich Preufsiscber 
General der Kavallerie (1721^1773). Der dentBchen Reiterei gewidmet 
von Emil Bnxbanm, Fremierlieatenant n. a. w. Nene AnBage. Rathe- 
now 1880. Verlag von M. Babemiett. Freia M. 4. 



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UmtdiM in der M üitif-LiHentar. 



276 



Deutscher Soldatenbort. Unter diesem Titel erschpint f«eit dem 1. April 
eine „Illustrirte Zeitschrift für alle Waffengattungen des deut- 
8cl]en Heeres", welche es sich znrn Ziel« gesetzt hat, „ditä hehren Sol- 
datentugenden m fürUem, Königstreue und Vaterlandsliebe rege /.u. erhalten 
und den einfachen, echt übriätlicben Sinn zn heben") somit „ein Verbin- 
dongsglied nrisehen dem atdieBdeD Heere ond den gewaltigen Uaeaeii d«r 
in blligerlicbem Berufe thÜtigeD lilteren Krieger des geeunten dentaohen 
Taterlandes zu knApfen*. Diese neae Zeitschrift verdanict ihr Entstehen 
der Anregnng hOohtter Torgesetsden und bat sieb vor Allem der Aller- 
höchsten Protektion Sr. Majestlit des Kaisers und Königs, dann 8r. Excel- 
lenz General-Feldmarschalls Graf von Moltke, des Chefs des Oenersl- 
stabes, Grafen von Waldersee, des Königlichen Kricgsministerinms nnd 
lioher Kommandobehörden zu erfreuen. Zahlreiche bewilhrte militärische 
Schriftsteller haben ihr« Mitwirkung dem wahrhaft '/eitgemäfsen Unter- 
xiflimon mgesagt. Wir wünschen demselV»eu, im InteressHi der guten Sache, 
ein fr5blicheH Gedeihen. Als verantwortlicher Redakteur zeichnet der Lieute- 
nant d. L. H. Hacke, W., Lützowstr. 85. Diese Zeitschrift erscheint drei- 
mal im Monate an den Soldtagen ond ist snm Preise ym 2 Mk. 25 Pfg. 
vierteljihrlicb yon der Verlagsbnebbandlnng, Berlin W., Hanentr. 68, 
dnroh alle Bocbbandlnngen und Postlmter, auch durch die Dienststellen 
an besidien. 



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XIX. Das Königreich Aimäniaa 
und seine militär- politische La^. 



Die an der Oreiutcheide swiachen Orient und Occadent tieb 
ansbfeiteDden Landscbaften der Moldaa und Walaobai bildeten von 
jeber den oetenropiieoben Durchgang aar Balkanhalbiniel. In 
neuerer Geicbichte kam dies beeondera aar Geltung, ais seit Peter 
des Grofsen Zeit daa hartnäckig verfolgte Bestreben Russlands 
hervortrat^ dem tflrkiseben Reiche naber in rQckeo. Daher waren 
beide Fürstentümer, so Unge sie noch unter oamanischer Snseiänität 
standen, ffir die Pforte ein stiategiscb wertvolles Bollwerk gegen 
den ans Norden vordringenden Feind. Wie dann in allen Tflrken- 
kriegen der Russen die Anwesenheit ihrer Heere schwer auf Rum&nien 
gelastet bat, so mufete sich letateres nach dem Feldsuge von 1877/78, 
wo sogar die mminiacben Truppen tapfer und erfolgreich an Seite 
der Russen gefochten hatten, nochmals einer russiBohen Oecupation 
ernstlich erwehren. Die beaaglicfae Schntifordernng an den berliner 
Kongrels gegen Rnaslands vorgebliches Recht, den Rückmarsch seiner 
Armee, ohne Berttcksiobtigang des offen stehenden Seeweges, dorch 
BnmSnien sn nehmen, enielte nur eine Beschi&nknng der Durch- 
ssngsieit, so dab der unabhängig gewordene Staat erst 1879, nach- 
dem die Russen das Land geräumt hatten, sich selbst wieder^ 
gegeben war und damit in seine neueste Geechichtsphase eintrat 

Das sich nunmehr den europftischen Mittelstaaten anreihende 
rnm&nische Eönigreich lehnt seine Gebietsteile nördlich und west- 
lich an das mSchtige tmnssylvaniscbe Bergmaasiv, dessen felsige 
Yontufen weit in das Gelftnde hineingreifen. Ost- und sttdwSrts 
durch die Stromlaufe des Pruth und der Donau begrenst, gewinnt 
Rnminien mit den Steppen der transdanubiscben Dobrudsöha die 
Kfiste des Schwarsen Meeres. Das keilartig swischen Bessarabien 
und Siebenbflrgen eingeschobene Moldauland wird am unteren Seietb 

MMkM«r flr OMkato asm« ui Utttla*. M LUV., S. 19 



278 Dm KSnignicb fimnfinieD und mx» miUtir^politneha Lafs. 

durch ein 70 km breites Tief landsthor mit der walachiiehen Ebene 
▼erbimdeti, aueh länft im Sereththale die Stmlae des moldaiiiscbe& 
GrotiTerkehra zur Donau und erreicht, sich westlich wendend und 
an einer Beihe walachiacher Städte yorübersiehend, die banaler 
Grenze. Diese Ortegmppiening innerhalb der oberen Thalweitnngen 
zahlreicher dem niedersteigenden Gebirge entstrQmender Donao- 
zoflfisse,' beseichnet die Obeigangsaone vom walachischen Hoch- zum 
Flachlande. Eine andere Weglinie windet steh Ton der moldauischen 
Hauptstadt Jaasj kommend, durch die Berlat-Niederong zam Donaur 
Delta und deren ffir die Schiffahrt änlserst wichtigen SnUnamÜndang. 
Beide Wegrichtungen verzweigen sich weiter zur iandesreiidenz 
und befestigten Grolsstadt Bokarest, von wo eine alte Heerztrafae 
Aber den Donauhafen Ginigewo nach Bulgarien gelangt Diese 
Hanptstrabenzflge werden vom rumänischen Eisenbahnnetz begleiteti 
welche« ihnen sowohl über den Pmth zur Verbindung mit der 
russischen Dnjesterbahn folgt, als über die Donau unter Ansohluis 
an die bulgarischen wie auch jenaeits der trannyltanischen Alpen 
an die ungariseh-siebenbfirgischen Schienenwege. Die neueste Karte 
von Rumänien labt klar erkennen, welche Fortschritte das K5nig* 
reich seit seiner SelbststSndigkeit im Ausbau seiner Eisenbelinen 
gemacht hat, wodurch namentlich der umfangreiche Getreidehandel 
auf der Donau zu greiser Entfaltang gebracht worden ist Vor 
dem Enstensaume der halbinselartig zwischen Donau und Meer 
Torgeztreckten Dobrudscha ziehen sich Untiefen und Nehrungen hin, 
nur in der Nähe von K&stendsche findet man an steil abfallendem 
Strande einen branchbaren Hafen, dessen Bedeutung um so gröber 
ist, als die das Dobrudscha-Gebiet durchquerende danubisch-ponttsche 
Eäsenbahn die wdte Stromfahrt des Donauknies um das FfinfijMjhe 
abkttrzt 

Die natürliche Verteidigungsfähigkeit Rumäniens ist 
seiner geographischen L^e nadi immerhin bedeutend, dann unzu- 
gängliche, schroffe Gebirgsketten und schwer passierbare grobe 
Ströme umschlieben das Hanptgebiet des Landes. Der von Sümpfen 
weithin umgebene Pruth hat sich stets als strategische Grenzbarriere 
bewährt, ebenso erschweren die dem linken Donauufer vorliegenden 
Moorgegenden das Überschreiten dieses Flusses, dessen Becken ja 
anch als alte Völkeischeide bekannt ist Den auf wenige Obeiginge 
beschrankten Verkehr beherrschen aof bulgarischer Seite mehrere 
feste Plätze, deren Brfickenküpfe jedoch am ramänischen Ufer Ingen 
und unter welchen letzteren Giurgewo und Kalafat besonderen 
militärischen Wert haben. Während des Aufmarsdies der russischen 



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Das Königreich Ramänien und aeine miUUr-politiscbe Lage. 279 

Armee 1877 bei Bukarest konzentrierte ]. das Ruüiäneu-Heer 
(51 Bataillone, 40 Schwadronen und 14 Batterien) um Kalafat, 
zunächst nur mit der Bestimmung, die gegenüberliegende Donau- 
festung Widin zu beobachten und nach jener Seite hin die rechte 
Flanke der Russen zu decken. Indessen führten die Feindseligkeiten 
der Türken, welche vom bulgarischen Uferrande ruaiuuisclu Städte 
und Dörfer beschossen, sehr bald zum wirklichen Kriegszustände, 
als die Rumänen dies Feuer erwiederten. Die 1854 türkischer Seits 
angelegten Verschanzungen bei Kalafat wurden von den Rumänen 
wiederhergestellt und zu einer vortrefflichen Bcreitschaftsstelhing 
neugefestigt. Aber wahrend die osmanischo Kriegführung 1854 
entschlossen den Donauübergang wagte, die Russen über den Haufen 
warf und den siegreichen Halbmond auf den Hohen Kalafats ent- 
faltete, gab sie 1877 den Platz mit seinem befestigten Lager von 
▼om herein preis. Weshalb das türkische Oberkommando sich nicht 
schon vor Eintreffen der Rumänen in den Besitz dieser vorteilhaften 
Porition setzte, bleibt eine der vielen Unbegreiflichkeiten des letzten 
Orientkrieges. Die taktisch nutzbare Flankenstellung der abge- 
sonderten Dobmdscha wird je nach der Kriegslage Verwertung 
finden. So besetzten die Russen, bevor sie 1877 den Hauptübergang 
der Donau bei Simnitza bewirkten, den südlichen Raum der Do- 
bmdscha, nur um dem Feinde eine bedrohliche Offeusivbasis gegen 
ihre rückwärtigen Verbindungen zu entziehen. — Die Strom- 
entwickelung der Gewässer, welche aus den Felsklauseu der sieben- 
büi^schen Gebirgsmauer vorbrechen und, zur Donau eilend, die 
Ebene durchspalten, zergliedert Rumänien in verschiedene Abschnitte. 
Hauptsächlich vollziehen Sereth und Aluta eine politisch- 
strategische Teilung des Gesamtgebietes, insofern sich längs 
ihrer Thalmnlden Österreich -ungarisches und russisches Interesse 
begegnen. Die 1877 bis zu einem bestimmten Punkte neutral 
verbliebene habsburgische Macht wufste sich den Erfolg des Krieges, 
ohne au letzterem teilzunehmen, lediglich dadurch zu sichern, dafs 
sie gegen das Auftreten russischer Truppen westlich der Alnta ein 
entschiedenes Veto einlegte. 

Zur eigenen Vertretung der äufseren Politik reichen Rumäniens 
militärische Krafte nicht hin, andererseits braucht sich der Staat 
vermöge seiner erstarkenden Wehrkraft nicht zum willenlosen Werk- 
zeuge übermächtiger Nachbarn herzugeben. Als Balkanstaat über- 
ragt Rumänien sogar die übrigen an Macht, ganz abgesehen davon, 
dafs aufser den heimischen noch ebenso viele Rumänen in den 
angrenzenden Ländern wohnen. — König Card, dessen Regierung 



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280 



Dm KöojgrdAh Bmninieii md weint mOitlr-politliehe Lag». 



der höchste Segen für Rumänien ist, hat im Laufe von 23 Jahren 
unter niüglichster Benutzung bereits vorhandener volkstümlicher 
Grundlagen ein wohlgeschuites Heer geschaffen und seinem 
Laude eine Stellung gesichert, von welcher ehedem selbst dessen 
kühnster Phantast kaum zu träumen wagte. Aber das ganze öfFent- 
hche nach Galliaieruug strebende Leben der Rumänen, namentlich 
der Adelskreise, ist französischen Mustern nachgebildet. Grade jene 
Bojaren, welche einst den Fürsten Kusa vertrieben, erheben neuer- 
dings dessen als Thronbewerber auftretenden Adoptivsohn auf ihren 
Schild und verschmähen dabei russische Agitationen nicht, denen 
jedes Mittel recht iai, die Zerklüftung des rumänischen Staatswesens 
zu fördern. Die Moldauer werden zur Losrcifsung von der walachi- 
schen Verbindung gehetzt, ebenso Enthüllungen verbreitet, dafs nicht 
Russland 1879 den Rumänen die bessarabischcu Landstriche ge- 
nommen, sondern Europa auf dem Berliner Kongresse mit runaä- 
nischem Boden seine Schuld an Russland bezahlt habe. Ahnlichen 
Umtrieben entstammte bereits ein 1871 zu Bukarest inscenierter 
Tumult, durch welchen sich die Teilnahme der regierungsfeindlichen 
Rumänen für da.s besiegte Frankreich an Deutschland rächen wollte. 
Eine private Feier des (ieburtstags Kaiser Wilhelms I. wurde zum 
Vorsvand genommen, den Fürsten in seinem Palais zu überfallen. 
Alles kam auf die Haltung der Truppen an und hieran zersplitterte 
zum Unterschiede gegen frühere Zeiten die Erneute. Die disziplinare 
Ausbildung hatte den Geist des neuen Heeres gekräftigt und bereits 
den Begriff unverbrüchlicher Treue für die Peraoa des Kriegsherrn 
zum Bewufstsein gebracht. 

Bei der Bauernrevolte vom Jahre 1888 handelte es sich recht 
eigentlich um eine rumänische Auflage des boulangiatischen Re- 
zeptes, unter staatsrettender Maske revoltieren zu können. Führer 
der Bewegung waren dieselben Leute, welche noch während de» 
letzten Türkenkrieges Gegner des russischen Bündnisses, sich aber 
jetzt aus Hafe gegen die Mächte der Friedensliga ganz auf den 
ruasofränkischen Standpunkt stellten. Als der rumänischen Regierung 
die Dalduug panslavistischer Ziele im Orient zugemutet wurde, gab 
sich dieselbe solchen Plänen keineswegs her, sondern beoljachtete 
unter Wahrung ihres vollen Selbstbestimmungsrechts trotz aller 
russischen Zettelungen, eine zurückhaltende Politik. Hierauf g^ifif 
die Opposition zum Mittel einer Bauernaufwiegelung, welche bald 
einen ernsten Charakter annahm. Um das Weitergreifen dieses 
Aufstandes zu ersticken, war eine energische, militärische Aktion 
geboten, Trappen-Abteilungen durchstreiften das Land und ser- 



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Daa £5nigmeb Bam&uien und seioe milit&r-poUUsche Lage. 2Ö1 



streuteD unter Gepläjikel unri Icicbtein Gefocht die Aufständischen. 
Der Panslavismus hat in Rumütiiou r<^ichlich Anhänger gefnnden^ 
welche fortdauernd eine antidynastische Bewe^jnnjT betreiben. Auch 
war vor einijjer Zeit von einer Vcrschwoi uni: die Rede, durch 
. welche König Oarol gestürzt werden sollte, sil rilich wie seiner Zeit 
Fürst Ah xaiider vun liulgaiien, die Vnrbereituiigoii in dieser Richtung 
scheinen ziemlich weit gediehen zu sein, doch sollen die Agenten 
des Slaveukomitees schliefslich den Widerstand des Heeres gefürchtet 
und deshalb von einem gewaltsamen Vorgehen angesehen haben. 
Mau unterwühlt die staatlichen Verhältnisse eben in der Erwartun«?, 
dafs mit dem Zusammenbrechen des Herrscherhauses, Rumanieu 
von selbst dem russischen Einfluls anheimfallen werde. 

Eine Orientierung in dem verworrenen Parteilebeii der Rumänen 
ist kaum möglich, sofern luuu nicht neben der politischen auch die 
soziale Bntwickelung des Landes im Auge behält. Bis gegen Mitte 
dieses Jahrhuudertü befand sich die politische Macht mit fast allem 
(jJrundbesitze ausschliefsHch in den Händen der Bojaren un»! ihrer 
verschiedeneu Abstufungen. Diesem einheimischen Adel war es 
1822 gelungen, die verhafste Fremdherrschaft der griechischen 
Phanarioten, welche seit laugeu Jahren die Fürstentümer wirt- 
schaftlich '/AI Grunde gerichtet hatte, abzuschütteln. Die neue 
W» riduiig führte alsdann zur Vereinigung beider Füi-ütentümer und 
Begründung einer erblichen Monarchie aus einer der westeuropäischen 
Dynastien, doch war die Verwirkln hang dieses Programms mit 
unsäglicher Mühe und schweren Kämpfen verbanden. Dem ünheile 
des Wahlfurstentums wurde erst 1866 ein Ende gemacht, als der 
im ( liihrnngspro/.esse seiner Neubildung sich bewegende St i ii den 
Prinzen Carl von Hohenzollern als erblichen Herrscher uii> Land 
berief. 

Zur Festigung des jnngen Staatswesens bedurfte es zunächst 
einer Neuorganiüierung der Armee. Diese Umwandlung völlig 
veralteter Wehrzustände in ein schlagfertiges System mit zahlreich 
ausgebildeten lleservcu, ist ein personliches Verdienst des ersten 
Hohenzollemfürsten in Rumänien, der trotz aller Schwierigkeiten 
das heikele Werk durt h/.usetzien verstand. Alle entstandenen Bedenkon 
über die Kriegstüchtigkeit und Verwendbarkeit der neuen Schöpfung 
sind 1878 durch den plötzlieh eintretenden Ernst der Ereignisse 
wie ein Morgennebel in Nichts zerflossen. In nberrascheudeu 
Erfolgen bewährten sich die rumänischen Truppen und gelten seit- 
her als die brauchbarsten, verläfslichsten und den europäischen 



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282 I>M Kttoigveiöh BonioieD und seine militlr-politlBdie Lig«. 

Begriffen am meisten entsprechenden Streitki&fte im eniepikehen 
Sfidosten. 

Bei Erwigangen, welche flidi an das Heerwesen eines Landes 
kntipfen, handelt es sich stets um ein über w&ltigendes Staatsinteresse, 
weshalb auch in Rnminien bei Dardifllbrang der neuesten Ännoe- 
reorganisation der Parteistandpunkt TÖUig unberfihrt blieb. Nack 
den Regeln des Territorialsystems ist das ganae rumaniaehe 
Gebiet in 5 Militärbezirke geteilt worden, Ton denen 4 mit den 
Stabsquartieren Jassy, Gakta, Bukarest und Gn^owa je ein aus 
Linien- und Territorial-Trnppenteilen susammengeaetates Armee- 
Corps bilden. Im 6. Beiirk, welcher die Dobmdseba umfafiit, ist 
eine selbststandige Division formiert worden. Die Friedensstiurke 
betragt an atändig^n StreitkriUten: 36,000 Mann mit 7000 Pferden 
und 370 Feldgeecbulaen (Infanterie, JSger, Genietruppen, Husaren, 
Artillerie, Train, Qendannen) und an selbststindigen Territorial- 
kadree 31,000 Mann mit 11,600 Pferden (Infiinterie oder Dorobansen, 
KaTallerie oder Kalaraschi). Bei samtUcben Troppenverbinden des 
rumänischen Heeres reicht die Dienstpflicht ?om 20. bis sum voUen- 
deten 30. Lebensjahre. Alle Waffengattungen der Linie werden su 
einer dreijährigen Ausbildung, die Dorobansen und Kalarasehi, 
welche letztere ihre Pferde selbst zu stellen haben, zu mgahrig 
periodischen Übungen im stehenden Heere herangezogen. Somit 
Terbldben die Mannschaften der Linie nach absolrierter Prilsenizeit, 
7, die des Territorialheeres 6 Jahre im BeserreTerhiltnis. Zur 
Einstellung in die Linien-Regimenter gelangen jährlich 11,000 Mann^ 
während von den Dorobansen und Kalaraschi ausammen 17,000 Mann 
ausgehoben werden. Hierdurch erreicht man bei zehnjähriger 
Dienstzeit einen Kriegsbestaud von 280,000 Mann au^ebildeter 
Truppen, von denen nach Abzug der Festnngsbesatsnngen eine 
Ausrücke stärke von drca 200,000 Mann einschUelslich der greisen 
Armee-Reserve verbleibt. Zur weiteren Verfflgung steht aulserdem 
noch ein Kontingent von 70,000 Milizen. 

Hand in Hand mit der erprobten Leistungsfähigkeit des I^nd- 
heeres hat sich auch die Marine Rumäniens aus kleinen Anfängen 
zu einiger Bedeutung emporgeschwungen. Eine besondere Be* 
reicherung erfuhr die Flotte, welche bis dahin nur aus Kanonen- 
booten und Torpedofiduzeugen bestand, letzthin durch den Zuwachs 
einer Panzerfregatte von 1200 Tonnen Gehalt. Die Gesamt- 
bemannung im Bereiche der stehenden und Territorial-Seewehr be- 
ziffert sich auf ungefähr 2000 Köpfe. 



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Da& Könifpreich BQm&nien and seine milit&r-polititGlie Lage. 283 

Die Torjährigeu ManQver des 3. rnmiliiüfclieii Armee -Corps 
hafttaa aioh Ton Sdten des AnslandeB dner ganz aoCBenutlaitlicben 
Beachtong so erfreuen, wozu wc^ aofser den in erster Linie auf 
die rege Fürsorge and Anregangen des obersten Kriegsberm snrQdc- 
infttbrenden groieen Forteebritten des Heerwesens, ancb der Umstand 
bätnig, dab sieb im Operationsgebiete dieses Oorps (Untere Mol- 
dau) ancb die in letster Zeit ne] genannte Bsfestigungslinie Galats- 
Namoloasa-Fokscbani befindet Mit den IreandecbalfcKeben Be- 
lidbnDgen Bnminiens znr mittelenropSischen Tripelalliance wuchs 
die Notwendigkeit, Sicbernngsmalsregeln gegen eine russische In- 
▼ssion Ton der Moldau her zu treflfen. Man sah sieb veranlsist, die 
nattlfliebe DefensiTkralt des Landes fortifikatoriscb zu TerstSrken. 
Das System dieser Landesverteidigung, wdehe «nf Grund 
der genialen Einrnshtungen des k&rslioh Yostorbenen ObentHente- 
oant Schumann, wonach die im Grnson- Werke gefertigten Panzer 
weniger ein PalliatiTmittel, als Tielmehr die Bas» des Widerstandes 
bilden, burgebtellt worden sind — « rgab sieb von selbst aus der 
orographisoben Gestaltung des Königreicbss* SSunächst malste das 
bereits erwähnte weite Tief landsthor am unteren Sereth gescUoesen 
werden, was durch die Befestignngskette swischeii Galats und 
Fokschani vollkommen erreicht wurde« Als starker Stütapunkt des 
rechton Flögeis sperrt Galatz fliratliehe längs des Pmtb und vom 
pontischen Gestade am Uferrande der unteren Donau herfahrenden 
Annaherangswege. Gepanserte Batterien mit Kap]peMrehtilrmen 
behemchen von den nfirdlich der Festung belegenen Höhen weithin 
das Yorterrain. Ähnliche Elemente dner kombinierten Artillerie« 
Wirkung decken bei Kamoloasa und Fokschani die Zugäuge aus den 
Thalwegen des Berkt und Sereth. Ein strategisches Zentrum 
dieser vorgeschobenen Linie findet sich 75 km hinter deren Mitte in 
den Festungsanlagen von Buseo^ halbwegs an der von Galats naeh 
Bukarest führenden S&enbshn. Die fortsnmgfirtete Haupt-^ 
Stadt stellt den Kern der Landesvertoidigung dar, zugleich 
den Ausgangspunkt aller strategisdien Unternehmungen zur Abwehr 
fdndlichar Invasicmen. Heeresfestung und SammektsQe der rn* 
mKnischen Hanptstreitkrftfte ist Bukarest, eine SteUnx^ von bleibend 
militirisohem Werte. Frontalbindemis för den Durchmarsch 
russischer Heere zur Donau, flankiert die machtvolle Festung auch 
jeden Einbruch in die Dobmdscha. Achtzehn mit PanzerdrehtQrmen 
versehene Forts umschlielseD uebst dazwischenliegenden Batterien in 
durchschnittlicher Entfernung von 12 km den Hauptwall des Platzes, 
in dessen nahezu 500 Dkm umfassenden Lagerraum sich das ru- 



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284 KAiigreieh Roninien und sdne mflitftr-politiMli» Life. 

mftnnclie EüenbAhimeis ▼erknotet Auf den Badien dleeee Bahn- 
kreiaes vird die aktive Verteidigung jeweilig m OfBuisiTzweckeu 
Torbreehen können. 

Vermöge der wenig koetipieligen Unterbnltimg der Ooro- 
banven- nnd Kalareeehi-Tnippe muls das letatlanfende IfililSr «Bud- 
get von 30 Millionen Frei., anch nngerecbnet aller Anagaben for 
den Kenban von Feeinngsanlagen, ak verhaltniainiling gering ange- 
sehen werden« Dabd steht die Anarfiatnng des Heeres anf einem 
Standpunkte, dordi welchen im Sinne der heutigen Waffentechnik 
ein freier Gebiauoh der Waffen naefa jeder Bichtang hin geför- 
dert wird. 

Das rumftnische Heer hat im Kriege 1877 seine Fenerprobe 
rühmlich bestanden und wesentlich snm endliehen Falle von Plewna 
beigetragen. Nur durch die Not der Unfälle gedrangt nnd höchst 
widerwärtig veFsiand sich Bussland zu einer Allianz mit Bumanien« 
dem man die Stellung einer verbündeten Macht nicht einzuräumen 
gedachte. Erst nach Abschlnss des Bftndnisses wurde der Krieg fftr 
die Bumänen wirksam und am 1. September tlbeischritt FQrst Oarol 
an der Spitie sauer Truppen die Donau, um mit ihren nnd 
russischen Streitkräften den Angriff anf Plewna bis zur Kapitulation 
Osman Pascba's dnrcbzufflhren. Nach ursprllngUdier Anordnung 
des groben Hauptquartiers, sollten die Bumänen von Kalafai in die 
Gegend der Iskermundung rucken, dort anf einer bereits fertigen Bröcke 
die Donau fiberscfareiten nnd zwischen bker nnd Wid operieren. 
Von diesem Plane wnrde auf Veranlassung des Oberkommandos der 
russischen Westarmee abgewichen, nach dessen Vorschlag der Über- 
gang noch östlich der Wid, 30 km stromanfwSrta, behofi unmittel- 
baren Anschlnsses an die Anfstellnng der Westarmee stattiand« 
Doch hatte der erste Plan ganz entschiedene Vorteile ftlr sich. 
Wären die Bumänen westlich von Plewna vorgerückt, so wurde die 
Verbindnog des Platzes mit Sofia rechtieitig unterbrochen nnd da- 
durch die langwierige, opferreiche und die russische Vorbewegong 
vollständig lähmende Belagerung abgekfirzt worden sein. B*in 
tnrkiaeher Vorstofs von Plewna auf die absperrende rumänische 
Stellung hätte nur erwfinscht sein können, da von der feindlichen 
Besatzung (Anfimg September 44 Bataillone mit 54 Feldgeschfitsen) 
höchstens die Hälfte fflr den Ausfall verfügbar gewesen vräre, so 
dals den beiden russischen Corps östlich des Platzes nur s^Aige 
Streitkräfte der Verteidigung gegenfiber geblieben nnd die Ohaneen 
des Erfolges bei einem dreisten Voi^hen der Bussen, wohl auf 
deren Seite gewesen wären. 



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Das KöDigreicb Bom&Qieo und seine miUt&r-poUtische Lage. 



285 



Nachdem sich Rumänien vom russisch en Protektorat, eines 
früher bestandigen Pfahles im Fh'ische seines nationalen Bewufst- 
seins, befreit hiit, mufs es jetzt seine Uniibhäugigkeit gegen unbe- 
rechtigte Beeinflussungen h fiten, welche sowohl jenseits der Pruth, 
wie auch der Karpaten ihren Aus^^ang haben. Namentlich dürfen 
die Winkel/üge der russischen Diplomatie und deren verwegenes 
Spiel im Orieut nicht auf Apathie und Unentachlossenheit der ru- 
mänischen Regierung stofsen, um nicht für diese neue (lefahren 
heraufzubeschwören. Fort und fort erhebt die orientalische Kriais, 
beim Niedergange des osmanischen Reiches immer neue Kreise 
ziehend, ihr fragwürdiges Haupt. \Vie einst die habsburgi-schc 
Hausmaclit mit Frankreich um die Suprematie in Italien stritt, 
so ringiii heute Österreich- ungarischer und russischer EinHufs am 
Balkan. Bis zur endgültigen Entscheidung der Orientfragc bedarf 
Rumänien einer besonderen Anspannung und Stärkung aller Wehr- 
kräfte, daneben eiues klaren und zielbewufsten Prinzips in der aus- 
wärtigen I*olitik. Unter den heutigen Verhältnissen erscheint es 
dringend geboten, diese wichtigen Faktoren dem wecbselvollen 
Parteigetriebe zu entrücken und auf eine unwandelbare Grundlage 
zu stellen. Dafs sich in den letzten Jahren neben Licht auch viel 
Schatten gefunden, wird niemanden überraschen, der die orien- 
talischen \ tuhiiltiiisse einigerniafsen kennt. Da« staatliche liehen 
Rumäniens ist kaum IJO Jahre alt, und dies genügt, um zu ver- 
stehen, dafs die alten Zustände, aus denen sich das Land heraus- 
arbeiten mufste, noeh lange nicht überwunden sind. Nicht Phantasie- 
gehilden, sondern den Zielen weitblickender Pläne niüsnen die 
militärischen Kräfte des Landes ein ungebrochener physischer Halt 
sein, um ohne Bedenken über kritische Momenl<' hinwegzukoiuiii.-n, 
wie solche aus cutfesselten inneren Störungen und einer unsicheren 
Aufsenpolitik hervorgehen können. Aui dann liat das hedentnng^^- 
volle Wort: >Nüli nie tangere« auch für Rumänien (ieltung, damit 
das Königrtjich sich sein souveränes Urteil über das ihm Dienlirlio 
bewahre, sei es freiwillige Parteinahme oder Neutralitätserkläi uiit;, 
wenn früher oder später schwere Knegswetter über Europa herauf- 
ziehen suilten! — 60. 



XX. Das Waldgefecht. 



Peter in ann. 



irr. IMl 



(ScUub.) 

in. 

Der Kampf iiiii <leii Swiepwald iu der Sctilacht bei 
Ki^niggrätz am 3. JoU 186(1. 

In deo beiden enten TeQen dieser Abhandlung ist an Beispielen 
SU zeigen ▼enraeht worden, welche Bedentang WSld«r for Ver* 
teidigung und Angriff haben können; es bleibt nnn noch jener Fall 
so besprechen, in welchem die Aufnahme und Dnrohfflhrnng 
eines ernsthaften Waldgefechts ein Fehler ist. Ein her- 
Torragendes Beispiel dieser Art ist der Kampf nm den Swiepwald. 

Das westlich der Elbe in der Nähe von KGniggrStc Tersammelte 
österreichische Heer sollte nach dem seitens des Oberbefehlshabers 
fttr den 3. Juli 1866 ausgegebenen Schlachtbefehl im Falle eines 
allgemeinen AngriflGes der Prenfsen eine hakenförmige, nachWestm 
und Noiden gerichtete Stellung einnehmen, deren Ausdehnung und 
Gestalt im Allgemeinen dnrch die Punkte Prim — Pkoblns — Popowita 
— Tresowita — Makrowons— Dohaliska — Dohalita — Lipa — Cblnm — 
Nedelist — Lochenita besdchnet wird. Die dem Österreichischen 
Heere hieroaeh zugewiesenen Fronten entsprachen den mntmafe- 
licfaen Angriffisriehtungen des Feindes, denn die prenünsche Elb* 
und die I. Armee waren im Allgemeinen von Westen, die II. Armee 
▼on Norden her au erwarten* Da es nnn an nnd für sich schon 
mifelich ist, sich nach swei Seiten hin wenden und sehhigen su 
müssen, so erfordert dieser Fall ganz besondere Vorsichtsmalsregeln 
auf den empfindlichsten Punkten der Stellung, nämlich auf den 
Flanken; dieselben müssen besonders stark gemacht nnd so gestellt 
werden, dals sie dem Angreifer die gerade Front entgegenkdiren 
und nicht llberflflgelt werden können. In diesem Sinne hatte der 
österreichische Schlachtbefehl den linken Flügel angewiesen, sich 



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Daa W«ldg«iiMht. 



287 



etwu zurückzubie^en , und woUtf^ den rechten Flügel an die Elbe 
angelehut haben. ( )b diese seiteiiäs daa österreichischen ( )berfeld- 
herm für dab licjcr vorgeschriebene Stellung im Allgemeiuen richtig 
gewählt und die Gentalt des (leländes da1}ei im Einzelnen ent- 
sprechend berücksichtigt war, ist hier nicht weiter 7AI untersuchen; 
es darf jedoch im Hinblick aul iVm Art, wie der Aumaräch und die 
Verwundung der preufsischen Streitkräfte bei Küniggrätz erfolgte, 
angenommen werden, dafs das österreichische Heer in der beab- 
sichtigten Aufstellung tüchtigen Widerstand hätte leisten können. 
Allem gerade auf dem entscheidenden rechten (isterreich ischen 
Flügel kam es hierzu nicht. Die beiden österreichischen Corps, 
welchen die Besetzung der Höhen zwischen Cidum und Nedelist 
und der Strecke von hier bis zur Elbe mit der Front nach Norden 
zugewiesen war, da« 4. und das 2., rückten, durcli geeignetere 
Stellungen anf den Höhen von Moalowetl und Horenowes angezogen, 
weiter nach Norden vor. Diese Abweichung von dem gegebenen 
Befehl hätte nun weiter keinen Nachteil gebracht, wenn die beiden 
Corps die ihnen vorgeochriebenc Front gegen Norden beibehalten 
und sich /aü kräftigen Verteidigung der über Horenowes und liacitz 
in den Kücken und gegen die Rnckzugslinie des Heeres fuhrenden 
Zugänge bereit goniacht haben würden. Doch das sich mittler^ 
weile im Swiepwulde zwischen den beiderseitigen Vortnippen ent- 
spinnende Gefecht zog zuerst das 4. und tlaau auch duä 2. Corps 
dergestalt ab, dafs dieselben Hie ihnen zugedachte Rolle einer Ver- 
teidigung gegen Norden autgaben und zum allgemeinen Angrift' in 
■westlicher Richtung gegen den Wald übergingen. Ein von Norden 
her erfolgender Angriff der Preufsen trat .sonach nicht mehr auf 
eine starke österreichische Frontentwickelung in vorzüglicher Stellung, 
sondern auf den blofsen rechten Flügel des österreichischen Heeres 
oder in den Kücken desselben. War sonach die eigenniäditige 
Froutveründerung des (iüterreichiachen rechten Flügels au und für 
sich schon bedenklich, so mufste sie für die Österreicher gefährlich, 
ja verderblich werden, indem jene beiden Corps in den gegen die 
7. preufsische Division im Swiepuald geführten Kampf nach 
und nach eintraten und lkst ganz darin aufgingen. 

Dieser Wald, von unregelmäfsiger äufserer Form, von Westen 
nach Osten etwa U»(H), von Norden nach Süden im Durchschnitt 
9(K) ni hing, war mit seinem Sndrand 2000 m von der Höhe bei 
Chlum und mit der Ostseite ungefähr 500 m von Ma«?lowed entfernt. 
Er bedeckte mit seiner Mitte eine Kuppe, deren Hänge vielfach 
mit Schluchten durchfurcht waren. Östlich des höchsten Punktes, 



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288 



Das Waldgefccht. 



g^n die Seite der detemieliiechen Stellung hin, bestand der Wald 
ans EiebeohobechonuQgen, in weldien damals Klalberliolz anf- 
gesdiiehtet lag. Die gegen die Biskriti gekehrte weatlicbe HSlfte 
des Waides bestand aus gemisehtem Hochwald mit und ohne üntei^ 
hols. Der Ostrand dieses Waldteiles lief gerade fiber die höchste 
Kuppe von SUden nach Norden. Zwei sich krensende Wege 
führten durch deu Wald, der eine von Benatek nach Gistowes, der 
andere von Bfaslowed bis sur Westspitze* — Im YerhSltnis zu dar 
ursprünglich geplanten Aufstellnog des fisterreichischen rechten 
Flügels Ton Ohlum bis sur Elbe konnte der Swiepwald keine 
weitere Bedeutung erbngen. Wohl bot er einem Ton Benatek her 
anruckenden Gegner Gelegenheit zu gedecktem Anmarsch und zur 
Bereitstellung seiner KrSfte am Sudrande, um von hier aus zunSehst 
auf Gistowes und dann gegen die Stellung bei lipa und Chlum 
vorzugehen; allein der sfidliche ^eil des Waldes lag unter der 
Wirkung der österreichischen Artillerie und ein Yorbrechen der 
PreuÜBen ans dem Walde konnte erheblich eischwert, wenn nicht 
unmöglich gemacht werden. — Die wirklich eingenommene Tor^ 
geschobene Stellung des österreichischen rechten Flügels hatte den 
Swiepwald allerdings in der linken Fhinke, den mit Hochwald be- 
standenen Teil auf etwa 1600 m Entfernung; allein auch in diesem 
Verhältnis war der Wald unschädlich, wenn er von den Batterien 
bei Lipa, Ohlum und Maslowed unter Feuer gehalten und bei 
letzterem Punkte noch Infanterie von entsprechender St&rke gegen 
einen etwaigen Angriff der PreuTsen vom Ostrand des Waldes her 
bereitgestellt worden wäre. Eine durch die Verhaltnisse geschaffene 
Notwendigkeit, den Swiepwald zu besetzen, oder in das von den 
beiderseitigen Vortruppen unternommene Gefecht dort einzugreifen, 
lag sonach fElr die beiden östenmchisehen Corps der Nordfront 
nicht vor. Gleichwohl labt sich diese Ablenkung des österreichischen 
rechten Flügels erklären und verstehen. Da nämlich dem 4. und 
2. österreichischen Corps eine eigentliche Gefechtsaufgabe nicht 
gestellt, auch fiber den Zweck ihrer Aufstelluug nichts mitgeteilt 
worden war, ist es begreiflich, dals jedes sich in ihrer Nähe ent- 
spinnende Gefecht seine Anziehungskraft auf dieselben auiaem 
mufste. Um so mehr war dies aber der Fall, als die eigenen Vor^ 
iruppen im Kampfe begriffen waren und zurfickgedrängt wurden. 
Welcher Befehlshaber hätte in solcher Lage nicht den Wunach 
gehabt, das schwankende Gdecht durch Einsetzung weiterer Kräfte 
zu Gunsten der eigenen Sache zur Entscheidung zu briugen? Wer 
möchte die österreidilschen Corpsffihrer richten, weil sie, in 



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Dm Waldgeftcht 



289 



Ermangelang eines bestimmten, entgegenstehendeu Aofbrages, von 
ihren verfügbaren Truppen in diesem Sinne Gebrauch machten? 
Wufsten sie doch nicht, dals eine ganze preufsische Armee von 
Norden her im Anmarsch war, da selbst der österreichische Ober- 
befehlshaber hierüber keine klare Vorstellung hatte. Auf der 
anderen Seite konnte die heldenmütige Ausdauer und die anfser- 
ordentliche Kraftentfaltung, mit welcher die preußische 7. Division 
den Kampf im Swiepwald führte, osterreichischerseits leicht den 
(ilaubeu erwecken, dafs weit erheblichere Kräfte der Preuüsen 
hier entwickelt wären, denn der Wald verbai^ das wahre gegen- 
seitige Stärkeverhältuis. Dennoch war es ein Fehler der öster- 
reichischen Corpsfübrer, ihre Truppen dergestalt zu verausgaben, 
dals von den 49 nach Maslowed und Horenowes vorgeführten 
Bataillonen schliefslich nur noch 13 völlig unversehrt waren, während 
der Rest durch die Kämpfe im Swiepwald sich mehr oder weniger 
aufgelöst und aufgerieben hatte. Dieser Fall zeigt, wie beim 
Beginn eines Gefechtes niemals dessen spätere Ausdeh- 
nung und Entwickelung vorherzusehen ist; denn ein Ba- 
taillon nach dem andern, eine Brigade nach der andern wurden hier 
dem Feuerherde des Kampfes zugeführt, der in nie gesättigter Glnt 
ma£slos die Truppen verzehrte. Dafs es der wiederholten Auf- 
forderung!; sHitens des österreichischen Oberfeldherrn bedurfte, um 
die in den hartnäckigen Waldkampf verbissenen Truppen endlich 
wieder beraosniziehen und sie ihrer eigentlichen Bestimmung zu- 
anffthren, beweist einerseits die Zuversicht, mit welcher die Corps- 
führer aus der glücklichen Durchführung dieses Wuld kämpf es einen 
Erfolg für die Schlacht erhoiften, andererseits <lie Schwierigkeiten, 
mit wekhen die Loslösung, Sammlung und Ordnung der in das 
i&be, hin« and herwogende Wuld^efecht verwickelten Truppen ver- 
bunden war. — Die österreichische Artillerie, welcher es haupt- 
sächlich gakam, die durch den Swiepwald vorrückenden preufsischen 
Abteilungen zu bekämpfen und an&uhalten, konnte infolge der 
Österreich iscben Infanterieangriffe nur in sehr uutergeordueteni Mafse, 
nämlich nur in jenen Augenblicken zur Thätigkeit gelangen, in 
weichen die österreichische Infanterie den Wald verlassen hatte; 
10 oft die Angriffe sich emenerten, mufite die Artillerie ihr Feuer 
g^fen den Swiepwald einstellen. — 

Anf preufsischer Seite hatte- die 7. Division, welche den Kampf 
um den Swiepwald in so glänzender Weise durchführte, für den 
d. Juli den Befehl erhalten, »je nach den Verhältnissen in das 
Gefecht der gegen äadowa Torrückendea 8. Divieiou einsugreiieoc. 



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290 



Dw Wald^ecbt 



Demgemärs beschlofs der Führer der 7. Division, Generallieutetiaiit 
V. Fransecky, sobald bei der 8. Division der erste Schufs fiele, von 
Cerekwitz auf ßenatek zu marschieren. Dies geschah dann auch 
gegen 77a Uhr Vormittags. Die Vorhut der Division drückte die 
Ssterreichischen Vortruppen zurück und dlrang in den Swiepwald 
ein, gegon welchen sich nachher die gaDze Division zum ungleichen, 
wechseWoIlen Kampfe entwickelte. Denn die allmählich ins Gefecht 
tretende Übermacht der Österreicher bet i ug an Infanterie das Drei- 
fache, an Artillerie mehr als das Vierlache der preufsischen Sireiter — 
beziehungsweise Geschutzzahl. Die Zähigkdt und Tapferkeit, mit 
welcher sich die preufsische 7. Division im Swiepwald schlug, ver- 
aolafete die österreichischen Corpsführer, nach und nach ihre 
Mbntlicheu Truppen in den Kampf zu werfen. Obschon dadurch 
schliefslich der Wald in ihren Besitz kam und die preußische 
Division nahezu gefechtsnnfabig gemacht wurde, hatte die Letztere 
dennoch eben dadurch einen grofsen Erfolg errungen, dafs es ihr 
gelang, zwei österreichische Corps auf sich zu ziehen. Dafs ihr 
solches möglich wurde, dafe sie ihre Kräfte gewisserma&en Terriel- 
faltigen konnte, dafs die österreichischen Truppen in grofse Auf- 
lösung gerieten und nur schwer aus dem Gefechte zurückzuziehen 
waren, alles dieses ist auf den Umstand zurückzuführen, dafs der 
Kampf ein in der Hauptsache vertei«! ig ii)ig.-> weise geführter Wald- 
kampf war. Die Bedeutung des Swiepwaldes leuchtet ein, wenn 
angenommen wird, dals nicht er selbst, sondern eine unbedeckte 
Höhe der Brennpunkt des Gefechtes zwischen der 7. Division und 
dem österreichischen rechten Flugei geworden wäre. Es ist doch 
wohl kaum denkbar, dafs in diesem Fall gegen die eine preuDrische 
Division der ganze rechte Flügel der Österreicher zur Entwickeln]!^ 
gekommen wäre, da geringere Kräfte beziehnngsweise die Artilleiie 
allein schon hingereicht hätten, um den Vormarsch der Prenfsen 
aufzuhalten, ähnhoh wie es auch in der Mitte der Stellung geguu 
das Bistritzthal hin geschah. — Für die Preufeen hatte die Be- 
setzung und Festhaltung des Swiepwaldes insofern einen Wert, als 
derselbe den ersten Schritt auf dem rechten Bistritzufer bedeutete 
und die Verbindung mit der II. Armee sicherte. Weiteren Nutzen 
konnte dieser Wald mit seinen in der Tiefe Uzenden Rändern 
nicht bieten; das umliegende Gelände war von ihm aus nicht zu 
beherrschen. — War sonach der Swiepwald für die Preulsen ein 
Mittel zum Erfolg, so wurde er für die Österreicher ein Anlafs 
zur Niederlage und ihre Anstrengungen um den Besitz d^ WtUdes 
sind eiuem Kampfe um Nichts vergleichbar. 



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291 



Der Verlauf des Kanipfei^ um den Swiepwald zeii^t in seinen 
Folgen, wie unrichtig und ^etulirvoll fS ist, ohne be8t I n? tn teil 
Zweck sich mit stärkeren Kräften auf ein ernsthaftes Walügeieclit 
einzulassen. r)enn, als nach Mittag die preuCsische 7. Division er- 
schöpft aus dem Walde zurückging, mufsteu auch die üsterreicliisclien 
Corps den Rückmarsch in die ursprün^Hirh vi jr^n sehenen Stellungen 
von Chlnni, Nedelist und Seudrusitz antieteu, da gegen diese Punkte 
bereits die ersten drei Divisionen der preufsiücheu IL Armee von 
Norden her im AnmarBch waren. Die Widerstandskraft des 4. 
und 2. österreichischen Corp^; konnte aher nach den unmittelbar 
vorausgegaugeueu hitsdgeu Kämpfen nur noch eine sehr gerinj^e 
sein. Das Voruehen der Divisionen des Kronpriny.en von Preulaeu 
glich daher einem b>iegesznge. Fast ohne Kampf kamen die 
Prenf<3en in den Rücken der österreichischen Stellimg und hiermit 
war die Scbkcht entschieden. 

Nunmehr sind die aus den oben geschilderten Waldgefechten 
hervorgehenden 1 olgerungen iioch kurz zusiiuiutiizustellen. Gegen- 
über dem Gefecht auf unbedeckten (Telände ist das Waldgefecht 
in der Durchführung mit besonderen ^Schwierigkeiten verbunden, 
es zeigt ferner gewisse Eigentümlichkeiten, welche bei Angriff und 
Verteidigung in Betracht zu zitihen sind, es bedingt endlich einige 
Beschränkungen in der Verwendung der Waffengattungen. 

a) Die bei der Durchführung df»s Waldgefechts her- 
vortretenden Schwierigkeiten sind folgende; 1. Die mangel- 
hafte Übersicht .erschwert die allgemeine Gefechtsleitung, erzeugt 
Unsicherheit, führt leicht zur Anordnung uuzweckmilfsiger und zur 
UuterlassuiiLT vorteilhafter Bewegungen. 2. Auch die Fühning der 
Truppen im Kiuzelnen ist schwierig, weil die Verbände sich leicht 
lösen und vermischen; das Aus- und Durcheinanderkommen der 
Truppen schliefst manchmal die Führung selbst im kleinen Verhältnis 
geradezu aus. Hierdurch entstehen 3. grofse Verluste au Gefangenen 
und Versprengten. 4. Die Bewegung der Truppenkörper wie der 
einzelnen Leute wird durch den mehr oder weniger engen htaud 
der Bäume und durch die Art des Unterholzes mehr oder weniger 
erschwert. 5. Die Überlegenheit der Schieüsausbildung kommt 
innerhalb des Waldes nicht zur Geltung, ebensowenig die bessere 
Feuerleitnng, weil die Feuembgabe auf die kurzen Abstünde be- 
schränkt ist. 6. Da die einmal im Waldgefecht aufgelijstt a Truppen 
meistens sich so]\\^f i'iberlassen werden müssen and der Einwirkung 
der Oberleitung entzogen sind, gewinnt die sweckmäDsige Verwendung 



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292 



Das Waldgefecht. 



dar Rückhaltatruppen an Bedeutung. Die richtige Enuetsung der 
Letateren ist «ber gerade im Waldgefecht beeonden eebwietigi 
weil in demselben der Oberblick Über die allgemeine Qefechtelage 
fehlt — 

Mit den Schwierigkeiten wichet aber bei dem Toehtigen der 
Reit, diesdben su aberwinden. In diesem Sinne vennSgen häufige 
und sachgemSfs angelegte Friedensfibnngen die Gewandt- 
heit in Leitung des Waldgefechtes zu steigern und alle 
Ffihrer in der Beherrschnug der Truppen, selbst im undurch* 
dringlich scheinenden Waldesdidcicht, zu fSrdem. ISne richtig 
ausgebildete Infanterie kommt im Walde fibendl dnreh und ver- 
steht es, auch unter den schwierigsten VerhUtnissen den netwendigen 
Zusammenhang und die Ordnung su bewahren. Es kommt darauf 
an, das Verstitodnis des einselnen Hannes fBr das Verhalten im 
Waldgefeeht su wecken. Wenn Alle in gleichem Sinne denken 
und streben, werden die Verluste au Abgekommenen, Versprengten 
u. dergU stets innerhalb gewisser Grensen bleiben. — Waldwege 
können die Einhaltung der Manchriehtung erleichtern und die 
Wahrung des seitltchen Zusammenhangs der Truppen begOnstigen. — 
Durch die Ablegung des Gep&ckes wird die Bewegungsfähigkeit der 
Leute im Wald erhöht. — Die Ausbeutung des ttberraschenden 
Schnellfeuers (fifagasinfenen) auf kurze Entfernung vermag ent- 
scheidende Wirkung hervorzubringen, namentlich wenn kräftige 
VorstÖfte mit dem im Waldgefecht stets aufgepflaoaten Seitengewehr 
unter Hurrah unmittdbar nachfolgen. — Um die dem Waldgefecht 
uigi ue Vermischung und Auflösung der Truppenrerbände möglichat 
zu vermindein, muik die Leitung schon beim Ansetsen der Truppen 
Alles vermeiden, was das Durchdnander vermehren könnte. Die 
Truppen sind daher grundsätzlich flügel- nicht treffenweiae 
ins Gefecht zu fähren. Da ferner neu auftretende Truppen 
vermöge ihres grüfseren Zusammenhanges in den Sch^ 'anhangen 
des Waldgefechtes meist dm Ausschlag geben, so erscheint die 
Zurflckhaltang stärkerer Kräfte und ihre allmähliche Verausgabung 
vorteilhaft. Wer von den beidoi Gegnern die letate frische Ab- 
teilung am rechten Fleck ins Gefecht wirft, bleibt in der Regel 
Sieger. — Der Grund f&r rfickgängige Bewegungen der Truppen 
in den obengeschilderten Waldgefechtoi ist wiederholt in den 
grofsen Verlusten an Offizieren gesucht worden. Die Frage, 
wie diesem Milsstande abzuhelfen sei, ist wohl einer kurzen Kr- 
^ört^uiig wert. In jeder gateu Truppe wird der Verlust an Offizierei, 
namentlich der unteren Grade, im Vergleich zu dem Verl.iste au 



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Das Waidgefecbt. 



293 



Mannschaften unTerbSltniamSlkig grofe sein. Die Offizi«« haben 
ihren Leuten den Weg gegen den Feind sn seigen, mit ihrer 
Penon das Beispiel der Todesverachtung sn gehen und ihr Ldben 
fnr die Erreichnng des Oefechtsiweckea einsmetaen. Diese eigenste 
An^be der Offiziere fährt die erwShnten Yerinste herbei und 
sohlielst die Schonung der Ffihrer naturgemfiJs ans. Dagegen 
konnten die gro&eren Verluste an Oflfisierai durch Yeonehrung 
derOffisiere ausgeglichen werden, und man wird behaupten d&rfen, 
dals bei Gleiehheit aller fibiigen VerhUtnisse sich diejenige Truppe 
im Vorteil befindet, welche die meisten Offiziere hat, weil die 
Wahrschiniliohkeit Torhanden ist, daüs sie im Gefodit am läugstea 
durch Offiziere gefBhrt und zum Standhalten venmlalst werden 
wird. Andeievsdts neben die Anforderungen, welche an die Be- 
flhiguDg und die Tüchtigkeit der Offiziere eines Heeres gestellt 
werden rnftssMi, eine ÜBste Grenze, unter weldie behois Vermehning 
der Zahl der Offiziere nicht gegangen werden kann, ohne den 
inneren Wert des guuen Of&zier-Oorps zu schftdigen. Eüne etwaige 
Nenaulstellmig von TruppenTcrbanden im Kriegsfall entsieht aber 
den linien-Troppenteilen eine erhebliebe Zahl Benift-Offiziefe, wo- 
durch die Einstellnng Yon Offizieren des Benrlanbtenstandes er- 
fordeilich wird. Auf die Heronbildung der Letzteren zu tüchtigen 
Feld-Offizieren hat sonach die Heeresleitung ein achaifee Augen- 
merk zu richten. — 

b) Besondere Eigentümlichkeiten, Vor- nnd Nachteile, 
welehe beim Waldgefecht sich geltend machen, bestehen 1. 
für den Angreifer in der MSglicfakeit eines gedeckten Anmarsches, 
unter ümstinden bis dicht an die Gegner. Die schweren Verlaste, 
welche der Angriff unter der Wirkung der heutigen Feuerwaffen bis 
auf den Entscheidungsabstand kostet« woden hierdurch gespart, mit 
▼olh&hligen Bataillonen kann der Sturm begonnen werden. Dieser 
bedeutende Vorteil besteht für den Augmifer aber nur dort, wo der 
Verteidiger zwar im Walde Stellung genommen, aber nicht den 
ganzen Wald besetzt hat, oder wo unbesetzte Waldungen vor der 
Verteidigungsstellung oder sof ihren Flügeln liegen. Die Angrifßi- 
wege werdoi hierdurch in der Regel weitere, allein sie führen desto 
sicherer «zum Sele. Ist ein solcher gedeckter Anmarsch nicht aus» 
fÜbrbor, so wählt der Angreifer womöglich die Tor&pringenden TeUe 
des besetzten Waldsaomes zum Angriff und stylst nach geglücktem 
Sturme, dem weichenden Gegner sofort folgend, bis zum entgegen- 
gesetzten Waldrande durch. Ein Heraustreten aus dem jen- 
seitigen Eande zur Verfolgung u. s. w. ist erst nach voll- 



294 



Du Waldgefeeht. 



KOgener Sammlang and Wiederherftiellang der Ordnung 
rätlich; denn leidit siielit ein Terfrahtes Vorbrechen den Verlnsfc 
des eben gewonnenen Waldes nach eich. 

Im Allgemeinen ist jeder Angriff anf einen Wald nnd das 
daianf folgende Gefecht im Waldesinnern dofdi die völlige Un- 
gewifeheit aber Stellung und Stftrke des VcrteidigerB beaonden 
schwierig. Dieser ümetand weist darauf hin, Waldgefeohte, wenn 
iigend tonlicb, za vermeiden ond durch Umgehang des Waldes den 
Gefechtszweck au erttreben. 

2. For den Verteidiger erwachsen aas einer gut gewählten 
Waldstellung entschiedene Vorteile. Nicht nur die vordwe Sehfifzen- 
linie bat Schute ood Deckong gegen das feindliche Feuer, dessen 
Wirknag durch die Bäume mehr oder weniger abgeschwächt wird, 
sondern auch die geschlossenen ünterstAtsungen können in leicht 
faeretellbaren Unterständen in der Nähe der Feuerlinie sieher bereit 
gehalten werden. — Das Feuer des Verteidigers, in der Deckung 
und mit vorteilhaftem Anschlag abgegeben, hat gegenüber dem 
Feuer des Angreifers die Wahncheinlichkeit besserer TreChrirkung 
fflr sieb. — Anbringung von Hindernissen, Sperrung der Zugänge, 
völliger Abschlag» der Umfassung vermögen einer Waldfront Sturm- 
freiheit an verleihen. — Die Kräfteverteilung nnd die Stärke des 
Verteidigers bleiben dem Angreifer verboigen; die Bewegungen der 
Rfickhaltstrappe im Walde können nach Malsgabe des leieht er- 
kennbaren Angriffsplanes des Gegners geregelt werden, um die 
Überl^enheit des Verteidigers an entscheidender Stelle m sichern» 
— Natur nnd Kunst wirken sonach susammen, um Waldstellnngen 
für den Schwächeren xnr Annahme und ^ücklichen DurehfÜhrung 
eines Kampfes geeignet zu machen, der unter anderen Umständen 
aussichts- und erfolglos sein wärde. Die kraftesperende Wirkung 
des Waldes läfot eine weitere Ausbreitung und eine weniger starke 
Besetzung der Fh>nt za, ohne dafii dadurch ein Nachteil enlateiht. 
Selbstverständlich giebt es auch hierin sine Grenze, und ein Wald, 
wdeher nicht ausreichend nnd nicht ganz besetzt werden kann, 
bleibt besser unbesetzt. (Vorgeschobene Stellangen, welche den 
Zweck haben, den Gegner zor Entwiokelung zu bringen, und dann 
wieder geräumt werden, sind hier nicht einbegriffen). — Verstöfse 
des Verteidigers ans der besetsten und verstärkten Waldfiront 
faeraoB sind in der Regel fehlerhaft und von Milserfolgen begleitet, 
weil sie die Preisgabe sicherer Vorteile g^en Zufälligkeiten und 
augenscheinliche Nachteile in sich schlielsen. — 

c) Während sonst doreh das Bichgema&e Zusammenwirken aller 



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Dm WftldgeflBoht 



295 



"Waffengattungen der höchste GefechtserlVJg erzielt wird, obliegt die 
Durchführung des Waldgefechtes ]ia uptsiichlich der In- 
fanterie allein, obschou auch die Beteiligung der anderen Waffen 
nicht ausgeschlossen, vielmehr nach Kräften anzustreben ist. Auf 
Seit*' (Ir? Verteidigers ist die Verwendung der Arti 1 1 eri e nur an 
denjenigen Punkten des Waldrandes ratsam, wo Wege ein rasches 
und sicheres Abfahren mit den Geschützen ermöglichen. A1»er nnch 
in 'lipseni T'alie liegt die frühe Gefährdung durch das Intanterirlruer 
des Angreifers nahe, weil die Srhiit/en des Verteidigers in der liegel 
mit der Artillerie auf einer liohe stehen. Die Batterien des An- 
greifers sind genötigt, ihr Feuer gegen den Wald einzustellen, sobald 
die eigene Infanterie in das Gehölz eindringt. Dif Wirkung des 
Artilleriefeuers ist aber überhaupt eine durch die Bäume mehr oder 
weniger beschränkt f^. - Innerhalb des Waldes ist die Kavallerie 
nur auf dem Wege zur Vermittelung von Refehlen und Meldungen 
verwendhar. — Die Pioniere vermögen insbesondire bei der Vor- 
bereitung der Stellung eine sehr nütslicbe Thätigkeit zu eut- 
wickeln. — 

Zum Schlüsse ist noch einer neuen Erscheinung zu gedenken, 
welche bereits die allseitige Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat 
und beginnt, aus dem Kähmen der Versuche in die allgemeine that- 
sächhche Verwendung überzutreten: das Pulver mit veiniinderter 
Ranch- und Knallentwickelung. Die im Waldgefeehte ohnehin 
schon obwaltenden, mehrfach hervorgehobenen Schvvierigkcite'u wer- 
den durch die allgemeine Einführung dieses neuen Treibmittels 
wachsen. Aus dem weithin vernehmliarcn Rollen des Gewehrfeuers 
konnte bisher nicht nur aufserhalh des Waldes der allgenieine Gaug 
des Gefechts erkannt und hiernach die Verwendung der Rückhalts- 
tmppen geregelt werden, sondern anch die im Innern kümptendeu 
Truppen gewannen durch das Getöse des Feuers einen wertvollen 
Inhalt ül)er den Stand des Gefechtes an anderen Punkten. Durch 
die geminderte Wahruehmbarkeit des Gpwehrfeuers wird die mit 
dem Waldgefechte verbundene l'nsicherheit noch gri'tfser und die 
Mahnung für den An(?reifer, ein solches Gefecht, wenn möglich 
zu meiden, noch dringender. Ohne Zweifel werden Wecre zur Be- 
wältigung der gewachsenen Schwierigkeiten hei Durihführuner eines 
Waldgefechtes gefunden und Mittel der Verständigung zwisclieii den 
verschiedenen Kampfgruppen innerhalb eines Wül ltjefechtes gescliall' U 
werden : aber so 7Aiverrassig wie der bisherige Gefechtslärm selbst 
werden diese Auskunftsmittel niemals sein. — 



20* 



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XXI. 

Tergleich des russischen Infanterie -Exerzier- 
E^lements mit dem Deutsclien 

(Abdruck von 1Ö89), 

in Besag auf Ausbildung der Gompagnie und des Bataillons 

zum Gei'eciit.*) 

Von 

Blndemüd, 



Aus den Ereignissen lernen wir! Wenn die Herausgabe eines 
neuen Reglements für die Infanterie bei uns erst 17 Jahre nach 
dem letzten der drei Feldsüge stattgefnndeii halk, so lag nicht Veiv 
nachlässigung jenes oben erwähnten Omudsatzes ▼or, sondern 68 ifti 
dies begründet in der aUpreufsischen 1 'berliefernng, nicht eher das 
Gate, Alte, Erprobte aafsogeben, als bis man zweifellos Besseres 
an seine Stelle za setzen Termag. — Anders in Roasland! Dort 
haben die Erfahrungen von Plewna der Heeresleitung gezeigt, dafs 
der Suwarowsche Grundsatz von der »Thorheit der Kugel« und der 
Wirkung des Bajonetts ohne vorherige gründliche Feuer- 
Torbereitung bei der jetzigen hohen Entwickelung der Feuer- 
waffen nicht mehr anwendbar sei: so sehen wir denn das neae 
R. R. für die Infanterie von 1881 aas dieser Erkenntnis herviHr- 
gegangen, auf dem Boden der neueren taktischen Anschauungen 
itehen, ja nach dieser Riehtang hin sogar die äolsersten Konse- 
quenzen ziehen. 

Das R. R. besteht ans zwei äufetflich von einander getrennten 
Teilen, dem eigentlichen »Reglement für deu Infanterie- 
Frontdienst« or.d der > Instruktion für das Auftreten der 
Gompagnie and des Bataillons im Gefecht.« Es ist« nach 
dem Vorworte, dieser Weg der Trennung in zwei Teile gewihlt 
worden, um bei später etwa noch eintretenden Änderungen in der 

*) Der EinfMiilieit bslber Iit in dsm i»e1ist«lieiidan Tenta das marisebe 
Ifaglsmettt mit dss Bvefastaben R. B.» dia deittMlis B<gl«in«nt mit D. S, be> 
ifliehnBlit "— 



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Teigldch das iiimsoheii lo&nterie^Elianta^ficglfiMiitR o. w. 



297 



Fühning des Infanlenegefechts nicht die Herausgabe eines völlig 
neuen Reglements uotw endig zu machen. 

Das D. R. zerfallt in drei Teile: I. Die Schule. — IT. Das 
Gefecht. — III. Die Parade. Das Abholen und Abbringen der 
Fahnen. Die Signale. Die Spielleute und die Hoboisten — während 
das (eigentliche) R. R. sich in die 4 Abschnitte gliedert: I. Einzel- 
ausbildung. II. Compagnie-Ausbildung. III. Bataillons-Ausbildung, 
IV. Ausbildung des Regiments und der Brigade, 

Bei oberflächlicher Prüfung möchte es scheinen, als ob die 
Einteilung beider Reglements somit sehr auseinanderginge, that- 
sächlich ist dies nicht iu bedeutendem Mafse der Fall. — Zu nächst 
Absciiiittt T behandelt in beiden Reglements die Einzelausbildung 
ohne, dann mit Gewehr. Alnveichend von unserem Rjeglement und 
eharakteristisrh für die immer noch nicht ganz aufgegebene Vorliebe 
für das Ivijonett in der mssischen Armee ist hier die Autuahme 
der Ausbildung ira Hajomitieren, während andere gymnabtische 
Übungen im Reglement fehlen. 

(nmieinsara ist beiden der Wert, welchen sie auf die Aus- 
bildung des einzelnen Mannes zum Schützengefecht legen; 
im R. R. schliefst sich hieran noch die Ausbildung der Sektion 
im hchiitzengefecht^ wahrend das D. R. den Zug in geschlossener 
und zerstreuter Ordnung behandelt, bevor dasselbe dann, ebenso 
wie das russische, zur Compagnie über^'eht. Ich denke, wir können 
un.serm Reglement für diese Gliederuug: P^inzelauslnldung — Zug 
— dann Compagnie nur dankbar sein; arbeitet doch die Auehildung 
im Zuge in sachgeraälser Weise dem Conipagniechef vor und 
gewährt dem Zugführer pinen Rahmen, in welchem er vor und 
wahrend des Compagnie- Exerzierens verhältnismäfsig selbatständig 
wirken kann. — 

Es folgt in beiden Reglements die Compagnie: geschlossene 
Ordnung, zerstreute Ordnung, Kolonuenforniation. sei bei den 
Formationaveränderungen in der Compagnie, welche nach dem D. R. 
sieh fast ausschliefslich auf lias Kommando des Compagnieführers 
vollziehn, erwähnt, dafs nach dem russischen alle Kommandos des 
Compagnieführers von den Zugführern zur Ausführung wiederholt 
werden. Diese Wiederholung der ohnehin sehr langen Kommandos 
dürfte bämtiichen Bewegungen eine gewisse Schwerfälligkeit ver- 
leihen. — Demnächst srhlielsen in beiden Reglements an: Ba- 
taillon, Regiment, Bricradn in ihren Formationen, Kolonnen- 
beweguugen und Oefechtöeulwickiuugeu. Unserem HX.Teil: »Parade« 



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298 



Vergleich des russiscbeD iDfanterie-Ezenier-B^lemeots 



in gewisser Beziehang entsprechend, fügt das R. R. an jede dieser 
Einheiten je ein Kapitel: »Beslcbtigangen.« 

Dem IT. Teil unseres Reglements: »Gefechte entspricht die 
erwähnte »Instruktion für das Auftreten der Gompagnie 
und des Bataillons im Gefecht.« Es wird der Zweck der 
folgenden Zeilen sein, zunichst Einiges von allgemeinem Interesse 
vergleichend zn berühren, demniehst zur Vergleich ting beider 
Reglements in Bezog auf die Ansbildnng der Gompagnie, dann des 
Bataillons fUr das Gefecht fiber/ugehen. 

Die Stellung des Mannes nach dem R. R. ist ebenso wie 
im D. R., nur dafs die Ffilse einen etwas spitzeren Winkel (Kolbea- 
breite) bilden. Die Schrittlange betragt bei uns 80 cm, nach dem 
R. R. wenig über 70 cm (0,711), w&hrend unserem Uaischtempo 
von 114 Sehritt in der Minute ein Tempo von 116 — 120 Sehritt 
drüben gegenübersteht, also nahezu unser Sturmschritt. Wir sehen 
demnach im R. R. auf Kosten der ISnge des Schritts eine Ver- 
stärkung des Tempos. Ob letzteres bei andauernden Marschen 
in Compagnte^Kolonnen üher Sturzacker n. s. w. durcbflQhrbar ist, 
bleibe dahingestellt. Die Länge des Schritts beim Lauftchritt ist 
ungeföhr dieselbe (dort 1,066 m), das Tempo jedoch nach dem D. R. 
165—170, nach dem R. R. 170—180, mithin etwas lebhafter. — 
Während das Schliefen bei uns fortgefallen ist, das RnckwSrta- 
richten mit gekrümmten Knieen, ohne fest aufzutreten, stattfindet, 
hat das R. R. Beides, ebenso wie auch die Qnffe »Gewehr auf« 
— und »abc beibehalten. — Das prisentierte Gewehr steht nach 
dem R. K. vor der Mitte des Körpers. Der Schütze in der mssisehen 
Kette (Schützenlinie) bewegt sich mit Gewehr über und nimmt nur 
zu den Sprüngen »Gewehr ab.« — 

De^ russische Infanterist ist ausgerüstet mit dem Berdan- 
Gewehr (ohne Magarin; Kaliber 10,7 mm; unter aUen UmstSaden 
aufgepfianztes Seitengewehr; grölseste Tragweite 3000 m, Visier- 
schufsweite 1600 m). Bei der Ghargierung verweist das R. R» 
in der Ausführung der Details auf die Sehielsvorschrift; Hinweisen 
ahnlicher Art beziehungsweise Visieranwendung und Haltevorschrift, 
sowie Munitionsersatz nachher begegnen wir auch in unserem Re- 
glement (I, 98; n, 37). In Bezug auf die Abgabe des Feuers 
decken sich die Bestimmungen beider Reglements in den Haupt- 
punkten. Entsprechend unseren Kommandos, nachdem geladen: 
»Chargiert — Fertig« wird z. B. nach dem R, R. kommandiert: 
»Gompagnie — Salve« ; das 8. Glied ruckt heran, beide Glieder maohen 
fertig, dauu »Gompagnie«; die Leute legen an — »Feuer« ente 



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mit dfim Deut&cbeu o. s. w. 



299 



sprechend unserm »Legt — an«, »Feuer«. — Eichtung, Ziel, Visier 
wird stets angegeben, im Knieen wird geschlossen gefeuert, zur 
Salve im Liegen dagegen — alles wie bei ans — erst ansgeschwärmt. 

— Soll aus der Bewegung zum Feaeru gehalten werden, so werden 
entsprechend den oben angedeuteten Verschiedenheiten die Kom- 
mandos in entsprechender Weise wie bei uns abgegeben. 

Ausbildung der Compagnie für das Gefecht. — Beide 
Reglements kennen nur die zweigliedrige Aufstellung. Das 
rnssische teilt die Compagnie in 2 Halbcompaguien zu je 2 Zügen, 
in Summa 4 Züge, das deutsche in 3 Züge. Auf Kriegsstärke 
stehen in beiden Armeen annähernd 200 Mann (die deutsche Com- 
pagnie einschliefslich Unteroffiziere 250) in der Front der Compaguie. 
Die Züge werden der Nummer nach vom rechten Flfigel benannt. 
Als Marschkolonne haben beide Reglements (Ausnahme: Reihen- 
kolonne) die Sektions-Kolonne, welcher sich im russisshen die 
Doppel reihen- Kolonne zugesellt (Formation derselben aus der 
Reihen-Kolonne rechts nm: das zweite Glied der ungeraden Rotten 
tritt 1 Schritt rechts, die geraden Rotten schieben sich rechts über 
und vortretend ein.) Als Gefechtsformation entspricht unserer 
Compagnie-Kolonne die russische Zug- und Zweizug-Kolonne, 
beide geöffnet oder geschlossen. Sämtliche Kolonnen beider Regle- 
ments können rechts oder links abmarschiert sein — die Richtung 
ist nach dem vordem Zug und zwar nach rechts oder links. 

Das D. R. kennt nur die Schützenlinie und die geschlos- 
sene Linie, diese mit Ellbogen -Fühluüg. Anders das R. R., nach 
welchem aufser der Kette (Schützenlinie) und der geschlossenen 
Linie die geöffnete Linie — Rotte von Rotte 1 Schritt Abstand 

— z. B. als Formation der Reserve i. e. Unterstützuiigsttupp viel 
angewendet wird. Nach Ansicht hervorragender Artilleristen ist 
für Infanterie, welche im Artilleriefener vorgehen mufs, die geöffnete 
Linie der geschlossenen vorzuziehen, weil erstere geringere Verluste 
erleidet. Li beiden Reglements ist die Schützenlinie die Haupt- 
kämpf form der Infanterie; sie kann aus der Linie und der 
Kolonne gebildet werden. In der Kette, wie in der Schützenlinie 
nimmt jeder Mann ungefubr 2 Schritt ein, um vor Allem sein 
Gewehr bequem ausnutzen zu können. Auf Friedensstärke soll die 
ruasiscfae Compagnie 120 Schritt = 100 ra, auf Kriegsstärke dagegen 
etwa 250 Schritt = 200 m Frontbieite haben. Von einem ziffer- 
mälsigen Unterschiede sieht das D. K. ab, indem es nur eine 
allgemeine Ausdehnung voii »nicht erheblich über 100 m< vor- 
schreibt. 



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300 V«ig1«ieh dM niniieh«ii Infktitaii^'ntflnin^BigleiiMiti 



Per Rest der Coinpagnie (rntcrstützungstnipp, bei den Russen 
Compagiiic-Rei^prve genannt) folgt in Linie oder Kolonne. Ehe 
Abstände betrefTend lassen zwar beide Reglements Sim lraiim, je zur 
Erfüllung des Zwecks rechtzeitiger Unterstützung, das russische geht 
aber dabei bis zur Entt'eruung von 400 m, während das deutsche 
für die erste Entwickelnng — ohne Berücksichtigung des (ieländes 
— einen Abstand von 125 ni festsetzt Kinschränkend schliefst das 
R. R. dann dies<>ii Passus damit, idafs die Reserve sich immer 
niiher nn df^r Kette befinden müsse, als diese am Feinde.« — Die 
Verstärkung der Schützenlinie erfolgt in beiden Reglements 
durch Verlängern oder Einschieben. In letzterem Falle haben 
Offiziere wie Unteroffiziere schn^dl die neuen \ t rV*finde einzuteilen. 

Das Feuer einer Schützenlinie beziehungsweise Kette findet 
nach beiden Reglements grundsätzlich im Halten statt, auch ist 
beiden gemeinsam die Restimmnng, dafs beim Zurückgehen, um den 
naehfeuerndeu Feind unter Feuer zu halten, einzelne Leute stehen 
bleiben, schiefsen und dann nacht-ilen können, wenn auch das 
Deutsche hier sehr einschränkend verfahrt (1, 128; II, 43), Eine 
Ausnahme macht jedoch das R. R. beim Angriff. Hier sollen die 
Schützen von 150 m bis auf 40 m an den Feind fortgesetzt >ge- 
steigerte« Einzelfeuerc abgeben, d um erst ballen sie sich zur Attacke 
zusammen. — Dieses Fencr m der schnellen Bewegung dürfte 
nahezu wirkurn^''s1f>s bleif)eu, also eher ermutigend auf deu Gegner 
wirken, auch wird das unausbleibliche Stutzen der feuernden Schützen 
die Vorwärtsbewegung der Reserven leicht in schädlicher Weise 
beeinflussen. Das Feuer beginnt auf Kommnnrlo und wird hüben 
wie drüben nach Bedarf durch Pfiff gestopft. Beide Reglements 
verweisen betreffs .\bgai)e des Feuers auf den Gefechtszweck, das 
Ziel, die Munition, und erinnern an Ökonomie mit Letzterer. 

Die Feuerarten betreffend steht unscrm »langsamen« und 
»lebhaftem Schützenfeuer« das russische »langsame Einzelfeuer <« 
gleich, während als nnserm Schnellfeuer entsprechend das »ge- 
steigerte*. Einztdfeuer gelten dürfte. Dieses wird behufs gröfster 
Entwickelnng des Feuers vorzüglich im Augenblick eines bevor- 
stehenden Zusammenstofses und nachher angewendet, ganz sinn- 
gemäfs uusern Bestininiungen für Abgabe des Schnellfeuers. Endlich 
kennt das R. R. auf Ziele in grofser Entfernung, der Leichtigkeit 
der Leitung wegen, noch ein Feuern mit »bestimmter Patronen- 
zahl«. Da<;sel!)e darf jedoch, wenn auch auf nahe Entfernungen 
fortgespfzt, niemals beibehalten werden im Augenblick eines bevor- 
stebenden ZufiammeiutoÜBes and Uberhaapt beim Feuern mit anver- 



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mit dem Dentacheo a. s. w. 



301 



inderlichem Visier. — Die Sal?e (oidii unter Zagetarke), welche 
bei nne nur in sehr besohiankter Weise sar Aowendung gelangt, 
wird fom B. R. warm empfohlen auf alle Ziele, alle Enifer- 
nimgen, wenn nnr irgend mfi^ch nnd aosffihtbar. — Wir beror- 
SQgen die Bestimmong des D. R., welches das SchOtsenfeaer — 
langsames vnd lebhaftes — ab die Regel hinstellt, da dasselbe 
anbedingt, wenn richtig anerzogen und geleitet, die gröfste Treff- 
wirkung Terburgt (Sollte diese Anwendang der Salven, sowie das 
Feuern mit bestimmter Patroneaxshl nieht vielleicht, wie seiner Zeit 
ffir uns, so jetst fflr die mssische Infanterie ein Durcbgaogsstadinm 
in der Entwiekelung der Fenerleitong sein!?) W&hrend wir mit 
Gewehr 88 erst Aber 800 m. 2 Visiere anwenden, verwenden die 
Russen 3 Visiere bereits anf Entfernungen (Iber 600 m, so lange 
die Entferaung nicht geuan bdmnnt ist, ferner gegen sich be- 
wegende Ziele nnd endlich — abweichend von unseren Bestimmungen, 
die das indirekte Feuer nnr im Festangskrieg gntheiben — bei 
indirektem Feaer anf einen gedeckten Gegner, in letzterem Fall 
aher nur auf Entfernungen von nidit weniger als 800 m. — Eine 
Ermittelung der Visierstelluog durch Prohesalven ist, wenn andere 
Entfemungsennittelnngen beriehungsweise Erkundigungen fehlen, 
in der russischen Armee wie bei uns gestattet 

Gemftb den Vorschriften beidor Beglemenis ffihrt der Haupt- 
mann — in der rassischen Armee unberitten — die Gompagnie 
und hält sich zu diesem Zweck da auf; von wo nach seinem Er^ 
memen diese Fiihnmg am besten zu bewerkstelligen ist Wahrend 
sieh nach dem D. R. beim Hauptmann 1 Hornist befindet, komman- 
diert der unberittene, daher weniger bewegliche rusrische Hauptmann 
zur Befehbftberbriugung den Kammer-Unteroffizier und seinen Ge- 
hülfen, feiner, wenn diese mit Ausgabe der Munition beschäftigt 
sind, 8 Gemeine zu deh. — Die Führung der Kette der ge- 
samten Compagnie übernimmt bei der msaischen Infanterie der 
ilteste Halbeompag nieführ er — bei ihm ist der Gompagnie- 
Signalist. Derselbe ist für die Richtung und Bewegungsart der 
Kette verantwortlich, leitet vor Allem das Fener, mpfiehlt 
den Zugführern die zu beechielsenden Ziele, bestimmt die Fenerart, 
überwacht den Patronenverbrauch nnd sorgt für seine Ergänzung. 
Eine solche Zwischeninstanz zwischen CompagniefOhrer und Zug- 
führer kennt das D. R. nicht, es nberläbt die Fenerleitnng dem 
Zugführer, indem es ausdrücklich die Selbstthätigkeit als 
Grundlage der grulseu Erfolge im Kriege bezeichnet nnd hinzufügt 



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302 



Vergleich des russischen InfiEuiterie<Exenier>Beglement8 



(Schlofepassus II, 54): »Diese GenchtBpnnkte gelten bis lo die 
Ftthningen der aniereten Grade.« 

Abgeeehen von dem Bedenklichen einer aolcben Berormnndnng 
der Zogfabrer seitens des HalbcompagnieföbreiB (derselbe empfiehlt 
z. B. die Ziele zur Besehiefining) in Bezug aaf Anerziehung der 
SelbstthStigheiti scheint uns die Leitung einer auf etwa 900 m 
ausgedehnten Schfitaenlinie, ToUends im Gefecht, einfach nicht ans- 
ffihrbar zu sein. Man weUSs aus Erfahrung, wie schwer schon beim 
Gefeditsschielsen mit scharfen Patronen die Feuerleitang auf be- 
schrftnktorem Raum mit weniger, aber sicher ausgebildelen Mann- 
schaften ist nnd — ohne gegnerisches Feuer. Beide Reglements 
legen der Feuerleitung den grSlsten Wert bei: Die Wahl des 
Platzes, Auswahl der zu besehieJsenden Ziele, rechtzeitiges Stopfen 
und Wiederbeginnen des Feuers, Umstellung der Yisiere, richtige 
Beobachtung der Feuerwirkung, Unterstfitzung seitens der Gruppen- 
führer werden in nnswem, wie dem R. R. als unerUUaliche Vor- 
bedingungen einer guten Feuerwirkung eingehendst behandelt 

Betreffs der Munition empfiehlt das R. R. Sparsamkeit, be- 
sonders beim Angriff, und macht Zug- und Gruppenführer Terani- 
wortlich dafBr, daÜB beim Eintritt in den Wirkungsbereich des feind- 
lichen Feuers (circa 600 m) jeder Mann der Kette im Besitz seiner 
vollen Anzahl Patronen (60 Patronen in beiden Taschen, 84 im 
Gepäcksack) sich befinde, da von da an eine Ergänzung der Munition 
aulserordentlich schwer zu bewerkstelligen sein dürfte. Die Schfitaen 
haben nach Bedarf Patronen von den Reserven holen zu lassen, 
diese wiederum ergänzen ihren Vorrat aus dem Patronenkarren, der 
noch 48 Siflck Patronen pro Gewehr mitfährt — Der deutsche 
Infanterist tragt l&O Patronen bei sich. Das D. R. verweist (II, 37) 
auf die Felddienstordnung; diese macht die Führer aller Grade, 
besonders aber den Bataillons-C^mmandeur verantwortlich für recht- 
zeitige Versorgung der Schützenlinie mit Patronen aus den Com- 
pagnie-Patronenwagen, macht auch den höheren Führern zur Pflicht, 
die Munitionskolonnen zeitig nahe heranzuziehen. 

Bei den Bewegungen der Schützenlinie wird in beiden 
Reglements von »peinlichem Festhalten der Abstände«, sowie »ängst- 
licher Beobachtung der Seitenrichtung« abgesehn; während jedoch 
nach dem D. R. in kleineren Verbänden der Anschluß an eine 
Abteilung der Schützenlinie nicht ausgeschlossen ist, kennt das 
R. R. eine Richtungs-Comgagnie, in dieser einen Richtunge- 
zng. Beide Reglements betonen femer: Festhaltnng der Marsch- 
richtung. Es sind, so lange das feindliehe Feuer noch schwach, 



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Bit dflm DeutielMB n. w* 



geringere Direktionsveränderuiigen gestattet: nach dem 1). K. 
durch Ziehen oder — ganz selten — durch Schwenken, nach dem 
R, K. dadurch, daüs die Richtangs-Gompagnie mit ihren Schützen 
auf ein neues Eichtungsobjekt losgeht und die Schätzen der anderen 
Compagnien sodann allmählich die neue Richtung aufnehmen : findet 
die Richtnngsveränderung unter einem grofscn \VinkL'l statt, so 
mufs ein Teil der Schützenlinie halten. — Tritt die Notwendigkeit 
einer Frontveränderung in der Wirkungssphäre des feindlichen 
Feuers hervor, so ordnet das D. R. das Vornehmen neuer Schützen- 
linien mit neuer Front an, doch wohl die einzige mögliche Frout- 
veränderung einer langen Schützenlinie im wirksiamen feindlichen 
Feuer. Das R. R. erkennt diese Schwierigkeiten an, kennt aber das 
Vornehmen neuer Schützen nicht. 

Die Bewegung der Schützenlinio geschieht nach beiden Re- 
glements im Schritt (114 und llti — 120 in der Minute) uder im 
Sprung. Als Regel gilt in beiden die Schritt- Bewegung; dieselbe 
wird angewendet, so lange die Schützen noch nicht in das wirk- 
samste feindliche Feuer gelangt sind und so lange beziehunrrsweiso 
so oft sie sich in Deckung vorwärts bewegen. Von etwa 6(X) m 
an — nach dem R. R. (das unsrige giebt keine bestimmte Ent- 
fernung) — wird, wenn keine Deckung vorhanden ist, gesprungen 
oder es wird sprungweise vorgegangen d. h. ein Teil springt, der 
andere verstärkt das Feuer. Der Beginn des sprungweisen Vor- 
gehens, die Länge der Sprünge — in der Regel hier wie dni*t 
80 m — und die Stärke der springenden Abteilung hängen lediglich 
von dem Gelände und von den Gefechtaverhältnissen ab; Die Führer 
der springenden Abteilungen eilen voraus und bezeichnen die neue 
Stellung; ist die Entfernung von einer Stellung zur andern zu 
grofo, um letztere mit einem Sprunge zu erreichen, so können für 
die Schützen Ruhepansen eintreten, ohne daCs gefeuert wird. 
Unter Umständen kann auch die ganze Schützenlinie auf einmal 
Springen. Diese YorBchiiften sind beiden Reglements gemeinsam. 
Das D. R. fügt dann noch hinzu, dafs, wenn mit Rücksicht auf 
die Wirkung des feindlichen Feuers möglich, ein »ununterbrochenes 
Vorgehent anzustreben ist, und daHs nach wohlüberlegtem Feuer 
ein »unaufhaltsames Streben nach vorwärts auch vorwärts führt — 
ein Zurückgeben aber gleichbedeutend mit Vernichtung ist«. — 
Die Reserven beiiehungsweise Unterstützungstrupps folgen, 
das Gelände, sowie günstige Umstände Rauch oder Staub aus- 
nutzend, der Schützenlinie, bei Art ihrer Fortbewegung lediglich 
Rücksichton der Torerwähnten Art Rechnung tragend; ihre For- 



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304 



Vergleich dm rnssUehen Infauterie-£xt>rziGr-R«glemeDts 



maiion richtet sich jeweilig nach dem Gnde ihrer GefiUurdiing 
dnreh das feindliche Feuer. — Werden Oompagnie-Beserfen zur 
Abgabe von Salven in die Fenerltnie geführt, eo geeebieht dies 
stets in gedffiieter liinie, mdglicbst .in die Zwischeniänme der 
Scbfltsenlinie; sind diese xn klein, so werden die Reserven an die 
Schotsenünie herangeführt und es feuern die an und bei den 
Reserven liegenden Schütxen auf Kommando des Zugführers der 
Reserven mit. Stets wird hier die Salve angewendet. — 

Beide Reglements bezeichnen das Heranführen der Unter- 
statvnngstrupps besiehnngswdse Reserven als Anzeichen des 
Herannahens der Entscheidung. Ffir den Angriff schreibt 
das R. R. vor: »Das Gefecht muis mit dem Bajonett-Angriff zu 
Ende geführt werden« (§ 37). Der Bajonett -Angriff wird in 
der russischen Armee entweder von der SehUtienlinie alleia oder 
von dieser mit der Reserve zusammen ausgeführt. In exsterem Fall 
springen die Schfitaen vor and stürzen, 50 Schritt vor dem Feinde 
angekommen, unter Hurrah sich aneinandeisehlielsend, auf denselben, 
w&brend die Reserven nnaufhaltsam folgen; nnter Umstinden soll 
ein Teil der Schülsen liegen bleiben und feuern. — Dieser Angriff 
durch die Schützen wird ausgefflhrt, wenn nach Wahrnehmung deor 
Fuhrer der Schützenlinie eine Abnahme des feindlichen Feuers, 
Vorbereitungen zur R&nmnng der Stellung seitens des Feindes 
stattfinden. — Der zweite Fall: gemeinschaftlicher Angriff 
von Sehfltsenlinie und Reserven verl&oft fblgendermalseii: 
150 m vom Feinde letzte Position der Schfltseu, gesteigertes Einzel- 
feuer; die Reserven, in geöffheter Linie herangeführt, schlielsen, 
dicht hinter den Schützen angelangt, zusammen; auf Befehl des 
Hauptmanns Schlagen der Tambours, Blasen der Signalisten, die 
Schützenlinie läuft, tortgeseizt »gesteigertes Einzelfeuer« gebend, 
einige Schritte den Reserven voran, 50 Schritt vom Feinde stfirst 
Alles mit Hnrrah auf den Feind. — Das D, B. schreibt entsprechend 
diesem Angriff vor: Nachdem die Schützenlinie die nahen Ent- 
fernungen erreicht und beständig verstärkt durch das hücdiste MaCs 
der Feuerleistuug den Sturm himreichend vorbereitet haben, so werden 
nunmehr die hintern Staffeln an die vorderste Linie herangeführt. 
Die Tambours schlagen, die Hornisten blasen und Alles sturtzt — 
gleichgültig in welcher Formation, ob neben oder hintereinander 
vorwärts mit »Hnrrah« auf den Feind. 

Wenn das D. R. so den Angriff ausgeführt wissen will auf 
Befehl des Führers der Angriffstrnppen durch den Impuls von 
hinten, nachdem vorn durch die Schützen bereits die Feuer- 



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mil dein Dentaduii a. s. w. 



Überlegenheit erreicht worden ist, so läfst es doch offen — ganz 
anal(^ dem R. R. — dalis, da d'w Schützenlinie als vorderster Teil 
am besten im Stande sei, die erlangten Vorteile zu bemerken, 
häufig auch von ihr der Anstois sar Dorchfühmng des Angriffs 
ausgehen könne; Aufgabe der geocblossenen Abteilnngen werde es 
sein, sofort zu folgen zar Unterstntasang und Sicherung ror KUck- 
schlägeo. — Jede weitere Schematisierung des Angrifisverfahrens ' 
irt nntenagt! — Beide Reglements gestatten also einen Angriff der 
Schützen mit Nachfolgen der Reserven und einen Angriff mit dem 
Impuls von hinten ; in der Form jedoch weicht bei leteierera Angriff 
das R. R. ab, indem es die Schützen in der Bewegung während 
des Angriffs selbst feuern läüst — Mau darf dies wohl einesn 
weitgezogene Konsequenz des R. R. nennen! 

Nach gelungenem Angriff soll in beiden Re<^de.ments, nachdem 
der jenseitige Rand des betreffenden Gelände-Abschnitts erreicht 
worden ist, Verfolgung dorcli Pener stattfinden und swar dorch 
»Schnellfener beziehungsweise gesteigertes Einselfeaert. Das 
Sammeln vollzieht sich naoh dem R. B. immer in der geschlossenen 
Kolonne mit Halbcompagnien, nach dem D. R. anf das Kom- 
mando »Sammeln« stets in der Compagnie- Kolonne, grund- 
satzlich bei dem geschlossenen Teil der Truppe, mit der Front nach 
dem Feinde. Die Compagnie mufs jedoch geübt sein, auch in Linie 
und Sektions- und Compagnie-Kolonne lautlos an einem bestimmten 
Platz anzutreten. 

Für das Eintreten der Compagnie in das Gefecht schreibt 
das D. SL sparsame Schätzenentwicklung, jedoch in der Regel Auf- 
lOenng ganzer Züge vor. — Ahnlich verfahrt d^r Compagnie-Führer 
nach dem R. R., der 1 bis 3 Züge, in der Regel jedoch 2 Zöge 
anf einmal ausschwärmen lassen soll, letzteres, um einem zu frOh- 
aeitigen Vermischen der Züge vorzubeugen; schwärmt 1 Zug aus, 
so besetzt er nur die Hälfte des der Compagnie angewiesenen Raumes. 
Möglichst lange sollen hüben und drüben vom Compagnie-Führer, 
zumal, wenn die Compagnie allein kämpft, geschlossene Abteilnngen 
r.urückgehaltea werden. Dies gilt für den Angriff, wie für die 
Verteidigung. Das D. R. fügt hinzu, dafs für die Durchführung 
des Gefechts die Feuerkraft auf die gröüste zulässige Höhe zu bringen 
nnd bis zum Eintritt in die Entscheidung möglichst auf dieser zu 
erhalten sei. 

Im Bataillons -Verband lassen beide R^lements schliefslich* 
unter Umstünden alle Zuge der vorderen Compagnien ausschwärmen 
nnd es treten dann die BataiUons-Resenren beziehungsweise das 



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306 



Togkieh dM niniioheD InfMit6rie>EimMr<Bafleiiienti 



sweite Treflfen als Reserven auf. — riandelt es sich zunächst ledig- 
lich um Sicherung vor Überraschungen vor Eintreten in daa Gefecht, 
so entsendet der russische Comi)agnie-Führer Patrouillen, den vor- 
deren Zügen entnommen, und lost erst etwa auf KiOO ra vom 
Feinde Züge auf; die deutsche Compagnie sichert sich beim Vor- 
gehen durch ausgeschwärmte kleine Abteilungen, selbst unter 
Ha)bzu<;Rtärke. Die Schützenlinien beider Armeen sichern ihre 
Flanken durch Gefechtspatrouillen. 

In Betreff der Grundaätase und Mittel zur Abwehr eines 
Kavallerie-Angriffs durch Infanterie stimmen das D. R. und 
R. Ii. überein: nämlich schnelle Entwickelung einer möglichst grofsen 
Anzahl von Gewehren. In den dazvi empfohlenen Formen weichen 
dagegen beide Reglements einigermafsen von einander ab. Nach dem 
R. R- l'aCst jeder Führer der Schützenlinie oder Reserve, welcher 
eiueu dr(3henden Kavallerie -Angriff gewahrt, das Signal i>da9 Ganze« 
geben und jeder Führer hat sofort zu überlegen, in welcher Weise 
er am schnellsten seine Gewehre zur Entwickelung bringt. Ab- 
gesehn von dem Bedenklichen, was darin liegt, jedem Zugführer 
das doch leicht zu Irrtümern führende Abgeben von Signaleu zu 
gestiitttu, unterscheidet nun das Reglement einerseits ein Zu- 
sammenlaufen der Schützen um ihre Sektions- beziehungsweise 
Zugführer, und zwar, wenn keine Deckung im Gelände ist, oder 
bis zum Herankommen der Kavallerie noch Zeit ist; andererseits 
ein Stehenbleiben und Feuern der Kette. Das D. R. — Signal 
»Achtung« — warnt dagegen ausdriicklich vor jedem Zusammen- 
laufen der Schützen — besonders noch, wenn dieselben zugleich 
im feindlichen Infanterie-Feuer sich befinden, vor der Annahme 
jeder geschlossenen Formation, während es allerdings eine 
Ausnutzung von Deckungen gestattet. — Nach unserer Ansicht steht 
das D. R, hier auf dem Boden der höchsten t«ktischeu Entwickelung; 
j«^ überraschender, somit bedroh lieber die Sachlage ist — und dies 
wird bei einem richtig angesetztem Kavallerie -Angriff der Fall sein 
— um so einfacher sei die Form, um solcher Lage gewachsen zu 
sein. Lüfst mau da.s eiue Mal hei einem Kavallerie-Angriff die 
Schützen zusammenlaufen, ein anderes Mal nicht, so wird es leicht 
gescluhen, daCs Führer und Mannschaften, gerade bei dem Über- 
raschenden, der Eine das, der Andere Jenes ausführen will. Da 
aufserdeni das R. R. selbst betont, dafs »dit^ Kraft des gleich- 
zeitigen Feuers es möglich macht, den Ka v a I leri e - A ug ri f f 
sogar mit der Schützenlinie abzuwehren« so erscheint eine 
doppelte, ja fast dreifache Form — Schützenlioiei Sammeln am 



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mit d«iii Dentaebtn v. i. w. 



307 



Zag- oder Sektionsföhrer — als des Chiton su neL Betreff» der 
Yerwendaag von ünterBtütsnngstnippe benehnngsweise Gompagnie- 
Besenren beim KaTftUerie-Angriff geben beide Reglements iHeder 
Hand in Hand, indem sie ein Einrücken in die Scbütienlinie und 
Einnebmen einer neuen Front seitens dieser und aneb der dabinter 
befindlieben Treffen-Teile empfehlen. 

Um ans der Zwoizu^ oder Zng-Eolonne besiebongsweise Com- 
pagnie-Kolonne mSgliebst Bcbnell nscb der Seite anfeamarscbieren, 
lassen beide Reglements den Tordersten Zng die neue Front ein- 
nehmen and die anderen Zöge anfmancbieren, wobei nacb dem 
D. R. »zum Cbargierenc binsogefagt wird. Das R. R. gestattet in 
diesem Fall nberbaapt jede Verwand lang und Versetanng der 
Abteilangen, a. B. wenn die Kavallerie gegen die Flanke an- 
reitet, aueb wenn dieselben »im R^lement far den Frontdienst« 
(also dem eigentlichen Reglement) nicht vorgeschrieben sind. Hier 
fordert das R^ R. in seinem angewandten Teil also Formationen 
and FormationBTeriUidemngen, deren Einabang es im eigentlichen 
Reglement anterl£fet; eine UnterlaasongHsfinde, welche sich schwer 
riehen kann, da, wie schon oben bemerkt, je bedrohlicher die 
Lage, desto ein&eber und sicherer eingeübt die Formationen und 
deren Verändeningen smn mOssen. Es befindet sich in dieser Be- 
raebang das R. R. nicht voll im Einklang mit dem nnsrigen, webbes 
letztere der Erlemong and Anerziehang der Formen — von den 
Paraden abgesehen — stets den Gedanken an das KriegsndÜsige zu 
Grnade legt, diese Formen aber anch mÖgUohst alle and sicher 
eingefibt wissen will. Die Gleichmifeigkeit and Sicherbeit der 
Formen im Verein mit der Dissiplin werden eben im Stande sein, 
den Trappen in schwierigen Lagen Aber die Gefahr des Wechsels 
der Personen in den Befehlshaberstellen binwegzahelfen. Das Garr^ 
kennt das R. R. nicbt mehr, während dasselbe vom D. R. einer 
Infanterie, welche, von Kavallerie bedroht, über Ebenen znrfick- 
gehen rnnÜB, sowie solcher, die sich yerschoBsen bat oder stark 
erschfittert ist, empfohlen wird, unseres Ermessens mit Fag und 
Recht 

Beim Angriff anf Artillerie kommt die Vorliebe ffir das 
Bajonett bei den Rossen wieder znm Vorschein. Die Scbateenlinie 
greift Feaervorbereitang wird nicbt erwähnt, mithin kein Haupt- 
wert auf sie gelegt — die Batterie mit dem Bajonett an and macht 
die Bedienungsmannschaft nieder. Entfernen der Verschlfisse Ton 
den Geschütaen, die Reserve wendet sich gegen die seitlich stehende 
Bedeekoug. — Anders das D. Rl Die Infanterie sucht unter Aus- 



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306 Toj^flieh dM rwritchwi loiiuterid-EiMiier-BatfbiaeBti 



nutzüng flps deländes mficrlirh?;! nahe (800 — 400 m) an die Artillerie 
beranzukonimen, vou 1ÜU< • m an gleicht sich das Verhältnis aus. 
nnd auf die näheren Entfernungen gewinnt die luianierie die Über- 
legenheit. Diese nützt sie aus, indem sie zunächst etwa sichtbare 
Bespannung, dann die Bedienung beschiefst. Ist ein grofser 
Munitionseinsutz möglich, so kann in einzelnen Fällen die Infanterie 
auch auf weitere Entfernungen die ArtilK-rie unter Feuer nehiin^n — 
Eine Bistruktion, welche das R. iL für dm Zusammenwirken 
mit Artillerie aui Schlufs folgen läfst. ist im 0. H. nicht ent- 
halten. ~ Im Wesentlichen wird hier von einer Infanterie-Goui- 
pagnie verlangt, dafs dieselbe eine Batterie, welche in ihre Nähe 
gelangt, zu decken sucht, ohne einen l^efehl von oben abzuwarten. 
Diese Deckung mufs möglichst seitwärts vorwärts statthndeu. 

Wir kommen zur Ausbildung des Bataillons zum Gefecht. 
— Während das R. R. (allerdings nur für Paraden und Besichti- 
gung) noch das »Bataillon in Linie kennt, hat das D. E. zum 
Zweck der Besichtigung das Bataillon m Breitknlonne (Com- 
pagnie-Kolonuen neben einander mit 3 Schritt Abstand; Ausnahme 
hiervon III 17). Diese Kolonne kommt zugleich da zur Verwen- 
dung, wo das Gelände oder die beabsichtigte Art der Eutwickelung 
mehr frontale Ausbreitung als Tiefe fordert und dient zum Sammeln 
nach dem Gefechte. Zur Versammlung dienen dagegen die 
Doppel- und Tiefkolonne, diese bei schmaler Front oder wenn 
zum Marsch angetreten werden soll, jene nur aufserhalb des feind- 
lichen Feuerbereichs. Marschkolonne ist die Sektionskolonne. 
Dieselbe Kolonne im Verein mit der nop])elreih en-Kolouue 
dient wie bei der russischen Compa^nie, so auch beim Bataillon dem 
gleichen Zweck. Ferner kennt das R. R. noch die Zugkolonno, 
Zweizug- und Vierzugkolonne — erstere Halb- Compaguie-, 
letztere rompagnie Frontkolonne. Aus dieser Gegenüberstellung 
der Kolonnen beider Reglements erhellt, dafs im Bataillon, au 
neuen Formen lediglich die Entwickelung des BataÜIOQS in Gom- 
pAgnien event. zum Gefecht hinzukommt. 

In beiden Reglements sind die Compagnie -Führer vor der 
Front, also niemals Zugführer. Zur Entwickelung werden hier wie 
dort die Compagnien auseinandergezogen, und zwar giebt hierzu das 
R. R. 6 Skizzen als Beispiele, während das 1). R. ausdrücklich 
betont: »eine Feststellung von Formen der Entwickelung für be« 
stimmte Fälle ist verboten.« 

Im Hinblick auf den uuter Umstanden notwendigen Ersatz der 
BataiUona-Commandeare durch Hauptleute, welche noch nie ein Ba- 



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mit dem Deutscbeu u. s. w. 



309 



tailloD gefabrfc haben, ja sogar durch Landwehr^ und Reserve- Offi- 
nere, Ueibe dahingestellt, ob nicht das Einüben bestimmter 
Formen aoch sein Gutes haben dürfte! Wir finden, sorftck- 
kommend anf jene oben erwihnten Skinen des R, B., das Bataillon 
teilweise in der Bewegnng nach seitwirts oder yorwäris, ausein- 
ander ge^ogwi: 8 Gompagnien im 1., 2 Compagnien im 2. Treffen; 
3 Gompagnien im 1., eine im 2. Treffen; alle 4 Compagnien im 

1. Treffim; 2 Gompagnien in Eohelons im 1., 2 in Echelons im 

2. Treffen; nie jedoch das Bataillon in 3 TreflSan gegliedert. Eine 
andere Entwickelang des Bataillons als mm Gefecht kennt 
nnser Reglement nicht, daca aber fiberUUst es dem Bataillons-Gom- 
mandenr eine Gliedemng in 1, 2 oder 3 Staffeln nnd diese in be- 
liebiger StSrke. 

Als aUgemeiner Anhalt sind für die Entwickelang des Ba- 
taillons znm Gefecht folgende GrondAtse dem D. R. so entnehmen: 
Die Ansddmnng nnd Gliedemng wird sich nächst der Gefechtsab- 
sicht nach dem Gd&nde regeln. Wird die Gefechtsabsicht dareh 
fibeilegene Entwickelnngen des Feindes in der ESnleitang beein- 
tiichtigt, dann wird die Dnrchfnhrnng des Gefechts mabgebend 
fBr die Ansdehnung and GUederang sein. Als Ghmndsata gilt: an 
ersterer Anwendung schwacher, zu letzterer Aufbietung aller 
Kr&fte. So wird es sich in der Regel empfcbleu, die Gompagnien 
nach Bedarf einzusetMn und den Rest in der Hand au behalten. 
Wesentlich von Einflub, aumal in Bezug auf Tiefengliederang und 
Zurttekhalten emer starken Reserve, wird es sein, ob des Bataillon 
allein kimpft oder in gröberem Verbände, mafsgebend wird femer 
die Anlehnni^ dnes Flügels sein, odor abw das Fehlen einer sol- 
chen, in ersterem Fall das zweite Treffen hinter dem offenen Flflgel, 
in letzterem auf den Zwischenrinmen, mSglidist nicht als Kugel- 
fang hinter dar Mitte; hinter dieser dagegen geschlossen, so lange 
das Bstdlhm noch anfinrhalb des feindlichen Feuerbereichs ist, 
hinter beiden Flflgeln übergreifend, wenn das Bataillon an der TSte 
einer Ifareehkohmne sich befindet. 

FQr die Bewegungen des auseinandergezogenen Bataillons 
wird ein Richtnngspunkt gegeben und nur, so lange tm solcher 
fehlt, eme Richtungs-Compagnie bezeicfanet. Die Abstände der 
'ßrafliNi haben sidi nach den Yethiltnissen zu richten, zur Entr 
Scheidung muls Alles zur Stelle sein; bedecktes Gelände gestattet 
naturgesÄb ein näheres HeranziebeD der Reserven, während offenes 
zu emem Abbleiben derselben auf mehr als 200 m zwingt. Nach 
beiden Reglements orientiert der Bataillons- Gommaadeur demnächst 

IMMMmt Ar Iii SniMfet ämm Mi KuIm. B«. LXZV^ S. 91 



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810 Teigleich dei ranadian Inftatme-lhiiifM^RegleiMats 

aber die Sachlage und giebt aeine Befehle an die Compagaie-Ffihrar 
— möglichst im Beisein aller — dann gehen die Teten-Compagnien 
mit Patrouillen beziehungsweise aufgelösten Sektionen oder Halb- 
zugen yor* Nach dem B. R. wird aladann auf etwa 2 Weni 
(2100 m) die Gefechtsordnung angenommen. Za dieser ent» 
wickelt das russische Bataillon normal als »vordere Linie« 2 CODf- 
pagnien (Vortreffen) und 2 Compagnien als »Bataillons- Reserve« 
(Haupttreffen). Die Abstände von je 400 m sehen wir hier festge- 
halten. Diesdben verringern sich allerdings mit der Annäheraug 
an den Gegner nach dem schon oben erwähnten Grandsata. Auf 
das Commando: »Auf nahe Distanzen!« gehen die Compagnie-Re- 
serven auf 200 m, die BataUlons-Eteserre aof ISO m an die Tordere 
Linie hwan. 

Aus der ßataillons-Besenre geht eine Compagnie nnr anf Be- 
fehl des Bataillons- Commandenrs in die erste Linie vor. Im Fall 
jedoch einer der Schätzenlinie unverzüglioh drohenden Gefiahr eilt 
eine Compagnie der Bataillons -HeaeiTe auch anf eigene Verant- 
worfcnng des Führers den Schützen zn Hülfe. Der Führer meldet 
dies sobald als möglich dem Bataillons- Commandeur. Weiter teilt 
dann das R. R. das weitere Vorgehen ein in: 1. Das ATanderen 
▼on 1600—600 m. 2. Den Angriff von 600 m bis an den Feind. 

Dieses Vorgehen sei hier kurz wiederholt: Von 1600—^00 m 
unablässiges Vorgebeil dar Schützen im Schritt, beziehungsweiee 
Haltmachoi, um besonders grofse Ziele zu beschiefsen, Direktions- 
rer&nderongen im kleinen Winkel noch möglich. — Auf 600 m 
angekommen: Verstärken der Schützenlinie beziehungsweise Er- 
günaen der Patronen za ToUer Anzahl in der Kette, letzte Orien- 
tiernog über den Gegner, genaue Angabe des Aogiiffii^Objektes. — 
Von 600 — 150 m: Sprungweises Vorgehen beziehnngsweise Springen 
der ganien Kette, Salven-> nnd Einzelfeuer; fortgesetates Heranziehen 
der Compagnie- beziehungsweise Bataillons- Reserven, erforderlichen 
Falles im Laufschritt an die Schutaentinie. Abstand wird geringer, 
als der der Sobiltsen vom Feinde* — auf 160 «m vom Peindei 
B^jonnettangriff wie oben geschildert 

Das D. B. stellt einen solchen Normal-Angriff nicht aul^ wohl 
aber sagt es in Form taktischer Besprechung: Es ist grundsätalieh 
zwischoa dem Begegnungsgefecht und dem Angriff anf eine wohl- 
Torbereitete Stellung an untersoheiden. Es labt in eisterem Fslle, 
der Sick häufig im Bewegungskriege ereignen wird, den Führern der 
TIten fiel Spieliaum, anempfiehlt diesen Iniative, warnt jedoch 



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mit dem Deutschen n. 8. w. 



311 



vor einem Yorgreifen der höheren Ffihrnng. — Im sweiten 
Fall soll der Angriff ein von der höheren Ffihrung geplanter 
•ein; es wird ein Herangehen an den Feind soweit als möglich, om 
Terlnste an TOrmeiden, schon iHibrend der Dnnkelheit, angeraten, 
so dab mit dem Morgengraaen bereits das Feuer seinen Anfang 
nehmen hann, dann ist Feuerfiberlegenheit m erringen, snnichst 
dueh Artillerie, nnd demnächst folgt der Angriff. Dieser wird 
seinen Verlauf in Boing anf die Oefechtsphasen annShemd ebenso 
nehmen, wie er soeben fSr die rassisehe Infanterie geschildert ist, 
nnd wie dies ja nach der so aalserordentlicfaen Ähnlichkeit der 
reglementarisehen Formen auch kanm anders wird sein können, wir 
sagen »annlhemd«, denn in dem Punkte des Yorgebens weichen 
beide Beglements insofern ron einander ab, als dss D. B. betont, 
dals ein ununterbrochenes Vorgehen unter allen ümstinden sn 
geseheben hat, so lange es mit Rflcksicht auf die Wirkung des 
femdüchen Feuers möglich ist, daher das sprungweise Vorgehen 
nicht als die einsige Form des Vorgehens über ebenes Gelände zu 
fiben ist. Am meisten, betont das D. R., wird die nnunterbrodiette 
Vorwirtsbew^ng durch überlegenes Feuer aus flankierender oder 
dberhöhender Stellung begfinstigt. (II 42.) 

Wir wenden uns nunmehr rar Verteidigung. Fttr diese 
legen beide Beglements erklärlicherweise den Hauptwert auf aus- 
giebige Verwendung des Feuers, welchem sich idlerdings, wenn 
nicht lediglich, wie das D. B. einschränkend hinzufügt, Abwehr' 
gesndit wird — stets ein Gegenstofs anzoschliefsen hat Eine 
solche EinsehrSnkung läbt die Vorliebe des russischen Soldaten für 
das Bajonnett nicht su. — Feststellung der Entfernung markanter 
Punkte im Vorgelände, Verstärkong der Stellung durch den Spaten 
On der Handhabung wie in der Anwendung desselben sollen die 
Bussen einen hohen Grad von Fertigkeit besitsen), Bereithaltung 
der Uunition und Sparsamkeit mit derselben auf weite Ent- 
fernungen, nahes Hersnaeben der Unterstfltsungstnipps besiehungs- 
weise Compagnie-Beserren, flberhaupt Verkürzung aller Tiefen- 
abstättde — sind die Hauptgesichtspunkte, welche beide Beglements 
in Übereinstimmung dem Verteidiger empfehlen. 

Das D. B. empfiehlt die Einteilung der Stellung in Ab- 
schnitte mit Kommando-Einheiten, warnt jedoch ausdrficklich 
vor Besetntng von Stellungen, bevor die feindliche Angriffsrichtong 
erkannt ist, ebenso wie es mehr als das R. R. die Ausscheidung 
starker seitlidi aufgestellter Beeerven betont. Diese sichern, zamiJ 
am besten gegen Um&ssung, »diesen gefährlichsten C^egner starker 



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312 YMgkieh dei mrisdiai loflratate-EtenieiwB^fflniitnti 

Stellnngen,« wie das D. R. sagt. — U ruf assungen wollen beide 
Reglements bei den bedeutenden Schwierigkeiten, die sich zur Zeit 
den Frontalangriffen bieten, viel angewendet wissen, gehen jedoch 
in den dazn empfohlenen Formen auseinander. Während das R. R. 
Tom UmÜMSangen entweder durch die Schützen allein, oder durch 
aus der Beaerve vorgeführte Abteilungen spricht, warnt das D. R., 
mit ganz seltenen durch das Gelände begünstigten Ausnahmen, 
vor Umfassungen durch die Schützen als schädlich und Kräfte zer- 
splitternd, heifst dagegen eine Umfassung aus Teilen rückwärtiger 
Steffeln, womöglich schon durch den Anmarsch vorbereitet, gut und 
empfiehlt dieselbe als leichtestes Mittel für den Erfolg eines An- 
grifißi. Fttr sweckmäDsiger erachtet jedoch auch das R. R. die 
Üm£u8nng, angesetst ans Teilen der Reserve ; dasselbe schreibt auch 
vor, dab, falls bei einer Umfassuug durch Schützen ein Angriff 
auf den Feind geplant wird, eine wenn anch schwache Beaenre den 
Schützen zn folgen habe. 

Für den Bäck sag endlich geben beide Reglements keine be- 
stimmten Formen, da der Verlauf eines solchen vom Nachdrangen 
des Feindes, besonders aber von der Stand baftigkeit der Mann- 
schaften und Führer und der Befähigung der Letzteren, die Leute in 
der Hand zu behalten, abhäiq^. — Es wird empfohlen, bald Auf- 
nahmestellungcn von Reserven nehmen SU lassen, die dann nachfolgen. 
Das D. R. schlieft noch an, dais ein gut geleitetes Rückzugsgefecht 
Bchliefslich zur Herstellung einer räumlich gegliederten Arriergarde 
führen müsse. 

Fassen wir zusammen: Zunächst die Einteilung der Regle- 
ments betreffend, so ist die des deutschen rnnstergöltig. Es ist ein 
in sieh abgeschlossenes Ganze, dem die kurzen s. Z. erwähnten Hin* 
weise auf SchielsTOrschrift und Felddienstordnnng mehr zur Ejt» 
länterung dienen, als dafs man sie als Ei^nsong fOr notwendig 
erachten dürfte. — Die Einteilung dea R. R. in jene swei Teile 
mit der Begründung, bei notwendig werdender Änderung des an- 
angewandten Teiles den reglementarischen Teil nicht gleichzeit^ 
ändern zn müssen, erscheint nicht logisch, denn wenn sieh der Ver- 
lauf des Infanterie -Gefechts etwa durch Einführung eines anderen 
Gewehrs, z. B. eines Repetiergewehrs mit rauchlosem Pulver ändert, 
so werden voraussichtlich auch die Formen mm Teil sich ändern, 
welche im Gefecht zur Anwendung kommen. Das Gefecht allein 
aber m\t seinen Forderungen und die Hinfaewegm^ zu demselben 
soll maßgebend sein fnr das, was an Formen eininfihen ist, ein 



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mit dem Deatsdian o* i. w. 



313 



C4riindsftt7,. dem nicht iiu vollen Umfange, nach dieser Zweiteilung 
zu Bchliefsen, Rechnung getragen zn sein srh^^int. 

Dem Inhalt nach steht das R. R., zumal in Anbetrurht seine^s 
früherfn Erscheinens — 1881 — geradeza bahnbrechend da. 
Dasselbe hat nach vollständigem Bruch mit veralteten Gmnd- 
eätzen und Traditionen in weitgehendstem Mafse dem heutigen 
Gefech t Reehnuntj cretragen; soweit dasselbe in Einzelh eiten vuui 
D. ii. überholt worden ist, wird man den zwischen dem Erscheinen 
beider Beglements Uzenden Zeitraum gewils nicht unterschätzen 
dürfen. 

In den für die einzelnen Gefechtslagen, wie für die Entwi(ke- 
Inng da?:u empfohlenen Formen weichen beide Reglements zuweilen 
nicht unerheblich von einander ab — vielleicht rntsprerhend d^r 
Beurteiluni^sgabe derjenigen, für welche sie bestimmt sind. Die 
russische »Instruktion ftlr das Auftreten der Conipagnie und des 
Bataillons im Gefecht« ist eben, wie die selbstgewählte Bezeichnung 
ausdrückt, eine — Instruktion, allerdings eine vortrcfniche! Der 
Teil »Gefecht« des D. R. dagegen ist nach Form, wie Tiilialf, ein 
vorzüglicher taktischer Ratgeber, welcher allerdings beim 
Leser Studium at(|ue ingenium voraussetzt} daQU Aber auch höchste 
Befriedigung und Heiehrung gewährt. 

Was die im ersten Teil dieser Arbeit erwähnten Abweichungen 
in den Einzelheiten der Ausbildung betrifft, so sind dieselben nicht 
bedeutend, wohl aber ist von grofsem Belang, dafs ein grofser Teil 
des Schulex^rzierens (Schliefsen, Rückwärtsrichten, Griffe) der 
russischen Armee geblieben ist, während sie von unserer Heeres- 
leitung als Ballast über Bord geworfen wurden. Es könnte hier 
vielleicht eingewendet werden, dafs ein mannigfaches Exerzieren 
in geschlossener Form zur Anerziehung und Aufrechterhaltung 
der Disziplin unbedingt notwendig, daher eine reichhaltige Anzahl 
solcher Formen geboten sei. — Wir er>vidern: Gehört nicht sehr 
Tiel mehr Disziplin für den Mann dazu, im Getose der Schützen- 
linie, zuweilen räumlich weit von seinem Führer entfernt, doch auf 
dessen Ruf, Pfiff, ja Wink bereit zu sein, der richtigen Visierstellung 
auf ein bestimmtes Ziol — dieses nicht aus den Augen lassend — 
sowie der Sparsamkeit mit der Munition eingedenk zu sein, vorwärts 
zu eilen mit Änspannung aller Kräfte auf häufig unebenem, schwer 
beschreitbarem Boden — ' ab in dicht geschlossenem Trupp, mitge- 
tragen von der Masse, seinen Offizin diehi vor sich, gegebene Be- 
fehle auszuführen V Bewegungen in der Schützenlinie Terlangeu 



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314 



TiefgMdh dm rassischen lofuiterie-ExenieT^S^IemeiitB 



fol^ch mehr Diadplin tob dem Hanne, als die geeefakeMoe 
Ordnnng. Daher ein achidlicher Emflols aaf die I>ieiip]jn duok 
die Mindernng der Aniahl der gesehloesenen Fonnen nieht m 
befürcfaten steht — Gleichwohl hat die Deateohe Armee neh 
dieses Dissiplinmitkele ~^ des straffen Exerzierens in geschlossener 
Ordnung — nicht begeben, obschon die Formen einlseher nnd 
deren weniger geworden sind. Zudem erinnert unser Reglement 
fortgesetst daran, wie wicht^p es sei, dab auch im Gelände die 
Straffheit der einsefaien Formen in ihrer DaxsteUnng nie yerloren 
gehen. — 

Was den aweiten Teil dieser Arbeit — die Ansbfldnng der 
Gompagnie — betrifft, so ist die grölsere Antahl der Kolonnen, in 
der nuriaohen Armee teilweüe dnrch die Yier-Zng-EinteUnBg be- 
dingt, KU erwähnen, ferner sind diese Kolonnen geOffiiet oder g»> 
schlössen, wodurch wieder eine grö&ere Aniahl Ton Formattons- 
Torandernngen bedingt wird — allen diesen Kolonnen steht unsere 
»Compagnie-Kolonne« dnfach, aber pxaktiseh ausreichend gegenüber 
Auch der Wert der Doppelreihen- Kolonne, so Icidit dieselbe zu 
formieren und so bequem dieselbe zum Marsch for die Truppe sein 
mag, bleibe dahingestellt, neben der Sektionsholonne, die mit den- 
selben Vorteilen die grOlsere Leichtigkeit des Aufmarsches yer- 
bindet. Dagegen mag die ge<^ffnete Linie des russischen Regle- 
ments, wenn auch schwerer lenk- und sosammenbaltbar, auch minder 
beweglich, als die geschlossene, unter ümstfinden ihre Berechtigung 
haben. Betrefib der Leitung der Compagnie>Kette durch den Halb- 
Gompagnie- Fohrer, der Anwendung der SalTcn, des Fenems der 
SchStaen beim Angriff wahrend der Bewegung wurde das Erfordere 
liehe bereits gesagt, auch durfte gegen ein Schielsen auf weite Ent- 
fernungen mit bestimmter Patronensahl nichts einanwenden sein. 

Zum Schlüsse sei noch ein Punkt berührt, welcher die Grund- 
lage beider Reglements betrifft. Das D. R. erstrebt und betont 
von Anbeginn bis Ende nicht sowohl die Eraiehung der 
Fflhrer, als ganz besonders des einzelnen Mannes: Der 
höheren Führer, die ohne Angabe tou Schemas und Torgeschriebe- 
nen Formen, die passenden Formen zu finden wissen werden; der 
Unterföfarer, die nach erhaltenem Befehl selbstdeukend und dann 
handelnd den Platz mit ihren Abteilungen finden werden, wohin sie 
gehören — wahrend und nach dem Gefecht — auch ohne Befehle 
abzuwarten; dann aber des einzelnen Mannesl Um den hohen 
Anforderungen, welche nach dieser Richtung hin das D. R. in Ver^ 
bindung mit der Felddienstordnung und ScbiefsTorschrüt stellt, ge- 



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mit dem Deotsoben n. s. w. 



315 



recht m werden, bedarf es, neben nneblisoger Friedenaarbeiti each 
der Einaieht und des Veretindniisee von Lehrer und Schfiler in 
hohem Grade. Es gipfelt diese Arbeit in der Eniehnng snr 
Selbstständigkeit des Mannes, die ihren höchsten Ansdrook 
findet in der Feuerdissiplin (II 36) nnd den schönsten Appell 
findet in 4sn §§• 57—61 d«s II. Teiles unseres Rei^enientsl Ein 
solcher Appell fehlt im R. B., vielleieht in dem Bewnistsein, dab 
för eine solche Eniehang des Hannos nach Art und Besehafi^enheit des 
lehrenden, wie lernenden Teiles die Stande noch nicht gekommen sei. 

Den Ffihrern aller Gzade gestattet allerdings das R. R. sor 
Emachnng des befohlenen Zweckes selbst die Formen an wShlen, 
es Tcrpfliditet auch snr Freiheit des Handeins, wenn unYenflg- 
liebes Eis greifen not that; jenen hohen Grad von Selbetthatig- 
keit jedoch, anch der nntersten Chargen, wie ihn das D. R. for- 
dert, betont es nicht; es beschrSnkt i. B» den Wnrkungskreis der 
Zogführer, indem es dieselben der Oberleitung des Halb-Gompagnie« 
Ffibrers in der Kette untanteUt und hült ein Aufstellen ▼on Formen 
snr Bntwickelnng, ein Schematisieren des Angriflb fBr Compagnie und 
Bataillon IBr geboten! In dieser Verschiedenheit der Anforderungen 
an die Ffthrer, besonders aber an den Bfonn Hegt nach unserer An- 
sieht der wesentliche Unterschied dieser beiden in ihrer Art tot- 
trefflichen Reglements. 

Das D. IL stellt weder fiir die Compagnie, noch für des B^ 
tsillon eine Normal- Entwiokelnng, noch ein Normal- Gefecht auf, 
weist im Gegenteil wiederholt eine jegliche Feststellung bestimmter 
Formen, jegliches Sohematisieren des Angrüb scharf sarBck, ja tot- 
bietet dieselben — gewährt und verlangt dagegen fortgesetit 
den höchsten Grad von Selbstständigkeit und Selbst- 
thätigkeit auch der Führer der untersten Grade und for- 
dert endlich Tom Soldaten Thatkraft, Mut, ruhige Über- 
legung, rasche Entsehlufsfahigkeit! Hau wird nidit au weit 
geben mit der Behauptung, dals die deutsche Heerealeitnng damit an 
huhes Vertrauen in die Intelligenz und die Thatkraft der höheren 
Ffihrer wie ünterfShrer und Soldaten setafc. Demselben m ent- 
spreehen, ist das Ziel, dem wir in rastloser Friedensarbeit nach- 
streben sollen und wolleut 



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XXII. über die lunitioES-Eigänzuiig der 
Infanterie im &eieclit 



Mit der fortscbreitonden V^nrollkommniiog der Feaerwaffen, 
nftmentlieh der EinftlhraDg lehr sehneU £Baemder Gewehre hat die 
befriedigende LSsung der Frage, anf welchem Wege die Hnaitiona- 
Ergänz äug im Gefecht bewirkt and sicher gesieUt werden 
können, eine nahem schlachten entscheidende Bedentnng 
gewonnen* 

»Ein Yersehielsent, sogt die »Felddienst<'Ordnnng« (S. 186) 
»beraubt die Infeuiterie ihrer besten Gefechtskraft. Für die Artillerie 
bedeutet es eine seitweite gftnzliche Entwertnng der Waffe. — Die 
rechtseitige Munitions-Ergänznng in und nach dem Gefecht ist des- 
halb eine wichtige Aufgabe der Fflbrer aller Gzade.*) Kein Mittel 
darf onTersncht bleiben, am der I^ppe im Gefecht MnniÜon aa- 
znf&hren nnd das Feaer zu nähren, in dessen Erhalten oder Er^ 
löschen das Schicksal des Tages liegen kann.« 

»Vom Beginn des Fenetgefechts anc, sagt femsr das nene 
»Ezmer-Reglement ffir die Infanterie« (9. lOQ), »bleibt zu be- 
denken, dab die Zahl der mitgefUhrten Patronen begrenzt ist, nnd 
dafs der Aufwand dner gewissen Menge ?oa Munition eine Ausgabe 
Ton Kraft bedeutet, welche nur da stattfinden darf, wo sie och 
lohnt . . . Ein zweckmiUsiges Hanshalten mit der Munition 
. . damit es im entscheidenden Augenblick nicht an der zum 
Herbeiführen des Erfolges nötigen Munition fehlt, ist daher eine 
unerUUsliche BedinguDg.« 

Die nachstehenden Zeilen beswecken, auf Grund der be- 
stehenden reglementarisohen VorBChnfUD, zuvörderst die Munitions^ 
Erginzang bei der Feld-Artillerie mit deijenigen der Infanterie 
zu vergleichen, dann die für letztere Waffe gültigen Vorschriften 
auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, endlich die VoiBohlSge einer 
anlangst erschienenen » beaehtenswerten Studie: »Der Munitions^ 
Emtz im Znkunftslmegec kritiBch zu beleuditen. 



*) Dat> neae framösischo Exerzicr>Reglement bestimmt, dafo während des 
Gefechts der Qberst ffir den Manitioiia-Entatz Sorge tragen soll. 



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über die MmiitiMis-E^niiuig der Infttteiie im Gefecht 317 

Behufe der ersten Munitions-Ergänzung im Gefecht besitzt jede 
Batterie 8 sechsspännige Munitionswagen, jede Infanterie- und J^er- 
Compagnie einen zweispannigen Com pagnie-Patronen wagen. — Bei 
der Feld -Artillerie folgen auf Eriegsmärschen, nicht, uur mit Rück- 
sicht auf die raschere Beweglichkeit (Aufsitzen sämtlicher Mann- 
schaften) der fahrenden Batterien, sondern auch im Hinblicke auf 
die in den Geschützprotzen nicht sehr zahlreich enthaltene Munition, 
welche zudem als eiserner Bestand möglichst lange unberührt er- 
halten werden raufs, den Geschützen jeder Batterie stets einige, 
mindestens 3, ihrer Munitionswagen in der ersten iStaflfel der 
Gefechtsbatterie unmittelbar. Der Rest der Munitionswagen folgt 
mit den abteilungsweise /iisammengezogenen zweiten Wa(?enstaffeln 
erst unmittelbar um Schlüsse der Gefechtstnippeu der seibststaiidig 
foroiierteu Verbände (Avantgarde, Infanterie-Division, Corps-Artillerie). 
— Mit Rücksicht auf die von jedem Infanteristen mitgefiihrte 
Taschenmunition (100 Patronen) und im Hinblicke darauf, dafs die 
Munition der Kämpfenden auch durch die den VfTwundeten und 
GefalleneTi abgenommene Munition ergänzt werden soll (F.-O. I, 
316) kcinii die in den Compagnie-Patronen wagen enthaltene erste 
Munitious-Reserve, bezüglich der Dringlichkeit ihres Eintreffens 
bei der fechtenden Truppe, eher mit der in den Munitionswagen 
der zweiten Staffeln der Batterien enthaltenen Munition, als mit 
derjenigen der ersten verglichen werden. Trifft diese Annahme zu, 
so erscheint die Munitions-Ergänzung bei der T?ifa!iterie genügend 
gesichert, wenn die Compagnie-Patronenwageu m ahnlicher Weise 
geleitet werden, wie die zweit^^n Wagenstaffeln der Battt ri- n. Letztere 
stehen, abteilungsweise zasaiijmengezoi(»^n. unter der oberen Leitung 
des Abteilungs-Comfnfindpnr^. Dem • iit>j)iicht es auch, wenn die 
lleraiiziehung der Compaguie-i'atronenwagen , nicht von den Com- 
pagnieführern, sondern vom Bataillons-Commaudeur geleitet werden 
soll, wie dies die »Schiefsvorschrift« vom Jahre 1887 andeutet. — 
Die Compagnie-Patronenwageii sind dann immer noch — und zwar 
mit vollem Recht — dadurch sein im Vorteil gegen die zweiten 
Wagenstaffeln der Batterien, dafs ei^tt-re ihrem Bataillon unmittelbar 
folgen, also auch auf Kriegsmärschen bis zum Eintreten des. Ba- 
taillons in das Gefecht, stets in unmittelbarer Verbindung mit ihrem 
Bataillon bleiben. 

Aber auch nm nn ler. n »irunden, werden, obwohl dies in der 
»FelddienstrOrduung« nicht bestimmt ausgesprochen ist, auch nach 
Einführung der zweispän nitre u Corapagnie-Patronenv ai:; 'ii an Stelle 
des sechsspännigen Batailions-Patronenwagens, bei KriegömärticUeu 



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318 tW 4i« HulttMa^EigliiiQiif dm InIbitiiU tn GdMki 

die zur UeiiMn Bagage gehörigen Oompagnie-Painmeiivageii sieht 
am Sehlnase ihrer Compagnie, fondern am Sofaliwe ihres BataiUonf 
marsehieren mtoen. Jeder Compagnie ihren Paironenwagen 
unmittelbar folgen zu hMsen, würde nicht niv die Manch- 
Kolonne serreilsen, eondem auch die Einnahme der ftr den Patronen- 
wagen bei Beginn dee Gefechte gebotenen verdeckten Anfttellnng, 
bei den sneret in das Gefedit tretenden Gompagnien ersohireren. 
Bei pl5telichem Zosammentreffen mit dem Feinde könnte der P*> 
tronenwagen der Te(en*Gompagnie eines im Vortrupp der ATantgaide 
befindlichen Bataillons in die Lage kommen, dem feindlichen Feuer 
aus ge s etzt , durch eine Bfickwärtsbewegung eine entsprechende 
▼erdeckte Aufstellung suchen lu mfisaen. Nur wenn eine detachierte 
Compagnie so weit entfernt ist, dafo sie auf baldige üntersttLtnuig dnrdi 
andere Gompagnien ihres Bataillons nicht hoffon kann, wird es sich 
empfehlen, dieser CCmpagnie ihre kleine Bagage (den Patronen* 
wagen und das Handpferd)^ unmittelbar folgen su lassen. — 

Da die Uarschtiefe einee Bataillons, eiuschlieftlich dessen kleiner 
BCgage, rund nur 400 m betrigt, ist, wenn auch sämtliche ner 
Compagnie-Patronenwagen hinter den Handpferdm und dem Medisin- 
wagen (oder besser: die Handpferde unmittelbar hinter sich ndbmend, 
▼or dem Medisinwagen) — am Schlüsse ihres Bataülons unmittel- 
bar folgen, ein Terspfttetos BSintreffen der ersteren in der bei Beginn 
des Gefechte für sie vorgeschriebenen verdeckten AufoteUnng doch 
nicht SU befurchten. So lange das Bataillon noch nickt in das 
Gefecht getreten ist, verbleibt dessen kleine Bagage, mithin anoh 
die 4 Compagnie-Patronenwagen, am Schlüsse des Bataillons in der 
Marschkolonne, oder der vom Bataillon eingenommenen Bereitsohafts« 
Stellung* Eiine besondere Verfügung fiber die Pationenwagen wird 
erst dann nötig, wenn die Gompagnien, sei es behufi Hindening 
der Verluste durch das feindliche Feuer oder snr unmittelbaren 
Durchftihmng eines von anderen Truppen vorbereiteten Angrüb, 
auf kurze Zwischenrftnme auseinander gesogen werden, oder flber- 
baupt in den Kampf einzutreten haben. 

Bei einem, im Vorpostendienst verwendeten Bataillon be- 
finden sich die Patronenwagen bis zum Beginn des Kampfes in der 
Regel beim Vorpostengros. Dies schliefst nicht aus, dals einer Vor» 
posten-Compagnie, deren Linie dauenid behauptet werden soll, ein 



*) Die kleine Bagage eiaer im Vortrupp der Avantgarde niafschiereinien 
Compagnie, wird also ent am Schlnsae ihres Bataillons mit dessen kleiner 
Bagage, mitUa mit etwa 700 m Atetiad von ihrer C^mpegnle, folgen, 



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ÜWr die Monitioas-Erg&iuimg d«r Inianteiie im Gefooht. 319 

INitrotien wagen von Hause aus zurrfteilt werde. — Bei etwaigem 
Röckmarsch marschiert die klemr iiagagt; (Medumwageü, lland- 
pferde, Patroueuwagtiu) den Compaguieu ihres Bataillone unmittelbar 
voraus. 

Di»j I' ühruiig der 12 Compagnie-Fatronenwagen eines In laiiterie- 
Regiinents von 3 Bataillonen im Regimeutaverbande, durch einen 
besonderen Offizier des Regiments, bethätigeu zu lassen, empfiehlt 
sich deshalb ui< ht, weil der iiegiments-Commandeur nur nach 
Bedarf seine Bataillone in den Kampf ein-^et/.eu, den liebst zurück- 
halten wird. Der llegiraents-Commandeui luufs sich mit seinen 
Emzelaufträ^^'ii an die Bataillone wenden und diesen Art und Form 
der Au.sfüla un;j;, mithin auch die \ ertiii^uni^^ über die lu den Com- 
paguie-Fatronenwageu ihres Bataillons enthaltene Munition über- 
lassen. 

Ebensowenifi; wie bezii}j,lich des Knegsuiarsches, ist aus der 
»Felddienst-Orduuug und dem >Exerzier-Reglement für die In- 
iantene« mit Sicherheit zu ersehen, ob die 4 zweispännigen Com- 
paguie-Patronenwagen eines Bataillons während des (lefechts zu- 
sammen bleibeu, oder aber jeder \\ ageu die dem (jeiecht seiner 
Compagiiie entsprechende Aufstellung zu nehmen liabe? Diese l^rage 
tntit übereui nut derjenigen, ob den Compagnie-Patrouenwagen von 
ihren Compagnief ührern , oder voua Jiataillons-Commandeur 
der Auistelluugsort bei Beginn des Gefechts angewiesen werden soll. 

Ebenso, wie e.s auf dem Kriegsmarsche vorteilhafter erscheint, 
die Compagnie- Patronen wagen eines Bataillons /.u.sammen zu lialten, 
dürfte derer. Vrifinigung bei Beginn des Gefechts, und uutbiu 
die Bestimiium-j; ihres Aufstellungspunktes durch den Bataillons- 
Commaudeui", ans nachstehenden lirüuden vorzuziehen sein: Es ist 
leichter, für \ u r Wagen einen ♦'ntsprechendeu gemeinscliaft- 
lichen Aufsttdlungspunkt zu finden, als vier von einander getrennte, 
auch vermindert sich ersterenfalls die Ausdehnung des mit Patronen- 
wagen bedeckten Kaunies. Dem Bataillons-Commaudeur ist die 
Erkennung des für das (jefecht der Compagnien seines Bataillons 
sich am besten eignenden Aufstellungspunktes der Patronenwagen 
leichter als den Compagnieführeiu. Üljerdies ist der liataiilons- 
Commandeur eher im Stande, den .\ufsti'llnngspunkt so zu wühlen, 
dafs durch ihn keine seiner CompagMuu ni ilirer Thatigkeit un- 
günstig beeintinfst wird. Anfserdem kann hicrduroh grundsätzlich 
die gesamte bei dem Bataillon botindliche Munition den kämpfenden 
Compagnien des Bataillons zur Verfügung gestellt werden; endlich 
besteht bei dem Abstände, bis zu welchem (800 m von der fechtenden 



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320 



Über die MonitionB-ErgftDzimg der InÜMiterie im Gefecht. 



Truppe) die Aufst*j|]iing der Patrouen wagen in der lelddienst^ 
Ordnung als zuliiäsig LLzeichnet ist, keine Gefuhr, ü^ifs durch die 
vereinij^te Aufstellung der 4 Patronen wage q Jos Bataillons das 
Eintrell'cii dur erforderlichen Munition bei der einen oder anderen 
Compaguic des Bataillons wesentlich verzögert, werde. Selbst in 
dem für die Munitions-Ergiin/urjg ungünstigsten Falle, dafs all«' 
4 Compagnien in das Gefecht eingesetzt werden müssen, wird durch 
Vereinigung der 4 Compagnie-Patronenwagen der bis zu der Feuer- 
linie der entferntesten Compagnie znrückznlegende Weg — (wenn z.B. 
700 m Abstand von der Feuerlinie für die PatroiirMiwagen durch 
das Gelände u. s. w, bediiif^'t ist) — im alleruugunstigsten Falle 
(Aufstellung der Patrontuvsageu hinter einem Flügel des Bataillons), 
nur um 100 m vergröfsert werden. Bei Beginn des Kampfes wird 
also der Bataillons-Commandeur, nicht nur über seine 4 Compagnien, 
sondern auch über die 4 Compagnie-Patronenwagen die unmittelbare 
Verfügung behalten müssen, ähnlich wie dieses von dem Gom- 
mandeur einer Feld -Artillerie-Abteilung bezüglich der abteilungsweise 
zusammengezogenen zweiten Staü'eln der Batterien seiner Abteilung 
der Fall ist. 

Diese Verfügung besteht darin, dafs der Bataillons-Com- 
mandeur den Aufstidlungspunkt für die 4 Patroneuwagen 
des Bataillons bestimmt, und denselben dem bei diesen Wagen 
befindlichen beritteneu älteateu Unteroffizier (Führer der gesamten 
kleinen Bagage?), durch den Bataillons -Adjutanten (oder, wie bei 
der Feld -Artillerie,*) durch einen vom Führer der kleinen Bagage 
zum Bataillons-Commandeur Kommandierten) mitteilen läfst. Letzterer 
hat zugleich dem Führer der Patronenwagen die in das Gefecht 
getretenen Compagnien und die von diesen einzunehmende Feuer- 
linie zu bezeichnen. 

In der Mehrzahl der P'älle werden die Compagnien nicht zu 
gleicher Zeit, sondern nach Bedarf, nach und nach, entwickelt 
werden. Ea wird dann zulässig sein, dafs, ähnlich wie bei der Feld- 
Artillerie, der vom Führer der Patroueuwagen zum Bataillons- 
Commandeur kommandierte Unteroffizier zuerst nach dem ihm be- 
zeichneten Aa&tellungspunkt der Patronenwagen sich verfügt, dann 

*) Sogleich bei Trennniig der zweiten Staffel vou deu Batterien wird zur 
Überbriogniig von Bafehhn ab Üntarafllticgr tob der sweltMi StiM na AMiip 
Inngs-Commandear kommandlerl [FeU-Artinerie-Eiinier-BflgI«nMnt Ziff« SM» 

Schlufsabsatz]. Es erscheint daher angezeigt, dafs auch bei jedem Infanten»* 
Bataillon m selbem Zwecke, ein UuterofQsier nun fiataUlowkCioiQiiiaadeiir koa- 
mandiert werde. 



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Ober dia Muftioiw-EigiiisaBg d«r In&iitflile in QflMi 321 

die Wegbarkeit des Geländes swiachen diesem nnd den in das 
Gefecht getretenen Compagnien, und den für die Aufstellung der 
Patronenwagen entsprechendsten Ort erkundet. Iit letzteres ge- 
schebeni so vecfögt er sich zu den Patronenwagm snrück nnd ge- 
leitet sie zn dem ermittelten Aufstellungsorte. Die durch dieee 
Erknndnng dea Geläodee herbeigeföhrte Veraögenmg iet tob keinem 
Belani?. 

Über den, aulser den Patronenwagen, bei der kleinen Bagage 
dea Bataillona noch befindlichen Mediain wagen, verfugt der Ba- 
taillonsarzt, und kommt daher dieser Wagen hier nicht in Betracht. 
Bezüglich der aofserdem noch zur kleinen Bagage des Bataillona 
gehörenden Handpferde erscheint es sweokmäfsig, denselben bei 
Beginn dea Gefechts, wenn nicht anders verftlgt werden moia, bei 
den Gompagnie-Patronen wagen ihren Platz anzuweisen. Diese Be- 
stimmung dürfte derjenigen, nach welcher die Leitung der Hand- 
pferde im Gefecht Saohe der Offiziere bleibt, denen aie gehören, 
TOrzuziehen sein. 

Die Felddienst-Ordnnng (315) spricht sich über die Mnnitions- 
Ergänrang bei der Infanterie im Besonderen wie folgt ans: »Die 
Taschenmunition wird während des Gefechts ans den Patronenwagen 
ergänzt. Dieselben nehmen, von dem berittenen Wagenfahzer g^ 
leitet, bei Beginn dos Gefechts eine verdeckte Aufstellung, wo 
möglich nicht Ober 800 m von der fechtenden Truppe, in dringenden 
Fällen, ohne Bneksieht auf Verluste, nahe der Feaerlinie.c — Diese 
Aafstellung, welche naeh obigen Ausführungen der Bestimmung des 
Bataillons-Commandeurs unterliegt, muCs möglichst hinter der Mitte 
der Feuerlinie, nicht über 800 m von dieser entfernt, dem Auge 
des Feindee entzogen, leicht anfaufinden, beqnem zugänglich sein, 
besonders auch eine ungestörte, von dem feindlichen Feuer nicht zu 
aehr bestriohene leichte Verbindung mit den im Feuer befindlichen 
Compagnien gestatten. Strafsen, insbesondere Kreuzwege sind, um 
Spenmngen zn vermeiden, frei au lassen. Vorteilhaft erscheint es 
femer, wenn der die Patronenwagen führende berittene Unter- 
offizier die Feuerlinie seines Bataillons übersehen kann und hier- 
durch im Stande ist, den Bewegungen derselben rechtzeitig zu 
folgen. Die Formation, in weicher die Patronenwagen aufsustellen 
sind, richtet sich lediglich nach dem Gelände. 

Unseres Erachtena würde es den Dienst der Munitions- Ergänzung 
sehr fordern, wenn bei der Infanterie, Shnlich wie bei der Feld- 
Artillerie, den Fahneugen, welche die erste Mnnitions-Ergänsnng 
für die in den Kampf getretenen Compagnien eines Bataillons mit 



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322 



Über dk Mnnitioiit-Eigiiuaiig der Inümterie im Qefedit. 



sich führen, die Mittel zu Gebote stiiiKlt n, den MumtioiiänacliSiliub 
thunlichst rasch zui kämpfenden Trappe vorbringen zu können. 
Dieses würde der i all sein, wenn jedem Compagnie-Patronen- 
wagen. aufser dem denselben führenden Unteroffizier oder 
Gefreiten, zwei Mann Ton Hause aus, zugeteilt würden.*) 
Sobald die Patronenwageu ihren Aufstellnngspunkt erreicht liaben. 
konnte der sie führende Unteroffizier durch diese Leute, aus den 
Patronenwagen der betreffenden Compaguieii die zum Herantragen 
der Munition vorbereiteten gegurteten Pakete entnehmen lassen. 
Diese »Munitionszutr'äger«. deren Zahl »nach Bedarfc erhöht werden 
kiiun, haben dann, nach Verkoppeln der Bunde, sofort den Inhalt 
eines Patronenkastens (460 und 500 Patronen) zu ihren Compagnien 
zu tragen. Hierbei kann ihnen lier zur Übermittelung der Befehle 
des IJataillons-Con iiiandears znm Patronenwagenführer gesendete 
Unteroffizier als VVet^weiser dienen. Nachdem die Munitionszuträger 
die Patronen bei ihren Compi^ien**) abgegeben haben, begeben 
sie sich sofort wieder zn den Patronenwagen zurück, erhalten dort 
weiter gej^urtete Pakete und wiederholen ihren Weg. 

Für Verteilung der von den Munitionszuträgern herange- 
brachten Munition haben die Compagniefnhrti mit allen auf dem 
Gefechtsfelde sicli bietenden Mitteln zu sorgen (I.-E.-R. H, 95). — 
Jede in die Feuerlinie einrückende Verstärkung hül nach M;>iTlichkeit 
frische Munition für die bereits im Gefecht befindlichen Schützen 
mitzubringen (F.-O. I, 316). — Es kommt überhaupt nicht darauf 
an, nnr die vorgeschriebene Patronenzahl za ergänzen. Wo im 
Gefecht Mmiifion zu haben ist, mufs sie verteilt und von der 
Maniii.cha,ft mi ßrotbeutel, in Hosen- oder Rocktaschen u. s. w. 
untergebracht werden (F.-O. I, 317). — Die Emwirkung des 
Bataiiions-Commandeurs auf die Feuerthätigkeit der Oompagnien 



*) In der französischen Armee wird der MunitioDs-Ersatz der ersteo 
Otfechtslinie daroh ein eohon im Frieden gesobaltea Personal bewirkt: 
p«r Bagiment ein berittener Peverweiker (ebef artUlder wmM) dem die fthnag 

aller Patronenwagen übertragen ist, für jeden Wagen ein ünteroffizier als ebef 
de Caisson, femer 2 Patronen tragende nnd aasteilende Soldaten (ponrvoyears^. 
Die Versorgung der Fenerlinie pt ^rhii^ht dnrch Mannschaften, welche mit Qner- 
sSckoQ, denen jeder 60 Patroneii-Pakct<: fällst, vereehen sind; sie entleeren den 
Sack m der Fenerlinie nnd kehren dann behofs NeofOIlnng der Sfteke snm Wageo 
snrtek. Eufileerte Wagen lilireii nidit nrfick, Mmdem werden dvrcb Torfiüumide 
ToUe wieder anij^eföUt. — Anm. d. Leit. 

*•) Am zweckmäßigsten beim geschlossenen Teil der Conipagi)ie (I'nter- 
stfitznngstmpp) and erst dann in der Fenerlinie selbst, wenn ftosnahmsweise die 
ganse Compagsie in der ächütxeniiuie ao^löet sein sollte. 



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Hh&K die MmitioBt-Bigiiiiaif dar In^tMite in GrfMht 328 

wird oft oor darin bestehen können, dab er den Nachschub an 
Mnnttiioii denjeoigon Teilen der Feuerlinie znfnhren labt, die der- 
selben am dringendsten bedürfen (l.-E.-K. II, 101). Es onterli^ 
daher keinem Zweifel, dals durch die Mnnitiooesiiträger, obne 
Racksicht aaf die Gompttgnie, weldier sie angeh&ren, denjenigen 
Compagnieii Munition gebracht werden mnli, welche derselben 
überhanpt bedfirfen. Der Nachteil, von Hanse ans zwei Mann 
weniger im kämpfenden Stande der Compagnie zu besitMti, wird 
durch eine mehr geeieherte and raschere Munitions-Ei^nzung reich- 
lich anfn-ewogen werden. Auch lassen sich, mit Hülfe dieser 
MnnitionsKuträger, natfirliche Hindernisse, wie Graben, Höhen u. s. w., 
auf welche die Patronenwagen bei ihrem Vorrücken stofaeu, leichter 
übttTwinden* Die ständige Znteilui^ von je 2 Munitionetägem 
per Compagnie gewährt noch einen weiteren, nicht zu nntor- 
adiatsenden Vorteil. Unzweifelhaft ist die Anfstellnng der Patronen- 
wagen au dem bei Beginn des Gefechts hierfür bestimmten Punkte 
nur so lange zulässig, als ihre fintfemung von der fechtenden 
Truppe nicht wesentlich über 800 m beträgt. Durch das Vor- 
rücken der Tmppe wird also auch ein Vorrücken des AufstellongS^ 
pnnktes der Patronen wagen bedingt. Die als Mnnitionsti^iger ver- 
wendeten Leute sind in der Lage, bei Rückkehr zu den Patronen- 
wagen dem Unteroffiiier von jeder Veränderung der Feuerlinie 
Kenntnis zu geben, was besonders bei unübersichtlichem Gelände 
Ton Belang ist, femer wird genannter Unteroffinar aus den Meldungen 
dieser Leute entnehmen können, ob der von der »Felddienstordnni^c 
▼oigesebene dringende Fall vorliegt, in welchem die Patronen- 
wagen, ohne Rücksicht auf Verluste, bis nahe an die Fenerlinie 
heranzufuhren sind. Die den Patronen wagen ständig zugeteilten 
Munitionszutrager bilden lern nach die beste Verbindnng iwisohen 
jenen und der fechtenden Truppe. — 

Werden die in den Kampf getretenen Compagnicn zuräck- 
gedrfingt, nfthem sie sich daher dem Aufstellungspnnkte der Patronen- 
wagen, so dürfen diese — dringende Falle ansgenommen — erst 
auf Befehl des Bataillons-Commandenrs den ihnen angewieaenen 
AnfsteUnngsponkt yerlaasen, und müssen eine mebr r&ckwSrte 
gelegenen neue, ihnen vom Bataillons-Ck>mmandeur zu bestimmende 
Aaürtellong nehmen. Sobald die Zahl der durch die Munition»- 
xntrager Torgetiagenen Patronenkasten jene der in einem Oompagnie- 
Patronenwagen enthaltenen (8) fiberwhreitet, kann der befehligende 
Unteroffizier, einen der 4 Compagnie-Patron^wagen ganz entleeren 
lassen. Diessa wird sich namentüoh dann empfehlen, wann dem 



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324 



Üb«r die Miuutioi>»«£]^gaiuoDg der Infuiterie im Gefeebt 



Letzteren bereits der Standort der nächsten Infanterie-MuuitioDs- 
Kolonne mitgeteilt werden konnte. Es kann dann der entleerte 
Patronenwagen sofort zu der betreffenden Infanterie-Muuitiong- 
Kolonne zurückgesendet werden. Zum Austausch der leeren Patronen- 
kasten gegen gefüllte bei den Infanterie-Munitions-Kolonuen kÖDueu 
die Mannschaften letzterer mitwirken, wonach dann der frisch ge- 
füllte Patronenwagen zum Aufstellungsorte der Patronenwageu 
zurückkehrt. 

Da bis zum Eintreffen der am Schlüsse aller Gefechtstrnppen 
marschierenden Infanterie-Munitions-Kolonnen (erste Staffel 
der Kolonnen -Abteilung) nach Beginn des Gefecht« jedenfalls einige 
Stunden vergehen werden, so wird, namentlich bei den Bataillonen 
der Avantgarde, das Bedürfnis nach Ergiin/Aiuf;^ der Munition ent- 
leerter Patronenwageu. früher eintreten, als dieses durch die erstercn 
zu ermöglichen ist. So lange daher die Aufstelliiu^ i\lv lufanterie- 
Muuitions-Kolonnen noch nicht bekannt ist, oder überhaupt die- 
selben üüch nicht in der Nähe des Gefechtsfeldes eingetroffen sind, 
mufs der ratioueu wagen- Führer, sobald die dem Inhalt eines 
Compagnie-Patronenwagens entsprechende Zahl von Patronen kasteu 
verausgabt ist, dieses dem Bataillons-Comuiandeur melden lassen. 
Derselbe wird nach Empfangnahme*) dieser Meldung, dieselbe an 
den lu'giments-Commandeur weiter geben, und kann dieser dann 
verfügen, dafs aus den Patronenw^en eines noch aicht in den 
Kampf getretenen liutaillons des Ilegiments sofort Ersau geleistet 
werde. Sind bereits alle Bataillone des Regiments im Gefecht, 
oder steht deren baldige Entwickelung zur Gefechtsformation in 
anderer Richtung zu gewärtigen, so wird der Brigade-ConimanJeur, 
nach der vom iLegiments-CommaiuIpur sofort übermittelten Meldung, 
das andere lUgnnent der Brigade mit dem Munitions-Ersatz 
beauftragen. Sind beide Regimenter der Brigade bereits in den 
Kampf eingesetzt, so wird der Divisions-CommauJeur, nach Ent- 
gegeunahüie der Meldung des Brigade-Comraandeurs, die andere 
Brigade der Division mit der Ersatzleistung beauftragen. 

Mit eiuem, wie vorstehend angegebenen Verfahren ist zu hoffen, 
dnfs den, mit der Führung des einleitenden Augriffs beauftragten 
Bataillonen die Munitions-Ergänzung stets rechtzeitig und ge- 
nügend gewährt werden kann, zumal, wenn darauf geachtet wird, 



*) FQr den rechtzeitigen Ersatz der den Patronenwagen entnommenen Manition 
zu florgdD, gebort la den ObliegenbeiteD des BatailloiiB-Commandeari (F.-O 
i, SSO). 



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über ^ MiiiiltliiM-Siiliiniiiff dar Inftatorie im Gtfedii 325 

dafo nklit «n uud dasselbe Regiment des zweiten Treffens oder der 
Reserve lar MnnitioQs-Ergänznng der Bataillone ersten Treffens 
hecangesogeo, sondern dieselbe timnlichst gleichmälsig auf obige 
Bcgimenter verteilt wird. 

Wenn Mnnitionsznträger getötet oder verwundet werden, oto 
deren Zahl znm Vorbringen der Munition nicht genügt, so rnnb 
oatSrJich sofortige Ergänzung eintreten. 

Der entscheidende Infanterie -Angriff kann erst nach Nieder- 
kämpfang der feindlichen Artillerie durch die eigene mit Anssioht 
auf Erfolg unternommen werden. Während der für den Artillerie- 
karopf notigen Zeit wird sich die erste Staffel der Kolonnen- 
Abteilang dem Oefechtsfelde wesentlich genähert haben und mnls 
bestrebt sein, mit ihren zwei Infanterie*Manitions-Kolonnen 
die ihr bestimmten und den Tntppenteflen sofort bekannt zu geben« 
den Anfstellungspunkte in erreichen. Nach diesen Anfstellongs- 
pnnkten werden diejei^eii Bataillone, welche aus ihren Patronen- 
wagen bereits Munition an fechtende JBataillone abgegeben haben, 
alsbald die entleerten Patronenwagen behaüs Ersatz sarück- 
ssDden.*) 

Soll ein Verteidignngsgefecht geführt werden, besonders 
in vorbsreiteier Stellung, so gehört hierzu das Niederlegen von 
MonitionsTorräten in der Fenerlinie (F.-O. I, 318). — Es müssen 
daher bei Verteidigung vorher ausgewählter Stellungen schon vor 
Beginn des Gefechts kleine, ans den Compagnie-Patronenwagen 
in entnehmende Monitions-Depots in oder nahe der Feuerlinie ein- 
gerichtet werden. Zn diesem Zwecke dürfte es sich empfehlen, ans 
den Patronenwagen der mit der Bildung der Fenerlinie beauftragten 
Bataillone die Patronenkasten zu entnehmen und die Patronen in 
Gefälse SU füllen. Die ihrer Munition entleerten Patronenwagen 
können ans solchen von Bataillonen der Reswve nnd diese ans äexk 
Infanterie- Munitions-Kolonnen ihre Munition ergänzen. 

Mit dem Eintreffen der Inianterie-Monitions-Kolonnen auf dem 
Gefechtsfelde ist die Möglichkeit gewonnen, da(s den im Kampfe 
befindlichen Triq^pan die Munition nicht nur ergänzt, sondern von 
den Kolonnen entgegengebracht werden kann. In welcher 
Weise hierbei yon Seite der Infanterie-Munitions-Kolonnoi im Kriege 
1870/71 verfahren wnrde nnd in künftigen Kriegen sweifelsohne 



*) Naoli der frsniMichMi «Lialnikfion flr den If iuiitiMnis*Eiwts Im Fdde' 
fünes entleerte Wsgsa nicht rarftek» nmdsm weiden dordi Torfahrende toHa 
wieder anfgefüIlL Anm. d. Leil 

Ik 4to Pimihi äMmm MhIm. Mi. LZZV« X fg 



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526 



Über die Mviiitioiii-Ergiiiiiiiig der lofuterie im GeMt 



verfahren werden wird, wurde bereits im September-Heft 1889 
der »Jahrbücher« (»Znr Ausbiidung der Fold-ArtinpnV, hier deren 
Aufgaben im Dienste des Ersatzes der Munition im Kriege«) ein- 
gehend betrachtet. Hier bleibt nur zu erwähnen, dafs die Patronen- 
wagen der auf höhere Anordnung in die Nähe der fechtenden 
Trappen vorgezogenen Infanterie-Munitions-Kolonnen an die Stelle 
leer gewordener Compag-nie-ratrouenwageu treten und tmv weiteren 
unmittelbaren Munitious-Ergänzung der Truppen beüut/t werden 
können, während die Compagnie-Patronenwagen sich zur Munitions- 
Kolonnen -Abteilung begeben, um dort ihre Neufüllung ordnungs- 
gemäfs darchznftihreu, und demnächst wieder mit voller Ladung in 
ihr Verhältnis zurückzukehren. — Nach dem Gefecht wird die 
Taschenmunition sogleich aus den Patronenwagen ersetzt, welche 
ihrerseits sich aus den Infanterie-Manitiojis-Kolounea etguaxßn 
(F.-O. I, 321). — 

Tm Quartier oder Biwak müssen sich die Compagnie-Patronen- 
wagen bei den betreffenden Cowpagnien befinden. Sammelt sich da- 
gegen das Bataillon zu einem Kriegsmarsch, so befinden sich die 
Compagnie- Patronen wagen bei der kleinen Bagage, unmittelbar am 
Schlüsse ihres Bataillons. — Vor dem Eintritt eines Bataillons in 
den Kampf wird eine besondere Verfügung über die Patronen wagen 
überhaupt nur dann nötig werden, wenn sich die Bereitschaftstellung 
des Bataillons dem feindlichen Feuer nicht mehr entziehen läfst. 
Tritt dieser Fall ein, so wird bei einem selbstständig bereit ge- 
stellten Bataillon der Bataillons- Com mandenr die sich in nächster 
Nähe des Bataillous darbietenden kleinen Deckungen für die Auf- 
stellung der Patronenwagen benützen. Bietr>!^ ^ich solche nicht, so 
werden die Patronenwagen nicht unter 200, aber auch nicht 
über 800 m Abstand von den Comp^nien Stellung nehmen müssen. 
Befindet sich aber das Bataillon in gröfserem Verbände, »Regiment 
oder Brigade«, so kann es, wenn es sich nicht ermöglichen läfst, 
die Bereitschaftstellung dem feindlichen Feuer zu entziehen,*) Auf- 
gabe de3 Regiments- oder Brigade-Commandeurs**) werden, die für 
gesichertere Aufstellnog der Patronenwagea nötigen Anordnungen va 



*) Vor Eintritt in die Entscheidung sind geschlossoue Abtheilnncon dem 
i'eiier möglichst zu entziehen (L-E.-!?. IT. 75;. Die Führer müssen daher steta 
diejenige Formation rasch und »elbstat&udig anwenden, welche nach dem Gelände 
ud der Art das ftindli d ien Fenm «iiw Vennindernng dtr Wirkiuig erwarten 

llMt 

**) Dm latetertn wohl nur dann, wenn die Bitgade treffen 
•ftaUi iib 



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über die Monitioiu-ErgiiuuBg der In&oterie im Oefecht 327 

troffen. Wird bierbd den PiitronenwageD des betreffenden Regi- 
mente besiehnngBweiBe Brigade eine gemeinschaftliehe, dem feind- 
Hchen Fener mehr entzogene Aufstellung zugewiesen, so erwlcbst 
luennit dem Regiments- beziehnngBweise Brigade -Gommandeor die 
Terpffiehtang, die FObning der Patfonenwftgen so lange sn leiten, 
bis er dieselben ihrem Bataillon wieder onmitkelbar suweiaen kann. 
Dieses wird spitestens beim Eintritt des.betreffaideii BatalUona in 
den Kampf geschehen müssen. — Wird hierbei ein BataiHcm zor 
nnmittelbiiien Dnrehf&hruDg eines von anderen Tn^pen dnreh den 
Fenerkampf vorbereiteten AngriflGs berufen, so muls dasselbe seine 
ihm dann wieder mgewiesenen Patronenwagen den Compagnien 
folgen lassen, und swar in Entfernung von nicht fiber 800, aber 
auch nicht unter 200 m von einer der mittleren Compagnien, 
keineniialls Aber die Stellung der Patronenwagen der schon im Ge- 
facht stehenden Bataillone hinans. Gelingt der Angriff, so mfisseo 
die Patronenwagen unvenüglidh in die eroberte Stellung folgen 
und mufr der Ersats der veraehossenen Munition sofort bewhrkt 
werden. — 

Des Femeren ist au beachten, dals die Patronenwagen ohne 
Rflcksicht auf die Zugeh9rigkeit jedem Truppentefle auf Verlangen 
lIunitmuaeraatB zu gewähren haben (F,-0. I., 315, Absatz 3). — 

Muls ein im Gefecht befindliches Bataillon den RSekzog an- 
treten, 80 hat der Botaillons-Commandeur den Patronen wagen des 
Bataillons in die einzunehmende Anfhahmestellang rechtzeitig vorauf 
zu aehidmn. Bei «mem Bftckmarsch mflssen die Patronenwagen, 
wie bereits erwihnt wurde, ihrem Bataillon voraoegehen, und muls 
ihr Führer Alks aufbieten, um von dem B&taillon nicht getrennt 
zu werden, sondern mit demselben in nicht onteibroehener Ver- 
bindung zu bleiben. 

Zum Schlüsse mögen noch einige Worte über die Eingangs er- 
wShnte Schrift: »Der Munitionsersatz im Znkunflakriege«, hier an- 
geschlossen werden. ' 

Von der richtigen Ansicht ausgehend, dals es gewichtigen Be- 
denken unterliege, den Compagnie-Patronen-Wagen unmittelbar in 
die Gefeohtslinie zu nehmen, will der ungenannte Verfasser jedes 
der zur Bespannung von Compagnie-Munitionswagen verwendeten 
zwei Pferde mit anf Packsätteln befestigteD PatronenaSi^en, in die 
Gefechtslinie vorschicken. Dieser Vorschlag enthllt im ersten 
Augenblick etwas Bestechendes. Abgesehen von den in der Be- 
scbirning der Pferde hierdurch nötig werdenden, nicht unwesent- 
lichen Änderungen, die, wenn das vorgeschlagene Verfahren Vortale 



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328 



Über die Uvalildiom-^Bt^tanag ihr IhÜNiteiie in Geüsehi 



bietet, kein Hindernis bilden können, ninfaen aber noch uacbstehende 
Punkte in Erwägung genommen werden. Als ein wesentlicher Vor- 
teil des Vorschlages erscheint, dnfs mit Hülfe von 2 Packpferden 
mehr Patronen den kämpfenden Truppen zugeführt werden können, 
als durch 2 Munitionszuträger. Diesem Vorteil dürfte aber der 
Nachteil entgegenstehen, dafs wohl die meisten Packpferde sich 
nicht willig im Feuer vorführen lassen und die Pferde etwaige 
Hindernisse im Gelände (Gräben, steile Höhen) schwieriger über- 
winden werden. Hierdurch entsteht Zeitverlust. Aufserdem Ijilden 
Packpferde ein bei Weitem auffallenderes Ziel, als Munui')ns- Zu- 
träger; auch dürfte es Bedenken unterliegen, ob die als Pa« kpferde 
verwendeten Zugpferde im gebotenen An<?enblick rasch genug wie- 
der zur Bespannung der Patronenwagen verfügbar gemacht werden 
können. Ans diesen Gründen mufs dem Herantragen von Munition 
durch Mannschaften der Vorzug vor dem durch Pferde zugesprochen 
werden. Es wurde bereits bei Besprechung der erwähnten Studie 
in den » Jahrbüchernc betont, dafs die Bestimmungen der Deutscheu 
Felddienst- ( )rdnuug dem in der Studie befürworteten Ausscheiden 
der Corapagnie-Munitionswagen aus den Truppen-Kolonnen und der 
Einteilung derselben auf dem Marsche und am Gefechtsfelde in drei 
Staffeln (Gruppen) vorzuziehen «nin werde. Wir fügen hinzu, dais 
die grundsätzliche Zugehörigkeit der Compagnie- Patronenwagen zu 
ihrem Bataillon vor und im Gefecht am meisten den Bedürfnissen 
des letzteren zu entsprechen scheint. Deshalb schon, dann auch mit 
Rücksicht auf den Dienstbetricb im Bataillon ist es vorteilhaft, die 
4 Compagnie- l^atronen wagen als einen untrennbaren Bestandteil des 
Bataillon« zn betrachten. 

Auf Kriegsmärschen gehören zu diesem fünften Bestandteil 
desselben noch der Medizinwagen und die Han ipferde des Bataillons, 
also dessen n-psamte kleine Bagage. Auf Keisemärsche n, im 
Biwak oder Quartier befinden sich bei dieser noch der Bataillons- 
Packwageu, 4 Compagnie-Packwagen und 4 Lebensmitelwagen, mit- 
hin, aufser der kleinen, auch die gesamte grofse Bagage des 
Bataillons. 

Eme Vereinigung der Compagnie- Patronenwagen aller Ba- 
taillone eines Infanterie-Regiments oder gar Brigade und ein Folgen 
derselben auf Kriegsmärschen erst am Schlüsse der betretTenden 
Truppenteile empfiehlt sich nicht. Denn hierdurch würde den 
Commandeuren der zuerst in den Kampf tretenden Bataillone die 
freie Verfügung über die Patronenwagen wenn nicht entzogen, so 
doch wesentlich erschwert werden. Andererseits ist es erwünscht» 



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Ober die Maoitiaiu-£rg&Dzai|g dar Inliuiteri« im Gefecht. 329 



(lafe den höheren Führern, vom Eegimtnts-Corainandeur aufwärts 
bei ihrer sonstigen verantwortlichen Thiitigkeit die Sorge für die 
Aufteilung der Patronenwagen so lange als möglich erspart bleibe. *) 

Der einzijre Fall, in welchem es wünschenswert erscheinen 
kiiiti, daüj die höhereu Führereinen gemeinschaftlichen Aufetellungs- 
ui t für die Patrouenwagen ihrer Bataillone beziehungsweise Regi- 
menter bestimmen, wurde bereits angegeben, nämlich, wenn es sich 
nicht ermöglichen laCBt, die Bereitschaftstellung eines Regiments 
oder einer Brigade dem feindlichen Feuer zu entziehen. 

Za erwähnen bleibt noch der in genannter Studie enthaltene 
Vorschlag, vor einem in Aussicht stehenden Gefecht die in den 
Compagnie- Munitionswagen befindlichen l'utiüncn an die Mann- 
schaften zu verteilen, damit die Compagnie-Patrunen wagen im Laufe 
der Nacht zu den iKtanterie-Munitions-Kolonnen zurückgehen, dort 
die verabgabte Munition ergänzen, und so, bis zum Beginn des Ge- 
fechts mit neuem Vorrat versehen, wieder eirgetroflfen sein können. 
Es läfst sich nicht verkennen, daüj, wenn die Patrooenwagcn bis 
zum Beginn des Gefechts wieder den Truppen zur Verfügung 
stehen, die!?en der doppelte Vorrat an Patronen zur Ergänzung der 
Taschenmumtioii gesichert ist. Das vermehrte Gewicht, welches der 
Infanterist^ in Folge hiervon, an Patronen zu tragen hat, wird sich 
jedoch, namentlich dann, wenn es wider Erwarten in den nächsten 
Tagen nicht zum Kampfe kommt, sehr fOhlbar machen. Aufserdem 
fragt es sich, ob einem Rückmarsch der Cuiupagnie- Patronen wagen 
zu den Infanterie- Munitione- Kolonnen und deren dann wieder er- 
forderlichen Vormarsche zu den Truppen, nicht ein einfacher Vor- 
marsch oder näheres Heranziehen der Infauterie-Munitions- 
Kolounen, vorzu/iehen wäre. 

Unsere Vorschriften stellen als Grundsatz auf, dafs eine recht- 
zeitige Ergänzung der iVIunition fortgesetzt im Auge behalten wor- 
den mufs. Es wird sich zweifelsohne oft empfehlen, schon vor oder 
bei Beginn des Gefechts, namentlich in der Defensive, ein 
Mehr an Patronen zu verausgaben. Vermögen die Patrouenwagen 
aus irgend welchen Gründen der Truppe nicht zu folgen, so empfiehlt 
es sich, ihren Inhalt wulirend des Anmarsches zum Gefecht 
ganz oder teilweise zu verausgaben (F.-Ü., I., 319. Diesen Grund- 
sätzen dürfte entschieden der Vorzug vor allen weiter geheii irn 
Vorschlägen, namentlich jenen, die durch zu starke Belastung die 



*) Von den 1i5beren Stellen f^oll mc)\t mehr befohlen wefden, als ¥00 ilmea 
belohlcn werden maXs aiid kaon II., 54). 



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330 



Übtr di« lliiiiHtei»>Ergüiizung der Inftafeefie im Oafedit. 



Msiwilifikbigkeit des Influitoristeii bedntrSditigeii kSnntflii, ge- 
bahren« 

Dem am Schlnsae in Rede afcehender Studie atugesproehenen 
Wanache, dafft jedes Infanterie-Regiment bereits im Freden über 
mindestenfl einen Qffisier rerfügen sollte, welcher In Kenntnis des 
Pferde- und Bespannnngswesens , der Gescbirrlebxe , des Hof- 
beschlagefi n. s. w. unterrichtet wire, kann dagegen nur bei- 
getreten werden. 

Da der Bataillons-A^jutant die Mobilmachung der Bagage des 
Bataillons au leiten hat und ihm auch nach Abschlufe der Mobil- 
machung die Beaufsichtigung der Fahneuge obliegt, so schemi es 
wünschenswert, dafo jeder Bataillons- Adjutant die hierfür nötigen 
Kenntnisse besitst Es würde sich femer empfehlen, dals, auJser 
Unteroffizieren und Gefreiten, auch einige sn Bataillons- Adjutanten 
in Aussicht genommene Offistere aar Teilnahme an den bei den 
Feld-Artillerie ^ Regimentern stattfindenden Wagenmeister - Kursen 
kommandiert würden. 



Ab Gesamt-Ergebnis uoserer Betrachtungen kann ani^e- 
sprochen werden, dals die im L Teil der Felddienst-Ordnung für 
die Munitions-Ergünsung bei der Infanterie enthaltenen Bestim- 
mungen nidit nur einfach und kriegsgemils sind, sondern auch eine 
rechtseitige Ergünaung der Munition erhoffen lassen. Zu wünschen 
bldbt nur: 1., dajs Ziffer 378 des I. Teiles der Felddiensfr-Qrdnnng 
(in welcher der sweispSnnige Compagnie-Patronenwagen als kleino 
Bagage der Compagnie angegeben wird), nicht dahin jmagelegt 
werde, dafs die Compagnie-Patronenwagen und das Handpferd auf 
dem Marsche und im Gefecht einer im Verbände ihres Baftaillona 
befindlichen Compagnie dieser unmittelbar au folgen haben. Nur im 
Quartier und im Biwak müssen sich das Handpferd, der Compagnie- 
Patronenwagen, der Compagnie- Packwagen und der Iiebensmittd- 
wagen, mithin die kleine und grolae Bagage jeder Gompageie un- 
mittelbar bei dieser befinden. Im Quartier mufo der Compagnie- 
Patronenwagen möglichst aulserhalb, auf der dem Feinde abge- 
kehrten Seite des Ortes, jedenfalls nicht nahe an FeuersteUen auf- 
gestellt, und durch einen Posten bewacht werden. 2. Zum Heran- 
tragen der Munition dürfen nicht erst Mannschaften nach Bedarf 
zu den Compagnie-Patronenwagen zurück geschidct werden, sondern, 
es müssen jedem Compagnie-Patronenwagen tou Hause aus, aulser 
dem zur Beaufsichtigung des Wagens bestimmten Unteroffizier oder 
Gezeiten zwei Mann als Munitionszutriger zugeteilt wer- 



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Üb«r die Miiiiitioiw>EigftDxaBg du Infiuiterie im Gefodit ^1 



den. Diese zwei Mann können daun, sobald die Compagnie-Pa- 
troneuwagen entsprechende Aufstellung genomuieii liaben, sofort mit 
dem Vortragen von Munition zu den fechtenden Compagnien des 
ßataillous beginnen. 3. Das Bedürfnis, eine besondere Staffel- 
ordnung für die Compagnie-Patronenwagen mehrerer Bataillone uder 
gar Regimenter festzusetzen, wird voraussichtlich im Gefecht und 
nocb weniger bei einem Kriegsmaräche nicht eintreten. Die Staffel- 
Ordnung der Compagnie-Patronenwagen ergiebt sich ohne Weiteres 
aus der Staffelung der BuUiilloue, zu welchen sie gehören. Nur 
wenn es sich nicht ermöglichen läCst, die Bereitschaftstellung eines 
Infanterie -Regiments oder einer Brigade dem feindlichen Fener zu 
entziehen, kann es, wie erwähnt wurde, Aufgabe der höheren Ffihrer 
werden, für den Compaguie-Patrouenwagen ihres Befehlsbereiches 
den Aufstellungspnnkt zu bestimmeo. Zugleich erwächst ihnen hier- 
mit aber auch diu \'erpflichtung, die Führung der von ihnen zu- 
saujmeugezügeueu Compagnie-Patronenwagen so lange zu leiten,*) 
bis dieselben wieder den Batuillüueii zugewiesen werden können. 
Dieses wird spätestens beim Eintritt des beireffenden Bataillons in 
den Kampf geschehen müssen. 4. Geniais der Felddienst-Ordnung be- 
finden sich bei jedem Infanterie- uud Jager-Bataillon nur zweispännige 
Fahrzeuge ohne Vorratspferde. Durch den Mangel letzterer steht 
zu befürchten, daüs auf dem Marsclie nnd im Gefecht eintretende 
Verluste an Zugpferden nicht rasch genug ersetzt werden können. 
Die Beigabe einiger (etwa 2) Vorrats-Zugpferde mit einem 
Reserve-Führer zur kleinen Bagage jedes Bataillons er- 
scheint deshalb wünschenswert. — So lange sich bei den In- 
fanterie- Bataillont-n, an Stelle von 4 zweispännigen Compagnie-Pa- 
tronenwagen, 1 sechsspänniger Bataillons- Patronenwagen und ein 
vierspänniger Bataillons-Packwagen befand, war es möglich, durch 
Verminderung des Ges^)anns des sechs- beziehungaweise vier- 
spännigen Fahrzeugs, Abgänge bei den zweispännigen Wagen zn er- 
gänzen. Dieses Aushü Ifenlittel ist durch den neuen Etat in Weg- 
fall gekommen. — 5. Die siM zieüe Aufsicht über Fahrer, Pferde 
und Fahrzeuge wird zniiili li^t bei jedem Infanterie- und Jäger-Ba- 
taillon dem als VVagenniei.sLer bestimmten Unteroffizier überwiesen, 
der dazu bei der Feld- Artillerie ausgebildet ist oder sonst Kennt- 
nisse vom Fuhrwesen sich erworben hat. Ein zweiter Unteroüfizier 

Wifairad diflwr Zeit ailliMn aidi dann «Bell die fm dm Ffthveni d« Pfep 

troBenwafen (Wageomeisteni) zu den Commandeuren der betreffenden BataiQo&e 
kommandierten Unteroffiziere bei dem dii Zusammemiehiuig befohlenen Begi- 
mefits- bniehnngiweise Brigade>Comiuaiideur befinden. 



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332 ^ Monitions-Ergtozang der IniaDtehe im Gefecht. 

und 1 od«r 2 Oefnite k5iiDeii ihm beigegeben wenden. Nadidem 
9htr uk Stelle des udmp&niiigen BataiUeos-FKlroiMDwagenB 4 swei- 
spSnoige Gompagnie-Patronenwefm getreten nod, erscheint es ge- 
boten, dab ddi bei jedem Compagnie-Patronenwagen ein beanf- 
nchtigender Unteroffizier oder Gefreiter befindet Ferner lind f3r 
die Udne Bagage jedei Bat«llonB möglichtt 2 Berittene (Unter- 
offiziere beziebnngeweiie Gefrmte) eiibiderlieh. Von diesen wlirde 
der iUtette, ab Wagenmeister bestimmte Unteroffiner im . Geüseht 
die Fflhrang der 4 Gompagnie-Patronenwagen in ttbemehmen haben, 
der andere, bei Trennvng der Patnmeniragai von den Gompagnien, 
inr Überbringang Ton Befehlen an den Wagenmaster mm Ba- 
taillone-Gommandenr*) sa komman^eren sein. Es wfiiden sieh 
demnadi bei der hWinen Bagage befinden: 8 Beritteae, femer 
4 UnterofBsiere oder Gefreite am Beanfinchtigung der Compagiue- 
Patronenwagen nnd 8 Mann (swei per Compagnie) als Hnnition»- 
Zntriger. 6. Naehdem sieh bei den Iiiliuiteiie»Mnnitioii8*Koloonen 
nnr sechsspännige Patronenwagen befinden, Ifilst sich für einen nn- 
branehhar gew<»denen swei spännigen Gompagde-Patronaiwagen 
der Eraati ans den lafanterie-Mnnitions-Kolonnen nnr dnrch einen 
sechsspännigen Patoonenwagen bewirken« Wenn dkses anch gerade 
kein grofser Nachteil ist, so wird doch hierdnreh der Gedanke nahe 
gelegt, ob es nidit forteilhaft sein würde, in den Infanterie-lloni- 
tions-Koloniien, wenn anch nicht in allen drei Zfigen ihrer beiden 
AbteUnngen, so doch hm, einem deraslben statt 4 sechss|iiBn]ger P^ 
tronenwagen 10 sweisp&nnige Gompagnie-Patronenwagen einxn- 
stellen. Bei der Io&nierie-MQnitionB-Kol<mne würde hierdnxdi der 
PatronenTorrat nicht, dagegen der Pfeidestand nm 4 Zagpfeide ver- 
mindert werden. — ' Werden aber diese bti den Infanterie- Unni» 
tions-Kolonnen befindlichen Gbmpagnie-Patronenwi^n, statt mit 2, 
mit 4 Zugpferden bespannt (was allerdings den Fferdestand jeder 
dieser Kolonnen nm IG Zugpferde TOrmehrt), so würden die he» 
treffenden Züge der Infanterie-Manitions-Kolonnen befähigt sein, 
rascher den für die Anfstellnng der Infanterie -Mnnitious- Kolonnen 
im Gefecht bestimmten Punkt sn erreichen. Femer würden die in 
Rede stehenden Züge nach ihrem Eintreffen an diesem Punkte 
einen bei den Gmnpagnie- Patronen wagen der Bataillone nötig ge- 
wordenen Etsati von Zugpferden leisten können, ohne ihre eigene 



*) Koch mehr würde es eich empfehlen, dieson boritteaea Unteroffitier, gleich 
dem berittenen Wagenmcister ^aach im Quartier" in dem Orte, in welchem sich 
d«r BateOloeastab heflndel^ n MsMen. 



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£>tu(üeii über den Fdddieost der Iransdaisoheo ü-ATallerie. 333 

Bewegungsfäbigkeit in Frage m stellen. — 7. BSe ist nötig, dale 
jeder BtttoOlow«: Adjutant der Infanterie die för die Leitung der 
MofaHmacliung und die ibm obli^ende BeanfiriehtiguDg der Bagage 
seineB Bataillona erforderUchen Kenntnine. betiiM. Es wllrde eich 
daher empfehlen, aniser UnteroflSiieren und Gefreiten auch einige 
Of filiere aur Teilnahme an den bei den Feld-ArtUlerie-B^gimentern 
atatlfindenden Wageumeiater-Kuraen zn kbmouuidieren. 38. 



XUn. StudiM über 
den Mddienst dw französischen KavaUeiie. 

(FortaatauBg «ad Schlaft.)*) 
in. Märsche. 

Während die deutsche Felddienstorduung das Kastel fiber die 
Ifibsche für alle Waffen auf 12 Seiten behandelt, enthalten die 
franaOsisehen Reglements fiber dieses Thema etwa das Doppelte, 
wobei natürlich eine Menge Bestimmungen mit unterlaufen, welche 
als selbstTerständlich gehalten werden mfissen, während wieder andere, 
wie s. B. die in Nr. SOI der F«-0. enthaltenen Vorschriften über 
die zulässigen Erleichternngen während der Mirsehe fehlen. Bs- 
aeichuend för die im fcanadsischen Beere herrschende Disziplin, ist 
folgendes Verbot: »Auf Märschen darf weder geschossen werden, 
noch nach einem Halt oder dem Weitermarseh gerufen werden. Bei 
dem Durehmarsch durch Ortschaften, an Bächen, Brunnen u. s. w. 
ist daa Verlassen der Kolonne Terboten*c Von besonderer Wichtig- 
keit fnr die gute Ausführung eines Marsches sind die für denselben 
getroffenen Vorbereitaugen. Abgesehen von der müglichst lang 
ausgedehnten Ruhe, ist es bei der Kavallerie namentlich die Pflege 
und Behandlung der Pferde, welche auf deren Leistungsf&higheit im 
Marsche und Gefedit bestimmend einwirkt — 

Die Bationen der Kavalleriepferde betragen auf dem Maische: 
für Kürassiere 5,75, Dragoner 5,5, leichte EaYallerie 5,0 kg Hafer, 

*; 6iebe: Aprübcft der nJabrbacher*', 



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334 Studien über den Felddieast der firaaifitischeo KavAllehe. 

bedehungsweise 3^75, 3,5 nnd 8,5 kg Hen. Im Felde und in den 
ManSTtni, werden statt kg 3,75 beiiehangsweiae 3,5 Hen bei den 
Kflraasieren bouabangiweiee Dragonern nnd Iliclite Kaysllerie nor 
kg 2,75 benolinngsweiee 2,5 Hen, dagegen aber je 2 kg Stroh 
gdieferi. — Das Reglemeni fiber den inneren Dienst schreibt nnn 
Yor, dak das Fttttem der Pferde nnr 2 Mal nnd swar das 
^te Vormittags, je nach der Jahresseit ?or oder nach der 
Arbeit, imd das andere Abends stattfinden soll Daa zweite 
Fntter soll das reichlichere sein. Die Hafetfntter mSssen den 
Pferden mindestens 3 Stunden TOr Beginn der Arbeit ge- 
geben werden. Findet dieselbe am Morgen statt, so soll den 
Pferden, damit sie nieht nüchtern ana dem Stalle müssen, eine 
Yiertel-Henration gefüttert werden. — Diese Vorsobriften sind aof 
MSrsehcn natürlich gar nicht anwendbar, da aber eine andere nicht 
besteht, so mals sich der französische Kavallerie-Offixier, wenn er 
auf BfSndien seine Pferde richtig emühren will, eben über das 
Reglement hinwegsetien, was in Frankreich übrigens keineswegs so 
Terpönt ist, wie in anderen Staaten. Es scheint sich nnn folgende 
Verteilang gut bewährt zu haben nnd mehrfach Anwendang za 
finden: Beim Wecken V« Haferration, beim Einrücken Vs Hafer- 
ration, nach dem Fressen Va Henration, nach dem Putzen Vt Heu- 
ration und nach dem Tränken Vs Hsferratioo.^) 

Das Satteln soll 20 Minuten Tor dem Ausmarsch ans dem 
Stell begonnen werden. — Im Felde darf zum Sammeln nicht 
geblasen werden; diraes soll nur bei einem Alami geschehen. Die 
Zeit des Sammelns bestimmt der Kommandant der Trappeneinheit, 
wobei er darauf zu achten hat, daüs die Truppen und Pferde nicht 
durch zu frühes Ausrücken ermüdet werden. Nichtedestoweniger 
»herrscht in solchen Fällen gewöhnlich eine unzeitige und schädliche 
Hast in allen Teilen der Armeec. »Bs ist nicht selten, dals man 
ganze Schwadronen eine Steude lang vereinigt, ja eine halbe Stunde 
und länger sogar aufgesessen auf den Abmarsch warten sieht ?€**) — 
Über die Zeit des Abmarsches sind nur einige gaui^ allgemeine 
Bemerkungen in Vorschriften enthalten, u. A. daCs Tcrmieden 
werden soll, die Spitze der Avantgarde vor Tagesanbruch in Be- 
wegung zu setzen. Zugleich bestimmt dasselbe, dals, wenn der 
kommandierende Offizier zur Abmar^chzeit nicht auf dem Platze 



*) VgL FanTart — Baftonl: «Des Uuchet de la CavaUarie." Paiis 1Ü88 

pag. 28. 

•*) Lbda. pag. 34 f. 



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Stodieu ftb«r den Felddieut der fraoiöciiolien KATaUerie. 



335 



ist, der ihm im Gmde zunächst stehende, ohne weiteres ab* 
Diarschieren lassen soll. Die I. C. C. enthält die gleiche Bestiinmiing, 
jedoch mit der Einschränkung, »wenn die Trappe sich in eina 
grotsere Kolonne einzureihen hat.« 

Die Marsch formation der französischen Kavallerie isi die 
Kolonne zu Vieren und nur bei schmalen StraCsen zn Zw«eD. 
Die Offiziere reiten an der Spitze ihrer Abteilungen und geben das 
Tempo an. Die Handpferde marschieren immer zu Zweien, Wagen 
in Einzelkolonne. Fuismanuscbalteu und kranke Pferde geken mit 
der Bagage. 

Das französische Reglement stellt für die zusammengesetzten 
Truppenkörper von der Stärke einer Division »Normalmarsch- 
formationen« auf, welche zwar nach den Umständen abgeändert 
werden können, immerhin aber dem in der französischen Armee 
herrschenden ScLciuüLismus Vorschub leisten. 

Marschkolonne einer Kavallerie-Division: 

1. Avantgarde: 1. Brigade. — 1. reitende Batterie (nur 
wenn voraussichtlich zur Überwindung eines Hindernisses notwendig.) 

— 1. Sektion der Ambulance. — Die Kequisitions- und Fuhr 
mannschaften. 

2. Gros: Divisionsstab. — 2. Britjade. 2 oder 3 Batterien. 

— 3. Brigade, ohne die Schwadronen di r Arrieregarde. 

3. Gefechtstraiu; Ambulance, ohne die der Avantgarde zu- 
geteilte Sektion. 

4. Arrieregarde (1 oder 2 ScLwadroueuj. 

5. Grofse Bagage der Division: Gendarmerie und Getangcuo. 

— Bagage deb Iiuupt4uarticr8. — Bagage der i. Brigade. — Aiuilerie- 
traiii. -- Bagage der 2. und 3. Brigade. 

6. Ver waltun gistr a.iii. Dieser Traiii, welcher nur ausnahms- 
weise einer Kavallerie-Division beipetjeben vrii d, tniki schiert m einer 
vom DivisiODs-KnmiuauJanten bestimmtcii grufsorcu tiiitieruuug von 
der Division. Iis muTs ihm eine besondere Bedeckung beigegeben 
werden. 

Obige Einteilung dei Aitilli'rie in die Marschkolonne bteht 
im WiedersprucL unt der ::dii.striiktto]i siir l'cmploi de rartiUerie 
dans le comhutä:, welche be^^tmmit, (UIs die Artillerie fast immer 
au der S|>itze des Gros huiter der ersten Sclivsadruu und ^war ver- 
einigt zu marschieren habe. Die gleiche Instruktion verweist sämt- 
liche Munitiona wagen der 3 liatLeiieu zur grofsen Bagage, während 
die I. C. C. für jede Butteric 2 Wagen bei den Batterien beläfst. 
Sollte die Vorschrift der »lustruktiou« wirklich angewendet werden, 



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336 



Stadien &b«r den f elddienst der firanzdeischea KaYaUexie. 



so dürfte ein baldiger Eintritt von Munitionsmangel sehr oft nicht 
zu vermeiden sein, da die Geschützprotzen nur je 30 Schüsse ent- 
halten. — iu den »Normalmarschkolonnen« gemischter Truppen- 
körper ist der Kavallerie ganz richtig der Aufklärangs- und 
Sicherheitsdienst zugewiesen. Vor der Infauteriespitze der Avant- 
garde hat aulserdem noch eine kleinere Kavallerie-Ahteilung za 
marschieren. 

Bei der Bestimmaii^ der M arsch gesch w i n d j g; keit macht 
die I. C. C. zunächst auf die Wichligkeit des richügen Sitzes des 
Reiters aufmerksam und sagt: »Meistens ermüdet bei Beginn des 
Mar.^chf s das Pferd den Reiter und diuiii dieser wieder das Pferde. 
Dem Trainieren des Reiters soll deshalb bereits im Frieden eben- 
soviel Aufmerksamkeit geschenkt werden, wie demjenigen des Pferdes. 
Kine gut geführte Kavallerietruppe soll auf guter Strafe und iu 
wenig wechselndem Gelände mit einer Geschwindigkeit von 9 — 10 km 
in der Marschstuude, 50 — 60 km pro Tag zurücklegen können. Es 
soll dabei abwechselnd V4 Schritt und ^/^ drab gegangen werden. 
In diesen Irujips soll es jeder Truppe iiioglich sein, eine Strecke 
von 200^ — 300 km ohne Uberanstrengmiü; zurückzulegen und mit 
vollor Kraft an den Feind zu konnufn. Ob die französische 
Kavallerie dieses im Felde wirklich leisten wird, dürfte immerhin, 
fraglich sein, da nameidliLh diu im Mobilmachungsfalle noch ein- 
zustellenden Pferde wohl schwerlich alle mitkommen können, ohne 
dafs dem den Marsch kommandierenden Offizier alle Schuld bei- 
gemessen werden dürfte, wie es die I. C. C. thut, welche jeden noch 
so schnellen Marsch, der die Truppe aufser Stand setzt, ihre .Auf- 
gabe als kombattante Truppe zu. crlVillen, als schlecht geführt be- 
zeicijnct, und dem Führer die f^' inze Verantwortlichkeit für die 
Folgen aufbürdet. Solche Bestiinmun<:*Mi ki^ünun nur zur Verbreitung 
fals hrr Ansichten über die Leistung.sluhigkeit der Kavallerie bei 
den anderen VVüüen dienen und die ihr nicht angehörenden Offiziere 
zu allzuLTofsen Anforderungen an dieselbe verleiten, deren Folgen 
aber inmierhin der Kavallerie-Oftizier zu \ i r;uit w urten hat. 

Nach je 50 Minuten Marsch wird ein Halt von 10 Minuten 
Dauer gemacht und hat der Marschbefehl die Zeit des ersten Haltes 
zu bestimnien. Waikrend desselben haben die Offiziere eine genaue 
Inspektion über die iSattelnng und Packung vorzunehmein In der 
Folge lal»l jeder Komnuiudant einer Marscheinheit zur bestimmten 
Stunde halten und die Reiter absitzen. Fäuü längere Rast findet 
bei der Kav.ilierie nur dann statt, wenn die Länge des Marsches 
oder die groi^e Uit^e es unumgänglich notwendig macht, lu diesem 



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StndMii Uber das Felddioui 4m fruifiaaehfla EftfiDttii. 337 



Falle sollte imniprhin erst dann ^^reraatet werden, wenn bereits Vs 
oder Vi des W eges zurückgelrt^t sind. Es scheint uns, dab die 
kurzen Halte nicht nur etwas zahlreich, sondern namentlich zu 
lang bemessen sind. Ein Hnlt von 5 Minuten in der Stunde 
genügt vollkonimen, dauert derselbe länger, so erniiidet das Herum- 
stehen mehr als der Wi itri marsch. Anch die Bestimmung fiber die 
Ein.schi' 1)1)111^'^ der längeren liast ist nicht ganz zweckmälkig. Faai 
alle dif shezüglichen Vorschriften anderer Staaten fz. B. F.-O. 211, 
Dienst -Anleitung für schweizerische Truppen im l'eMc pa«?. 2C> u. s, w.) 
bestimmen denselben nach dem gröfseren Teile der zurückzuiegfMidi n 
Strecke, in Folge dessen bei einem Tagmarsche von 60 km derselbe 
etwa zwischen 30 und 35 km stattfiodeu dürfte, wonach dann die 
Truppe immerhin noch etwa 25 km zu mai^clu' r^n hätte. Nach 
der französischen Bestimmung würde derselbe r^b» r erst etwa l)ei 
dem 45. km stattfinden, so dafs die noch restierende Wegeläntje 
nur noch etwa 15 km betragen würde. Diese erfordert für benlt i ne 
Truppen jedoch nur eine Marschdauer von etwa iVa Stunden, kann 
also, wenn die Pferde nicht eanz iil eriiiiidt t sind, fast immer noch 
ohne L lierunstren^ung /uruckgelegt werden, um dann Mannschaft 
und Pferden völlige \inhc zu. gewähren. Diese langen Halte haben 
in Folge dessen viele Gegner.*) 

Der grofse Halt soll abseits der Strafse in der Nähe eines 
Wasserlanfs oder Brunnens stattfinden. Die Mannschaften essen 
etwas kaltes Fleisch uud die I^ferde können abgezäumt, losgegurtet 
und wenn möglich mit etwas Heu oder Stroit gefüttert werden. 
Hafer darf nur dann gegeben werden, wenn » iae längere Daner der 
Ruhe es erlaubt. — Mufs die Iruppe aus irgend einem Grunde eine 
sehr grofse Strecke, beispielsweise 80 — 100 km, bei Tag und Nacht 
zurücklegen, so mnfs man ihr, abgesehen von dem grofsen Halt, 
noch eine 3 — 4stundige Ruhe gewähren, um abkochen und die 
Leute erforderlichen Falles schlafen zu lassen. Dieser Halt kann 
tiitupfler im Marschbefehl oder durch spätere iktehie ain^tordnet 
werden. Während dieses Haltes werden die Pferde augcbuuden, 
abgezäumt and abgesattelt, sowie getränkt und gefüttert, Die den 
Mannschaften berittener Trappen durch diesen Halt gewährte Hube 
ist iinrn rhin fraglich und wird darch das Tränken und Füttern der 
Pferde auf ein Minimum redoziert, da letztere vor dem Tränken 

*) Dimuid Mhreilit t. B. in „De ]*«i<eatioii im mwehM ponr I« ookniie« 

d'arf ilL rie," pag. 17. ,Die langoii Kasten sind nur den Ofßzieren aogenchm , für 
die 'J rii]'{H n haben dioselbi-n gar keinen Wert und Ar di« Pf«rde sind sie oft 
die Uoache toq Sch&rfaagea and DrOckoD." 



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3B8 Stndimi ftber den Falddieott der ItuMMchm KKTiUerie. 



doch etwas abgekühlt sein müssen und der Hafer fast immer ans 
dem Fattersack Jiegehen werden mufs. ünterwetrs wird auf jeden 
Fall Dar bei kleinen Abteilongen und auch da nicht immer getränkt 
werden können.*") 

Ehrenbezeugungen werden anl dem Marsche nur dem HSchst- 
kommandierenden erwiesen. Die Trompeter sollen nicht blasen. — 
Die Arrieregarde hnt alle Nachzügler unter allen Umständen mit- 
ziHi liuieu und eTentuell Höfe, Dörfer u. s. w. nach denselben ab- 
zusuctien. 

Ktiiie Marsch-Kolonne darf von einer anderen gekreuzt werden. 
Bege^nieii sich die Spitzen zweier AbteilunL^cn einer Straüaen- 
kreuzunL^ so hat, vorausgesetzt dafs kein geschriebener oder durch 
einen ^ Ipiieralstabs-Ultizier mündlich iiberhrachter Befehl es anders 
bestimmt, die in der Ordre de bataille zuerst kommende Truppe 
den Vortritt. Der Gefechtstrain hat au die Truppen anrnschliefsen, 
dagegen hat die grofse Bagage zu halten, bis die wartende Truppe 
die Kreuzung überschritten hat. TriflFt eine Truppe auf einen 
schweren Train, so hat dieser zu warten. — Marschieren zwei 
Kolonnen nebeneinander, so haben die Kommandanten derselben alle 
zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um die Verbindung 
mit einander herzustellen beziehungsweise zu erhalten. Soweit es 
möglieb ist, benutzt man dazu den Telegraphen oder schickt auf 
allen S*'irenwegen Reiter mit Meldungen über den Vormarsrb und 
teilt zugleich den Reitenkolonnen alle Vorkommnisse und Nachrichten 
mit, welche für dieselben von Nutzen sein können. Ist eine 
Verbindung in dieser ^\ risr unmöglich, so ist dieselbe dorch 
verabredete Zeichen oder durch geheime bezahlte Boten herzu- 
stellen. 

Die Mannschaften erhalten, wenn nach 9 Uhr Morgens 
al iD ir^cbiert wird, ibre [bm ptmahlzeit vor dem Abmarsch, wobei 
eiu ieil des Fleisclies aufbewahrt werden soll, um bei dem grofsen 
Halt kalt verzehrt vn werden. Winl vor 9 Uhr abraai*srbicrt. «^o 
findet die Hauptmahlzeit nach dem Einrücken statt. Bei grof^eu 
Anstrengungen, und wenn ein Geforbt im Uaufo des Tages zu er- 
warten ist, kann eine Zulage gewiilirt wrnlcü Die Hauptmahlzeit 
den Mannschaften bereits vor 9 Uhr Morgens zu geben ist sieb er 
zu tViih und dürfte namentlich, weun am folgenden Tag früher 
abmarschiert wird, die Pause zwiacben den einzelnen Mahlzeiten 



*) VoffeietilagMi von L. FauvKrt— Bastonl, «Des marehet d« 1a «Taleii«,* 



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Stadien Iber dan F«lddienft der ümaifieinchen KaTalkne. 



339 



zu groÜB werden and dadurch die Leistaugstabigkeit der Truppen 
sinken. 

Himleruisse sollen aut dem Marsche besser umgangeu werden, 
wenn dadurch nicht ein allzugrofeer Zeitverlust eutüteht. Bei Eng- 
wegen, welche nur in Kolonne zu Zweien passiert werden können, 
hat nach dem Ext r/it r-lie^lemoat die Spitze anzutraben, um die 
hinteren Tnippenkörper nicht zum Halten zu zwingen. In manchen 
Fallen dürfte dieses Manöver nicht gat anwendbar sein, 80 nament- 
lich hei glattem , absei ni^isigeu Boden oder wenn sich die Kolonne 
bereits im Trabe beiindet. 

ly. Der Sieherheitsdienat. 

1. Auf dem Marsche. Dir Avantgarde sorgt für die Sicherheit 
der Truppe in der Front, bei klein eren Abteilung in auch in der 
Flanke. — In der allein marschierenden Sclivvadron besteht 
das (Iros der Avantx'-ai'de aus 1 Znfre, welcher eine Spitze in der 
Stärke von 8 [(eitern unter dem Belehle eines Unteroffiziers vor- 
schiebt, lu oÖenem Gelände marschiert das Gros der Avantgarde 
4üO m von der Spitze und Li(H) m von der Schwadron entfernt. — 
Alle von der Spitze kommeudeu Meldungen nimmt der Kommandant 
der Avantgarde ab nnd übermittelt sie dem Schwadronskomman- 
danten. 

Die Spitze der Avantgarde boll die Strafse and das vorliegende 
Gelände rekopfnoszieren, alle Beobfu litnngen melden. Sie raufs den 
einzuschliigemlea Weg genau kennen und hat ihr Führer die zu 
passierenden Ortschaften zu notieren. — Die Spitze marschit^rt in 
folgender Ordnunij: 2 Reiter als Eclaireurs rechts und links der 
Stralse. Unmittelbar hinter ihnen der die Spitz» kommandierende 
Unteroffizier. — 2 Reiter als SeitenpHtrouille rechts und 2 als 
Selten pntrouillp links, um das rechts beziehungsweise links der 
Stralse berindliche Gelände aufzuklären. Die übrigen 2 R<^iter 
marschieren f^twa 50 m hinter den Eclaireurs, nin die- N erlundniii^ 
mit dein firr».-; der Avantgarde aufrecht zu erlirdien uud nötigen 
Falles die Iduitigkeit der Eclaireurs zu unterstützen. 

Die Tbätigkeit der Seitenpatrouilleu hat sich nur auf die Nähe 
der Strafse zu beschränkeu, da die Sichernng auf weitere Ent- 
fernungen Sache der Schwadron ist. ■ — In bedecktem, unübersicht- 
lichen (xelände soll das auch in der F.-O. 78 vnr<TPSchrn'bene sprung- 
weise Vorgehen der Spit7P «stattfinden. Haidernisse sucbt der Führer 
der Spitze zu umgtlieti nder, wenn möglich zu l'fsi irigeu. Ist 
dieses nicht möglich, so meidet er dem Kommandanten der Avant- 



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340 



Stndiaa ftber den FelddieiMt dar fhunSdselieB Kaf«U«rie. 



garde. In Enj^ege marschiprt die Spitze obne weiteres hinein, 
während der Kommninlaiit Iri Avantf^arde wenn nujglich im IVeiVk» 
voi^ebt und das angrenzende Gelände rekognosziert. Ist kein K. iu i 
in der Nahe, so hält die Spitze bis das Gros der Avantgarde den 
Engweg passiert hat. — ■ f^nitkrii müssen von der Spitze rreiuin 
untersucht werden, ob keine V orbereitangen zor Zerstörung getroü'eu 
worden sind. 

Nähert sich die Spitze einem kleinen Gehölze, so gehen die 
Eclaireurs vor und durchsuchen dasselbe, ein Mann bleibt zur Be- 
obachtung zurück bis die anderen melden. Befindet sich da«* Hol? 
seitv iirta der Strafse, so haben die betreifenden Seitenpatrouilien 
dasselbe zn durchsuchen. Ist auf die Anwesenheit des Feindes zu 
Rchliefsen, und hält dor Unteroffizier es in Fnlae de<;sen für unklag, 
weiter vorzurücken, so meldet er dem K oniinaniUnten der Avant- 
garde. — Bei der Annilh» i unc an Ortschatten sucht die Spitze einen 
Bewohner abzufassen und ihn iUer den Feind auszufragen, Ist 
dieses nicht möglich, so durcl^ireiten die Eclaireurs in schnellster 
Gangart das Dorf auf der Haupt«trfifse und kehrt der eine hierauf 
zurück und meldet über das Beoba( htete. Bei gröfsereu Ortschaften 
lafst der Führer der Spitze so schnell und soviel als möglich auf- 
klären und behält eventuell einen Bewohner hei sich. Ist mit 
SichM lir;t auf die ATT^vesenheit des Feindes zu h( liüefsen, so geht 
dif S}iit/(\ 'ADinuglich ohne sich weiter zn zeigen zurück und fuhrt 
dein Kommaudauteu der Avantgarde alle Kinwohner zu, deren sie 
habbiiit werden konnten. 

Kommt die Spitze des Nachts an eine Ortschaft, so verläfst 
sie die Hauptstrafse und sucht so still als möglich an die ersten 
Häuser heranzukommen, wo sie anhiilt und horcht. Wenn nötig 
sitzt ein Mann ab, um bessere Omschau zu halten und sucht in ein 
Haus einzudringen um die Bcwolnier auszufragen. Niemals dürfen 
von der Spitze entgec^f Tikcnnmende Personen durchgelassen werden. 
Jeder Pnssnnt mufs über den Feind, sowie den Zustnnd der Strafsen, 
etwaige Hinderni5^'='r uud in der NUhe liegende Ortschaften durch 
den Unteroffizier ausgefragt werden. Erscheinen ihm die erlaugten 
Angaben wichtig genug, so sind die betreffenden Person^^n dem 
Kommandanten der Avantgarde zuzufahren. Verdächtige Individaen 
sind zu arretieren. 

Bemerkt die Sjdtze ursprüngliche Anzi-ichen von der Anwo«ieu- 
heit des Feindes so meldet der Unteroffizier nach einer kurzen 
Beobachtung dieses dem Kommandanten der Avantgarde. Es soll 
Dor dann gefeuert werden, wenn der Spitze keine Zeit mehr bleibt, 



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S41 



um der Trappe auf andere Weise die Nähe des Gegnen anzuzeigen. 
Zieht sich der Feind inrftck, so setefc die Spitze ihren Marsch fort» 
ohne den Gegner ra verfolgen. Ergreift er die OffenaiTe mit nur 
wenigen Keitem, so sncht die Spitze zn widerstehen, vor über- 
legenen Kräften zieht sie siohnülig zarück, ohne dieAvantgaide, welche 
sofort SU ihrer Unterstutzang vorgeht, in ihrem YormarBch zu stören. 

Dem Kommandanten der Avantgarde ist achiifUidbi die 
Angabe der Marscbronte sowie alle nötigen Aufklärungen m 1Lb«r- 
geben. Ist ein Führer der Schwadron beigegeben, so hat dieser in 
der Regel mit der Avantgarde zu marschieren. — Ist die Strafse 
von Uindemii»«Qf welche von der Spitze nicht allein beseitigt werden 
konnten, gesperrt, so trüft der Kommandant der Avantgarde die 
nötigen Anordnungen, um den Weitermarsch der Kolonne nicht 
aufzuhalten, beziehungsweise teilt dem Schwadrons- Kommandanten 
das Nötige mit. — Ist er durch die Sprengung einer Brücke auf- 
gehalten, so meldet er dem Schwadrons-Kommandanten und läfst 
eine Übergangastelle suchen. Genügen die Kräfte der Spitze nicht, 
um einen Wald abzusuchen, so schickt er die nötigen Patrouillen 
vor. — Ebenso hat er bei gröliseren Ortschaften, zu deren Rekog- 
noszierung die Patrouille zu schwach ist, Reiter auszusenden, welche 
um das Dorf herumreiten und in die Strafsen eindringen. Er läfst 
den Bahnhof, die Post- und Telegraphen -Amter besetzen und den 
Ortsvorsteher herbeiholen; nachdem er den letzteren aoagefngt, 
flbergiebt er ihn dem Schwadrons-Kommandanten. 

Ist der ?'eind in der Nähe, so schickt er die Eclaireurs der 
Spitze auf der Marschstrafse vor, während andere Reiter zu Zweien 
mit den Seiten patrouillen die Seitenstraisen absuchen und wenn 
nötig in die Höfe gröfserer Häuser eindringen. Setzt sich dem 
Weitermarscb kein Hindernis entgegnen, so sammehi sich die Reiter 
am Ausgange und der Unteroffizier der Spitze meldet dem Komman- 
danten der Avantgarde, welcher zurückgeblieben ist Wird der 
Weitermarsch durch den Feind verbindert, so findet das Sammeln 
am Eingang der Ortschaft stutt und der Kommandant der Afant- 
garde meldet sofort dem Schwadrons-Koramandnnteu. 

Sollte der Mannscbaftsbestaud des Avantgardenzuges zu diesen 
verschiedenen Aufgaben nicht ausreichen, so ist darüber au den 
Schwadrous-Kommandanten zu berichten und wird dieser denselben, 
ao weit es ihm möglich ist, verstärken. 

Bei einem Zusammenstof^ mit dem Feinde hat er, wenn 
derselbe nicht in der Übermacht ist, ohne weiteres anzugreifen, 
andrrnnfalls zieht er sich mif die Schwadron zurück. 



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S42 



Stadien «ber d« Fdddlmit der ftmBriec^ea KRfaUfliie. 



Das Gros der Scli w adnui marschiert in der für die schnelle 
Gefechts horeitschaft möglichst günstigen Marschordiiiuip. crewÖhDlich 
in Kolonne zu Vieren, wenn möglich aber in Zn*^;- Kolotine. Der 
Kommandant reitet an der ISpitze des Gros und halt die Verbindung 
mit der Avantgarde aufrecht. Die zu einf in wirksamen Schutz der 
Flanken nötigen Seitenpatrouilleu werden von der Schwadron gestellt 
und bestehen aus 2 — 3 Reitern, welche sich auf der Höhe der 
Schwadron zu halten haben und sich so viel ala möglich tu decken 
rochen. 

Bei seiner Ankunft in einer Ortschaft fragt er den Orts- 
vorstaud aus, übernimmt die weitere Besetznncr des Bahnhofes und 
unterbricht den Verkehr. Das Gleiche gesciueht auf dem Tele- 
graphen- und Postamt, in welch letzterem er namentlich die ror- 
haudenen Zeitungen und Briefschalten wegnehme» lilfst. Ahe diese 
Vorkehrungen haben so schnell als möglich zu rr» scheheu und giebt 
der Kommandant hierauf der Avantgarde den Belehl zum Weiter- 
marscb. Ist die Ortschaft vom Feinde besetzt und glaubt sieb der 
Sohwadrons- Kommandant stark genntr, so jrreift er denselben an, 
wobei er namentlich die RückzugsHui* des igelndes zu bedrohen 
sucht. Ist er in der Miuderhtät, so haudelt er nach den Um- 
standen, beziehungsweise nach den erhaltenen Befehlen. — Will 
der Schwadrons-Kommandant einen längeren Halt machen, so zeigt 
er dies dem Kommandanten der Avant- und der Arrieregarde an, 
worauf diese die zu einem gesicherten Halt nötigen Vorkehrungen 
treffen. Die Avantgarde tritt dann in das Verhältnis einer Feld- 
wadtc, während sich die Eclaireurs und Seiteopatrouillen als Ve- 
detten an günstigen Punkten aufstellen. Glaubt der Kommaudaat 
seine Schwadron durch diese Mafsref^eln noch nicht genügend ge- 
si( li> rt, so schickt er kleine Patrouillen aof benachbarte Höhen 
U. s. w. ab. 

Im Rückmarsch ist die Hauptaufgabe der Avantgarde, die 
Strafse ft5r das Gros frei zu machen und hat sie sich deshalb in 
einem solchen Abstand von demselben m halten, dafs der Weiter- 
marsch nicht verzögert wird. Ihre Zusammensetzung ist die gleiche 
wie diejenige der Arrieregarde im Vormarsch. 

Im Vormarsch besteht die Aufgabe der Arrieregarde in 
Bezug auf die Sicherheit In srr dnrin. den Racken des Gros vor 
feindlichen Abteilungen zu schützen. Gewöhnlich besteht sie aus 
6 Reitern unter dem Commando eines Unteroffiziers.*) In oüenem 

*) Die Arri&regude eines RegimentB betw. Brigade besteht gewöhsUeh am 
1 Zage. 



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SMitt «bor diu FdddlMvl dar IhniOiiMh« KtviDnit. 848 

Gelinde marschiert dia Anieregarde etwa 200 m hinter der Schwa- 
dron, heziehnngsweise deren letztem Fuhrwerk. 2 Reiter, welche 
etwa 100 m hinter der Avantgarde marschieren, hilden die 8pitM 
d«r Airi^ngaide. Auch das Vorgehen der Arrieregarde hat sprang- 
weiie zu erfolgen. Bei jedem Halt meldet der Kommandant det^ 
selben dem Kommandanten der Kolonne. 

Im Rückmarsch hat die Anrier^^de ebenfalls den Rücken 
der Schwadron zu decken und ist ihre Stärke und GUederung in 
diesem Falle gleich der Avantgarde. Drangt der Feind nicht nach, 
80 marschiert sie in der gleichen Formation wie dieselbe, anleer* 
dem lalst sie durch einige Reiter den Marsch dee Gegners 
beobachten. Unter keinen Umständen darf sie irgend wdches 
Kriegsmaterial in die Hände des Gegners lUlen lassen. Kenn lie es 
nicht wegechaffen, eo ist ee nnbranchbar in machen. 



Die Avantgarde soll eine Stärke von Vd bis V« Kolonne 
besitzen, es bestimmt deshalb das allein marschierende Regi- 
ment eine Schwadron ab Avantgarde. Diese Avantgarde- Schwa- 
dron sichert sich ihrerseits duioh einen Vortrupp (tftte d'avant garde) 
und eine Spitze von 8 Reitern unter dem Kommando eines Unter- 
offiziers. Der Vortrupp hat die Stärke eines Zuges, absOglieh der 
als Spitze verwendeten Blannschaften. — Die Schwadron verhält 
sich nach den für das Gros der Avantgarde einer einzelnen Sehwi^ 
dron geltenden Regeln. Die übrigen l'eile derselben gehen sprung- 
weise vor. — Der Schwadrons-Kommandant hat die notige 
Verbindung mit dem Regiments- Kommandanten zu unterhalten, 
doch hat der letztere, nm die Avantgarde nicht zu sohwächeu, fnr 
dieselbe Mannschaften ans dem Gros zu verwenden. — Im Rück- 
marsch entspricht die Thätigkeit der Arrieregaide^hwadron eben- 
falls deqenigen des Arridregarde-Znges einer einzelnen 
Schwadron. 

Die aar Sicherung einer ans verschiedenen Waffen 
zusammengesetzten Marschkolonne bestimmte Kavallerie 
hat derselben etwa nm einen Ii ilben Tagemarach voranSEUgehen, 
wobei sie denjenigen Strafsen folgt, die von den Truppen benatst 
werden. Falls dieselben in schlechtem Zustande oder teilweise zer^ 
stört sind, so sind dieselben event. mit Hülfe der Arbeitskräfte der 
betreffenden Gegend ansBobessem, beziehungsweise wieder herzu- 
BteUen. Die Seitenwege und das umliegende Gelände hat sie auf- 
ankUien. Falls die Hilfsquellen des Landes es erlaaben, li£rt sie 



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844 



Studfan ftbv d«n P«Mdi«nl der UnnuMmImb KjkfiDflrie; 



die nötigen Lebensmittel für die nachfolgenden Kolonnen bereit- 
stellen. 

Der Kommandant der mit dem Sicherheitsdienst betrauten 
Kayallerie hat mit dem Truppen-Kommandanten und mit dem mit 
der Aufklärung beauftragten Offizier in steter Verbindung zu 
bleiben. Dem erstereu hat er alle für den Marsch des folgenden 
Tages nützlichen Meldungen zu machen. In bedecktem und wcniij 
übersichtlichem Gelände hat er mit Vorsicht vorzugehen und sich wenn 
notig näher an den Truppen der Avantgarde zu halten. — Wenn 
die Anvfesenheit des Feindes festgestellt ist, so bestimmt er zur 
Überwachung desselben eine schwächere Abteilung, macht aber im 
Übrigen die Strafse frei, um der Infanterie nicht im Wege zu .sein, 
und nimmt den ihm von dem Truppen-Kommando bestimmten Fiats 
in der Schlachtordnung ein. 

Die I. C. C. stellt auch für den Sicherheitsdienst der Kavalle- 
rie-Brigade im Armee-Corps -Verban de ein »Dispositif habi- 
tuell auf. Nach demselben wird die Bri^ai^e in die 7wei Regi- 
menter geteilt, von denen das erste vor seine Front ciiu' Eclain urs- 
linie schiebt, während der Rest etwa 2—3 Kilometer hinter dieser 
Linie als Unterstützung schwadrons weise marschiert. Das zweit« 
Regiment behndet sich als Reserre in der Mitte dieser Aufstellung 
und zwar etwa 2 — 3 Kilometer hint*ar den Unterstützim'^- Schwa- 
dronen und 10 Kilometer vor den Infanterie spitzen. Die 1 lankt u 
und der Rücken dpr Kolonne werden von durch das zweite Regiment 
zu stellenden Trinii eu gesichert. 

Der mit d* in Sicherheitsdienst betrauten Kavallerieabteilung 
wird in der Rprrel keine reitende Batterie zugeteilt. 

Die einem Detachement zugeteilte Kavallerie hat gleichzeitig 
den ^^icherheits- und Aufklärungsdienst zu versehen. Der dieselbe 
kommaudn rt'ijde Offizier hat dafür unter seiner personJichLn Ver- 
antwortlichkeit und nach den Angaben des Kolounen-Kümmaiidanteu 
zu sorgen. Zu diesem Zwecke teilt er seine Truppen in zwei Teile, 
deren Stärke er nach eiLreneni iMinessen zu bestimmen liat Nur 
wenn bereits andere Kavallerie-Abteilunfj;! n die vorliegende Gegend 
aufklären, oder wenn die ihm unterstellten Truppen zu wenig zahl- 
reich sind, um den Aufklürungsdienst wirksam durchzuführen, 
kann er sich darauf beschränken, nur den Sicherheited leii st, 
diesen ab^r unter allen Umständen und nach allen Richtung:» a 
durchzuführen. — Im Allgemeinen sind auch die Verbindunt^tn mit 
den beimf h harten Truppenkörpem von der Kavallerie des Sicherheits- 
dienstes herzuäteüen« 



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Stodiflo aber des Fekldientt der firanaSeiMliea £atf»Ueiia. 



345 



2. Auf Vorposten. Die I. C. C. untergcheidet zwischen 
regelraäfsigen und u nregelmäfsi gen Vorposten; letztere werden 
gowüliiilich als Kosakenposten bezeichnet und sollen, da sie go- 
wohl Mannschaften wie Pferden grofse Ruhe gewähren, hauptsäch- 
lich angcwcudel werden. Einzelne Schwadronen haben diese Art 
der ^Sicherung stets anzuwenden. 

Die Küsaken posten setzen sich aus einzelnen Abteilungen 
von 2 — 8 Reitern unter dem Kommando eines Unteroffiziers oder 
Brigadiers zuyninnien und werden in der Richtung des Feindes so- 
weit vorgeschoben, dafs sie die Truppen j^egLii jede feindliche Über- 
raschung sidiiitzeu. Ihre AuisLelluiiü: i^-t iinuptsächlich an Strafsen- 
krcuzungen, m der Nahe von Biückün, aii l^auktea, welche der 
Feind passieren mufs, sowie solchen, die einen weiten IJberblick ge- 
währen. Sic sind feststehend, können jedoch, wenn sie 6 — 8 Reiter 
stark sind, kleine Patrouillen zur Beobachtung und zur Verbindung 
der einzelnen Posten aussenden. — Werden die Posten angegriflFen, 
so geben sie Feuer nnd ziehen sich schnell auf ihre Truppen zurück. 
— Offiziers- oder Unteroffiziersronden überwachen die Wachsamkeit 
der Posten. — Einer derselben, welcher an einer Hauptstrafse auf- 
gestellt ist, kann als Passierpoeten bezeichnet werden. 

Das Gros der Truppe wird vereinigt und so viel als mög- 
lich gedeckt in einzelnen Höfen, Schnppen, Weilern und dergl. 
untergebracht, wobei immer ein Ausgang auf der dem Feinde ent- 
gcg) ugcsetzten Seite freigehalten werden mufs. Kann die Unter- 
bringung nicht unter Dach und Fach stattfinden, so biwakieren die 
Schwadronen in einem Gehölz. — Von jeder Schwadion werden 
einige Mann unter der Beaufsichtigung durch den Offizier du jour 
als Wachen bestimmt, im Übrigen haben sich alle nach den för die 
Feldwachen bestimmten Vorschriften zu richten. 

Die Kantonnements beziehungsweise Biwaks werden so viel als 
möglich ▼erharrikadiert and alle Mittel angewendet, um die Zahl 
der snm Sicherheitsdienst zu verwendenden Mannechaften lo viel 
ab möglich zu vermindern, um so viel Kräfte als möglich zu er- 
sparen. 

Ist eine Ortschaft von verhältnismafeig grolser Ausdehnang mr 
Verfügung, so besetzt die Abteilung nur einen Teil deraelben, in 
welchem sie sich auch verbarrikadiert; der Sicherheitsdknsfe erstreckt 
sich aber sell^tverständlich auf die ganze Ortochaft. — Dudi 
Kosakenposten kaiin man mit geringen Kri^ten eine yerhSUaiii- 
mäfsig groCse Front decken oder auch den Feind Uber die wiridiehe 
Stärke der ihm gegenüberstehenden Truppen tauscheiL In letztem 



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846 Studien ab«r den Felddienst der firMiQuMiMn Kavallerie. 

Falle haben dann PatroniUen die einzelnen Posten nntoreinander zu 
Terbinden und das QelSnde weithin aufzuklären. 

The firansSdscbon Yonobriften kennen eine eigentliche Vor- 
]»08ten-KaTallerie nur ansiiahmBweise; gewöhnlich haben alle den 
Vorposteii zugeteilten Kavallerie- Abteilungen stets Tor die Posten- 
linie der Infanterie vorzugehen und sich entweder durch Kosaken- 
poBten, beoehnngsweiae wenn man mehrere Tage am gleichen 
Platae bleibt oder dar Feind gana in der Nähe ist, durch einen 
regehnafsigen Vorpostendienet sichern. Steta hat die Vorpostan- 
Xavalleria riaen eigenem Kosonandaatan, wakdier ridi mife deoi 
Varpoetan-Konunandanian der Infanterie in Verbindung zu ealMn 
hal — Befinden rieh beide Gegner hart anaiaandar oder wird dia 
KavaUeria snrttckgedriagt, so geht lia hinter die Infinteria aorU 
nnd hört auf, eigene Vorposten ni slallaD, dagegen hal ria dia In- 
ÜMiierie in ihiem Yofpostendienit m nntantttlaen. 

Im regelmftfaigen Vor postendien st weiden, wie in fost 
allen anderen Armeen, 8 Linien gebildet: Vedatten, Feldwaehan 
(petiti postea) and Pikais (Grand'gardes). 

Dia Vedatten sind in der B^el an Zweien und an^eseSBan. 
— Die Feldwachen haben die Vedattan aninuiellan nnd ist ihre 
Stärke in dar B^l 1 Zug. Eine Vedatte kann als Pasrieiposten 
bestmimt waid«i. — Die Pikats haben aar Anftiahma beiidianga- 
weise UnterstfltKnng der Feldwachen an dienen und nüaBen den 
Feind , so lange anfanhalten saehen, bis die Trappen gefiMihlsbaEait 
sind. — Anlseidein werden noch die nötigan PatroniUen nnd Bonden, 
sowie Posten nH besonderan Anfgabaa gastellL 

Die St&rke der Vorposten ist gewöhnlich Vi — Vt der 6a- 
samt-Blirke nnd sollen daso aar ganie Trnppenkörper verwaiidat 
werden. — Die Entfernnng der einaelnen Teile des Vorposten- 
di«isteB hat ridi sribstreistiadlieh nadi den ümsl&ndeD an richten. 
Als allgemeine Angaben setst die L C. C. die aiaselnen Entfemnngen 
wie loigi fest: Die Feldwachen etwa 800 m hinter den Vedatten, 
welche mit einem Zwisohenianm aufgestellt sind, der rieh nach dar 
Besdiaffeoheit des Gelfindes riehtet. — - Die Pikets etwa 1900 m 
hinter den Feldwachen and 8000 m vor der Beserve beaiahungs- 
wdse Gros. 

Die Anfstellung aller Teile des Voipostandleastes kann bei 
eintretender Nadit, am eine bessere Beobaohtaag in dar Donfcalhsit 
zn ennögliehen, var&ndert weiden; dooh dsif die Tiefe dar Anf- 
stellung nicht verkleinert werden. — * Die Dauer das Vor- 



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Stodiw «ber den Felddienat im frtmSMw Kaf^Oorie. 347 



postendienßtes ist in der Regol 24 Stunden und sollen dazu 
gewöhnlich Hie jeweiligen Avantgarden verwendet werden. 

Die Vedetten Bind möglichst verderlt aufzuBtrellen, doch ist 
Krlbstverstandsicli auf einen möglichst grofseii GesichtskreiH der- 
selben /u achten. Die Linie der Vedetten soll möglichst der Ge- 
staltung des Geländes folgen, also z. R. au Hecken, Alleen, Wasser- 
iäufen , Hügelkänimen, welche (U r zu deckenden Front parallel 
laTifeii, entlaug fiihren. — Der eine der beiden Reiter hat stets auf 
dem Posten zu bleiben, wiüirend der andere von Zeit zu Zeit in der 
I^ähe patroaillirt und wenn nötig die Verbindung mit den benach- 
barten Vedetten unterhält, — In ganz offenem ti liinde und wenn 
der Feind nicht in der Nähe ist, kann mau einfache Vedetten 
aufstellen, welche sich al^r dann nicht von ihrem Platze entfernen 
dürfen. Die Ablösung findet alle zwei Stunden statt, ausnahms- 
weise kann bei Nacht und schlechtem Wetter alle Stunde abgelöst 
werden. Die Ablusungen werden direkt von den Feldwachen nach 
ihrer Aufstellung gesandt und zwar werden inmier die gleichen 
Reiter auf den gleichen Posten geschickt. Den Vedetten wird die 
Richtung, in welcher sie zu beobachten haben, durch einen ganz 
bestimmten Punkt angezeigt, da sieh die Pferde nach und nach in 
der dem liegen und Wind entgegen gesetzten Seite drehen und da- 
durch die Gefahr vorhanden ist, da£s die Reiter die Direktion ver- 
lieren. Den Karabiner tragen die Vedetten entweder im Arm oder 
(\ucr auf dem Sattel; die mit dem Revolver ausgeriisteten Truppen 
li;ib(u den letzteren zum sofortigen Gebrauch bereit zu halten. 
Zwischen der Feldwache und den Vedetten können besondere Zeichen 
zur Mitteilung von Meldungen ttnd dergl. verabredet werden. 

Im Gegensatz zur F.-O., welche jeden Offizier u. s. w., der 
zur eigenen Armee gebort, die Postenlinie bei Tage ungehindert 
passieren lälst, dürfen nach der I. 0. 0. nur diejenigen Offiziere und 
Truppen durchgelassen werden, die als znra Vorpostendienst gehörig 
erkannt werden oder für welche besonders Befehl gegeben wurde. 
Alle anderen Personen werden angehalten und zur Feldwache ge- 
führt 

Angerufen wird mit »Halte-la«, und wird, wenn nicht ange- 
halten wird, bereits mit dem zweiten Anrufen geschossen. Ebenso 
wird, wenn ein falsches Pafswort beziehungsweise Erkennungszeichen 
gegeben wird, ohne weiteres geschossen, — Eigene Truppen, welche 
nicht im Besitze des Paiswortes u. s. w. sind, haben auf einige 
£ntferoaiig aoznhalteii und ist darüber sofort an den Feldwacht- 



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3i8 Stadien üb«r den Felddienst der fransötwchen KaTsUerie. 

habttiden sa rnaU«!!, welcher dcb Ton der IdentiÜi dw Tmppe «n 
flbeneugen hei. 

In der VedettenKnie iet müglichft grolle Buhe wa beob- 
aehten, and können deebelb, nementlioh in der Nibe dee 
FeindeB, beitiniinte Zeichen fembredet werden nnd iwar hat dann 
die Yedette znertt ein lolohee an geben, woraof ebenso geantwortet 
wird. Angehörige dee gleichen fiegimenti können aatedem, «m 
sidi an erkennen, ihre Namen, die Nnmmer ihrer Schwadnm n. a. w. 
angeben. — Deserteure der eigenen Armee werden TOifblgt, 
doch soll die Vedette nicht Aber 300 m vorgehen, hat sie einen 
solchen dann noch nicht erreidit, so feuert sie anf ihn. — Deser^ 
teure der fremden Armee lülit sie die Waffen ablegen besiehnnga* 
weiw absitaen und meldet der Feldwache. Paria ment&re haben 
auf ihren Ruf kehrt su machen, bis aar Ankunft des Feldwaeht- 
habenden* 

Vor kleineren feindlichen Patrouillen versteckt sich die Yedette, 
um sie wenn möglich abaafangen. Ist sie Yon dem Gegner bereits 
gesehen worden, so feuert sie. — NShem sieh grölMre Trappen- 
korper, 80 geht ein Mann sornck und meldet, der andere beobachtet 
so lange als mOglich weiter. Wird die Yedstte fiber&Uen oder 
nihem sich die feindlichen Truppen in schneller Gangart, so wird 
gefeuert nnd so sohnsll als möglich auf die Feldwache aurSekge- 
xogen. — hti Nacht soll der Mantelkragen, um besser hören; au 
können, nicht binanfgesehlagen, sowie nicht geraucht werden. 
Keine der Armee nicht angehörende Person darf bei Nacht die Ve- 
dettenlinie passieren, ohne besonderen BefeM des Piket- Komman- 
danten. Wird bei Nacht in der Posfcenlinie geschossen, so gehen 
von den swei benachbarten Vedetten je ein Reiter (bei Nacht be- 
stehen die Vedetten stets ans awei Mann) in der Richtung des 
Schieisens Tor, jedoch ohne sich alisaweit sa entfiBtnen. Dauert das 
Schidsen fort und kehrt der Weggerittene nicht aurflck, so sieht 
sich die Yedette langsam auf die FeUwache surfick. 

Die Feldwache besteht gewtSmlich ans einem Zug unter dem 
Kommando einea Offisieis, welcher snne Instraktiüium von dem 
Piket-Kommandanten erhfttt. Seine Wache hat der Feldwacht- 
habende sofort so einsateilett, dals etwa V« Mannschaften als 
Yedettea nnd der Best sam Patronülsndienst verwendet werden. 
Für den letzten sind namentlich die am bestsn berittenen Untere 
of&aiere, Brigadiers nnd Soldaten an verwsnden. 

Das Benehen der Wadie hat in der Weise au erfolgen, dals 
die erste Ablösung der Yedetten unter dem Kommando eines Unter- 



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StBdJMi «b« dm FdddtoMt im frauMMben KaviUMia. 849 

olfi/.iers als Eclair eurs nr\d. Seitenpatronillen voransreitet. Am bö- 
stimmten Platze augekoniin< u, stellt er seinen Zug zunächst provi- 
soris( h auf nnd schickt eine Patrouille von 2 Mann zunächst einige 
hundert Meter zur Aufklärunt? voraus und beginnt dann mit der 
Anfstellunp^ nnd Instruierung der Vedetten. Hierauf stellt er seine 
Feldwache Ht finitiv Hiif und schickt einige Patrouillen zu den be- 
na* b harten I • tdwachen. Sobald die feindwärt» geschickte Patrouille 
zurückgekehrt ist, IfUst er absitzen. Die Pferde itleiben «tets ge- 
sattelt, abgezäumt darf nur abteÜungsweise zum Futtern und Tränken 
werden. Ohne besondere Erlaubnis darf auch kein Feuer ange> 
zündet werden. Eine Patrouille iiiui*8 stets fertig -Min! Abreiten 
sein, die ühri^^o Mannschaft, welche nicht anderweitig begchüftigt 
ist, kann wahrend des Tages ruhen, bei Nacht m\\{< Alles wachtni. 
— Ein Schnarrposten hat die Vedeiienlinie stets im Auge zu be- 
halten, wenn nötip, «ind noch weiter^ Mannschaften dazu au ver- 
wenden. Diese werden stündlich abgelöst. — 

Deserteure, einzelne Personen, die Einlafs begehren u. s. w., 
werden nach dem i^iket gesandt, Parlamentäre dagegen auf der 
Feldwache zurückbehalten, bis Betehl zum Einlafs derselben ein- 
trifft. Dieser Betehl kann nnr vom Truppenkommandn ausgehen. 

Sobald die Vedetten da'^ Nahen feindlicher Truppen 
melden, läfst der Feldwachthabende anüsitzen und rückt selbst in 
die Yetkttenlinie vor, um sich von der Sachlage zu unterrichten. 
Sind dieselben ve>n einiger Bedentnng, so meldet er sofort dem 
Piket-Kommandantea. Der Feind ist von der Feldwache nur dann 
anzugmirn, wenn er gegen daa Piket vorrückt, andernfalls be- 
schränkt -ich die Feldwache mit der Beobachtung. Mnfs sie 
weich» 11. so zielit sie sich langsam zurück. Geht der Feind zurück, 
so wird er dnn h einicre Patrouillen, die aber nicht allzuweit vor- 
gehen dürfen, beobachtet. Die Feldwache selbst geht auf ihren 
alten Platz zurück, um ihn jedoch bald mit einem andern zu ver- 
tauschen. 

Während der Nacht haben alle Reiter neben den Pferden 
bereit zum Aufsitzen zu sein. Eine Stunde vor Tagesanbruch, bis 
zur Riickkehr der Patrouillen, sou ie während der Nacht, liabpu sie 
bei der Ankunft von Patrouillen, Üoudeu u. s. w., ins Gewehr zu 
treten. 

Die Pikets werden, wenn nicht die Umstände es anders be- 
dinf?en, hinter der Mitte des /u Im waolienden Abschnitts, gedeckt 
gegen die Einsicht de.s Feindes autgestellt. Dem Piket fallt der 
eigentliche Bonden- und PatrouUieudienst zu. Ein Viertel desselben 



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350 



Stadien aber d«o Felddienit der framösudieii EnTallerie. 



bat stets bereit zum Abmarsch zu sein und stellt auch den Schnarr- 
posten, sowie die ^um Beobachten der Öignaie der Feldwachen 
nötigen Mannschaften. 

Der Kommandant des Pikets lafst da.s8elbe aufgesessen, bis die 
Feldwachen ihre Stellungen bezogen, die Vedetten ausgestellt und 
gemeldet haben. Ist dieses geschehen, revidiert er die Aufstellung 
derselben. — Die Pikets dürfen zwar Feuer anzünden und ab- 
kochen, jedoch müssen dieselben gegen die Seite des Feindes hin 
durch eine Maner oder dergl. verdeckt sein, ist dies nicht der Fall, 
80 hat dieses durch Astwerk, ansgehobene Tbüren oder dergleichen 
zu geschehen. Ebenso mufs Hasen oder weiche Erde in der Nähe 
sein, um das Feuer im Notfall schnell löschen zu können. — Ab- 
gesattelt darf nicht werden, ebenso wird nur abteilungsweise ge- 
füttert und getraokt. Für die Nacht gelten die gleichen Be- 
atimmuDgeii wie ffir die Feldwachen. 

Wird das Piket angegriffen, beziehungsweise droht ein Angrifif, 
ao benachrichtigt der Kommandant desselben die benschbarten 
Poctan nnd die hinten liegenden Truppen. Vor einem überlegenen 
Feinde zieht sich das Piket langsam zurück, wobei der Feind eo nel 
als möglich an£suhalten ist. Unter Umstanden kann ein Teil des 
Pikets zum Fabgefecht absitzen. 

Wird es für notig erachtet, so kann noch eine besondere Toi^ 
posten-Reserye ausgeschieden werden, welche dem YorpoBton- 
Kommandanten direkt unterstellt isi Dieselbe wird d» anfjgestellt, 
wo eine kräftige Verteidigung erwünscht ist, oder Ton wo am man 
nach allen Richtungen vorgehen kann. Die Beserre biwakiert oder 
kantoniert, je nach Befehl. Die in Beserre stehenden Tmppen 
können ihre Bagage bei sich haben, jedoch muCs di^lbe jeden 
Abend gepackt werden. Die Pferde bleiben während der Nacht ge- 
sattelt besiehungsweise angeschirrt. 

Besondere Wachen (Postes sp^daux) werden aufgeeteUt, 
wenn die Notwendigkeit dazu vorhanden ist, z. B. zur HeitteUmig 
der Verbindung zwischen zwei weit auseinander liegenden PiketBi 
zum Besetzen rot oder in der Vedettenlinie liegender Iftritahfliii 
Defileen u. s. w. Diese Wachen werden von einem Unteroffiaer 
oder Brigadier kommandiert und von einem Piket oder der Yoi^ 
posten-Keserve gestellt. Sie Tcrhalten sich wie Kosakenposton. 

Der Patrouillengang wird von dem Kommandanten des 
Pikets geregelt, doch können auch die FeldwachtbalMiden anlser 
den ihnen vorgeschriebenen Zeichen noch besondere FtafaroniReii 
ausschicken, wenn sie es für nötig erachten; doch haben sie darüber 



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Btodien Iber dm VUddleiMl d«r framOsiidien KmlDeria. 351 

aofosi ao den Pikeb-Eommandanieii tia melden. Auch toh der Vor- 
poeten-BeseiTe könoen PatromUen sasgesandt werden, namentlieh, 
wenn dieselbeii st&rker sein sollen nnd die KiSfte des Pikets dazu 
ungenügend rind* — Die Patrouillen haben gewöhnlich eine Starke 
Ton 2 Mann nnter der Fühmng eines Üntenrffixien oder Brigadiers. 
Sie reiten je einer hinter dem andern, ohne sich aas den Augen stt 
yerlieren, wobei der Abstand so zu bemessen ist» dafs sie aioh swar 
nahe guiug sind, nm sich gegenseitig unterstützen zu können, aber 
doch 80 entfernt von einander befinden, dals sie nicht alle auf einr 
mal abgefangen werden können. Sprechen und Banchen ist ret- 
boten, überhaupt haben sie sieh möglichst still zu Tethalten, wes» 
halb sie auch auf möglidist weiehem Boden reiten sollen. 

Die Ron den werden von den Kommandanten der Yorposten, 
Pikets ond Feldwachen \n ihren Truppen selbst besoi^ nnd sie 
bezeichnen auÜserdem noch Offiziere oder Unteroffiziere zu diesem 
Dienste. Die Ron de geht entweder allein, cnier wird von einem 
oder zwei Reitern begleitet; sie soU die Vedettenlinie nicht über- 
sehreiten« 



Kor wenn man guut nahe am Feinde steht, werden ans In- 
£uiterie nnd Eafallerie snsammengesetste Yoiposten eingerichtet. 
Gewöhnlich stellt in diesem Falle die Kavanerie dnige PatroniUen 
nnd Vedetten, die tot der Poetenlinie der In&nterie anfgestellt 
werden* Anlserdem können noch einige Pikets gestellt, oder die Unter- 
stfitningen ans Infanterie nnd Kaialleiie znsammengesetst werden. 
Die Pikets bleiben in diesem Falle nnr bei Tage an ihren 
Plätzen nnd werden ftir die NMsht Yon der Infeuiterie abgdost*) 

y. Die Anfklärung. 

Ausser den in der I. G. C. enthaltenen Vomcbriftea fiher den 
AnfklSnmgsdienst besteht noch eine besondere »Instrnetion snr 
le seryice de la cavalerie ^clairant nne arm^e«, welche die 
Thatigkeit der Cavalleriedivision vor der Fkont einer Armee behan- 
delt Die hanptsSehUcbsten Bestimmnngen dieser Instraction sind 
folgende: Der dieBCaTaUeriedivision kommandierende Qeneral empfSogt 
die notigen Weisangen Ton dem HSchstkommandierenden. Dieselben 
sollen die bereits bekannten Angaben Aber StSrke, SteUnng, Ab- 



*) Harkwflrdigennua behsndalt disL G. C. snch noch di» BalognoBieraiigen 
mit dem Sicherheitsdiamti wibNQd doeh eb dgaaer AMnitt im Aefldinngi- 
diMHt gswidBMt ist 



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35:2 Studien Ober den Felddiflnst der inniöaiiolua ttmXkaä», 

sichten etc. des Feindes, sowie die allgemeine Marschrichtung, die 
Rückzugsliiiieu der eigenen Armee und etwaige Angaben über die 
nötige Besetzung und VVegnaiune oder Zerstörung von Eisenbahn- 
und Telcgraphenlinien enthalten. — Der Kavalleriegeneral hat in 
steter Verbindung mit dem Hochstkommandierenden zu bleiben und 
ihn iibor alle \\irkommni8«e auf dem Laufendenzu halten. Zu diesem 
Zwecke ist ihm täglich die l^age des grossen Hauptquartiers sowie der 
Hauptquartiere der ihm zunächst befindlichen Armeecorps mitzuteilen. 

Die von einer Ivavalleriedivision aufzuklarende Front soll eine 
Länge von 30 — 35 Kilometern nicht überschreiten, während die 
bereits von den selbständigen Kavallenedivisiouen gedeckten und 
direkt vor ihren Armeecorps marschierenden Kavalleriebrigaden eine 
verhältnismafsig gröfsere Front einnehmen und etwa eine Länge von 
25 — 30 Kilometern decken können. In der ersten Zeit eines Feld- 
zuges, in der mau sich meistens noch fast ganz im Ungewissen über 
die Stärke und Stellung des Gegners befindet^ ist es notwendig an 
einer gröfseren Zahl von i'uakten auf einmal zu suchen, woraus 
eine möglichst grofse Ausdehnung in die Breite iolgt. Infolgedessen 
kann aber ein entschlossener Gegner die so zerstreuten Teile der 
Kavallerie in kurzer Zeit nach allen Richtungen auseinandertreiben. 
Uro diesen entgegentreten zu können, ist eine Gliederuni; in der 
Tiefe wichtig, durch welche die vorgeschobenen Fühler urteratützt 
und aufgenommen werden können. Fibenso ist es möglich, da^ö der 
(legner bereits von vornherein in geschlossenen MasÄCu auftritt, um 
den Schleier der Kavallerie zn durchdringen: in diesem Falle niuls 
eia Zu.->amLiicnzieheu der Division jeder Angriflsbewegung voran>^ehen. 

Gewöhnlich wird die vor einer Armee her niaisehierende Ka- 
vallerie sich 111 3 Linien gliedern, deren erste die Aufgabe liat, mit 
dem Feinde in Kontakt zu kommen, d. h. deifsen Anwesenheit zu 
koutrolieren und soweit niuglieh, auch seine Starke und Aufstellung 
ausfindig zu machen. Je mehr Berührungspunkte auf einmal erlangt 
werden, um so wertvoller sind die dadurch erlangten Auskünfte. 
Diese genügen aber keineswegs, sondern es mufs gesucht werden, 
auch in die feindlichen Linien einzudringen und den gleichen Be- 
strebungen d&s Gegners wirksam entgegenzutreten. Die bei dem 
Divisionskommaudo einlaufenden Nachrichten müssen sich ohne Unter- 
brechung folgen und einander ergänzen. Die einmal erlangte Füh- 
lung soll zu erhalten gesucht und alle Anstrengungen gemacht werden, 
um dieselbe, wenn sie etwa verloren ging, wiederzugewinnen. Dieser 
wichtige Punkt ist in den französischen Keglements nicht mit der 
ßebtiuimtheiL ausgedrückt, wie iu der F.-O. 63, welche bekanntlich 



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SfendiMi ilMr den Fdddknrt taaoMaAm KmUerie. S63 



alle selHständijEjen KLivallerieführer daffir verantwortlich macht, 
d&£9 dt-r Kuiitukt mit dem Gegner erlialten bleibt. 

Die zweite Linie i.st zur l'üterstützung der Vorwärta-Beweguntjen 
der ersten Linie bestinnnt und hat dieselbe, wenn gie etwa zurück- 
j^etrieben wird, aufzuuebinen. Zudem Ii 'fürt sie die zur Veretärkunip 
der Patrouillen nötigen Kräfte. — Die dritte Linie dient den beiden 
atuieru als Reserve and bleibt dieselbe g.na^Tnm^TigAhRU.im in der 
üand ihres Fiihrurs. 

Die geiuinnte Instruction beschrcilit die ganze Aufstellung als 
einen mehr oder weniger regelinäfsigen KreiBausschnitt, auf dessen 
Bogen die Ausspäher und in dessen Scheitel die Ileserve stehen; 
swischen beiden befinden sich die durch die zweite Linie gebildeten 
Unterstützungen. Durch eine solche Verteilung der Kräfte wird die 
gegenseitir^e Unterstützung der einzelnen Teile sowie die Zusammen^ 
aiehung des Ganzea erleichtert. 

Die Vpitüüuug der Kr;ilte der Division ist nach dieser Auf- 
gtellnng folgende: Die beiden ersten Linien werden durch zwei 
nebeneinanderstehende Brigaden gebildet, von welchen jede ein 
Kcgiment als erste Linie vorausschickt, während das andere die 
Unterstützung bildet. Zu diesem Zwecke werden Dragoner sowie 
die Brigaden leichter Kavallerie verwendet, da dieselben mit einem 
KarabuK r liewatlhet sind. Die Kürassierbrigade bleibt als Reserve. 
Wird dagegen in der Voraussicht eines nahen Zusammeuatosses die 
Division zusammengezogen, so wird die Kürassierbrigade, um dem 
ersten ('hoc eine miiglichst grosse Kraft zu geben, in der ßegtl in 
die erste Lime genoiiimen. — Die Abstände der einzelnen Linien 
von einander können natürlich nicht genau bestimmt werden, da 
dieselben ganz von dem Gelände abhängen. Im Durchschnitt setzt 
die Instruktion als Abstand der ersten Linie von ih-n Unterstiit/jings- 
regiineutern 10 Kilometer fest. Letztere marschieren gesimrlert je 
auf einer Strasse und zwar entweder hinter der Mitte de,s andern 
Regiments ihrer Brigade oder auf dem, einem leiudlichen Angntfe 
am meiöteu au;-i^eset/-teu Flügel. Diis Gleiche gilt von der Reserve- 
brigade, welche einen Abstand von etwa 4 Kilometern von den Un- 
terstützungen halt. Der Abstand der Reserve von den hinten 
marschierenden Corps kann in den ersten Tagen einee Feldzuges 
etwa 1—2 Tagemärsche betragen. 

Die Zwinchenräume zwischen den Schwadronen der ersten Linie 
haben sich natürlieh nach der Länge der r.n deekeTiden Front /.u 
richten, doch dürfen dieselben keme>\ve[_';s zu i^rofü gein»injiien werden, 
damit nicht nur ein nubemerktes ii^driugeu gegnerischer Abtei- 



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354 dtodieD über den Felddieost der {ra&zuaiBchea KAvailehe. 

langen uniii5g|ich ist, soudoro aioh die Sohwadronen tndi leieht 
nntentStnn können. 

Der schnellen und sicheren Überbringnng der Nachrichten 
nnd Befehle ist ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken und 
Bind zu diesem Zwecke, wenn die Division nicht marschiert, Relaie- 
posten von 3-^4 Beitem auf je 4 — 5 Kilometer Entfernung zwischen 
den einzelnen Linien einznnchien. Solche Posten können aach 
während der llülrsche zwischen zwei Abteilungen, welche einander 
anf groüsere Entfernungen folgen, emgerichtet werden. let die Be- 
nutzung einer Telegraphenlinie möglich, so hat man sich Tor- 
zughweise ihrer zu bedienen. Zu dieeran Zwecke sind sobald als 
möglich alle erreichbaren Telegraphenämter zu besetzen und soviel 
als m^lich vor der Zerstörung durch den G^nw oder feindlich 
gesinnte Bevölkerung zu schützen. Der Nachrichtendienst zwischen 
zwei Linien ist soviel als möglich von der hinteren zu braorgen, 
doch hat eine ohne vorherige Abmaohong vorrSckende Abteilung 
das Relais selbst zn steUen. Damit die zorückgehenden Meldungen 
etc. die betreffenden Befehlshaber stets möglichst schnell erreichen, 
haben die Brigadegeneiäle sidi in der Begel bei ihrem ünter- 
statanngsregiment vnd der DiviBionflgenersl bei der Beservebrigade 
anfrohalten. Immerhin kSanen diese CteneriUe sich für kflrzere Zeit 
flberall dabin begeben, sie ilue Anwesenheit fär nötig erachtan, 
dodi haben sie dann stets genan den Ort anzugeben, wohin sie 
rlldnn. Namendieh wird dnr Divunonsgeneral öfter in den Fall 
kommen« sieb in die Tordere Linien za begeben, um sich penönlich 
von der Sadilage an ftbenengen. — So oft es möglich ist, hat der 
DivisioaB^Genenl telegraphiscb an den General en chef zn melden. 



Nachdem der Divisions-General ^on dem Hdehstkomnumdiereo- 
den seine Weisungen smpfangen bat, teilt er seinen Brigade-Gbne- 
lilen dasjenige mit, was er !nr nötig eiaditet, anlierdem llbergiebt 
er ihnen die snr Besablnng der Fflbrer, Boten, Spione eto; nötigen 
Gelder, Jeden Tag fibersendet er ihnen anlsecdem einen Maiscb- 
befebl fftr den folgenden T^. DerMlbe soll bauptsfiehlidi »tbalten: 
1. Die mntmalsliche Stelbing des Feindes. 2. Die Stellinig benach- 
barter Corps und ihre Maischrichtang. 8, Die nngeAbte Ansdeb- 
nung der anfitokÜrenden Zone und die Strafiaen, welche baaptsachlieh 
zn benntsen sind» 4 Die Yerteünng der Toppen anf die drei 
Linien nnd die Yeifogang Uber die Bagage. 5. Die Ssnandpnnkte. 
Ort des Hauptquartiers. Parole. 6. Zeit des Abwosdie« fttr jode 



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366 



Brigade und die Ankuutt au wichtigen Ponkteiu 7. Verhailten im 
Fall eines Augriffs. 

Die Brigade-Generiile geben ikreu Itegimeutökouiiitandauten 
Shnliche Befehle, wuIh'i s:*- naraeutlich noch die Zahl der Offiziers- 
patrouilleü etc and eventuell dereu Weg befehlen. Diese Befehle 
Süllen wenn irpf^nd möglich bereits am Abend ausgegeben werden. 
AbteiiuDgen, welche ohne solche bleiben, haben sie zu veilau^Teu, 
oder, wenn dies unmögiicli ist, im Sinne der früher i!rhaUeneu Be- 
fehle zu handeln. Uber alle Vorkommnisse sind tägliche liapporte 
au das Hauptquartier einzureichen und die verschiedenen Quellen 
der luformutiniu n, namentlich Berichte von Spionen, Verhöre der 
Gefangenen etc. beizufügen. 

Die Brigade-Generäle bestimmen nach den erhaltenen Befehlen 
die Verteilung der Truppen auf die erste Linie. In der Regel 
werden von dem in der ersten Linie stehenden Regimentc zwei 
Schwadronen znm eigentlichen Auf klärungsdienste verwendet, wah- 
rend die übrigen 2 Schwadronen unter Führung des Regiments- 
kommandanteu etwa in der halben Entfernung z wuschen den anf- 
klarenden Schwadronen und der zweiten Linie als Verstärkung 
marschieren und zwar entweder hinter der Mitte oder dem am meisteu 
bedrohten Flügel. — Der Regimentakommaiidaui bezeichnet diejenigen 
Schwadronen, welche vorgeschoben werden und die auch den Vor- 
postendienst (Br die Nacht zu übernehmen haben. Er bezeichnet 
die Ilauptstrasse, auf der jede Schwudrdn vorzugehen hat, sowie 
diejenigen Wege, welche von ihnen auf/.uklären sind. Er bestimmt 
ebenfalls die Stellung der Piket'?, sowie die Plätze, wu tli* ixadon 
Verstärk ungsöchwadronen kaiitouuieren. Anfserrlem bestimmt « r die 
Einzelheiten über die OffizicKputrouillen etc. Ausnahumwewe können 
auch die Kommandanten der Auf